Die andere Seite

Leseprobe "Das Bedürfnis, auch die andere Seite anzuschauen. Ein bisschen wie der ungläubige Thomas; das ist auch so einer, der mit der Hand zwanghaft noch mal Richtung Wunde muss und unbedingt reinfühlen will."
Die andere Seite
Foto: Issouf Sanogo/AFP/Getty Images

Künstler sollen in unserer Gesellschaft ja auf jeden Fall immer die Guten sein. Aber kein Mensch ist einfach nur gut! Und Gott ist nicht einfach nur gütig! Man muss doch schauen, was man selbst an Bösem in sich hat, welche Obsessionen und düsteren Gespenster in einem rumoren. Ich glaube auch den Leuten nicht mehr, die genau zu wissen meinen, was jetzt alles getan werden muss, damit hier endlich mal alles anders und besser wird. Wie viele behaupten, sie wüssten genau, was jetzt zu tun ist – unglaublich! Wenn ich so etwas höre, ist mir das inzwischen sehr, sehr fremd. Und ich bin sicher, es ist falsch. Das Leben besteht aus Gegensätzen und Widersprüchen, aus Irrwitz und Wahnsinn. Da kann man doch nicht so tun, als gäbe es nur die eine Wahrheit, als wäre eine saubere Trennung möglich: hier die Guten, da die Bösen. Ich kann nicht nur an das Gute glauben. Ich kann nie nur mit der einen Seite der Medaille leben. Immer ist da das Bedürfnis, auch die andere Seite anzuschauen. Ein bisschen wie der ungläubige Thomas; das ist für mich auch so einer, der mit der Hand zwanghaft noch mal Richtung Wunde muss und unbedingt reinfühlen will.

Ich finde, ein Künstler – und Künstler ist eigentlich ein schlechter Ausdruck, ich meine jeden, der irgendwie abarbeitet, was im Leben auf ihn einstürmt – muss doch auch sagen können: Ich bin böse. Ich will das Böse in mir schildern. Eigentlich ist die gesamte moderne Kunst eine zutiefst böse und aggressive Veranstaltung. Zum Beispiel das surrealistische Manifest von Breton: „Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen.“ Oder Duchamps Readymades: Einen Gegenstand in einen anderen Kontext zu setzen, zum Beispiel einen Flaschentrockner oder ein Pissoir im Museum auszustellen, ist doch ein böser Akt. Oder plötzlich hinzugehen und zu sagen: „Ich nehme einen Eimer mit Farbe und schleudere den über eine Leinwand.“ Was macht denn der da? Spinnt der? Das ist doch ein böser Vorgang, wenn man an all die schön ausgepinselten Bilder aus dem Mittelalter denkt. Oder plötzlich zu erklären: „Ich mache hier jetzt eine Fettecke ans Haus, außerdem nagele ich gleich mal noch meinen Fußnagel an die Wand. Mein Name ist Joseph Beuys, schönen Abend noch.“ Das sind doch alles böse, aggressive Vorgänge, triebhafte Elemente, würde ich sagen.

Wäre ich ein Drecksschwein geworden?

Gerade wir hier in Deutschland haben ja ein Riesenproblem damit zuzugeben, dass wir letztlich keine Ahnung haben, was diese ganze Veranstaltung namens Hitler war. Mir war und ist Hitler und die Zeit des Nationalsozialismus jedenfalls ein riesiges Rätsel. Natürlich habe ich Bücher gelesen, Dokumentationen, Ausstellungen und Filme gesehen, und hier noch und da noch – man kann ja nun wirklich genug darüber sehen und lesen. Aber diese ganze kritische „Vergangenheitsbewältigung“ und märtyrerhafte „Erinnerungskultur“ nützen überhaupt nichts, glaube ich. Im Gegenteil: Damit hält man sich die Vergangenheit hübsch sauber auf Distanz. Eigentlich sind sie eine gigantische Vernichtungsmaschine der Vergangenheit, die verhindert, dass dieser ganze giftig-pathetische Kitsch mal endlich richtig durchgearbeitet wird. Denn es bleiben ja trotzdem die Fragen: Was wäre ich denn zu der Zeit gewesen? Wäre ich nicht auch so ein Drecksschwein geworden? Hätte ich nicht auch mitgemacht? Hätte mich dieser Kitsch nicht auch angemacht?

Diese Fragen haben mich eine lange Zeit sehr gequält. Und natürlich habe ich keine Antwort gefunden. Ich weiß es bis heute nicht. Aber ich glaube, wer von sich behauptet, er wäre im Dritten Reich als Guter durchgekommen, muss schon extrem stabil sein. So wie eben ganz wenige. Vielleicht wären es heute auch ganz viele, das weiß ich ja nicht. Ich glaube jedenfalls, ich selbst wäre gefährdet gewesen. Und deswegen habe ich mich immer mehr für die Täter als für die Opfer interessiert. Der Täter ist doch die schizophrene Figur, die man erforschen muss. Wo kommt der denn her? Der muss doch sozialisiert worden sein, irgendetwas muss doch da passiert sein. Dass Hitler mal Künstler werden wollte und dass er, weil das nicht geklappt hat, stattdessen eben Kriegskünstler geworden ist – das kann es als Erklärung doch auch nicht sein. Da muss doch noch mehr gewesen sein. Dieses Rätsel hat bis jetzt kein Guido Knopp, keine Albert-Speer- oder Leni-Riefenstahl-Biografie aufgelöst.

Natürlich auch ich nicht, aber mit 100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker habe ich versucht, mich an diesen Unheilswahn des Faschismus ranzuwagen, möglichst nahe, denn man kann doch nur etwas vertreiben, was man auch ungeschützt und ungesichert an sich ranlässt. Nicht um Hitler, Göring oder Goebbels besser zu verstehen. Es ging nicht um irgendwelche historischen Psychogramme, nicht um Demaskierung, auch nicht um Trauerarbeit. Sondern es ging um den Wahn im Hier und Jetzt, um die Führergespenster, den Dreck in uns selbst. ( ... )

Im Kern lautete die Frage: Was ist die letzte Stunde von Menschen, die sagen, sie möchten etwas ganz Großes erreichen, im Positiven wie im Negativen? Man will ein ganzes Universum bauen und sitzt dann nachher ziemlich zerschmettert und depressiv rum und muss mit ansehen, dass nichts dergleichen passiert ist, sondern das Ganze extrem viel Menschenleben und Freiheit gekostet hat. Dieser Moment ist eben die letzte Stunde im Führerbunker.

Patenonkel in Stalingrad

Wie gesagt: Ich glaube, wenn ich zum Beispiel wie Veit Harlan damals die Chance gehabt hätte, für die Ufa große Filme zu drehen, dann wäre ich gefährdet gewesen. Der Harlan fasziniert mich eben auch, zum Beispiel sein Melodram Opfergang: Das spielt in Hamburg, wurde dort im Dezember 1944 uraufgeführt, die ganze Stadt schon durch den Feuersturm zerstört, bei Harlan aber alles tipptopp, und am Ende kommt der große Satz: „Wer weiß, was wirklich ist.“ Das sind einfach Momente, mit denen auch ich zu tun habe, kurz vor dem Hitler-Film habe ich ja dann auch ein Remake von Opfergang gedreht. Und bei einer Diskussion nach einer Filmvorführung von 100 Jahre Adolf Hitler in Hamburg habe ich mal behauptet, dass ich wahrscheinlich ein exzellenter Aufseher in einem Konzentrationslager geworden wäre. Das war damals für Thomas Mitscherlich, den Sohn von Alexander Mitscherlich, der auch Filmemacher war, ein unglaublicher Fauxpas. Er hat sich wahnsinnig aufgeregt über diesen Satz, fand das eine Verniedlichung des Themas und meinte, ich sei ein kindlicher Nazi.

Es war bestimmt auch missverständlich. Was ich damit aber meinte, war dieses Abarbeiten-Müssen einer Angst. Wie schon bei Menu Total. Ich hatte die Angst in mir – manchmal spüre ich sie heute noch –, dass da irgendwelche Nazi-Moleküle in mir stecken. Und diese Angst habe doch bestimmt nicht nur ich, die schlummert doch wahrscheinlich in ganz vielen. Wie gesagt: Ich komme nicht aus einer alten Nazi-Familie, mein Vater war überhaupt nicht im Krieg, weil er zu jung war und außerdem ein viel zu schmächtiger Typ. Rippenfell- und Lungenentzündungen hatte er als Kind. Mein Patenonkel war in Stalingrad und behauptet, er sei gerettet worden, weil er irgendeine Medaille am Herzen getragen habe. Ein Schuss habe genau diese Medaille getroffen. Sein Bruder ist in Stalingrad als Feldpriester gefallen. Da erinnere ich mich noch an ein Bild bei meiner Oma, das mir immer imponiert hat: ein großes Foto von ihrem Sohn, daneben sein Wehrmachtsausweis, auf dem ein dunkler Fleck zu sehen war. Sein Blut muss wohl auf diesen Ausweis getropft sein. Ich bin aber über einige Ecken mit Goebbels verwandt, meine Großmutter ist eine geborene Goebbels, sie war die Cousine der Cousine, glaube ich. Vielleicht gibt es da also wirklich Moleküle in mir. Auf jeden Fall gab es die Angst, dass die zur Wirkung kommen könnten. Also musste ich sie doch vorher schon abnutzen, in einer Art Exorzismus austreiben, bevor die sich vielleicht von selbst wieder aufgebläht hätten. Man kann nur dann etwas abarbeiten, wenn man es auch benutzt, glaube ich. Ich bin da kein Experte, aber vielleicht ist das auch eins der Probleme mit dieser ganzen Neonaziszene: Der Faschismus wurde nicht abgenutzt. Den Hitler hat man seit 1945 leider nicht abgenutzt, man hat ihn nicht zum Gebrauch hingeworfen, hat nicht gesagt: Lest die Scheiße, benutzt es, nutzt es ab – dann wird es sich schon zerschleudern und zerfleddern und keiner wird mehr Interesse haben, diese kaputte Jacke anzuziehen. Dann können all die Symbole und Parolen endlich als Weltraumschrott enden, hinauskatapultiert ins x-te Universum, statt immer wieder hier unten rumzuwabern. Aber das ist bis heute nicht passiert, weil immer diese Hochadelskultur einsetzt und sagt: „Nein, um Gottes willen! Käseglocke drüber! Tempelanlage bauen! Wahnsinn! Vorsicht! Achtung! Kein falsches Wort jetzt!“

Diese Wohlanständigkeit funktioniert doch nicht, die ist doch zum Kotzen. Da ist es viel besser, sich kaputtzulachen über diesen ganzen Scheißhaufen. Das haben wir bei den Dreharbeiten auch getan, als zum Beispiel Dietrich Kuhlbrodt als Joseph Goebbels bei einer Balgerei im Bett immer wieder das Toupet verrutschte. Oder als bei Udo Kier als Hitler Augenbrauen und Schnurrbart partout nicht kleben bleiben wollten. Und ich denke, das kann auch der Zuschauer, wenn er sich auf den Film einlässt.

Sterben lernen geht nicht

Im Kern ist klar: Sterben lernen geht nicht! Wenn ich jetzt wirklich in Zürich einen Theaterabend zum Sterbenlernen machen soll, müsste man das mit so einer Bühneninstallation auch rüberbringen. Ich sehe nicht, dass das eine stringente Handlung hat. Auch keine Drehbühne, die ich sonst so liebe, weil man immer wieder in einen neuen Kasten reingucken kann und glaubt, ah, jetzt haben wir eine Lösung, nein, doch nicht, da kommt ja schon der nächste Kasten, warum geht denn die Handlung nicht weiter?

Aber solche weichen Wechsel gehen diesmal nicht. In diesem Fall müsste es eine Art Raumstation sein, eine Zwischenzone: Raumschiff Enterprise, wir stoßen vor in eine Galaxie, die noch nie ein Mensch gesehen hat, Beam-me-up-Scotty. Wenn wir eine Raumstation hätten, bräuchten wir dann einen Computer, der mit allen Tatsachen der Welt gefüttert würde. Wie bei Kubrick, Odyssee im Weltraum, dieser Supercomputer HAL: Wenn man rausgeht, wird man nass. Wenn etwas sauer ist, verzieht man das Gesicht. Der Mensch mag alles, was süß ist. Aber was ist, wenn einer einen Regenschirm hat? Oder was ist mit dem, der bittere Schokolade mag? Solche Unschärfen werden nicht berücksichtigt – und dann wird’s halt schwierig. Ich stelle mir auch so eine Vorhangkabine vor, wo man reingeht, von hinten bekommt man Licht und spricht dann als Schatten in ein Mikrofon, das die Stimme verzerrt: Hier spricht Doktor Mabuse.

Auch gut wäre: eine Krankenstation. Operation Ende. Patient tot. Monster lebt. Aber dann muss es, zack, Überblendtechnik, sofort weitergehen. Von der Raumschiff-Besatzung noch ein kurzer Psalm gesungen, und dann gibt’s vorne schon wieder die nächste Kanzel-Situation, wo der Nächste seine Botschaften zu der Unfähigkeit, sterben zu lernen, erzählt. Was ich auch mag, sind diese Funker, also die Typen, die mit dem Kopfhörer an den Funkgeräten sitzen und die Front anrufen: Front bitte melden, Front bitte melden. Front finde ich gut, weil das auch eine Todeszone ist.

Und das alles eben sehr musikalisch. Ganz wichtig. Schwebend mit dem Chor, Singen und vorne isst einer ein Schnitzel. Kleine Sachen finde ich sowieso ganz toll. Kein Krawall und nicht üppig – höchstens mal ein kleiner Ausflug.

Und dann vielleicht noch diese Antennen-Sache von Beuys. Diese Leid-Währung, mit der der Kranke, der Sterbende an der Gesellschaft mit baut, weil er zwei, drei Antennen mehr auf dem Kopf hat beziehungsweise Antennen, die bei ihm plötzlich wieder funktionieren. Wenn wir auf die Welt kommen, haben wir ja alle diese Antennen, weil wir alle erst mal schreien, alle erst mal wahnsinnige Eindrücke zu verkraften haben und deshalb die Antennen killen, damit dieser Schmerz nicht zu groß wird.

Wenn einer wie dieser Fußballer gestern sich vor den Zug wirft, dann merken plötzlich alle, da ist einer, der hat die Antennen nicht ausschalten können und ist deshalb immer düsterer geworden. Dann ist die Gesellschaft plötzlich bereit zu Sondersendungen, Kerner schaltet auch noch irgendwohin und die Ehefrau kommt in die Pressekonferenz und erzählt, wie schwierig alles war. Das ist alles gut, das ist öffentlich, latent wissen wir, die Depression bedrückt uns alle, also feiern wir große Feste für den Selbstmörder und hoffen, dass der Kelch an uns vorübergeht. Aber der Kern dieser Antennenproblematik, nämlich dass wir die Antennen immer mehr abknicken, damit wir nicht noch mehr empfangen müssen von dieser ganzen Chose, die uns da im Leben erwartet, wird ja dann doch nicht besprochen. Die meisten sägen sie ja immer weiter ab oder schalten sie ganz aus. Daten und Strahlungen fliegen nur so herum, aber die Leute kriegen sie nicht mehr mit, sie haben nur noch auf laut geschaltet oder auf ZDF-Fernsehgarten oder auf Auch-politisch-alles-scheiße. Klar, das sind auch alles Daten und Strahlungen, aber die haben nur die Funktion, das Leid-Wesen, das im Menschen noch drinsteckt, zu übertünchen. Und beim Kranken gehen die Antennen eben wieder an. Da kommt der Leidende, der Patient, der „Schmerzmensch“, und sagt: Ich empfange hier Strahlungen, die kenn ich von früher, ich lass mich nicht mehr einlullen. Das ist das Leidwesen. Das wird eingeführt in die Gesellschaft – und dann landet es eben im Boulevard.

Die Frage ist: Soll jetzt alles fatalistisch so weitergehen? Gilt sowieso nichts mehr? Ist sowieso alles wurscht? Dazu bin ich nicht bereit. Ich hab das Gefühl, dass da noch irgendwas sein müsste.

In den Dingen des Glaubens würde ich jedenfalls für mich in Anspruch nehmen, dass ich Untersuchungen am eigenen Leibe vorgenommen habe. Die Kirche hat sich nur hinter Gewändern und Scheinbehauptungen und irgendwelchen theologischen Forschungen versteckt, müsste aber letzten Endes ja doch zugeben, dass sie eigentlich nur aus Bildern besteht, die keinerlei klare und scharfe Bedeutung haben. Wenn der Papst dazu stehen würde und sagen würde: Die besten Projekte sind die unscharfen Projekte, der Mensch ist ein unscharfer Organismus, dann hätte man eine sensationelle Religionsmöglichkeit, glaube ich. Wir brauchen wieder Unschärfe in den Religionen, die sie ja eigentlich auch haben. Unter dem Rock unseres Gottes zum Beispiel findet man hundert andere Götter, hat Alexander Kluge mir mal erklärt.

Ich würde auch gerne mal wissen, wie viele Pfarrer mit all den Verbiegungen, die sie da machen müssen, nicht doch ihre Schwierigkeiten haben. Auf die Kanzel steigen und den Leuten erklären, sie werden erlöst und das Himmelreich kommt – das ist doch Hochstapelei, das ist doch absolute Hochstapelei. Und diese Leute sind doch nicht dumm, die müssen das doch spüren. Dass das alles nur abgebrühte Lügner sind, kann ich nicht glauben, dafür tun sie dann doch wieder zu viele gute Sachen.

Diesen Bereich der Verbiegungen zusammenzubringen mit dem Papst und dem Feuerwerk für diesen Fußballtoten und all den Antennen, die wieder poliert werden müssen, um wieder mehr aufzunehmen an Signalen, die uns zur Verfügung stehen – das ist vielleicht das Thema für so einen Theaterabend. Und zuzugeben: Ich empfange ganz fürchterliche Sachen, ich steh aber dazu, das ist ein Teil von mir, deshalb kann ich nicht weglügen.

Ich bin traurig. Sehr traurig. Mein lieber Freund Achim von Paczensky ist am 26.12.2009 an einem Herzinfarkt gestorben. Und wie das so ist bei den wirklichen Stars des Theaters, ist es selbst unserer eingeübten Truppe nicht möglich, mal schnell in die Fotoberge zu schauen und ein paar Bilder rauszusuchen. Für allen anderen Quatsch haben wir genug Zeit, aber wenn es um den geht, der zu den größten Komikern und Darstellern am deutschen Theater zählt, ist es zu anstrengend oder Millionen Festplatten sind verschollen.

Keine Chance auf dem Standesamt

Ach, ich bin auch sauer auf mich selbst. Zu Weihnachten habe ich Achim nur kurz auf die Mobilbox gesprochen, weil ich seine Festnetznummer verschusselt hatte. Sonst hätte ich ihn vielleicht noch einmal gesprochen. Aber was hätte ich gesagt? Natürlich das Übliche: „Hallo, na, wie geht’s dir? Was macht Helga?“ Helga ist Achims Frau. Die beiden haben 1998 während der Zeit von Chance 2000 geheiratet. Jedenfalls wollten sie das, aber die Standesbeamtin nahm Achims Vorsprechen nicht ernst. Er kam schon nach fünf Minuten wieder raus. Völlig bleich, völlig erstarrt. Und Helga in gebeugter Haltung hinter ihm her. Die beiden mussten dann erst mal eine Zigarette rauchen, bevor sie uns erzählen konnten, was passiert ist.

Zum Glück war Dietrich Kuhlbrodt dabei. Der erstattete sofort Anzeige gegen die Standesbeamtin, weil sie Menschen wie Achim und Helga mit ihrem Wunsch nach einer Heirat nicht ernst genommen hatte. Wir sind dann alle noch zu einem Chinesen gegangen. Da haben wir gefeiert. Zumindest gegessen haben wir, zu feiern gab es ja erst mal nichts. Am Abend bekamen Achim und Helga von uns im Wahlkampfzirkus der Familie Sperlich auf dem Pratergelände unser Hochzeitsgeschenk überreicht: zwei Fahrräder. Zumindest das hatte geklappt. Und Achim war fest entschlossen, die Hochzeit nachzuholen, was den beiden auch tatsächlich ein halbes Jahr später gelungen ist. Seitdem sind sie verheiratet: Achim und Helga. Und Helga sitzt jetzt zu Hause in Wildau und sagt, der Achim sei ein ganz toller Mensch und ein großartiger Schauspieler gewesen. Und dass sie ihn sehr geliebt habe und er sie auch. Ihm sei am 26.12. plötzlich heiß geworden, dann schwindelig, dann habe er sich hingelegt, und kurz darauf sei er gestorben. Für die Aufbahrung habe sie ihn schön angezogen. Mit einer Fliege. Er habe gut ausgesehen, wie jemand, der schläft, aber er sei ja nun tot. Und sie sei sehr gefasst.

Am 6. Januar um 14 Uhr ist die Beerdigung auf dem Waldfriedhof in Wildau. Da werden sicher ein paar Leute kommen, genau wie damals zur Beerdigung von Werner Brecht, der mit Achim im Wahlkampfzirkus die größte Akrobatennummer der Welt vorführte. Eine Trapeznummer. Da musste einer der beiden das vom Zirkusdach herunterhängende Seil so festhalten, dass der andere auf dem Seil sitzen konnte. Zum Tusch rief der Sitzende dann „Hepp“ und hob die Beine vom Boden hoch. Somit musste der Stehende das Seil mit dem sitzenden Partner ganz alleine halten und der Sitzende musste die Balance halten, was für Werner meist sehr schwierig war. Vor, während und nach dieser Nummer kam es dann meist auch zu einigen Auseinandersetzungen zwischen Werner und Achim. (...)

Achim war ja schon beim ersten Mal dabei. Für alle war 100 Jahre CDUdas erste Mal: für mich, für Alfred Edel, Gott hab ihn selig, für die Baronin Freifrau, Gott hab sie selig, für Frank, der jetzt wohl in Cottbus lebt, und eben für Achim, Gott hab ihn selig. So viele sind jetzt schon gestorben. Auch Rosie Bärhold von der Volksbühne, die sich beim ersten Theaterauftritt von Achim und Frank um die beiden kümmerte und sich mit Achim, später auch mit Helga, innig befreundete.

Alle diese Leute hatten ihren eigenen Stil. Da war nichts zu frisieren oder groß zu verändern, sie waren eben so, wie sie waren. Das war ja auch das Besondere an Alfred Edel. Selbst jemand wie Udo Kier, der sicher der Überzeugung war, dass er sehr wandlungsfähig ist, war in Wirklichkeit doch fast immer die gleiche Person. Jedenfalls waren Achim und Frank bei 100 Jahre CDU unschlagbar. Bei ihrem ersten Auftritt mussten sie das Lied „Ein Herz für Kinder“ singen. Die Volksbühnenkundschaft grölte wild herum und amüsierte sich köstlich. Aber als die beiden von der Bühne kamen, waren sie sehr unzufrieden und meinten, die Leute hätten sie blöd ausgelacht. Ich habe ihnen dann gesagt, dass sie nun mal sehr komisch seien. Sie seien sogar besser als die vielen Komiker, die man in Deutschland immer so wahnsinnig lustig fände. Am nächsten Abend sind sie wieder raus auf die Bühne und praktisch nicht mehr abgegangen. Sie haben das Lied so lange gesungen, bis die Leute aufgehört haben zu lachen. Dann kamen sie hinter die Bühne, wir alle nass geschwitzt, die beiden sehr entspannt: „Siehste, die haben gelacht! Siehste, weil wir das wollten!“ Und dann gingen sie beide wieder eine „rochen“, wie sie es nannten, und natürlich schnell noch Kaffee trinken.

Frank zog dann irgendwann weg aus Berlin und kam in ein anderes Heim, und Achim blieb dabei. Er machte die ersten Filmaufnahmen an der Volksbühne. Lange bevor Frank Castorf in seinen Produktionen mit Video arbeitete, hatte Achim schon seinen großen Auftritt mit Regina und den Hundewelpen: 1994, die erste Liveübertragung mit einer an der Decke angebrachten Videokamera an der Volksbühne mit Achim von Paczensky! Seine ganz große Rolle war natürlich die als Heiner Müller in Rocky Dutschke. Aber er war im Gleichgewicht der Abende, auch bei Kunst & Gemüse, immer eine ganz, ganz wichtige Dosis, die das andere erst erträglich machte. Ein Blick von Achim genügte, um die peinlichen Ausrutscher der anderen Darsteller zu legitimieren oder zu neutralisieren oder meist sogar extrem aufzuwerten. Und die vielen Idioten, die meinten, dass ich Behinderte instrumentalisieren und ausbeuten würde, wurden seit Freakstars 3000 auch langsam stiller. (...) Achim und ich hatten auch mal Streit. Das war auch gut. Horst oder Achim oder Helga ziehen eben ganz andere Register, um Dinge durchzusetzen. Und ich weiß, dass sie manchmal Türen aufstoßen, die bei uns durchimmunisierten Leidensbeauftragten am Theater, im Kulturbetrieb und den Redaktionszimmerchen verrostet sind. Oder die wir noch nie hatten. (...)

10:30 18.10.2012

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