Zeit und Tatkraft

Leseprobe "Ich möchte mich all denen anschließen, die unmittelbares Handeln bei entscheidenden Herausforderungen unserer globalen Gemeinschaft einfordern. [...] Ich weiß nur zu gut, wie kostbar die Zeit ist. Nutzt den Augenblick! Handelt jetzt!"
Zeit und Tatkraft
Foto: Adrian Dennis/AFP/Getty Images

Hinweis de Verlags John Murray, London

Stephen Hawking wurde von Wissenschaftlern, High-tech-Unternehmern, hochrangigen Geschäftsleuten, Politikern und der Öffentlichkeit regelmäßig nach seinen Gedanken zu den »großen Fragen« des Tages gefragt. Stephen unterhielt ein umfangreiches persönliches Archiv mit seinen Antworten in Form von Reden, Interviews, Essays, Entgegnungen und Stellungnahmen zu diesen großen Fragen.

Dieses Buch ist aus diesem persönlichen Archiv hervorgegangen. Es entstand gerade, als Stephen Hawking starb. In Zusammenarbeit mit seinen akademischen Kollegen, seiner Familie und dem Stephen Hawking Estate wurde dieses Buch vorbereitet und fertiggestellt.

Ein Teil der Einnahmen für dieses Buch wird gespendet.

***

Warum wir die großen Fragen stellen müssen

Schon immer wollten die Menschen die großen Fragen beantworten. Woher kommen wir? Was ist der Sinn und Plan hinter allem? Gibt es jemanden da draußen? Die Schöpfungsgeschichten der Vergangenheit erscheinen heute als wenig brauchbar und glaubhaft. Sie sind durch eine Vielzahl von Erklärungsversuchen ersetzt worden, die – von New Age bis Star Trekins Reich des Aberglaubens gehören. Allerdings kann echte Wissenschaft viel befremdlicher sein als Science-Fiction – und sehr viel befriedigender.

Ich bin Naturwissenschaftler und als solcher zutiefst von Physik, Kosmologie, dem Universum und der Zukunft der Menschheit fasziniert. Von meinen Eltern bin ich dazu erzogen worden, meiner grenzenlosen Neugier zu folgen und, wie mein Vater, zu forschen und nach Antworten auf die vielen Fragen zu suchen, die die Wissenschaft uns aufgibt. Mein Leben habe ich damit verbracht, in meinem Denken kreuz und quer durch das Universum zu reisen. Dabei habe ich versucht, mithilfe der Theoretischen Physik einige der fundamentalen Fragen zu beantworten. Einst dachte ich sogar, das Ende der Physik absehen und erkennen zu können – heute hingegen denke ich, dass das Wunder des Entdeckens noch lange nach meinem Tod fortdauern wird. Wir stehen zwar kurz vor einigen dieser Antworten, besitzen sie aber noch nicht.

Bedauerlicherweise glauben die meisten Menschen, echte Wissenschaft sei zu schwierig und zu kompliziert für sie. Das sehe ich ganz anders. Die fundamentalen Gesetze zu erforschen, die das Universum regieren, würde mehr Zeit erfordern, als die meisten Menschen haben. Unsere Welt käme rasch zum Stillstand, wenn wir alle versuchten, uns mit Theoretischer Physik zu beschäftigen. Aber die meisten Menschen können die grundlegenden Ideen verstehen und einordnen, wenn sie ihnen klar und ohne Gleichungen dargelegt werden, was nach meiner Überzeugung möglich ist und was ich mein Leben lang mit großer Freude versucht habe.

Es war eine wunderbare Zeit, zu leben und in der Theoretischen Physik zu forschen. In den vergangenen 50 Jahren hat sich unser Bild vom Universum erheblich verändert, und ich bin glücklich, wenn ich dazu einen Beitrag geleistet habe. Eine der großen Offenbarungen des Weltraumzeitalters bestand darin, dass es der Menschheit die Sicht auf sich selbst ermöglichte. Betrachten wir die Erde vom All aus, sehen wir uns selbst als Ganzes. Wir nehmen die Einheit wahr und nicht das Trennende. Ein einfaches Bild mit einer unwiderlegbaren Botschaft: ein Planet, eine Menschheit.

Ich möchte mich all denen anschließen, die unmittelbares Handeln bei entscheidenden Herausforderungen unserer globalen Gemeinschaft einfordern. Ich hoffe, dass sich, wenn ich gegangen bin, Menschen mit Einfluss und Macht finden, die Kreativität, Mut und Führungsqualitäten besitzen. Mögen sie die Kraft haben, die Ziele der nachhaltigen Entwicklung zu erreichen, und nicht aus Eigennutz handeln, sondern im Interesse des Gemeinwohls. Ich weiß nur zu gut, wie kostbar die Zeit ist. Nutzt den Augenblick! Handelt jetzt!

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Über mein Leben habe ich bereits geschrieben, und einige meiner früheren Erfahrungen sind es, so hoffe ich, wert, erneut aufgegriffen zu werden, besonders wie mich zeit meines Lebens die großen Fragen fasziniert haben.

Auf den Tag genau 300 Jahre nach Galileo Galileis Tod wurde ich geboren, und allzu gern würde ich mir einbilden, dieser Zufall sei nicht ohne Einfluss auf mein späteres wissenschaftliches Leben gewesen. Doch ich schätze, rund 200000 Kinder wurden am selben Tag geboren, und ich habe keine Ahnung, ob sich eines von ihnen später für Astronomie interessierte.

Aufgewachsen bin ich in einem hohen, schmalen Haus im Londoner Stadtteil Highgate, das meine Eltern während des Zweiten Weltkriegs günstig erstanden hatten, als alle glaubten, London würde unter dem Bombenhagel dem Erdboden gleichgemacht. Tatsächlich schlug eine V2-Rakete nur wenige Häuser entfernt ein. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit meiner Mutter und meiner Schwester unterwegs; mein Vater blieb glücklicherweise unverletzt. Noch jahrelang gab es ein Stück weiter in unserer Straße einen großen Bombenkrater, in dem ich oft mit meinem Freund Howard spielte. Wir untersuchten die Folgen der Explosion mit derselben Neugier, die mich mein ganzes Leben lang antrieb. 1950 wurde der Arbeitsplatz meines Vaters an den nördlichen Stadtrand von London verlegt, in das neu erbaute National Institute for Medical Research in Mill Hill, daher zog meine Familie in die nahegelegene Domstadt Saint Albans. Man schickte mich auf die High School for Girls, die ungeachtet ihres Namens Jungen bis zum Alter von zehn Jahren duldete. Später ging ich auf die St Albans School. Ich bin über einen mittleren Platz in der Klasse nicht hinausgekommen – es war eine sehr intelligente Klasse –, meine Klassenkameraden aber gaben mir den Spitznamen »Einstein«, sahen also offenbar irgendwie Anlass zur Hoffnung. Als ich zwölf war, wettete einer meiner Freunde um eine Tüte Bonbons, dass aus mir nie etwas werden würde.

Ich hatte sechs oder sieben gute Freunde in St Albans. Ich weiß noch, dass wir lange Diskussionen und Streitgespräche über Gott und die Welt führten – von funkgesteuerten Modellen bis zur Religion. Unter anderem ging es dabei auch um den Ursprung des Universums und um die Frage, ob ein Gott notwendig gewesen sei, um das Universum zu erschaffen und in Gang zu setzen. Ich hatte gehört, dass das Licht ferner Galaxien zum roten Ende des Spektrums verschoben wird und dass man daraus schloss, das Universum expandiere. Aber ich war mir sicher, es müsse einen anderen Grund für die Rotverschiebung geben. Vielleicht wurde das Licht auf seinem Weg zu uns müde und röter. Ein Universum, das im Wesentlichen unveränderlich und von ewiger Dauer war, erschien mir als sehr viel wahrscheinlicher. (Erst Jahre später, nach der Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung – damals arbeitete ich schon seit zwei Jahren an meiner Promotion –, wurde mir klar, dass ich mich geirrt hatte.)

Stets hat mich außerordentlich fasziniert, wie Geräte funktionieren, deshalb nahm ich sie oft auseinander, hatte aber größte Schwierigkeiten, sie wieder zusammenzusetzen. Meine praktischen Fähigkeiten sind immer hinter meinen theoretischen Begabungen zurückgeblieben. Mein Vater bestärkte mich in meinen naturwissenschaftlichen Interessen und legte großen Wert darauf, dass ich in Oxford oder Cambridge studierte. Er selbst hatte am University College in Oxford studiert, wollte also gern, dass ich mich dort bewarb. Damals lehrte am University College niemand Mathematik, daher hatte ich kaum eine andere Möglichkeit, als mich um ein Stipendium in Naturwissenschaften zu bewerben. Als ich es bekam, war ich völlig überrascht.

Zu meiner Zeit war es in Oxford verpönt, fleißig zu sein. Man war brillant, ohne zu arbeiten, oder man gab sich mit seinen Grenzen und einem mehr als bescheidenen Examen zufrieden. Für mich war das ein willkommener Vorwand, ganz wenig zu arbeiten. Ich bin nicht stolz darauf, sondern versuche nur, meine Einstellung zu beschreiben, die von den meisten meiner Kommilitonen geteilt wurde.

Eine Folge meiner Krankheit war, dass sich das alles änderte. Wenn Sie mit einem frühen Tod rechnen müssen, wird Ihnen klar, dass Sie noch viele Dinge tun möchten, bevor Ihr Leben vorbei ist.

Da ich nicht viel gearbeitet hatte, beabsichtigte ich, in meiner Abschlussprüfung nach Möglichkeit alle Fragen zu vermeiden, die Faktenwissen verlangten, und mich stattdessen auf Probleme der Theoretischen Physik zu konzentrieren. Aber in der Nacht vor dem Examen fand ich keinen Schlaf und schnitt daher nicht besonders gut ab. Da man sich nicht entscheiden konnte, ob es eine Eins oder eine Zwei war, musste ich mich einer mündlichen Prüfung unterziehen, die über meine Note entscheiden sollte. In der Prüfung wurde ich nach meinen Plänen gefragt. Ich erwiderte, ich beabsichtige, in der Forschung zu arbeiten. Wenn ich eine Eins erhielte, ginge ich nach Cambridge, bei einer Zwei bliebe ich in Oxford. Ich bekam eine Eins.

Nach dem Abschlussexamen konnte man sich am College um eine Reihe kleiner Reisestipendien bewerben. Da ich glaubte, umso bessere Chancen zu haben, je weiter das Reiseziel entfernt war, entschied ich mich für den Iran. Im Sommer 1962 fuhr ich mit dem Zug nach Istanbul, dann nach Erzurum in der Osttürkei, von dort nach Täbris, Teheran, Isfahan, Schiraz und Persepolis, die Hauptstadt der antiken persischen Könige. Auf der Rückreise wurden mein Reisegefährte Richard Chiin und ich in Buinzahra von einem Erdbeben der Stärke 7,1 überrascht, das 12000 Todesopfer forderte. Augenscheinlich war ich nicht weit vom Epizentrum entfernt, wusste das aber nicht, weil ich zu diesem Zeitpunkt krank in einem Bus saß, der über die iranischen Straßen holperte, und fürchterlich durchgerüttelt wurde.

Wir verbrachten mehrere Tage in Täbris, wo ich mich von einer schweren Ruhr und einer gebrochenen Rippe erholte, die ich mir zugezogen hatte, als ich im Bus gegen den Vordersitz geschleudert worden war. Noch immer wussten wir nichts von der Katastrophe, weil wir kein Farsi sprachen. Erst in Istanbul erfuhren wir, was geschehen war. Ich schickte eine Postkarte an meine Eltern, die seit zehn Tagen ängstlich auf eine Nachricht warteten, denn zuletzt hatten sie gehört, dass ich Teheran am Tage des Erdbebens in Richtung des Katastrophengebiets verlassen hatte. Trotz des Erdbebens habe ich viele schöne Erinnerungen an meine Zeit im Iran. Es heißt, wer zu neugierig auf die Welt ist, kann sich in Gefahr bringen – auf mich traf es wahrscheinlich nur dieses eine Mal in meinem Leben zu.

Als ich im Oktober 1962 in Cambridge am Fachbereich für Angewandte Mathematik und Theoretische Physik meine Arbeit aufnahm, war ich 20. Ich wollte bei Fred Hoyle studieren, dem bekanntesten britischen Astronomen seiner Zeit. Ich sage Astronom, weil die Kosmologie damals noch kaum als eigene Disziplin anerkannt wurde. Doch Hoyle hatte bereits genügend Studenten, daher wurde ich zu meiner großen Enttäuschung Dennis Sciama zugewiesen, von dem ich noch nie gehört hatte.

Doch es war gut so, denn als Student von Hoyle wäre ich gezwungen gewesen, seine Steady-State-Theorie zu verteidigen, eine Aufgabe, die schwerer gewesen wäre, als den Brexit zu verhandeln. So begann ich meine Arbeit mit der Lektüre alter Lehrbücher über die Allgemeine Relativitätstheorie – und sah mich, wie immer, mit den größten Fragen konfrontiert.

Wie einige von Ihnen vielleicht in dem Film gesehen haben, in dem Eddie Redmayne eine außerordentlich gutaussehende Version meiner selbst spielt, bemerkte ich in meinem dritten Jahr in Oxford, dass ich unbeholfener wurde. Ohne ersichtlichen Grund fiel ich zwei oder drei Mal zu Boden. Offensichtlich stimmte irgendetwas nicht. Ein mürrischer Arzt riet mir, die Finger vom Bier zu lassen.

Als ich im Winter nach Cambridge kam, war es sehr kalt. Während der Weihnachtsferien, die ich zu Hause verbrachte, konnte meine Mutter mich dazu überreden, auf dem See in Saint Albans Schlittschuh zu laufen, obwohl ich wusste, dass ich dem nicht gewachsen war. Ich stürzte und hatte große Mühe, wieder aufzustehen. Da erkannte meine Mutter, dass etwas nicht in Ordnung war, und ging mit mir zum Arzt.

Wochenlang blieb ich im St Bartholomew’s Krankenhaus und wurde einer Menge Tests unterzogen. 1962 waren diese Untersuchungen noch etwas primitiver als heute. Man entnahm meinem Arm eine Muskelprobe, befestigte Elektroden an meinem Körper und injizierte ein Kontrastmittel in mein Rückgrat, das die Ärzte unter dem Röntgenapparat auf seinem Weg nach oben und nach unten beobachteten, während mein Bett gekippt wurde. Was mir tatsächlich fehlte, sagten sie mir nicht, aber ich erriet genug, um zu erkennen, dass es ziemlich schlecht um mich stand, daher verspürte ich auch nicht den Wunsch, genauer nachzufragen. Aus den Gesprächen der Ärzte entnahm ich nur so viel, dass »es«, was immer es war, nur schlimmer werden konnte und dass sich nichts dagegen tun ließ, außer mir Vitamine zu verabreichen. Der Arzt, der die Tests durchführte, ließ mich wie eine heiße Kartoffel fallen; ich sah ihn nie wieder. Seiner Meinung nach war ich ein hoffnungsloser Fall.

Irgendwann muss man mir die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) mitgeteilt haben, eine Krankheit, bei der die Nervenzellen des Gehirns und des Rückenmarks zuerst verkümmern und dann vernarben oder sich verhärten. Außerdem erfuhr ich, dass Menschen mit dieser Erkrankung allmählich die Fähigkeit verlieren, ihre Bewegungen zu steuern, zu sprechen, zu essen und schließlich zu atmen.

Meine Krankheit schien rasch voranzuschreiten. Verständlicherweise deprimierte mich das. Ich sah keinen Sinn mehr darin, meine Promotionsforschung fortzusetzen, da ich nicht wusste, ob ich lange genug leben würde, um sie zu beenden. Doch dann verlangsamte sich der Krankheitsverlauf, und ich wandte mich wieder begeistert meiner Arbeit zu. Jetzt wurde jeder neue Tag zum Geschenk, nachdem meine Erwartungen auf null gesunken waren. Ich begann, mich über alles zu freuen, was ich hatte. Wo Leben ist, da ist auch Hoffnung.

Und natürlich gab es da noch diese junge Frau namens Jane, die ich auf einer Party kennengelernt hatte. Sie war fest davon überzeugt, dass wir gemeinsam gegen meine Krankheit kämpfen könnten. Ihre Zuversicht gab mir Hoffnung. Als wir uns verlobten, hob sich meine Stimmung, und mir wurde klar, dass ich mir eine Stellung besorgen und meine Promotion abschließen musste, wenn wir heiraten wollten. Wie immer blieben die großen Fragen mein Ansporn. Ich begann zielstrebig zu arbeiten und hatte Freude daran.

Um während des Studiums für meinen Lebensunterhalt zu sorgen, bewarb ich mich um ein Forschungsstipendium am Gonville & Caius College in Cambridge. Zu meiner großen Überraschung entschied man sich für mich, und seither bin ich ein Caius-Fellow. Dieses Stipendium wurde zu einem Wendepunkt in meinem Leben: Ich konnte meine Forschung trotz meiner wachsenden Behinderung fortsetzen. Darüber hinaus ermöglichte das Stipendium Jane und mir im Juli 1965 zu heiraten. Unser erstes Kind, Robert, wurde geboren, als wir zwei Jahre verheiratet waren. Unser zweites Kind, Lucy, kam drei Jahre später zur Welt. 1979 bekamen wir unser drittes Kind, Timothy.

Als Vater versuchte ich immer, deutlich zu machen, wie wichtig es ist, alle Fragen zu äußern, die man hat. Mein Sohn Tim erzählte einst in einem Interview, er habe einmal eine Frage gestellt, die ihm damals wohl ein wenig dumm vorkam. Er wollte wissen, ob es viele winzige, weitverstreute Universen gebe. Ich hätte ihm geantwortet, er solle nie Angst haben, einen Gedanken oder eine Hypothese anderen mitzuteilen oder überhaupt zu äußern, ganz gleich, wie beknackt – Timothys Formulierung, nicht meine – sie erscheine.

***

Anfang der 1960er Jahre lautete die große Frage in der Kosmologie: Hat das Universum einen Anfang? Viele Wissenschaftler lehnten den Gedanken instinktiv ab, weil sie glaubten, ein Moment der Schöpfung sei ein Punkt, über den die Wissenschaft nichts mehr aussagen könne. Man müsse sich an die Religion und die Hand Gottes halten, um zu bestimmen, wie das Universum begonnen haben könnte. Zweifellos war das eine Frage von fundamentaler Bedeutung und damit genau das, was ich brauchte, um meine Dissertation zu beenden.

Roger Penrose hatte gezeigt, dass, sobald ein sterbender Stern sich bis zu einem bestimmten Radius zusammenziehe, er dann unvermeidlich zu einer Singularität kollabieren müsse, das heißt zu einem Punkt werde, an dem Raum und Zeit endeten. Wir wussten also: Nichts kann einen massereichen kalten Stern daran hindern, unter seiner eigenen Gravitation zusammenzustürzen, bis er eine Singularität von unendlicher Dichte erreicht. Mir wurde klar: Ähnliche Argumente müssten sich auf die Expansion des Universums anwenden lassen. In diesem Fall würde ich beweisen können, dass es Singularitäten gab, an denen die Raumzeit einen Anfang hatte.

Den entscheidenden Einfall hatte ich 1970, einige Tage nach der Geburt meiner Tochter Lucy. Als ich eines Abends zu Bett ging – ein Vorgang, der infolge meiner Behinderung sehr langsam vonstattengeht –, erkannte ich, dass die Strukturtheorie, die ich für die Singularitätstheoreme entwickelt hatte, sich auf Schwarze Löcher anwenden ließ. Wenn die Allgemeine Relativitätstheorie richtig und die Energiedichte positiv ist, nimmt die Oberfläche des Ereignishorizonts – der Grenze eines Schwarzen Loches – stets zu, wenn zusätzliche Materie oder Strahlung hineinfällt. Wenn ferner zwei Schwarze Löcher zusammenstoßen und zu einem einzigen Schwarzen Loch verschmelzen, ist die Fläche des Ereignishorizonts um das resultierende Schwarze Loch größer als die Summe der Flächen der Ereignishorizonte um die ursprünglichen Schwarzen Löcher.

Es war ein Goldenes Zeitalter, in dem wir die meisten wichtigen Probleme in der Theorie Schwarzer Löcher lösten, bevor es noch irgendwelche empirischen Anhaltspunkte für Schwarze Löcher gab. Tatsächlich waren wir so erfolgreich mit der klassischen Allgemeinen Relativitätstheorie, dass ich mich 1973 nach der Veröffentlichung des Buchs The Large Scale Structure of Space­Time, das ich zusammen mit George Ellis verfasst hatte, beinahe beschäftigungslos fühlte.

Roger Penrose und ich hatten gezeigt, dass die Allgemeine Relativitätstheorie bei Singularitäten nicht mehr gilt. Daher lag es nahe, als Nächstes die Allgemeine Relativitätstheorie – die Theorie der sehr großen Dinge – mit der Quantentheorie – der Theorie der sehr kleinen Dinge – zu verbinden. Vor allem fragte ich mich, ob es Atome geben könnte, deren Kern ein Schwarzes Loch bildet, das im ganz frühen Universum entstanden ist.

Meine Untersuchungen offenbarten einen tiefen und unerwarteten Zusammenhang zwischen Gravitation und Thermodynamik, der Wärmelehre, und lösten damit ein Paradox, über das seit 30 Jahren ohne großen Erfolg gestritten worden war: Wie kann die Strahlung, die von einem schrumpfenden Schwarzen Loch übrigbleibt, alle Informationen über das enthalten, was das Schwarze Loch ausmacht? Ich entdeckte, dass die Informationen nicht verloren sind, aber auch nicht in nützlicher Form zurückgegeben werden – so, als würde man eine Enzyklopädie verbrennen und behielte als ›Information‹ nur den Rauch und die Asche.

Um dieses Problem zu lösen, untersuchte ich, wie Quantenfelder oder Teilchen von einem Schwarzen Loch gestreut werden. Ich erwartete, dass ein Teil einer Welle absorbiert und der Rest gestreut würde. Doch zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass eine Emission vom Schwarzen Loch selbst auszugehen schien. Zunächst vermutete ich, mir sei ein Berechnungsfehler unterlaufen. Schließlich überzeugte ich mich doch davon, dass das Ergebnis richtig sei, weil die Emission genau dem entsprach, was erforderlich war, um die Fläche des Horizonts mit der Entropie eines Schwarzen Loches gleichzusetzen. Diese Entropie, ein Maß für die Störung oder Unordnung eines Systems, ist in einer einfachen Formel

S = Akc3 S < 4Għ

zusammengefasst, die die Entropie (S) durch die Fläche des Horizonts (A) und die drei fundamentalen Naturkonstanten ausdrückt:

S = Entropie des Schwarzen Loches
A = Oberfläche des Ereignishorizonts
c = Lichtgeschwindigkeit
k =Boltzmann-Konstante
G = Newtonsche Gravitationskonstante
ħ = Plancksches Wirkungsquantum
      (dividiert durch 2π)

Die Emission dieser Wärmestrahlung aus einem Schwarzen Loch wird als Hawking-­Strahlung bezeichnet, und ich bin stolz darauf, sie entdeckt zu haben. Doch davon später mehr.

1974 wurde ich zum Mitglied der Royal Society gewählt. Von dieser Wahl zeigten sich die Mitglieder meines Fachbereichs überrascht, weil ich jung und nur ein einfacher Forschungsassistent war. Drei Jahre später wurde ich bereits zum Professor berufen. Meine Arbeit über Schwarze Löcher hatte in mir die Hoffnung geweckt, wir könnten eine Theorie von Allem entdecken, und die Suche nach einer Antwort trieb mich an.

Im selben Jahr lud mein Freund Kip S. Thorne mich und meine junge Familie sowie einige Kollegen, die über die Allgemeine Relativitätstheorie arbeiteten, an das California Institute of Technology (Caltech) ein. In den vier Jahren zuvor hatte ich einen handbetriebenen Rollstuhl und ein blaues dreirädriges Elektroauto verwendet, das die Geschwindigkeit eines langsamen Radfahrers erreichte und in dem ich manchmal verbotenerweise Beifahrer mitnahm. In Kalifornien wohnten wir unweit des Campus in einem Haus, das im Kolonialstil erbaut war, und dort nutzte ich zum ersten Mal einen elektrischen Rollstuhl. Er verschaffte mir ein beträchtliches Maß an Unabhängigkeit, besonders da in den Vereinigten Staaten Gebäude und Bürgersteige weit behindertengerechter angelegt sind als in Großbritannien.

Als wir 1975 vom Caltech zurückkehrten, fühlte ich mich zunächst ziemlich niedergeschlagen. Im Vergleich zu der Alles-ist-möglich-Haltung in Amerika schien mir hier alles entsetzlich eng und beschränkt zu sein. Die Landschaft draußen war damals infolge des Ulmensterbens mit toten Bäumen übersät, und überall wimmelte es von Liegedreirädern. Meine Stimmung besserte sich, als ich wahrnahm, dass meine Arbeit Erfolg hatte und ich 1979 auf den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik berufen wurde, jenen Lehrstuhl, den vor mir Sir Isaac Newton und Paul Dirac innegehabt hatten.

In den 1970er Jahren hatte ich vor allem über Schwarze Löcher gearbeitet, doch mein Interesse an der Kosmologie wurde erneut geweckt, als eine Theorie vorgeschlagen wurde, nach der das frühe Universum eine Periode rascher inflationärer Expansion durchlaufen hatte, in deren Verlauf seine Größe immer schneller zunahm, etwa so wie die Preise seit dem Brexit. Außerdem untersuchte ich mit Jim Hartle eine Zeit lang die Hypothese, dass das Universum vor dem Urknall gar ›grenzenlos‹ gewesen sei.

Anfang der 1980er Jahre verschlechterte sich mein Gesundheitszustand. Ich litt unter längeren Hustenanfällen, mein Kehlkopf war geschwächt und ließ Nahrung in die Lungen gelangen, während ich aß. 1985, als ich das CERN, die Europäische Organisation für Kern­ forschung, in der Schweiz besuchte, bekam ich eine Lungenentzündung. Dieses Ereignis veränderte mein Leben von Grund auf.

Mit Blaulicht brachte man mich in das Kantonsspital in Luzern und schloss mich an ein Beatmungsgerät an. Die Ärzte teilten Jane mit, meine Krankheit sei nun so weit fortgeschritten, dass man nichts mehr für mich tun könne und es am besten sei, die Geräte abzuschalten und mein Leben zu beenden. Doch Jane weigerte sich und ließ mich mit einem Flugzeug ins Addenbrooke’s Hospital in Cambridge transportieren.

Das war eine ungeheuer schwere Zeit für mich, wie Sie sich bestimmt vorstellen können, doch taten die Ärzte des Krankenhauses dankenswerterweise alles, um mir wieder in den Zustand vor meiner Reise in die Schweiz zu verhelfen. Da mein Kehlkopf noch immer Nahrung und Speichel in meine Lungen gelangen ließ, mussten die Ärzte jedoch einen Luftröhrenschnitt (Tracheostomie) vornehmen. Wie sicherlich die meisten von Ihnen wissen, kann ein Patient nach einem Luftröhrenschnitt nicht mehr sprechen.

Die Stimme ist äußerst wichtig. Ist die Stimme stockend und schleppend, wie es meine war, hält man einen Menschen für geistig beeinträchtigt und behandelt ihn entsprechend.

Vor der Tracheostomie war meine Sprechweise so undeutlich, dass mich nur Menschen, die mich gut kannten, verstehen konnten. Sogar meine Kinder hatten Schwierigkeiten, mich zu verstehen, aber zumindest konnte ich mich verständigen. Nach der Tracheostomie bestand meine einzige Kommunikationsmöglichkeit darin, die Wörter zu buchstabieren, einen Buchstaben nach dem anderen, indem ich die Augenbrauen hochzog, wenn jemand auf den richtigen Buchstaben einer Buchstabierkarte zeigte.

Glücklicherweise hörte in Kalifornien ein Computerexperte namens Walt Woltosz von meinen Schwierigkeiten. Er ließ mir das Computerprogramm Equalizer zukommen, das er geschrieben hatte. Mithilfe dieses Programms konnte ich, indem ich einen Schalter in meiner Hand betätigte, ganze Wörter aus einer Reihe von Menüs auswählen, die auf dem Bildschirm eines Computers auftauchten, der auf meinem Rollstuhl montiert war. Dieses System wurde im Laufe der Jahre immer weiter entwickelt. Heute verwende ich das Programm Acat von Intel, das ich über einen kleinen Sensor in meiner Brille mittels meiner Wangenbewegungen steuere. Es verfügt über ein Handy, das mir den Zugriff aufs Internet ermöglicht. Ich darf wohl von mir behaupten, dass ich der bestvernetzte Mensch der Welt bin. Meinen ursprünglichen Sprachsynthesizer habe ich behalten, zum Teil, weil ich nie einen mit einer besseren Ausdrucksweise gehört habe, und zum Teil, weil ich mich heute mit dieser Stimme trotz ihres amerikanischen Akzents identifiziere.

Der Gedanke, ein populärwissenschaftliches Buch über das Universum zu schreiben, kam mir erstmals 1982, als ich an meiner Keine-­Grenzen­-Theorie arbeitete. Damit ließe sich, so hoffte ich, vielleicht eine bescheidene Summe verdienen, die zum Schulgeld meiner Kinder und zu den steigenden Kosten meiner Pflege beitragen könnte, aber der Hauptgrund war ein anderer: Ich wollte erklären, wie weit wir schon in unserem Verständnis des Universums gediehen waren, wie dicht wir möglicherweise vor einer vollständigen Theorie standen, die das Universum und alles, was es enthielt, beschreiben würde. Ich fand es nämlich nicht nur wichtig, Fragen zu stellen und sie zu beantworten. Als Wissenschaftler fühlte ich mich auch verpflichtet, der Welt mitzuteilen, was wir in Erfahrung gebracht hatten.

Passenderweise wurde Eine kurze Geschichte der Zeit am 1. April 1988 veröffentlicht. Tatsächlich sollte der Titel ursprünglich lauten: From the Big Bang to Black Holes, a Short History of Time (»Vom Urknall zu Schwarzen Löchern, eine kurze Geschichte der Zeit«). Der Titel wurde gestrafft und short in brief verwandelt. Der Rest ist Geschichte.

Niemals hatte ich damit gerechnet, dass Eine kurze Geschichte der Zeit so erfolgreich sein würde. Zweifellos hat der menschliche Teil der Geschichte, also die Tatsache, dass ich es trotz meiner Behinderung zum theoretischen Physiker und Bestsellerautor gebracht hatte, zum Erfolg beigetragen. Nicht alle Leser werden das Buch beendet oder alles verstanden haben, was sie gelesen haben, aber sie haben sich zumindest mit einer der größten Fragen unserer Existenz auseinandergesetzt und begriffen, dass wir in einem Universum leben, das von rationalen Gesetzen bestimmt wird – Gesetzen, die wir mithilfe der Naturwissenschaft entdecken und verstehen können.

Für meine Kollegen bin ich ein Physiker wie jeder andere, aber für das breite Publikum vermutlich der bekannteste Wissenschaftler der Welt. Teilweise liegt es daran, dass Naturwissenschaftler, von Einstein abgesehen, keine berühmten Rockstars sind, und teilweise daran, dass ich dem Klischee des behinderten Genies entspreche. Mit Perücke und Sonnenbrille kann ich mich nicht verkleiden – der Rollstuhl verrät mich. Bekannt und leicht erkennbar zu sein, hat seine Vor- und Nachteile – aber die Nachteile werden durch die Vorteile mehr als aufgewogen: Die Menschen scheinen sich aufrichtig zu freuen, mich zu sehen. Nie hatte ich so viele Zuhörer wie 2012 bei meiner Eröffnungsrede zu den Paralympics in London.

***

Ich habe auf diesem Planeten ein außerordentliches Leben geführt, während ich gleichzeitig mithilfe meines Verstandes und der physikalischen Gesetze durch das Universum gereist bin. Dabei durcheilte ich die fernsten Regionen unserer Galaxie, tauchte in Schwarze Löcher ein und ging zurück bis zum Anfang der Zeit. Auf der Erde habe ich Hochs und Tiefs, Unruhe und Frieden, Erfolg und Leiden erlebt, war reich und arm, gesund an allen Gliedern und behindert, wurde gefeiert und kritisiert, aber niemals ignoriert. Durch meine Arbeit hatte ich das außerordentliche Privileg, zu unserem Verständnis des Universums beitragen zu können. Doch es wäre ein wahrhaft leeres Universum ohne die Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Ohne sie würden mir die Wunder des Kosmos nicht das Geringste bedeuten.

Im Grunde sind wir Menschen selbst nur Ansammlungen fundamentaler Teilchen der Natur. Umso größer ist der Triumph, dass wir fähig waren, die Gesetze zu verstehen, die uns und das Universum bestimmen. Ich möchte mit allen Menschen meine Begeisterung für diese großen Fragen und meinen Enthusiasmus für dieses Streben nach den großen Fragen teilen.

Eines Tages werden wir, so hoffe ich, die Antworten auf alle diese Fragen finden. Aber es gibt auf dem Planeten noch andere Herausforderungen, andere große Probleme, die beantwortet werden müssen. Dafür brauchen wir eine junge Generation, die interessiert, engagiert und wissenschaftlich gebildet ist. Wie werden wir eine ständig wachsende Weltbevölkerung ernähren? Für sauberes Wasser sorgen, erneuerbare Energie erzeugen, Krankheiten verhindern und heilen sowie die globale Klimaerwärmung drosseln? Wissenschaft und Technik werden, so meine Hoffnung, Antworten auf diese Fragen liefern, aber es werden kenntnisreiche und verständnisvolle Menschen erforderlich sein, um diese Lösungen verwirklichen zu können.

Lasst uns darum kämpfen, dass jede Frau und jeder Mann die Chance bekommt, ein gesundes und sicheres Leben voller Chancen und Liebe zu führen. Wir alle sind Zeitreisende, die gemeinsam auf dem Weg in die Zukunft sind. Lasst uns also gemeinsam daran arbeiten, aus dieser Zukunft einen Ort zu machen, den wir gerne besuchen. Seid tapfer, neugierig, entschlossen und überwindet alle Widrigkeiten! Wir können es schaffen!

[...]

14:14 25.10.2018

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