Produktion und Prinzip

Leseprobe "Ein neuartiges Prinzip, eine Möbelproduktion zu betreiben. Ganz ohne Fabrik und Kapital. Mit diesem Projekt versetze ich Tausende in Arbeit, ohne dass eine Überproduktion entsteht. Obwohl niemand bezahlt wird, sind alle hoch motiviert."
Produktion und Prinzip
Foto: Verlag

Willkommen!

Dieses Buch ist für folgende vier Gruppen gedacht. Findest Du Dich hier wieder? Dann spring zu den dahinter stehenden Seiten:

1. DIY-Fans, Seite 27, 73

2. Interior-Design-Fans, Seite 11, 73

3. Start-ups und Marketingmanager, Seite 34, 48, 131

4. Kommunisten und andere schräge Vögel, Seite 52, 115

Ich bin der Erfinder der »Hartz-IV-Möbel«. Das ist für mich ein neuartiges Prinzip, eine Möbelproduktion zu betreiben. Ganz ohne Fabrik und Kapital. Mit diesem Do-it-yourself-Projekt versetze ich Tausende von Menschen in Arbeit, ohne dass eine Überproduktion entsteht. Do it yourself (DIY) ist die Lösung. Obwohl niemand bezahlt wird, sind alle hoch motiviert. Nach den Möbeln kommt nun ein Buch. Nach dem gleichen Prinzip: Nicht allein, sondern gemeinsam gestalten. Normalerweise denkt sich ein Autor einen Text aus, sucht einen Verlag, der dann Leser sucht. In der Regel druckt man ein Buch erst, wenn es fertig ist. Hier ist alles anders. Ich habe angefangen mit dem Verkauf. Unter den sogenannten Supportern habe ich Mitstreiter gefunden, die dieses Buch mit schreiben wollen. Das Buch ist durch die Crowd entstanden. So nenne ich die vielen Tausend Unterstützer des Projektes Hartz-IV-Möbel. Das ist ein soziales DIY-Projekt, das ich 2010 initiiert habe. Zur Erklärung: Hartz IV ist der Name der deutschen Sozialhilfe – ein Wort, bei dem viele Ausschlag bekommen. Der Begriff Möbel stammt von mobil und steht für das, was die Deutschen über alles lieben: Architektur und Wohnen. Der Verlag kam wie von allein, das Geld und die Werbung drum herum auch. Ich nenne das Karma Economy. Dazu später mehr. Ist dieses Buch nur für Hartz-IV-Empfänger gedacht? Nein, es richtet sich an alle Menschen mit wenig Einkommen und viel Geschmack. Warum ich den Namen gewählt habe, erfährst Du auf den nächsten Seiten. Die Crowd besteht aus Erwerbslosen und Geldverdienern, Jungen und Alten, Gesunden und Kranken, Theoretikern und Praktikern, Konservativen und Visionären. In einem Fahrstuhl würden wir uns alle voneinander wegdrehen. Doch was uns verbindet, ist unsere Haltung: »konstruieren statt konsumieren (build more buy less)«. Gefällt Dir diese Einstellung? Dann werde Teil der Crowd, denn gemeinsam können wir Großes bewirken. Zum Beispiel neue Möbel bauen oder die Weltherrschaft an uns reißen ...

Dein Van Bo Le-Mentzel und die Crowd

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Karma Economy

Die Kraft des Geben und Nehmens

Text: Van Bo Le-Mentzel

Mitarbeit: Die Crowd, insbesondere Regine Lin (Kaohsiung, Taiwan), Julia Meyer (Berlin, Deutschland), Stanislav Bugaev (Sankt Petersburg, Russland), Simon Wind (Berlin, Deutschland), Marie Voigt (Berlin, Deutschland) und Danny Iny (Montreal, Kanada)

Illustration: Carolina López Tomás (Saragossa, Spanien)

Achte auf Dein Karma

Meine Freunde staunten nicht schlecht, als sie meine Mutter sahen. Sie hatte sich die Haare abrasiert und trug ein Gewand. »Ab jetzt bin ich nicht mehr nur für Dich da, mein Sohn, sondern für alle Kinder«, sagte sie. Es war ihr Weg aus der Trauer, der durch den Tod ihres Vaters in Pakse ausgelöst wurde. Der einzige Hinterbliebene unserer Familie in Laos. Sie begann ein neues Leben in einem buddhistischen Kloster. Als Nonne mit dem Namen Co Hanh Nhu – die lichte Mutter – wurde sie wieder glücklich. Ich war vierzehn. Das war der Tag, an dem ich meine Mutter verlor – und eine neue Perspektive gewann. Ich besuchte sie jedes Jahr im Kloster. Sie erzählte mir viel über Motivation. Darüber, warum Menschen sich ewig im Hamsterrad abmühen. Und über das Loslassen. Wir saßen auf dem gebohnerten Holzboden des Gebetsaals und sprachen über Glück und Leid. Sie meinte, solange ich Gutes tue, lade ich mein Karma auf. Sie selbst hatte ihre Schwierigkeiten mit dem Loslassen. Zeit ihres Lebens verfolgte sie einen Traum: Ein kleines buddhistisches Kloster in Berlin bauen. Damals gab es noch kein Facebook und kein Crowdfunding. Dennoch gelang es ihr eine große Crowd zu gewinnen, und bald hatte sie 10 000 Euro zusammen. Wie hat sie das geschafft? Ich habe viel von ihr gelernt. Im Grunde ist es ganz einfach: Achte darauf, dass Dein Leben zwischen Geben und Nehmen ausgewogen ist. Und Du wirst Glück finden. Achte auf Dein Karma.

Tausche Offenheit gegen Baupläne

Zwanzig Jahre später habe ich mir mit den Hartz-IV-Möbeln einen Namen gemacht. Die Baupläne verkaufe ich nicht. Ich verschenke sie. Na ja, das stimmt nicht ganz. Ich erwarte etwas zurück: eine Geschichte. Die Menschen bezahlen mit Offenheit. Geben und Nehmen. Mein Karma aufladen. Von dieser Offenheit kann ich mir kein Eis kaufen. Aber das Lob der vielen Menschen zaubert mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht. Überwältigt von der Resonanz: In den letzten zwei Jahren haben fast zehntausend Menschen meine Pläne angefordert. An manchen Abenden bekomme ich bis zu achthundert Mails. Nicht nur aus Deutschland, sondern aus der ganzen Welt. Was ist passiert? Finden die Leute meine Pläne so toll? DIY-Pläne gab es doch schon vor meiner Zeit. Nein, die Wahrheit ist, die Menschen sehen in diesem Projekt eine Alternative zu der so hoch gepriesenen Marktwirtschaft. Der Kapitalismus, der uns allen Wohlstand versprach und viele enttäuschte. Wie kann es sein, dass manche Unternehmen Arbeitsplätze streichen müssen, auch wenn sie Rekordumsätze einfahren? Warum muss ein Unternehmen eigentlich ständig wachsen, wenn es konkurrenzfähig bleiben will? Ab wann ist ein Unternehmen ausgewachsen? Wie kommt es, dass in Ländern wie Deutschland trotz des hohen Wohlstands nicht genügend Familien entstehen und Depression und Burn-out zu Volkskrankheiten werden? Vielleicht hast Du Dir diese Fragen auch gestellt und Dich über die Ohnmacht geärgert.

Je mehr ich mich mit der Crowd austausche, umso mehr stoße ich auf Gleichgesinnte, die so ähnlich denken wie ich. Menschen, die Sehnsucht nach mehr Wärme und Gerechtigkeit haben. Eine Wirtschaft, die wieder das Glück des Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Eine neue Ära der Vordenker

Auf einmal stoße ich auf Bewegungen, die so ähnliche Namen tragen: Gemeinwohl Ökonomie (2010) heißt ein Buch von dem österreichischen Tänzer (!) und Attac-Mitgründer Christian Felber, »Gift Economy« betitelt der Ökonom und ehemalige Harvard-Professor David C. Korten seine Philosophie, »Informal Economy« ist auch so ein Stichwort. »Collaborative Consumption«, die Philosophie des Teilens, die Rachel Botsman in einem Buch beschreibt, wurde 2011 gar vom amerikanischen TIME Magazine zu einer der wichtigsten zehn Ideen gekürt, die die Welt verändern werden.

Ich weiß ja nicht, in welchem Jahr Du das hier liest, aber auf meiner Uhr steht 2012, die letzten Jahre waren geprägt von Krisen und Veränderungen: Finanzkrise, Immobilienkrise und Griechenlandkrise. Die Leute fangen vermehrt an zu fragen: Was passiert eigentlich mit meinem Geld in der Bank? Welchen Stundenlohn zahlt H&M den Fabrikarbeitern für ein T-Shirt? Und die Mitarbeiter im Baumarkt wussten auch nicht, aus welchem Wald das Holz kommt. Doch es ist nicht bei den Fragen geblieben. Die Menschen haben ihre Antworten gesucht und gefunden. Sie lauten: Do it yourself, Coworking, Carsharing, Crowdfunding, Couchsurfing, Wikipedia, Open Source und Creative Commons. Das Stichwort lautet: Teilen.

Vielleicht ist das auch nur ein Hype, der wieder vorbei geht, doch ich habe das Gefühl, hier Teil von etwas ganz Großem zu sein. Und ich möchte gerne mit euch meine Erfahrungen teilen.

Was genau ist Karma Economy?

Die Idee hinter Karma Economy ist simpel: Du gibst mehr, Du erhältst mehr. In einem größeren Maßstab ändert es die Sichtweise von Angebot und Nachfrage, dem Rückgrat jeder Marktwirtschaft. Um es kurz zu halten: Die Grundlagen der Wirtschaftswissenschaften lehren uns, dass es am Ende um die Bereitstellung von Ressourcen geht, und da die Ressourcen oft knapp sind, wird die Beziehung zwischen Angebot und Nachfrage durch den Preis abgebildet. Da in unserem Fall das Geld keine große Rolle spielt, kann Karma Economy ein Mehr erzeugen und somit ein Gleichgewicht herstellen:

Maximierung der Nutzung

Güter können verteilt, getauscht und immer wieder von denen, die sie benötigen, genutzt werden.

Optimierung der Zeit

Menschen können ihre Freizeit auf eine Weise verbringen, die ihnen Spaß und Anerkennung bringt, und gleichzeitig anderen helfen.

Neuverteilung von Ressourcen

Sowohl die Güter als auch die Zeit, die Menschen zur Verfügung haben, werden neu verteilt, um das Beste aus ihnen zu machen.

Effizienz in der Problemlösung

Um die Probleme von anderen zu lösen, steuern Menschen spontan das bei, was sie in den Händen halten oder im Kopf haben,– und dies oft augenblicklich.

Die Karma-Regel des Gebens

Danny Iny, Autor von Engagement from Scratch! (2011) ist einer der ersten, die über Karma Economy schrieben. In einem Blog erklärt er eine wichtige Regel, um beim Geben nicht ausgebeutet zu werden. Es geht nicht darum, jedem Menschen blind Deine Hilfe anzubieten. »Hilf den Hilfsbereiten!«, schreibt Iny. Und sei großzügig mit Deiner Hilfe. Um Dich zu schützen, achte aber darauf, dass Deine Hilfe ein Minimum an Zeit und Geld beansprucht. Und: Deine Hilfe sollte dem Geholfenen ein Maximum an Nutzen bringen. Das unterscheidet uns Karma-Kapitalisten von der Feuerwehr, die nahezu bedingungslos ihre Zeit und ihr Leben opfern. Karma-Kapitalisten sind keine Helden!

Viele schaffen viel

Viele fragen mich, wie ich es schaffe, in so kurzer Zeit so produktiv zu sein (dieses Buch ist in vier Wochen entstanden – und ich habe einen Vollzeitjob). Klar geht das nicht ohne den Input der Crowd. Doch wie baut man aus dem Nichts eine Community auf? Die folgenden Seiten sind besonders für Menschen interessant, die unter Zeit- und Motivationsmangel leiden, und für Menschen, die Marken aufbauen, einen Fanstamm aufbauen oder einfach neue Freunde finden wollen. Lass es mich in einem Rap ausdrücken: »This is for people launching brands, creating new fans or simply looking for friends.«

Die Yin-und-Yang-Technik

Diese Technik ist durch Konfuzius und Bruce Lee beeinflusst.

Es ist offensichtlich, dass unser Leben in einem ständigen Spannungsfeld zwischen zwei Polen befindet: Plus und Minus, Tag und Nacht, Angebot und Nachfrage, Geben und Nehmen und so weiter. Konfuziusanhänger sprechen von Yin und Yang. Marketingexperten von Push und Pull. Eine Firma »pusht« ein Produkt in den Markt. Um die Qualität des Produktes auswerten zu können, macht eine Firma eine Befragung und zieht (Pull) sich Informationen aus dem Markt. Das sind zwei Schritte, die in der Regel voneinander getrennt ablaufen. Die Push-und-Pull-Strategie hat am Ende das Ziel, mehr Produkte zu verkaufen. Mit Pull erzeugt man eine Nachfrage.

Das Jobcenter »pusht« beispielsweise Geld in die Haushalte, und die Hartz-IV-Empfänger versuchen, möglichst viel Geld aus dem Amt zu ziehen (Pull). Die Welt besteht also aus »Push-und Pull-Typen«. Die Veränderer sind Push-Typen. Die Status-quo-Bewahrer Pull-Typen. Was ist mit Dir? Wann bist Du ein Push- und wann ein Pull-Typ?

Der sehr bewusste Einsatz von Yin-und-Yang- beziehungsweise Push-und-Pull-Techniken hilft mir, meine Zeit fast zu verdoppeln. Wie das geht? Ein Gleichnis aus dem Kampfsport bringt uns weiter:

Nehmen wir den Boxer und den Aikidokämpfer.

Was unterscheidet beide? Beide beherrschen Techniken für Angriff und Abwehr. Man könnte auch sagen: Push und Pull.

Der Boxer nimmt die Hände hoch, um einen Schlag ins Gesicht zu verhindern (Pull), um dann auszuholen zum Gegenschlag (Push). Das sind zwei Schritte, die dicht aufeinanderfolgen. Beim Aikidokämpfer gibt es diese Techniken auch. Nur mit einem entscheidenden Unterschied: Der Aikidokämpfer hat gelernt, Angriff- und Abwehrtechniken in einem Schritt auszuführen. Dabei benutzt er die Energie und das Gewicht des Angreifers und lenkt sie um in einen Angriff. Beim Aikidokämpfer ist Angriff und Verteidigung also nur ein Schritt: Push und Pull in einer Bewegung. Er spart Kraft und Zeit! Alles, was der Boxer in zwei mühsamen Schritten machen muss, macht der Aikidokämpfer in einem. Er gewinnt Zeit, die er dann ausgiebig für japanische Teezeremonien aufwenden kann. Das hat mich bei Martial-Arts-Kämpfern wie Bruce Lee immer fasziniert. Bruce Lee ist zwar kein japanischer Aikidokämpfer, trinkt auch keinen Tee, aber er war spindeldürr und konnte dennoch Riesen wir Chuck Norris besiegen. Das beeindruckt!

Jeder kann die Yin-und-Yang-Technik anwenden.

Nehmen wir die Hartz-IV-Möbel-Baupläne. Ich sende die Baupläne in die Welt (Push). Um meine Baupläne zu optimieren, müsste ich Experten um Rat fragen (Pull), und um die Medienresonanz zu messen sogar einen Ausschnittdienst beauftragen, der Clippings zieht (Pull). Um mich immer wieder selbst zu motivieren, müsste ich einen Motivationscoach anstellen (Pull). Das sind vier Schritte. Firmen würden in diesem Fall vier Experten beauftragen, viermal Budgets bezahlen und viermal ein Zeitfenster aufsetzen. Ich mache das alles in einem Schritt. Ich unterscheide mich in dieser Hinsicht von anderen Open-Source-Aktivisten, die einfach ihre DIY-Pläne unkontrolliert zum Download anbieten. Das mache ich ganz bewusst nicht.

Und so geht’s: Jeder, der den Bauplan haben möchte, muss erstmal einige Fragen in einem Onlineformular beantworten. Hier frage ich ab, worin die Motivation der Besteller besteht (Pull), in welcher Zeitschrift sie davon gelesen haben (Pull) und verpflichte sie, dass sie mir eine Geschichte und Fotos schicken (Pull). Es gibt noch ein freies Kommentarfeld (wo mir die Leute meist ihr Lob aussprechen) (Pull). Es geht um Geben und Nehmen. Und mit nur einem Onlineformular (Push) habe ich viermal »gepullt«. Durch dieses Formular, welches mir übrigens der Australier Tammo Winkler aus der Crowd mit Google Docs, einer Open-Source-Software, programmiert hat, bekomme ich tagtäglich Komplimente (Pull). An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Tammo für die grandiose Arbeit (Push; Komplimente machen zählt übrigens auch zu den Push-Techniken). Das motiviert mich! Und das ist viel besser als jedes Gehalt der Welt! Wer nicht mitmachen möchte, bekommt die Baupläne nicht. Ich möchte nichts verschenken und auch nichts geschenkt bekommen. Das unterscheidet mich von einem Gutmenschen und einem Bittsteller. Ich bin Karma-Kapitalist.

Yin und Yang im Berufsalltag. 

Hier ein anderes Beispiel: Im Berufsleben sind Arbeitszeit und Weiterbildung zwei grundsätzlich getrennte Zustände. Entweder man geht zur Arbeit (Push) oder man geht zur Weiterbildung (Pull). Die meisten Menschen trennen auch Arbeit (Push) von Erholung (Pull). Ich gebe zu, in vielen Fällen ist die Arbeit auch einfach nur Arbeit. Doch versuchen wir mal, hier die Yin-und-Yang-Technik einzusetzen. Manchmal sind es subtile Details, die den Unterschied ausmachen.

Beispielsweise gehe ich an Kundentermine oder Vorträge, wo von mir erwartet wird, einen Inhalt zum Besten zu geben (Push), grundsätzlich mit folgender Einstellung ran. Ich denke nicht: Wie kann ich am eindrücklichsten meinen Content in meine Zuhörerschaft »pushen«, sondern ich denke: Was sind die drei Dinge, die ich jetzt von den Kunden oder vom Publikum lernen kann (Pull)? Ich habe so viel von Kunden und der Crowd gelernt. Auf die Website ted.com hat mich zum Beispiel ein Kunde gebracht. Und es hat mich weder extra Zeit noch Geld gekostet. Ich bekomme ein Honorar (Pull) für meine Vorträge und Workshops und dann noch eine Weiterbildung gratis dazu. Und das alles in einem Schritt ohne Extraaufwand. Cool, oder? 

Probiere es aus. Was in Deinem Privat- oder Arbeitsleben ist Push, was ist Pull? Und wie kann man beides so verknüpfen, dass Du es in einem Schritt ausführen kannst? Das spart Zeit. Ich brauche deshalb oftmals halb so viel Zeit für die gleichen Dinge wie andere. Wenn Dir ein Beispiel einfällt, dann schreibe es unbedingt auf meine Pinnwand auf www.facebook.com/hartzivmoebel (ups, schon wieder hat sich hier eine Pull-Technik eingeschlichen ...)

Wie habe ich eigentlich die Crowd aufgebaut und Hunderte von Freiwilligen gewinnen können, die unentgeltlich an einem Projekt wie diesem Buch arbeiten?

Wie habe ich es überhaupt geschafft, von null auf 1,7 Millionen Treffer bei Google zu kommen und eine Medienpräsenz für meine Projekte zu generieren, die eigentlich nur Stars bekommen? Und wohl gemerkt mit wenig Zeit- und Geldeinsatz. Ladies and Gentleman, es wird Zeit, das Geheimnis zu lüften. Hier mein Erfolgsrezept. Ein Manifest, um die Arbeit für Menschen, die ein großes Interesse haben ihr soziales Umfeld zu gestalten, einfacher zu machen. Ich nenne es:

Das Karma-Sutra der 7 Schritte (oder Social Design Manifesto)

Bitte nicht mit dem Kamasutra verwechseln.

Ein Sutra ist nach hinduistischer Tradition eine Lehre in Versform, eine Art Ratgeber in Reimen. Hier kommt mein Sutra für die Karma Economy in 7 Schritten, die Dir eine große Crowd und viel Karma bescheren möge:

1. Base

Erkläre das Fundament Deines Handelns.

Du hast eine tolle Idee, ein tolles Produkt oder einen tollen Service, kurz: ein tolles Angebot? Super, das haben andere wahrscheinlich auch. Mach deutlich, auf welchem Fundament, auf welcher Basis Dein Angebot beruht. Mein Angebot sind DIY-Baupläne. Das ist schön, doch da steckt noch etwas Größeres dahinter. Eine Haltung: konstruieren statt konsumieren (build more buy less) – das ist meine Base. Formuliere eine Base, die größer als Dein Angebot ist, und Du wirst eine Crowd gewinnen!

2. Chase

Erzähle Deine Geschichte, und lass uns an Deiner Suche teilhaben.

Chase ist eine Jagd, eine leidenschaftliche Suche, ein Ziel. Ich habe das erste Hartz-IV-Möbel erfunden, um meine Verlobte zu beeindrucken. Das ist meine Story, mein Chase. Es geht bei mir letztendlich um die Liebe. Drehbuchautoren nennen so etwas Plot und würden meinen Chase als »Boy-meets-Girl«-Geschichte verfilmen. Was steckt hinter Deinem Angebot? Was genau willst Du verändern auf der Welt? Wie würde Dein Film aussehen? Je persönlicher und einfacher, umso mehr kann sich Deine Crowd mit Deiner Idee identifizieren. Erzähle ihnen Deine Geschichte. Was ist Dein Chase?

3. Face

Gib Deiner Idee ein Gesicht, einen Namen oder ein Symbol.

Gib Deinem Angebot einen Namen, ein Team oder ein Gesicht. Wenn Du schüchtern bist, erfinde ein Tierchen oder ein Symbol. Für die Crowd ist es wichtig zu sehen, wer dahinter steckt. Wer trägt die Verantwortung? Das ist der Grund, warum große erfolgreiche (gesichtslose) Konzerne immer wieder mit Gesichtern arbeiten. Bei IKEA hängt neben der Lampe ein Porträt ihres Designers. Bei KFC lächelt uns ein netter Opa entgegen, bei Saturn gibt es am Eingang eine Teamübersicht mit Fotos und Namen. Probiere es aus. Gib Deinem Angebot ein verbindliches Gesicht!

4. Place

Stelle uns einen Ort zur Verfügung, wo alles zusammenkommt.

Eine Crowd braucht einen zentralen Ort. Das kann eine Internetseite oder eine Facebook-Fanpage sein. Am besten ist natürlich ein echter Ort. Ein Camp, ein Café, eine Zentrale. Ich habe mich für das Schreiben dieses Buches in dem Berliner Coworking-Büro betahaus eingeschlossen. Das war der Place für die Buchproduktion. Du musst nicht gleich wie BMW eine ganze Welt (die BMW Welt) bauen oder wie Disney ein Land (das Disneyland). Manchmal genügt es, Deine Idee mit einer Stadt in Verbindung zu setzen, die in der Crowd ganze Welten im Kopf aufmacht. Deshalb gibt es den Berliner Hocker und den Neukoelln Desk. Gib Deiner Crowd einen Platz!

5. Space

Sei großzügig mit Freiräumen und mutig für Kritik.

Crowds sind keine Fans, die Dir blind folgen wie einem Rockstar. Sie sind Follower. Sie folgen Dir, solange Du ihre Bedürfnisse verteidigst. Sei mutig und großzügig, gewähre Deiner Crowd Freiräume, in denen sie sich ausdrücken können und Dich kritisieren dürfen. Sie danken es Dir mit Anerkennung, Mundpropaganda und auch finanzieller Unterstützung! Deshalb setze ich auf Creative Commons und zensiere keine Kritiken bei Facebook. Auch in diesem Buch gebe ich der Crowd viel Raum. Sei mutig, fordere und ertrage Kritik! Verteile den Applaus gerecht. Sei großzügig und gib ihnen Space.

6. Trace

Lege Deine Spuren offen und mach Deinen Weg transparent.

Trace meint Spuren, die Du hinterlässt. Verwische sie nicht! Jeder von uns macht Fehler. Stehe zu ihnen und nimm die Verantwortung an. Wenn Geld fließt oder Entscheidungen zu treffen sind, mach es transparent. Deshalb habe ich offen gelegt, wohin das Geld aus der Crowdfunding-Kampagne für dieses Buch geht: Druck und Holz. Und wenn etwas überbleibt, finanziere ich meine Hochzeitsfeier damit. Schäm Dich nicht für Deine Bedürfnisse, die Du mithilfe der Crowd zu lösen versuchst, sondern stehe dazu. Werbekoryphäe Wally Olins schrieb auf seiner Internetseite, dass er ein Faible für schnelle Autos hat. Die Crowd wird Dich lieben und Dir verzeihen, wenn Du ehrlich bleibst und sie offen legst: Deinen Weg, Deine Spuren – Deine Traces.

7. Days

Sei unendlich im Herzen, aber endlich mit Zeit und Kraft.

Days meint: Zähle die Tage! Lege das Ende fest, bevor Du anfängst! Es verhindert Größenwahn und Frust. Alles auf der Welt ist endlich. Der Designer Stefan Sagmeister schließt alle sieben Jahre sein Büro, um sich eine Auszeit zu nehmen. Das ist auch eine Form von Endlichkeit. Das ist der Grund, warum ich so gerne mit Zahlen spiele: Den Berliner Hocker in 10 Minuten bauen. Den 24-Euro-Chair in 24 Stunden. Deswegen habe ich das One-Hour-Power-Team erfunden, wo jeder mit einem zeitlichen Einsatz von maximal 60 Minuten bereits an diesem Buch mitwirken konnte. Ich liebe Crowdfunding-Seiten oder eBay wegen des Countdowns. Mach es nicht endlos, sondern endlich. 

Jeder kann eine Crowd aufbauen!

Dass Institute, Promis, Wissenschaftler und Aktivisten eine Anhängerschaft finden, leuchtet ein. Doch kann das wirklich jeder? Auch der Imbiss um die Ecke? Ja, kennst Du Mustafas Gemüsekebap in Berlin-Kreuzberg? 10 000 Facebook-Fans! Okay, der hat einfach den leckersten Gemüsekebap der Stadt. Lass mich mal ganz extrem werden: Wie wäre es mit einem Ort, den wir eher meiden, vor dem wir gar Angst haben: Eine Zahnarztpraxis beispielsweise. Kann ein Zahnarzt eine Crowd aufbauen? Na, dann schau Dir die Praxis von Dr. Irena Vaksman in San Francisco an. Sie hat über 6 000 Facebook-Fans. Und das nicht, weil sie bekannt ist oder eine besondere Spezialisierung hat. Nein, sie wendet die 7 Schritte des Karma-Sutra an. Schau Dir ihre Videos bei Facebook an, wo sie (Face) geradeaus sagt, dass hinter ihrer Expertise als Zahnärztin das Bedürfnis nach Aufklärung (Base) steht. Sie nutzt ihre Facebook-Pinnwand (Place) als Serviceplattform, um die Bedürfnisse und Fragen (Space) der Crowd zu beantworten. Kritik wird auf der Pinnwand offen besprochen (Trace). Auf ihrer Pinnwand erklärt sie, dass es ihr letztendlich darum geht, ein glückliches Leben mit zwei kleinen Kindern und ihrem Ehemann zu führen (Chase). Um nicht zum Workaholic zu werden, begrenzt sie ihre Arbeitszeit mithilfe von Open-Source-Tools wie Google Calendar oder einem Task Manager auf dem iPhone (Days).

Meine Crowd hat eine Liste mit Best-Practice-Beispielen erstellt, von denen man viel lernen kann. Bist Du daran interessiert? Dann fordere die Best-Practice-Liste jetzt an. Der Preis: Null Euro. Aber wir erwarten, dass Du die Liste um ein gutes Beispiel ergänzt, damit sie wächst. Hier gibt’s mehr Infos: www.hartzivmoebel.de

Ein unerfüllter Traum

Das alles habe ich von der Crowd gelernt und vor allem von der Frau, die als »lichte Mutter« (Face) ihre eigene Crowd gesucht und gefunden hatte. Ihr Fundament war der Glaube an Erleuchtung (Base), ihr Antrieb war die Suche nach Erfüllung aus der Trauer (Chase). Sie wollte für Gleichgesinnte einen Tempel bauen (Place), um Raum für Meditation und Ruhe (Space) zu schaffen. Dabei kommunizierte sie offen, wie viel Spendengeld schon gesammelt wurde (Trace). Co Hanh Nhu lebte bis zuletzt für diesen Traum, der niemals wahr wurde. Sie starb unerwartet an einem Schlaganfall, im Alter von 42 Jahren. 

Wenn ich etwas aus dieser Geschichte gelernt habe, dann das: Hast Du einen Traum? Kämpfe für ihn, suche Gleichgesinnte. Zögere nicht. Ob es klappt oder nicht: Achte auf Dein Karma. Denn eines ist jetzt schon klar: Unsere Tage auf dieser schönen Welt sind gezählt.

23:41 11.07.2012

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