Rätselhafte Vorgänge

Leseprobe "Auch der Reichskanzler erfährt von den Ereignissen bei der Flotte, doch Prinz Max kann sich keinen Reim darauf machen: Was bezwecken die Matrosen? In Kiel rückt indessen die angekündigte Demonstration näher."
Rätselhafte Vorgänge
Foto: Central Press/Getty Images

Umsturz

Und so ging man den roten Matrosen aus dem Weg [...] und hob sich den Spott für zu Hause auf: „Na Kinder, das ist ja ein komisches Ding, die deutsche Revolution.“

Ehm Welk[i]

Alarmierende Gerüchte kursieren auf dem Schlachtschiff „Thüringen“. Beim Zechgelage in der Offiziersmesse Ende Oktober sei die Rede vom ruhmvollen Untergang der Flotte gewesen; man habe von Ehre gesprochen und vom Heldentod. Ein Messeläufer, der die Offiziere bedient hat, habe das gehört. Also stimmt es doch, murren die Mannschaften: Die Marineleitung wolle gegen die Briten vorstoßen. Und das, obwohl längst Gespräche über einen Waffenstillstand laufen. Schon seit Tagen rumort es unter den Besatzungen der Schiffe, die vor Wilhelmshaven auf Reede liegen. Am 27. Oktober, als einige Panzerkreuzer in See stechen sollen, haben Mannschaften das Auslaufen verzögert: Sie sind vom Landgang nicht zurückgekehrt. So auch 45 Heizer der „Straßburg“, worauf ihre Kameraden an Bord die Feuer unter den Kesseln gelöscht und versucht haben, das Schiff durch Öffnen der Ventile zu versenken. Einen Tag später verweigern Matrosen der „Markgraf“ das Auslaufen. Auch die Mannschaft der „Thüringen“ hat die Nase voll. Jetzt, wo der Frieden naht, will sich niemand mehr verheizen lassen.

Das Kabinett unter Prinz Max, da herrscht Einigkeit, könne von den Plänen für einen letzten Kampf der Flotte nichts wissen. Dass viele Seeoffiziere die neue Regierung mit Argwohn betrachten, ist auf den Schiffen bekannt. Ein Matrose hat gehört, jemand habe seinem Ersten Offizier die Stimmung an Bord geschildert und die Meinung der Besatzung überbracht, dass ein Vorstoß nicht im Sinne des Kabinetts sei. Der Offizier habe entgegnet: „Ja, das ist Ihre Regierung.“[ii] Doch das ist nur ein Motiv für die Wut auf die Vorgesetzten. Hinzu kommt ihre Unehrlichkeit: Auf das mögliche Auslaufen angesprochen, hat der Kapitän der „Thüringen“ das als Gerücht zurückgewiesen. Niemand glaubt ihm.

Die Flottenführung lässt am 31. Oktober Torpedoboote gegen die meuternden Schiffe in Stellung gehen, auch gegen die „Thüringen“. In letzter Minute ergeben sich die Matrosen und lassen sich widerstandslos abführen. Um den Konflikt zu entschärfen, kommt die Marineleitung auf die Idee, die Hochseeflotte zu teilen: Das III. Geschwader, das unruhigste, nimmt mit fünf Schiffen und 5000 Mann Besatzung noch am selben Tag Kurs auf Kiel, den Heimathafen. Eine schwer verständliche Entscheidung, denn dort sind nicht nur 50 000 Militärangehörige stationiert, in den Großwerften und Zuliefererbetrieben der Metallindustrie arbeiten zudem Tausende Beschäftigte, die in den vergangenen Monaten ihren wachsenden Unmut mit Streiks demonstriert haben. Will die Marineleitung die Lage absichtlich eskalieren lassen, um die Regierung zum Aufgeben zu zwingen?

Von dem, was sich da anbahnt, ahnt der liberale Abgeordnete Conrad Haußmann nichts, als er am 31. Oktober einen Brief an seinen Sohn schreibt. Seit zwei Wochen ist der 61-jährige Staatssekretär im Kabinett seines Bekannten Max von Baden. Er hoffe noch auf Frieden in diesem Jahr, fürchte aber, „dass ein schlechter oder ganz schlechter Friede kommen wird“. Haußmann macht seinen Sohn neugierig: „Dein Vater wird Dir berichten, in einer besonderen Geschichtsstunde, und er könnte Deinem Geschichtsrektor interessante Tatsachen verraten.“[iii]

Am 1. November läuft das III. Geschwader in Kiel ein. 47 festgesetzte Matrosen werden in eine Haftanstalt gebracht. Gleichzeitig suchen ihre Kameraden den Kontakt zu Gewerkschaften und den beiden sozialdemokratischen Parteien. Unter den Matrosen sind eine Reihe Mitglieder oder Anhänger von SPD und USPD; viele sind es erst auf den Schiffen geworden. Noch am selben Abend treffen sich 250 Mann im Kieler Gewerkschaftshaus, um zu beraten, wie man die festgesetzten Kameraden wieder freibekomme. Aber nicht alle möglichen Ansprechpartner sind in der Stadt; der Kieler SPD-Reichstagsabgeordnete Carl Legien etwa spricht in Berlin auf einer Gewerkschaftskonferenz. Die Matrosen vertagen sich auf den nächsten Tag.

Davon bekommen die Kieler wenig mit. Sie bewegen alltägliche Sorgen, so ist eine Demonstration wegen fehlender Marmelade geplant. Nikolaus Andersen, ein aufmerksamer Chronist, konzentriert sich auf die internationale Entwicklung: „Der tschechische Staat unabhängig. Ungarn Revolte. In Wien ruft man die Republik aus. Auch die Türkei machte Sonderfrieden. Wir stehen ganz allein.“ Den zu Ende gegangenen Oktober nennt der 36-Jährige „kritisch“ und einen „Monat der tiefsten Erniedrigung und Niedergeschlagenheit“. Darüber wird auch im Büro diskutiert.[iv]

Die Kieler Polizei hingegen erfährt von den Plänen der Matrosen und schließt für den 2. November das Gewerkschaftshaus. Deshalb laufen die Besatzungsmitglieder zum Großen Exerzierplatz; auf dem Weg dahin schließen sich Angehörige verschiedener Marineeinheiten an sowie Vertreter der USPD; zusammen 500 bis 600 Menschen – nicht zu übersehen. Damit wird ihr Ziel, die inhaftierten Kameraden zu befreien, öffentlich.

Der 27-jährige Karl Artelt ergreift das Wort. Lange Arbeiter bei der Germaniawerft, ist er nun Matrose in der Torpedo-Division. Seine Forderungen sind politisch: Der Militarismus müsse niedergerungen, die herrschende Klasse entmachtet werden. Für den kommenden Tag ruft er zu einer Volksversammlung mit anschließender Demonstration vor der Haftanstalt auf. Nach ihm spricht der 31-jährige Lothar Popp als Vertreter der örtlichen USPD. Eigentlich ein Händler aus Bayern, hat er bei den Januar-Streiks 1918 in Kiel den ersten Arbeiterrat organisiert. Wie Artelt ist er deswegen einige Monate im Gefängnis gewesen. Zusammen gehen die beiden zur USPD und beraten, wie die Volksversammlung ablaufen soll. Sie entwerfen einen Aufruf, der noch in der Nacht hektografiert wird: „Kameraden, schießt nicht auf Eure Brüder! Arbeiter, lasst die Matrosen nicht im Stich!“[v]

Um die Versammlung zu verhindern, beschließen die leitenden Offiziere des Kriegshafens Kiel am kommenden Morgen, Stadtalarm zu geben; dann müssen die Besatzungen zurück auf ihre Schiffe. Die Militärs wollen Stärke zeigen, ohne die Lage unnötig anzuheizen. Doch weil gleichzeitig weitere 57 Matrosen und Heizer verhaftet werden, misslingt das Vorhaben. Gouverneur Wilhelm Souchon, erst wenige Tage im Amt, berichtet dem Reichsmarineamt in Berlin, ohne ins Detail zu gehen, von „äußerst gefährlichen Zuständen“. Er bittet darum, „wenn irgend möglich, hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten hierherzuschicken, um im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen“.[vi] Will er das Modell der Reichsregierung kopieren und Sozialdemokraten als Vermittler heranziehen?

Souchons Telegramm ist nicht der einzige Hinweis, dass sich in Kiel etwas zusammenbraut. Schleswig-Holsteins SPD-Vorsitzender Heinrich Kürbis reist nach Berlin, um seine Partei zu informieren. Er rechnet mit Streiks, die ganze Wirtschaftszweige lahmlegen könnten. Auch der Reichskanzler erfährt von den Ereignissen bei der Flotte, doch Prinz Max kann sich keinen Reim darauf machen: Was bezwecken die Matrosen? In Kiel rückt indessen die angekündigte Demonstration näher. Gegen 17.30 Uhr beginnt die Volksversammlung. 5000 bis 6000 Menschen sind gekommen, viele Matrosen haben den Stadtalarm ignoriert. Mehrere Redner fordern, die Inhaftierten freizulassen, aber auch, endlich den Krieg zu beenden – und: neue Freiheiten. Dann setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung.

Wechselhaft ist an diesem Tag auch das Geschehen in Braunschweig. Dort tritt der Wehrexperte der SPD-Reichstagsfraktion Gustav Noske auf. Die Zustände in Kiel sind ihm noch nicht bekannt. Er spricht über Reformen und argumentiert gegen eine gewaltsame Revolution, die weiteres Unheil bringen würde. Der 50-Jährige versichert, dass die eingeleitete Demokratisierung so stabil sei, dass auch ohne revolutionären Druck alles beiseitegeräumt werden würde, „was überlebt ist und mit den Bedürfnissen des Volkes nicht mehr in Einklang steht“.[vii] Während die Zuhörer, vielfach SPD-Mitglieder, seinem Aufruf zur Geduld zustimmen, versammeln sich auf dem Leonhardplatz die Unabhängigen. Ihr Anführer, der Spartakus-Mann August Merges, hat eine schlagkräftige Truppe gebildet, die der SPD den Rang in Braunschweig abgelaufen hat.

In Magdeburg gehen am selben Tag 40 000 bis 50 000 Menschen zu einer Friedenskundgebung. Einige Redner der SPD schließen Gewalt nicht aus, falls die Monarchie noch länger bestehe. Die Stadtverwaltung ist überrascht, denn sie hat geglaubt, die Arbeitervertreter im Griff zu haben.

In Kiel läuft der Schlosserlehrling Ernst Busch, ein talentierter Sänger, im Demonstrationszug mit. Er weiß eigentlich gar nicht, worum es geht. Direkt vor der Haftanstalt stellen sich 30 bis 40 Soldaten dem Zug entgegen, doch von hinten wird geschoben. Plötzlich fallen Schüsse. „Geht doch vor, sie schießen ja nur mit Platzpatronen“, rufen einige Marinesoldaten, halten sich aber selbst zurück. Da werden schon die ersten Verwundeten durchgereicht; Busch sucht das Weite. Am Ende liegen sieben Menschen tot auf der Straße.[viii] Gertrud Völcker, eine Gewerkschaftsangestellte, bedauert, dass geschossen wird – offenbar ist die Macht des Militärs nicht ohne Blutvergießen zu brechen. Andererseits hofft die Kielerin: „Die Revolution kommt ins Rollen.“[ix]

Das will auch Karl Liebknecht. Seit Tagen dringt der 47-Jährige darauf loszuschlagen. Die Arbeiterschaft müsse permanent demonstrieren, streiken, die Polizei provozieren: So soll der revolutionäre Elan der Massen angefacht und zum Aufstand gesteigert werden. Wie es die Bolschewiki ein Jahr zuvor in St. Petersburg getan haben. Ein vermessenes Ziel, verfügen die Spartakisten doch in Berlin gerade einmal über 100 Anhänger, reichsweit über nicht mehr als 3000. Richard Müller und seine Revolutionären Obleute lehnen die Taktik ab. Das russische Vorbild gelte für Deutschland nicht, das Proletariat habe zu viel zu verlieren. Müller weiß: „Ein Teil der Arbeiter hat sich nicht nur kleinbürgerlich, sondern gut bürgerlich eingerichtet.“ Liebknechts permanente Aktion verspotten die Obleute als „revolutionäre Gymnastik.“

[...]

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[i] Welk: Im Morgennebel, S. 371.

[ii] Dittmann: Die Marine-Justizmorde von 1917, S. 95 u. S. 97f.; Deist: Die Politik, S. 360f.; Spiegel 45/1968, S. 106–130.

[iii] Haußmann: Schlaglichter, S. 262f.

[iv] Andersen: Tagebuch, S. 89f.

[v] Zit. n. Habeck / Paluch / Trende: 1918. Revolution in Kiel, S. 19.

[vi] Zit. n. Dähnhardt: Revolution in Kiel, S. 61; vgl. Habeck / Paluch / Trende: 1918. Revolution in Kiel, S. 20f.

[vii] Noske: Von Kiel bis Kapp, S. 7.

[viii] Zit. n. Hoffmann / Siebig: Ernst Busch, S. 26.

[ix] Völcker: Tagebuch v. 4. November 1918.

14:29 09.08.2018

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