In der Grauzone

Einblicke Die Figur des Hochstaplers hat gerade auch in der Grauzone zwischen Literatur und Journalismus eine lange Tradition, die gar nicht so viel mit Wahrheit und Fiktion als vielmehr der Relativität der Abgrenzung zu tun hat
In der Grauzone
China Photos/Getty Images

Literatur und Journalismus


"Beim Borderline-Journalismus vermischt der Autor Realität und Fiktion oder veröffentlicht alte Texte unter neuem Datum. So versucht er meistens den – in der Regel darüber im Unklaren gelassenen – Leser zu manipulieren. Geprägt wurde der Begriff des Borderline-Journalismus von Redakteuren der Süddeutschen Zeitung; der Autor Tom Kummer benutzte ihn danach als Euphemismus für frei erfundene Interviews, die er an diverse Printmedien verkauft hatte. Nach journalistischen Kriterien ist 'Borderline-Journalismus' kein Journalismus, bestenfalls eine Literaturgattung. Die Arbeitsweise ist nicht mit dem deutschen Pressekodex vereinbar, wonach Gerüchte und Vermutungen eindeutig als solche kenntlich zu machen sind." >> Wikipedia Borderline-Journalismus


Grenze und Überschreitung


"Die Trennung von Literatur und Journalismus ist ein Projekt des 19. Jahrhunderts. Kriterien wie Information und Faktizität gelten seither als grundlegende Prinzipien journalistischer Tätigkeit und setzen die Banngrenze zur Literatur. Doch das Verhältnis bleibt bis heute gespannt. Der Idee eines literarischen Journalismus steht die Furcht vor 'hereinbrechenden Rändern' gegenüber. Was taugt die strenge Demarkation und welche Möglichkeiten werden dadurch verbaut? Ein Ausflug in die Grauzone." >> Medienheft


Nachfragen und Nachdenken


"Als in der vorvergangenen Woche bekannt wurde, dass einige Interviews des Journalisten Ingo Mocek im Magazin 'Neon' zwar schön zu lesen waren, aber erfunden, brauchte man auf die Ferndiagnose über seine Beweggründe nicht lange zu warten: 'Gerade der Druck auf freie Journalisten ist inzwischen immens. Im weltweiten Wettkampf der digitalen Medienwelt herrscht dauernder Stress. Noch mal nachfragen oder nachdenken: Dafür geben viele Redaktionen ihren Kolleginnen und Kollegen keinen Raum mehr', kommentierte Ines Pohl, Chefredakteurin der 'taz'. Doch Borderline-Journalisten sind keine Erfindung der Medienkrise." >> Berliner Morgenpost Online


Einfach der Knaller


"Fiktionen statt Fakten, dieses Prinzip wird seit dem Medienskandal um die gefälschten Interviews von Tom Kummer als 'Borderline-Journalismus' gebrandet. Der Celebrity-Reporter hatte in den 90ern in großem Stil etliche erstaunliche Promi-Interviews verkauft, die eigentlich zu gut klangen, um wahr zu sein: Pamela Anderson plauderte bei ihm über Schönheits-OPs und die Entgrenzung des Körpers und klang dabei wie der französische Zeichentheoretiker Roland Barthes. Tom Hanks philosophierte über Feng Shui. Sean Penn outete sich bei Kummer als Fan des hochkomplizierten Schriftstellers Robert Musil und dass Sharon Stone sich mit Søren Kierkegaards 'Tagebuch eines Verführers' beschäftigte, war einfach der Knaller." >> Philibuster


Die Grundsätze der Wahrheit


"Am vergangenen Freitag erhielt der Spiegel-Reporter René Pfister für eine Reportage über den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer den Henri-Nannen-Preis. Allerdings war Pfister nie in Seehofers Keller hinabgestiegen, obwohl er es im Text sehr anschaulich beschrieben hat. Als alte Expertin für Fakes und erfundene Reportagen unterstützt die Wahrheit ausdrücklich den Ausgezeichneten. Findet die Wirklichkeit doch sowieso nur in der Fiktion statt, wie einer der Grundsätze der Wahrheit lautet." >> taz.de


Zeitlos und attraktiv


"Das Thema Hochstapelei erfreut sich wahrscheinlich immerwährenden Interesses und ist daher vermutlich zeitlos attraktiv. Das rührt wahrscheinlich daher, daß es in uns allen mehr oder weniger hochstaplerische und auch kriminelle Motive gibt und die HochstaplerIn wegen ihres frechen Mutes und ihrer Geschicklichkeit vielfach bewundert wird. Sie traut sich etwas, lebt etwas, das wir uns vielfach versagen und nicht trauen. So wagen und leben sie ein Stück von uns selbst: Mehr sein als wir sind, das wünschen sich die meisten von uns, und deshalb werden es die meisten als angenehm empfinden, wenigstens mehr zu gelten und zu scheinen als sie sind." >> sgipt.org

18:12 25.07.2012

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