Völlig neu

Leseprobe "Tatsächlich ist Generationengerechtigkeit ein revolutionäres Konzept, das uns zwingen würde, unser Leben, unser Wirtschaften und unsere Gesellschaft völlig neu aufzustellen. Und alternativlos, weil wir radikale Gegenmaßnahmen einleiten müssen."
Völlig neu

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Vorwort

Es ist beschämend für uns Erwachsene, dass dieses Buch geschrieben werden musste, wirklich. Ein Land, das so sehr von Wissenschaft und Technik lebt, das so viele großartige Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen staatlich finanziert, braucht seine Jüngsten, die ihm sagen: »Hört auf die Wissenschaft!«

Gesellschaft und Politik haben sich in Deutschland seit Jahrzehnten an der Zukunft der Kinder versündigt. Anstatt darauf zu achten, unseren Kindern eine bessere Welt zu hinterlassen, ihnen die Voraussetzungen für ein gerechtes und glückliches Leben zu bieten, haben wir die Zukunft der kommenden Generationen unserem Jetzt geopfert. Manager und DAX-Vorstände, Gremien und Verbände, Lobbyisten in Legionsstärke, sie alle haben alles unternommen, unseren demokratisch gewählten Repräsentanten einzureden, dass die Warnungen der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nicht ernst zu nehmen seien. Klar, einerseits sorgen Forschung und Technik für unseren Wohlstand, aber sobald sie Nachrichten aus dem Reich der Natur bringen, die den Erwartungen der Wirtschaft entgegenstehen, da werden die gemessenen objektiven Ergebnisse einfach ignoriert, verniedlicht oder noch schlimmer, die Forschungsergebnisse werden als Lügen bezeichnet.

Seit 1979 wissen wir, was los ist. Seit vierzig Jahren liegen die Fakten auf dem Tisch. Selbst die Ölkonzerne, wie man inzwischen weiß, wussten schon in den 1980er-Jahren genau, was sie anrichten werden, wenn sie so weitermachen mit der Verbrennung fossiler Ressourcen. Sie kannten die Diagramme der erwartbaren Temperaturerhöhung, alle Beteiligten warfen wahrscheinlich einen kurzen Blick darauf, und dann taten sie das, was sie seitdem immer tun: Business as usual.

Aber damit, mit dem Weiter so wie bisher, muss jetzt Schluss sein! Und genau diesen Aufruf, samt Plänen zur Umsetzung für eine gerechte und ökologisch handelnde Gesellschaft, finden Sie in diesem Buch. Die jungen Leute haben sich zusammengesetzt, haben gestritten und geschuftet und einen Plan gemacht. Sie haben recherchiert, diskutiert und Expertinnen und Experten befragt. Sie haben sich den Fakten gestellt und nicht so getan, als gäbe es sie nicht. Die, die dieses Buch geschrieben haben, haben sich um uns alle verdient gemacht. Denn sie zeigen uns, wie es gehen könnte, wenn wir so mutig und radikal sind wie sie. Wenn wir uns nicht mehr einlassen auf den sozio-ökonomischen Mainstream des politischen Establishments mit seinen Hinterzimmerrunden, die keiner kennt, mit den geheimen Absprachen und wohlorganisierten Einflussnahmen auf Gesetzestexte durch Beratungsbüros und Lobbyistenvereine. Wenn endlich mal die politischen Entscheidungen auf allen Ebenen der Mittelverteilung, der sozialen Gerechtigkeit, der Bildung und der Generationengerechtigkeit offen und transparent diskutiert werden und vor allem, wenn dann auch Handlungen folgen, die diesen Namen verdienen, dann könnte es gerade noch klappen. Dann könnten wir in Deutschland mal wieder zu einer wirklichen Gemeinschaft werden, die sich um die Fragen kümmert, wer wir sind und wohin unser Land, unser Kontinent gehen sollen? Was können wir beitragen, anstatt immer nur mehr zu verdienen?

Ich wünsche mir, dass Sie nach der Lektüre dieses Buches, nachdem Sie sich die Augen gerieben haben und wieder klar sehen, die guten Perspektiven erkennen, dass Sie dieses Buch an andere Menschen weitergeben, die sich vielleicht ebenfalls von den Ideen der jungen Menschen anstecken lassen und aktiv an einer Zukunft für die kommenden Generationen mitarbeiten.

Gemeinsam denken die jungen und älteren Mitglieder der Generationen Stiftung – zu letzteren zähle wohl auch ich – über Lösungen für die drängendsten Zukunftsfragen nach und schmieden Pläne. Bleiben Sie mit uns im Dialog.

Also los jetzt! Und keine Ausreden mehr. Wir müssen es diesmal richtig machen. Und uns bleibt nicht viel Zeit.

Ich rechne mit Ihnen!

Herzlich,
Ihr Harald Lesch

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Intro: Generationengerechtigkeit – ein revolutionäres Konzept

Liebe Leserinnen und Leser,

das Buch, das Sie gerade in den Händen halten, ist der vorläufige Höhepunkt unserer Arbeit in der Generationen Stiftung. Begonnen hat alles 2013 mit unserem Generationen Manifest, das über 230 000 Menschen unterzeichneten. Seitdem hat sich die Stiftung als überparteiliche Interessenvertretung kommender Generationen einen einflussreichen Platz im öffentlichen Diskurs gesichert und viele Unterstützer gefunden. Die Sorge um die Zukunft unseres Planeten ist in dieser Zeit nicht geringer geworden. Ganz im Gegenteil.

Anfangs haben wir Initiatoren noch im Namen der jungen und kommenden Generationen gesprochen, doch schon bald haben sie selbst die Stimme erhoben. Gut so.

»Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen« ist ein Wunder. Ein kühner Entwurf, der uns als Gesellschaft viel abverlangt. Geschrieben von bemerkenswerten Menschen mit herausragendem Weitblick, großer Neugier, hoher Teamfähigkeit und der unbändigen Kraft, sich von der immer wieder aufsteigenden Angst um die eigene Zukunft nicht unterkriegen zu lassen.

Tatsächlich ist Generationengerechtigkeit ein revolutionäres Konzept, das uns zwingen würde, unser Leben, unser Wirtschaften und unsere Gesellschaft völlig neu aufzustellen. Und alternativlos, weil wir radikale Gegenmaßnahmen einleiten müssen, um die Zukunft der nächsten Generationen zu retten. Die Mitglieder des Jugendrats arbeiten in der Generationen Stiftung mit uns, den »älteren« Experten und Wissenschaftlern, gleichberechtigt an Lösungen zu den drängendsten Zukunftsfragen. Für viele von uns, die sonst selbst in der ersten Reihe, vor den Kameras und an den Mikrofonen stehen, bedeutet das ein neues Rollenverständnis: Wir sind nicht mehr die Macher und Welterklärer. Wir treten einen großen Schritt zurück, um unser Wissen, unsere Netzwerke und Erfahrungen zur Verfügung zu stellen, überlassen die große Bühne aber der nächsten Generation.

Wir »Alten« haben die Entstehung dieses folgenreichen Zukunftsplans mit größtem Respekt und echter Bewunderung begleitet und versucht uns mit Rat und Tat nützlich zu machen. Und es bleibt offen, wer von unseren Debatten mehr profitiert hat: wir »Alten« oder die »Jungen«?

Sicher ist, dass wir alle viel gelernt haben und die Begegnungen warm, manchmal hitzig, immer inspirierend und von großem wechselseitigen Respekt getragen waren.

Entstanden ist dieses Buch in einer Phase voller Schreckensmeldungen: dramatischste Klimaszenarien, sterbende Riffe und schmelzende Gletscher, der schnelle Rückgang der Fischbestände, von Überflutungen bedrohte Küstenstädte, steigende soziale Ungleichheit, weltweites Erstarken von Rechtspopulisten.

Die Autor*innen haben dieses Buch im vergangenen Halbjahr in der Überzeugung geschrieben, dass wir in einer entscheidenden Phase der Menschheitsgeschichte angekommen sind. Die Kipppunkte sind bald überschritten. Die nächsten Jahre bieten vielleicht die letzte Möglichkeit, das Schlimmste zu verhindern: die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, wie wir sie seit Beginn unserer Zivilisation kennen.

Wir alle hoffen, dass der vorgelegte Plan und seine Forderungen eine breite gesellschaftliche Debatte auslösen, denn ohne politische und gesellschaftliche Unterstützung ist der notwendige Kurswechsel nicht zu erreichen.

Kommen Sie an unsere Seite!

Seit April 2018 gibt es den Jugendrat der Generationen Stiftung. In dieser Talentschmiede wuchsen die Mitglieder mit Trainings, Workshops und Coachings über sich hinaus. Sie übernehmen schon heute verantwortungsvolle Rollen in NGOs und Parteien und beeindrucken mit souveränen Auftritten in den Medien. Ihre Kampagnen werden bundesweit diskutiert. Die Absenkung des Wahlalters sowieso, aber auch die Frage nach der Generationengerechtigkeit von SUVs und der Zukunft des Generationenvertrages. Die Erfolge dieser Ausnahmetalente begleiten zu dürfen ist für uns alle in der Stiftung und im Kuratorium höchste Motivation für unser Engagement. Ich bin überzeugt, dass von »diesen jungen Leuten« noch viel zu hören sein wird, und bin dankbar, dass ich in unserer Zusammenarbeit so viel von einer anderen Generation lernen konnte.

Ich lade Sie ein, »gemeinsame Sache« mit uns zu machen. Denn es braucht auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, um Generationengerechtigkeit auf die Agenda zu heben und gegen alle Widerstände dort zu halten. Ich wünsche mir daher, dass Sie dieses Buch an viele andere Menschen weitergeben, die sich ebenfalls von den Ideen der jungen Menschen anstecken lassen und aktiv an einer Zukunft für alle mitarbeiten. Bleiben Sie mit uns im Gespräch, im Austausch, in Kontakt. Die Generationen Stiftung freut sich über Ihre Ideen, Anmerkungen und Fragen und vor allem über neue Mitglieder aller Generationen und Spenden, um die Arbeit des Jugendrats weiter zu ermöglichen. Besuchen Sie uns unter www.generationenstiftung.com, abonnieren Sie unseren Newsletter, werden Sie Fördermitglied und lassen Sie uns gemeinsam die Welt für unsere Kinder ein großes Stück besser machen.

Es ist höchste Zeit.

Ihre
Claudia Langer

16:22 21.11.2019

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