Form und Inhalt

Leseprobe "Mal abgesehen davon, dass es sich bei seinem Shere Khan, wie bei jedem Porsche mittlerweile, um einen auf Porsche getrimmten Audi handelte, der im Kern wiederum nicht mehr als ein getunter Volkswagen war."
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Foto: Alexander Heimann/Getty Images

FRÜHJAHR 2017

EINS

Als Victor beschleunigte, erzeugten die Wirbelschleppen hinter seinem elektrischen Porsche ein schauriges Pfeifen. Die Geschwindigkeit, der Wald, der sich als Dach über der Straße schloss, die perfekte Passform seines orthopädischen Schalensitzes – oft fühlte er sich auf dem Weg zur Arbeit, als würde er sterben.

Dabei sah er sich von oben, seine graue Maschine wie ein U-Boot in einem tiefgrünen Meer, ein Schiff der Klasse 212A der ThyssenKrupp Marine Systems zum Beispiel, an der er gerade einen Anteil von 33% bei der Staatsholding von Katar platziert hatte.

Natürlich war ihm der Porsche peinlich, aber Victor war eine flexible Persönlichkeit. Es handelte sich um einen Firmenwagen, einen Anachronismus im Grunde, auf dem er bei seinem letzten Bankwechsel aber aus Prinzip bestanden hatte – aus Prinzip im umgangssprachlichen Sinne, also nicht einer Überzeugung Folge leistend, sondern da er spontan Lust gehabt hatte, nach einem Porsche zu verlangen, und da in Anbetracht des großen Interesses der Birken Bank an seiner Verpflichtung nur halbherzige Einwände zu erwarten gewesen waren.

Mal abgesehen davon, dass es sich bei seinem Shere Khan, so die Modellbezeichnung, wie bei jedem Porsche mittlerweile, um einen auf Porsche getrimmten Audi handelte, der im Kern wiederum nicht mehr als ein getunter Volkswagen war.

Als einer seiner Kunden, der Chef der Daimler AG, ihm vor kurzem bei einem Lunch die Zielsetzung anvertraut hatte, »Menschen davon träumen zu lassen, sich mit ihrem Auto ausdrücken und ihre Persönlichkeit darstellen zu können«, wäre ihm beinahe ein Bissen Branzino im Hals stecken geblieben. Denn etwas zu wollen mit seinem Auto, erschien Victor als armselig und deprimierend.

Natürlich hätte man ihm seine Wahl der elektrischen Variante als Resultat des Bedürfnisses auslegen können, einen uniformen Individualismus auszuleben – ein Risiko, das Victor durch den Wegfall der schauerlichen Motorsport-Assoziation, den das Fehlen eines brüllenden Triebwerks garantierte, allerdings mehr als aufgewogen sah. Der Shere Khan war in seinen Augen ganz einfach ein Standardprodukt seiner sozioökonomischen Gruppe, das außer seiner Zugehörigkeit zu dieser, die sich ohnehin kaum leugnen ließ, rein gar nichts über ihn aussagte.

Als er beim Fahren in den Wald hineinblickte, musste Victor an die Vergangenheit denken, nicht an seine eigene, sondern an die Vergangenheit im Allgemeinen: Die Stämme an der Fahrbahn verloren im Vorbeifliegen ihre Konturen, während tiefer im Wald stehende als beinahe stationär erschienen, als Angelpunkte, um die sich die Augenblicke der Gegenwart drehten. Es war nicht ungefährlich, hier die Augen von der Straße zu nehmen, in diesen Wäldern hatte es über die Jahre derart viele Unfälle gegeben, dass nun Schilder alle paar Kilometer eine vorsichtige Fahrweise anmahnten. Aber die Jugendlichen der Gegend besiegelten weiterhin ihre Schicksale, indem sie in ihren übermotorisierten Kleinwagen über Kurven hinausschossen, um in der ersten Reihe der kahlen Stämme hängenzubleiben.

Die Beeinträchtigten hausen im Taunus in den Gartengeschossen, in den Einliegerwohnungen. Die Toten liegen auf den idyllischen Friedhöfen begraben, auf denen Mahnmale auf die in Kriegen gefallenen Söhne der Dörfer verweisen und auf denen an Wochenenden Taunusmütter dabei zu beobachten sind, wie sie die Gräber ihrer Kinder gärtnerisch gestalten, in sportlichen Steppjacken, mit einem leichten Zittern in den Fingern.

Victor lebte in Falkenstein, in einem Haus aus Glas aus den 30er Jahren, das in der Nacht wie eine modernistische Lampe wirkte, die am Südhang des Altkönigs auf einem Felsen installiert worden war. Auch im Februar war man darin über dem Nebel. Vom IT-Support der Bank hatte er sich eine App der Apple-Tochter Cribz einrichten lassen, ein Kontrollpaneel für sein Zuhause, sodass er an jedem Ort der Welt Herr über all dessen Systeme war, über die Filteranlage seines Schwimmbeckens wie auch über den Anlasser seines Notstromaggregates.

Wenn ihm in seinem Büro langweilig war, einem Fischtank in Frankfurt im 32. Stockwerk, aus dem der Blick nach Norden bis nach Falkenstein ging, wischte er auf seinem Touchscreen hin und her, um in der Ferne seine große Lampe an- und auszuschalten. Er spielte mit dem Gedanken, das Morsen zu erlernen.

Aus allen Zimmern des Hauses war im Tal die Frankfurter Skyline zu sehen, deren Bohrtürme ihre Meißel in eine Tiefenströmung trieben, in unerschöpfliche, da erfundene Reserven. Der Wohlstand schwappte aus der Stadt, sodass zwischen Frankfurt und Falkenstein die letzten Makel der Nicht-Premiumhaftigkeit verschwanden, die letzten Reste von Armut und Kleinbürgertum, nicht aus den Seelen der Menschen, aber aus dem gesellschaftlichen Gewebe, das man sich am ehesten als eine pastellfarbene Seide hätte vorstellen können.

Er dachte an seine Tochter an diesem Frühlingstag, an die kleine Victoria, die seit der Trennung Victors von ihrer Mutter Antonia jedes zweite Wochenende bei ihm verbrachte. Die beiden hatten begonnen, das Baumhaus einzurichten, das er ihr in seinem Garten hatte bauen lassen, und am Dienstag würde er sie von der Schule abholen und außerplanmäßig mit in den Taunus nehmen, so war es vereinbart, um das Projekt schnell voranzutreiben.

Victor liebte seine Tochter auf die geradezu besessene Weise, auf die Kinder aus den schwindenden bürgerlichen Milieus damals geliebt wurden, und so war sie immer in seinen Gedanken. Während er auf der A66 nun der Innenstadt entgegenraste, dachte er an den langen Aaah-Laut, den Victoria von sich gab, wenn er mit ihr im Shere Khan über Kopfsteinpflaster fuhr, wobei der Laut aufgrund der kurzen Federwege des Sportwagens dann lustig gerüttelt wurde. Er dachte an ihre letzte E-Mail, in der seine Erstklässlerin ihm einen Traum geschildert hatte: Sie sei in »Falschrumland« aufgewacht, wo Nein Ja heiße und Ja Nein, wo die Bösen lieb und die Lieben böse seien.

Wenn Victor sie zurechtwies, aufgrund ihres Widerwillens, sich an die wenigen Regeln zu halten, auf denen er bestand, lenkte Victoria immer scheinheilig ein, um nach effektvoller Pause mit hervorblitzender Zunge ein leises Furzgeräusch zu erzeugen – um eine individuelle Note allgemeinen Disrespekts zu setzen, der ihre Mutter, wie Victor vermutete, geradewegs in den Wahnsinn trieb.

Antonia und er waren vor allem deshalb ein Paar geworden, da Victor sie zum richtigen Zeitpunkt getroffen hatte. Er war in einem Zustand gewesen, in dem er eine Freundin gebraucht hatte, im Sinne einer mit ihm befreundeten Person, einfach irgendeine Form der Nähe, um sich gegen die Depression zur Wehr setzen zu können, die das Resultat seiner damaligen Phase destruktiver Arbeitsbelastung gewesen war – einer finsteren Wolkendecke der Grenzerfahrung, durch die er sich hatte kämpfen müssen, um in das strahlende Licht des Reichtums emporzuschweben.

Sie hatte auf ihn sofort attraktiv, da seltsam unbelastet gewirkt, als ob sie keinen Druck verspürt, als ob sie keine Probleme gehabt hätte. Und sie war interessiert an ihm gewesen, oder zumindest an der Persona, als die er aufgetreten war: Schon in seiner Kindheit hatte er damit begonnen, für die Interaktion mit jedem Gegenüber eine maßgeschneiderte Persona zu entwickeln, die diesem das zeigen sollte, was es erwartete, und das geben, was es wollte, während Victor sich hinter der resultierenden Benutzeroberfläche verborgen halten konnte.

Die beiden hatten sich in der Alten Oper kennengelernt, auf der Sommerparty einer Anwaltskanzlei, als er sich von ihrem Tablett für sich allein immer gleich zwei Gläser Wein genommen hatte. Er hatte sie einfach gefragt, ob sie mal mit ihm essen gehen wollte, und sie hatte gleich Ja gesagt.

Antonia sprach fließend Italienisch – ihr Vater hatte Karriere im Mittelbau der Lufthansa gemacht, sodass sie als Kind in Italien und Kenia gelebt hatte –, und beim Italiener hatte sie daher für die beiden nicht nur auf Italienisch bestellt, sondern mit dem Padrone auch noch das in Deutschland beim Italiener obligatorische Bellissima-Tartufo-Porcini-Va-Bene-Parlando getrieben, was Victor insgeheim als enervierend empfunden hatte. Aber sie hatte ihm auch schöne Geschichten aus Afrika erzählt, von einem Äffchen beispielsweise, das am Morgen immer vor ihrem Fenster gesungen hatte.

Nach der Dorade hatten die beiden sich schon ganz vertraut ein Tiramisu geteilt. Mit den langen Dessertgabeln hatten sie sogar einen neckischen Kampf um die Amaretto-durchweichten Löffelbiskuits ausgetragen. Ihre Beziehung hatte acht Jahre lang gehalten, obwohl sie aus Victors Perspektive nicht auf Dauer angelegt gewesen war, was weniger mit Antonia und mehr damit zu tun gehabt hatte, dass eine Konstante in seinem Leben schon immer das Gefühl gewesen war, sich gerade in einer Übergangsphase zu befinden.

Momentan hatte Victor eine noch kaum definierte Affäre mit seiner Nachbarin Maia. Diese war dünn, ausgemergelt beinahe, mit einem asketischen Jil-Sander-Style und so einer Kunst-und-Kultur-Kurzhaarfrisur. Bei ihrem Anblick konnte man an eine schöne Dissidentin nach einem Monat im Hungerstreik denken. An Spitzhacken im Permafrost, an Uranabbau im Baikalgebirge. An den Holodomor in der Ukraine unter Stalin.

Die sowjetischen Assoziationen hatte Victor möglicherweise deshalb, da er Maia zum ersten Mal in Moskau gesehen hatte, auf seinem iPhone, während einer Besprechung. Sie war durch die Lücke in der Hecke in seinen Garten gekommen, wo sie die Bewegungsmelder und somit die Alert-Funktion seiner Cribz-App aktiviert hatte. Auf seinem Touchscreen hatte er sie dabei beobachten können, wie sie durch seine gläsernen Außenwände sein Interieur begutachtet hatte.

Sie hatte nur ein langes T-Shirt getragen, und Victor hatte sich gefragt, was sie wohl darunter angehabt hatte – nichts? Einen String von La Perla? Einen weißen Baumwollslip wie seine Freundinnen in der Schule damals? Bevor er sich im Detail Maias Irokesen hatte ausmalen können, hatte er mehrfach seine große Lampe an- und ausgeschaltet, woraufhin sie panisch geflohen war und Victor manisch aufgelacht hatte – dies war in einem Meeting mit dem Strategiechef der Gazprom gewesen.

Von Beginn an hatte es zwischen ihnen die unausgesprochene Abmachung gegeben, einander nichts über die eigene Situation zu erzählen, sodass sie am Morgen, wenn Maia übernachtet hatte, da ihr Mann auf Reisen war, über das Zeitgeschehen sprachen, über das, was in der Frankfurter Allgemeinen zu lesen war. Maia zeigte eine Vorliebe dafür, mit der Politik zu beginnen, was Victor zupasskam, da er selber lieber über das Feuilleton einstieg – fuck buddies, eingespielt wie ein Ehepaar.

Wenn Victor ihren Ehemann sah, einen jungen Deutschbanker der alten Schule, musste er jedes Mal an die sorgfältigen Pitches denken, von Historikern kürzlich im Keller der Hauptfiliale Hannover entdeckt, mit denen sich die Deutsche Bank Anfang der 40er Jahre um die Finanzierung verschiedener Bauabschnitte des Vernichtungslagers Auschwitz beworben hatte. Aber Maias Gatte war harmlos, ein Sonderling, so sah es Victor, die Art Mann, der Wälder zur Jagd pachtet und sich in einer Art Förster-Outfit in seiner Freizeit darin auf die Lauer legt, um zur Erholung mit einem Präzisionsgewehr Pelztiere zu exekutieren. Der die Kadaver dann ausweidet, häutet, trocken reifen lässt und schließlich fein häckselt, um aus ihnen delikate dünne Wildbratwürste zu drehen.

Maia war zwölf Jahre jünger als er, und Victor war zu Beginn entsetzt darüber gewesen, was das in seinem Alter für einen Unterschied machte. Natürlich gab es den Mythos vom Mann, der immer attraktiver wurde, und tatsächlich ließen Victor seine grauen Strähnen stimmiger erscheinen. Andererseits war er 39, im Rentenalter für Investmentbanker, und wenn er sich nur für ein paar Wochen gehen ließ, also zu viel soff und zu wenig Zeit auf seinen Mountainbikes verbrachte, machte sich sofort das Verbrauchte an ihm bemerkbar, als Vorbote einer verfrühten Greisenhaftigkeit, möglicherweise als Spätfolge der schon erwähnten Phase der systematischen Überarbeitung, die in Victors Fall erst vor sechs oder sieben Jahren in den relativ entspannten Rhythmus einer kaum noch hinterfragbaren Weisungstätigkeit umgeschlagen war.

Maia hingegen war makellos, trotz Unterernährung, sie benutzte kein Make-up, sondern nur diese obszön teure Crème de la Mer, die im Zuge ihrer Herstellung angeblich mit »La Mer« beschallt wurde, dem Zyklus aus drei symphonischen Skizzen von Debussy, um ihre Moleküle optimal auszurichten und somit ihre Effektivität zu maximieren. Ein Tiegel der Crème kostete daher mehr als tausend Euro, obwohl es sich dabei, so Victors Verdacht, wie auch der Konsens unter den Kollegen, mit denen er über das Thema gesprochen hatte, in Wahrheit um Nivea handelte.

[...]

15:10 19.04.2018

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