Wie am Meer

Leseprobe "Zehn Minuten später fuhr ich auf den Parkplatz eines Supermarkts, hielt und stieg aus. Oh, es gab einen Sog in dieser Luft. Sie enthielt das Blau des Meeres, war aber nicht so heiß wie im Sommer."
Wie am Meer
Foto: Jonathan Nacktstrand/AFP/Getty Images

MITTE SEPTEMBER 2009 FUHR ICH zu Thomas’ und Maries kleinem Landhaus zwischen Höganes und Mölle, er sollte für die nächsten Romane Fotos von mir machen. Ich hatte ein Auto gemietet, einen schwarzen Audi, und fuhr mit einem starken Glücksgefühl in der Brust vormittags auf der vierspurigen Autobahn Richtung Norden. Der Himmel war vollkommen klar und blau, die Sonne brannte wie im Sommer. Links blinkte der Öresund, rechts breiteten sich gelbe Stoppelfelder und durch Zäune getrennte Weideflächen aus, Bäche, an denen Laubbäume wuchsen, plötzliche Waldränder. Ich hatte das Gefühl, als gäbe es diesen Tag eigentlich gar nicht, er stand wie eine Oase des Sommers inmitten dieser fahlen Herbstlandschaft; und dadurch, dass es eigentlich nicht so sein sollte, dass die Sonne nicht so heftig brennen und der Himmel nicht so gesättigt von Licht sein sollte, spürte ich trotz der Freude eine Unruhe in mir aufsteigen, verdrängte den Gedanken allerdings in der Hoffnung, dass dieses Gefühl von allein verschwinden würde, und sang stattdessen beim Refrain von Cat People mit, der aus der Stereoanlage kam, und genoss den Anblick der Stadt, die links von mir auftauchte, die Hafenkräne, die Fabrikschornsteine, die Lagerhäuser. Es waren die Ausläufer von Landskrona, an denen ich vorbeifuhr, genau wie ich vor einigen Minuten an Barsebäck mit der charakteristischen und immer etwas erschreckenden Silhouette des Atomkraftwerks in der Ferne vorbeigefahren war. Die nächste Stadt war Helsingborg, und das Landhaus, zu dem ich wollte, lag zehn, zwanzig Kilometer außerhalb der Stadt.

Ich war spät dran. Erst hatte ich lange in dem großen kühlen Auto im Parkhaus gesessen, weil ich nicht wusste, wie ich es anlassen sollte; und ich konnte einfach nicht ins Büro der Mietwagenfirma gehen und sie fragen, ich hatte Angst, dass sie mir den Wagen wegnehmen würden, wenn ich eine derart umfassende Unkenntnis verriet, also schlug ich im Handbuch nach, blätterte vor und zurück, aber dort stand nichts über das Anlassen des Motors. Ich untersuchte das Instrumentenbrett, danach den Zündschlüssel, bei dem es sich nicht um einen Schlüssel handelte, sondern nur um eine schwarze Plastikscheibe. Ich hatte den Wagen geöffnet, indem ich auf die Scheibe drückte, und überlegte nun, ob man das Auto mit einem ähnlichen System starten konnte. An der Lenkradsäule gab es jedenfalls kein Zündschloss. Aber das da? War das nicht ein Spalt.

Ich steckte die schwarze Plastikscheibe hinein, und das Auto sprang an. Die nächste halbe Stunde fuhr ich durchs Zentrum von Malmö und suchte nach der richtigen Ausfallstraße. Als ich endlich die Autobahn erreichte, hatte ich beinahe eine Stunde Verspätung.
Als Landskrona hinter dem Höhenzug verschwunden war, tastete ich nach dem Handy auf dem Beifahrersitz, fand es und gab die Nummer von Geir A. ein. Er hatte mich seinerzeit mit Thomas bekannt gemacht, sie hatten sich in einem Boxclub kennengelernt, als Thomas an einem Fotobildband übers Boxen arbeitete und Geir eine Abhandlung über dasselbe Thema schrieb. Sie waren ein ungleiches Paar, um es vorsichtig auszudrücken, hatten aber großen Respekt voreinander.
»Hallo, mein Junge«, sagte Geir.
»Ja, hallo«, sagte ich. »Würdest du mir einen Gefallen tun?«
»Natürlich.«
»Kannst du Thomas anrufen und ihm sagen, dass ich eine Stunde später komme.«

»Natürlich. Aber du bist auf dem Weg,
»Ja.«

»Klingt gut.«
»Es ist fantastisch, eine Abwechslung. Aber jetzt muss ich einen Lastwagen überholen.«
»Na und?«
»Ich kann nicht gleichzeitig telefonieren.«
»Deine Fähigkeiten, Dinge gleichzeitig zu tun, wären mal eine Studie wert. Aber okay, bis bald.«
Ich beendete das Gespräch, schaltete einen Gang runter und fuhr an dem langen weißen Lastwagen vorbei, der im Wind leicht schaukelte. In diesem Sommer hatte ich die ganze Familie nach Koster gefahren, und auf dem Weg dorthin war es beinahe zu zwei Unfällen gekommen, beim ersten Mal war es Aquaplaning bei hohem Tempo gewesen, das hätte richtig bös ausgehen können, beim zweiten Mal war es nicht so schlimm, aber genauso erschreckend gewesen; in einer Schlange vor Göteborg musste ich die Spur wechseln und sah das von hinten kommende Auto nicht; ich entging einem Zusammenstoß nur, weil der andere Fahrer so schnell bremste. Das anschließende wütende Hupen schnitt mir direkt in die Seele. Seitdem hatte ich beim Fahren immer ein ungutes Gefühl, die Angst fuhr irgendwie mit, was vermutlich gesund war, aber dennoch, selbst einen Lastwagen zu überholen, brachte mich aus der Fassung, ich musste mich zwingen, es zu tun; und nach so einer Fahrt war ich immer einige Tage vollkommen fertig, als wäre ich betrunken gewesen. Dass ich den Führerschein gemacht hatte und tatsächlich fahren durfte, interessierte die Seele nicht, sie hing hinterher und lebte noch immer in der Zeit, in der einer meiner großen und immer wiederkehrenden Albträume davon handelte, dass ich mich in ein Auto setzte und losfuhr, ohne es zu können. Voller Angst, die Polizei könnte kommen, während ich auf den kurvenreichen norwegischen Straßen unterwegs war, schlief ich in irgendeinem Bett, das Kopfkissen und die obere Hälfte der Bettdecke nassgeschwitzt.

Ich bog von der Autobahn auf die schmalere Reichsstraße nach Höganes ab. Draußen war es sichtlich heiß, es lag an der Fülle des Lichts, dem gleichsam verschleierten Himmel und diesem weichen Glitzern, das die Sonnenstrahlen über alles streuten. Es war, als stünde die Welt offen und vibrierte.

Zehn Minuten später fuhr ich auf den Parkplatz eines Supermarkts, hielt und stieg aus. Oh, es gab einen Sog in dieser Luft. Sie enthielt das Blau des Meeres, war aber nicht so heiß wie die Luft im Sommer, es lag ein Hauch von Kühle und Ruhe darin. Als ich über den Asphalt auf den Supermarkt und dessen schlaff herunterhängende Fahnen zuging, erinnerte mich die Luft an das Gefühl, das ich jedes Mal hatte, wenn ich an einem glühend heißen Sommertag in einer italienischen Stadt mit der Hand über eine Marmorfläche strich, an diese ebenso subtile wie überraschende Kühle.

14:18 01.06.2017

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