Akt des Widerstands

Leseprobe "Um wirksamen Widerstand leisten zu können, brauchen wir eine Theorie der menschlichen Natur, die sich im Kampf mit der freien Marktwirtschaft, der Anbetung der Maschinen und dem Antihumanismus der akademischen Linken behaupten kann."
Akt des Widerstands

Foto: Frederic J. Brown/AFP/Getty Images

»Meine Lebenserfahrungen haben meinen Glauben an die klare, lichte Zukunft der Menschheit nicht zerstört, sondern im Gegenteil gefestigt.«

Leo Trotzki

EINLEITUNG

Wenn Sie dieses Buch gelesen haben, werde ich Sie auffordern, sich zu entscheiden: Wollen Sie die Kontrolle des Menschen durch die Maschine akzeptieren oder sich ihr widersetzen? Wenn Ihre Antwort ist, dass Sie sich widersetzen wollen, stellt sich eine weitere Frage: Mit welcher Begründung wollen Sie die Rechte des Menschen gegen die Logik der Maschine verteidigen?

Im 21. Jahrhundert sieht sich die Menschheit mit einem neuartigen Problem konfrontiert. Dank der rasanten Entwicklung der Informationstechnologie ist das Wissen sehr asymmetrisch verteilt, und das hat zu einer sehr asymmetrischen Machtverteilung geführt. Sowohl Unternehmen als auch Staaten lernen rasch, wie sie uns mittels der auf unseren intelligenten Geräten laufenden Algorithmen steuern können: Sie wissen, was wir tun und denken, und können unsere nächsten Schritte vorhersehen und unser Verhalten beeinflussen. Auf der anderen Seite haben wir nicht einmal das Recht zu erfahren, welche Daten sie über uns sammeln und was sie damit tun.

Und das ist lediglich der Albtraum der Gegenwart. Angesichts der zu erwartenden Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) kann es durchaus sein, dass wir die Kontrolle über die intelligenten Maschinen in der Zukunft vollkommen verlieren werden.

Ein Algorithmus ist einfach eine von Menschen entwickelte Abfolge von Anweisungen zur Lösung eines Problems. Ein Beispiel: Wenn ich am Flughafen meinen Pass vorlege, wissen die Sicherheitsbeamten, dass sie mich durchlassen können, wenn meine Fingerabdrücke den im System gespeicherten entsprechen. Gibt es eine Abweichung, so werden sie mich zur weiteren Befragung festhalten.

Ein Computerprogramm ist ein Algorithmus, der ohne menschliche Eingriffe läuft. In gewissem Sinn ist er einfach der jüngste Schritt in einem langen Prozess der fortschreitenden Automatisierung. Eine der erfolgreichsten Strategien der vergangenen zwei Jahrhunderte bestand darin, die menschlichen Arbeitskräfte aus industriellen Prozessen »herauszunehmen« und sie zu Beobachtern von Maschinen zu machen. So haben die Maschinen zeitweilige und begrenzte Autonomie erlangt. Das, was wir mit Computern und Informationsnetzen tun, ist lediglich eine Erweiterung dessen, was wir mit der Windmühle, der Baumwollspinnmaschine und dem Verbrennungsmotor taten.

Aber sobald sich die Maschinen selbst Anweisungen geben können, besteht die Gefahr, dass der Mensch dauerhaft aus dem Prozess »herausgenommen« wird und die Kontrolle abgibt.

Millionen Menschen sind sich der Gefahren der algorithmischen Kontrolle bewusst. Aber sie nehmen an, dies sei ein Problem für Ethikkomitees, Technologiekonferenzen und wissenschaftliche Fachzeitschriften – oder es könne ohnehin erst von der nächsten Generation gelöst werden. In Wahrheit hängt es direkt mit der wirtschaftlichen, politischen und moralischen Krise zusammen, die wir gerade durchleben.

Ich will erklären, warum das so ist.

Nehmen wir an, ich sage Ihnen, dass es eine Maschine gibt, welche die Geschicke Ihres Landes besser lenken kann als die Regierung, eine Maschine, die logischer als jeder Mensch denken und autonom laufen kann. Nehmen wir an, ich fordere Sie auf, von nun an alle wichtigen Entscheidungen in Ihrem Leben dieser Maschine zu überlassen. Nehmen wir an, Sie können ein glücklicheres Leben führen, wenn Sie Ihr Verhalten ändern, um die Entscheidungen der Maschine vorwegzunehmen. Ich hoffe, dass Sie diese Vorstellung ablehnen.

Versuchen Sie jetzt, die Maschine durch »den Markt« zu ersetzen. Seit dreißig Jahren erlauben Millionen Menschen den Marktkräften, ihr Leben zu lenken, ihr Verhalten zu prägen und ihre demokratischen Rechte außer Kraft zu setzen. Es gibt sogar eine Religion zur Anbetung der Macht und Kontrolle dieser Maschine. Diese Religion ist die Disziplin der Wirtschaftswissenschaften.

Indem wir den Markt in den vergangenen dreißig Jahren zu einem autonomen, übermenschlichen Weltgeist erhoben haben, haben wir die Grundlage dafür geschaffen, dass wir uns irgendwann im kommenden Jahrhundert damit abfinden werden, den Maschinen die Kontrolle zu überlassen.

In der Ära der freien Marktwirtschaft lernten wir, die Unterwerfung des Menschen unter die Marktkräfte zu akzeptieren. Wir behandelten Konzepte wie Bürgerrechte, Moral und »Handlungsmacht« so, als wären sie irrelevant in einer von Konsumentscheidungen und kreativer Finanztechnik beherrschten Welt.

Doch das System des freien Marktes ist implodiert. Das von Selbstsucht, Hierarchie und Konsumismus beherrschte Denken funktioniert nicht mehr. Die Folge ist, dass die Religion des Marktes wieder der Verehrung älterer Götter weicht: Viele Menschen wenden sich dem Rassismus, dem Nationalismus, der Frauenfeindlichkeit und dem Kult um mächtige Diebe zu.

Auf dem Weg ins dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zertrümmert ein Bündnis ethnischer Nationalisten, Frauenhasser und autoritärer Politiker die Weltordnung. Gemeinsam sind ihnen die Geringschätzung für die universellen Menschenrechte und die Furcht vor der Freiheit. Sie lieben die Vorstellung von der Maschinenkontrolle, und wenn wir sie lassen, werden sie intelligente Maschinen einsetzen, um ihren Reichtum und ihre Macht zu sichern und zu verhindern, dass jemand sie zur Rechenschaft zieht.

Es ist noch nicht zu spät, dem Chaos entgegenzuwirken, die Versuche zur Einführung neuer biologischer Hierarchien auf der Grundlage von Rasse, Geschlecht und Nationalität zu unterbinden und die Übernahme der Kontrolle durch die Maschinen zu verhindern. Aber wir hören überall Argumente dafür, dass wir uns den Maschinen unterwerfen sollten.

Die Vorstellung, die Menschheit sei »bereits überwunden«, ist tief im modernen Denken verwurzelt und beherrscht die Vorstellungen der Alt-Right ebenso wie die Theorien der akademischen Linken. Sosehr Sie sich persönlich bemühen mögen, Ihr Leben an »menschlichen Werten« auszurichten: Die Vordenker des Silicon Valley und der Kommunistischen Partei Chinas sind sich darin einig, dass die menschlichen Werte unbegründet sind, dass es so etwas wie eine menschliche Natur ebenso wenig gibt wie eine logische Grundlage für eine Vormachtstellung des Menschen gegenüber der Maschine und dass es keine Begründung für die Notwendigkeit universeller Menschenrechte gibt.

Rückblickend gewinnen wir den Eindruck, dass die Ideologie des freien Marktes die Einstiegsdroge zu einem umfassenderen Antihumanismus war. Und wir werden bald herausfinden, welche Schäden diese härtere Droge anrichten kann.

»Konkurriere und eigne dir an« lautete das erste Gebot der Religion des freien Marktes. In der Ära der Deglobalisierung und des rechten Nationalismus wird das erste Gebot lauten: »Konkurriere, eigne dir an, lüge, kontrolliere und töte.« Wenn wir die neue Technologie der intelligenten Maschinen nicht der menschlichen Kontrolle unterwerfen und diese Maschinen mit menschlichen Werten programmieren, werden die Werte Wladimir Putins, Donald Trumps und Xi Jinpings die Grundlage für ihre Funktionsweise sein.

Daher habe ich mein Buch aus einem Akt des Widerstands heraus geschrieben. Meine Hoffnung ist, dass auch Sie sich auflehnen werden, wenn Sie es gelesen haben. Dass kann alles vom Kampf gegen Diktatoren über die Einrichtung menschenbezogener Projekte in Ihrer Nachbarschaft bis zur Auflehnung gegen die Maschinenlogik im Alltagsleben umfassen.

Um wirksamen Widerstand leisten zu können, brauchen wir eine Theorie der menschlichen Natur, die sich im Kampf mit der freien Marktwirtschaft, der Anbetung der Maschinen und dem Antihumanismus der akademischen Linken behaupten kann.

Wir brauchen eine radikale Verteidigung des menschlichen Wesens.

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TEIL I

DIE GESCHEHNISSE

Was der Mob wollte und was Goebbels so schlagkräftig zum Ausdruck brachte,

war der Zugang und Eingang in die Geschichte überhaupt,

selbst um den Preis der eigenen Vernichtung.

Hannah Arendt

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DER TAG NULL

Ross kommt angerannt, seine Kamera läuft. Er tippt mich an die Schulter und öffnet den Mund, aber ich zeige auf die an meinem Helm montierte GoPro und forme leise die Lippen zu dem Wort »live« – womit ich ihm zu verstehen gebe, dass er nichts sagen soll, was später gegen uns verwendet werden könnte. Vor Kurzem haben wir gemeinsam die Unruhen in Istanbul gefilmt. Das hier ist etwas anderes.

Augenblicke später begegne ich Brandon, der sich ebenfalls ins Getümmel gestürzt hat. Wie ich berichtet er seit 2011 über eine Serie von Protestkundgebungen und Unruhen: Kairo, Athen, Istanbul. Jetzt klatschen wir im Vorbeilaufen kurz ab, während irgendwo Fensterscheiben bersten. Ein Geländewagen steht in Flammen. Blendgranaten blitzen auf, Tränengasschwaden hängen über der Straße.

Etwa tausend ganz in schwarz gekleidete und maskierte junge Leute sind im Stadtzentrum ausgeschwärmt und liefern sich Verfolgungsjagden mit der Bereitschaftspolizei. Und der Zufall will es, dass wir drei einander inmitten dieses Getümmels auf wenigen Quadratmetern des städtischen Schlachtfelds begegnen: Ross, Brandon und ich sind Veteranen der Berichterstattung über Länder, die den Bach hinuntergehen.

Es ist der 20. Januar 2017. Der Ort ist Washington, D. C. Der soziale Krieg, der seit geraumer Zeit an den Rändern des globalen Systems tobt, hat jetzt auch sein Zentrum erreicht. Wir sind nur zwei Straßenzüge vom Weißen Haus entfernt. Donald Trump ist seit wenigen Minuten Präsident.

Die Polizisten stehen dem wachsenden Aufruhr ratlos gegenüber: Sie sind für Situationen ausgebildet, in denen die Leute entweder ihren Anweisungen gehorchen oder erschossen werden. Heute können sie keinen Gehorsam erwarten, und sie dürfen nicht schießen. Also hetzen die vom militarisierten Nichtstun geschwächten und unter dem Gewicht sinnloser Ausrüstung stöhnenden Uniformierten atemlos den Demonstranten hinterher. Als eine junge Frau, die ein Fahrrad schiebt, ins Stolpern gerät und im Fallen drei Polizisten mit sich reißt, eilen einige Kollegen herbei, um die Fahrerin und ihr Rad niederzuknüppeln, während andere versuchen, ihr aufzuhelfen. Der Soundtrack ist klassische Krawallmusik: Sirenen, aus Funkgeräten knisternde Befehle, das Bersten einer eingeschlagenen Fensterscheibe in einer Starbucks-Filiale, und junge Amerikaner, die »No facist USA!« skandieren.

Schließlich greift die Polizei geschlossen an. Aus zwei Zentimeter dicken Schläuchen spritzt mit Tränengas versetztes Wasser. Einige Jugendliche in schwarzen Sturmhauben weigern sich, den Rückzug anzutreten. Sie bilden einen Keil, spannen schwarze Regenschirme auf, um sich zu schützen, und greifen die Polizeiphalanx an. Ein nicht maskierter Demonstrant liegt mit dem Gesicht nach unten auf der Straße, als ein Polizist einen Taser auf ihn richtet. Der etwa zwanzigjährige Mann hat einen blonden Lockenkopf, und in seinem Gesicht ist keine Andeutung von Furcht zu sehen. Er schaut den Polizisten an und sagt ruhig in die auf ihn gerichteten Kameras: »Fuck Donald Trump. Fuck Donald Trump.«

Als sich die Aufrührer zerstreuen, beginnt die Polizei, kleine Gruppen von Demonstranten durch die Stadt zu jagen. Die Intensität nimmt zu: Wir laufen vorbei an der American Development Bank, an Joe’s Stone Crab, an den seelenlosen Bürogebäuden, in denen die Lobbyisten zuhause sind. Wir hetzen durch die zersplitterte Landschaft der Normalität, und während dieser panischen Flucht vor einem langsamen, roboterhaften Feind fühle ich mich in eine Filmszene versetzt. Aber ich kann mich nicht erinnern, welche Szene es ist.

Am Abend vor Trumps Vereidigung treffe ich einen 72-jährigen Farmer aus Tennessee. »Was halten Sie davon?«, fragt er, wobei er mit dem Kopf eine Geste in Richtung der Worte »Fuck Trump« macht, die jemand am Franklin Square mit Kreide auf den Boden gemalt hat. Er trägt ein dickes rotes Cowboyhemd und macht ein gequältes Gesicht. Er sieht wieder zu den Demonstranten hinüber, die sich um eine Thrash-Metal-Band gesammelt haben, und murmelt: »Die wollen nicht arbeiten. Die sind krank.« Das klingt sonderbar, denn die meisten dieser Demonstranten sind offensichtlich Mittelschichtkinder mit Hochschulabschlüssen und Jobs.

»Wissen Sie, was deren Klamotten kosten?«, fährt er fort. »Fünfzig Dollar für eine Baseballkappe, hundertfünfzig für ein Paar Turnschuhe.« Auch diese Bemerkung klingt eigenartig, denn die meisten Demonstranten – die überwiegend Anarchisten sind – tragen weder Baseballkappen noch Markenschuhe. »Sie wollen nur Geld«, sagt er in angewidertem Ton und streckt mir eine Hand wie ein Bettler entgegen. Er macht ein Gesicht, als hätte er Hundescheiße gerochen.

Erst jetzt wird mir klar, dass er in Wahrheit nicht die Demonstranten meint, sondern ihr Bild im Geist mit dem der Menschen verschmilzt, an die sie ihn erinnern: arme Schwarze in Tennessee. Die Wut lässt seine Augen hervortreten: »Die kommen aus dem Supermarkt in T-Shirts für zwanzig Dollar und Turnschuhen für hundertfünfzig …« Der Mann kennt sich gut aus mit den Preisen der bevorzugten Kleidung junger Afroamerikaner.

Als ich etwas zu entgegnen versuche, wechselt er das Thema und kommt auf den Klimawandel zu sprechen – den es seiner Meinung nach nicht gibt. »Weil meine Kühe furzen, soll ich jetzt eine Methansteuer zahlen?« Er erklärt mir, dass sich dort, wo heute die Antarktis ist, einst ein Regenwald befand, und dass dort fossilisierte Knochen von Kamelen in der Erde liegen, was beweist, dass der Klimawandel vorübergehend ist: »Es ist ein ewiger Kreislauf.«

Während sich die Stadt für den Amtsantritt des neuen Präsidenten rüstet, begegne ich an jeder Straßenecke Leuten wie diesem Farmer. Trump hat ihnen eine Stimme gegeben, und die amerikanischen Medien haben ihnen die Erlaubnis erteilt, ihrem stärksten Gefühl freien Lauf zu lassen: dem Hass. Ein von Selbstmitleid erfüllter Rassist nach dem anderen erzählt mir seine Geschichte, und mir wird klar, womit ich es hier zu tun habe: mit Menschen, die ihre Fähigkeit zum logischen Denken verloren haben und alle Ungerechtigkeiten und Widrigkeiten in ihrem Leben mit einer eingebildeten Bedrohung durch Schwarze, Homosexuelle und befreite Frauen erklären.

Progressive Kommentatoren raten uns, wir sollten uns bemühen, die Motive dieser Leute zu verstehen: Sie seien wirtschaftlich abgehängt worden und vom gesellschaftlichen Wandel überfordert. Man sagt uns, wir sollten Verständnis für sie zu zeigen, weil diese Menschen im Mittleren Westen ein enttäuschendes Leben führen, während jene, die ein erfülltes Leben genießen, diese Regionen nur im Flugzeug überqueren oder dort bestenfalls einmal auf der Durchreise in einem Motel am Straßenrand haltmachen.

Ich bevorzuge eine harschere Form des Verständnisses, beruhend auf Vernunft, Logik und Wissenschaft.

Wenn ich aufgefordert werde, die Probleme der »weißen Arbeiterklasse« zu verstehen, antworte ich mit der Überzeugung eines Mannes, der als weißer Angehöriger der Arbeiterklasse in einer rauen englischen Bergbaustadt aufwuchs, dass es so etwas wie eine weiße Arbeiterklasse nicht gibt: Dies ist eine Identität, die von den Reichen erfunden wurde, um die Armen zu unterdrücken, so wie die Identitäten des »Kuli« und des »Wilden« in der Kolonialzeit von Siedlern erfunden wurden, die eine Rechtfertigung brauchten, um ihre Opfer wie minderwertige Menschen behandeln zu können.

Stellen wir uns dem Problem: Wenn wir uns Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit wünschen, müssen wir Leute wie den Farmer, der von Kamelen in der Antarktis erzählt, als Feinde betrachten. Diese Leute haben im mächtigsten Land der Welt einen Mann an die Macht gebracht, der sich seiner sexuellen Übergriffen rühmt, einen Rassisten, Steuerbetrüger und Gauner. Damit haben diese Leute wissentlich dafür gestimmt, das als Globalisierung bezeichnete multilaterale System zu zerstören, die im vergangenen halben Jahrhundert erzielten Fortschritte im Kampf für Minderheiten- und Frauenrechte ungeschehen zu machen und den Rechtsstaat durch die Herrschaft einer kleptokratischen Dynastie zu ersetzen.

Und solche Leute sind in aller Welt auf dem Vormarsch. Da sind die Patriot-Prayer-Demonstranten in Portland, die dazu aufrufen, Einwanderer »mit dem Kopf gegen den Beton zu schmettern«. Da sind die Trolle der türkischen Regierungspartei AKP, die Journalistinnen mit koordinierten Vergewaltigungsdrohungen einschüchtern. Da sind die Pöbelhaufen, die in Russland Homosexuellenmärsche attackieren. Da sind die Neonazis, die im deutschen Bundestag vom Rednerpult islamfeindliche Tiraden loslassen. In Indien lynchen »Kuh-Hüter« Muslime, während sich Premierminister Narendra Modi – der indische Trump – weigert, die Übergriffe zu verurteilen. In Brasilien marschieren die Fußsoldaten des Ende 2018 zum Präsidenten gewählten Faschisten Jair Bolsonaro auf, der einst vor laufender Kamera zu einer linken Abgeordneten sagte, sie sei es nicht wert, vergewaltigt zu werden, und die Nachfahren entflohener Sklaven sollten sich nicht vermehren.

Der geistige Abfall, den diese Leute produzieren, verseucht das Denken und die Timelines rationaler Menschen in aller Welt.

Meinungsforscher bezeichnen die Geisteshaltung dieser Leute als »autoritären Populismus«. Kennzeichnend dafür sind die Ablehnung a) der Menschenrechte, in denen sie die Rechte anderer sehen, b) der Zuwanderung, die sie als Verschmutzung »ihrer« Kultur betrachten, und c) aller Formen des Multilateralismus in Politik und Wirtschaft, der den Handlungsspielraum eines in ihren Augen mit gutem Recht repressiven Staates einschränkt. Wäre ihr Weltbild damit vollständig, so könnten wir uns mit der Erklärung trösten, es handle sich lediglich um ein Aufleben der reaktionären Neigungen, die stets in Gesellschaften schlummern, die rasante Veränderungen bewältigen müssen.

Aber wir haben es mit einer tiefer verwurzelten Feindseligkeit gegenüber der Wissenschaft, der Logik und der Rationalität zu tun, gegenüber jenen Dingen, die in den vergangenen fünfhundert Jahren die Grundlage der auf der Marktwirtschaft beruhenden Gesellschaften gewesen sind. Wie wir sehen werden, wurde dieser Angriff auf die Vernunft von einem Teil der krisengeschüttelten Elite theoretisch vorbereitet – ob das den Aktivisten der neuen Rechten nun vollkommen bewusst ist oder nicht.

Der Vormarsch der gelernten Dummheit in der Weltpolitik ist umso erschreckender, als er in eine Zeit fällt, in der Informationen freier zugänglich sind als je zuvor in der Geschichte. Wir müssen diese Situation verstehen und – sofern es möglich ist – Wege finden, um möglichst viele konservativ denkende Personen dazu zu bewegen, sich für Rationalität, Mäßigung und die Normen des demokratischen Verhaltens zu entscheiden.

Wenn sie nicht überzeugt werden können, müssen wir Widerstand gegen sie leisten. Sie haben einer auf Tatsachen beruhenden Politik, dem wissenschaftlichen Denken und einem auf Regeln statt auf Gewaltanwendung beruhenden globalen System den Krieg erklärt. Jene, die diese Werte verteidigen wollen, müssen sich zur Wehr setzen.

Um das tun zu können, brauchen wir mehr als nur Fakten. Wie der Intellektuelle Tzvetan Todorov in seiner Auseinandersetzung mit dem Kampf gegen den Totalitarismus im 20. Jahrhundert schrieb, brauchen wir dafür sowohl Erinnerung als auch Hoffnung. Aber woran sollen wir uns erinnern, und worauf können wir hoffen?

Vor nicht allzu langer Zeit, in den frühen neunziger Jahren, glaubten vollkommen rationale Personen, das »Ende der Geschichte« sei gekommen: Die freiheitliche Demokratie und der marktwirtschaftliche Kapitalismus stellten in ihren Augen die perfekte Ordnung dar, weshalb ihnen zukünftige Umwälzungen unmöglich schienen.

Im Jahr 2008 wurde die Welt aus dieser Illusion gerissen. Die durch den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers ausgelöste Finanzkrise hat sich zu einer Legitimitätskrise des marktwirtschaftlichen Systems ausgeweitet, und die Zweifel an diesem System liefern nun Argumente für einen Angriff auf Demokratie und Menschenrechte und beschwören neue Gefahren für die geopolitische Ordnung herauf.

In den Vereinigten Staaten herrscht Trump. Mit dem Brexit hat der Zerfall der Europäischen Union begonnen. In den sozialen Medien breiten sich Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, der Glaube an eine Überlegenheit der weißen Rasse und eine Opferrolle des männlichen Geschlechts aus. In der Türkei sitzen Hunderte Journalisten im Gefängnis. Auf den Philippinen jubelt der Präsident über das von den Todesschwadronen angerichtete Blutbad. Im syrischen Bürgerkrieg, der ausbrach, weil Jugendliche Losungen gegen den Diktator Baschar al-Assad auf Hausmauern schmierten, sind mittlerweile 470000 Menschen getötet und 10 Millionen vertrieben worden. Das chinesische Regime schickt sich an, seine 1,4 Milliarden Bürger im kommenden Jahrhundert einer lückenlosen digitalen Überwachung zu unterwerfen. Dies ist keine fantastische dystopische Darstellung aus einem Science-Fiction-Roman: Es ist die Wirklichkeit, in der wir leben.

Früher beneidete ich meine jüngeren Journalistenkollegen, die in einer Welt zuversichtlicher Gewissheit lebten und an den Eliteuniversitäten gelernt hatten, dass die Ära der systemischen Krisen der Vergangenheit angehörte. Ich hingegen hatte Anfang zwanzig in Thatchers Großbritannien gelebt und war Zeuge einer Zeit der Konflikte, der Rezession und des sozialen Zerfalls geworden. Meine jungen Kollegen, so schien es, würden nur coolen, gleichmäßigen, technokratischen Fortschritt kennenlernen.

Mittlerweile habe ich Mitleid mit ihnen. Sie müssen jeden Morgen in ihren Newsfeeds mit ansehen, wie dramatische, bis vor Kurzem undenkbare, mit keiner Theorie erklärbare Ereignisse die Welt erschüttern: Trump fliegt nach Moskau, um mit Putin gemeinsame Sache gegen das FBI zu machen. Die altehrwürdige Österreichische Volkspartei kündigt über Nacht das Bündnis mit den Sozialisten auf und schließt sich mit den Neofaschisten zusammen. In China bricht Parteichef Xi Jinping nach drei Jahrzehnten mit der Konsensregierung und schwingt sich zum Alleinherrscher auf. Private Nachrichtendienste, von deren Existenz wir nie gehört hatten, manipulieren Wahlen im Auftrag des Meistbietenden.

Da wir die Entfaltung dieser neuen Weltunordnung in Echtzeit auf unseren mobilen Geräten verfolgen können, löst sie ein bipolares Verhalten aus: Wir reagieren extrem empfindlich auf das Chaos, verharren jedoch in Resignation, wenn wir vor der Frage stehen, was wir dagegen unternehmen können.

Auch der Liberalismus, die ehemals dominierende Ideologie der westlichen Welt, ist mittlerweile bipolar. Viele gebildete Personen reagieren mit Begeisterung auf die technologische Entwicklung und sind zugleich verzweifelt über die geopolitischen Vorgänge: Dunkle Vorahnungen bezüglich dessen, was nach Trump kommen dürfte, mischen sich mit unternehmerischen Vorhaben, die nur in einer umweltfreundlichen, von Hochtechnologie und Automation geprägten Zukunft verwirklicht werden können. Versucht man dieser bipolaren Einstellung auf den Grund zu gehen, so stößt man auf die Annahme, trotz allem stehe uns eine »vierte industrielle Revolution« bevor, die alles wieder ins Lot bringen werde.

In diesem Buch erkläre ich, warum ich überzeugt bin, dass es nicht so sein wird. Um das Potenzial neuer Technologien zur Förderung des menschlichen Wohlergehens nutzen zu können, muss es etwas Menschliches geben, das verteidigt werden kann. Aber sämtliche gegenwärtigen Krisen – seien sie wirtschaftlicher, geopolitischer oder technologischer Natur – haben ihren Ursprung in der Tatsache, dass die Bedeutung des Menschseins ausgehöhlt wird.

Seit den achtziger Jahren zieht die Ideologie des freien Marktes unser Recht in Zweifel, eine Identität zu besitzen, die mehr ist als ein Komplex wirtschaftlicher Bedürfnisse. Jetzt, da die Globalisierung unter Druck gerät, wird selbst die Vorstellung von universellen und unveräußerlichen Rechten angefochten. Gleichzeitig beginnt die Technologie, unsere Fähigkeit zu autonomem Handeln frei von digitaler Kontrolle und Überwachung zu untergraben: Wir werden einer algorithmischen Kontrolle unterworfen, die wir nicht sehen, geschweige denn verstehen dürfen.

Nichts von alledem geschieht zufällig: Wie ich in diesem Buch zeigen werde, haben die offen antihumanistischen Theorien heute größeren Einfluss als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den vergangenen zweihundert Jahren.

Ich glaube, dass wir trotz einer von Furcht und Grausamkeit beherrschten Gegenwart immer noch erreichen können, was der russische Revolutionär Leo Trotzki einmal als »lichte Zukunft« der Menschheit bezeichnete. Aber wir müssen nicht nur die Ursachen der Wirtschaftskrise entmystifizieren und unser Verständnis der Demokratie vertiefen, sondern auch das Konzept der Menschlichkeit verteidigen und neue praktische Schlüsse daraus ableiten.

Nachdem wir am Tag von Trumps Amtsantritt der Polizei entkommen waren, fiel mir ein, woran mich jene Szene erinnert hatte: an einen Zombiefilm.

Der erste derartige Film kam bereits im Jahr 1932 in die Kinos, aber das Genre blieb bis in die sechziger Jahre eine Randerscheinung. In den meisten frühen Zombiefilmen war das Ungeheuer ein auferstandener Schwarzer karibischer Herkunft, der weiße Frauen vergewaltigen wollte. Es liegt auf der Hand, mit welchen Ängsten diese Filme spielten.

Erst in Die Nacht der lebenden Toten aus dem Jahr 1968 lernten wir den modernen Untoten kennen: Er war eine zum Leben erweckte Leiche, die darauf programmiert war, Menschen zu töten und zu verspeisen. Dieses Ungeheuer war einfach unser gewöhnlicher weißer Nachbar, der verrückt geworden war. Mit ihm begann ein weltweiter Siegeszug des Zombiegenres. Allein im Jahr 2010 wurden 27 Zombiefilme produziert, von Big Tits Zombie (Japan) bis zu Santa Claus vs. the Zombies (USA). Aus Videospielen ist der Zombie mittlerweile nicht mehr wegzudenken – er ist der vorhersehbare, hirnlose Gegner, der sich umso schneller vermehrt, je mehr von seinen Artgenossen man tötet. Es gibt Zombiefestivals und Zombieaufmärsche, bei denen blutverschmierte Teilnehmer Geld für wohltätige Zwecke sammeln. Der Zombie ist ein Tropus, eine allgemein anerkannte semantische Figur, die Regeln und Konventionen unterworfen ist, die es uns erlauben, sie mit zahlreichen anderen Vorstellungen zu verknüpfen: So erhalten wir Filme wie Kung Fu Zombie, Biker Zombies from Detroit, La Cage aux Zombies und World War Z.

Warum wenden wir kollektiv derart viel Konzentration, Emotion und geistige Energie für die Auseinandersetzung mit dem Zombie auf? Was wollen wir uns damit sagen, und was wollen wir damit über uns sagen?

Die menschlichen Kulturen kennen seit jeher Mythen und Legenden über Untote oder halbmenschliche Wesen, und diese Figuren sind normalerweise Metaphern für ein tief empfundenes menschliches Bedürfnis. Aber der Zombie ist einzigartig. Er ist kein Vampir: Die Beziehung zwischen dem Vampir und seinem Opfer ist eine Metapher für unzulässige sexuelle Anziehung, und der Vampir ist im Gegensatz zum Zombie ein vernunftbegabtes Wesen. Zombies sind auch keine Geister: Der Geist ist eine Metapher für Trauer, und ein Geist kann uns nicht töten. Genauso wenig sind Zombies Werwölfe, denn diese stehen metaphorisch für Geisteskrankheit oder soziopathische Gewalttätigkeit – und zum Werwolf wird ein Mensch nur vorübergehend, während ein Zombie immer ein Zombie bleibt.

Der Zombie besitzt eine übermenschliche Fähigkeit, die ihn von den herkömmlichen Ungeheuern der westlichen Folklore unterscheidet: Er vermehrt sich automatisch. Ein einzelner Werwolf kann die Bevölkerung Londons nicht dezimieren, und ein einsamer Vampir wird Transsylvanien nicht entvölkern. Hingegen genügt ein Zombie, um in einem Prozess der exponentiell steigenden Opferzahlen oder Infektionen eine ganze Gesellschaft auszulöschen.

Worin besteht also die tief empfundene Angst, aus der sich die Metapher des Zombies speist? Die wahrscheinlichste Antwort lautet: Es ist die Angst, das einzubüßen, was uns menschlich macht, das heißt unsere Vernunft, unsere Fähigkeit, Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden, unsere Fähigkeit, in anderen menschlichen Wesen Mitglieder unserer eigenen Spezies zu erkennen, die folglich dieselben Rechte haben wie wir. Die Angst, unsere Handlungsmacht und unsere Freiheit zu verlieren.

Diese Befürchtungen sind rational. Wir sind mit dem gefährlichsten Angriff auf den Humanismus konfrontiert, seit dieser in den Tagen Shakespeares und Galileos entwickelt wurde. Der Humanismus ist seit mehr als vierhundert Jahren die Grundlage der abendländischen Vorstellung von der Zivilisation und der Ausgangspunkt des wissenschaftlichen Denkens und des Konzepts des gesellschaftlichen Fortschritts. Aber seit dem späten 20. Jahrhundert regt sich in verschiedenen Gesellschaftssektoren Widerstand gegen den Humanismus.

Die strategische Bedrohung geht von der Technologie aus. Es ist durchaus möglich, dass die künstliche Intelligenz noch in diesem Jahrhundert so ausgereift sein wird, dass sie die Fähigkeiten der menschlichen Gehirne in ihrer Gesamtheit übersteigen wird. Gleichzeitig sind dank der rasanten Fortschritte im Bioengineering mittlerweile Modifikationen an menschlichen Individuen möglich, und sollten die entsprechenden Tabus aufgehoben werden, stehen uns unumkehrbare Eingriffe in den Genpool der Menschheit bevor. Diese Möglichkeiten wecken bei Menschen, die über die Zukunft nachdenken, einen ausgeprägten Antihumanismus: Sie eignen sich eine defätistische Haltung gegenüber dem Wert der menschlichen Individualität an und beginnen zu glauben, der Homo sapiens sei eine Spezies, die von der Evolution überflüssig gemacht werde.

Zweitens bestärken die Entwicklungen in Neurowissenschaften und Informationstheorie viele Menschen in der Überzeugung, dass unser Verhalten unausweichlich vorbestimmt ist, dass unser Gehirn lediglich eine biologische Maschine ist, deren Bewegungen und Reaktionen vom »Betriebsprogramm« der DNA gesteuert werden, die nur durch die physische Umgebung modifiziert wird und Teil eines Universums ist, das ebenfalls mehr und mehr wie das Produkt eines gewaltigen »Computers« wirkt. Obwohl beide Vorstellungen in der Wissenschaft umstritten sind, sind die Regale der Flughafenbuchhandlungen rund um den Erdball mit Bestsellern gefüllt, die den Nuancen keine Bedeutung beimessen und eine klare Botschaft enthalten: Wir sind bereits Automaten, die nicht zur Freiheit fähig sind.

Drittens müssen wir uns der demografischen Tatsache stellen, dass mittlerweile die Mehrheit der Weltbevölkerung in Ländern lebt, in denen die kulturellen Fundamente des Humanismus nicht solide sind. Als im Jahr 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet wurde, gab es 2,4 Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Ein Viertel der Weltbevölkerung lebte in entwickelten, demokratischen Ländern, deren gesellschaftlichen Eliten mit der Tradition der Aufklärung aufgewachsen waren. Mittlerweile ist die Zahl der Erdenbürger auf 7,5 Milliarden angeschwollen – und die Mehrheit dieser Menschen lebt nicht in stabilen demokratischen Gesellschaften, sondern in Systemen, die ihren Bürgern grundlegende Menschenrechte vorenthalten. Noch schlimmer ist, dass die offiziellen Ideologien dieser Staaten zutiefst antihumanistisch sind, darunter die Mischung von Konfuzianismus und Rechnungswesen, die vom chinesischen Regime als »Marxismus« propagiert wird, der hinduistische Chauvinismus des Modi-Regimes in Indien und der großrussische Nationalismus des Putin-Regimes.

Und dann ist da der Feldzug gegen den Humanismus, der in den vergangenen vier Jahrzehnten im Namen der freien Marktwirtschaft geführt wurde. Indem uns das als Neoliberalismus bezeichnete Wirtschaftsmodell neue Routineabläufe, Einstellungen und Werte aufgezwungen und zur Voraussetzung für das Überleben gemacht hat, indem es uns auf zweidimensionale ökonomische Geschöpfe reduziert hat, hat es unsere verhaltensmäßigen und intellektuellen Verteidigungsmechanismen gegen verschiedene antihumanistische Eingriffe geschwächt.

Der Wendepunkt, an dem all diese Gefahren deutlich zutage traten und verstärkt wurden, war Trumps Wahlsieg, der einer globalen Welle des rechten Populismus zusätzlichen Auftrieb verschaffte.

Trump warf sich wie eine Abrissbirne gegen die multilateralen Institutionen, auf denen der globalisierte freie Markt beruht: Er attackierte den UN-Menschenrechtsrat, die Welthandelsorganisation, die Europäische Union und das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta. Indem er die Berichterstattung der Medien als »Fake News« verleumdete und die Suche nach Konsenslösungen in Diplomatie und Innenpolitik durch große Gesten und Unberechenbarkeit ersetzte, versuchte Trump nicht nur, die nach 1989 errichtete Weltordnung zu zerstören: Er tat alles, um Chaos heraufzubeschwören.

Trumps Reaktion auf den Gewaltausbruch in Charlottesville im Jahr 2017 war ein Freibrief für die Verfechter einer neuen Form von Faschismus in den USA. Die Alt-Right lehnt die Vorstellung von universellen Menschenrechten rundweg ab, sät unablässig Zweifel an der Gültigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse und attackiert Einrichtungen wie die Universitäten oder die öffentlichen Medien, die versuchen, die objektive Wahrheit zu bestimmen.

In seinem Krieg gegen die liberalen und demokratischen Werte setzte Trump Maschinen ein, deren Zweck darin besteht, die menschliche Entscheidungsfreiheit und Vernunft zu untergraben: Dank der Daten, die Facebook Cambridge Analytica zur Verfügung stellte, gelang es Trump und seinen russischen Verbündeten, die Meinungen und das Wahlverhalten vieler Amerikaner zu manipulieren.

Sollte sich dieses neue Bündnis von autoritären Politikern und technologisch beschlagenen Faschisten durchsetzen, so werden viele Menschen jenem Farmer aus Tennessee ähnlich werden: Sie werden zu Wesen mit leerem Blick, gedankenlos gehorsam, ohne jede Handlungsmacht, das Verhalten von Facebook-Algorithmen gesteuert, die politischen Vorstellungen nicht mehr als eine Wiederholung der Abendnachrichten auf Fox News. Sie werden zu politischen Zombies.

Das wichtigste Angriffsziel der autoritären Rechten ist die Möglichkeit, dass die Wahrheit existiert. Trump und seine Nachahmer wollen die Menschen davon überzeugen, dass nichts wahr ist, dass alle Presseberichte manipuliert sind, dass alle Bilder von Krieg und Folter mit Photoshop bearbeitet wurden, dass alle Terroranschläge »unter falscher Flagge« durchgeführte Operationen von Geheimdiensten sind, dass alle Opfer von Krieg und Folter nur »Krisenschauspieler« sind.

Sie wollen uns glauben machen, dass die Rechtsstaatlichkeit tatsächlich ein Angriff des »tiefen Staats« auf den Volkswillen ist, dass die professionellen Medien »Volksfeinde« und die Oppositionsparteien »Saboteure« sind. Autokraten wie Wladimir Putin und Narendra Modi gehen schon seit Längerem nach diesem Drehbuch vor und müssen weniger Rücksicht auf demokratische Prinzipien legen als Trump. Aber Trump hat diese Methode auch in den Demokratien salonfähig gemacht. Sein Erfolg in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit hat ähnlichen Bestrebungen in Brasilien, Ungarn, Italien und anderen Ländern Auftrieb verschafft.

Wir haben immer noch nicht begriffen, was für eine Katastrophe sich um uns herum abspielt. Dies ist keine vorübergehende zyklische Entwicklung in der Politik, sondern eine globale Attacke auf die erkenntnistheoretischen Methoden, auf das wissenschaftliche Denken und auf eine an den Fakten orientierte politische Entscheidungsfindung – auf die moderne Denkweise, die ihren Ursprung im frühen 17. Jahrhundert hat.

Obendrein sind wir mit einer Krise des Denkens auf der Linken konfrontiert. Wenn wir uns die obszönen Behauptungen der Internettrolle ansehen – der jüngste Terroranschlag des »Islamischen Staates« wurde angeblich von der CIA inszeniert, ein verstümmeltes syrisches Kind wird als »Krisenschauspieler« diffamiert –, müssen wir uns vor Augen halten, dass die Grundlagen für diesen Angriff auf die Rationalität von jener linken akademischen Strömung gelegt wurde, die als Postmodernismus bezeichnet wird.

Der Physiker Hermann Weyl beschrieb eine Theorie als Sammlung von Ideen, die es uns erlauben, »über den eigenen Schatten zu springen« und anhand von Worten und Zahlen darzustellen, was physisch nicht sichtbar ist. Die Postmodernisten erwiderten: »Wie kann man über seinen Schatten springen, wenn man keinen mehr hat?« Jean Baudrillard, der diese Worte im Jahr 1994 schrieb, war überzeugt, unsere Bereitschaft, das vom Kapitalismus vorgegebene Leben im Rhythmus von Geld und Eigennutz zu führen, habe unsere Menschlichkeit ausgehöhlt. Wir seien nur noch Manifestationen der wirtschaftlichen Kräfte, unfähig, einen Schatten auf die Welt zu werfen, außerstande, über die von den Massenmedien inszenierte Realität hinauszublicken.

Die akademische Linke hatte die menschliche Hilflosigkeit theoretisch abgehandelt, lange bevor die Rechte sie in ein Projekt verwandelte. Eine Theorie, die in den fünfziger Jahren entwickelt wurde, um die Passivität der Arbeiterklasse zu erklären, hat eine wachsende akademische und philosophische Bewegung ins Leben gerufen, die als Posthumanismus bezeichnet wird. Er ist eine Begründung für unsere Unterwerfung unter die Maschinen und in der extremsten Ausprägung für unsere freiwillige Selbstauslöschung als Spezies. Eines der Ziele dieses Buches ist es, der posthumanistischen Industrie die Geschäftsgrundlage zu entziehen.

Um die Vernunft zu verteidigen, müssen wir verteidigen, worauf sie beruht: Erfahrung und sorgfältige Beobachtung können in unserem Verstand eine überprüfbare Wahrheit erzeugen.

Wenn Sie Ihr Leben einem Flugzeug anvertrauen, das Sie 12000 Meter über dem Boden befördert, so tun Sie das, weil Sie glauben, dass es unabhängig von Ihren Sinneswahrnehmungen eine reale Welt gibt, in der physikalische Gesetze gelten, welche die Flugzeugingenieure verstanden haben. So komplex diese Welt auch sein mag, so zufällig vieles darin sein mag: es wäre ein Rückschritt, würden wir den Glauben an die vierhundert Jahre alte wissenschaftliche Methode aufgeben, die der Luftfahrtingenieur anwendet.

Um die neuen Religionen des Irrationalismus und Fatalismus zu entzaubern, müssen wir uns auf eine Denkweise besinnen, die aus der Mode gekommen ist. Wir müssen den Menschen wieder in den Mittelpunkt unserer Weltsicht rücken – nicht die Maschine, nicht die Natur und nicht irgendwelche Untergruppen der Menschheit, die besondere Privilegien genießen, sondern unsere gesamte Spezies.

Nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg war der Humanismus der Rettungsring, an den sich die Überlebenden klammerten. Nach Trumps schockierendem Wahlsieg wandte sich eine neue Generation einmal mehr den großen humanistischen Autoren der antifaschistischen Ära zu, darunter George Orwell, Primo Levi und Hannah Arendt. Aber sobald wir über die Ähnlichkeiten und die tröstenden Zitate hinausgehen, wird klar, dass ihr Weltbild den Annahmen des modernen progressiven Denkens widerspricht.

Der Humanismus kam aus der Mode, weil er das Produkt einer weißen, eurozentrischen Kultur war, welche die koloniale Unterdrückung und die männliche Vormachtstellung rechtfertigte. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts rief der schwarze Psychiater und Schriftsteller Frantz Fanon zur Entwicklung eines »neuen Humanismus« auf, der nicht durch den Rassismus der kolonialen Vergangenheit belastet sein würde. Aber dazu kam es nicht. Stattdessen gaben Politiker, die sich als Humanisten bezeichneten, den Befehl zu verheerenden Attacken auf Menschenleben, von Vietnam bis zum Irak. Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss fasste die wachsende Abneigung der gelehrten Welt gegen das humanistische Denken zusammen, als er im Jahr 1979 erklärte, nicht nur der Kolonialismus, sondern auch der Faschismus und seine Vernichtungslager seien die »natürliche Fortsetzung« des jahrhundertelang praktizierten Humanismus gewesen.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts weckten neue Erkenntnisse in Neurowissenschaften, Genetik und Anthropologie Zweifel an den herkömmlichen wissenschaftlichen Theorien zur Einzigartigkeit des menschlichen Wesens. Fundamentalistische Umweltschützer gelangten zu dem Schluss, es wäre besser für den Planeten, wenn unsere Spezies überhaupt nicht existierte, und radikale Tierschützer fügten hinzu, je früher die Menschheit ausgerottet werde, desto besser.

Die Verteidigung von Vernunft und Wissenschaft kann nur gelingen, wenn wir zu einem Humanismus zurückkehren, der sich von jenem unterscheidet, den Arendt, Levi und ihre Generation verfochten. Eine alternative, radikalere Form des Humanismus in der Tradition von Vernunft und Aufklärung zielt auf die völlige Befreiung des Menschen einschließlich der Befreiung von den Identitäten, die uns von Armut, Rassismus und Sexismus aufgezwungen werden.

Es gibt nur einen humanistischen Denker, der den Realismus – die Vorstellung, dass die Welt auch unabhängig von unseren Sinnen existiert – mit einer Definition der menschlichen Natur verknüpft, die auch angesichts der modernen Erkenntnisse auf den Gebieten der Kognitionsforschung und der künstlichen Intelligenz Bestand hat. Dieser Denker ist Karl Marx. Trotz aller Mängel seiner Theorien und aller in seinem Namen begangenen Verbrechen war Marx der einzige große Philosoph, der, würde er heute leben, maskiert an Kundgebungen wie der in Washington teilnähme. Er würde verstehen, was dieser Protest bedeutet: Wir befinden uns in der Stunde null im Kampf um neue Hoffnung.

14:35 23.05.2019

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