Konstruktiver Disput

Leseprobe "Veränderungen können in einer Demokratie nur in einem Streit um die besten Konzepte entstehen. Dazu sind öffentliche Auseinandersetzung, Widerspruch und klare Worte notwendig."
Konstruktiver Disput
Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Vorwort von Gerhard Schröder

Seit dem Ende meiner Kanzlerschaft sind nun zwei Legislaturperioden des Deutschen Bundestages vergangen – ein ausreichender Zeitraum, um Abstand zu gewinnen und Entwicklungen klarer zu beurteilen. Daher habe ich den Wunsch des Verlegers Manuel Herder, anlässlich meines 70. Geburtstages einen Gesprächsband zu veröffentlichen, als eine geeignete Gelegenheit begriffen, um Geschehenes einzuordnen, Aktuelles zu bewerten und Ausblicke vorzunehmen.

Mit Georg Meck saß mir ein Journalist gegenüber, der einer jüngeren Generation angehört und der, das war mir wichtig, zum Berliner Politikbetrieb einen größeren Abstand hat. Dies eröffnete die Möglichkeit, viele Fragen und Themen in einem anderen Licht zu betrachten.

Deutschland steht in den nächsten Jahren vor schwierigen Entscheidungen, die eine mutige Politik erfordern. Vieles ist in den vergangenen Jahren versäumt worden. Deutschland braucht eine konsequente Umsetzung und eine zeitgemäße Fortschreibung der Reformagenda, damit die größte Volkswirtschaft Europas in Zeiten globaler Umbrüche und einer europäischen Krise auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt und Arbeitsplätze garantieren kann.

Auch die Europäische Union muss politisch und wirtschaftlich neue Wege einschlagen, damit unser Kontinent im 21. Jahrhundert eine führende Rolle zwischen den starken Mächten USA und China spielen kann. Gelingt uns das nicht, wird die Stimme Europas ungehört verhallen und damit verbunden der Einfluss Deutschlands in der Welt sinken.

Unserem Land kommt eine besondere Aufgabe in Europa zu. Deutschland ist mächtiger denn je in seiner Nachkriegsgeschichte. Das darf aber nicht dazu führen, dass sich Politik auf das bequeme Verteilen von Wohltaten beschränkt und die unbequemen Entscheidungen auf kommende Generationen abwälzt. Damit unser Land eine gute Zukunft hat, braucht es Reformen und eine Politik, die Mut zur Verantwortung zeigt.

Aus der stabilen wirtschaftlichen und politischen Lage unseres Landes, die nicht zuletzt auf die Reformagenda 2010 zurückzuführen ist, folgt aber auch eine große Verantwortung für Europa – eine Verantwortung, der wir mit Augenmaß gerecht werden müssen. Das betrifft nicht nur die Währungsunion, sondern auch die großen gesellschaftlichen Fragen: Wie können wir angesichts einer alternden Gesellschaft die Sozialsysteme gerecht und bezahlbar halten? Wie gelingt uns eine humane und integrationsorientierte Einwanderungspolitik? Wie können wir Kindern aus benachteiligten Familien einen sozialen Aufstieg ermöglichen? Wie sieht eine soziale und nachhaltige Energiepolitik aus?

Ich bin überzeugt: Veränderungen können in einer Demokratie nur in einem Streit um die besten Konzepte entstehen. Dazu sind öffentliche Auseinandersetzung, Widerspruch und klare Worte notwendig. So habe ich Politik immer verstanden. Zu diesem notwendigen öffentlichen Diskurs soll dieses Buch einen Beitrag leisten.

Vorwort von Georg Meck

Den Tag, an dem Gerhard Schröder zum Bundeskanzler gewählt wurde, werde ich nie vergessen: Der 28. September 1998 veränderte meine Agenda. Nach einer durchgearbeiteten Nacht – in der Redaktion war das Sonderheft zum rot-grünen Wahlsieg zu stemmen – küsse ich zum ersten Mal die Kollegin, die bis heute meine Frau ist: Neue Liebe trifft auf Neue Mitte.

Schröders Einzug ins Kanzleramt fällt zusammen mit meinem Umzug von München nach Brüssel. Als EU-Korrespondent folge ich fortan, von Gipfel zu Gipfel, den Spuren des ersten Kanzlers einer rot-grünen Bundesregierung, der für manche Europäer irritierend selbstbewusst auftritt: Euro, Osterweiterung, Europas Verfassung sind seinerzeit die Themen, an sie knüpfen wir an, als wir uns für dieses Gesprächsbuch treffen. Um die großen Linien soll es gehen, um Deutschlands Stellung in der Welt, um Politik für das 21. Jahrhundert und nicht zuletzt um Leben und Werk des Staatsmannes, der jetzt wieder als "Herr Schröder" und nicht als "Herr Bundeskanzler" oder gar "Altkanzler" angeredet werden möchte. Mit säuselndem Pathos hatte er es noch nie so; Gerhard Schröder mochte es immer schon schlagfertig, leidenschaftlich, bisweilen polemisch. Jetzt, nach dem Abschied aus der aktiven Politik, muss er noch weniger Rücksichten nehmen.

Dieser Herr Schröder ist jetzt Bundeskanzler a. D., er hat in seinem neuen Leben auch mal das Pausenfrühstück für seinen Sohn zu besorgen, ihm obliegt regelmäßig der Einkauf für die Familie. "Mozzarella, Äpfel, Katzenfutter", steht dann auf seinem Zettel, und ganz unten: "viel Schokopudding" – der Zusatz stammt von der Tochter, die in den Ferien dem Papa im Büro Kartoffelsuppe mit Würstchen serviert.

Ein Dutzend Termine in Hannover, in der Kanzlei Schröders, sind für dieses Buchprojekt vereinbart, und es werden noch ein paar mehr im Laufe des Jahres 2013, in dem die SPD einen Wahlkampf vergeigt, während alle Welt das Jubiläum "Zehn Jahre Agenda 2010" feiert – Letzteres geht dem "Mann, der Deutschlands Wirtschaft rettete" (Wall Street Journal), runter wie nix.

Als Requisiten kommen für dieses Buch zum Einsatz: ein Aufnahmegerät, reichlich Kaffee, bisweilen eine Cohiba, mehr braucht es nicht. Als Kulisse grüßen von der Wand neben dem offenen Kamin die Porträtfotos sämtlicher Kanzler der Bundesrepublik Deutschland sowie daneben – in Übergröße – ein gezeichneter Otto von Bismarck. Es fehlt: Angela Merkel, Schröders Nachfolgerin. Sie muss warten, bis sie ihr Amt verliert, brummt der sein Kanzlerbrummen: "Da ist noch Platz, wenn sie nicht mehr Kanzlerin ist."

Wie es seiner SPD gelingen soll, nicht zu versauern als Juniorpartner der Großen Koalition, wie sie je wieder das Kanzleramt erobern könnte, dafür hat er kein vorgekochtes Rezept, ein paar Ideen aber schon: "Schlage die Trommel und fürchte dich nicht" (Heinrich Heine).

13:00 06.03.2014

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