Zeiten und Wandel

Leseprobe "Integration ist für mich eine Aufgabe für alle, die in diesem Deutschland leben, das ein Einwanderungsland geworden ist. Sie ist auch ein Projekt für alteingesessene Deutsche, nicht nur für Einwanderer."
Zeiten und Wandel
Foto: Adam Berry/Getty Images

Zwei Szenarien: Deutschland im Jahr 2035

Gegenwärtig wird intensiv über Überfremdung und Islamisierung einerseits und moderne Einwanderungspolitik und europäische Flüchtlingspolitik andererseits diskutiert. Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq (2015) entwickelt in Unterwerfung ein Szenario für Frankreich und Europa. Dabei handelt es sich um einen Roman. Dass der Autor darin die Machtübernahme durch Islamisten ausmalt, macht ihn für manche zum Visionär.

Schauen wir auf Deutschland in zwanzig Jahren, wie könnte es aussehen?

Szenario 1: Deutschland im Jahr 2035 – altdeutsch, abgeschottet, patriarchalisch und aufgerüstet

In Folge der Regierungsübernahme durch eine muslimische Partei in Frankreich im Jahr 2031 erzielen zwei rechtspopulistische Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Bundestag im Jahr 2033 einen erdrutschartigen Sieg. Sie setzen gemeinsam ihr Wahlversprechen um und bereiten eine Grundgesetzänderung vor, damit endlich, wie in der Schweiz, Plebiszite auf Bundesebene durchgeführt werden können. Und sie verdoppeln den Verteidigungsetat, um Frankreichs Streben nach Vorherrschaft in der EU Paroli bieten zu können.

Im Jahr 2035 steht der Rückbau des Einwanderungslandes auf der Tagesordnung. Ziel ist es, Einbürgerungen durch deutlich höhere Gebühren zu erschweren, die doppelte Staatsbürgerschaft wieder abzuschaffen – aus Sorge um zweifelhafte Loyalitäten im Kriegsfall – und keine weiteren Moscheebauten zuzulassen. Neue Einwanderung soll stark reglementiert, irreguläre Migration härter polizeilich und strafrechtlich verfolgt werden. Die Mittel hierfür sollen aus den Etats der Kommunen kommen, die bis dahin die Arbeit der Migrantenselbstorganisationen unterstützt haben.

Unter den deutschen Regierungsparteien tobt ein heftiger Streit, ob man sich in Sachen Rückbau der Gleichstellungspolitik nicht ein Beispiel an den Franzosen nehmen sollte: Während man dort Christen, die Führungspositionen erlangen wollen, zum Übertritt zum Islam nötigt, wird Frauen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit der Zutritt zu Leitungs- und Führungspositionen versperrt. In Deutschland hat man jedoch Angst, dass durch solche Maßnahmen weitere Wählerinnen von rechts nach links abwandern könnten.

Außerdem erregt die Debatte über eine Jugendquote die Gemüter: Sie soll die von Pensionären und Rentnern dominierten Parteivorstände verjüngen. Dagegen spricht jedoch, so die Regierungsparteien, dass dann zu viele Nachkommen von Einwanderern zum Zuge kämen, die im Jahr 2035 bereits 60 Prozent der unter 40-Jährigen ausmachen. Dann wäre die Macht der älteren Männer mit altdeutschen Wurzeln, die sie sich so mühsam zurückerobert haben, wieder gefährdet. Ihr Ziel ist es schließlich, Integration rückgängig zu machen und für die Zukunft zu verhindern.

Für mich wäre eine solche Entwicklung ein Horrorszenario. In diesem Fall hoffte ich, mit 77 Jahren gesund genug zu sein, um mir an einem anderen Ort der Welt ein neues Leben als Migrantin aufbauen zu können.

Wie sähe eine mögliche Alternative aus? Was wünschte ich mir für die Zukunft, und was halte ich zugleich für realistisch?

Szenario 2: Deutschland im Jahr 2035 – alt- und neudeutsch, offen, konfliktfreudig und selbstbewusst

Von 2035 aus gesehen versteht man die letzten 25 Jahre als eine Übergangsphase. In dieser Zeit hat Deutschland sich von einem widerwilligen zu einem selbstbewussten Einwanderungsland entwickelt. Seit der Wahl von 2033 ist eine schwarz-grüne Koalition an der Regierung, deren vorrangiges Ziel es ist, Integration weiter voranzubringen. Es wird in der Öffentlichkeit intensiv darüber debattiert, wie das neue Deutschland aussehen soll. Die politischen Eliten handeln mit den verschiedenen Akteuren in Schulen, Gerichten und anderen Institutionen Regularien und Finanzpakete aus, um die Integrationsarbeit vor Ort zu unterstützen. Sie demonstrieren ohne Umschweife, dass Migration dazugehört und man sich darauf einstellen muss. Es würde alles geben, nur eines nicht: eine Daseinsform als Nicht-Einwanderungsland.

Die neudeutsche Bundeskanzlerin (CDU), mehrsprachig in einer polnisch-italienischen Familie in Deutschland aufgewachsen, und der alt-deutsche Minister für Arbeit und Soziales (Bündnis 90/Die Grünen), der in seinem Haus Einwanderung als Querschnittsaufgabe behandelt, sind häufig im Ausland unterwegs. Dort prüfen sie, welche Regelungen sich in anderen Ländern bewährt haben und inwiefern sie auf die deutsche Situation passen könnten. Das Ausland seinerseits schaut mit Interesse auf die vielen deutschen Rentner mit und ohne ausländische Wurzeln, die den Flüchtlingen und den neuen Einwanderern und ihren Kindern bei der Orientierung in Deutschland helfen. Die Kommunen unterstützen dieses ehrenamtliche Engagement in großem Stil mit Weiterbildungen, Räumen und Aufwandsentschädigung. Die Vorfahren der Helfer kommen aus Deutschland, Spanien, Kolumbien oder dem Irak. Viele von ihnen sind mehrsprachig – das bringt ihr Migrationshintergrund so mit sich.

Überhaupt das Wort »Migrationshintergrund«: Das ist in den 2020er Jahren irgendwie aus der Diskussion verschwunden. Es wurde durch ein Arsenal von neuen Bezeichnungen ersetzt. Von Italo-Deutschen, Deutsch-Polen, Deutsch-Türken oder Ukrainisch-Deutschen zu sprechen, ist selbstverständlich. Der Streit darüber, ob man solche Einordnungen überhaupt braucht, ist und bleibt ein Lieblingsthema der Nachkommen der Einwanderer. Die Älteren können sich noch gut daran erinnern, dass sie die merkwürdige Vokabel »Migrationshintergrund« nie mochten, weil sie immer nach Problemen klang. Selbst entscheiden zu können, ob sich jemand als Deutsch-Brasilianer definiert oder nicht, sehen sie als wichtigen Fortschritt an.

»Wie wichtig ist es denn für mich«, könnte sich beispielsweise die zehnjährige Ayse Urbaniak fragen, »dass meine Großeltern Mitte der 1960er Jahre aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind und meine anderen Großeltern Kinder von Vertriebenen waren? Und was ist mit meinen Eltern? In der Türkei kennen sie sich kaum aus, aber offensichtlich wollten sie die türkischen Wurzeln meines Vaters durch meinen Vornamen am Leben erhalten. Das ist auch gar nichts Besonderes – in meiner Klasse gibt es Vornamen aus aller Welt, das ist ganz normal. Vielleicht nehme ich in der Oberstufe dann Türkisch als dritte Fremdsprache, damit habe ich mehr Möglichkeiten.«

Im Jahr 2035 können viele Großstadtkommunen auf Frühwarnsysteme für die Radikalisierung von Jugendlichen zurückgreifen – Reaktion auf die Anschläge von Islamisten und Rechtsterroristen, die sich zwischenzeitlich in Deutschland ereignet haben. Die Erfahrungen mit Aussteigerprogrammen für Neonazis und für Dschihadisten werden vernetzt. Der Integrationsgipfel der Bundesregierung hat seit 2025 ein neues Konzept: Alte und Neue Deutsche diskutieren Wertefragen, Lebensformen, die Geschlechterbeziehungen, das Generationenverhältnis und neue Arbeitszeitmodelle.

Als Autorin dieses Buches sehe ich es als wünschenswert und machbar an, dass sich die Situation im Jahr 2035 in Deutschland so oder so ähnlich darstellt. Die Gesellschaft Deutschlands würde dann mit ihren Konflikten konstruktiv umgehen und das Zusammenleben als ein Integrationsprojekt begreifen, an dem alle beteiligt sind: Alte und Neue Deutsche gleichermaßen. Integration ist für mich eine Aufgabe für alle, die in diesem Deutschland leben, das ein Einwanderungsland geworden ist. Sie ist auch ein Projekt für alteingesessene Deutsche, nicht nur für Einwanderer.

Die Bezeichnungen »Alte Deutsche« und »Neue Deutsche«, die in diesem Buch eine wichtige Rolle spielen, übernehme ich von Wissenschaflerinnen und Journalistinnen, die selbst Deutsche mit Migrationshintergrund sind (Foroutan 2010; Bota u.a. 2012). Bislang wird in der Öffentlichkeit meist von »den Deutschen« einerseits und den »Menschen mit Migrationshintergrund« andererseits gesprochen. Diese Begrifflichkeit verbirgt, dass Menschen mit Migrationshintergrund zu einem großen Anteil heute auch Deutsche sein können. Diese Veränderung möchte ich betonen, in dem ich von Alten Deutschen und Neuen Deutschen spreche (vgl. Kapitel »Deutsch kann man doch nicht werden!«).

Während ich dieses Buch schreibe, kommen Hunderttausende von Flüchtlingen in Deutschland und anderen europäischen Ländern an. Tausende sind bereits bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, ertrunken. Die, die es schaffen, bemühen sich, in Italien, Griechenland, Bulgarien, aber vor allem in Deutschland und anderen mittel- oder nordeuropäischen Ländern Fuß zu fassen. Über eine Quotierung eine bessere Verteilung auf die Staaten der EU zu erreichen, ist bislang gescheitert. Rechtsradikale legen Feuer an die Unterkünfte, die gerade fertiggestellt sind, andere führen Rechtsstreits, um die Ansiedelung von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft zu verhindern. Wiederum andere kümmern sich tagtäglich haupt- und ehrenamtlich um die Neuankömmlinge. Die Debatten über die Frage, wie die Kommunen bei der Unterbringung und Versorgung unterstützt werden sollen bis hin zu einer möglichen europäischen Vereinbarung werden noch lange andauern.

Mein Anliegen hier ist ein anderes: Es geht mir um das Verhältnis von schon länger in Deutschland lebenden Einwanderern zu anderen Einheimischen, also um die Beziehungen zwischen Alten und Neuen Deutschen. Unter welchen Bedingungen und in welchen Zeiträumen jetzige Flüchtlinge zu möglichen Einwanderern werden (können), kann ich hier nicht erörtern.

An dieser Stelle noch zwei Hinweise zu den Bezeichnungen: Bei den Geschlechtern verwende ich abwechselnd weibliche und männliche Formen und verstehe diese jeweils als Oberbegriffe: Zum Beispiel sind bei Einwanderinnen und Lehrern Einwanderer und Lehrerinnen mitgemeint. Dies gilt ebenso für Personen mit weiteren Geschlechtsidentitäten, die sich selbst möglicherweise als Einwander*in oder Lehrer_in bezeichnen würden. Ausländische Namen werde ich so schreiben, wie ihre Trägerinnen sie selbst benutzen.

12:14 08.10.2015

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