Ein neues Jahr

Leseprobe "Als ich ankam, war es in Havanna bereits dunkel. Batista war geflohen. Und Fidel Castro war noch Hunderte Meilen von Havanna entfernt, allerdings wusste niemand, wo genau."
Ein neues Jahr
Foto: Midas Verlag

Der Tag, an dem Havanna fiel

Der letzte Tag des Jahres 1958 begann recht vielversprechend. Ich teilte ein Appartement in Manhattan mit einem Freund, dem, wie sich zu meiner Überraschung herausstellte, legendären Redakteur und Herausgeber Clay Felker. Diese Verbindung erwies sich als ausgezeichnete Direktverbindung zu Aufträgen vom Esquire Magazine, und durch Clays viel bessere Beziehungen erlebte ich auch sozial wahre Wunder. An diesem Silvesterabend hatte Clays Netzwerk für uns und zwei angemessen hinreißende junge Damen eine Einladung zu einer West Side Party bei Nick Pileggi besorgt. Nick war zu jener Zeit Reporter bei The New York Times, und als wir eintrafen, drehten sich die Gespräche um den kubanischen Diktator, Fulgenicio Batista, der angeblich gerade seine Lastwagen in Havanna mit Kubas Schätzen belud und dabei war, das Land zu verlassen. Nun war und bin ich Fotograf bei Magnum Photos. Im Gegensatz zu den verbreiteten romantischen falschen Vorstellungen von diesem Job war ich nicht besonders mutig. Ich konnte es einfach nicht leiden, wenn Unbekannte begannen, auf mich zu schießen. Und besonders impulsiv war ich auch nicht. Sicher, ich reise gern zum Fotografieren ans andere Ende der welt, aber ebenso gern im Auftrag und wenn jemand meine Unkosten übernimmt und mich dafür bezahlt. An jenem Abend hatten alle frei und es war einfach keine Zeit, ein Engagement zu bekommen. Unter anderen Umständen hätte ich mir noch einen Drink genehmigt und wäre bei der Party geblieben.

Aber in diesem Fall war Stolz im Spiel. Fidel Castro hatte einige Jahre als Gesetzloser und Rebell in den Bergen der Sierra Maestra gelebt. Wenn man die richtigen Beziehungen mitbrachte und bereit war, auf dem Boden zu schlafen, konnte ihn die Presse erreichen ...

Ohne weiter darüber nachzudenken, fuhr ich los. Ich borgte mir von Clay so viel Geld, wie ich konnte, nahm ein Taxi nach Hause, zog mich um – denn ein Frack, selbst von Morry Sills, meinem politisch eher radikalen Schneider, passte nicht zu einer Revolution –, packte meine Kameras und rief Cornell Capa an, den damaligen Präsidenten von Magnum. Cornell klopfte an jede Tür in seinem Haus und sammelte so viel Cash für mich ein, wie er nur konnte. Ich erreichte den LaGuardia Airport gerade so für den letzten Yellow Bird nach Miami – mit meiner Ausrüstung, einer Air Travel Card, 400 $ in bar und keiner Ahnung, was genau ich da vorhatte.

Damals gab es ein Charter-Shuttle zwischen Miami und Havanna, und wer zuerst da war, bekam die Plätze. Aber um 3 Uhr am Neujahrsmorgen war der Flughafen von Miami völlig verlassen. Der Charter-Schalter war nicht besetzt, aber es gab ein Telefon direkt zum Piloten. Nachdem er sich ausführlich über die unmögliche Uhrzeit beschwert hatte, erklärte ich ihm, es gäbe auf Kuba gerade eine Revolution und ich müsste so schnell wie möglich dort hin. Er versicherte mir, ich bekäme den ersten Platz nach Havanna bei Tagesanbruch, egal, welcher Starreporter auftauchte oder wieviel Geld man ihm bot. Tatsächlich, für ganze 20 $.

Als ich ankam, war es in Havanna bereits dunkel. Batista war geflohen. Fidel war noch Hunderte Meilen von Havanna entfernt, allerdings wusste niemand, wo genau. Che Guevara war auf dem Weg nach Havanna und niemand schien an der Macht zu sein. Sie können da nicht einfach ein Taxi rufen und den Fahrer bitten, sie doch mal eben zur Revolution zu fahren. Ich hatte nicht geschlafen, darum checkte ich ins Sevilla Biltmore Hotel im Zentrum Havannas ein. Das schien mir im Zentrum der Ereignisse zu liegen, außerdem freute ich mich auf eine Dusche, ein Nickerchen und etwas Ruhe, um meine Kameras zu putzen und mich vorzubereiten. Wie ich mich geirrt hatte. In dem Moment, als ich mein Zimmer betrat, hörte ich Gewehrfeuer auf den Straßen. Das ist keines meiner Lieblingsgeräusche, aber durchs Hotelfenster sah ich Fotografen auf das Gewehrfeuer zulaufen. Ich verfluchte das Geschäft, schnappte mir meine Kameras und lief auf die Straße. Führungslose Menschen sammelten sich, bewaffnet mit allem, was sie finden konnten: Pistolen, Gewehre, Macheten – egal. Sie überfielen das Casino im Plaza-Hotel und andere Bürogebäude, in denen sie Sympathisanten Batistas vermuteten.

Viel Widerstand schien es nicht zu geben, aber jede Menge Geballer. Man konnte nicht auseinanderhalten, wer gerade auf wen schoss. Die Menschen auf den Straßen trugen Armbinden mit der Aufschrift »26 de julio« (dem Namen von Fidels Bewegung) und Helme mit einer »26«. Am ersten Tag war auch nicht klar, wer ein echter Rebell und wer ein Mitläufer war. Ich hatte vor allem damit zu tun, herauszufinden, was gerade passierte, und so viele Informationen wie möglich aus den Journalisten zu quetschen, die bereits alte »Kuba-Hasen« waren.

Die Überbleibsel der Batista-Regierung hatten einen provisorischen Präsidenten ernannt, aber es wurde schnell klar, dass dieses schnell zusammengeflickte Arrangement nicht funktionieren würde. Aus Santiago, wo die Rebellen die Kontrolle übernommen hatten, rief Castro einen Generalstreik aus, um der alten Garde zu beweisen, wer das sagen hatte. Für die Revolution mag das eine gute Nachricht gewesen sein, für die Journalisten keinesfalls. Für die nächsten fünf Tage waren alle Geschäfte und Restaurants geschlossen. Ebenso die Bars, Lebensmittel- und Schnapsläden. Zum Glück findet man in Havanna immer irgendwie eine Zigarre und eine Flasche Rum, egal wie.

Vor allem das hielt uns in Gang. Am zweiten Tag, hungrig, unausgeschlafen und noch immer durcheinander, fand ich die Polizeistation, wo die Rebellen Batistas Geheimpolizei gefangen hielten, zumindest die, die sie finden konnten. Ich fotografierte all diese jetzt verängstigten Gefangenen. Klassischer Fall von: Jetzt geht’s andersrum. Inzwischen war Che bereits in Havanna eingetroffen, für uns jedoch nicht erreichbar. Der Rebellengeneral Camilo Cienfuegos war auch auf dem Weg, und auch die echten »Barbudos«, die Bärtigen, kamen aus den Bergen zurück. Untergetauchte Castro-Sympathisanten kamen aus ihren Verstecken, und überall waren ekstatische Wiedersehen von Müttern mit ihren Söhnen und zwischen alten Freunden zu beobachten. Abrazo, die Umarmung, war die Geste des Tages. Die Menschen versammelten sich und feierten.

Jeder rief nach Fidel, aber keiner wusste, wo er sich aufhält. Es gab keine Pressestelle, das war schließlich kein Fototermin, sondern eine echte Revolution. So langsam dämmerte mir, was hier passierte und wo ich war. Ich war wahnsinnig aufgeregt. Ich erlebte eines der größten Abenteuer meines Lebens.

in der Zwischenzeit hatte das Team vom Life-Magazin – die Autoren Jay Mallin und Jerry Hannifin und der Fotograf Grey Viller – seine Anreise selbst organisiert und sich mit einem venezolanischen Fotografen zusammengetan. Mit diesem Abstand kann sich keiner mehr an seinen richtigen Namen erinnern, aber jeder nannte ihn Caracas. Ich glaube, er muss ein guter Fotograf gewesen sein, als Quartiermeister jedenfalls war er ein Genie. Er konnte immer etwas zu essen auftreiben ... er besorgte genügend Hühnchen-Sandwiches zum Überleben, dafür aber reichlich Rum und Zigarren. Und schließlich war es Caracas, der Fidel auf der straße zwischen Camagüey und Santa Clara entdeckte.

Nach einer nächtlichen, langen Rede in Sancti Spíritus war die Castro-Gruppe auf vier Autoteams zusammengeschrumpft, bestehend aus Fidel, seiner Beraterin Celia Sanchez und einer Eskorte von 11 Bärtigen. Wir waren in Kontakt mit Fidel, aber es war schwer, ihm auf den Fersen zu bleiben. Er war in der Sierra Maestra ohne jegliche offizielle Fahrzeuge gestartet, aber auf seinem Weg von Santiago über Camagüey, Santa Clara und Cienfuegos nach Havanna wuchs seine Kolonne beträchtlich. Irgendwie besorgten sich die Rebellen Panzer, Lastwagen, Busse, Jeeps, Autos, Taxis, Limousinen, Motorräder und Fahrräder.

Castro wechselte ständig das Fahrzeug und wir spielten den ganzen Weg über Fangen mit ihm und versuchten, ihn in der Straßenkolonne ausfindig zu machen. Über Land zog die Karawane eher ruhig, in den Städten jedoch wurde es laut, während Menschen die Straßen säumten und ihr zujubelten.

In Santa Clara, ca. 180 Meilen vor Havanna, wuchs die Spannung. Die Kolonne erreichte die Stadt in unorganisiertem Chaos. Keiner wusste, in welchem Auto Castro saß, aber alle waren wie von Sinnen. Santa Clara war Schauplatz eines der größten Kämpfe der Revolution, und die Übernahme der Stadt durch Che Guevara war ein Signal an die Armee für deren bevorstehendes Ende. Batista floh. Zwar war die Stadt bereits in Rebellenhand, dennoch wurde Castros Ankunft gefeiert wie die Befreiung von Paris.

In Cienfuegos begann er um 23 Uhr zu sprechen, die Rede dauerte bis 2 Uhr morgens. Er bezog seine Zuhörer ein, bat sie um Rat, wie das Land zu führen sei. Er stieg von seinem Podium in die Menge und besprach landwirtschaftliche Fragen bzw. machte Witze über den entthronten Batista. Eine unglaubliche Demonstration gegenseitigen Vertrauens. Angesichts der Situation sorgte sich seine Entourage wegen möglicher Anschläge auf sein Leben, aber Castro war furchtlos. In jenen Tagen warf Fidel nicht mit marxistischen Parolen um sich. Auf dem gesamten Weg aus den Bergen nach Havanna nahm er Kontakt zu seinem Volk auf. Manchmal stoppte er, um Benzin für die Kolonne zu kaufen. Er trank ein Bier oder eine Cola und fragte an den Tankstellen nach dem Weg. Er sprach mit Nonnen, mit älteren Damen, mit Kindern. Keines seiner Gespräche war dabei politisch. Die Euphorie war unglaublich und ergriff das gesamte Land.

Wie schade, wenn man bedenkt, was aus diesem Moment geworden ist. Che mag recht gehabt haben, aber ich frage mich, was passiert wäre, hätte er sich radikal gegen Fidel durchgesetzt. Keiner, der seine Reise nach Havanna erlebt hatte, konnte den Theorien der Exilkubaner über Castros Unbeliebtheit Glauben schenken, die schließlich der Grund für die US-finanzierte Invasion wurden – die Landung in der Schweinebucht.

Hinter Cienfuegos wurde die Straße so schwierig, dass wir Fidel verloren und erst vor Havanna wieder trafen. Inzwischen war die Menge so turbulent und riesig, dass die Prozession kaum noch vom Publikum zu unterscheiden war. Bei der Ankunft in Havanna war das Gedränge auf der Uferstraße Malecón so wahnsinnig, dass ich beim Fotografieren meine Schuhe verlor.

Auf unserer neuntägigen Reise nach Havanna schliefen wir kaum, aßen nicht regelmäßig und wuschen uns kaum. Aber es waren großartige neun Tage. Ich lernte, dass eine gute Zigarre lebenserhaltend sein kann. Aber ich erinnere mich auch an die wilden Hoffnungen und bösen Vorahnungen, von denen diese kurze Zeit angefüllt war. Ich wünschte nur in all den folgenden Jahren, dass Fidel besser zu den Kubanern und wir schlauer gewesen wären.

Ich glaube, ich würde all das, meine liebsten Bilder und all die tollen Zigarren, die ich aus Kuba hatte, eintauschen, wenn wir das alles noch einmal tun könnten. Nur besser dieses Mal.

Burt Glinn, 2001

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14:46 05.05.2016

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