Theorie und Praxis

Leseprobe "Al-Qaida bemüht sich schon seit 1992, an Nuklearwaffen zu kommen. Aber ausgemusterte Atomwaffen sind schwer zu bekommen, teuer und launisch in der Handhabung. Da ist es nur sinnvoll, dass man zu Hause erstmal einen Probelauf versucht."
Theorie und Praxis

Foto: Farid Zahir/AFP/Getty Images

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In der Scheibe des Schaufensters kann ich den Mann sehen, der mich beschattet. Er ist mir schon vorhin aufgefallen, weil sein Weg im Straßengewirr von Karatschi exakt derselbe ist wie meiner. Un-sere Spiegelbilder überlagern sich in der Auslage des Schneiders. Er ist groß und hat ein Pferdegesicht. Seine Hände öffnen und schließen sich rhythmisch, während er mir folgt. »Der Schleier gibt Sicherheit« lese ich auf einem Plakat, das in der Auslage über den ausgestellten Burkas und Hidschabs hängt.

Mein Bus kommt und fährt vorbei, bedeckt mit ekstatischen Wirbeln aus Farben und Mustern. Jeder Quadratzentimeter bemalt mit bunten Formen, die ineinanderfließen wie bei einem Karnevalswagen, ein wahrer Dieseltempel fürs Auge. Er erscheint wie der Inbegriff der Freiheit, der unter seiner Last zu Boden geht, ein kriechender Drache, von der eigenen Schönheit niedergedrückt und von den Fahrgästen, die sich an seinen Rücken und seinen Bauch klammern. Diese Busse sind es, was ich an Pakistan am meisten liebe. Inmitten von Staub, Smog und Hupkonzerten ziehen sie den Blick auf sich, als schiene in dem sonst so freudlosen Gesicht eines Fremden plötzlich eine verwandte Seele auf.

Ich verliere nicht viel Zeit, wenn ich diesen Bus nicht nehme. In ein paar Minuten kommt ein anderer, der mich zur M.A. Jinnah Road bringen kann. Ich tue besser nicht so, als würde ich versuchen, Mr. Ed abzuschütteln. Nichts wirkt verdächtiger, als einen Beschatter abzuschütteln. Ich muss immer lachen, wenn ich mir Agentenfilme ansehe. Die Sprünge über die Dächer, das Wirbeln mit der Pistole. Im wirklichen Leben würde eine solche Verfolgungsjagd mitten durch die Stadt meine Tarnung unweigerlich auffliegen lassen. Man wiegt seine Verfolger besser in Sicherheit. Geht langsam, damit sie die Spur nicht verlieren. Bleibt mit dem Auto an der Ampel schon bei Gelb stehen. Lässt sie immer genau erkennen, wohin man will. In anderen Worten: Man langweilt sie zu Tode. Und hebt sich die Bond-Manöver für den Moment auf, da sie meinen, deine Schritte exakt vorhersagen zu können.

Ich sehe Mr. Ed, wie er an einem der Marktstände mit Küchengeräten hantiert, während wir warten. Es ist nicht ganz klar, welcher Typ von Beschatter er ist. Mein Tipp wäre, dass er zum lokalen Geheimdienst gehört – Spionageabwehr des jeweiligen Landes, in dem ich mich gerade aufhalte. In seinem Fall allerdings bin ich mir nicht ganz sicher. Die pakistanische Spionageabwehr ist gut in dem, was sie tut. Ihre Überwachungsteams sind sechs bis sieben Mann stark, sodass man die Beschatter alle paar Straßen auswechseln kann. Damit ist das Risiko geringer, dass ich sie bemerke. Der Mann hier scheint aber allein zu arbeiten. Und nicht nur das, sein Gesicht wirkt irgendwie fremdländisch. Trotz seiner traditionellen Kleidung – er trägt den Kamiz lang und locker über der Hose – sieht er aus, als würde er aus Zentralasien kommen. Ein Kasache vielleicht oder ein Usbeke. Vermutlich beschattet er mich wegen des Meetings morgen. Al-Qaida hat in jüngster Zeit viele Rekruten aus den zentralasiatischen Ländern aufgenommen. Und neue Leute zunächst mal zu Überwachungsaufgaben abzuordnen ist das Standardprocedere. So lernen sie die Stadt kennen, während die Ausbilder sich ein Bild von ihren Fähigkeiten machen können.

Ich sehe ihm zu, wie er sich durch die Gassen und Marktstände des Jodia-Bazars kämpft. Er nimmt ein Ersatzteil für einen Vergaser in die Hand und dreht es hin und her. Etwas an der Art, wie er mit dem Ding hantiert, lässt mich vermuten, dass er vielleicht zu einer dritten Kategorie gehört – ein künftiger Waffenschieber, der weiß, dass ich mit Jakab zusammenarbeite, dem ungarischen Lieferanten für buchstäblich alles, was aus Sowjetzeiten übrig geblieben ist. Natürlich gibt es da immer noch eine vierte, weniger spannende Möglichkeit: Er ist eins der klassischen Möchtegern-Raubtiere und verfolgt eine achtundzwanzigjährige Amerikanerin, die allein durch fremde Straßen streift. Vergessen wir nicht Ockhams Rasiermesser: Die einfachste Lösung ist gewöhnlich die richtige.

Regierungsbeamter oder Schläger, jeder Verfolger ist Grund genug, eine Operation abzubrechen. Es hat wenig Sinn, Informanten zu treffen oder Dokumente in Empfang zu nehmen, wenn man neugierige Augen und Ohren im Schlepptau hat. Selbst harmlose Voyeure verlieren schnell an Harmlosigkeit, wenn sie meinen, auf etwas Wertvolles gestoßen zu sein. Glücklicherweise bin ich nicht auf dem Weg zu einem Treffen. Nicht vor morgen. Heute geht es nur ums Auskundschaften.

Jakab hatte gesagt, ich solle mir die Kreuzung Abdullah Haroon und Sarwar Shaheed Street ansehen. Mehr wisse auch er nicht. Und nicht einmal das hätte er wissen dürfen. Er hatte seinen Käufern diese Information unter dem Vorwand entlockt, ohne ein paar Angaben zum Zielobjekt könne er ihnen nicht den richtigen Sprengsatz liefern. Sie bräuchten schließlich genug radioaktives Material, dass man es mit einem Geigerzähler messen könne. Genug, um ihnen die gewünschte Aufmerksamkeit zu sichern.

Als der nächste Bus kommt, steige ich gemächlich ein, als wäre ich nicht im Begriff, das Zielobjekt eines möglichen Anschlags mit einer Schmutzigen Bombe in Augenschein zu nehmen. Mr. Ed klettert nach oben, er setzt sich aufs Dach. Ich nehme im Frauenabteil Platz. Draußen geht der Nachmittag allmählich in die Dämmerung über, und die Motorräder schalten ihre Scheinwerfer ein. Es ist genug Zeit, um im Ansturm des abendlichen Verkehrs die Gebäude zu betrachten, die meisten älter als das Land selbst und Denkmäler aus einer Zeit, als Pakistan und Indien noch zusammengehörten und von Kolonialisten und Königen als Spielzeug benutzt wurden. Hier verspüre ich als Yankee eine Seelenverwandtschaft. Das Abschütteln des englischen Jochs. Ich kann mir die Männer und Frauen in Kamiz und Schal, von denen ich umgeben bin, auch gut dabei vorstellen, wie sie Teekisten ins Meer werfen. Wir sind Rebellenstaaten, sie und wir. Wenn diese Rebellion nur nicht so viel Blutvergießen verursacht hätte.

Ich sehe die Kreuzung aus dem Chaos aus Autos und Eselskarren auftauchen, weiter vorn, unter verblichenen Planen, die zwischen den Gebäuden aufgespannt werden, um Schutz vor der mittlerweile gesunkenen Sonne zu bieten. Auf der einen Seite liegt die National Bank of Pakistan, die meiner Ansicht nach ein Ziel sein könnte. Schließlich haben die Mullahs die Twin Towers als legitimes Ziel ausgewählt, weil Amerika ihrer Ansicht nach Muslime nicht nur mit Panzern tötet, sondern auch, indem es Unschuldige in Armut stürzt. Aber es fühlt sich irgendwie nicht richtig an. Das Betongebäude ist nicht besonders symbolträchtig, vielmehr die nackte Ausgeburt von typischem Nachkriegsbrutalismus. Es steht nicht gerade für westlichen Prunk.

Ich warte, bis der Bus langsamer wird, und springe zurück in den Staub der Stadt. Am anderen Ende des Busses landet Mr. Ed sanft auf den Beinen. Ich spaziere langsam die Abdullah Haroon Road hinunter, sodass er mir folgen kann, und dann, am oberen Ende angekommen, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Direkt vor mir, ein wenig zurückversetzt hinter verschlossenen Toren, liegt eine Art Miniaturschloss, eine kleine Steinfestung mitten zwischen Rikschas und Tauben. Der Karachi Press Club, die Bastion der freien Meinungsäußerung und des unabhängigen Journalismus in Pakistan. Heimat von Protesten und Debatten und der einzigen Bar im ganzen Land, die Alkohol ausschenkt. Hundertprozentig ist das der richtige Ort. Wie macht man sich in diesem Land am schnellsten zum Zielobjekt für einen Bombenanschlag? Richtig, indem man sich volllaufen lässt. Jakab meinte, dass der geplante Anschlag als Warnung gedacht sei – als Drohung an jedes Land, in dem die Worte der Presse so frei fließen dürfen wie der Alkohol: Zuerst räumen wir in Pakistan auf, dann knöpfen wir uns die Ungläubigen vor. Ein guter Plan, letztlich aber ist es schlicht sehr viel einfacher, hier einen Angriff zu planen und auszuführen als am Times Square. Al-Qaida bemüht sich schon seit 1992, an Nuklearwaffen zu kommen, als Osama bin Laden seinen ersten Trupp nach Tschetschenien sandte, um spaltbares Material zu besorgen, das während des Zusammenbruchs der Sowjetunion aus den offiziellen Registern verschwunden war. Aber ausgemusterte Atomwaffen sind schwer zu bekommen, teuer und launisch in der Handhabung. Da ist es nur sinnvoll, dass man zu Hause erstmal einen Probelauf versucht.

Das bedeutet, dass ich zwei Szenarien gleichzeitig im Hinterkopf behalten muss: zunächst die potenzielle Attacke vor meiner Nase und dann einen möglichen Folgeangriff auf US-amerikanischem Boden. Schriftsteller und Denker aus aller Welt kommen hierher, um im Karachi Press Club zu sprechen, auch Amerikaner. Eine Bombe mit einer Sprengkraft von zehn Kilotonnen würde jedes Gebäude und alle Menschen im Umkreis von achthundert Metern pulverisieren. Würde dieselbe Bombe vor dem Gebäude der New York Times mitten in Manhattan gezündet, würde sie den Times Square ausradieren, die Penn Station, Bryant Park und die New York Public Library, neben unzähligen Wohnungen, Kneipen, Kindergärten und Taxis. Die Stichflamme wäre heißer als die Sonne. Da Licht schneller ist als Schall, würde ungefähr eine halbe Million Menschen zu Staub werden, bevor sie auch nur ein Bumm hörten. Im Umkreis weiterer achthundert Meter würde die Strahlung die meisten Menschen innerhalb weniger Tage töten. Und wer außerhalb dieses Radius wohnte, würde in den nächsten Jahren an Krebs sterben.

Terrorismus ist ein psychologisches Spiel, das auf Eskalation setzt. Man hat nicht vor dem letzten Anschlag Angst, sondern vor dem nächsten.

Sie denken, es sei schlimm, wenn Botschaften in Übersee angegriffen werden, wie dies 1998 in Kenia und Tansania der Fall war? Dann stellen Sie sich ein Schlachtschiff vor, das im aktiven Dienst in die Luft gejagt wird, wie dies zwei Jahre später mit der USS Cole im Golf von Aden passierte. Sie finden einen Angriff auf das Militär erschreckend? Was sagen Sie dann zu einem Angriff auf unschuldige Menschenmassen auf heimatlichem Boden, wie wir ihn schreckensstarr an einem wolkenlosen Dienstagmorgen im September 2001 erlebten?

Seit dem 11. September beschäftigt al-Qaida nur eine Frage: Wie weitermachen? Was würde noch schrecklichere Bilder erzeugen als Flugzeuge, die in Wolkenkratzer krachen? Was könnte mehr Zerstörung bieten als der Tod von dreitausend Menschen an einem beliebigen Dienstagmorgen? Am Ende bleibt nur noch die Pilzwolke. Am Ende ist die einzig noch mögliche Eskalationsstufe eine Stichflamme, so hell, dass sie sich den wenigen überlebenden Zeugen für immer in die Netzhaut brennt.

Mr. Ed mustert eine Frau durch die Gitterstäbe an den Toren des Karachi Press Clubs. Sie trägt einen Kopfschleier, der an den Pucci-Stil der Siebzigerjahre erinnert. Der Saum ihres Kamiz ist mit Blumen bestickt. Ihr Outfit ist sittsam und islamisch, mit einem fröhlichen Touch von Die Partridge Familie. Neben den Toren verkauft ein Mann Blumensträuße. Er schreit den Autofahrern seine Preise entgegen. An dem Haus hinter ihm hängt das Schild eines Kinderzahnarztes.

Ich spüre Grauen in mir aufsteigen. Dieses Ausmaß an Zerstörung. Diese schreckliche, nutzlose Verschwendung von Potenzial. Am liebsten würde ich zum Pferdegesicht hinüberlaufen, ihn schütteln und fragen, wie er dazu kommt, diese Frau töten zu wollen, die mit Blumenmustern verzierte Kleidung trägt. Wie er darüber nachdenken kann, eine halbe Million Menschen wie sie einfach umzubringen. Doch vielleicht ist er auch nur ein gewöhnlicher Stalker. Morgen wird meine Chance kommen. Eine einmalige Gelegenheit, al-Qaida zu zeigen, warum sie besser keine Atomwaffe und keine Schmutzige Bombe im Zentrum einer großen Stadt detonieren lassen sollten. Eine einzigartige Gelegenheit, den Leuten, die dieses Land in die Knie zwingen wollen, von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.

Lass den Mann in Frieden, sage ich mir.

Dann zieht er ein Handy hervor, tippt eine Nummer ein und blickt mir dabei geradewegs in die Augen.

13:06 24.10.2019

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