Zeit und Wandel

Leseprobe "Ob verheiratet oder nicht, ob unter einem Dach oder in zwei Haushalten: Wir brauchen dringend eine neue Vision für eine Familie, in der Mutter und Vater gleichberechtigt für Kind oder Kinder sorgen."
Zeit und Wandel
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Aus dem Schatten, bitte

Der Wartebereich für Familien im Flughafen Berlin Tegel ist mit einem Symbol beschildert, das eine Mutter mit Kind und Kinderwagen zeigt. Die meisten Gehwege werden ähnlich ausgewiesen. Lediglich die Schilder für verkehrsberuhigte Bereiche zeigen eine erwachsene Figur in Hosen beim Fußballspiel mit einem Kind, die auch als Vater durchgehen könnte. Wickelmöglichkeiten gibt es in Deutschland fast ausschließlich auf Damentoiletten, und nur am ersten Schultag stehen Väter neben Müttern.

Endlich.

Da sind sie, die Papas, in Anzügen und Krawatten, manche sprechen noch schnell in ihr Smartphone, bevor sich der Schuldirektor dann launig an sie und ihre Partnerinnen wendet in seiner Rede vom Ernst des Lebens, der jetzt auch bei ihren Kindern angekommen sei.

Was ist der Ernst im Leben eines Vaters? Dass sein Job, seine Erwerbstätigkeit wichtiger sind als die Familie. Dass er in der Regel als Ernährer und Erzeuger gilt, Aufgaben übernimmt, aber kaum Verantwortung. Dass viele Väter fast unsichtbar sind im Leben ihrer Kinder, obwohl sie keineswegs in einer Trennungsfamilie leben. Dass ihr liebevolles Engagement auch in unserer heutigen Gesellschaft immer noch keinen rechten Platz hat. Dass die Bedeutung ihrer Beziehung zum Kind eher belächelt als anerkannt wird. Und dass sie das ohne viel Widerstand akzeptieren.

Ich habe selbst zwei Söhne, und doch wirkt es auf mich wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten: das strahlende Bild der deutschen Mutter mit dem Kinde. Einer Ikone gleich haben wir es durch den Nationalsozialismus, die Frauenbewegung und den Neoliberalismus gebracht und dulden kein zweites Bild daneben. Immer noch! Mama ist die Beste und das Beste für das Kind. Mütter, ob berufstätig, zuhause, in Teilzeit oder eine Auszeit nehmend, wurden in den vergangenen Jahren hierzulande ausgiebig untersucht und beschrieben.

Und bei all dem, was so über Mütter gesprochen und geschrieben wird, Gutes wie Schlechtes, gibt es einen Punkt, auf den sich scheinbar alle gern einigen wollen: Es gibt niemanden, der einer Mutter das Wasser reichen kann, wenn es um das Kindeswohl geht. Das gilt auch für die Rabenmutter, die ihren Nachwuchs dem Beruf zuliebe beiseiteschiebt, oder die Latte-macchiato-Mutter, die die Karriere vernachlässigt, um sich ganz ihren Sprösslingen widmen zu können.

Ganz offensichtlich gibt es hier ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Das von manchen nur mit der Kneifzange angefasst wird, gar wie ein Tabu behandelt wird – schließlich leiden doch immer nur Frauen unter Diskriminierung!

Stimmt nicht.

Und genau wie es bei allen anderen Formen der geschlechterbedingten Unterdrückung ist, schadet sie auch hier beiden, Frauen wie Männern. Viele Frauen empfinden großen Druck, äußern sogar den Verlust ihrer persönlichen Handlungsfreiheit durch die verpflichtende Übermacht des Mutterbildes. Und je prächtiger das von Medien, Politik und Gesellschaft gemalt wird, desto blasser wird das Bild des Vaters. Der keinesfalls gleichberechtigt neben seiner Partnerin steht in Sachen Kindeswohl & Co.

Kind: »Papa, Papa, was ist ein Vakuum?«
Vater: »Ich hab’s im Kopf, mein Sohn, aber ich komme grad nicht drauf!«

Das heute gültige Vaterbild gleicht häufig einer Karikatur, einer Witzfigur. Denn neben der überall anerkannten Mama­-Huldigung sorgt ironisches Papa-­Bashing auch dreißig Jahre nach der Erfindung des »Verhaltensstarre«-Bonmots noch für sichere Lacher, trotz Elterngeld und trotz eines Vizekanzlers, der zwölf Wochen Elternzeit genommen hat.

»Peter«, fragt die Lehrerin, »weshalb nennen wir unsere Sprache auch Muttersprache?«
»Weil Papa nie zu Wort kommt.«

Was ist los mit dem deutschen Vater? Warum tritt er nicht aus dem Schatten der deutschen Mutter hervor? Ein solches, nicht nur farbloses, sondern auch ganz schön negatives Vaterbild wird ja von der Gesamtgesellschaft erschaffen und getragen – seit wann haben wir denn diesen blassen Papa im Abseits? Warum nehmen Väter ihr Schattendasein so einfach hin? Und warum wird es von Müttern akzeptiert, vielleicht sogar gewünscht? Um den Finger mal so richtig draufzulegen: Ist Mama vielleicht genug? Braucht es Papa überhaupt zum Kindeswohl? Oder sind Väter vielleicht doch unverzichtbar?

Noch ein Denkmal für Helmut Kohl

Auf der Suche nach den Vorlagen für unser heutiges Bild des deutschen Vaters fällt mir zuerst Helmut Kohl ein. Schließlich war er in meiner westdeutschen Jugend in den Achtzigerjahren so etwas wie der Vater der Deutschen, der sogar noch zum Vater Europas wurde. Als Kohl mit seinem störrischen Ehrenwort in der Parteispendenaffäre an Ansehen verlor, kam nicht nur ich mir vor wie ein Kind, das im Erwachsenenalter die Wahrheit über den übermächtigen Vater herausfindet: Ein Mann, der Anstand immer als das höchste Gut bezeichnet hatte, ist quasi jahrzehntelang fremdgegangen und hat seinem eigenen Leitbild überhaupt nicht entsprochen.

Dass Helmut Kohl auch als Familienmensch und Vater seiner Kinder keine besonders gute Figur gemacht hat, ist bekannt. Das bestätigt der Altkanzler-Sohn Walter Kohl in seinem Buch Leben oder gelebt werden: Abwesenheit, wenig Verständnis für die Kinder, und immer hatten das Büro, die Politik den Vorrang. Sehr deprimierend erscheint mir heute diese Kohl’sche Vaterschaft, die eine wie die andere. Und doch ist sie immer noch eine Blaupause in diesem unserem Land:

Wer holt die Kinder nachmittags von Schule und Kindergarten ab?
Wer geht mit den Kindern auf den Spielplatz?
Wer sitzt mit ihnen im Wartezimmer der Kinderärztin?
Wer richtet die Geburtstagsfeiern der Kinder aus?
Wer kauft ihnen neue Kleidung, wenn sie aus den alten Sachen herausgewachsen sind?

Es sind meistens Mütter, so meine Beobachtung. Wenn auch die Zahl der Väter in den erwähnten Situationen größer geworden ist, verglichen mit meiner Kohl-­geprägten Jugend: Damals sah ich wirklich nie irgendeinen Vater jenseits von Feierabend oder Wochenende, nirgends. Auch nicht auf den eingangs genannten Verkehrsschildern, die Fußwege kennzeichnen: Der Mann mit Hut, der ein Kind an der Hand führt, wurde 1971 von einer Frau abgelöst. Ein Jahr vor meiner Geburt.

Väter im Visier

Es gibt jede Menge Bücher über die Väter von heute. Lustige Bücher über Väter, die bei den Kindern bleiben, nachdenkliche über Väter in der Identitätskrise, anklagende, gar weinerliche über Väter ohne Perspektiven. Zumeist schreiben Männer über moderne Väter, neue Väter, Väter zwischen Kind und Karriere, von ihren Kindern getrennt lebende Väter und noch mehr. Ich habe viele dieser Bücher gelesen, mit einigen der Autoren gesprochen, und mit zahlreichen Vätern auch. Dabei habe ich immer stärker das Bedürfnis verspürt, eine Brücke zu schlagen zwischen dem Lager der Mütter und dem der Väter, zwischen Frauen und Männern, zwischen Feminismus und Männerforschung.

Denn es ist dieses Miteinander, das uns fehlt, sowohl in der Kommunikation als auch in der Ausbildung von Visionen für ein (noch) besseres Leben: Wie soll der schwere Vereinbarkeits­-Rucksack von den Schultern vieler Mütter genommen werden, wenn nicht auch viele Väter die Last mittragen? Mittragen dürfen? Oder wollen? Wie können wir unseren Söhnen und Töchtern ein gleichberechtigtes Leben versprechen, wenn sich ihre Eltern doch in einem andauernden Ungleichgewicht befinden? Das von allen gesehen wird, aber von niemandem kritisiert?

Meine Vorstellungen von einer Welt, in der niemand aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird, haben immer sehr viel mit der Stärkung der gesellschaftlichen Position von Frauen zu tun gehabt. Doch es ist höchste Zeit, auch die Position von Männern, von Vätern zu bedenken. Denn die Ungleichbehandlung der Geschlechter schwächt auch Männer, wirkt sich auf ihre Position, ihre Bedeutung in unserem gültigen Familienmodell aus. Und wie wir es durch die Kritik an der Benachteiligung von Frauen ja längst kennen, funktioniert unsere Gesellschaft auch diesmal nicht wie eine mathematische Gleichung. Wird die eine Hälfte des Elternpaars kleiner gemacht, wächst die andere Hälfte nicht automatisch in die richtige Richtung.

Ich bin sicher: Ohne Väter geht es nicht. Nicht nur für die Zeugung werden sie gebraucht. Auch danach sind sie unverzichtbar – und zwar nicht nur, um bei der Geburt Händchen zu halten oder die Nabelschnur zu durchtrennen bzw. um sich finanziell unterstützend oder engagiert beim Freizeitsport zu zeigen. Väter sind unverzichtbar, weil Eltern sein zu zweit nicht nur leichter ist, sondern auch besser. Für alle Beteiligten! Mama ist nicht genug, das sagen mir nicht nur meine eigenen Erfahrungen als Mutter und als Partnerin eines Vaters, sondern das bestätigen inzwischen auch Erkenntnisse quer durch die Wissenschaften und viele Studien, einige davon erwähne ich in den folgenden Kapiteln. Leider ist das unserer Gesellschaft eher egal als bewusst:

Ja, es ist einfacher, den Vater als Zusatz­-Kraft zur Mutter zu sehen oder schlimmer noch pauschal zum Samenspender, Wochenendbespaßer oder Unterhaltszahler zu degradieren, als an den gültigen Strukturen zu rütteln. Die ja historisch gewachsen sind und somit auch irgendwie von uns allen mitgetragen – wenn nicht sogar gewünscht. Dennoch ist dieses Kleinmachen, dieses Reduzieren extrem falsch – und muss sich ändern. Weil es unfair ist – und weil es »den Vater« als Mamas Handlanger gar nicht gibt! Es existieren heute ebenso viele Auslegungen von Vaterschaft, wie es Väter gibt. Von denen auch Mütter profitieren, die ja beileibe auch nicht alle aus demselben Holz geschnitzt sind.

Dabei ist der eigene biografische Hintergrund nicht unwichtig: Wer heute Vater wird, orientiert sich mit Sicherheit auch an seinem eigenen Vater und Großvater, ebenso wie an seinem kulturellen Umfeld. Was aber nicht heißen soll, dass wir die nächsten Schubladen öffnen, um Menschen dort einzusortieren: Nicht jeder US­-Amerikaner in Deutschland holt am vierten Donnerstag im November einen Thanksgiving-­Truthahn für seine Familie aus dem Ofen. Nicht jeder türkischstämmige Familienvater in Deutschland verliert seine Töchter an den Islamischen Staat. Und doch spielt bei allen Ängsten und Vorstellungen eines Menschen, der sich Kinder wünscht oder bereits welche hat, die Herkunft immer auch eine Rolle. Gerade in unserer heutigen Gesellschaft, die ja viel multikultureller ist als etwa die meiner Eltern, ist dieser Aspekt wichtig und zugleich ziemlich kompliziert. Eben weil es keine pauschalen Verhaltensweisen qua Herkunft gibt.

Mit all diesen vielen unterschiedlichen Geschichten und Lebensentwürfen können wir auch eine große Lücke füllen: Sie ist deutlich sichtbar an der Stelle, an der es im gesellschaftlichen Bewusstsein um die Qualität der Bindung zwischen Vater und Kind geht. Mal ehrlich: Was eine Mutter ihrem Kind gibt, darin sind sich alle einig: Schutz, Wärme, Zärtlichkeit, Verständnis und so weiter – es ist unverhohlen einzigartig.

Was aber gibt ein Vater vergleichbar Einzigartiges an sein Kind? Ist das wirklich nur das Engagement bei den berühmten Tobespielen oder die Unterstützung bei fiesen Physik-­Hausaufgaben? Kann ein Vater einem Kind überhaupt etwas geben, was es nicht schon von der Mutter erhalten hat?

Diese Lücke ist wie eine Schikane, eine fest installierte Stolperstelle für den Mann, der seine ersten Schritte als Papa gehen möchte nach der Geburt seines Kindes. Was extrem ungerecht ist! Hier brauchen wir dringend eine Veränderung im gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein.

Keine Diskriminierung, nirgends

Um sofort mögliche Missverständnisse zu vermeiden: Ich verurteile hier ganz und gar nicht gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern, Alleinerziehende oder Familien, in denen aus guten Gründen kein Vater anwesend ist! Ich gehe ebenso wenig davon aus, dass sich Paare mit Kindern leichtfertig trennen.

Doch gerade jetzt, wenn wir vielleicht tatsächlich nur noch ein paar Schritte von der Normalität einer Geschlechtsverkehr­-unabhängigen Reagenzglasgeburt eines Menschen entfernt sein mögen, möchte ich das Bild des Vaters aus dem Schatten holen und mit neuen Farben versehen. Möchte ich die fehlende Balance zwischen den Geschlechtern aufzeigen. Und auch eine Motivation liefern für das Bekennen zum Papasein, dafür, die »Vaterchance« zu ergreifen!

Dabei geht es mir nicht um praktische Anweisungen für ein individuelles Zusammenleben, sondern um ein besseres Verständnis von Vaterschaft, quasi eine Basis für ein besseres Miteinander von Frauen und Männern, die gemeinsame Kinder haben oder das planen.

»Vaterschaft im 21. Jahrhundert ist ›Malen nach Zahlen‹ ohne Nummern«, hieß es vor einigen Jahren in der Zeit. Das gilt heute leider immer noch: Parteienübergreifend wird nach einem neuen Familienleitbild gesucht, und sogar die beiden christlichen Kirchen diskutieren viel über die Gültigkeit des klassischen Familienmodells und die Autorität des Vaters.

Ob verheiratet oder nicht, ob unter einem Dach oder in zwei Haushalten: Wir brauchen dringend eine neue Vision für eine Familie, in der Mutter und Vater gleichberechtigt für Kind oder Kinder sorgen. So eine Familie wünschen sich immer noch sehr viele, heute und hier. Doch ohne ein neues Vaterbild wird dieser Wunsch nicht zu erfüllen sein.

[...]

03:05 03.09.2015

Buch der Woche: Weitere Artikel


Praktisches Erleben

Praktisches Erleben

Biographie Die Journalistin Barbara Streidl, selbst Mutter zweier Kinder, beschäftigt sich bereits seit Beginn ihrer Karriere mit Frauen- und Männerbildern. Naturgemäß sowohl theoretisch wie praktisch
Neue Perspektiven

Neue Perspektiven

Einblicke Der Wandel der Rollenklischees scheint sich stellenweise eher als Fluch denn als Segen zu entpuppen – immer wieder ist es vor allem Verunsicherung, die er mit sich bringt
Modernes Denken

Modernes Denken

Netzschau Rezensionen aus dem Netz: "Barbara Streidl ruft mit ihrer Streitschrift 'Lasst Väter Vater sein' zu einem Umdenken auf und möchte Väter gleichberechtigt und auf Augenhöhe mit Müttern sehen."