Wunsch und Wirklichkeit

Leseprobe "In wenigen Stunden würden wir Deutsche kennenlernen! Was für eine Freude! Sicher würden diese Deutschen sehr neugierig sein, wo wir herkamen, und sicher würden sie alles über uns erfahren wollen!"
Wunsch und Wirklichkeit
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Ostberlin, 1981

Den 16. Juni 1981 werde ich nie vergessen: An diesem Tag bekamen wir graue Arbeitsanzüge verpasst, damit wir standesgemäß in die DDR einreisen konnten. Meiner war zwei Nummern zu klein, und der von Manuel um einiges zu groß, doch das kümmerte uns nicht. Wir wurden zum Flughafen gefahren, und ich betrat zum ersten Mal in meinem Leben ein Flugzeug. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich die gewaltigen Kräfte, die beim Start der Maschine am Werk sind. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich unser Land aus der Vogelperspektive. Auf der endlosen Busfahrt von Beira nach Maputo war es mir riesengroß vorgekommen, jetzt schrumpfte es zusammen. Die Hauptstadt verschwand unter dünnen Schleierwolken, dann legte sich das Flugzeug in eine Kurve, denn es war zu gefährlich, dem Kurs über Südafrika und Simbabwe zu folgen. Bis Tansania flogen wir die Küste entlang, dann ging es in nordöstlicher Richtung über den Kongo nach Nigeria.

In Lagos, am Golf von Guinea, legte die Maschine einen Zwischenstopp ein. Bevor aufgetankt wurde, mussten wir aussteigen. Eingeschüchtert gingen wir durch die Flughafenhalle. Die war um einige Nummern größer als die Halle von Maputo. Auf einmal standen wir vor einem Ding, das keiner von uns schon einmal gesehen hatte. Es war eine Treppe, die nicht stillstand, wie wir es von Treppen gewohnt waren, sich vielmehr lautlos nach oben bewegte. Gegenüber kamen Leute eine ähnliche Treppe herabgeschwebt. Wow, staunten wir. Wir waren noch nicht im Land der Götter angekommen und wurden schon mit Wundern überhäuft. Ich war der Mutigste und betrat die rollende Treppe. Fernando folgte mir auf dem Fuß. Wir waren auf halber Strecke angekommen, als er mich am Arm packte. »Schau nur, ein Schwarzer!«, rief er. Auf der Gegenseite fuhr ein pechschwarzer Mann hinab. Schamlos starrten wir ihn an. Noch nie hatten wir eine derart dunkle Hautfarbe gesehen. Wir benahmen uns wie Weiße, die ihren ersten Afrikaner zu Gesicht bekommen. Der Mann lachte und hielt uns wahrscheinlich für die Provinzeier, die wir waren. Uns zitterten schon die Knie, wenn wir nur daran dachten, dass wir in wenigen Stunden Deutsche kennenlernen würden! Was für eine Freude! Sicher würden diese Deutschen sehr neugierig sein, wo wir herkamen, und sicher würden sie alles über uns erfahren wollen! Über die Bäume des Dschungels und die vielen Tiere, die darin lebten. Sie würden wissen wollen, was wir aßen und wie geschickt wir darin waren, eine Spur durch den Wald zu verfolgen, selbst wenn sie mehrere Tage alt war! Ich konnte es kaum abwarten, den Deutschen von all diesen Dingen zu erzählen.

Vor lauter Aufregung machte ich kein Auge zu, nachdem das Flugzeug zum zweiten Teil der Reise abgehoben hatte. Ich zog den Pass aus der Tasche, den uns ein Offizier der Frelimo am Flughafen von Maputo mit feierlichem Gesicht in die Hand gedrückt hatte. Mein erster Pass! Darin war mein strahlendes Gesicht zu sehen – damals durfte man auf einem Passfoto noch lachen –, und auch jetzt strahlte ich voller Vorfreude. Ich steckte den Pass weg und blickte aus dem Fenster. Mittlerweile war es Nacht geworden, und nur selten blitzten noch Lichter zu mir herauf. Wir flogen aus dem afrikanischen Licht der Subtropen in die Dunkelheit des anbrechenden europäischen Winters.

Um 5 Uhr 11 berührten die Räder des Flugzeugs deutschen Boden. »Willkommen in Berlin, Hauptstadt der DDR«, sagte der Flugkapitän auf Deutsch, dann auf Portugiesisch. Wir stiegen aus, alles ging zack, zack! Kaum hatten wir das Flughafengebäude betreten, nahmen uns uniformierte Götter die Pässe weg. Fernando und ich sahen uns an. Man hatte uns eingeschärft, das Dokument wie einen Augapfel zu hüten, aber vielleicht war das Sitte hier? Das war es tatsächlich, wie ich später erfuhr. Uns die Pässe wegzunehmen war Teil eines ausgeklügelten Planes. Ich sollte das Dokument nie wiedersehen. Wir wurden in einen großen Raum getrieben und mussten antreten. Fünf weiße Götter marschierten herein, alle mit Anzug und Krawatte. Sie hatten einen schwarzen Dolmetscher dabei. Er trat mit hochnäsigem Gesicht auf uns zu: »Mein Name ist José, ich bin seit ein paar Jahren hier. Hört zu und macht keinen Unsinn. Diese Herren vertreten die Volkseigenen Betriebe Kombinat Chemische Werke Walter Ulbricht, das Kombinat Plaste und Chemie Wolkenstein, das Petrolchemische Kombinat Schwedt/Oder, das Kombinat Industrielle Mast Karl-Marx-Stadt und das Fleischkombinat Berlin. Wenn sie eure Namen aufrufen, geht ihr zu ihnen und verhaltet euch ruhig.«

Wir waren schon vor unserer Ankunft verteilt worden, ähnlich wie sich die europäischen Staaten auf der Berliner Afrikakonferenz im Jahr 1885 unseren Kontinent aufgeteilt hatten. »Wir zogen Linien auf Landkarten von Gebieten, die nie ein weißer Mann betreten hatte. Wir schoben uns gegenseitig Gebirge, Flüsse und Seen zu«, beschrieb der britische Premier Lord Salisbury später das Afrika-Monopoly. Das hier lief ähnlich ab. Die Vertreter der Kombinate schoben sich gegenseitig Arbeitssklaven zu, denn etwas anderes sollten wir nie sein. Keinesfalls war es darum gegangen, uns studieren zu lassen, und schon gar nicht, mit neuem Wissen nach Mosambik zurückzukehren. Wir waren nur aus einem Grund hier: um der kränkelnden Industrie der DDR durch unsere billige Arbeitskraft auf die Sprünge zu helfen. Wir waren kleine Zahnräder im großen Plan der Herren Honecker, Mittag und Schalck-Golodkowski. Als mein Name aufgerufen wurde, trottete ich hinüber zum Fleischkombinat Berlin. Als Nächstes kam Fernando an die Reihe und stellte sich neben mich. Manuel wurde einem anderen Kombinat zugeordnet. Plötzlich war unser Kleeblatt auseinandergerissen. Hinter unseren neuen Herren marschierten wir aus dem Flughafen. Ein paar Soldaten reihten sich vorne und hinten ein und passten auf, dass keiner ausbüxte.

Mir fielen die Worte meines Vaters ein. »Die verkaufen euch. Was immer sie versprechen, es wird nicht eintreffen.« Meine Freude, im Land der Götter zu sein, war wie weggeblasen. Die Soldaten trieben uns in einen Bus des Kombinats Nutzkraftwagen Ludwigsfelde. Das erklärte mir José mit wichtiger Miene, als ob die Information lebensnotwendig sei. Meine Gedanken waren woanders. »Die verkaufen euch. Die verkaufen euch. Die verkaufen euch.« Auf einmal hatte ich einen Geistesblitz: Wenn ich überleben wollte und um meine Kameraden zu schützen, musste ich boxen lernen. Die Idee setzte sich sofort in meinem Kopf fest: Ich würde sie alle verteidigen, wie ich einst die Mitschüler der Schule verteidigt habe. »O defensor« würde in der DDR die Arbeit nicht ausgehen. Ich wandte mich an José. »Wo kann ich hier boxen lernen?« Er starrte mich an wie einen Außerirdischen. »Was willst du? Bist du bescheuert?« Er schubste mich nach vorne. »Steig endlich in den Bus.« Auf einmal spürte ich eine Hand auf meinem Arm. Es war eine junge Frau, die ich schon im Flughafen gesehen hatte. Sie lächelte und sagte im besten Portugiesisch: »Sie sind Herr Alberto, stimmt’s? Wenn Sie boxen lernen wollen, kann ich was arrangieren. Ich bin Mandy, Ihre Betreuerin. Jetzt zeige ich Ihnen erst mal Ihre Unterkunft. Falls Sie was brauchen, können Sie sich jederzeit an mich wenden.«

Das waren die ersten freundlichen Worte, die ich in der DDR zu hören bekam, und ich bin Mandy heute noch dankbar dafür. Ich kletterte in den Bus und suchte mir einen Sitz ganz hinten, damit ich die Sache im Auge behalten konnte. Nach einer halben Stunde Fahrt hielt der Bus vor einem zehnstöckigen Gebäude. Keiner von uns hatte jemals so ein hohes Haus gesehen. »Hört zu, Leute, die Sache ist die«, sagt José. »Unten wohnen Polen, ihr seid oben. Ihr fahrt mit dem Aufzug in den 9. Stock. Der hält nur dort und im fünften. Alles klar?« Nichts war klar, wir wussten gar nicht, wovon José sprach. Einen Aufzug kannten wir so wenig wie eine Rolltreppe, und warum wir nicht in jedem Stockwerk aussteigen durften, kapierten wir erst später. Aber wir folgten brav allen Anweisungen, fuhren nach oben, betrachteten scheu die Wohnung, in der zwanzig von uns unterkommen sollten. Es gab fünf Zimmer, in jedem standen vier Betten. Eines davon wurde großspurig Wohnzimmer genannt, weil darin ein Fernseher stand. Die meisten von uns hatten noch nie so ein Gerät gesehen. Außerdem kam in einem Zimmer Wasser aus der Wand, wie ich es von den reichen Portugiesen in Chimoio kannte. Dort war auch ein seltsames Gestell installiert, vor dem wir ratlos standen. »José nennt es Dusche«, meinte Fernando, aber das half uns nicht weiter. Wir würden abwarten müssen, bis sich einer von uns daruntertraute, und es ihm dann nachmachen. Als Nächstes begutachteten wir die Betten. Auf jedem Bett lag eine Steppdecke. Ich hatte noch nie in einem Bett geschlafen, immer nur auf Kartoffelsäcken oder uralten Matratzen. Weil wir in ein paar Stunden in die Kantine gehen sollten – was ist eine Kantine? –, meinte José, es wäre ratsam, sich aufs Ohr zu legen. Obwohl ich hundemüde war, konnte ich nicht schlafen.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass jemand in dieser DDR daran interessiert sein könnte, etwas über die Bäume des Dschungels und die Tiere darin zu erfahren. Bis José zum Kantinengang rief, war ich schon wieder auf den Beinen. »Was ist eine Kantine?«, fragte ich. »Dort werdet ihr essen. Sie gehört zum Volkseigenen Betrieb Fleischkombinat Berlin. So heißt die Fabrik, in der ihr arbeitet.« Was immer José sagte, es klang nicht gut. Wir stellten uns in einer Reihe auf und marschierten unter seiner Aufsicht los. »Dieses Ding heißt ›Langer Jammer‹«, sagte José, als wir eine Fußgängerbrücke überquerten. »Dort drüben sind die Schlachthöfe.« Aus lang gezogenen Backsteingebäuden drang übler Geruch herauf. Ich hatte noch keinen Sinn für die Ironie des Namens der Fußgängerbrücke, welche das Schlachthofgelände überspannte. Langer Jammer. Den hatte sich jemand gut ausgedacht. Kurz darauf betraten wir die Kantine. Sie war riesig, schließlich waren im Fleischkombinat 3000 Arbeiter beschäftigt. Die Köpfe fuhren herum, als wir durch die Halle marschierten. Einige kleinere Gruppen Mosambikaner waren schon vor uns in die DDR verfrachtet worden, trotzdem erweckte der Anblick so vieler schwarzer Männer eine Menge Aufsehen. Wir standen ratlos vor der Essensausgabe. Weiße Götter schwangen Schöpfkellen und verteilten Speisen auf Teller. Das verwirrte mich: Arbeiteten die hier? Ich hatte noch nie einen weißen Gott arbeiten sehen. Als sie uns die Teller reichten, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: Die Götter bedienten uns? Völlig aus der Fassung geriet ich, als ich das Essen unter die Lupe nahm. Ich hatte so etwas noch nie vor mir gehabt, und den anderen ging es ebenso. José, der wie ein Oberaufseher durch die Reihen marschierte, konnte groß auftrumpfen. »Leute, haut rein, so was isst man hier«, tönte er. »Das ist eine Blutwurst, das ist eine Leberwurst, das Zeug hier nennt man Sauerkraut.« Wir sahen uns an. Blutwurst? Leberwurst? Sauerkraut? Wir kannten Maisgries, Maniok, vielleicht mal ein Stück Huhn. Vorsichtig kostete ich, aber es ekelte mich, als sich das geronnene Blut der Wurst über den Teller verteilte.

Mit den Augen suchte ich nach Mandy, nahm meinen Mut zusammen und sprach sie an. »Was ist dadrin?« »Das ist Schweinekopfblutwurst«, antwortete sie mit freundlichem Lächeln. »Die ist nach technischer Norm 29213/02 als Kochwurst standardisiert.« Spätestens jetzt hätte mir klar werden müssen, dass ich mich im Herzen der Grundversorgung der Deutschen Demokratischen Republik befand, wo sich alles um Fleisch und Wurst drehte. Doch der Kulturschock saß zu tief. Angewidert schüttelte ich den Kopf. »Ich kann das nicht essen«, sagte ich, und griff nach der Kanne auf dem Tisch. Zumindest wollte ich meinen Durst stillen. Ich schenkte mir ein und kostete. Das Wasser schmeckte seltsam. »Ist das kein Wasser?« »Es ist Tee.«

Mandy lächelte verlegen, und ich kam mir vor wie ein Außerirdischer auf einem fremden Planeten. Jeder Satz der Einheimischen warf neue Rätsel auf, während diese sich keinen Reim darauf machen konnten, weshalb Blutwürste, Sauerkraut oder Tee ein Problem sein sollten. Ich stand auf, um mich auf den Rückweg zu machen, als José mich zurückpfiff. »Du kannst nicht alleine losstiefeln«, sagte er. »Den Weg findest du nie.« Langsam regte sich Ärger in mir. »Ich finde jeden Weg durch den Dschungel«, sagte ich. »Also finde ich ihn auch hier.« Ich achtete nicht auf seine Proteste. Tief in Gedanken ging ich zum Wohnheim. »Wir sind verkauft worden. Wir müssen Blut essen. Das Wasser ist kein Wasser. Ich will hier nicht bleiben.« Nie zuvor in meinem Leben hatte ich mich so einsam gefühlt. Hatte ich nicht davon geträumt, zu leben wie die Götter? Hatte ich nicht meine ganze Energie auf dieses Ziel ausgerichtet? Hatte ich nicht Berge versetzt, um es zu erreichen? Jahrelang hatte ich die Dschungelschule besucht, einen täglichen Schulweg von 36 Kilometern in Kauf genommen, mich in der Stadt als Haussklave verdingt, das Massaker von Nyazonia überlebt, einfach immer weitergemacht. Jetzt war mein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen, ich lebte unter Göttern, doch die Freude war weg.

Am nächsten Tag schleppten Mandy und José uns zum Betriebsarzt, der an keinem von uns etwas auszusetzen hatte und uns alle flugs »arbeitstauglich« schrieb. Dann kündigte Mandy die Besichtigung des Alexanderplatzes an. Wir hatten noch nie so einen großen Platz gesehen und wir hatten noch nie derart gefroren, denn ein eiskalter Wind pfiff über die riesigen Betonflächen. »Die Urania-Weltzeituhr«, sagte Mandy, und Stolz schwang in ihrer Stimme. »Sie ist 16 Tonnen schwer. Seit 12 Jahren kann man hier die Zeit von 148 Städten auf der ganzen Welt ablesen!« Ich ging um die Uhr herum und suchte vergeblich nach Chimoio. Auch Maputo war nirgends zu finden. Auf der Urania-Weltzeituhr fand Mosambik nicht statt. »Warum ist das so?«, fragte ich. José funkelte mich an. Allmählich gingen ihm meine Fragen auf die Nerven. »Such nach Südafrika, dann weißt du deine Zeit.« In Südafrika leben Buren. Die kommen nach Mosambik, um Kinder zu töten. Warum findet man sie auf der Weltzeituhr der DDR, aber nicht uns? Ich schluckte die Worte hinunter, während Mandy verkündete, dass wir den Fernsehturm besichtigen würden. Da die meisten von uns keinen Fernseher kannten, war uns Sinn und Zweck des Turms nicht klar. Dafür gab’s oben eine schöne Aussicht, zum Beispiel auf eine Mauer, die sich in weiten Bögen durch die Stadt schlängelte. »Was ist das?«, fragte ich die Betreuerin.

Bisher war Mandy freundlich gewesen, jetzt wurde ihre Stimme kalt. »Hinter der Mauer liegt ein anderes Berlin. Das gehört zur Bundesrepublik. Die ist weit weg. Jetzt müssen wir gehen.« Wieder warfen die Antworten nur mehr Fragen auf. Was war die Bundesrepublik? Warum war sie weit weg? Was hatte es mit diesem anderen Berlin auf sich, warum gab es eine Mauer? Viel Zeit blieb nicht, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Wieder ging es Richtung Kantine. Dieses Mal gab es etwas, das »Sülze« genannt wurde. Ich bekam keinen Bissen hinunter. José lachte mich aus. »Du solltest dich daran gewöhnen. In der DDR ist in jedem Essen Schwein drin. Sogar im Brot.« In unserem Volksstamm ist Schweinefleisch verpönt. Das war nie ein Problem gewesen, weil keiner Schweine besaß. Ich hockte am Tisch und starrte vor mich hin. Mein Magen knurrte, als Mandy und José uns zu den Schlachthöfen führten. Auf einmal waren wir von Schweineteilen umzingelt, die an Haken hingen und aus denen Blut troff. Weiße Götter in verschmierten Kitteln zerlegten die Tiere und warfen große Fleischbrocken auf ein Förderband. Andere Götter zerteilten es mit Hackebeilen und Messern. Ich traute meinen Augen nicht. Die Szene ähnelte einem Albtraum, doch Lärm und Gestank waren real. So real wie Josés Ansage: »Ab morgen arbeitet ihr hier. Man wird euch zeigen, was ihr tun müsst, und euch in den Schichtbetrieb einteilen. Fragen? Keine? Gut so. Gehen wir.«

Selbst ich stellte keine Fragen mehr. Was Papa vorhergesagt hatte, war eingetreten. Ich wollte zurück nach Hause, aber das ist nicht leicht, wenn man kein Zuhause hat. Ich hatte meines verloren, als ich den Dschungel verließ, um in der Stadt zur Schule zu gehen. Außerdem war im Plan der DDR-Bosse nicht vorgesehen, dass Arbeitssklaven sich einfach so aus dem Staub machten. »Wer abhaut, wird bestraft«, verkündete José. »Wer nach Mosambik zurückkehrt, wandert in den Knast. Zehn Jahre, mindestens. Ihr wisst, was das bedeutet.« Den sicheren Tod. In Mosambik überlebt man keine zehn Jahre Knast. Dazu käme die Schande für die Familie: Du hattest die Chance, bei den Göttern zu leben, und hast es vermasselt? Wir erwarten Geschenke und Unterstützung! Wir wollen nichts davon hören, dass es dir bei den Göttern nicht gefällt. Jeder will dort leben, also hör auf zu jammern! Sehe ich heute afrikanische Flüchtlingsströme Richtung Italien, Spanien und Griechenland, weiß ich, wie sehr diese Menschen unter Druck stehen. Auch wenn die Festung Europa sie nicht willkommen heißt: Umkehren ist ausgeschlossen, denn zu Hause würde man sie wie Parias behandeln. Dort herrscht das Pseudowissen aus dem Fernsehen: Europa ist das Sinnbild für Freiheit und Reichtum.

In den nächsten Tagen verschärfte sich die Situation. Anders als meinen Kameraden gelang es mir nicht, mich an die Gegebenheiten anzupassen. Sie kosteten Sülze, Blutwurst und Sauerkraut und befanden es für gut. Sie entdeckten die Freuden des Fernsehens, und die von Bier und Schnaps. Im Mosambik unserer Zeit trank keiner Alkohol, außer einen Selbstgebrannten zu einem traditionellen Fest. Hier konnte man problemlos Bier und Schnaps kaufen, und viele meiner Kameraden hatten enormen Nachholbedarf. In kurzer Zeit verwandelten sie sich: malochten von morgens bis abends, tranken ihr Feierabendbier vor der Glotze, sahen sich nach einer deutschen Freundin um.

Bei mir liefen die Dinge anders. Ich verweigerte das Essen, wollte nicht im Fleischkombinat arbeiten und pochte auf die Versprechungen, die man uns im fernen Mosambik gemacht hatte. Die Konsequenzen ließen nicht auf sich warten. Ich war ohnehin ein dünnes Bürschchen, und nach ein paar Tagen ohne Nahrung klappte ich zusammen. Ein Krankenwagen transportierte mich ins Hospital. Dort schrieb ich ein Telegramm an meinen Halbbruder Pedro und schilderte die Situation. Pedro unternahm das Unmögliche: Er machte sich auf in den Dschungel, ohne dass sein Vater davon erfuhr, und erzählte Papa, was geschehen war. Vier Tage später erhielt ich eine Antwort: »Du kannst nicht zurückkommen. Iss Schweinefleisch.«

In der Zwischenzeit gaben sich Ärzte und Krankenschwestern alle Mühe, mir das deutsche Essen schmackhaft zu machen. Eine Schwester brachte Salzkartoffeln mit Heringen. »Da ist Schwein drin, oder?«, fragte ich. »Schwein ist doch überall drin, sogar in Brot?« Mandy übersetzte, und die Schwester lachte schallend. »Wer hat Ihnen diesen Unsinn erzählt?« Ich kostete den Hering. »Ist das roher Fisch?« »Das will ich aber meinen! Gut, nicht?« Selbst der Mann im Nachbarbett sparte nicht mit Ansporn. Natürlich war es ein Weißer, was mich am Anfang verunsichert hatte – ich war es nicht gewohnt, mit Göttern das Zimmer zu teilen. Fernando kam zu Besuch, und zwei neue Freunde aus dem Wohnheim, Mugabe und Aurélio. »Wenn dein Vater sagt, iss das Schweinefleisch, dann iss das verdammte Schweinefleisch«, meinte Fernando. Ich blieb drei Wochen im Krankenhaus und hatte viel Zeit zum Nachdenken. Meine Erwartungen waren hoch gewesen, mein Wissen gering. »Damit kommst du nicht weit«, sagte ich zu mir selbst. Ich beschloss, das Pferd von der anderen Seite aufzuzäumen und die Verweigerungstaktik zu beenden. Als die Schwester meinem Bettnachbarn sein Essen brachte, machte ich ihr mit viel Gestik und ein paar Brocken Deutsch klar, dass ich das Gleiche wollte. Sie war erfreut. »Ab jetzt geht’s aufwärts, Herr Alberto«, meinte sie. Sie sollte recht behalten.

Die Herren Honecker, Mittag und Schalck-Golodkowski haben uns Mosambikaner zwar nach Strich und Faden betrogen, aber das haben sie nicht nur mit uns getan. Sie haben ein ganzes Land und ihr eigenes Volk betrogen. Auch unser damals sehr verehrter Präsident Samora Machel und seine Frelimo-Mitstreiter trugen ihr Scherflein dazu bei, als sie mit dem Kopf voller sozialistischer Ideen den Vertrag über die »zeitweilige Beschäftigung mosambikanischer Werktätiger in sozialistischen Betrieben der DDR« unterschrieben. Sie lieferten den weißen Göttern aus der DDR billige Arbeitssklaven, denen man gleich mal 40 Prozent des Lohnes abzwackte. Das Geld verschwand auf Nimmerwiedersehen. Alles in allem genug Gründe, den Kopf in den Sand zu stecken, und vielleicht war es das, was ich in den ersten drei Wochen getan hatte. Danach änderte ich meine Einstellung, und damit änderten sich auch die Zeiten. Ich war noch immer ausgehungert und dünn wie ein Strich in der Landschaft, aber ich war ein zäher Kämpfer.

Kaum war ich ins Wohnheim zurückgekehrt, sprach mich Mandy an. »Ich habe was organisiert für Sie. Es gibt einen Boxverein in Weißensee, die Tiefbau Berlin. Rainer Kühn, der Trainer, würde Sie gerne kennenlernen.« Dass die DDR zu meiner neuen Heimat wurde, ist eng mit der famosen Kameradschaft verbunden, die ich in diesem Verein erfahren durfte. Bei der BSG Tiefbau fanden sich Sportler vieler Sparten: Fußball- und Tennisspieler, Boxer, Gewichtheber, Handballer, Tischtennis- und Billardspieler. Es gab sogar eine Hockeyabteilung, was in der DDR eine Randsportart war. Am ersten Abend legte mir Rainer Kühn einen Arm um die Schulter und stellte mich den versammelten Sportlern vor. »Ibraimo kommt aus Mosambik und will bei uns boxen lernen.« Die Boxer applaudierten. Ich war fassungslos. Noch nie hatte ich von Weißen Applaus bekommen. Bisher hatte ich mit Boxern auch nichts am Hut gehabt und konnte deshalb nicht wissen, wie stark der Zusammenhalt in dieser Sportart ist.

In den nächsten paar Stunden stellten sich entscheidende Weichen in meinem Leben: Ich lernte eine Sportart lieben, die meinen Werdegang prägen sollte. Mit Rainer Kühn gewann ich einen Trainer, der mich sportlich und menschlich unterstützte und mir half, nach und nach deutsche Kultur und deutsche Mentalität zu verstehen. »Das ist Wolfgang«, stellte er mich einem athletischen Boxer vor. »Er zeigt dir die ersten Schritte.« Wie unerfahren ich war! Gleich am ersten Trainingsabend bekam ich eine Privatstunde von Wolfgang Behrendt, ohne ihn zu erkennen. Dabei war Wolfgang ein Star. 1956 hatte er in Melbourne die erste olympische Goldmedaille der DDR gewonnen. Auch er prägte meine Zukunft. Erst zeigte er mir die Tricks des professionellen Boxers, später griff er zur Kamera, um meine Erfolge zu dokumentieren. Nach dem Ende seiner Boxerkarriere war er erfolgreicher Sportfotograf geworden. Er berichtete von acht Olympischen Spielen und gewann zwei Goldmedaillen auf Weltausstellungen der Sportfotografie. Dieser Mann zeigte mir die ersten Jabs, Cross, Seitwärts- und Aufwärtshaken. »Sag mal, wie stehst du eigentlich da?«, fragte er mich nach ein paar Trainingsabenden. Ich verstand noch immer nur Bruchteile von dem, was man mir sagte. Doch auch das besserte sich, denn seit Kurzem erhielten wir Deutschunterricht. »Was meinst du?« »Du stehst irgendwie falsch. Warte mal. Bist du etwa Linksausleger?« Das Wort »Linksausleger« war im Unterricht nicht drangekommen. Wolfgang brauchte nicht lange, um mir zu zeigen, was er meinte. »Sieh mal. Es gibt Rechtsausleger, die haben den linken Fuß vorne und die linke Führhand. Die rechte Schlaghand ist hinten. Linksausleger machen das andersrum, nämlich so.« Er zeigte es mir und runzelte die Stirn. »Von denen gibt’s nicht viele, und das ist auch gut so.«

Ich erfuhr, dass ich in meinem neuen Lieblingssport ein Außenseiter war, fast ein Geächteter. Ich probierte einen Witz. »Das passt gut zu mir.« Wolfgang lachte nicht. »Linksausleger lassen andere Boxer schlecht aussehen. Deshalb bekommen sie weniger Kämpfe. Weltmeister Jack LaMotta hat sich die Linksauslage sogar wegtrainiert.« Das klappte bei mir nicht. Dafür fing ich mit diesem Sport viel zu spät an. Dank des Drills in Mosambik brachte ich eine gute Kondition mit, vom Fußball hatte ich eine prima Beinarbeit, die Arbeit als Haussklave hatte mich sehnig und zäh gemacht. Alles in allem gute Voraussetzungen, um erfolgreich zu boxen. Was mir fehlte, war Erfahrung. Beim Boxen geht es nicht darum, den Gegner unangespitzt in den Boden zu hauen, sondern darum, nicht getroffen zu werden, um im richtigen Augenblick zuzustoßen. Da hatte ich noch viel zu lernen – doch schon nach der ersten Trainingsstunde wusste ich, dass ich nichts lieber tat. Rainer und Wolfgang nahmen mich unter ihre Fittiche, und schnell war klar, dass ich zwar viel Unerfahrenheit, aber auch viel Talent mitbrachte.

So rasch, wie sich mein linker Haken entwickelte, kam ich auch beim Deutschunterricht voran. Unsere Lehrerin hieß Frau Schüler. Es dauerte eine Weile, bis uns klar war, wie lustig dieser Name war. Was kein Anlass war, Frau Schüler auf der Nase herumzutanzen. Sie hatte uns im Griff und musste dafür nicht den Rohrstock schwingen, wie ich es von den Schulen in Mosambik kannte. Frau Schüler war eine natürliche Respektsperson. Natürlich staunte ich darüber, dass eine weiße Frau sich herabließ, uns Schwarzen Unterricht zu erteilen. Nur langsam wurde mir klar, dass meine Vorstellungen vom Land der weißen Götter grundfalsch gewesen waren. »Weiße Menschen arbeiten nicht«, hatte Oma mir eingebläut. »Wir Schwarzen sind dazu da, ihnen zu dienen.« Die portugiesischen Kolonialherren haben diese Denkweise genährt und 500 Jahre lang ausgenutzt. In der DDR schufteten Weiße aber genauso hart wie wir. In den ersten Monaten schüttelte ich immer wieder fassungslos den Kopf. Im Fleischkombinat arbeiteten wir Hand in Hand, keiner meiner weißen Kollegen war sich für irgendeine Arbeit zu schade. »Das sollte Oma mal sehen«, sagte ich zu Aurélio. »Tja«, antwortete er. »Die alte Dame würde aus den Latschen kippen.«

So schnell, wie ich beim Boxen Fortschritte machte, lernte Aurélio Deutsch. Bald sprach er waschechten Berliner Akzent. Am Band standen wir nebeneinander und feuerten uns gegenseitig an. »Ich wette, ich hab’ die halbe Sau vor dir zerlegt«, sagte ich. »Die Wette gilt!«, antwortete er, und schon hieben wir mit den Hackmessern auf das Tier ein. »Jetzt mal langsam mit der Braut!«, hörten wir den Vorarbeiter durch die Halle rufen. Ihn hatten wir »Komm-mit« getauft, da ihm dieser Befehl ein paar Dutzend Mal am Tag über die Lippen kam. »Ihr schneidet euch die Finger ab. Und die brauchst du zum Boxen, habe ich recht, Ibraimo?« »Komm-mit« lachte und hieb mir auf die Schulter. Er war ein Bär von einem Mann und in der Lage, alleine eine halbe Sau aufs Förderband zu hieven. Es gefiel ihm, wie Aurélio und ich einander anspornten. Am Abend drückte er jedem von uns ein Stück Rindfleisch in die Hand. »Weiter so, Jungs«, sagte er. »Lasst euch das mal schmecken.« Wir hatten keine Ahnung, welch rare Delikatesse wir nach Hause trugen. Im Fleischkombinat verarbeiteten wir Schweine- und Rindfleisch. Während Schnitzel und Würste in den Verkauf gingen, wurden die Rindfleischprodukte in den Westen exportiert, um die verzweifelte Gier der DDR-Bosse nach Devisen zu befriedigen. In Ostberlin und anderen großen Städten war es mit viel Glück möglich, ein Stück Rindfleisch zu ergattern. Anderswo konnte man davon nur träumen.

Auch ohne dieses Wissen war ich glücklich über das Geschenk. Zwar hatte ich mich mit Schweinefleisch arrangiert, aber ich wurde nie ein Freund davon. An diesem Abend hauten Aurélio und ich uns Rindersteaks in die Pfanne. Im Wohnzimmer lief der Fernseher in Rekordlautstärke, ein Dutzend Kameraden saßen mit Bierflaschen in der Hand davor. Mir gefiel das nicht, aber in der Regel bekam ich nichts davon mit. Meistens ging ich nach der Arbeit zum Training, und wenn ich zurückkehrte, lagen alle schnarchend in den Betten. »Ist das jeden Abend so?«, fragte ich Aurélio. Er lächelte. »Nicht für mich. Ich habe jetzt eine Freundin.« Ich vergaß das Steak in der Pfanne. »Du hast was?« »Schon richtig gehört, Alter.« Den Jargon hatte Aurélio auf der Straße aufgeschnappt und seinem wachsenden Wortschatz einverleibt. »Eine Freundin. Eine Weiße. Für dich Urwaldbengel eine Göttin.« Meine Kumpels zogen mich häufig damit auf, dass ich als Einziger im Dschungel aufgewachsen war. Ich konnte es nicht glauben. Aurélio hatte eine Göttin als Freundin! Natürlich hatte es auch in Mosambik gemischte Paare gegeben, aber stets unter denselben Vorzeichen: weißer Mann, schwarze Frau, und das Ganze oft gegen den Willen der Frau. Dass sich eine Göttin mit einem von uns einließ, wollte mir nicht in den Kopf.

Ich löcherte Aurélio mit Fragen. »Du hast ja wirklich von nichts eine Ahnung«, foppte er mich. »Weiße Frauen finden uns toll. Die finden uns exotisch.« Das Wort hatte ich noch nie gehört. »Exotisch«, wiederholte Aurélio. »Heißt so viel wie …«, er suchte nach einem geeigneten Ersatz, »… wie zauberhaft.« »Was an uns soll zauberhaft sein?« Aurélios Lächeln wurde zu einem unverschämten Grinsen. »Dein Schwanz zum Beispiel. Den finden sie sogar richtig zauberhaft.« Aus der Pfanne roch es angebrannt, und in aller Eile drehte ich mein Steak um. Es war mir peinlich, Aurélio so reden zu hören. Dabei war er nicht der Einzige, der sich bereits intensiv der Damenwelt widmete. »Wo hast du sie kennengelernt?« »Wo wohl? In einer Disco natürlich.« »In einer was?« Ich war wirklich ein Urwaldbengel, an dem völlig vorbeiging, dass einige meiner Mitbewohner bereits mit Haut und Haaren in der DDR angekommen waren. »Wenn du nicht nur Boxen im Kopf hättest«, lachte Aurélio, »würde ich dich mitnehmen.« Er hatte recht. Ich hatte tatsächlich nur Boxen im Kopf. Außerdem trug ich mich mit dem Gedanken, in einen Fußballverein einzutreten. Wie sollte ich da Zeit für Discos haben? Allerdings war der Gedanke verlockend. In Chimoio hatte ich bei einer Tanzgruppe mitgemacht und verspürte durchaus Lust, das Tanzbein zu schwingen. Und wenn ich dabei eine Frau kennenlernen konnte … Ich schob den Gedanken von mir. Das wäre nur möglich, falls sich diese Freundschaft mit einer Sportkarriere vereinbaren ließ. Die hatte oberste Priorität, denn ich wollte es als Boxer ganz nach oben schaffen. Aurélio riss mich aus meinen Gedanken, als er mich auf mein Steak aufmerksam machte, das völlig verkohlt war. »Tja, wer zu lange von weißen Frauen träumt«, grinste er. »Von mir kriegst du nichts ab.«

Dabei träumte ich gar nicht von weißen Frauen. Ich träumte davon, Boxchampion von Berlin zu werden. Und ich war bereit, den Weg zu gehen. Nach drei Monaten harten Trainings fragte Rainer Kühn: »Wie wäre es mit einem ersten Kampf? Fühlst du dich fit?« Ich dachte keine Sekunde nach: »Na klar!« Als ich am Tag des Kampfes zum Wiegen antrat, hatte ich zwei Kilo weniger zu bieten als mein Gegner. Im Amateurboxen kann das ein gravierender Nachteil sein. Rainer Kühn nahm mich beiseite. »Hör mal, Ibraimo«, meinte er. »Du bringst zu wenig Gewicht mit, und dein Gegner hat schon sieben gewonnene Kämpfe.« Rainer war ein fürsorglicher Trainer. Für ihn war es eine große Sache, einen internationalen Kämpfer in den Ring zu schicken, doch meine Gesundheit lag ihm mehr am Herzen. Ich schob alle Bedenken beiseite. »Nein, Trainer! Ich will heute boxen!« Die Halle war gerammelt voll. Zum ersten Mal in der Geschichte von Tiefbau Berlin kämpfte ein schwarzer Boxer für den Verein. Die Glocke schlug zur Runde eins, und keine zwanzig Sekunden später lief ich in einen Kontertreffer. Auf einmal sah ich alles verschwommen. Mein Gegner griff wieder an, und ich hatte alle Mühe, ihn auf Distanz zu halten. Auch in der zweiten Runde machte er mir das Leben schwer. In Runde drei blies ich selbst zur Attacke. Ich hatte noch genügend Luft und deckte ihn mit Schlägen ein.

Schon damals zeigte sich, dass mir Rainer und Wolfgang einen blitzsauberen Stil beigebracht hatten. Meine Rechts-Links-Kombination durchschlug seine Deckung, und mein Kontrahent ging zu Boden. »Eins, zwei, drei …«, zählte der Ringrichter, während ich in der neutralen Ecke erst mal tief durchatmete. Zwar kam mein Gegner noch mal auf die Beine, doch der Referee brach den Kampf ab. Erster Kampf, erster Sieg, und gleich durch technischen K. o.! Rainer machte einen Luftsprung, nahm mich in die Arme. Die Halle tobte, und wieder konnte ich es nicht fassen: Die weißen Götter jubelten mir zu! Jetzt war auch ich in der DDR angekommen.

11:23 24.04.2014

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