Bild und Frage

Leseprobe "Eine kritische, aber um Objektivität bemühte Geschichtsschreibung sollte bestrebt sein, die Politik dieses Kanzlers zu erforschen und das von den Medien gezeichnete Bild zu hinterfragen."
Bild und Frage
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Vorwort

Helmut Kohls Lebensweg ist von Gradlinigkeit bestimmt. An einmal für richtig erkannten Zielen hielt er unerschütterlich fest, auch wenn der Zeitgeist inzwischen neue Prioritäten gesetzt hatte. Die Einheit der Nation stellte er nie infrage, mochten die Medien auch immer nachdrücklicher ihre Aufgabe empfehlen. Aber er hatte nicht nur dieses eine, im Grunde nationale Ziel. Für ihn stellte Europa zugleich die zweite große Herausforderung dar, die für ihn untrennbar mit der Wiedervereinigung verbunden war. Das waren, wie er immer wieder betonte, die zweiten Seiten einer Medaille. Nur diese doppelte Zielsetzung machte es möglich, mit dem Fall der Mauer die einmalige Chance in Deutschland und Europa erfolgreich zu nutzen.

Die vielleicht größte Leistung Helmut Kohls ist im Grunde gar nicht darstellbar. Sie besteht in dem unablässigen Bemühen um den deutschen Einigungsprozess. Der Kanzler wusste, dass das Zeitfenster knapp bemessen war und schnelle Lösungen notwendig machte. Als Regierungschef musste er dabei die internationale wie die nationale Seite stets im Auge haben und dafür Sorge tragen, dass die komplizierten innerdeutschen Entscheidungen rechtzeitig erfolgten. Das ist ihm in einzigartiger Weise gelungen. Helmut Kohls Ringen um Lösungen auf der europäischen Ebene waren wichtige Schritte auf dem Weg zur politischen Union Europas, die alle Mühen und Zugeständnisse aufwogen. Er wollte unbedingt diese Union erreichen, ja, er musste sie aus seiner Sicht erreichen, sollte in Europa der Frieden erhalten bleiben.

Helmut Kohl ist lange unterschätzt worden. Schon am 16. Mai 1967 schrieb die »Frankfurter Rundschau«: »Helmut Kohls Stern beginnt zu verblassen.« Und richtig – ist man versucht zu sagen –, kaum waren drei Jahrzehnte vergangen, sollte er seine erste Wahl verlieren und wegen einer Spendenaffäre der Verdammung anheimfallen. An Fehlurteilen über diesen Kanzler ist kein Mangel. Was die Medien in mehr als dreißig Jahren an Bildern und Zerrbildern vermittelt haben, ist kaum zu überblicken. Dennoch wird hier der Versuch unternommen, das Leben des Staatsmannes Helmut Kohl aus historischer Sicht und nicht aus der Zeitgenossenperspektive darzustellen.

Die Aktenpublikation des Kanzleramts zur deutschen Einheit gibt wertvolle Einblicke in die Politik des Kanzlers während des »deutschen Jahres«, auch wenn manche Stücke vermisst werden. Mitunter ist auch die bewährte, mittlerweile etwas vernachlässigte Methode der Quellenkritik heranzuziehen, um die Überlieferungen richtig einordnen zu können, da die Bekundungen der Akteure mit anderen Zeugnissen nicht immer übereinstimmen. Das zeigt zum Beispiel die Entstehungsgeschichte des Zehn-Punkte-Programms. Der Historiker pflegt gemeinhin auf schriftliche Quellen zu vertrauen. Im Zeitalter von Telefon und Computer werden Entscheidungen aber oft nicht mehr auf eine Weise dokumentiert, dass sie schließlich im Archiv landen können. Zudem gibt es dort feste Sperrfristen. Deshalb gestaltete sich die Quellensuche für dieses Buch nicht ganz einfach. Die Auswertung der Presse und das Befragen von Zeitzeugen waren wichtige Bestandteile der Arbeit.

Auf zentrale Aktenbestände oder wichtige Nachlässe in staatlichen Archiven konnte nicht zurückgegriffen werden. Die Protokolle der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die erstmals systematisch ausgewertet wurden, bilden eine rühmliche, außerordentlich wichtige Ausnahme. So ist umfangreiches Material erschlossen worden, das vermuten lässt, dass neue, später zugängliche Quellen kaum wesentliche Veränderungen des hier gezeichneten Bildes herbeiführen werden.

Helmut Kohls Leben für die Politik fand – mit der Spendenaffäre als in Erinnerung bleibendem Schlusspunkt – ein Ende, das er nicht verdient hat. Eine kritische, aber um Objektivität bemühte Geschichtsschreibung sollte bestrebt sein, die Politik dieses Kanzlers zu erforschen und das allgegenwärtige, von den zeitgenössischen Medien gezeichnete Bild zu hinterfragen. Um nichts anderes habe ich mich in den vergangenen Jahren beim Schreiben dieses Buches bemüht.

Berlin, im Sommer 2014                                               Henning Köhler

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I. Die Anfänge: 1945-1958

Als die Besatzungsmächte 1945 durch eine Neugliederung die Grenzen des Landes Rheinland-Pfalz festlegten, wurden Gebiete zusammengebracht, die nie zueinander gehört hatten. Das Ergebnis wurde denn auch abschätzig als »Kunstgebilde«, als »Land aus der Retorte« bezeichnet. Das neue Land Rheinland-Pfalz brauchte Jahrzehnte, bis seine Bürger sich endgültig mit ihm identifiziert hatten. Den Westmächten war es bei der Aufteilung in erster Linie darum gegangen, dem französischen Partner eine Besatzungszone abzutreten, die möglichst nur Gebiete umfassen sollte, die wie Eifel, Hunsrück und Westerwald wirtschaftlich nicht besonders ertragreich waren. Das neue Rheinland-Pfalz war ein armes Land mit wenig Industrie, zudem schlecht erschlossen.

Nach der Festlegung der Besatzungszonen hatte der Norden des heutigen Rheinland-Pfalz – die Regierungsbezirke Koblenz und Trier –, der zu der ehemaligen preußischen Rheinprovinz gehört hatte, mit dem wirtschaftlich starken Nordrhein-Westfalen geliebäugelt. In Rheinhessen hätte man sich eine Vereinigung mit dem von den Amerikanern geschaffenen Land Hessen gut vorstellen können, und in der ehemals bayerischen Pfalz, vor allem in deren Süden, gab es Tendenzen, sich über den Rhein nach Baden zu orientieren – schließlich waren Heidelberg und später Mannheim für Jahrhunderte die Residenz der Kurfürsten von der Pfalz gewesen.

Bereits im Jahre 1815 war auf dem Wiener Kongress eine Neugliederung im Westen beschlossen worden, die auf historisch gewachsene Strukturen keine Rücksicht genommen hatte. Unter dem frischen Eindruck der napoleonischen Kriege galt es, eine Abwehr gegen künftige französische Angriffe zu organisieren. Preußen musste widerwillig – es hätte lieber Sachsen annektiert – weite Teile des Rheinlandes als Eckpfeiler der Verteidigung übernehmen. Mainz, das älteste deutsche Erzbistum, verlor den Rang als Erzdiözese und wurde zur Festung des Deutschen Bundes degradiert. Der größte Teil der Pfalz wurde Bayern zugeschlagen, um auch diesen Staat am Rhein zu engagieren. Die hier geschaffene Ordnung hatte weit über hundert Jahre Bestand gehabt. Die Bewohner hatten sich an die bestehende Verwaltungsgliederung gewöhnt. Zudem hatte die Industrialisierung Veränderungen bewirkt, auf die man nicht leichtfertig verzichten wollte. Kein Wunder, dass viele Bewohner im Jahr 1945 im neuen Land Rheinland-Pfalz mehr Nachteile als Vorteile erkennen konnten. Damals war nicht abzusehen, dass die Pfalz einmal zum Kraftzentrum des Landes würde und seine Bürger sich gar nicht mehr vorstellen könnten, dass ihr Land einmal als »Kunstgebilde« gering geschätzt worden war.

Helmut Kohl ist in die Geschichte dieses Landes seit seiner Gründung, seit dem politischen Neuanfang nach 1945 einbezogen. Die Schwäche des Landes, das so viele Gegner in den eigenen Reihen hatte, kam ihm zugute. Für ihn war Rheinland-Pfalz der gegebene Rahmen für den ersten Abschnitt seines politischen Wirkens, nie aber Selbstzweck. Als Pfälzer besaß er ein ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein, das bestimmt war von der Erinnerung an die Pfalz als dem Kernland des Reiches, das durch die Kaiserdome und den Trifels machtvoll in die Gegenwart hineinragte, aber auch an die Gefährdung als Grenzland, an die Burg- und Schlossruinen überall erinnern.

»Ohne geistige Enge« – das Elternhaus

Als drittes Kind des Ludwigshafener Finanzbeamten Hans Kohl wurde Helmut Kohl am 3. April 1930 in Friesenheim geboren, einem einstigen Dorf auf dem westlichen Rheinufer, das schon vor der Jahrhundertwende von der rasant wachsenden Chemiemetropole Ludwigshafen eingemeindet worden war. Hans Kohl war kein Pfälzer; er stammte aus Franken, aus einer kinderreichen Bauernfamilie in Greußenheim in der Nähe von Würzburg. In seiner Jugend hatte der für Bauern schlimmste Schicksalsschlag seine Familie getroffen: Der Bauernhof brannte ab, und sie stürzte ins Elend. Der Junge wurde bei einem Müller untergebracht und entschloss sich später, zum Militär zu gehen. Das bedeutete damals den Eintritt in die bayerische Armee, denn nach der Verfassung von 1871 gehörte das Heerwesen in Friedenszeiten zu den Belangen der Einzelstaaten. Hans Kohls Regiment lag in Landau in der bayerischen Pfalz.

Der Militärdienst stellte im Kaiserreich eine oft genutzte Chance zum sozialen Aufstieg dar und half zugleich, die trostlose Existenz des Fabrikarbeiters zu vermeiden. Nicht die Liebe zum Kriegshandwerk war für Leute wie Hans Kohl ausschlaggebend, wenn sie Soldat wurden. Der Dienst im bunten Rock eröffnete einem armen Bauernsohn wie ihm eine durchaus attraktive Möglichkeit. Nach Beendigung der aktiven Dienstzeit und bei entsprechender Eignung war nämlich die Übernahme als Beamter möglich. Angesichts des hohen Sozialprestiges als Staatsdiener war dies eine interessante Perspektive. Für Hans Kohl sollte sie sich auch bewahrheiten: Er bewährte sich im Ersten Weltkrieg, wurde zum Leutnant befördert und am Ende als Oberleutnant verabschiedet.

Hier zeigt sich eine überraschende Parallele zu Konrad Adenauer. Auch dessen Vater war Berufssoldat und wurde nach dem Krieg gegen Österreich 1867 zum Leutnant befördert. Nach seiner Entlassung wurde er in die mittlere Beamtenlaufbahn übernommen. Es gibt nur einen kleinen, aber bezeichnenden Unterschied: Adenauers Vater konnte damals noch zum Offizier ernannt werden, nachdem er sich bis zum Feldwebel hochgedient hatte. Im Ersten Weltkrieg, zu Hans Kohls Zeiten, wäre eine solche Beförderung in Preußen nicht mehr möglich gewesen – es kam nur noch die Ernennung zum Feldwebelleutnant infrage. Und dies war eine Zwitterstelle, denn ein solcher übte zwar die Funktion eines Leutnants aus, blieb aber im Unteroffiziersstand mit der entsprechenden Uniform, war also kein »richtiger« Offizier. Dagegen betrieb die bayerische Armee keine solch verkrustete konservative Personalpolitik wie die preußische, mit der man vermeiden wollte, dass es nach dem Krieg zu viele Offiziere gab, die nicht als »standesgemäß« galten. In Bayern wurde militärische Führungsqualität mit der Beförderung zum Offizier belohnt.

Nach dem Krieg trat Hans Kohl seinen Dienst in der Finanzverwaltung an, er wurde Sekretär und schließlich Steuerobersekretär. Mehr Beförderungsmöglichkeiten gab es damals nicht, eine Übernahme in die höhere Laufbahn war im Bereich der Finanzverwaltung nicht möglich. Diese Undurchlässigkeit muss die Kritik Hans Kohls hervorgerufen haben. Nicht nur mit Kollegen, sondern auch zu Hause wird er darüber diskutiert haben. Und sein Sohn Helmut lernte viel aus diesen Gesprächen. Schon als Fraktionsvorsitzender, ohne jemals im Öffentlichen Dienst tätig gewesen zu sein, erwies sich dieser als gewiefter Beamtenpolitiker, der sich wiederholt für die pflegliche Behandlung der Beamtenschaft einsetzte und darüber hinaus stets die Bedeutung des »Stellenkegels« hervorhob. Das hieß nichts anderes als eine Auflockerung des Stellenplans. Nach Helmut Kohls Ansicht sollte es in einer Behörde nicht länger nur wenige höhere Beamte und eine große Zahl von mittleren Beamten mit geringen Beförderungschancen geben. Stattdessen sollten bei entsprechender Leistung mehr Beförderungen möglich sein, die Aussichten eröffneten, eine Stufenleiter erklimmen zu können. Die Vorstellungen sind seit den Siebzigerjahren verwirklicht – zwanzig Jahre zuvor waren sie noch heftig umstritten gewesen.

Eine andere Möglichkeit, sich hochzuarbeiten, praktizierte sein Großvater – den Aufstieg durch Bildung, durch den Beruf des Volksschullehrers. Kohls Mutter Cäcilie war eine geborene Schnur. Ihr Vater Josef kam aus dem Hunsrück und hatte in Trier die Präparandenanstalt besucht. So hieß damals die Institution, die Volksschullehrer ausbildete – noch nicht pädagogische Akademie oder pädagogische Hochschule. Um in die Präparandenanstalt aufgenommen zu werden, musste man lediglich die achtjährige Volksschule absolviert haben. Die Ausbildung dauerte vier Jahre; danach kamen die Absolventen in der Regel als Gehilfen in den Schuldienst.

Die Lehrerbesoldung war keineswegs einheitlich. Das Schulwesen lag in der Zuständigkeit der Kommunen, und da diese damals noch über eigene Steuerquellen verfügten, konnten sie die Lehrergehälter – wie übrigens auch die ihrer Beamten – selbst festsetzen. Eine Stadt, die Wert auf gute Schulen legte, konnte dieses Ziel erreichen, indem sie durch bessere Bezahlung Lehrer von anderen Städten oder Gemeinden abwarb. In den Dörfern, die im Einzugsbereich schnell wachsender Großstädte lagen, boten sich für tüchtige Lehrer besonders gute Chancen. Die Einwohnerzahl stieg, die Schulen mussten vergrößert werden. Der Gemeinderat stand vor vielen Problemen, die erörtert und gelöst werden mussten. Da die Gemeindeverwaltung erst in Ansätzen existierte, nahmen vielerorts die Lehrer eine wichtige Rolle als Ratgeber und auch Vermittler ein. Sie waren Respektspersonen, deren Urteil etwas galt.

[...]

02:43 17.12.2014

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