Am Ende

Leseprobe "Vor einiger Zeit ist eine alte Frau zu uns gekommen. Sie zeigte mir eine geladene Pistole und sagte, sie wäre bereit, 'in Würde' zu sterben, wenn sie den Schmerz und die Verzweiflung nicht mehr ertragen könnte."
Am Ende
Foto: George Ourfalian/AFP/Getty Images

Einführung

Im ersten Teil dieses Buches haben wir die Newsletters gesammelt, die Pater Ibrahim Alsabagh via Internet an seine italienischen Freunde schickt, um mit ihnen das zu teilen, was er Tag für Tag in Aleppo erlebt. Sie sind eine Art »Live-Bericht«, oft ohne reflektierenden Kommentar, in denen das Staunen über das eben Erlebte nachklingt, so tragisch oder freudvoll es auch gewesen sein mag. Wir lesen die Eindrücke eines Christen, den es an eine Front des Hasses, aber auch der Hoffnung verschlagen hat, und der versucht, für seinen Glauben Rede und Antwort zu stehen.

Der erste Newsletter stammt vom 26. Januar 2015, wenige Wochen nach seiner Ankunft in der Stadt. Fast ungläubig beschreibt Pater Ibrahim die erschreckende Realität, mit der er hier konfrontiert wird. Aber er erzählt auch von den ersten Versuchen, eine Antwort zu finden, auf das Böse zu reagieren. Der letzte Newsletter ist vom 5. Januar 2017 – hier ist endlich von Wiederaufbau und Zukunft die Rede, wenngleich auch nur in einem Kontext, der nach wie vor kritisch ist.

Neben diesen Newslettern enthält der erste Teil einen Artikel aus der Feder Pater Ibrahims, der in Avvenire veröffentlicht wurde (12. Oktober 2015), Artikel, die in der Beilage besagter Zeitschrift erschienen sind (La porta aperta, 8. Mai und 9. Oktober 2016), und einen Brief an die Kinder der italienischen Oratorien, die an der Partnerschaft mit dem Sommeroratorium Pater Ibrahims in Aleppo teilnehmen.

Kurze redaktionelle Texte beschreiben jeweils den Kontext der erzählten Episoden im ersten Teil.

Anfang 2015, in den ersten Monaten, die Pater Ibrahim in Aleppo verbringt, starten die Rebellen eine Offensive gegen die Gebiete, die von der regulären syrischen Armee gehalten werden, und können an Boden gewinnen. Auch das Viertel, in dem sich die lateinische Pfarrei befindet, wird bombardiert. Die Franziskaner setzen ihre Arbeit unbeirrt fort: Sie nehmen Haussegnungen vor und richten für Schüler und Studenten einen Studiersaal ein.

26. Januar 2015

Ich habe bis zuletzt gehofft, dass ich wie vorgesehen nach Italien reisen kann, aber ich konnte meinen Mitbruder mit der Pfarrei nicht allein lassen. Auch deshalb schreibe ich diesen Brief, in dem ich euch von einigen Aspekten meiner Mission in Aleppo erzählen will.

Seit Weihnachten machen wir eine schwere Zeit durch; die Wohnhäuser in unserem Viertel werden unablässig mit Raketen und Gasflaschen beschossen. Letzten Donnerstag wurde eine katholische Kirche des armenischen Ritus angegriffen und teilweise zerstört. Die kontinuierlichen Bombardierungen zerstören viele Häuser. Die traurige Bilanz sind unzählige Tote und Schwerverletzte.

Der Winter von Aleppo

Der Winter in Aleppo stellt die Menschen auf eine harte Probe. Es gibt so gut wie kein Heizöl. Wir versuchen, von den öffentlichen Behörden wenigstens ein bisschen Öl für die Leute zu bekommen. Beim Gas sieht es nicht besser aus.

In unserer großen Franziskuskirche ist es eiskalt, aber die Gläubigen lassen sich davon nicht abschrecken, sie kommen mit heroischem Mut weiter hierher, um mit uns die Messe zu feiern. Mein Mitbruder und ich sind krank geworden. Jedes Mal, wenn wir in der Kirche Messe gefeiert oder Beichte gehört haben, wurde die Erkältung schlimmer. Es hat ziemlich lange gedauert, bis sie auskuriert war.

Der Wohltätigkeitsverein

In letzter Zeit habe ich damit begonnen, die Strukturen unseres Wohltätigkeitsvereins, eine Art Pfarrcaritas, zu verbessern. Wir haben das Personal – bezahlte und freiwillige Helfer – ausge- wechselt, und die Auswahl, ob jemand wirklich hilfsbedürftig ist und welche praktische Hilfe geleistet werden kann, erfolgt nun nach anderen Kriterien. Die monatliche Summe, die wir zur Unterstützung unserer Armen brauchen, wird immer höher; die vor Ort verfügbaren Mittel zugleich immer weniger, weil die Armut wächst. Die Zahl der von uns unterstützten Familien und Personen beläuft sich schon auf mehr als 230 und wird angesichts der vielen Anfragen, die bei uns eingehen, noch steigen. Liest man die neu eintreffenden Ersuche, kommt man fast immer zu dem Schluss, dass Hilfe nötig ist, und zwar sofort.

Ich bin mit unserem Verein aber immer noch nicht hundertprozentig zufrieden. Organisatorisch muss einiges verbessert werden, wenn wir noch mehr Menschen helfen wollen. Aber das, was seit meiner Ankunft in Aleppo bis heute getan wurde, war trotzdem nicht wenig!

Die dramatische finanzielle und soziale Lage

Die wirtschaftliche Situation in Syrien wird von Tag zu Tag schlechter. Vor ein paar Tagen hat die Regierung angekündigt, dass ein Liter Öl statt 85 syrischer Lira jetzt 125 kosten wird; der Preis für eine Flasche Gas ist von 1100 syrischen Lira auf unerschwingliche 1500 gestiegen. Dasselbe passiert auch beim Benzin. Sogar die Preise für Lebensmittel – selbst Grundnahrungsmittel – wurden drastisch erhöht. Man erwartet, dass die syrische Lira im Vergleich zum Dollar weiter an Wert verlieren wird – und damit wird auch die Armut wachsen. Wir bereiten uns darauf vor, dass alles noch schlimmer wird.

Man kann sich wohl unschwer vorstellen, wie verzweifelt die Menschen hier sind: kranke alte Menschen, die unter der schrecklichen Kälte leiden; Kinder und Frauen, die bereits Symptome chronischer Unterernährung zeigen; Familien, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können; Eltern, die ihre Gesundheit vernachlässigen und nicht selten auch wegen leichter, aber viel zu lange nicht behandelter Krankheiten große Gesundheitsschäden davontragen, manchmal sogar sterben.

Einige konkrete Fälle

Heute Morgen ist ein Ehepaar zu uns gekommen, das fünf Kinder im Studentenalter hat, aber keine Arbeit. Die Mutter hat mir anvertraut, dass sie eine Augenkrankheit hat und eigentlich operiert werden müsste, da sie schon fast nichts mehr sieht. Sie wollte aber von dem wenigen Geld, das ihnen geblieben ist, lieber die Universitätsgebühren für ihre Kinder bezahlen, auch wenn das bedeutete, dass sie blind würde oder verhungern müsste.

Jeden Tag habe ich hier mit mindestens vier Fällen bitterer Not zu tun. Vor einiger Zeit ist eine alte Frau zu uns gekommen und hat mir erzählt, wie arm und krank sie sei. Sie zeigte mir eine geladene Pistole und sagte, sie wäre bereit, »in Würde« zu sterben, wenn sie den Schmerz und die Verzweiflung nicht mehr ertragen könnte. Gestern kam eine Witwe mit zwei Kindern hierher, die schon seit zwei Monaten weder Gas, Öl noch Strom haben, nur ein bisschen Trinkwasser. Ich habe nicht lange gefackelt, eine Gasflasche unseres Klosters genommen, die gerade erst aufgefüllt worden war, und sie zu dieser Frau nach Hause geschickt.

Ein Lesesaal für die Studenten

Am 5. Januar haben an den syrischen Universitäten die Prüfungen begonnen. Wir haben also ein Projekt gestartet, um Studenten und Abiturienten zu helfen. Zuhause haben sie keinen Strom und keine Heizung. Und da auch die Bibliotheken in den Kirchen von Aleppo geschlossen sind, weil es kein Heizöl gibt, habe ich beschlossen, in der Pfarrei, in den Katechismusräumen, einen Lesesaal einzurichten. 60 Schüler und Studenten haben hier Platz. Wir haben den Raum eingerichtet und heizen ihn mit einem Gerät, das nur wenig Öl verbraucht. Die Studenten können jetzt von neun Uhr morgens bis acht Uhr abends hierher kommen, lesen und arbeiten.

Zu dem Projekt gehört auch, dass wir ein junges Ehepaar und ein paar Arbeitslose mit der Betreuung der Studenten betraut haben. Bisher haben sich 80 Studenten eingeschrieben. Wir verlangen eine geringe Einschreibgebühr. Im Studiersaal gibt es auch warme Getränke. Als ich gestern sah, wie viele dieser Jungen und Mädchen vom Morgen bis zum Abend nichts essen, haben wir Brot und Schokolade gekauft und ihnen etwas zu essen angeboten. Es war das schönste Geschenk, das sie sich vorstellen konnten!

Ich bin sehr zufrieden mit diesem konkreten Dienst, den wir den jungen Menschen hier noch anbieten können, und ich hoffe – sollte es die Vorsehung auch weiter gut mit uns meinen –, dass dieser Dienst permanent werden kann, also nicht nur in der Prüfungszeit angeboten wird, sondern das ganze Jahr über. Und ich hoffe auch, dass wir den Schülern und Studenten jeden Tag etwas zu essen geben können!

Die Haussegnungen

Seit dem 13. Januar gehe ich in die Wohnhäuser, um Haussegnungen vorzunehmen. Bei uns beginnt diese Zeit mit dem Fest der Taufe des Herrn. Am ersten Tag konnte ich sechs Häuser besuchen. Dabei habe ich mehrere Personen getroffen, auch Erwachsene, die das Sakrament der Firmung noch nicht empfangen haben, und viele alte Menschen, die nicht mehr aus dem Haus gehen können. Viele von ihnen haben mir gesagt, dass sie die Kommunion wenigstens einmal im Monat empfangen möchten. Ich habe auch viele arme Familien kennengelernt und sie eingeladen, in unseren Wohltätigkeitsverein zu kommen und sich eine monatliche Hilfe geben zu lassen.

Die Zeit zu finden, die Segnungen auch weiterhin wenigstens dreimal die Woche vorzunehmen, ist nicht leicht: Es ist ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit und die tausend Dinge, die erledigt werden müssen. Ich weiß nicht, ob ich es schaffen werde – zu viele Menschen kommen jeden Tag in mein Pfarrbüro. Aber ich bin mit mir im Reinen, weil ich weiß, dass ich mir keine Ruhe gönne. Ich gebe den Menschen hier wirklich alles, all meine Energie und Kraft. Mein Gewissen ist rein und ich fühle mich getröstet. Ich arbeite jeden Tag von sieben Uhr morgens bis elf Uhr abends, ohne mir eine Atempause, ja nicht einmal einen kurzen Spaziergang zu gönnen. Für unsere Arbeit hier bräuchten wir mindestens zehn Leute, nicht nur zwei. Und dabei tue ich eigentlich nicht mehr, als mein Vater und meine Mutter in vielen Jahren für mich getan haben. Es freut mich, dass auch ich mich anderen schenken kann wie ein Vater, der eine große Familie hat. Ich kann spüren, dass der Weg meiner Heiligkeit dem Vorbild meiner Eltern folgt, dem eifrigen Dienst, den sie mir erwiesen haben.

24. Februar 2015

Seit meiner Ankunft in Aleppo will der Strom der Menschen, die an unsere Tür klopfen, gar nicht mehr abreißen. Es sind vor allem Familien, die tagtäglich um jede Art von Hilfe bitten. Auf meinem Schreibtisch liegen viele kleine Zettel, jeder davon ist eine Notiz zu einem Fall oder einem Problem, das auf eine Lösung wartet. Jeden Tag kommen viele Menschen in mein Büro, manche sind aufgeregt, weinen oder schreien, andere schimpfen auf die Kirche – was mich manchmal auch verletzt. Alle werden mit einem Lächeln empfangen, mit großer Gelassenheit. Niemand wird weggeschickt, bevor er nicht Frieden im Herzen hat und ihm ein tröstliches Wort Gottes, ein guter Rat oder materielle Hilfe mit auf den Weg gegeben wurde. Nach diesen Begegnungen beten wir so lange, bis sich der Wille des Herrn auf klare Weise zeigt. Erst dann schreiten wir zur Tat – und das ist normalerweise das, was die Menschen am meisten überzeugt. Nicht selten kommt es auch vor, dass ich jemanden öfter kontaktieren muss, um neue Möglichkeiten zu besprechen und seine Situation noch besser kennenzulernen.

Ein typischer Tagesablauf

Mein Tag beginnt mit der Frühmesse um 7.30 Uhr. Ein Ordensbruder feiert die Messe, der andere hört Beichte. Danach ziehen wir uns zum Stundengebet in die Kapelle unseres Klosters zurück, wo wir die Laudes und die kleinen Horen beten; das Gebet erfolgt in vollkommener Ruhe und Stille. Und das sind die Momente, die uns mehr als alles andere die Stärke geben, weiterzumachen. Mit der Zeit ist uns bewusst geworden, dass es die beste Gelegenheit ist, gemeinsam zu beten – die viele Arbeit lässt uns für ein Gebet am späten Abend keine Zeit. Die Vespern dagegen betet jeder für sich allein. Nach einer knappen Stunde intensiven gemeinsamen Gebets in der Kapelle frühstücken wir – und sprechen uns dabei über das ab, was zu erledigen ist. Das nehmen wir anschließend im Pfarrbüro in Angriff, und die Glocke am Eingang fängt schon lange vor Beginn der offiziellen Besuchszeit zu läuten an. Gegen 13 Uhr unterbrechen wir unsere Arbeit für eine kurze Mittagspause, die wir Ordensbrüder auch nutzen, um die verschiedenen Situationen der Menschen zu besprechen, die am Vormittag zu uns gekommen sind. Danach gehen wir wieder ins Büro, wo wir unseren weiteren Verpflichtungen nachgehen oder Arbeiten erledigen, die viel Konzentration erfordern.

Um 15.30 Uhr kommen wieder Besucher; um 16.50 Uhr sind wir in der Basilika, wo einer von uns die Beichte hört, der andere die Eucharistie feiert. Danach stehen wieder Begegnun- gen auf dem Programm: im Pfarrbüro und mit den Pfarrgruppen. Um acht Uhr abends schließt der Lesesaal für die jungen Studenten. Wenn alle das Kloster verlassen haben, essen wir beiden Ordensbrüder zu Abend und sprechen uns noch einmal über die Gespräche, die Probleme und die Verpflichtungen ab, die am nächsten Tag auf dem Programm stehen.

Nach dem Abendessen gehen wir oft noch einmal ins Büro, um Dinge zu erledigen, die tagsüber liegen geblieben sind, weil die Ruhe ständig vom Lärm der Bomben oder Schusssalven gestört wird. Und wenn es zufällig einmal fließend Wasser gibt, gönnen wir uns am Ende eines erschöpfenden Tages eine Dusche, vielleicht sogar mit warmem Wasser! Nach dem persönlichen Gebet empfehlen wir uns dann dem Geist des Herrn an und können endlich schlafen gehen.

Wir überlegen, nach der Abendmesse mit den Pfarrmitgliedern, die dies wünschen, die Vesper auf Arabisch zu feiern. Hoffentlich gelingt es uns, damit wir das Geschenk der gemeinschaftlichen Vesperfeier nicht verlieren.

Die Zahl der Beerdigungen nimmt zu

Dieser Februar ist der Monat des Todes. Wir haben schon viel zu viele Beerdigungen erlebt, und es werden täglich mehr. Kälte und Unterernährung raffen vor allem alte und kranke Menschen dahin. Der Großteil der Verstorbenen sind arme Leute. Ein Priester hat mir anvertraut, dass diese Menschen nicht so sehr durch Kälte oder Hunger sterben – das, was sie wirklich umbringt, ist die Verzweiflung. Wenn es keinen Strom gibt, kein Heizöl, kein Wasser und kein Essen, haben die Armen keinen Lebenswillen mehr und geben sich irgendwann auf ...

5. März 2015

Aleppo, die zerstörte Stadt

Wie es um Aleppo steht, ist nicht in Worte zu fassen. Die Stadt ist zerstört, wurde mitten ins Herz getroffen.

Ein Priester, der die Situation in Syrien mit dem Bürgerkrieg im Libanon verglich, hat mir einmal gesagt: »Es stimmt, dass wir im Libanon unter Beschuss standen, dass es ein Krieg war, in dem jeder gegen jeden kämpfte, aber wir hatten wenigstens Arbeit! Das Problem am Syrienkrieg ist, dass die Leute, vor allem in Aleppo, ihre Arbeit verloren haben. Die erste Zerstörung hat eine zweite nach sich gezogen, auch die Grundressourcen und die Industrie zerstört.«

Was wir hier erleben, ist der Zusammenbruch des Wirtschaftssystems, der Zusammenbruch der gesamten Gesellschaft, eines Volkes, einer Kultur. In diesem Chaos wollen wir das Beziehungsnetzwerk sein, das die Menschen auffängt. Und wenn schon Damaskus gelitten hat unter dem Fehlen von Strom, der Teuerung und der Bombardierung der Wohnhäuser, dann hat es Aleppo noch schlimmer getroffen, weil hier auch noch Wasser, Nahrungsmittel und Arbeit fehlen. Trotz allem haben sich die Familien und die Bewohner der Stadt, zumindest der Großteil von ihnen, noch immer nicht entmutigen lassen. Da ist ein starker Widerstand, der seine Kraft aus dem Gebet zieht, aus dem rechten Glauben und der sicheren Hoffnung, und das zeigt sich vor allem angesichts der schweren Schicksalsschläge, die die Familien hier fast jeden Tag treffen: Tod von Kindern und Jugendlichen, Massenauswanderung junger Männer und der zermürbende Verlust der Arbeit.

Was mich ermutigt, mit meiner täglichen Mission weiterzumachen – trotz der Zeichen des Todes, die wir hier jeden Tag sehen –, sind die Worte, die Jesus über die Tochter des Jaïrus gesagt hat: »Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft.« (Markus 5,39) »Es gibt noch Hoffnung«: Diese Worte sind in Aleppo zum Glaubensbekenntnis des Pfarrers, der Pfarrmitglieder, ja aller Christen geworden. Das ist der Satz, den wir im Herzen und auf den Lippen tragen und unermüdlich statt der alten Glaubensbekenntnisse der ersten Christen wiederholen: »Jesus ist der Herr« und »Maranatha«, »Komm, Herr Jesus«.

Die Sendung Jesu, die heute in Syrien fortgesetzt wird

Die eucharistische Liturgie der letzten Tage hat uns die Stelle aus dem Markusevangelium vorgelegt, die von der Sendung Jesu erzählt. Jesus predigte das Evangelium auf den Straßen, trieb Dämonen aus, heilte die Menschen von jeder Art von Krankheit. Und wenn ich an meine Erfahrungen hier vor Ort in Aleppo denke – vor allem an die schwierigen Fälle, denen ich in meinem Pfarrbüro begegne –, kann ich erkennen, wie ich, als Glaubender und als Priester, genau diese Sendung fortführe: nicht nur die Heilung von Krankheiten des Körpers und der Seele durch das Wort und die Sakramente, sondern auch durch tägliche kleine, aber konkrete Gesten der Liebe. Wie Papst Franziskus in seiner Botschaft zur österlichen Bußzeit sagte, ist die Kirche die »Hand Gottes« – eine Hand, die heilt. Und ich fühle mich als Teil dieser zärtlichen Hand, die die tiefen Wunden der Menschheit streichelt und Heilung bringt.

Ich bin stolz, Teil und Werkzeug der Zärtlichkeit des Herrn zu sein, liebevolle Präsenz des Guten Hirten. Ich mache jeden Tag die Erfahrung dieser Heilkraft, die im Wort Gottes und in den Sakramenten liegt, vor allem im Sakrament der Eucharistie und der Versöhnung. Mir wird immer mehr bewusst, dass sich diese Hand nicht darauf beschränken darf, zu belehren, indem sie zur Heiligkeit ruft: Bevor sie den Aussätzigen heilt, muss sie ihn auch berühren.

Wie Pater Ibrahim in diesem Brief schreibt, ist das Leben in Aleppo absurd. Selbst in einer Zeit, in der alles relativ ruhig erscheint, kann das Viertel jederzeit von Raketen getroffen werden. Und dann ist auf einmal alles wieder anders.

[...]

14:37 10.08.2017

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