Ursachenforschung

Leseprobe "Die Fragen kommen immer wieder: Wie kommt denn so etwas? Wie wird man denn Schiedsrichter? Muss man da nicht ein Masochist sein und ein Sadist vielleicht noch dazu?"
Ursachenforschung
Foto: Thomas Starke/Bongarts/Getty Images

Aufstehen

Prüfung. Ein Anfang

Es fing an im Hinterzimmer einer Vereinsgaststätte. Dort fängt so etwas immer an. Eine braune, abgeschabte Raumabtrennung aus Plastik, dahinter zwei lange Tischreihen. Von der anderen Seite dringen die Geräusche herüber, die sich demjenigen, der seit seiner frühen Kindheit in Gaststätten dieser Art verkehrt, zu einem vertrauten Klangteppich, zu einem Sound des geselligen Lebens verdichten: das Klappern von Würfelbechern, das Klirren der Gläser im Spülbecken, der auf mittlere Lautstärke eingestellte Fernseher, der irgendeine Sportübertragung zeigt, das gedämpfte Gerede der Stammgäste, die, wenn eine neue Runde serviert wird, mit ihren dickbauchigen Biergläsern anstoßen, in denen sich Pfungstädter oder Eichbaum oder Licher Pils befindet.

Hier, auf unserer Seite des Raumteilers, wird gearbeitet. Da sitzt eine Gruppe von 30, 40 Jugendlichen und einigen Erwachsenen, schaut nach vorne an die Wand, an die mit einem Overheadprojektor Zeichnungen und Diagramme geworfen werden, hört dem Mann mit dem sorgfältig ondulierten Haar und dem Schnurrbart zu, der von der Regel 12, von verlorener und vergeudeter Zeit (die philosophische Dimension dieser Begriffe wird sich erst später erschließen) erzählt, von Abseits, absichtlichem Handspiel und den Maßen des Spielfeldes. Es ist das Jahr 1988, es ist noch eine andere Epoche, ein anderes Land als das, in dem wir heute leben. Die alte Bundesrepublik der Kohl-Ära.

Es gibt schlimmere Zeiten und schlimmere Orte, um groß zu werden. Es ist ein Land, das es sich in seiner Friedlichkeit und in der perfekten Simulation wirtschaftlicher Grundgesundheit bequem gemacht hat. Ein Land, in dem die Renten sicher sind. Andererseits sind die autoritären Strukturen, die sich gehalten haben, deutlich zu spüren. Die Funktionäre, die hier vor uns stehen, sind keine Tyrannen, sie züchtigen nicht körperlich. Aber sie treten Jugendlichen mit dem selbstverständlichen Anspruch absoluter Autorität entgegen. Die Atmosphäre ist konzentriert. Wer stört, wird ermahnt oder gefragt, ob er antiautoritär erzogen worden sei (eine Frage, die einer Beschimpfung gleichkommt).

Hier, in diesem abgetrennten Raum, an langen Tischen, geht es um eine ernste Sache: die Prüfung zum Fußballschiedsrichter. Ich bin 14 Jahre alt. Und ich sitze hier, um mich ausbilden zu lassen. Der Fußball hat mich beschäftigt, seit ich denken kann. Mein Vater, ein geborener Hamburger, hat seine Liebe zum HSV an meinen älteren Bruder vererbt. Bei mir ist er damit nicht weit gekommen. Ich war Bayern-Fan, ja, wirklich, Bayern München, bevor ich angesteckt wurde von Klassen- und Mannschaftskameraden und zur Frankfurter Eintracht konvertierte. Ein harter Schwenk, ich gebe es zu, sportpolitisch auch nicht korrekt, aber hoffentlich mittlerweile verjährt. Mein erster richtiger Stadionbesuch allerdings war in der Saison 1978/79 das Spiel zwischen Darmstadt 98 und – selbstverständlich – dem HSV, zu dem mein Vater und mein Bruder mich mitgenommen hatten.

Das Darmstädter Stadion am Böllenfalltor war pickepackevoll, es hatte und hat, heute erst recht, da es seit Jahrzehnten aus den üblichen Gründen, leere Stadtkasse, leere Vereinskasse, nicht saniert worden ist, eine Atmosphäre von leicht morbidem Charme. An jenem Bundesligaspieltag am 24. März 1979 konnte ich selbstverständlich nicht ahnen, dass ich mich einmal, nach diversen Abstiegen des Vereins Darmstadt 98, als Schiedsrichter in den Katakomben des Stadions umziehen und die Tür, die direkt in einen schmalen dunklen Gang unter die Haupttribüne des Stadions führt, öffnen würde, das Raunen und Stampfen der Zuschauer über mir, und tatsächlich mit der ersten Mannschaft dieses Vereins zu einem Punktspiel auf den Rasen laufen würde, auf dem 25 Jahre zuvor Horst Hrubesch, Manfred Kaltz, Kevin Keegan und Felix Magath für den späteren Deutschen Meister Hamburger Sportverein standen (die Darmstädter stiegen als Tabellenletzter umgehend wieder ab). Das Spiel, ich musste nicht nachschauen, endete 1:2, und meine einzige Erinnerung daran, außer dem Ergebnis, ist die, dass die Darmstädter Anhänger nach einem Tor des HSV, gemäß dem Vereinswappen der 98er, das eine Lilie zeigt, lautstark ihren Schlachtruf »Lilien, Lilien« anstimmten und der Fünfjährige, der ich war, sich wunderte: Warum rufen die alle Linie? Der Ball war doch klar im Tor. Ich traute mich nicht, meinen Vater oder meinen Bruder zu fragen, weil es mir wie eine dumme Frage vorkam. Was es auch war. Das Spiel wurde geleitet von Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder aus Oberhausen, einem Mann, der schon zu aktiven Zeiten zur Kultfigur geworden war, weil er einmal die erste Halbzeit eines Bundesligaspiels 13 Minuten zu früh abgepfiffen hatte – er war vollkommen betrunken. Später wurde er mit dem Satz zitiert: »Wir sind Männer, wir trinken keine Fanta«.

In Bremen, wo sich jenes denkwürdige Ereignis zugetragen hat, kann man noch heute in den Kneipen einen Ahlenfelder bestellen und bekommt ein Gedeck aus einem Bier und einem Malteser. Bis zu seinem Tod im Jahr 2014 erzählte er immer davon, wie schön es war, nach den Spielen mit den Mannschaften zusammen ein Bier zu trinken. Oder er erzählte, dass er, wenn er einen Spieler streng ermahnen wollte, diesen daran erinnerte, dass man doch später schließlich noch gemeinsam ein Bier trinken wolle. Darauf war er stolz. Als man ihm die Öffentlichkeit nahm und von der Bundesligaliste strich, hat man ihm sein Leben genommen. Alleine Bier trinken ist auf Dauer deprimierend.

Seit ich sechs Jahre alt war, stand ich im Tor meines Dorfvereins, des SV Nauheim 07. Nauheim, Kreis Groß-Gerau, Südhessen, ziemlich genau im Dreieck zwischen Mainz, Darmstadt und Frankfurt gelegen, hörbare Flughafennähe, Rüsselsheim nebenan. Wer hier keinen Opel fuhr, kam in Erklärungsnot. Nauheim hat heute etwas mehr als 10000 Einwohner, in meiner Kindheit, vor den Neubaugebieten, waren es weit weniger, eine jener Ortschaften, die nach dem Krieg zu sogenannten Vertriebenendörfern wurden, in denen sich die Flüchtlinge aus den Ostgebieten, aus Sudetendeutschland hauptsächlich, ansiedelten. Die Gaststätten hießen »Zum Odenwälder« oder »Zum Egerländer« (so heißen sie noch heute, nur wird dort mittlerweile griechisch oder italienisch gekocht); die Leute fuhren zum Opel nach Rüsselsheim oder zum Frankfurter Flughafen zur Arbeit oder, wenn sie Vertriebene waren, bauten Instrumente.

Noch heute rühmt man sich dafür, dass das Saxophon, auf dem Bill Clinton spielt, in Nauheim gebaut wurde. Es war keine Frage, ob ich einmal zum Fußball und in den Verein gehen würde oder nicht. Tennisspielen war damals noch so wie FDP wählen: Das taten die Neureichen aus dem Neubaugebiet, die glaubten, etwas Besseres zu sein. Mein fünf Jahre älterer Bruder spielte beim SV 07, meine Kindergarten- und Erstklässlerfreunde traten dort ein, weil auch ihre Eltern bereits Mitglieder waren; schon in der Vorschulzeit habe ich mit meinem Bruder oder Freunden in Höfen, Gärten oder auf den seinerzeit noch wenig befahrenen Straßen Nauheims gegen mehr oder weniger brauchbare Bälle getreten, Fensterscheiben zerdeppert und Beulen in parkende Autos geschossen. Die Sportschau am frühen Samstagabend zu verpassen, war ebenso undenkbar, wie am folgenden Sonntagmorgen nicht in den Gottesdienst zu gehen. Der Gleichklang einer friedlichen bundesrepublikanischen Bürgerkindheit.

Ich wollte nicht im Tor stehen, aber wenn eine Mannschaft sich neu formiert, muss es einer tun, und zumeist ist es dann derjenige, der sich nicht in jedem Training aufs Neue wehrt, wenn der Trainer ihn dorthin stellt. Im Nachhinein betrachtet allerdings ist die Torhüterposition der Beginn einer Kontinuität, die sich durch mein Leben hindurch fortsetzen sollte: Es ist die Haltung des etwas beiseite Stehenden, das Geschehen vom Rand her Betrachtenden. Die eines Menschen, der nicht ganz dazugehört und doch mitmacht. Ich weiß bis heute nicht, ob Souveränität oder mangelndes Talent mich in diese Position gebracht haben: Ich wurde kein Fußballspieler, sondern Torhüter und dann Schiedsrichter.

Ich wurde kein Schriftsteller, sondern Kritiker. Adorno hätte dafür wahrscheinlich eine Formulierung gefunden wie: immer ganz knapp am Eigentlichen vorbei. Auf dem Platz selbst kommt das freimütige, halbironische Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit im Übrigen immer bestens an. Klassischer Spieler-Schiri-Dialog: »Wohl nie selbst gegen den Ball getreten, was?« »Doch, aber nicht lange und auch nicht so gut wie du, sonst würden wir ja jetzt das gleiche Trikot tragen.« Ahlenfelder hätte sich nach dem Spiel für seine eigene Schlagfertigkeit umgehend mit einem Bier belohnt.

In der F-Jugend wurden wir Kreismeister. Einige Jahre später, als Zwölfjährige, spielten wir zwei Jahre in der seinerzeit höchsten hessischen Jugendklasse. Und auch da hielten wir mit. Ich war kein schlechter Torwart, aber auch kein überragender. Meine Reflexe auf der Linie waren überdurchschnittlich gut, meine Strafraumbeherrschung eher nicht. Ich litt an einer nicht abstellbaren Nervosität. Ich machte Fehler, tauchte unter Bällen hindurch, so dass am langen Pfosten der Stürmer nur noch den Kopf hinhalten musste. Erst viele Jahre später, als Schiedsrichter, hatte ich die Einsicht, dass etwas nicht stimmt, wenn diese Nervosität vor dem Anpfiff nicht mehr da ist. Aber ich merkte auch, dass sie mit dem Anpfiff verfliegen, sich in eine produktive Anspannung verwandeln und einer – wenn auch konzentrierten – Leichtigkeit weichen muss. Das geschah bei mir als Fußballer nicht. Irgendwann war einer da, der besser war als ich. Deutlich besser. Soweit ich weiß, steht er noch heute, im Alter von rund 40 Jahren, im Tor der ersten Mannschaft des SV Nauheim 07 in der Kreisoberliga Groß-Gerau/ Darmstadt. Sie haben noch keinen gefunden, der ihn ersetzen könnte. Ich landete auf der Ersatzbank, immer öfter. Ein eher unangenehmer Ort für einen 14-Jährigen. Schließlich will man mitmachen, spielen. Und somit war ich einer der Kandidaten, die eines Tages von unserem Jugendleiter angesprochen und gefragt wurden, ob sie es nicht einmal mit einem Schiedsrichter-Neulingslehrgang versuchen wollten.

Die Fragen kommen immer wieder: Wie kommt denn so etwas? Wie wird man denn Schiedsrichter? Muss man da nicht ein Masochist sein und ein Sadist vielleicht noch dazu? Die Antwort auf die Frage »Warum wird man Schiedsrichter?« ist relativ einfach: Jeder Verein ist verpflichtet, eine bestimmte Anzahl von Schiedsrichtern zu stellen, proportional zur Zahl der Mannschaften, die am Spielbetrieb teilnehmen. Geschieht das nicht, drohen Strafen, die bis zum Punktabzug gehen können. Fehlende Schiedsrichter können im Amateursport im Extremfall Auswirkung auf Ab- und Aufstieg haben. Also setzen die Vereine alles daran, Kandidaten für das wenig populäre Amt zu finden. Und das sind meistens diejenigen, die als Fußballer nicht gebraucht werden. Also wurde auch ich angesprochen und sagte erst einmal ja. Kurz darauf fuhr ich zusammen mit meinem Mannschaftskameraden Dogan (Linksaußen, ebenfalls zweite Wahl; da ist es wieder, das Klischee von Torhütern und Linksaußen, die angeblich einen an der Klatsche haben) eine Woche lang Abend für Abend mit dem Fahrrad durch die Novemberkälte in die benachbarte Kreisstadt, in das Hinterzimmer des Vereinsheims, um dem Mann mit dem Schnurrbart zuzuhören.

Viel interessanter als die Frage, warum man Schiedsrichter geworden ist, ist die, warum man es auch geblieben ist. Dass es Menschen gibt, die freiwillig einen Problemberuf ergreifen, ist bekannt. Ich habe einmal ein Porträt über einen Mann geschrieben, der den ganzen Tag in Kläranlagen tauchte, wenn sie verstopft waren. Er sprach nicht gerade mit brennender Begeisterung über seinen Arbeitsalltag, aber doch in einem Tonfall, der ein gewisses Restmaß an Freude ausdrückte. Nun ist das Schiedsrichterdasein erstens kein Hauptberuf und zweitens nicht vergleichbar damit, tagtäglich in einem Becken voller Scheiße zu baden, aber der verbale Shitstorm, der einen treffen kann (nicht muss, und schon gar nicht jede Woche), muss auch erst einmal weggesteckt werden. Man macht trotzdem weiter. Aber warum? Die Antwort ist komplex und vielschichtig.

Ich hätte schon lange ein ganzes Buch darüber schreiben können. Jetzt mache ich es. Der Mann mit Schnurrbart vor den beiden langen Tischreihen, im Hauptberuf Ingenieur und Dozent an einer Fachhochschule, wie wir später erfuhren, konnte, das waren wir aus dem Fußballumfeld so nicht gewohnt, reden, in ganzen, geschliffenen Sätzen. Er war nicht auf den ersten, aber auf den zweiten Blick sympathisch und er ließ keinen Zweifel daran, dass er mehr wusste als jeder andere, dass er es besser wusste, dass er ein Spezialist war. Und genau dazu wollte er uns auch machen. Er sollte derjenige sein, der mich später erstmals als jungen Linienrichter, wie es seinerzeit noch hieß, zu einem seiner Spiele mitnahm. Er war es auch, der mich nach einem groben Anfängerfehler, den ich in diesem Spiel beging (ich hob tatsächlich bei einem Abstoß die Fahne zum Abseits, obwohl es gerade die Ausnahmen waren, die man uns ganz besonders eingebleut hatte: Eckstoß, Abstoß, Einwurf ), trotzdem noch einmal an die Seitenlinie stellte. Er war ein warmherziger Mann in einer kühlen Hülle, kein Instinktschiedsrichter, sondern ein Regelintellektueller.

Rund 15 Jahre später setzte er seinem Leben selbst ein Ende; die Todesanzeige habe ich bis heute aufbewahrt. Aber das ist eine andere Geschichte. Noch sind wir im Hinterzimmer des Vereinsheims, viermal vier Stunden in einer Woche. Eine Woche, in der ich nicht nur innerlich Abbitte geleistet habe für diverse Reklamationen gegen Entscheidungen auf dem Platz, sondern auch gelernt habe, den Sport, meinen Sport, aus einer vollkommen neuen Perspektive zu betrachten und mit einem vollkommen neuen Vokabular zu beschreiben. Es gibt viele Gründe, warum nicht wenige frisch ausgebildete Schiedsrichter nach kurzer Zeit wieder das Handtuch werfen. Ein entscheidender Grund ist, dass sie den Rollenwechsel nicht leisten können, sosehr sie auch wollen. Genau darum hat wohl auch der DFB die Idee, ehemalige Fußballprofis zu Schiedsrichtern umzufunktionieren, schnell wieder aufgegeben – sie könnten es schlicht und einfach nicht. Einen Schiedsrichter-Neulingslehrgang zu besuchen, ist, als würde man eine Fahrschul-Theoriestunde besuchen. Der Unterschied ist nur der, dass man in der Fahrschule auch mal in ein Auto steigt, bevor man den Führerschein ausgestellt bekommt. Ein Schiedsrichter wird ohne praktische Einweisung (außer der, die er sich in seinem Vor- oder Parallelleben als Fußballer ohnehin erworben hat) auf die Plätze geschickt. Die Prüfung ist in diesem Fall lediglich der Nachweis, dass man in der Lage sein könnte, ein Spiel zu leiten. Wie sollte es auch anders gehen? Heute werden die Absolventen zumindest noch auf die Laufbahn geschickt, um ihre körperlichen Fähigkeiten nachzuweisen.

Der Fußball wurde in dieser einen Woche zum Abstraktum. Abseits der staubigen Hartplätze, auf denen wir sonst zu spielen pflegten, zerlegte der Mann mit dem Schnurrbart unser Hobby in ein System aus Regeln, Vorschriften und Geboten. Alles andere, was außerhalb dieser Vorschriften liegt und einen guten Schiedsrichter in mindestens gleichem Maße bestimmt, lernt man nicht auf einem Neulingslehrgang, sondern auf dem Platz. Und das braucht Zeit. Und mit der Zeit füllten sich dann tatsächlich auch all diese Abstrakta mit Inhalt, mit Bedeutung, mit Leben. Ein Neulingslehrgang ist ein Anfang, dem kein Zauber innewohnt; er hat nichts Mythisches an sich. Die neue Perspektive auf das Spiel und die praktischen Erfahrungen verbinden sich nicht in einer blitzartigen Erkenntnis. Es gibt nicht den Schiedsrichtermoment; es gibt ganz viele davon, und jeder ist überraschend. Der Satz, der, ich habe es überprüft, auf jedem Lehrgang aufgesagt wird, lautet: »Du musst in jedem Moment auf dem Platz damit rechnen, dass etwas völlig Überraschendes geschieht.« Das kann man wissen und sich vorbeten, ob man in diesem Moment dann trotzdem die richtige Entscheidung trifft, steht auf einem völlig anderen Blatt.

Am fünften und letzten Tag des Lehrgangs füllten wir dann einen Fragebogen aus. Auswendig gelerntes Wissen, das nun in Diagrammen und in einem Ankreuztest abgefragt wurde. Es ging um die Mindesthöhe der Eckfahnen, um die Spielzeit für ein D-Jugend-Spiel und darum, wie man einen indirekten Freistoß auszuführen hat. Basiswissen. Auf späteren Lehrgängen in höheren Klassen hat sich der Lehrwart einmal den Spaß erlaubt, nicht irgendwelche komplizierten, komplex konstruierten Regelfragen, sondern genau dieses Basiswissen abzufragen. Das Ergebnis war einigermaßen erstaunlich – die Durchfallquote lag weit über dem Durchschnitt. Doch nun wusste ich also, welchen Umfang der Ball zu haben hat und wie viele Hilfsflaggen oder Hütchen aufgestellt werden müssen, wenn es völlig überraschend anfangen sollte zu schneien und die Seitenlinien nicht mehr erkennbar sind. 100 Punkte gab es zu erreichen. Ich schaffte 96,5.

Demnächst, nach dem Besuch der Pflichtsitzung, würden wir unsere ersten Spiele bekommen, hieß es. Und in ein paar Monaten dann auch den begehrten Ausweis, mit dem man in jedes Stadion in Deutschland hineinkommt, ohne Eintritt bezahlen zu müssen. Ich war 14 Jahre alt und Fußballschiedsrichter. Ich war neugierig auf meine ersten Einsätze. Und ich hatte keine Ahnung, was es für mein weiteres Leben bedeuten würde.

12:54 30.04.2015

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