Relative Echtheit

Leseprobe "Seit über zehn Jahren schrieb ich über die ganze Welt, ohne die Wohnung zu verlassen. Ein bißchen Internet, eine Handvoll Reiseführer, Lexika und Literatur, dazu ein paar Telefonate – mehr Authentizität braucht kein Mensch."
Relative Echtheit
Foto: KNS/AFP/Getty Images
"Nicht fördernd ist es, wohin zu gehen."

I GING, Das Buch der Wandlungen

1

IM HOCHSOMMER DES LETZEN JAHRES geriet die amerikanische Touristin Betty S., eine unternehmungslustige Dame aus dem mittleren Westen, auf eine ungewöhnliche Reise. Infolge eines Computerfehlers, einer beachtlichen Kette von Verwechslungen und wohl auch der gewissen Resolutheit, die ihr eigen war, verfehlte sie ihr Ziel, eine Berghütte am Diamond Mountain in North Carolina, gründlich und strandete nach einer Irrfahrt in Nordkorea, wo die sagenumwobenen Diamantenberge liegen. Lag’s am schlechten Englisch des asiatischen Reisebüroangestellten oder einfach daran, daß im Aufklappmenü der Destinationen North Korea direkt unter North Carolina gelistet war – man weiß es nicht. Möglicherweise rechnete sie gar nicht damit, daß ein Land wie Nordkorea existierte. Wie ihr gelang, sämtliche Grenzkontrollen zu überwinden, ohne aufgehalten zu werden, und in diesen seit Jahrzehnten vor sich hin kollabierenden Gespensterstaat einzureisen, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, aber ein paar Leute sind der Ansicht, gerade weil es so phantastisch, so absurd war, konnte es gelingen.

Die Gelegenheit, das Land zu besuchen und kennenzulernen, bestand für westliche Besucher erst seit kurzem. Es gab drakonische Sicherheitsauflagen. Fotoapparate, Mobiltelefone und Laptops wurden in Verwahrung genommen. Listen mit Verboten und Strafkataloge gingen herum. Nordkoreanisches Militär eskortierte die Marschkolonnen der Urlauber zu diversen Felszeichnungen des geliebten Führers Kim Jong Il und wieder zurück. Beim Abweichen von den markierten Wegen hallten Warnschüsse durch die Luft. Es war sehr aufregend, sehr aufreibend und vor allem völlig anders, als Betty S. sich ihren erholsamen Aufenthalt in einer lauschigen Berghütte im amerikanischen Nationalpark ausgemalt hatte. Und so kam es, wie’s vielleicht nicht kommen mußte, daß sie am Abend des zweiten Tages plötzlich umkippte und im Kiesbett eines Busparkplatzes neben ihrer Handtasche verschied. Ein Tod, der manche Fragen aufwarf.

Zu meinem Leidwesen waren es Fragen, bei denen es weniger um die Dame ging, die ich nicht kannte, auch nicht um die näheren Umstände ihres Ablebens. Nicht um die Rolle Nordkoreas in der Angelegenheit, und nicht um Fragilität computergestützter Buchungsprozeduren in Reisebüros. Statt dessen ging es um mich und, wie paradox es klingen mag, um die Rolle, die ich dabei nicht spielte. In einer Art spukhaften Fernwirkung beeinflußte das Ereignis mein bis dahin in makellosen Bahnen dahinziehendes Leben und markierte einen Wendepunkt, wie man, nicht ganz zutreffend, sagt. Denn nach einem Wendepunkt müßte ja alles wieder rückwärts gehen, vorbei an den gleichen Stationen, nur in umgekehrter Richtung. Volltrunken beginnt man den Abend und wird immer nüchterner. Aus alt wird neu, der Mülleimer leert sich von selbst. Es gibt riesigen Streit, andauerndes Beziehungstheater, zähesten Alltag, aber mit der Zeit verliebt man sich immer mehr in die Frau an seiner Seite, die anscheinend von Tag zu Tag schöner wird, jünger auch, leuchtender, bis man sich auf dem unfaßbarsten Höhepunkt des Glücks trennt, um sich noch jahrelang in langsam abkühlender Sehnsucht nacheinander zu verzehren. So ein Wendepunkt, so eine wahre Wende, wäre mal eine Daseinsinnovation, die ich wohlwollend durchprüfen würde.

In meinem Fall, bedauerlicherweise, war das nicht der Fall. Die unerschütterliche Weltgewißheit einer amerikanischen Mittelstands-Hausfrau auf der einen Seite und die Kryptodespotie eines im geographischen Sonstwo agierenden Staates auf der andern verbanden oder verbündeten sich, um einen rein negativen Lebensschub zu bewirken, eine Kumulation von Quatsch, Streß und, sagen wir, existentiellem Mobbing.

Ich hatte das ominöse Vorkommnis, die Betty-Episode, nur beiläufig gestreift, am Rande meiner Abenteuerreisereportage über Nordkorea, mehr oder weniger pflichtschuldig aufgeführt, homöopathisch einfließen lassen. Ich hatte es, genauer gesagt, nur deshalb der Erwähnung für nötig befunden, um dem Vorwurf zu entgehen, es womöglich unterschlagen zu haben. Das Drama in den Diamantenbergen hieß der Bericht, und, zugegeben, er geizte nicht mit ergreifenden, grell ausgeschmückten Horrorszenen von eindrucksvoller Plastizität. Nordkorea, so wie ich es sah, war der letzte weiße Fleck auf der Weltkarte des touristisch-industriellen Komplexes, die einzige noch unberührte Enklave im Gewühl der Globalisierung, die besser unberührt bleiben sollte.

Erschienen war der Text in der International Geographic Revue, einem renommierten Glamour-Travel-Magazine, das auf vermeintlich abseitige Routen spezialisiert war, auf in Reiseführern als Geheimtip geführte Orte und spezielle Inseln. Hier drehte sich alles um „Tauchen vor Japan“, um den „Humboldt-Blick von Teneriffa“ oder den „Kräuterfrühling in Südtirol“. Das Blatt verstand sich als Leitmedium für einen Tourismus von Touristen, die keine Touristen sein wollten, vielmehr singuläre Individualisten, ausgewiesene Kenner von Kreditkarten-Akzeptanzstellen, wahre Pioniere, die Postkarten nachempfundene Traumzonen erkunden, ohne den Bus zu verlassen, und die außer auf edle Luxusherbergen mit Mamorbädern und Sterneköchen auf praktisch nichts angewiesen sind. Sicher, ein Golfplatz sollte oder besser zwei Golfplätze sollten in der Nähe sein. Und sind in der Regel immer auch da.

Die Vorfälle in den Diamantenbergen, um das gleich zu sagen, waren nicht meine Erfindung, es gab sie wirklich. Die Berge heißen auch wirklich so, weil ihre Bergspitzen in der Sonne funkeln, was laut Prospekt im Sommer der Fall ist, vielleicht auch im Frühling. Schwer bewacht liegen sie im Süden Nordkoreas, sehr reizend, sehr malerisch, geradezu idyllisch eingebettet zwischen einem U-Bootstützpunkt der Marine und der am schwersten bewachten Grenze der Welt, die am 38. Breitengrad die beiden verfeindeten koreanischen Landesteile trennt. Bis vor kurzem waren sie militärisches Sperrgebiet. Heute befindet sich dort, umgeben von Minen und Elektrozäunen, der „Diamond Country Club“, ein Hotel-Ufo im Niemandsland, wie aus dem Weltraum in einer Mondlandschaft aus Einschußkratern und Bombenlöchern gelandet. Das Ding hat fünf Sterne und verfügt neuerdings, wie könnte es anders sein, über eine perfekte Golfanlage, die einzige im ganzen Land.

Mich reizte das sagenhaft wenig. Aber dem Chef des International Geographic aber glänzten die Augen und glühten die Ohren, als er davon erfuhr. Florian von Andersheim, selbstgekürter und -verliebter Reisepapst der Reisekirche, war elektrisiert. Er habe, erklärte er am Telefon, als er mir den Auftrag erteilte, vieles gesehen, praktisch alles, das aber nicht. Golf in Nordkorea, er fasse es nicht. Das sei etwas anderes als Schottland, nicht zu vergleichen mit Südafrika, das sei eine Erstbesteigung. Golf in der verücktesten Diktatur der Welt. Mehr gehe nicht.

Meinen Einwand, daß Golf, wenn es Golf sei, überall Golf sei und daß ein demokratisches Stück Rasen sich von einem diktatorischen nicht ohne weiteres unterscheiden lasse, ließ er nicht gelten. Das könne man vorher nicht wissen, sagte er, das müsse man sich ansehen, das sei eben das Spannende.

„Kommunistisch golfen“, rief er aus, „wie bitte soll das gehen? Das wäre ja ein Parteitag im Puff.“

Er sollte recht behalten. Eine komische Besonderheit hatte die Anlage in den Diamantenbergen tatsächlich. Sie besaß nämlich 19 anstelle der üblichen 18 Löcher. Das 19. Loch war das sogenannte „unification hole“, das jeder Spieler absolvieren mußte, um die Wiedervereinigung des seit über 40 Jahren in Nord- und Südkorea gespaltenen Landes hochsymbolisch zu vollziehen. Es lag in der Mitte des Platzes, in einer trichterartigen Senke, und jeder Ball, der irgendwie in die Nähe geriet, landete wie von selbst genau auf dem Punkt. Im Kommunismus spielt man Golf mit hole-in-one-Garantie.

Jenseits der klinisch sauberen und von Hochglanz-Grashalmen umgebenen Hotelanlage war die Edelherberge lag ein Parcour der Trostlosigkeiten, ein Gelände aus Gestrüpp, Geröll und Schlamm, in dessen Mitte hin und wieder ein paar verwitterte, kaum erkennbare Buddhafiguren auftauchten, Einsiedelstationen und verfallene Tempelgemäuer. Grüne Zäune und Mauern schirmten die Touristen ab von der Bevölkerung oder die Bevölkerung von den Touristen, man weiß es nicht genau. Die zugeknöpften Serviertöchter im Hotelrestaurant trugen alle die gleichen roten Anstecknadeln mit dem "Großen Führer" im Revers, sahen alle gleich adrett aus, waren gleich geschminkt und hatten ihr Haar mit dem gleichen perlenbestickten Band gebunden. Die Gleichheit war hier überaus gleichartig verwirklicht. Abends gab’s Nudeln nach Pjöngjanger Art, Kimtchi und Bulgogi, was alles ebenfalls immer gleich schmeckte, nämlich überhaupt nicht. Unablässig dröhnten aus Lautsprechern Ansprachen und vokalreiche Pionierlieder. Nach Sonnenuntergang wanderten Suchscheinwerfer über das Gelände. Und in ihrem gespenstischen Kegel, wie nicht vertuscht werden konnte, tauchte eines Abends die umgekippte Handtasche jener Betty S. auf, neben ihrem leblosen Körper, sehr bedrohlich umstanden von einer Gruppe spitzer und betagter Felsennasen.

Nichts daran war falsch, alles war sauber recherchiert. Aber, was soll ich sagen, die Dinge entfalteten ihren eigenen Charakter. Reiseagenturen bemerkten einen starken Anstieg der Nachfrage von Nordkorea-Angeboten. Passagen meiner Schilderungen tauchten in Leitartikeln auf. Ich erhielt Interviewanfragen und jede Menge Einladungen zu Vorträgen und Talkshows, auf denen ich meine Reiseeindrücke ausschmücken konnte. Der Laden lief, der Laden brummte, und er hörte gar nicht auf zu brummen – bis sich, ein paar Wochen nach dem Erscheinen des Magazins, ein Attaché der nordkoreanischen Vertretung im Berliner Verlagshaus der International Geographic Revue meldete. Er stellte die Behauptung auf, daß, nach Kenntnis der Behörden seines Landes, ich, beziehungsweise eine Person namens W., nicht, genauer gesagt, kein einziges Mal, mit anderen Worten, niemals je in Nordkorea gewesen sei.

2

WÄHREND DIE KONSULARISCHE PETITESSE sich von der nordkoreanischen Vertretung allmählich den Weg zu mir bahnte, saß ich beim Friseur. Angetan mit Poncho und Halskrause glich ich im Spiegel einem falschen Missionar, der auf einem falschen Thron posierte, hinter dem eine mit Ohrringen, Piercings und allerlei Ketten ausgestattete Transe gerade die Augen verdrehte. Sie nannte sich Herbert und war der Friseur. Fassungslos musterte er meine schwarzen Haare. Ich spielte mit dem Gedanken, sie grau färben zu lassen, mußte allerdings zur Kenntnis nehmen, daß dies weder jetzt noch jemals möglich sei. Niemand würde das tun. Niemand solle das tun. Niemand könne das tun. Nicht nur er weigere sich. Auch die Chemie weigere sich. Er müsse zunächst blondieren, anschließend wieder schwarz tönen, herauskäme dabei bestenfalls eine Farbe wie Dreck.

„Also grau?“, fragte ich.

„So grau wie gefrorene Hundescheiße“, sagte er. „Das, was niemand an den Schuhsohlen haben möchte und, schätze ich, auch nicht auf dem Kopf.“

Es war nur eine Idee, inspiriert von den letzten Nonsensschüben der Jugend, die einen im Alter von 40 Jahren durchzucken. Seit ich denken kann, wollte ich älter sein und älter erscheinen. Kino, Cigarren, Frauen, Spanischer Bürgerkrieg, astronomische Entdeckungen oder unvergeßliche Schiffsuntergänge – ich fühlte mich zeitlebens für alles zu spät geboren. Das Leben, von dem ich erfuhr, nach dem ich mich sehnte, war immer vorbei. Ich wußte, wenn es einmal so weit wäre, daß ich bereits graue Haare hätte, würde sie nicht mehr grau färben können. Das sei mein Irrtum eben, ein Unding, versicherte Herbert und schwor, nur blonde Haare ließen sich grau färben, oder eben graue, ja, graue, das ließe sich machen.

„Graue Haare sind ja schon grau!“ Er lachte und kicherte sich eins. Da zeige sich mal wieder, die meisten Probleme lösten sich von selbst, man müsse nur abwarten. Er habe es auch tun müssen, um der Herbert zu werden, der er immer sein wollte, und jetzt sei er es, Herbert eben, und er würde mir gern helfen, aber da sei nichts zu machen, es tue ihm leid, und warum ich graue Haare wolle, bevor ich graue Haare hätte, er habe einiges erlebt, vieles, vielleicht zu viel, das aber nicht.

Ich fragte, ob ich nicht einfach ein paar Jahre hier sitzen bleiben könnte?

Er sah mich entsetzt an und wollte wissen, ob ich vom Finanzamt sei.

Nein, erwiderte ich, ich würde nur gern mal so aussehen, wie ich mich fühle.

Dann, prustete er schrill los, wenn es so wäre, in ihrem Fall, müsse er sich erschießen. Dann klingelte mein Telefon.

Andersheim war am Apparat. Er informierte mich über meinen persönlichen Weltuntergang und seine gestiegenen Blutdruckwerte. Ich informierte ihn über den situativ unpassenden Gesprächsrahmen. Er legte Wert auf die Brisanz von nordkoreanischen Meldungen, in deren Licht weitere breaking news aufgetaucht seien. Ich legte auf.

„Oops, was ist passiert?“, fragte Herbert.

Ich stand auf und zog 20 Euro aus der Hosentasche, die ich ihr gab.

„Ich fürchte“, sagte ich, „in Nordkorea ist gerade keine Handtasche umgekippt.“

Die alte Menschheitsfrage, ob jemand, der aus einem Friseurladen herauskommt, ein anderer ist als der, der hineingegangen ist, ist nach wie vor weitgehend offen, und es scheint viele Leute zu geben, die eigens durch seine magische Pforte schreiten, um dahinter eine Neubewertung ihrer Biographie vorzunehmen, ein anderes, aufregendes Leben zu beginnen, inspiriert von der Zauberkraft einer Kaltwelle oder der persönlichkeitsverändernden Spezifik kürzerer Koteletten.

Rein naturwissenschaftlich gesehen, rein biologisch, ist das nur ein komischer Nachvollzug dessen, was ohnehin geschieht. Zellen altern, Zellen sterben ab und werden durch neue ersetzt, kein Herzschlag gleicht dem andern, alles pendelt permanent, wackelt, schwankt, bricht zusammen, kommt wieder hoch, und im Grunde müßte man sich in jeder Sekunde einen anderen Namen verpassen, so rasant vollzieht sich der Umtausch der Körperteile. Rein moralisch hat sich leider eine andere Beurteilung des Falls durchgesetzt. Ein Mann, der einen Friseursalon betritt, ist für seine Umwelt selbstverständlich immer noch der gleiche, wenn er wieder herauskommt, mit neuem Haarschnitt oder nicht, da ist die Menschheit altmodisch stur, irgendwie beschränkt und fachlich im 18. Jahrhundert stehen geblieben.

Ich trat hinaus auf die Straße und sah sie gleich: graue Wolken, grau  in allen Schattierungen, von aschfarben bis hin zu einem eher blassen Beige, drifteten über den Himmel, gekontert von anthraziten Dächern und Häuserfronten, vor denen ein metallisch glänzender Regenschleier hin und her wallte. Die Natur schien keine großen Probleme mit der Farbe Grau zu haben. Die Welt war ein Schwarzweißfilm, aber ohne schwarz und weiß. Hellgrauer Schmutz verwandelte sich vor meinen Füßen in dunkelgrauen, und in der fast schwarzen Pfütze, in der ich stand, flackerte eine noch dunklere Gestalt mit meinen zitternden Umrissen. Ein Taxi hielt. Ich stieg mit gesenktem Kopf hinein und nannte dem Fahrer die Adresse.

Hatte ich etwas übersehen? Die unterlassene Visite eines Landes macht einen nicht automatisch zum Kriminellen. Nordkorea, was immer man davon halten mag, gehört zu den unbesuchtesten Ländern der Welt. Ich glaube nicht, daß bei jedem, der nicht dort war, gleich ein Botschaftsmitarbeiter aufkreuzt, der das beurkunden will. Das wäre eine Menge Arbeit für Diplomaten, gingen sie von Haus zu Haus, um allen Nichtreisenden nach Nordkorea eine offizielle Abwesenheitsbestätigung auszustellen. Bei mir, fatalerweise, war man sich nicht zu schade dafür gewesen und hatte der International Geographic Revue bereitwillig entsprechende Dokumente zukommen lassen. Nordkoreanische Dokumente, versteht sich, die hier, entgegen den Lippenbekenntnissen des Westens zu demokratischen Werten, Menschenrechten und Mindeststandards, offenbar umstandslos anerkannt wurden.

Auf der Fahrt zum Verlagshaus fuhr ich durch Straßen, ohne sie wahrzunehmen. Berlin war eine austauschbare Stadt mit austauschbaren Leuten, die austauschbare Dinge taten. Im telefonischen Kurzverhör beim Friseur hatte ich, nach Lage der Dinge, nur einräumen können, tatsächlich nicht in Nordkorea gewesen zu sein. Und nicht nur nicht dort, wie im Zuge der unvermeidlichen Generalrevision meiner Tätigkeit unterstellt wurde. Zum nicht geringen Entsetzen der Chefredaktion schien sich abzuzeichnen, daß ich auch sonst niemals irgendwo war. Für einen Reisereporter, zugegeben, eine etwas unkonventionelle Arbeitsmethode. Für mich, der ich nie Reporter sein wollte, schon gar kein Reisereporter, erst recht kein herumreisender Reisereporter, war sie die einzig mögliche.

Seit über zehn Jahren schrieb ich über die ganze Welt, ohne die Wohnung zu verlassen. Ein bißchen Internet, eine Handvoll Reiseführer, Lexika und Literatur, dazu ein paar Telefonate – mehr Authentizität braucht kein Mensch. Weiterreichende Expeditionen als die vom Schreibtisch zum Kühlschrank sind nicht nötig. Nur Zwangsneurotiker können nicht anders, als immer wieder zu kontrollieren, ob Wanderdünen wirklich wandern, was der Salpeter in der Salpeterwüste macht und inwiefern Kapstadt am Kap liegt. Leute, die Eindrücke sammeln wie Existenzbeweise, wie Lebensbeteiligungszeugnisse: hier finnische Mückenstiche, da Busverspätungen in Patagonien, dort Darmdesaster in Tibet.

Das Taxi raste durch die Straßen, als wäre ich ein Notfall. Der Fahrer, ein kleiner dicker Brummkopf, fuhr wie besengt und schien sich zu freuen, wenn Reifen quietschten, die von seinem Wagen oder die der andern.

Er war völlig aus dem Häuschen. Und ich wohl ebenfalls. Meine komfortable Existenz als immobiler Globetrotter, der aus 1000 Reiseberichten und Reportagen die 1001. zusammenkomponiert, schien sich definitiv einem unerfreulichen Ende zuzuneigen. Ich hatte keine andere. Keinen second Service, keine zweite Chance. Keine Zukunft. Nicht einmal eine Geschlechtsumwandlung würde mir helfen können.

Während die Welt draußen an mir vorbeiwischte, hielt ich drinnen, im Fond, ein stummes Plädoyer in eigener Sache. In seinem Mittelpunkt stand das unhintergehbare Menschenrecht aufs Zuhausebleiben. Das Gebot der Stunde war der Widerstand gegen die obskuren Verlockungen der Ferne. Ich zitierte Pascal mit seinem universell zutreffenden Kalenderspruch, demzufolge das ganze Unglück des Menschen allein daher rühre, daß er nicht ruhig in seinem Zimmer zu bleiben vermöge. Ich streifte die Vorzüge der Phantasie gegenüber Selbsterlebtem am Beispiel von Haiattacken, Geschlechtskrankheiten und Vulkanausbrüchen. Ich erwähnte den Gleichklang von Tourismus und Terrorismus, den beiden gräßlichsten Geißeln des Planeten. Und ich ließ eine lange Reihe prominenter Fürsprecher aufmarschieren. Sie reichte von Jules Verne, der keineswegs darauf erpicht war war, höchstselbst in 80 Tagen um die Welt zu düsen, und die Strapazen gern seinen Romanhelden kredenzte, bis hin zu Goethe, der sich eben nicht persönlich umbrachte, sondern den Part bekanntlich dem armen Werther überließ. Ich nannte Aristoteles, den alten Stubenhocker, ich nannte Kant, der souverän in seinem Königsberg ausharrte, und ich nannte mich als Beispiel für mich selber.

Leider sind alle diese Statements und überzeugenden Vortragselemente nicht überliefert und der Menschheit für ewig verschollen, ebenso die Reihe von imaginären Interviews und Fernsehauftritten, die ich im Verlauf der Taxifahrt absolvierte. Mitten in meinen Ausführungen bremste der Wagen abrupt. Reifen quietschten. Der Fahrer lachte verrückt auf. Mich riß es aus dem Sitz, und ich flog nach vorn.

Dann wurde es still.

Eine Hupe ertönte, hupte sich einsam voran und hupte weiter und weiter. Stimmen kamen näher, wurden erst laut, dann leiser. Ich vernahm ein Geräusch, das klang, als würde Eis gekratzt oder geschabt, und ich dachte, wie schön, daß dieses Eis endlich mal weggekratzt wird, und fragte mich, warum das nicht schon früher passiert war? Die halbe Welt ist vereist. Ich spürte die Kälte und spürte zugleich, daß ich nicht tot war, nicht tot sein konnte, aber sicher war ich mir nicht. Ich war noch nie tot gewesen, und falls doch, hatte ich bisher nichts davon mitbekommen.

Der Taxifahrer war auf der Hupe zusammengesunken.
18:12 25.07.2012

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