Angst als Gift

Leseprobe "In den USA gibt es heute sehr viel Angst, und diese Angst ist häufig mit Zorn, Schuldzuweisungen und Neid vermischt. Angst blockiert allzu oft rationale Überlegungen, sie vergiftet die Hoffnung und behindert eine konstruktive Zusammenarbeit."
Angst als Gift

Foto: Spencer Platt/Getty Images

1 Einführung: alles eine Frage der Emotionen

In den USA gibt es heute sehr viel Angst, und diese Angst ist häufig mit Zorn, Schuldzuweisungen und Neid vermischt. Angst blockiert allzu oft rationale Überlegungen, sie vergiftet die Hoffnung und behindert eine konstruktive Zusammenarbeit für eine bessere Zukunft.
Worum geht es bei der heutigen Angst? Viele Amerikaner fühlen sich machtlos. Sie haben das Gefühl, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Sie fürchten um ihre eigene Zukunft und die Zukunft der Menschen, die sie lieben. Sie fürchten, dass der amerikanische Traum – die Hoffnung, dass die eigenen Kinder erfolgreich sein und es besser haben werden, als man es selbst hatte – gestorben und ihnen alles entglitten ist. Diese Gefühle haben ihre Grundlage in realen Problemen, unter anderem in der Stagnation des Einkommens der unteren Mittelschicht, in der alarmierenden Verschlechterung der Gesundheit und im Sinken der Lebenserwartung der Mitglieder dieser gesellschaftlichen Gruppe, insbesondere der Männer, sowie in den explodierenden Kosten der Hochschulausbildung in einer Zeit, in der ein Hochschulabschluss für eine Anstellung zunehmend unerlässlich ist. Aber wirkliche Probleme sind schwer zu lösen, und ihre Lösung erfordert lange, anstrengende Untersuchungen und Zusammenarbeit in Richtung einer ungewissen Zukunft. Es kann daher nur allzu attraktiv erscheinen, mit diesem Gefühl der Panik und Ohnmacht umzugehen, indem man es in Schuldzuweisungen an Außenstehende wie Einwanderer, ethnische Minderheiten und Frauen umwandelt und sich von ihnen innerlich distanziert. „Sie“ haben uns unsere Jobs weggenommen. Oder: Reiche Eliten haben uns unser Land gestohlen.

Die Probleme, welche die Globalisierung und Automatisierung für Amerikaner der Arbeiterklasse mit sich bringen, sind real, fundamental und scheinbar unlösbar. Statt sich diesen Schwierigkeiten und Unsicherheiten zu stellen, können Menschen, die ihren Lebensstandard sinken sehen, sich auf Bösewichte stürzen, und eine Fantasie nimmt Gestalt an: Wenn „wir“ „sie“ irgendwie draußen halten (eine Mauer bauen) oder an „ihrem Platz“ (in untergebenen Positionen) festhalten, können „wir“ unseren Stolz und Männer ihre Männlichkeit zurückgewinnen. Angst führt also eher zu aggressiven Strategien der Distanzierung von „den anderen“ als zu nützlichen Analysen.
Gleichzeitig grassiert die Angst auch unter den „Linken“, die eine größere soziale und wirtschaftliche Gleichstellung anstreben und fest entschlossen sind, die hart erkämpften Rechte von Frauen und Minderheiten zu verteidigen. Viele Menschen, die über das Wahlergebnis bestürzt waren, reagieren, als ob das Ende der Welt unmittelbar bevorstehe. Eine Mehrheit meiner Studierenden, viele Bekannte und viele Kollegen fühlen und sagen – oft mit großer Angst –, dass unsere Demokratie am Rand des Zusammenbruchs stehe, dass die neue Regierung in ihrer Bereitschaft, auf Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie einzugehen, beispiellos sei. Sie befürchten vor allem das mögliche Verschwinden der demokratischen Meinungs-, Reise-, Vereinigungs- und Pressefreiheit.

Vor allem meine jüngeren Studierenden glauben, dass das Amerika, das sie kennen und lieben, im Begriff ist zu verschwinden. Statt die Dinge nüchtern zu analysieren, der anderen Seite Gehör zu schenken und zu versuchen, die Dinge zu ordnen, verteufeln sie häufig die andere Hälfte der amerikanischen Wählerschaft und stellen sie als Monster, als Feinde alles Guten dar. Wie im Buch der Offenbarung scheinen wir in den letzten Tagen zu leben, in denen ein Häuflein von Rechtschaffenen gegen die Kräfte Satans antreten muss.
Wir alle müssen erst einmal tief durchatmen und uns an unsere Geschichte erinnern. Als ich ein kleines Mädchen war, wurden Afroamerikaner im Süden gelyncht. Kommunisten verloren ihre Arbeit. Frauen begannen gerade erst, an renommierten Universitäten zu studieren und in die Arbeitswelt einzutreten; sexuelle Belästigung war ein allgegenwärtiges Vergehen, und es gab keine Gesetze, die als Abschreckung hätten wirken können. Juden konnten keine Partnerschaften in großen Anwaltskanzleien erwerben. Homosexuelle Männer und Frauen, die nach dem Gesetz Verbrecher waren, hielten ihre sexuelle Orientierung fast immer geheim. Menschen mit Behinderungen hatten keinen Anspruch auf öffentliche Räume und staatliche Bildung. Transgender war eine Kategorie, für die es noch keinen Namen gab. Amerika war alles andere als schön.

Diese Fakten sagen uns zwei Dinge, die meine Studierenden wissen müssen. Erstens: Das Amerika, dem sie nachtrauern, hat es nie gegeben, nie vollständig; es war ein laufendes Projekt, eine Reihe dynamischer Bestrebungen, die durch harte Arbeit, Kooperation, Hoffnung und Solidarität über einen langen Zeitraum in Gang gehalten wurden. Ein gerechtes und inklusives Amerika war und ist noch keine vollendete Realität. Zweitens mag die gegenwärtige Zeit wie ein Rückschritt in unseren Bemühungen in Richtung menschlicher Gleichberechtigung erscheinen, aber sie ist nicht die Apokalypse, und es ist tatsächlich eine Zeit, in der Hoffnung und Arbeit viel Gutes bewirken können. Nicht nur werden auf linker wie rechter Seite die Gefahren durch Panik übertrieben, sondern durch diese Panik wird die Zeit noch viel gefährlicher, als es sonst der Fall wäre, und dieser Umstand lässt wirkliche Desaster wesentlich wahrscheinlicher werden. Es ist wie in einer schlechten Ehe, in der Angst, Misstrauen und Schuldzuweisungen sorgfältiges Nachdenken über die wirklichen Probleme und ihre Lösung verdrängen. Stattdessen werden diese Emotionen zu einem eigenen Problem und verhindern konstruktive Arbeit, Hoffnung, Zuhören und Kooperation.

Wenn Menschen Angst voreinander und vor einer unbekannten Zukunft haben, führt dies leicht dazu, dass ein Sündenbock gesucht wird, dass Rachefantasien und ein giftiger Neid auf die Bessergestellten (seien es die Wahlsieger oder die sozial und wirtschaftlich Mächtigeren) aufkommen. Wir alle erinnern uns an die Aussage von Franklin D. Roosevelt, dass wir „vor nichts Angst haben müssen, außer vor der Angst selbst“. Vor Kurzem hörten wir den scheidenden Präsidenten Obama sagen: „Die Demokratie kann zerbrechen, wenn wir der Angst nachgeben.“ Roosevelt hatte unrecht, wenn wir seine Worte wörtlich nehmen: Obwohl wir Grund hatten, Angst vor der Angst zu haben, hatten wir zu seiner Zeit auch viele andere Dinge zu fürchten, wie etwa den Nazismus, Hunger und soziale Konflikte. Die Angst vor diesen Übeln war vernünftig, und in diesem Sinne brauchen wir keine Angst vor unserer Angst zu haben, obwohl wir sie stets analysieren sollten. Doch Obamas präzisere und bescheidenere Aussage ist sicherlich richtig: Der Angst nachzugeben, das heißt, sich von ihren Strömungen mitnehmen zu lassen und die skeptische Prüfung abzulehnen, ist sicher gefährlich. Wir müssen genau über die Angst nachdenken und darüber, wohin sie uns führt. Nachdem wir tief durchgeatmet haben, ist es wichtig, dass wir alle uns so gut wie möglich selbst verstehen, indem wir diesen Moment der Distanz nutzen, um herauszufinden, woher die Angst und die damit verbundenen Gefühle kommen und wohin sie uns führen.

Aber vielleicht sind meine Leser noch nicht davon überzeugt, dass die Angst wirklich ein tief greifendes Problem für die demokratische Selbstregierung ist. Ich stelle mir daher einen kleinen Dialog zwischen mir (MN) und einem Verteidiger der Angst vor, den ich VA nenne.

VA: Aber wir wollen die Angst doch nicht vernichten. Ohne Angst wären wir alle tot. Angst ist nützlich, und sie treibt uns zu lebensrettenden Handlungen an.
MN: Sicher, da hast du recht. Doch Angst hat eine starke Tendenz, von uns Besitz zu ergreifen und uns zu egoistischen, gedankenlosen und unsozialen Handlungen anzutreiben. Ich werde versuchen, dir zu zeigen, dass diese Tendenz aus der Geschichte der Evolution und der psychologischen Struktur dieser Emotion stammt. Mehr als andere Gefühle bedarf die Angst sorgfältiger Prüfung und Eindämmung, wenn sie nicht giftig werden soll.
VA: Davon bin ich noch nicht überzeugt. Doch ich möchte jetzt auch wissen, warum du sagst, dass die Angst für die demokratische Selbstregierung besonders gefährlich ist. Sicherlich sind Demokratien häufig gut beraten, die Angst zu befragen, wenn es darum geht, Gesetzen und Institutionen eine Struktur zu geben. Sind unsere Verteidigungsbemühungen nicht etwa eine vernünftige Antwort auf die legitime Angst vor Fremdherrschaft? Und wie verhält es sich mit unserer Verfassung? Wurden ihre Väter nicht von Angst geleitet, als sie die grundlegenden Freiheitsrechte niederschrieben? Schließlich schrieben sie über all die Dinge, welche die Briten verletzt oder ihnen genommen hatten: Ihre Angst, dass sich ähnliche Dinge in der neuen Nation ereignen könnten, gab der Demokratie einen guten, keinen schlechten Rat.
MN: Es wäre dumm zu leugnen, dass Angst häufig gute Handlungsempfehlungen gibt. Die Angst ist schließlich ein Teil unserer evolutionären Ausstattung für das Überleben. Doch deine Beispiele beziehen sich auf eine Angst, die durch eine sorgfältige und ausführliche öffentliche Diskussion gefiltert wurde. Du hast voreilige und ungerechtfertigte Feldzüge unerwähnt gelassen. Du hast Fälle ausgelassen, in denen Rechte ungleich verteilt oder Privilegien aufgrund weitverbreiteter Ängste hastig eingeschränkt wurden. Wir haben die Angewohnheit, in Zeiten, in denen die Nation Belastungen ausgesetzt ist, missliebige Menschen zu Sündenböcken zu erklären und ihre Rechte auf eine Weise zu beschneiden, die später als völlig fehlgeleitet erscheinen wird. Eugene Debs wurde wegen friedlicher Reden gegen die Teilnahme der USA am Ersten Weltkrieg ins Gefängnis geworfen. Gesetzestreue und friedliche japanische Amerikaner wurden in Lagern interniert. Dies sind Fälle, in denen die Angst uns nicht nur nicht in die Richtung verfassungsmäßiger Rechte führte, sondern zur Folge hatte, dass bereits etablierte Rechte zurückgenommen wurden, und dasselbe Klima der Angst führte dazu, dass selbst unsere Gerichte dies damals nicht erkannten. Angst ist oft schneller als das sorgfältige Nachdenken. Es ist diese von Unsicherheit getriebene Flucht nach vorn, die ich mit großer Skepsis betrachte. Diese Form der Angst untergräbt Brüderlichkeit, vergiftet die Zusammenarbeit und lässt uns Dinge tun, für die wir uns später zutiefst schämen.
VA: Nochmals: Ich warte auf deine Argumente! Du hast mich davon überzeugt, dass hier ein Problem vorliegt. Doch ich sehe noch nicht, wie groß es ist oder wie seine Lösung aussehen könnte. Aber es gibt da noch eine andere Sache, die du versuchen musst, mir zu erklären. Du verwendest den Titel „Das Königreich der Angst“. Und du wiederholst ständig, dass Angst ein besonderes Problem für die demokratische Selbstregierung darstellt. Was ich nicht verstehe, ist die besondere Verbindung, die du scheinbar zwischen der Angst und einer Bedrohung der Demokratie feststellst. Bedroht die Angst, soweit sie ein gesellschaftliches Problem ist, nicht alle Regierungsformen auf gleiche Weise?
MN: Nein, nicht wirklich. In einer absoluten Monarchie kann der Monarch natürlich nicht übermäßig ängstlich sein, obwohl er oder sie auch gut beraten wäre, nicht überstürzt zu handeln. Doch Monarchen nähren sich von der Angst von unten. Die Angst, vom Monarchen bestraft zu werden, garantiert regelkonformes Verhalten. Und die Angst vor Bedrohungen von außen führt zu freiwilliger Knechtschaft: Ängstliche Menschen wünschen sich Schutz und Fürsorge, und bei ihrer Suche danach wenden sie sich an einen starken, absoluten Herrscher. In einer Demokratie müssen wir uns hingegen gleichberechtigt in die Augen sehen, und dies bedeutet, dass die Bürger durch ein Vertrauen auf Augenhöhe miteinander verbunden sein müssen. Vertrauenswürdigkeit ist mehr als Verlässlichkeit. Sklaven können sich auf das brutale Verhalten ihres Herrn verlassen, aber natürlich vertrauen sie ihm nicht. Vertrauen bedeutet, bereit zu sein, sich anderen auszusetzen, die eigene Zukunft in die Hände der Mitbürger zu legen. Absolute Monarchen brauchen oder wollen kein Vertrauen.
Man denke an eine Ehe. In einer Ehe nach althergebrachtem Muster, in der das männliche Familienoberhaupt einem Monarchen glich, bestand kein Bedarf an Vertrauen. Die Ehefrau und die Kinder mussten lediglich Gehorsam leisten. Doch die Ehen, wie sie die Menschen heute anstreben, sind ausgewogener und verlangen echte Verletzlichkeit, Gegenseitigkeit und beiderseitiges Vertrauen. Und Vertrauen wird durch Angst untergraben. In dem Maße, in dem ich dich als Bedrohung meines Lebens und meiner Ziele betrachte, werde ich mich vor dir schützen, und ich werde geneigt sein, mich strategisch zu verhalten, ja, statt zu vertrauen, mich sogar zu verstellen. Entsprechendes gilt in der Politik. Diese Weigerung zu vertrauen durchzieht jetzt das ganze Land. Meine Studierenden vertrauen niemandem, der Trump gewählt hat, und sie betrachten solche Menschen als eine feindliche Macht – bestenfalls als „bedauernswerte Menschen“, schlimmstenfalls als Faschisten. Viele Trump-Anhänger erwidern das Kompliment und sehen Studierende und Universitäten als subversive Feinde „echter Menschen“ an. Und es gibt noch eine andere Seite der Verbindung. Wenn Menschen sich ängstlich und machtlos fühlen, suchen sie gierig nach Kontrolle. Sie können es nicht abwarten, zu sehen, wie sich die Dinge entwickeln werden; sie müssen andere Menschen dazu bringen, das zu tun, was sie wollen. Wenn sie sich also keinen wohlwollenden Monarchen suchen, der sie beschützen könnte, werden sie sich nur allzu wahrscheinlich selbst wie ein Monarch verhalten. Später werde ich diese Tendenz auf die Art und Weise zurückführen, mit der Babys versuchen, ihre Betreuungspersonen zu Sklaven zu machen: Was können sie anderes tun als schreien, wenn sie ihre eigene Ohnmacht erkennen? Auch auf diese Weise untergräbt die Angst das gleichberechtigte Geben und Nehmen, die Wechselseitigkeit, die für das Überleben von Demokratien unerlässlich ist. Und das führt zu vergeltendem Zorn, der spaltet, wenn es darum geht, einer ungewissen Zukunft auf konstruktive und kooperative Weise zu begegnen.
VA: Du hast den Zorn erwähnt. Das führt mich zu einer anderen Frage: Wozu diese Betonung der Angst? Gibt es nicht viele Gefühle, welche die Demokratie bedrohen? Was hat es denn eigentlich mit dem Zorn auf sich? Sollten wir uns angesichts seiner aggressiven Tendenzen nicht mehr Sorgen um dieses Gefühl machen als um die Angst? Bewegt nicht das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, viele Amerikaner dazu, andere anzugreifen? Neid wird ebenfalls häufig für eine große Bedrohung der Demokratie gehalten, da er Klassenkonflikte anfacht. Und schließlich wurde auch viel über die Rolle des Ekels im Rassismus sowie in anderen Formen der Stigmatisierung und Diskriminierung geschrieben.
MN: Da hast du vollkommen recht, und die Kapitel dieses Buches werden sich in der Tat mit diesen verschiedenen Emotionen und den Zusammenhängen zwischen ihnen befassen. Aber nachdem ich jahrelang über jede dieser Emotionen mehr oder weniger isoliert von den anderen gearbeitet habe, habe ich erkannt, dass meine bisherige Vorgehensweise einige äußerst wichtige Kausalzusammenhänge zwischen den Emotionen verdeckt hat. Insbesondere habe ich erkannt – und ich werde versuchen, dich davon zu überzeugen –, dass die Angst sowohl genetisch als auch kausal eine Vorrangstellung hat und dass die drei anderen Emotionen, die du angeführt hast, aufgrund einer „Ansteckung“ durch die Angst vergiftet werden und die Demokratie bedrohen. Gewiss, Menschen schlagen zurück, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Doch wie genau verhält es sich damit? Wie kommt es dazu? Warum fühlen Menschen so, und unter welchen Bedingungen wird die Schuldzuweisung zu einem politischen Gift? Es sind Fragen dieser Art, die wir bei jedem der Gefühle stellen müssen, und ich glaube, dass sie sich sämtlich auf Angst und Lebensunsicherheit zurückführen lassen.
VA: Aber was soll diese ganze Aufregung um Gefühle? Sicherlich sind die großen Probleme der amerikanischen Gesellschaft struktureller Art, und wir benötigen strukturelle Lösungen, die durch Gesetze realisiert werden können – unabhängig davon, ob sie den Menschen gefallen oder nicht. Wir müssen nicht abwarten, bis die Menschen besser oder sich ihrer selbst besser bewusst werden, um die Dinge, die repariert werden müssen, zu beheben, und die Konzentration auf Gefühle kann uns sogar von der strukturellen Arbeit ablenken, die geleistet werden muss.
MN: Ich stimme dir voll und ganz darin zu, dass Strukturen und Gesetze von entscheidender Bedeutung sind. Die Positionen, die ich bezüglich dieser Fragen vertrete, werden sich im weiteren Verlauf zeigen. Doch Gesetze lassen sich nicht ohne die Herzen und Köpfe der Menschen in Kraft setzen oder aufrechterhalten. In einer Monarchie ist das nicht der Fall; alles, was der Monarch benötigt, ist ausreichend Angst, um Gehorsam zu bewirken. In einer Demokratie benötigen wir viel mehr: Liebe zum Guten, Hoffnung auf die Zukunft, Entschlossenheit, die zerstörerischen Kräfte des Hasses, des Ekels und des Zorns zu bekämpfen – die allesamt, so behaupte ich, durch die Angst genährt werden.

VA ist nicht zufrieden und sollte es auch nicht sein, da bislang nur Behauptungen aufgestellt, jedoch keine Argumente oder Analysen angeboten wurden. Dennoch sollte VA inzwischen eine allgemeine Vorstellung davon haben, in welche Richtung meine Argumentation zielt. Die gegenwärtigen Probleme – wirtschaftliche, soziale und die Sicherheit betreffende – sind kompliziert und widersetzen sich einfachen Lösungen. Wir wissen kaum, wie die Arbeitswelt sich entwickeln und in den nächsten Jahrzehnten aussehen wird. Auch die steigenden Kosten der Gesundheitsversorgung stellen jede Partei und jeden führenden Politiker vor unglaublich schwierige Herausforderungen. Eine Hochschulausbildung, die für eine dauerhafte Beschäftigung zunehmend wichtig wird, gerät für viele amerikanische Bürger immer mehr außer Reichweite. Die verwirrende politische Situation im Nahen und im Fernen Osten sollte zwar von allen verstanden werden, entzieht sich jedoch einer einfachen Analyse. Denken ist schwierig; sich der Angst zu ergeben und andere zu beschuldigen, ist einfach.
VA könnte allerdings eine noch grundlegendere Frage stellen: Warum sollten wir uns in dieser Zeit der Krise überhaupt an einen Philosophen wenden? Worum geht es in der Philosophie, und wie kann sie uns helfen?
Was Philosophie ist, wird in vielen unterschiedlichen historischen Traditionen verschieden beantwortet. Für mich geht es in der Philosophie nicht um dogmatische Aussagen. Es geht nicht darum, dass eine Person behauptet, tiefsinniger zu sein als andere, oder angeblich weise Aussagen trifft. Es geht darum, ein „geprüftes Leben“ zu führen, bescheiden angesichts der Tatsache, dass wir nur wenig wirklich verstehen, mit der Verpflichtung zu präzisen, wechselseitigen und aufrichtigen Argumenten sowie der Bereitschaft, anderen als gleichberechtigten Partnern zuzuhören und auf das, was sie vorbringen, zu reagieren. Philosophie in dieser sokratischen Form zwingt, bedroht oder verspottet niemanden. Sie kommt nicht mit nackten Behauptungen daher, sondern stellt stattdessen eine Denkstruktur auf, die den Zuhörer Schlussfolgerungen aus Prämissen, die er frei diskutieren kann, ziehen lässt.
Sokrates debattierte in der Demokratie Athens mit zahlreichen Menschen. Er stellte fest, dass alle über die Fähigkeit zum Begreifen und zum Verständnis ihrer selbst verfügten. (Platon bringt dies zum Ausdruck, indem er zeigt, wie Sokrates ein Gespräch mit einem unterdrückten, ungebildeten Sklavenjungen führt und dieser einen komplizierten geometrischen Beweis findet.) Philosophisches Fragen geht von dieser grundlegenden Fähigkeit aus, doch es zeigt auch, dass die meisten von uns es vernachlässigen, diese zu kultivieren: Menschen (einschließlich Militärführer, kulturelle Autoritäten und Politiker, wie Sokrates herausfand) legen sich nicht wirklich Rechenschaft über das ab, was sie denken, und sie eilen auf der Grundlage unausgegorener, oft inkonsistenter Ideen zum Handeln. Die Philosophie lädt zum Dialog ein und respektiert den Zuhörer. Im Gegensatz zu den übertrieben selbstbewussten Bürgern, die Sokrates befragt hat (Euthyphro, Critias, Meletus), ist der philosophische Redner bescheiden und verletzlich: Seine Position ist transparent und damit möglicher Kritik ausgesetzt. (Seine oder ihre Position, denn Sokrates sagte, er würde gerne Frauen befragen, wenn auch nur im Jenseits, und Platon unterrichtete Frauen in seiner Akademie!)
Sokrates hatte recht mit der Aussage, dass seine Methode eng mit den Zielen der demokratischen Selbstregierung verbunden ist, in der das Denken jedes Einzelnen zählt, und indem er darauf bestand, dass sie einen äußerst wertvollen Beitrag zum Leben in einer Demokratie leistet und die Qualität der öffentlichen Diskussion verbessert. Er sagte, er sei wie eine Bremse auf dem Rücken der Demokratie, die er mit einem „edlen, aber trägen Pferd“ verglich: Der Stachel der philosophischen Befragung sollte die Demokratie wachrütteln, damit sie ihrer Aufgabe besser gerecht werden könne. Dies ist kein Buch über öffentliche Ordnung oder Wirtschaftsanalyse, auch wenn beide Disziplinen für die Lösung unserer Probleme von entscheidender Bedeutung sind. Es ist allgemeiner und introspektiver. Sein Ziel ist ein besseres Verständnis einiger jener Kräfte, die uns zum Handeln bewegen, und insofern bietet es allgemeine Handlungsanweisungen. Doch sein vorrangiges Ziel ist Verstehen. Verstehen ist immer praktisch ausgerichtet, denn ohne es fehlt dem Handeln zwangsläufig die Richtung, und es wird von prinzipienlosen Einzelentscheidungen hin und her geworfen.
Philosophen reden über viele Themen, die für die Demokratie relevant sind. Meine eigene Arbeit hat sich, wie viele philosophische Arbeiten in den letzten Jahrzehnten, mit politischen Institutionen und Gesetzen auseinandergesetzt und allgemeine Argumente darüber vorgelegt, was Gerechtigkeit ist und über welche Grundrechte oder -ansprüche sämtliche Staatsbürger verfügen. In den Kapiteln über die Verhinderung von Neid und die Gestaltung von Hoffnung werde ich einige dieser Ideen bezüglich der Handlungsfähigkeit von Menschen und der „menschlichen Fähigkeiten“ ansprechen. Ich bin der Meinung, dass sie uns auf unserem Weg helfen können, doch wird das nicht der Hauptschwerpunkt dieses Buches sein.
In der anderen Hälfte meiner beruflichen Laufbahn habe ich mich auf das Wesen der Gefühle sowie auf ihre Rolle bei unserer Suche nach dem guten Leben konzentriert. Einer langen Tradition folgend, die sich (in der westlichen Philosophie) von Platon über moderne Denker wie Adam Smith und John Rawls erstreckt, habe ich (gestützt auf Psychologie und psychoanalytisches Denken ebenso wie auf Philosophie) dafür argumentiert, dass Gefühle eine wichtige Rolle in einem akzeptablen politischen Gemeinwesen spielen. Sie können eine Gemeinschaft destabilisieren und fragmentieren. Sie können aber auch eine bessere Zusammenarbeit und ein energischeres Streben nach Gerechtigkeit zur Folge haben. Gefühle sind nicht von Geburt an festgelegt, sondern werden durch soziale Kontexte und Normen auf zahllose Art und Weise geprägt. Das ist eine gute Nachricht, denn es bedeutet, dass wir viel Raum haben, die Emotionen unserer eigenen politischen Kultur zu gestalten. Es ist auch eine schlechte Nachricht – für Faulpelze und Menschen ohne Wissbegier: Es bedeutet, dass wir das Wesen von Angst, Hass, Zorn, Ekel, Hoffnung und Liebe erforschen und darüber nachdenken müssen, wie wir sie so gestalten können, dass sie gute demokratische Bestrebungen unterstützen, statt diese zu blockieren oder auszuhöhlen. Wir können uns der Verantwortung nicht entziehen, indem wir über unseren eigenen Hass oder unsere übertriebene Angst sagen: „Es tut mir leid, aber so sind die Menschen nun einmal.“ Nein, es gibt nichts Unvermeidliches oder „Natürliches“ an Rassenhass, Angst vor Einwanderern, der Leidenschaft, Frauen als zweitrangig zu behandeln, oder dem Ekel vor den Körpern von Menschen mit Behinderungen. Wir haben das zugelassen, wir alle, und wir können und müssen es rückgängig machen.
Kurz gesagt: Wir müssen uns selbst erkennen und Verantwortung für uns selbst übernehmen. So ist es etwa die Aufgabe einer anständigen Gesellschaft, darauf zu achten, wie der Hass auf bestimmte Gruppen durch soziale Anstrengungen und institutionelle Entwicklungen minimiert werden kann. Selbst eine so einfache politische Entscheidung wie die Entscheidung, Kinder mit Behinderungen in „normale“ Klassenzimmer zu inkludieren, hat offensichtliche Folgen für die Ausprägungen von Angst und Aggression. Wir müssen die betreffende Frage untersuchen – in diesem und in vielen anderen Fällen – und dann, auf der Grundlage dessen, was wir verstanden haben, Richtlinien auswählen, die Hoffnung, Liebe und Zusammenarbeit bewirken, und solche vermeiden, die Hass und Ekel nähren. Manchmal können wir nur besseres Verhalten hervorbringen, während unter der Oberfläche weiterhin Hass brodelt. Manchmal können wir jedoch tatsächlich ändern, wie Menschen einander sehen und emotional aufeinander reagieren – wie dies im Fall der gemeinsamen Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderungen mit Sicherheit geschieht. (Es hilft, früh damit zu beginnen.)
Die Philosophie für sich allein diktiert nicht sehr viele konkrete politische Entscheidungen, denn diese müssen in einem bestimmten Kontext getroffen werden und das Ergebnis einer Partnerschaft von Philosophie, Geschichts-, Politik-, Wirtschafts- und Rechts- wissenschaften sowie der Soziologie sein. Doch die Philosophie gibt uns ein Gefühl dafür, wer wir sind, welche Probleme auf dem Weg vor uns liegen und in welche Richtung wir uns bewegen sollten. Und, wie gesagt, ihre Methoden, die eine gleichberechtigte Teilnahme, Respekt und Gegenseitigkeit umfassen, antizipieren auch einige wichtige Aspekte des Zustands, auf den wir uns zubewegen sollten. Sie ist Teil des Studiums unserer politischen Gegenwart, nicht das Ganze, doch die Philosophie kann uns allen helfen, ein „geprüftes Leben“ zu führen.
Die Philosophie ist, wie ich gesagt habe, eine sanfte Disziplin. Sie nähert sich dem Menschen mit Respekt vor seiner vollen Menschlichkeit und ist in diesem Sinne eine Form der Liebe. Häufig kann sie unmissverständlich sagen: „Das ist falsch. Das ist keine Art zu leben.“ Aber sie tut dies, ohne Menschen auszugrenzen; sie verurteilt falsche Überzeugungen und schlechte Taten, behandelt jedoch Menschen immer mit Aufmerksamkeit und Respekt. Ich glaube, es ist nicht zu gewagt, die philosophische Herangehensweise an die Probleme Amerikas mit der Methode der gewaltfreien politischen Veränderung zu verbinden, wie sie im Leben und Werk von Martin Luther King Jr. beispielhaft zum Ausdruck kam. King (der eine wichtige Person in diesem Buch sein wird) bestand auf einer Haltung gegenüber anderen, die er Liebe nannte, auch wenn er gegen ungerechte Verhältnisse äußerst heftig protestierte. Wir müssen uns, so sagte er, unseren Gegnern trotz allem nicht mit Wut, sondern mit Liebe nähern. Er betonte sogleich immer, dass es sich dabei nicht um romantische Liebe handele, und sie erfordere nicht einmal, dass wir die Menschen mögen. Die Liebe, die er forderte, war eine Kombination aus Respekt vor der Menschheit, gutem Willen und Hoffnung: Wir behandeln Menschen wie Menschen, die zuhören und mitdenken und die schließlich gemeinsam mit uns etwas Schönes aufbauen können. Die Philosophie, wie ich sie hier praktizieren werde, teilt diesen Vorsatz und diese Hoffnung.
Meine Argumentation beginnt, nicht gerade überraschend, mit der Angst und zeigt auf, dass diese sowohl chronologisch als auch kausal eine Vorrangstellung hat, da sie sehr früh von uns Besitz ergreift und uns dann den Rest unseres Lebens mehr oder weniger stark bestimmt. Diese Analyse wird uns bereits einige Strategien aufzeigen, mit denen sich die Angst eindämmen und „entgiften“ lässt, obwohl sie auch zu dem Schluss gelangen wird, dass wir uns von ihren Gefahren nicht vollständig befreien können.
Im Anschluss daran betrachte ich dann drei Gefühle, die in unserem privaten und im öffentlichen Leben zum Teil unabhängig von der Angst auftreten, jedoch besonders destruktiv werden, wenn sie von Angst durchdrungen sind: Zorn, Ekel und Neid. Zunächst analysiere ich jedes der drei Gefühle und zeige dann ihre negativen Auswirkungen auf das politische Leben in einer Demokratie auf.
Ein eigenes Kapitel widme ich sodann den negativen politischen Gefühlen gegenüber Frauen, die in unserem jüngsten politischen Diskurs eine so große Rolle gespielt haben. Ich analysiere die Beziehung zwischen dem Sexismus (den ich als eine Ansammlung von Ansichten definiere, die behaupten, dass Frauen Männern unterlegen sind) und der Frauenfeindlichkeit (die ich als Durchsetzungsstrategie definiere, als eine Art von virulentem Hass und durch Hass gesteuerten Verhaltens, das darauf abzielt, Frauen in einer untergeordneten Position zu halten). Ich verteidige hier die Auffassung, dass Frauenfeindlichkeit, die normalerweise, aber nicht notwendig auf sexistischen Überzeugungen beruht, generell ein toxisches Gebräu aus strafendem Zorn, körperlichem Ekel (der mit sexuellem Verlangen nicht unvereinbar ist) und Neid auf den zunehmenden Erfolg von Frauen im Wettbewerb mit Männern ist.
Abschließend wende ich mich Hoffnung, Liebe und Arbeit zu, beziehungsweise wieder zu, denn jedes Kapitel enthält konstruktive Vorschläge zur Eindämmung oder Überwindung der schädlichen Aspekte der jeweils analysierten Gefühle. Was unsere Zukunft betrifft, bin ich vorsichtig optimistisch, und meine philosophische Analyse der Hoffnung schlägt Strategien vor, um Hoffnung, Glaube und die Liebe zur Menschheit zu fördern, gerade in einer Zeit, in der es besonders schwer zu glauben scheint, dass uns diese guten Gefühle leiten könnten. Obwohl ich einige aktuelle politische Beispiele verwende, um meine Thesen zu unterstreichen, ist es mein Ziel, zum Nachdenken, zur Selbstbeobachtung und zur kritischen Auseinandersetzung einzuladen. Zu diesem Zweck gehe ich häufiger auf historische Beispiele ein – vor allem aus dem antiken Griechenland und Rom, mit denen ich mich in meiner wissenschaftlichen Forschung lange eingehend beschäftigt habe. Wie ich in der Lehre festgestellt habe, denken wir oft besser und treten besser zueinander in Beziehung, wenn wir vom Alltag, in dem es um unsere unmittelbaren Ängste und Wünsche geht, einen Schritt zurücktreten.

17:01 24.01.2019

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