Kritik und Distanz

Leseprobe "Bei einem prominenten Zeitgenossen wie Helmut Schmidt hält ein ganzes Volk für dessen Leben, was doch eigentlich und völlig natürlich nur Produkt selektiver Wahrnehmung sein kann."
Kritik und Distanz
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Vorwort

»Mörder aus Feuerteufel-Tatort spielt Helmut Schmidt«, titelte das Hamburger Abendblatt im Jahr 2013 vorwurfsvoll. Gerade war bekannt geworden, dass der Schauspieler Bernhard Schütz in den Spielszenen einer Fernsehdokumentation über das Leben Helmut Schmidts den »coolsten lebenden Deutschen« in seinen mittleren Jahren darstellen würde. Sollte das heißen, dass Darsteller von Mördern für die Verkörperung einer lebenden Le­­gende wie Helmut Schmidt nicht geeignet sind ?

Dass mit Bernhard Schütz ein Star deutscher Theater die Rolle übernahm, war die eigentliche Nachricht. Als Loki-Darstellerin an seiner Seite gab sich die in ihren Rollen überaus wählerische Bibiana Beglau die Ehre. Beide ergänzten ein illustres Ensemble, das schon durch seine Teilnahme an der NDR-Produktion zum 95. Geburtstag des Altbundeskanzlers deren Protagonisten adelte. Nicht umgekehrt, wie die professionelle Distanzlosigkeit des Boulevards suggerierte.

Kritische Distanz war immer etwas, das Helmut Schmidts in­­tellektuellen Zugang zu den Themen kennzeichnete, mit denen er sich beschäftigte. Bis heute sind die Unabhängigkeit seines Denkens und die Unerschrockenheit seines oft unbequemen Ur­­teils Hauptmerkmale seiner Wirkmacht. Schon allein deshalb ist es für eine Person wie ihn nicht angemessen, idealisiert zu werden – weder in der Meinungsmache des Boulevards noch in den üb­lichen Elogen von Affirmatoren, die sich von demonstrativer Nähe zu Schmidt einen Abglanz von dessen Nimbus auf die eigene Person erhoffen.

Eine Folge der durchaus auch gönnerhaften Haltung mehr oder weniger prominenter Apologeten gegenüber dem Altbundeskanzler ist eine immer weiter um sich greifende Geschichtsklitterung. Entstanden ist sie hauptsächlich daraus, dass immer wieder und unhinterfragt auf dieselben Quellen zurückgegriffen wird. Wenn man verschiedene Publikationen über Helmut Schmidt aus den vergangenen Jahrzehnten studiert, stellt man fest, dass fast alle persönlichen Details aus dem langen Leben Schmidts wie auswendig gelernte Anekdoten immer und immer wieder repetiert werden.

Schmidt ist berühmt für sein glänzendes Gedächtnis, das ihn noch in hohem Alter nahezu wortlautgleich Gedankengänge, Analysen und politische Entscheidungsfindungsprozesse wiederholen lässt, die er 40, 50, auch 60 Jahre zuvor bereits niederschrieb oder sagte. Bei den Erinnerungen an sein eigenes Leben verlässt ihn jedoch sein phänomenales Gedächtnis. Nicht nur, weil immer wieder die Details aus seinem Leben abgefragt werden, die er zuvor schon berichtet hatte : Von sich aus erzählt er ebenfalls immer dieselben »Storys« über Familie, Kindheit, Jugend und junge Erwachsenenzeit. Wie sich zeigt, irrt er dabei oft, besonders bei Jahreszahlen. Beispielhaft steht dafür ein Satz aus seinen Erinnerungen über den Vater seiner Mutter. »1933 – so erinnere ich mich deutlich – hat meine Oma bei Hitlers Ermächtigungsgesetz gesagt : ›Welch Glück, dass Heinrich dies nicht mehr erleben musste !‹ « Der Großvater starb aber nicht 1932, wie der Enkel zu wissen meint, sondern nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes. 

An anderer Stelle berichtet er, er habe 1937 ein Jahr früher als vorgesehen das Abitur machen müssen, weil Hitler Soldaten be­­nötigte. Das sogenannte Notabitur, auf das er anspielte und das tatsächlich Abiturienten ein Jahr früher der Armee zuführen sollte, wurde aber erst während des Krieges eingeführt. Er und seine Klassenkameraden mussten das Abitur vorziehen, weil die Schule, die er besuchte, aufgelöst wurde.

Die sich an vielen Beispielen zeigende Ungenauigkeit hat möglicherweise einen einfachen Grund: Er weiß es nicht mehr. Denn liest man Schmidts Erinnerungen genauer, zeigt sich, dass er we­­sentliche Einzelheiten seiner Vergangenheit nicht mehr im Ge­­dächtnis hat, sondern auf Schilderungen anderer über gemeinsam Erlebtes zurückgreift. Seine verstorbene Frau Loki wurde so – neben anderen – zur Souffleuse für Erinnerungen aus der Schulzeit. Oft sind es auch Briefe ehemaliger Weggefährten, die Ereignisse oder Wahrnehmungen rekonstruieren halfen, die Helmut Schmidt längst vergessen hat. Publizistisch ausgewertet hat er wohl so gut wie alles, was ihm über sich selbst mitgeteilt wurde – sofern es ihm glaubhaft und zitierfähig erschien. Aber erfährt man damit wirklich alles über ihn ?

Max Frisch ließ einen seiner Romanhelden einmal den klugen Satz sagen : »Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.« Bei einem prominenten Zeitgenossen wie Helmut Schmidt hält ein ganzes Volk für dessen Leben, was doch eigentlich und völlig natürlich nur Produkt selektiver Wahrnehmung sein kann. Das ist bei Helmut Schmidt nicht anders als bei jedem anderen alten Menschen, der auf sein Leben zurückblickt. Wie ergänzungsbedürftig diese Wahrnehmung ist, zeigt dieses Buch. 

Einen Zeitraum gibt es im Leben des 1918 in Hamburg geborenen Helmut Schmidt, über den er im Grunde bisher nur sehr oberflächlich Auskunft gab und der seine Biografen meist so wenig interessierte, dass sie nur zusammentrugen, was er berichtet hat: seine jungen Jahre. Schmidt selbst fasst die prägenden Erfahrungen dieses Lebensabschnitts gern unter dem Begriff »Kriegsscheiße« oder »Scheißkrieg« zusammen. Immer wieder polterte er dieses Verdikt heraus, wenn er nach seiner Jugend im Nationalsozialismus befragt wurde, aber auch, wenn es um Nervenstärke in Gefahrenlagen ging. 2007 sagte er über die Haltung des Krisenstabs, der 30 Jahre zuvor nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der voll be­setzten Lufthansa-Maschine »Landshut« zusammengearbeitet hatte :

»Wir hatten alle die Kriegsscheiße hinter uns. Strauß hatte den Krieg hinter sich, Zimmermann hatte den Krieg hinter sich, Wischnewski hatte den Krieg hinter sich. Wir hatten alle ge­­nug Scheiße hinter uns und waren abgehärtet. Und wir hatten ein erhebliches Maß an Gelassenheit bei gleichzeitiger äußerster Anstrengung der eigenen Nerven und des Verstandes. Der Krieg war eine große Scheiße, aber in der Gefahr nicht den Verstand zu verlieren, das hat man damals gelernt.« 

Die »Kriegsscheiße«, in seiner Diktion, sagt alles. Oder auch nichts: Die Benutzung von Fäkalsprache muss zumeist genügen, um die ungeheure Bedeutung dieser Jahre für das gesamte weitere Leben zu verdeutlichen. Doch sind die Erlebnisse so verallgemeinerbar, dass ein einziger Kraftausdruck genügt, um die gemeinsame Erfahrung zu beschreiben ? Denn viel mehr sagte Schmidt bis heute selten zum Thema Krieg. »Scheißkrieg!« Und das war’s dann. Nachfragen duldet er nur schwer. Jedes vertiefende Gespräch wird durch Themenwechsel in eine andere Richtung gesteuert. Selbst Freunden wie dem Historiker Fritz Stern, mit dem er im Jahr 2010 den Gesprächsband Unser Jahrhundert veröffentlichte, verweigerte Schmidt jede weitere Auskunft über sein Leben im »Dritten Reich«. Denn der 1933 mit seiner Familie in die USA emigrierte Freund mochte manches nicht so recht glauben, was er hörte. 

»Scheißkrieg« : Das ist eine griffige Formulierung, unter der sich jeder etwas vorstellen kann. Brennende Ruinen, Bomben­hagel, Panzerketten, Tiefflieger, Tote und Verwundete, Flüchtlingstrecks. Aber bilden sich in einem solchen Kraftausdruck 26 Jahre Leben ab, von 1918 bis 1945 ? 2013 ließ Schmidt Henri Nannens­ Enkelin gegenüber doch einmal durchblicken, was er meinte. Im charismatischen Gründer der Illustrierten Stern, die jahrzehntelang zu den publizistischen Meinungsführern in Deutschland zählte, sah er jemand mit ähnlichem Erfahrungshorizont. Auch der fünf Jahre ältere Nannen war Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen. Noch für den 94-jährigen Schmidt sind – wie 1977 im Krisenstab der »Landshut«-Entführung – die Erlenisse und Erfahrungen des Krieges das verbindende Element, das in seinen Augen Menschen so gegensätzlicher Naturen wie Franz Josef Strauß oder Henri Nannen oder eben ihn selbst zu berechenbaren Größen macht.

Nannen hat den Krieg sicher intensiv erlebt. Noch intensiver vermutlich als ich, weil er älter war. Er muss diesen Zwiespalt, den wir alle kennen, besonders stark empfunden haben, den Zwiespalt zwischen dem den Deutschen anerzogenen Pflichtbewusstsein einerseits und der Einsicht, dass das alles Blödsinn war, was wir machten, oder Verbrechen waren oder jedenfalls fehlerhaft. Darunter muss er eigentlich gelitten haben. Es muss jeden Soldaten das ganze Leben begleiten. Seine Geschichte kann eine große Rolle gespielt haben. Es kann auch sein, dass sie – unbewusst oder bewusst – ein wichtigeres Motiv gewesen ist, als er nach außen zugab. Ich kann es mir gut vorstellen. Bei mir ist es auch so.

Anfang der 90er-Jahre schrieb Schmidt für einen Sammelband zum Thema »Kindheit und Jugend unter Hitler« einen »Politischen Rückblick auf eine unpolitische Jugend«. Erstmals erwähnt er hier seine Aufzeichnungen aus dem Kriegsgefangenenlager. Die Notizen, die er unter dem Titel »Verwandlungen in der Jugend« anfertigte, waren als Gedächtnisstütze für eine »quasibiografische Aufzeichnung über seine Entwicklung« gedacht. Da er schon nach recht kurzer Zeit aus der Gefangenschaft entlassen wurde, kam er nicht mehr zur geplanten Niederschrift. 
Bisherige Biografen schenkten den Notizen wenig Aufmerksamkeit. Nur seinem ehemaligen Assistenten Hartmut Soell gestattete Schmidt die vollständige Lektüre. Soell zitierte zwar um­­fassend, ordnete den von Schmidt stichwortartig festgehal­tenen Entwicklungsprozess aber nicht ein und glättete offen­kundige Widersprüche. Viele Fragen blieben offen. Insbesondere fand kaum Beachtung, dass Schmidt nicht nur allgemein-biografisch schreiben wollte, sondern offenbar seine sich wandelnde Einstellung zum Nationalsozialismus nachzeichnen wollte. Erst in späteren Jahren wechselte er zu der These, schon immer gegen die Nazis gewesen zu sein. 

Als eine Art »Tragödie des Pflichtbewusstseins« versteht Schmidt die eigene Biografie. Dieses bis heute nicht auserzählte oder ausgelotete Motiv wird nun mit allen verfügbaren Quellen untersucht. Die Zeit, über die Schmidt sich selbst als junger Mann Zeugnis ablegen wollte, rekapituliert nun dieses Buch: das Leben des jungen Helmut Schmidt bis zu seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft. Schmidts Lebenserinnerungen dienen da­­bei als Richtschnur, an der entlang sich zahlreiche historische Ereignisse rekonstruieren lassen. 

Nur wenige Details aus Schmidts Leben in diesen Jahren sind bekannt. Diese kommentierend zu ergänzen ist besonders deshalb wichtig, weil Schmidts so oft zitierte und von ihm selbst ­herausgestellte Pflichtethik ihre Ursprünge im Erfahrungs- und Bildungshorizont des im Nationalsozialismus Heranwachsenden und in den 14 Kindheitsjahren zuvor hat. In der Gegen­überstellung der rekonstruierbaren Ereignisse und ihrer Rezeptionsgeschichte sollen Schmidts Selbstzeugnisse und seine Wahrnehmung der eigenen Geschichte als »Tragödie des Pflichtbewusstseins« in ihrem historischen Bezug ausgeleuchtet werden. Der alte Schmidt ist ohne den jungen nicht zu verstehen. 

Wer war der junge Schmidt ? War er der von einem überstrengen Vater zu preußischer Pflichtauffassung gedrillte Junge, als den er sich selbst erinnert ? War er der unpolitische Soldat, der »im einzig anständigen Verein« – wie er die Wehrmacht erlebte – in den acht Jahren seiner Soldatenzeit keinerlei nationalsozialistischer Einflussnahme ausgesetzt war, wie er sich erinnert ? 
Und was bedeutete es, im Hamburg der Weimarer Republik aufzuwachsen ? Schmidt besuchte die revolutionärste Schule in der Stadt, die als »Stadt der Bildungsreformen« in der Reformbewegung der Weimarer Republik Bildungsgeschichte schrieb. Nie will er dort von Demokratie gehört haben, obwohl die ganze Konstruktion der Eltern-Lehrer-Schüler-Beziehung dieser Schule auf demokratische Selbstbestimmung ausgelegt war. 

Die Recherche wurde zu einer Abenteuerreise. Zunächst sah es so aus, als sei Bekanntes nur neu zu ordnen und vor dem Hintergrund neuer Forschung neu zu interpretieren. Tatsächlich kam – auch dank der großzügigen Genehmigung des Altbundeskanzlers, seine Wehrmachtsakte und andere bisher unter Verschluss befindliche Unterlagen einzusehen – viel Neues zutage. Die ge­­rade beendete 30-jährige Sperrfrist für die Akten über Schmidts Vater war ein Glücksfall. Ein Glücksfall war auch die Begegnung mit dem Grafiker Helmut Scaruppe, der Schmidt sowohl aus der Schule als auch von der Hitlerjugend kennt und zahlreiche überaus lebendige Erinnerungen beisteuerte. Viele Lücken in der Überlieferung konnten geschlossen werden. Viele schon bekannte Tatsachen erscheinen nach der Auswertung der Originalquellen in einem neuen Licht. 
Als besonders aufschlussreich erwies sich der Werdegang von Schmidts Vater Gustav. Hier öffnet sich der – im weitesten Sinne des Begriffs – kulturgeschichtliche Horizont der Epoche. Der Adoptivsohn eines des Lesens und Schreibens kaum mäch­tigen Arbeiters wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf. Trotzdem schaffte er es aus eigenem Antrieb, sich noch im Kaiserreich zum Volksschullehrer und später in der Republik von Weimar sogar zum Studienrat hochzuarbeiten. Alles habe der Vater dem Aufstiegswillen untergeordnet, schreibt der Sohn später. Dass im Lebenslauf des Vaters auch die Antriebskräfte der Moderne sichtbar werden, zeigt nun dieses Buch. 

Was den Vater interessierte und was er sich alles autodidaktisch an Kenntnissen erschloss, ließ sich genauso rekonstruieren wie das Umfeld, in dem er sich bewegte und das ihn prägte. Er­staunliche Parallelen zu Arbeitsauffassung und Arbeitsstil des Sohnes ergeben sich. Helmut Schmidts späterer Lebensweg zeigt sich als vom Vater intensiv vorgeprägt. Aber ging es dem Vater wirklich so sehr um den gesellschaftlichen Aufstieg, dass er unpolitisch blieb ? Und was machte den extremen Generationskonflikt aus, der Vater und Sohn bis in dessen Erwachsenenalter entfremdete? 

Und welche Bedeutung hatte das Familiengeheimnis der Schmidts, dass der leibliche Vater des unehelich geborenen und zur Adoption freigegebenen Gustav Schmidt jüdisch war ? In diesem Zusammenhang steht eine Frage im Raum. Und das seit Jahrzehnten, denn Helmut Schmidt, der 1933 14 Jahre alt war, behauptet bis heute, von den Verbrechen der Nationalsozialisten erst nach dem Krieg erfahren zu haben. Kann das sein ? Immer wieder betont er : »Wir hatten keine Ahnung von den Deportationen. Wir haben in der Kaserne nicht einmal die Reichskristallnacht mitgekriegt.« War die Kaserne tatsächlich eine »Oase« oder »Schutzzone« ? 
Selbst Schmidts Tochter Susanne wunderte sich über das Unwissen des Vaters. Als sie den ersten Entwurf seines Beitrags für das Buch Kindheit und Jugend unter Hitler gelesen hatte, kritisierte sie, wie Schmidt in der dort veröffentlichten Fassung von »Politischer Rückblick auf eine unpolitische Jugend« schreibt : »Es wird nicht klar, warum du so lange ein politisch nicht denkender, ein apolitischer Mensch gewesen bist. Das Nicht-Wissen oder Nicht-wissen-Wollen über die Judenfrage kommt entschieden zu kurz.« Schmidt gibt zu, dass ihn die Kritik traf. Er reflektiert zwar verschiedene systemtheoretische Ansätze zur Erklärung des Verhaltens der Deutschen, kommt aber für sich selbst zu keiner Klärung. 

Die Ereignisse und Schicksale, die sich rekonstruieren ließen, sprechen eine ganz eigene Sprache. Vor dem Hintergrund der neuesten Forschung über die Rolle der Wehrmacht im Nationalsozialismus waren Schmidts Stationen als Soldat neu zu bewerten. In den acht Jahren seiner Soldatenzeit, an deren Ende er kurz davor war, zum Hauptmann befördert zu werden, war er nur zweimal einige Monate an der Front. Die Kriegstagebücher der 1. Panzerdivision, mit der Schmidt bis an den Stadtrand Leningrads und anschließend bis kurz vor Moskau vordrang, lassen das Kampfgeschehen lebendig werden, an dem er teilnahm und das ihn tief prägte.

Trotz dieser Fronterfahrungen, die nicht gering geachtet werden dürfen : Die weit überwiegende Zeit verbrachte er in der Etappe als Sachbearbeiter, Referent und Ausbilder. Er wollte immer an die Front, wurde aber von seinen Vorgesetzten lange nicht gelassen. Er, der als Kind den Spitznamen »das Schnackfass« trug, war nun der »König der leichten Flak«. Zahlreiche Reisen führten ihn durch fast das ganze besetzte Europa. Daheim lebte man lange fast wie in Friedenszeiten mit Gästen, Kinobesuchen und Kasinoabenden. Auch vor diesem Hintergrund bedarf die »Kriegsscheiße« einer genaueren Betrachtung. Hebt man die »Scheiße« ein wenig an, kommt darunter ein Leben zum Vorschein, das mit preußischer Selbstbescheidung und Gehorsam allein nur ungenau gefasst ist. Hinzu kamen früh aktive Gestaltung und bewusst getroffene Entscheidungen. 
Die soldatische Sozialisation ist bis heute Dreh- und Angelpunkt von Schmidts Wertesystem. Die »Tragödie des Pflichtbewusstseins« besteht im Missbrauch des Patriotismus und Pflichtbewusstseins seiner Generation durch den Nationalsozialismus. Das bewusst erlebte Dilemma wurde Schmidts Lebensthema. Für sein politisches Wirken in der Bundesrepublik ist dies von entscheidender Bedeutung. Denn seine Haltung gestaltete die Demokratie in Deutschland mit. War er der »Soldatenkanzler« ?

Teil 1
Herkunft und Kindheit

Familie

»Mein Vater ist, ohne Streber zu sein, mit Energie und Beharrlichkeit begabt, dazu von beweglichem Verstande«

Helmut Schmidts Vater Gustav, aufgezogen als Kind eines kaum des Lesens und Schreibens mächtigen ungelernten Arbeiters, schaffte einen erstaunlichen beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg. Der Sohn bewunderte ihn sehr dafür. In den Notizen für eine geplante Biografie schrieb der 26-Jährige 1945 über den Mann, dem es gelungen war, sich aus »kleinen, proletarischen Verhältnissen in die Schicht des gebildeten Mittelstands« herauf­zuar­beiten :

»Mein Vater ist, ohne Streber zu sein, mit Energie und Beharrlichkeit begabt, dazu von beweglichem Verstande. In seinem beruflichen Fach war er stets Autorität. Meinem Vater eignet ein scharf geprägtes Gerechtigkeitsgefühl, das durch die liberalistischen Tendenzen seiner politischen Überzeugungen und durch seine juristische Bildung pointiert wird. Wenn es seiner Bildung etwas mangelt, so ist es die Ausbildung seines Verständnisses für die Werke der bildenden Kunst und der Musik, wenngleich er auf diesen Gebieten einen guten, allerdings rein intuitiven Geschmack hat.«

Am 18. April 1888 kam er als Gustav Ludwig Wenzel zur Welt. Geboren wurde er als Sohn der ledigen Kellnerin Friederike Wenzel. Uneheliche Geburten kamen im 19. Jahrhundert sehr häufig vor und bedeuteten für Mütter wie Kinder große Widrigkeiten. Kamen die Frauen aus  sogenannten geordneten Verhältnissen, sorgte meist die Familie dafür, dass Schwangerschaft und Geburt verschwiegen und die ungewollten Kinder sofort nach der Geburt weggegeben wurden. Selbst wenn sie bei Verwandten aufwachsen konnten, wurden sie – wie in Pflege­familien – oft als billige Arbeitskräfte ausgenutzt. 

Meist wurden die »gefallenen Töchter« unstandesgemäß verheiratet, um den Schein des Anstands zu wahren. Sofern ihre unehelichen Kinder überhaupt bei ihnen blieben, hatten sie we­­niger Rechte als eheliche. Allein­stehende Frauen außerhalb tra­­ditioneller Familienstrukturen, die ihren Lebensunterhalt durch Ar­­beit verdienen mussten, hatten so gut wie keine Möglichkeiten, ihre Kinder selbst aufzuziehen. Deshalb waren sie gezwungen, ihre als »Bastarde« diffamierten Kinder in fremde Obhut zu geben. Die Mütter mussten für das Kostgeld auf kommen. Oft – besonders in den Städten – wurden die Kinder in Heime gegeben. Fast immer haftete ihnen das Stigma der unehelichen Geburt ihr ganzes Leben lang an.

Friederike Wenzel, die als Jugendliche wegen Diebstahls und Betrugs eine dreimonatige Gefängnisstrafe verbüßt hatte, gehörte zu den ledigen Müttern, denen die materiellen Voraussetzungen fehlten, ein Kind aufzuziehen. Bis zu ihrer Heirat 1914 hatte sie keine eigene Wohnung. Sie schlug sich seit ihrem 15. Lebensjahr als Dienstmädchen, Verkäuferin und Kellnerin durch und wohnte entweder bei ihren Arbeitgebern oder unter häufig wechselnden Adressen in bescheidensten Verhältnissen als Untermieterin. Auch diese Lebenssituation war für Frauen ihrer Ge­­neration und Herkunft keine Seltenheit. Umso beeindruckender ist es, dass es Friederike Wenzel gelang, ihrem kleinen Sohn zu einem unter den gegebenen Umständen bestmöglichen Start ins Leben zu verhelfen. 

Denn Gustav Wenzel wurde adoptiert, und ganz offensichtlich sorgte seine Mutter selbst für ein Arrangement, bei dem sie Anteil am Aufwachsen des Kindes ha­­ben konnte. Schon zwei Wochen nach seiner Geburt am 18. April 1888 wurde er von dem jungen Ehepaar Gustav und Catharina Schmidt aufgenommen und am 1. August desselben Jahres offiziell adoptiert. Damit wurde das Kind rechtlich zum vollwertigen Mitglied der Adoptivfamilie. Ein ungewöhnlicher Vorgang – denn die Adoptiveltern waren zwar kinderlos, doch war keineswegs sicher, dass sie nicht noch leib­liche Kinder würden aufziehen müssen. Und jedes Kind be­­deutete eine finanzielle Be­­lastung. Ein Pflegekind, für das die Zieheltern Anspruch auf Kostgeld gehabt hätten, hätte ihre Haushaltskasse regelmäßig aufgebessert. Sie waren erst seit zwei ­Jahren verheiratet und bekamen tatsächlich 1891 und 1894 zwei leibliche Söhne. 

Die Vereinbarung der Adoption des kleinen Wenzel wurde schon vor seiner Geburt getroffen. In der Familie des Adoptivsohns ging man später davon aus, dass eine finanzielle Zu­­wendung des Kindsvaters zu dieser ungewöhnlichen Regelung geführt hatte. Der uneheliche Vater Ludwig Gumpel wurde nicht in der Geburtsurkunde genannt, obwohl er bekannt war. Da er bei einer Namensnennung Unterhaltszahlungen zu gewärtigen gehabt hätte, ist anzunehmen, dass er sich mit dem Arrangement einer Adoption und der Zahlung einer größeren Summe für den Lebensunterhalt seines Kindes weiteren Verpflichtungen entziehen wollte. 

Rechtlich galt sein unehelicher Sohn zwar sowieso als nicht mit ihm verwandt. Wäre das Kind allerdings ein Fall für die Fürsorge geworden, was angesichts der prekären Lebenssituation der Mutter nahelag, wäre der Vater Unterhaltsansprüchen von Amts wegen ausgesetzt gewesen. So seltsam es anmuten mag, so war das Verhalten von Gustav Schmidts Erzeuger trotzdem Ausdruck eines gewissen Ehrgefühls. Nicht selten verleugneten un­­eheliche Väter ihre Vaterschaft einfach. Beweise waren mangels geeigneter Methoden kaum möglich. 

Die Bereitschaft Ludwig Gumpels, materiell für den »Fehltritt« einzustehen, verschaffte dem kleinen Gustav immerhin eine richtige Familie. Der ledigen Mutter blieb zudem die »Schande« erspart, die sie in der damaligen Gesellschaft ausgegrenzt und in weitere Not getrieben hätte. Mit der Adoption endete rechtlich die verwandtschaftliche Beziehung eines Kindes zu seinen leiblichen Eltern – hier zur Mutter – und deren Familie.
Helmut Schmidt sah in seinen Erinnerungen das Verhalten des Erzeugers seines Vaters – Schmidt spricht durchgehend von »Großvater« – deutlich anders. Aus seiner Sicht hat dieser sich »aus dem Staube gemacht«, »nachdem er offenbar durch eine finanzielle Zuwendung dafür gesorgt hatte«, dass sein Kind adoptiert wurde. Im moralischen Urteil des Enkels hat sich der »Großvater« seiner Pflicht zur Heirat mit der Mutter seines Kindes entzogen. Dabei machten mit großer Wahrscheinlichkeit ­ge­­sellschaftliche Konventionen die Heirat unmöglich. Die vor­bestrafte junge Kellnerin aus Hamburg und der Sohn einer ­an­­gesehenen Tuchhändlerfamilie hätten nur unter sehr roman­haften Voraussetzungen als Paar in einer vorurteilsbelasteten Gesellschaft eine Chance gehabt. Die Doppelmoral in Fragen von nicht ehelich geborenen Kindern und auch von »Mesalliancen« vermeintlich sozial in­­kompatibler Partner lässt sich noch bis in die heutige Zeit belegen. Gustav Schmidts Erzeuger übernahm in den damals vorhandenen engen Grenzen gesellschaftlicher Konventionen also durchaus Verantwortung für das Kind, das er ge­­zeugt hatte. 
Besonders an der Adoption des kleinen Wenzel war auch, dass nicht nur die materiellen Voraussetzungen geschaffen wurden, Mutter und Kind vor gesellschaftlicher Ächtung zu bewahren. Zugleich handelte es sich um einen Freundschaftsdienst des Ehepaars Schmidt an Friederike Wenzel, die mit ihnen gut bekannt war. Zumindest für die Zeit nach der Geburt des Kindes ist belegt, dass leibliche und Ziehmutter denselben Arbeitgeber ­hatten. Ein enger Kontakt zwischen der leiblichen Mutter und der Familie Schmidt blieb ein Leben lang bestehen. Friederike Wenzel wurde sogar Patin des ersten leiblichen Kindes der Schmidts, als dieses 1891 gemeinsam mit dem Adoptivsohn ge­­tauft wurde. So konnte die Mutter auch an der Taufe ihres Sohnes teilnehmen.

Helmut Schmidt kam erst im Erwachsenenalter auf die Idee, dass die Frau, die gelegentlich zu Gast bei der Familie Schmidt war, seine leibliche Großmutter war. Friederike Wenzel war mit dem Verschweigen ihrer Mutterschaft das Schicksal der damals so bezeichneten »ge­­fallenen Mädchen« erspart geblieben. Als sie 1949 starb, sagte der Pastor in der Trauerrede – in Gegenwart des ­Sohnes, der sich nicht zu erkennen gab –, es sei ihr versagt geblieben, ein Kind zu haben.

Die Adoptivfamilie wechselte mehrfach Wohn- und Arbeitsort. Der einstige Hausmeister wurde Arbeiter, gegen Ende seines Berufslebens Straßenreiniger und noch als alter Mann Lager­arbeiter. Eine Tätigkeit als Hafen­arbeiter, an die sich sein Enkel Helmut erinnert, ließ sich nicht nachweisen. Der angenommene Sohn wuchs in ärmlichen, aber »geordneten« Verhältnissen auf. Besonders die Beziehung zur Adoptivmutter war bis zu deren Tod 1934 herzlich. 

Auch die Enkel pflegten einen engen Kontakt zu ihren Großeltern. Helmut Schmidt erinnert sich an die Wohnsituation der Eltern seines Vaters :

»Während meiner Kindheit wohnten seine Eltern in der Hufnerstraße an der Barmbeker Heiligengeist-Kirche in einer sehr kleinen alten Kate ; vier Familien hatten dort gemeinsam eine Pumpe und auch einen Abort, beides außerhalb der Kate, und statt eines Kellers gab es in der Küche eine Klappe im Fuß­boden, unter der im Sommer die Margarine aufbewahrt wurde.« 

Diese alten Katen waren die früheren Gesindehäuser eines ehemals im Dorf Barmbek bestehenden großen Bauernguts. Es war in den 20er-Jahren keine Seltenheit, so zu wohnen. Auf alten Fotos der heute als idyllisch empfundenen Fachwerkhäuser ne­­ben der damals am Platz des ehemaligen Gutshauses neu errichteten Heiligengeist-Kirche ist zu erkennen, wie sich bereits die mehrstöckige Wohnbebauung der expandierenden Stadt Hamburg an das einstige Dorf heranschiebt. In der Stadt galten entsprechende Wohnstandards schon als überholt. In länd­lichen Gebieten fanden sich solche Wohnformen bis weit in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein.

Schmidt erlebte so bereits als kleines Kind die Wohn­be­­dingungen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts zur Herausfor­derung für den modernen Städtebau geworden wa­­ren. Er selbst verortete seinen ersten Besuch in der über­aus ärmlichen und überbelegten Hinterhauswohnung der Familie seiner späteren Frau als Schlüsselerlebnis. Schmidt beschreibt sein kindliches Entsetzen als unverarbeitetes Erlebnis. Der Zehn- oder Elfjährige machte in seiner Fassungslosigkeit dem Schicksal einen Vorwurf : »Lieber Gott, dass Menschen so leben müssen !«

Später wurde Hamburgs langjähriger Oberbaudirektor Fritz Schumacher, der in großem Stil die Umgestaltung der Stadt verantwortete, zu einem der Vorbilder des jungen Helmut Schmidt. Noch Anfang 2014 nannte Schmidt ihn anlässlich eines Festakts zur Feier seines 95. Geburtstags als Leitfigur.

Nach dem Krieg wurde Schmidt auch wegen der Erinnerung an die bedrückende Wohnsituation der Familie seiner Frau, die er seit frühen Kindheitstagen kannte, zum überzeugten Verfechter des sozialen Wohnungsbaus, wie er schreibt.
Obwohl Gustav Schmidt in seiner Adoptivfamilie keine besondere intellektuelle Förderung zu erwarten hatte, gelang ihm ein ungewöhnlicher Bildungsaufstieg. Er muss ein sehr guter Schüler gewesen sein. Hinzu kam als Glücksfall, dass er in Hamburg zur Schule ging. Hier war für begabte Kinder aus ärmeren Verhältnissen die Möglichkeit eingeführt worden, nach Abschluss der neun­jährigen Volksschule schulgeldfrei ein weiteres Jahr die Schule zu besuchen. Diese »Selekta«-Klasse bereitete die Schüler auf eine Lehre in auch intellektuell anspruchsvolleren Berufen vor und ermöglichte so ihren Aufstieg. 

Nach der Schule absolvierte Gustav Schmidt eine Lehre als Anwaltsgehilfe im »Advokatenbüro« Dres. Kirchhoff und Lurie, Dr. Fritz Müller. Von 1903 bis 1907 war er dort als Schreiber tätig. Auch eine solche Büroausbildung war für den Sohn eines ungelernten Arbeiters sehr ungewöhnlich. Helmut Schmidt stellte das später bei seinen Notizen über den Vater besonders heraus. Der Sohn erinnert sich, dass sein Vater von einem seiner Lehrer ge­­fördert worden sei. Wenn mit der Selekta bewiesen werden sollte, dass auch Kindern aus bildungsfernen Schichten bei entsprechender Förderung der gesellschaftliche Aufstieg gelingen konnte, so wurde Gustav Schmidt geradezu zum Paradebeispiel für die Richtigkeit des pädagogischen Anliegens. 

Seine Lehre absolvierte er mit solcher Bravour, dass er übernommen wurde. Neben seiner Tätigkeit als Schreiber arbeitete er sich in zahlreiche Rechtsgebiete ein und leitete über längere Zeiträume selbstständig das mittelgroße Büro. Das Zeugnis von seinem Chef Aron Lurie bescheinigt dem 19-Jährigen »mit Fleiß gepaarte Begabung«, die ihn »vollgeeignet« als »Bürovorsteher oder für einen anderen verantwortlichen Posten« erscheinen lasse. Er entschied sich jedoch für einen anderen Karriereweg und verließ auf eigenen Wunsch die Kanzlei. Anschließend bereitete er sich im Selbststudium auf die Aufnahmeprüfung für das Lehrerseminar vor, um Volksschullehrer zu werden. 

Damals war es überaus selten, dass ein junger Mann ­seiner Herkunft Lehrer wurde. Grundsätzlich setzte der Volksschullehrerberuf zwar keinen höheren Schulabschluss voraus, er wurde jedoch Ende des 19. Jahrhunderts von eher privilegierten Schichten erlernt. Abkömmlinge aus Proletarierfamilien schafften kaum den Sprung in die zwar nicht akademische, aber hinsichtlich der notwen­digen Kenntnisse anspruchsvolle Ausbildung. Vergleichbare Zahlen für Brandenburg und Baden belegen, dass nur etwa vier bis sechs Prozent aller Volksschullehrer in den Jahren zwischen 1880 und 1926 aus Arbeiterfamilien stammten.

[...]

16:16 11.12.2014

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