Leben und Tod

Leseprobe "Wenn uns zu diesem Zeitpunkt ein Arzt gesagt hätte: 'Ihre Tochter wird schwerbehindert sein' – hätten wir den Mut gehabt, sie zu behalten? Ich hoffe es, aber ich glaube es nicht."
Leben und Tod
Foto: Claudio Santana/AFP/Getty Images

Prolog

November 2009.

Der Rollstuhl fährt zu schnell. 3 Uhr nachts, im Krankenhaus. »Türschwelle!« Ich halte meinen Babybauch, als könnte er herunterfallen. Mich schiebt ein Student, der nachts im Krankenhaus jobbt, ein »Transporter«, wie die Schwestern sagen. Neben mir joggt Nina, ebenfalls im 9. Monat. »Genau wie Sie – einer von den harten Fällen«, so hat uns ein Arzt einander vorgestellt. Wir rasen einen langen, leeren Flur entlang. Die Nachtschwester hat uns geschickt. 

»Kreißsaal.« 

»Nein.«

»Sie kriegen Ihr Baby.«

»Krieg ich nicht. Mir ist nur schlecht.« 

Wieder eine Türschwelle, ich schlucke Galle, ich hebe einen Arm. »Stopp.« Abrupt bleiben wir stehen, neben den Aufzügen. Aus dem Rollstuhl lasse ich mich auf den Boden gleiten. Nina sinkt daneben. Der Transporter schaut auf uns herunter und zuckt die Schultern. »Müssen Sie wissen.« Er drückt auf den Aufzugsknopf. »Dann hole ich meine Leiche ab. Die macht keine Zicken.«

Das Lachen bricht aus mir heraus, dass es wehtut. Ich schaue zu Nina, sie hält beide Hände vors Gesicht, ihre Augen funkeln. Hinter dem Transporter schließen sich die Aufzugstüren. Unser Kichern erstirbt in leisen Japsern, bis wir nur noch die Neonröhren surren hören. Wir sitzen auf grauem Linoleum, es riecht nach Desinfektionsmittel. Über uns blinkt das rote Licht einer Videoüberwachungskamera. Irgendwo in der Klinik sitzt jetzt ein Überwachungstechniker und sieht auf seinem Fernsehbildschirm zwei Schwangere auf dem Boden sitzen. 

Ich lege mich auf die Seite und stütze den Ellenbogen auf. Nina streift ihre Pantoffeln ab. An der Wand gegenüber hängt der »Flucht- und Rettungsplan«, grün auf weiß die Notausgänge. »Ruhe bewahren« steht da. Wir starren auf die Glastür vor uns, voller lächelnder Teddybären. Kinderintensivstation. 

»Hast du Angst?«

»Mmmh.«

Wir schweigen. Nina hat Leon im Bauch, Trisomie 21, Herzfehler, ich Lotta, Vena Galeni Malformation. Wir sind die harten Fälle. Wir leben seit drei Wochen auf der Geburtenstation, Tür an Tür.

Nina sagt: »Was, wenn ich ihn nicht lieben kann?«

Hinter der Glastür zur Intensivstation sehe ich eine Schwester rufen. Sie deutet auf uns, Menschen laufen auf uns zu. Sie drückt auf einen Schalter an der Wand, die Tür öffnet sich mit einem lauten Schnarren, plötzlich hören wir das Bimmeln der Monitore der Intensivstation. Die Schwester ruft: »Wie sind Sie denn hierhergekommen?«

Die Frage hallt noch lange nach. Ich höre sie noch drei Jahre später. 

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März 2012.

»Mama?«

Ich blicke auf und lasse den Breilöffel vor Lottas Mund in der Luft schweben. Neben mir sitzt Ben vor einem Teller voller Fischstäbchen.

»Mama, weißt du was? Lotta kann krabbeln.«

Ich blicke zu Lotta auf meinem Schoß. Sie starrt ins Leere, ihr Kopf ruht auf meinem linken Arm. Sie ist zwei Jahre alt, Ben vier. Sie sind beide blond, blauäugig, Grübchen in den Wangen. »Sie sind viel zu schön für uns«, sagt mein Mann Harry immer. »Sie müssen vertauscht worden sein.« Bens Augen sind himmelblau, Lottas haben einen Stich ins Grüne. Die Gemeinsamkeiten enden schnell. Während Ben sein Fischstäbchen aufspießt, in den Mund schiebt, kaut, seine Lippen mit dem Ärmel abwischt und mit den Füßen scharrt, hat Lotta in den letzten zehn Minuten nur ihren Mund geöffnet und geschlossen. Ben lebt fast schon im Schnelldurchlauf, Lotta wie in Zeitlupe. Langsam rinnt ein Faden Sabber von ihrem Kinn auf ihren Pulli. Ich lege den Löffel ab, nehme das Spucktuch und streiche ihr über den Mund. 

»Wenn Lotta krabbeln könnte – das wäre schön, oder, Ben?«

»Nein, Mama. Sie kann krabbeln.« 

»Meinst du?«

»Ja«, sagt er mit der Bestimmtheit, die man nur mit vier hat. »Im Geheimen.«

Ich lächele.

»Im Geheimen kann Lotta alles«, sagt Ben. »Mama sagen. Richtig sehen.«

»Vielleicht hast du recht. Aber weißt du noch, wie ich dir erzählt habe, dass Lotta vielleicht später mal einen Rollstuhl kriegt?«

Pause. Ben stochert in seinen Fischstäbchen. »Aber nur, wenn ich schieben darf.«

»Klar, darfst du.«

Ben beugt sich zu Lotta rüber. Er flüstert ihr zu: »Wenn du nicht mehr sitzen willst, kannst du ja fliegen. Ja, Lotta?«

Ihr Mund verzieht sich zu einem Lächeln. 

»Und sie kann doch krabbeln«, sagt Ben zu mir und schiebt seinen Teller weg. 

Meine Tochter hat geheime Superkräfte, die nur ihr großer Bruder kennt. Wie sind wir hierhergekommen?

Im Sportverein. Die Sonne scheint. Ben rennt auf der Tartanbahn mit den anderen Kindern um die Wette, ich trinke mit den Müttern Latte macchiato und lasse Lotta auf meinen Knien reiten. Sie lächelt. 

Eine Mutter neben mir fragt: »Wann hat man das denn festgestellt?« 

»Die Fehlbildung? Im neunten Monat, 33. Woche.« 

»War es da zu spät?« 

»Wofür?« 

»Um was dagegen zu machen.« 

»Das kann man nicht im Mutterleib operieren.«

»Nein, aber ...«

Das Wort abtreiben spricht sie schon nicht mehr aus. 

Warum gibt es dich, Lotta? Ein behindertes Kind – das muss in Deutschland doch heute nicht mehr sein. Dafür gibt es Pränataldiagnostik, Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, Abtreibungen, notfalls Spätabtreibungen. Wir forschen immer weiter, wir entwickeln Test nach Test. Das menschliche Genom ist längst entschlüsselt. Blutproben der schwangeren Mutter reichen aus, um die Erbanlagen ihres ungeborenen Kindes komplett aufzuschlüsseln. Noch sind die Tests teuer, noch sind sie selten, noch birgt das menschliche Genom viele Rätsel. Welche genetische Konstellation bedeutet welche Krankheit? Welche Fehlbildung lässt sich wo auf der DNA ablesen? Noch reden wir bei den meisten Behinderungen von Wahrscheinlichkeiten, nicht von Gewissheiten. Noch. 

Beim Down-Syndrom sind wir schon weiter. Es ist eine der am weitesten verbreiteten Behinderungen und eine, die am leichtesten zu erkennen ist: In jeder Körperzelle findet sich das Chromosom 21 nicht zweimal, sondern dreimal. Ein Pikser in den Arm der werdenden Mutter – mehr braucht es heutzutage nicht mehr, um Gewissheit zu haben. Der Arzt fragt: »Wollen Sie es behalten?« In der 12. Schwangerschaftswoche. Zu einem Zeitpunkt, an dem noch nicht alle Verwandten Bescheid wissen. An dem im Kinderzimmer noch keine Wiege bereitsteht. An dem das Kind noch eine Idee auf einem Ultraschallbild ist. 

Wenn uns zu diesem Zeitpunkt ein Arzt gesagt hätte: »Ihre Tochter wird schwerbehindert sein« – hätten wir den Mut gehabt, sie zu behalten? Ich hoffe es, aber ich glaube es nicht. Lottas Geschichte wäre zu Ende gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hätte.

Ein behindertes Kind? Wie lebt es sich damit? Ist unser schönes Leben dann vorbei? Und was wird unser Kind für ein Leben haben – eingeschränkt, ausgegrenzt, behindert? Wollen wir das?

Wir entscheiden. Ja – oder nein. Behalten – oder abtreiben. 

Laut § 218 des Strafgesetzbuchs ist eine Beendigung der Schwangerschaft straffrei gestellt, wenn ihre Fortführung jetzt oder in Zukunft das Leben der Mutter, ihre seelische oder körperliche Gesundheit schwerwiegend beeinträchtigen könnte. Das ist die sogenannte medizinische Indikation. Sie macht eine Abtreibung theoretisch bis zum Beginn der Wehen möglich. Grund ist juristisch gesehen nicht die Behinderung des Kindes, sondern das Leben und die Gesundheit der Mutter. 

Niemals zuvor und niemals danach haben wir so viel Macht wie in diesem Moment. Wir entscheiden über Leben oder Tod. Niemals zuvor oder danach sind wir so hilflos. Wir müssen über Leben oder Tod entscheiden – nur wie? Mein Bauch gehört mir. Und was jetzt? 

Nach welchen Kriterien entscheiden wir, welches Kind wir zulassen – und welches nicht? Entscheiden wir nach dem Gefühl? Nach der Liebe – für das Kind, nach der Angst – gegen das Kind? Entscheiden wir nach Fakten: Wie hoch ist das Risiko, wie sind die Wahrscheinlichkeiten? Welche Defekte lassen wir zu, welche nicht? Was ist nicht verzichtbar: laufen können, sehen, selbstständig atmen? Wie wollen wir das entscheiden? 

Der medizinische Fortschritt schafft Fakten, doch die ethische Debatte bleibt dahinter zurück. Jeder muss für sich alleine entscheiden: Welche Kriterien muss mein Kind erfüllen, damit es geboren werden darf?

Niemand trifft diese Entscheidung leichtfertig. Keiner macht es sich leicht, den Daumen zu senken oder zu heben. Und doch werden schon heute schätzungsweise 90 Prozent der Down-Syndrom-Verdachtsfälle abgetrieben. Stillschweigend. Das Down-Syndrom ist die erste Behinderung, die aus der Gesellschaft verschwinden wird, da sind sich Humangenetiker sicher. Per Abtreibung. Einfach, weil es so leicht und früh festzustellen ist. Andere Behinderungen werden erst sehr viel später diagnostiziert, etwa durch den großen Organultraschall in der 22. Schwangerschaftswoche. Ab dieser Woche, also dem 6. Monat, wäre ein Fötus schon außerhalb des Mutterleibs überlebensfähig. Ab diesem Zeitpunkt werden Schwangerschaftsabbrüche als Spätabtreibungen bezeichnet. Ihre Zahl hat sich laut dem Statistischen Bundesamt in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht, auf nun etwa 500 Fälle in Deutschland pro Jahr. 

Die Entscheidung für eine Abtreibung ist immer eine individuelle, eine schwere Entscheidung. Jede verändert unsere Gesellschaft, Stück für Stück. Ein gesundes Kind ist noch immer eine Gnade, da sind sich alle einig. »Hauptsache, gesund.« Doch ein krankes oder behindertes? »Das muss doch heute nicht mehr sein« – diesen Satz haben schon viele Eltern behinderter Kinder gehört. »Wussten Sie das nicht vorher?« Die Frage impliziert, dass man es hätte wissen können und sollen. Sie sagt auch, dass es das Kind eigentlich nicht geben sollte. »Haben Sie das zu spät gemerkt?« Wir arbeiten daran, das Schicksal abzuschaffen – und wir glauben, wir hätten es schon fast geschafft. 

Natürlich wird es immer behinderte Menschen geben. Nicht alles kann vorab entdeckt werden, und nach der Geburt fangen die Gefahren erst an: Krankheiten, Unfälle, Stürze. Doch auch wenn unser Gefühl von Kontrolle eine Illusion ist – reicht diese Illusion schon, um uns zu verändern? Was verlieren wir, wenn wir glauben, Behinderungen und Krankheiten ließen sich verhindern? Worin bemessen wir den Wert eines Lebens – in Leistung? Wir rennen durchs Leben, als gäbe es am Ende eine dicke gelbe Ziellinie, über die wir alle rübermüssen. Was ist mit unseren Kindern? Englisch mit drei, Hockey mit vier, Lyrikkurs in der ersten Klasse. Stolpern darf keiner, langsamer werden auch nicht. Wollen wir das? Was ist mit denen, die im ewigen »höher, besser, mehr« keine Chance haben? Können wir von ihnen vielleicht etwas lernen – darüber, was im Leben wirklich zählt? Was ist es, das uns am Anderssein so viel Angst macht, dass wir fürchten, unsere eigenen Kinder nicht lieben zu können?

Seit drei Jahren steht meine Welt kopf. Alles, was mir selbstverständlich schien, hängt nun schief. Ich muss die großen Fragen lösen, um im Kleinen weitermachen zu können. 

Mein Sohn sagt, Lotta kann krabbeln. Mein Bäcker fragt, ob wir das nicht vorher wussten. »Willkommen in der Minderheit«, sagt mein Mann. 

»Ja«, sage ich. »Wie sind wir hierhergekommen?«

1

»Stimmt etwas nicht?«

Vom Leben davor und einem Ultraschall

Ich schaue in die Fenster meiner Nachbarn, während ich vorbeilaufe. Es ist noch früh, im Dunkeln leuchten die Häuser wie Puppenstuben. In Nr. 40 sitzen sie noch am Frühstückstisch. Als sie rüberschauen, senke ich den Kopf. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, dass wir hier alle wie in Guckkästen leben. Soll ich winken? 

Es ist der 19. Oktober 2009. Wir sind vor knapp einem Jahr in dieses Viertel Kölns gezogen. Unser neues Haus steht nur ein paar Straßen von unserer alten Wohnung entfernt und doch fühlt es sich an, als seien wir von der Großstadt aufs Dorf gezogen. Alte Reihenhäuser mit spitzen Giebeln, im ersten Stock zwei Kinderzimmer, kleine Gärten, alte Bäume. Im Keller haben wir einen Bunker mit einer schweren Stahltür. In den Vierzigerjahren haben sich dahinter Menschen versteckt und auf das Heulen der Bomber gelauscht. Heute lassen wir dort zwei Bodenvasen und ein CD-Regal zum An-die-Wand-Lehnen verstauben, in Sicherheit, weit weg von Bens Bobbycar. Wer den Krieg überlebt hat und immer noch in dieser Gegend wohnt, bekommt heute regelmäßig Post vom Makler, beigelegt ein Prospekt vom Luxus-Seniorenheim. »Wenn Sie jetzt verkaufen...« 

Unser Haus steht an der Längsseite eines Platzes, den ich langsam umrunde. In der Mitte ein Viereck Rasen, das schon unter Herbstlaub verschwindet, darauf Fußballtore und ein grün-gelb-rotes Plastikspielhaus. Wer einen Hund hat, der wird den Platz nur einmal betreten. Am Tag unseres Einzugs sah ich einen Schäferhund, der ein Bein hob auf dem Grün. Eine Sekunde später öffneten sich zeitgleich drei Türen. Es brüllte: »Runter!« Und: »Das ist eine Spielwiese!« Später kamen sie mit Brot und Salz vorbei. 

Seit unserem Einzug klopft es häufiger an der Haustür, die Klingel hängt zu hoch: »Kommt der Ben raus zum Spielen?« Oder: »Kann ich mal bei euch aufs Klo?« Wir wissen, dass die Katze der Nachbarn »Clooney« heißt, nach George, und dass der Sohn zwei Häuser weiter sein letztes Handballmatch gewonnen hat. Die Kinder malen mit Kreide Hüpfkästchen auf die Straße, die Erwachsenen stehen oft zusammen und reden, im Sommer gerne draußen vor der Tür. »Bullerbü« nennen Harry und ich unsere neue Nachbarschaft.

Hoffentlich sind unsere Vorhänge bald da, denke ich. Wenn ich unser Wohnzimmer betrete, fühle ich mich, als träte ich aus dem Schatten auf eine hell erleuchtete Bühne. Die Fenster fangen auf Kniehöhe an. »Viel Licht«, sagt Harry dazu. »Ist doch schön.« 

Ich weiß schon jetzt, was kommen wird. Ich werde die Vorhänge zuziehen, er wird sie aufziehen, auf, zu, auf, zu. Immer im Wechsel, versetzt um eine Viertelstunde; wenn es schlecht läuft, versetzt um Minuten. Wie bei Loriot. Wir sind nun seit fünf Jahren ein Paar, seit dreien verheiratet, noch können wir lachen über die Sketche, die unsere Ehe aufführt. 

Zehn Jahre Altersunterschied trennen uns, ich bin 32 Jahre alt, Harry 43. Anderes eint uns: Wir sind beide Journalisten. Wir reden, reden, reden. Am liebsten darüber, wie schön alles ist. Wie praktisch die neue Küche, wie erstaunlich unser Sohn, wie herrlich das Leben. Als Kind hatten wir den gleichen Spitznamen: Sonnenschein. Heute rufen wir Ben so. 

Ich muss mir einen hübscheren Bademantel kaufen, denke ich. Es dauert noch, bis die Vorhänge kommen. Mein blauer sitzt wie ein Sack und verliert an den Ärmeln schon Fäden. »Ist doch egal«, sagt Harry immer. »Ich finde dich auch so schön.« »Schleimer«, sage ich dann. Und werfe den Bademantel wieder nicht weg.

Bald wird mir sowieso nichts anderes mehr passen. Ich ziehe an meinem Wintermantel, während ich durch die Kälte laufe. Noch sieben Wochen bis zum errechneten Geburtstermin. Im Takt meiner Schritte zähle ich die Wochen rückwärts wie beim Countdown, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, Take off. Ich träume von meinen alten Jeans. Ich kenne das schon von meiner ersten Schwangerschaft. 

Ben ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und bald schon ein großer Bruder. Wir wollten das so. Spucken, Koliken, alle zwei Stunden wach – wir wissen, was auf uns zukommt. Nur das erste Jahr wird hart, danach geht Ben in den Kindergarten und die Kleine kann schon alleine laufen und essen. 

»Dann lassen wir es ruhiger angehen«, hat Harry gesagt. »Keine Baustellen in nächster Zukunft und keine Babys – einfach nur leben.« 

»New York«, habe ich geantwortet. »Weißt du noch?« 

»Mit zwei kleinen Kindern?« 

Verrückt. Da habe ich das große Glück unter meinem Mantel und träume von New York City.

»Elmar« – diesen Namen wünscht Ben sich für das Baby, nach seinem Lieblingselefanten, Held seiner Kinderbücher. »Der Elefant ist ein Junge«, habe ich ihm erklärt. »Unser Baby wird ein Mädchen.«

Sie soll Lotta heißen. Hoffentlich hält er sich daran, denke ich. Was er sich in den kleinen Schädel setzt ... Nicht, dass Lotta mit drei Jahren auf den Spitznamen Elmar hört. Eben habe ich Ben auf den Kopf geküsst und gesagt: »Mama geht zum Arzt, das Baby angucken.« Ich sollte jetzt schon Lotta sagen. »Mama geht zum Arzt, Lotta angucken.« Um sicherzugehen. 

Ich bleibe stehen und versuche, am Bauch vorbei würdevoll an das Ende des Reißverschlusses zu kommen, um den Mantel zu schließen. Ich gebe auf und falte stattdessen die Arme. Mit verschränkten Armen laufe ich weiter. 

Ein Mädchen! »Alles richtig gemacht«, hat mein Schwiegervater zu dieser Nachricht gesagt und mir auf die Schulter geklopft. Er ist 80 Jahre alt, Witwer, weiße Haare, die 1,86 Meter schon gebeugt. Ein Gehstock, den er ständig zu Hause vergisst, aus Stolz. Drei erwachsene Kinder und bis vor zwei Jahren keine Enkel. Als wir ihm die ersten Ultraschallbilder von Ben gezeigt haben, ein grauer Schatten auf einem dunklen Hintergrund, hat er sie in seine Brieftasche gesteckt und behalten. Von den Nachbarn bis zur Dame hinter der Fleischtheke hat sie jeder gesehen. »Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt«, hat er gesagt und gebeten: »Ich möchte nicht Opi heißen. Ich bin der Großvater.« 

Um ihm eine Freude zu machen, habe ich mit Ben das lange Wort geübt. Der alte Mann strahlt immer, wenn er es hört. Am besten zur Begrüßung durchs Treppenhaus nach oben gerufen, mit heller Kinderstimme, die alle Wohnungstüren durchdringt. »Grosfata, Ben daaaa!« 

Nach dem Arzt werde ich zum Copyshop gehen und ihm die neuesten Ultraschallbilder von Lotta kopieren. »Das machst du toll«, wird er mich wieder loben für das Leben, das in meinem Bauch heranwächst. Ein körperlicher Vorgang – doch in seinen Augen eine heroische Leistung. Ich fühle mich tatsächlich, als hätte ich etwas getan, um dieses Glück zu verdienen. Als hätte ich beim Wettrennen einen goldenen Pokal erkämpft, den ich nun unter dem gewölbten Mantel vor mir herschiebe. Ich esse kein Sushi, keinen Rohmilchkäse, ich trinke keinen Alkohol und nur koffeinfreien Kaffee. Ich mache alles richtig.

Auf der anderen Seite sehe ich Melanie kommen. »Treffen der Bäuche!«, sagt sie zur Begrüßung und schiebt ihren Babybauch an meinen. Ihre dunklen Locken hat sie hochgesteckt. »Hübsch!«, sage ich. 

Wir kennen uns aus dem Geburtsvorbereitungskurs, wir beide waren die Einzigen weit unter 40. Mein Ben und ihr Luca waren später gemeinsam beim Babymassagekurs, beim Eltern-Kind-Turnen und beim Musik-Kurs. 

Die Musiklehrerin hat Melanie jedes Mal gelobt. »Man merkt, dass Luca regelmäßig übt.« Lucas Vater Steffen spricht nur französisch mit ihm. »Ça va, Luca?« Luca sagt manchmal »oui« und manchmal »ja«. Steffen hat ein Semester lang in Montpellier studiert. Beim Grillen im Sommer haben er und Melanie von »Zeitfenstern« erzählt, die sich schließen, wenn sie nicht genutzt werden. »Nie wieder lernen Kinder so schnell.« Harry hat mir zugegrinst und später doch die Stirn gerunzelt, als Luca sein Grillwürstchen schon mit Messer und Gabel aß, während Ben sich mit beiden Händen die Wurst griff. Ich habe mir notiert, welches Buch Melanie zum Thema Frühförderung empfiehlt, und den Zettel später verloren. Ich habe das Buch nie gekauft und ein bisschen schäme ich mich dafür. Luca krabbelte vor Ben, lief vor Ben, sprach vor Ben. Müsste ich mehr tun, um Bens Potenzial auszuschöpfen? 

»Hast du schon angerufen?«, fragt Melanie. 

Ich schüttele den Kopf. 

»Bald ist kein Platz mehr frei. Noah ist schon eingetragen.« 

Sie meint ihren ungeborenen Sohn. 

Will ich ein zweites Mal jeden Mittwoch in einem stickig heißen Raum sitzen, zwischen schwitzenden Müttern und pinkelnden Babys ohne Windeln? Als Ben klein war, war dies der Höhepunkt der Woche. Alle anderen Termine waren mit seiner Geburt weggefallen. Keine Interviews, keine Abgabetermine, kein Kino. »Ben Babymassagekurs« habe ich in jede Woche einzeln eingetragen und umkringelt. Im Grunde war es also sein Termin, nicht meiner. Für mich war der Babymassagekurs das, was mit 14 Jahren der Tanztee und mit 24 die Videokunstausstellung war: eine gesellschaftliche Verpflichtung. Wer mitreden wollte, der ging hin. Vielleicht lasse ich es auch, denke ich. Vielleicht sage ich einfach, der Kurs war voll. 

Neben Melanie kippelt Luca auf einem Laufrad. Er trägt eine kleine knallrote Daunenjacke, hinten auf dem Rücken derselbe Markenschriftzug aufgestickt wie auf Melanies Wintermantel. Sie legt ihre Hand auf seinen winzigen silbernen Skaterhelm. Über der Stirn prangt ein Herz wie das Tattoo eines Rockstars. »I love Daddy« steht da. 

»Fährt Ben auch schon?« 

»Er schiebt«, sage ich und komme mir illoyal vor. Ich schiebe nach: »Ich bin schon gespannt, ob ein Mädchen wohl anders wird.« 

»Hauptsache, gesund.« 

»Klar!«, antworte ich und denke: Das sagst du nur, weil du wieder einen Jungen kriegst und lieber ein Mädchen wolltest. Eine kleine Gehässigkeit, ich gönne sie mir. Nächste Runde: Noah. Lotta, du zeigst es ihm, denke ich und gebe dem Bauch einen Klaps. Sind Mädchen nicht immer schneller als Jungs?

»Und wird sie ein Traum in Rosa?«, fragt Melanie. 

Ich schüttele den Kopf. 

»Na, dann.«

»Na, dann.« 

Küsschen rechts, Küsschen links. Zwei Bäuche schieben sich aneinander vorbei.

Lillifee werde ich verbieten, solange es geht. Bens kleine Freundinnen sind der rosa Prinzessin verfallen, von den Lillifee-Socken bis zu den Lillifee-Haarspangen. Ich werde Lotta mehr ablegen als Ben, nicht auf dem Arm in den Schlaf schaukeln, vielleicht kein Schnuller? Ben ist bei drei pro Abend, einen im Mund, einen in der rechten, einen in der linken Hand. Hoffentlich wird sie kein Spucker, denke ich. An dem Fleck von Bens Müsli hat Harry heute Morgen zehn Minuten lang gerieben. Geöltes Parkett in der Küche. Einer der wenigen Streitpunkte während unserer Sanierung. Er hat uns zwei Abende hintereinander verdorben. Dann habe ich den Parkettleger angerufen und den Auftrag erteilt. »Mist!«, hat Harry heute Morgen geflucht. 

»Siehst du«, habe ich gesagt und schnell die Küche verlassen.

Ich biege ab in meine Lieblingsstraße, efeuumrankte Häuser, blutrot gefärbt, ein kleiner Brunnen, der schon für den Winter stillgelegt ist, darauf ein Gott Pan aus Stein, dargestellt als kleiner, dicker Junge, der auf seiner Flöte spielt. Ein Junge, geboren mit Ziegenfüßen, seine Mutter hat ihn ausgesetzt. Jetzt sitzt er hier auf unserem Brunnen und spielt. Daneben steht in einem Vorgarten eine Frau und buddelt im Sandkasten. Mit einer großen Schaufel hievt sie Sand in Müllsäcke. 

Sie bemerkt meinen Blick und sagt: »Für den Winter klarmachen. Das sagt einem auch keiner vorher, wie viel Arbeit das ist.« 

Ich lache. »Das gilt ja für Kinder allgemein, oder?« 

»Clara«, sie wischt ihre Hand an der Hose ab und streckt sie über die kleine Steinmauer.

»Sandra.«

»Auch neu hier?« 

Wir tauschen Nummern. Neue Nachbarn, Bens neue Spielkameraden – seit Kurzem lernen wir ständig Leute kennen. »Als wären wir neu in der Schule«, sagt Harry. »Was meinst du, werden das unsere neuen Freunde?«

Ich genieße die letzten Minuten in unserem Dorf. Die kleine Straße führt auf eine große zu. Vier Spuren, Straßenbahn, Bäcker, Metzger und das Ärztehaus. Dort beginnt die Stadt. Auch zehn Minuten Fußweg Richtung Norden verläuft eine breite Straße wie eine Grenze. Auf der anderen Seite beginnen die großen Mietshäuser. »Hinten raus«, sagen unsere Nachbarn und es klingt wie »Problembezirk«. 

Mit dem Fuß kicke ich eine Kastanie vor mir her. Ein silberner Sportwagen fährt neben mir über das Kopfsteinpflaster, er hält, Frau Girschke lässt langsam die Scheibe runter. »Alles gut mit dem Baby?« 

»Alles gut!« 

Sie war eine der Ersten, die bei uns vor der Tür standen, blond, schlank, Reiterstiefel. Unschätzbar zwischen Anfang 50 und Anfang 60, »garantiert operiert«, wie Melanie später sagen wird. In der Hand ein Bagger für Ben. »Willkommen.« Ihr Jüngster ist 18 und schon fast aus dem Haus wie die anderen zwei. »Wenn Sie mal jemand brauchen für die Kinder ...?« 

Ich habe den Kopf geschüttelt und von Jodi erzählt. So hat Ben unsere Kinderfrau getauft. Wir teilen sie uns mit Freunden. Jodi geht mit Ben auf den Spielplatz, wenn ich einen Artikel schreibe oder wie jetzt zum Arzt gehe. 

Frau Girschke streckt die Hand aus dem Autofenster. »Darf ich?« 

Nein, denke ich und sage: »Ja, klar.« Sie ist sowieso auf Bauchhöhe, wie sie so im Auto sitzt. 

Sie schiebt meinen Mantel auseinander, legt die Hand auf das Rund und redet mit dem Baby: »Bald kommst du raus da. Du wirst sehen, hier gibt es viele Kinder.« 

Die Familie mit den meisten Kindern am Platz kommt auf sechs – und zwei große Bernhardiner. Gleich am ersten Tag hat Frau Girschke gefragt: »Ben bleibt aber kein Einzelkind, oder?« »Nein«, haben Harry und ich gesagt – gleichzeitig. Drei Monate später war ich wieder schwanger.

Meine Gynäkologin stutzt. 

»Stimmt etwas nicht?«, frage ich. Sie schaut auf den Monitor, minutenlang. Sie antwortet mir nicht. Sie schiebt den Schallkopf hin und her. Sie ändert die Einstellung am Monitor, auf dem Bild flammen rot und blau die Blutströme auf. 

»Stimmt etwas nicht?« 

Sie sieht mich an. »Da ist sehr viel Blut im Gehirn. Sie fahren jetzt in die Klinik.«

Die Folsäuretabletten, denke ich. Ich habe sie gestern vergessen. In meiner Handtasche suche ich mein Handy. Ich rufe Harry an. Er sagt, er wird sein Fahrrad beim Büro stehen lassen und mit dem Taxi kommen. 

Ich traue mich. »Ich habe die Folsäuretabletten vergessen.« 

»Das ist es nicht.« 

Natürlich nicht, denke ich. Wie albern. 

Die Arzthelferin wird später sagen: »Sie wirkten so gefasst, Sie haben gar nicht geweint.« Ich bin nicht gefasst. Ich bin nicht da. Ich erlebe das Geschehen um mich herum, als würde es mich nicht betreffen, wie durch eine Wand. Durch die innere Stille dringt nicht der Taxifunk, nicht das Zufallen der Autotür, als wir im Krankenhaus ankommen. Ich höre nur mein eigenes Stoßgebet: Es wird alles gut gehen, es ist immer alles gut gegangen, es muss, es darf nichts Schlimmes sein. Ich werde erst fünf Tage später wieder nach Hause kommen. 

»Wir hatten immer nur Glück«, wird Harry sehr viel später sagen. »Vorher.« 

War das so? Unsere Zeitrechnung machte einen Knick an diesem Tag, einen scharfen Zacken nach unten. Sie hörte an einem Punkt auf und setzte an einem anderen wieder an. Es gibt jetzt ein Vorher und ein Nachher. Und zwischen beiden eine Schlucht, so tief und breit, dass es schwer ist, die andere Seite zu erkennen. 

»Wenn Sie sagen, dass Sie sonst vom Dach springen...«

Von Ärzten, die sich selten irren, und der Frage: Sollen wir abtreiben?

Ich liege in einer engen Röhre. Ich muss die Augen zusammenkneifen gegen das gleißende Licht. Um mich herum brummt es. In meiner Hand halte ich einen Notfallknopf. 

»Falls Sie Panik kriegen«, hat die Technikerin gesagt. »Bleiben Sie nicht stecken!« Sie hat gelacht und auf den Knopf gedrückt, der meine Liege in die MRT-Röhre fahren ließ. Ich habe versucht, den Bauch einzuziehen, als der enge Eingang näher kam. Ich nehme mir vor, später Melanie davon zu erzählen. Wir werden darüber lachen, denke ich und blinzele in das helle Licht. Es ist zu eng, um die Hand vor die Augen zu heben. Wenn das hier geklärt ist. Wenn alles wieder gut ist. Wir werden lachen. 

»Bitte noch einmal die Luft anhalten«, höre ich über den Lautsprecher. Auf dem Rücken zu liegen, ist im neunten Monat nicht einfach, das Gewicht des Bauches drückt mir die Luft ab. Das, was an Atemluft noch übrig ist, ziehe ich ein und hoffe, dass mir nicht schlecht wird. Ein Teil der Röhre dreht sich über mir und ich höre ein lautes Klack, Klack, Klack. 

»Wir möchten Aufnahmen vom Gehirn Ihres Babys machen«, hat ein Arzt vorher erklärt. »Dazu muss es möglichst stillhalten.« Halt still, schicke ich Lotta in den Bauch. Halt still, kleiner Hase, damit der Fuchs dich nicht hört. An meinem rechten Knöchel spüre ich eine Hand, die kurz zudrückt. Harry. An meine Hand kommt er nicht ran, die ist in der Röhre verschwunden. Also drückt er am Fuß. 

Neue Wörter: MRT – Magnetic Radar Transmitter. Vena Galeni – eine Ader, die wir alle haben, eine der Hauptadern im Gehirn. Malformation der Vena Galeni – Lotta. Auf etwa 1:25000 wird das Risiko für ein Kind mit Vena Galeni Malformation geschätzt; das heißt, in Deutschland werden pro Jahr etwa 27 Babys mit dieser Fehlbildung geboren. Bei vielen bleibt sie bis zur Geburt unentdeckt. Einige Kinder haben so einen geringen Schaden, dass sie erst auffallen, wenn sie nach dem Robben nicht Krabbeln lernen. Bei anderen verschlechtert sich der Zustand bald nach der Geburt. Manche sterben. 

Wir wollen die MRT-Bilder selbst sehen. Ein Arzt begleitet uns. Ich sehe ihn zum ersten Mal, den Namen vergesse ich, sobald ich ihn gehört habe. Wir gehen einen langen hellen Flur entlang, dann durch einen Raum voller durchsichtiger Kästen. Sie bilden ein Spalier für uns, einer neben dem anderen. An den Infusionsständern dahinter hängen Spieluhren, neben Beuteln voller durchsichtiger Flüssigkeit. Eine Ente, ein Bär, ein Mond, auf den der Name »Moritz« gestickt ist. Überall piepst es, ein Monitor klingelt wie ein Wecker, auf dessen Alarm keiner reagiert. »Unsere Frühchenstation«, lässt der Arzt fallen, im Vorbeigehen. In den Kästen liegen winzige Wesen, ausgemergelt wie sehr alte Menschen, verkabelt, nackt bis auf Windeln, die riesig sind im Vergleich zu den kleinen Körpern. Sie sehen so anders aus als der dicke Ben kurz nach seiner Geburt. Ich wende den Blick ab. Wir betreten den nächsten Raum. Klein wie eine Besenkammer, eine Wand bedeckt von einem riesigen Leuchtkasten. 

Der Arzt klemmt die Folie mit Lottas MRT-Bild darauf. Es zeigt einen Querschnitt durch ihren Schädel. Solche Bilder kennen wir, aus Zeitschriften, aus dem Fernsehen, aus Emergency Room. Auch ohne den ausgestreckten Zeigefinger des Arztes sähen wir es sofort: ein dunkler, runder Fleck in Lottas sonst grauem Gehirn, etwa so groß wie eine 20-Cent-Münze. Ein Loch im Kopf, denke ich und lege eine Hand auf den Bauch. 

Der dunkle Fleck ist ein Kurzschluss zwischen einer Arterie und einer Vene, erklärt der Arzt. Normalerweise fließt das sauerstoffreiche Blut durch die Arterie zum Gehirn, gibt dort den Sauerstoff ab und fließt danach durch die Vene wieder zurück zum Herzen, bei unserem Baby geht es von der Arterie direkt in die Vene. Das sauerstoffreiche Blut nimmt eine Abkürzung – am Gehirn vorbei. Und weil dieser Weg weniger Widerstand bietet, fließt immer mehr Blut zurück, sackt die Ader weiter aus. Das Herz schlägt schneller und schneller, pumpt und pumpt und pumpt beim Versuch, das Hirn doch noch mit ausreichend Blut zu versorgen, pumpt so lange, bis es kollabiert. Lottas Herz schlägt in der Ruhe des Bauches schon jetzt, als würde sie joggen. Es wird schneller werden, wenn wir nichts unternehmen.

Ich muss im Krankenhaus bleiben und bitte Harry, mein Nachthemd vorbeizubringen. Er bringt eine Tasche voller Sommerkleider. Zum ersten Mal bin ich länger als ein paar Stunden von Ben getrennt. Abends singe ich ihm sein Schlaflied am Telefon vor. 

Tagsüber spielt Jodi mit Ben. Jodi: 62 Jahre, klein, schmal, auf dem Kopf einen Dschungel roter Haare und, wie Ben sagt, »super in Kung-Fu«. In einem früheren Leben hat sie in einem Kindergarten gearbeitet, danach die Tochter unserer Nachbarn betreut. Wir kannten sie schon drei Jahre, als Ben geboren wurde. Dank ihr konnten wir damals ganz leicht ein Paar bleiben und öfter mal ausgehen, später konnte ich ein paar Stunden die Woche arbeiten. Jetzt ist sie unsere Rettung.

Zweimal täglich Wehenschreiber und Herztöne vom Baby. Überwachen, mehr können sie nicht tun. Ich liege auf der Geburtenstation und bin froh, dass sie mir ein Einzelzimmer geben. Wenn ich auf dem Flur ein Neugeborenes sehe, schaue ich weg. Morgens sagt die Schwester: »Ich habe Sie heute Nacht weinen gehört. Kann ich etwas für Sie tun?« 

»Nein«, sage ich und drehe den Kopf weg. 

Ich lebe allein unter all diesen Menschen, ich schaue keinem in die Augen, ich mache den Mund kaum auf. Nur wenn ich beim Ultraschall liege, rede ich vor mich hin, erzähle in einem Schwall von Bens ersten Zähnen, von unserem Fliesenleger, vom Wetter. Ich will die Herztöne nicht hören. Die Namen der Schwestern, die neben mir sitzen, merke ich mir nicht. 

Erste Reaktionen. Harry: »Wir schaffen das. Als meine Mutter gestorben ist, hat uns das als Familie enger zusammengeschweißt.« 

Der Großvater: »Was kann man denn da machen?« 

»Wissen die Ärzte noch nicht. Sie recherchieren. Vielleicht gibt es eine Methode mit Kathetern.«

»Was sind denn das für Ärzte? Kann doch gar nicht sein, ihr habt doch alle Untersuchungen gemacht. Es war doch immer alles gut. Die irren sich bestimmt.« 

Als Melanie anruft, lasse ich den Anrufbeantworter rangehen. 

Den Fernseher oben in der Zimmerecke lasse ich den ganzen Tag angeschaltet. Wenn Werbung für Windeln kommt, schalte ich um. Häufig sitzt Harry neben mir und schimpft auf die Ärzte, die immer noch nicht wissen, was man tun kann, die nicht helfen können und mich dennoch nicht gehen lassen. Ich sage nichts. Ich bin nicht wütend. Ich bin neidisch. Harry kann nach Hause gehen – allein. Für mich gibt es kein Entkommen. Jede Bewegung von Lotta tritt eine Gedankenkette los. Früher habe ich in solchen Momenten kleine, strampelnde Füße vor mir gesehen und mich gefreut. Jetzt denke ich bei jeder Bewegung an ein ausgemergeltes Wesen aus einem Glaskasten und habe Angst. 

»Hast du ›Alien‹ gesehen?«, frage ich Harry, als er endlich mal schweigt. 

Er zwingt sich zu einem Lächeln. »Heißt das, ich habe Sigourney Weaver geheiratet?« 

Wir tauschen ein vorsichtiges Grinsen. 

»Es hätte schlimmer kommen können«, sage ich. 

»Findest du?« 

»Rosemarie, Baby«, sage ich. »Denk an Rosemarie.«

»Da muss man chirurgisch dran«, sagt ein Arzt. »Den Kopf aufschneiden. Ausgang ist fast zu hundert Prozent letal. Und falls es doch überlebt, dann äußerst schwer behindert. Darauf müssen Sie sich einstellen.« 

Er steht vor meinem Bett, es ist 18 Uhr abends, das Tablett mit dem Abendessen steht schon auf meinem Nachttisch. Ich sage: »Aber ein anderer Arzt hat doch gesagt, vielleicht ...« 

»Das ist nicht mein Fachgebiet und ich lasse mich gerne korrigieren«, sagt er mit verschränkten Armen. »Aber ich irre mich selten.« 

Als er zur Tür raus ist, klappe ich vornüber und schreie die Verzweiflung heraus. Schreie in Harry hinein, der seine Arme um mich legt, schreie so laut, dass eine Schwester hereineilt und mir Valium anbietet. 

»Wenn Sie sagen, dass Sie sonst vom Dach springen, finden Sie noch einen, der es wegmacht«, höre ich von einem anderen Arzt. 

Abtreiben, das hieße im neunten Monat aktiv töten. Eine Kaliumchlorid-Spritze in das Herz meines Babys, das ich dann tot auf die Welt bringen müsste.

»Aber ich kann nicht vom Dach springen«, antworte ich. »Ich habe schon einen Sohn.« 

Der Arzt zuckt mit den Schultern. Ich ärgere mich. Was sage ich da? Sollte ich jetzt taktisch denken? Nichts Falsches sagen, um nicht die Chancen auf eine Spätabtreibung zu verspielen? 

Ich denke an Tina. Sie hat abgetrieben, der Vater war nicht der Richtige. Carola. Sie war noch im Studium. Anna. Es wäre schwerbehindert gewesen. Sie war im sechsten Monat, die anderen in den ersten zwölf Wochen, innerhalb derer eine Abtreibung sehr einfach möglich ist. Eine hat es mir selbst erzählt, von den anderen haben die anderen erzählt. Bitte behalt es für dich. Du Arme. Die Arme. Das war bestimmt schwer. Wie geht es dir? Willst du …? Kann ich ...? Lange Rede von langen Überlegungen, von harten Stunden, von im Grunde keine Wahl haben. Tränen. Was hättest du getan? Ich weiß es nicht.

Kinder gibt es viele in unserem Freundeskreis, behinderte Kinder nicht. Wir sind wie viele – wir haben keinen Kontakt zu Behinderten. Menschen im Rollstuhl, geistig Behinderte sehen wir ab und zu auf der Straße und sehen sie doch nicht. Ich will nicht starren und schau lieber weg. Sollen wir abtreiben?

Abends klopft es leise an der Tür. Ein Pfleger steckt den Kopf herein. »Darf ich?« 

Stumm nicke ich mit dem Kopf. Ich habe ihn noch nie gesehen. Er ist höchstens 30, blond.

»Matthias«, stellt er sich vor. »Ich habe gehört, Sie kommen vielleicht nach Duisburg ...«

»Duisburg?« Ich greife nach der Fernbedienung und schalte den Fernseher aus. 

Er zögert. »Ich will nicht vorgreifen ...« 

Ich stemme die Hände neben meinem Bauch in die Matratze und versuche, mich im Bett aufrechter hinzusetzen. Er steht im Türrahmen. »Bitte«, sage ich. 

Er tritt ein und schließt die Tür. »Ich war dort mal auf der Intensivstation, ich habe Kinder wie Ihre Tochter gepflegt. Ich kann Ihnen ein bisschen was erzählen, wenn Sie wollen ...« 

Er bleibt eine halbe Stunde. Von Operationsmethoden erzählt er nichts, nichts von Prognosen. Aber von Inkubationskästen, von Schläuchen, von Beatmungsapparaten. »Sie können sogar stillen«, sagt er. 

Als ob das meine Sorge wäre. Ich sage: »Wir haben die Frühchenstation gesehen ...« 

»Daran gewöhnen Sie sich. Die Schläuche sehen Sie irgendwann nicht mehr.« 

Geht das? Ich versuche mir Lotta vorzustellen, einen Schlauch in der Nase. Sie könnte leben, sagt Matthias. 

Kann ich einem Pfleger im blauen Kittel mehr glauben als einem Arzt im weißen? Denn das ist es von Anfang an: eine Frage des Glaubens. Wird unser Baby leben, sterben, behindert sein? In den nächsten zwei Jahren werden wir immer neue Ärzte bedrängen, ihnen Fragen stellen, vor deren Antwort die meisten lange zögern. Von jedem hören wir eine andere. Sie lesen in Lottas Gehirn wie in einem Kaffeesatz und jeder sieht eine andere Zukunft. Keiner kann uns den Weg weisen. Niemand steht uns bei. Wir sind allein. 

Sollen wir abtreiben? 

Ben kommt mich im Krankenhaus besuchen. Zum ersten Mal schaue ich in den Spiegel im Badezimmer und versuche, die Augenringe mit Deckcreme unsichtbar zu machen. Ben hüpft mir auf dem Gang entgegen und mit einem Mal ist mein Lächeln nicht mehr gezwungen. Ich strecke die Arme aus. Er bleibt einen Meter entfernt stehen und vergräbt seinen Kopf zwischen Harrys Knien. 

»Kommt Lotta jetzt raus?«, fragt er später und klopft auf den Bauch. 

»Nein, noch nicht.«

»Ene mene mu.« Bens Finger landet auf dem Babybauch. 

Und raus bis du? 

Nackenfaltenmessung, großer Organ-, großer Gehirnultraschall. Wir haben alle Untersuchungen gemacht, die keine Gefahr fürs Baby darstellen. Wir haben per Ultraschall Lottas Nackenfalte ausmessen lassen, um die Wahrscheinlichkeit für das Down-Syndromzu erfahren, wir haben nach Herzfehlern gesucht, nach Anomalien, nach allem, was von der Norm abweicht. Warum? Was wäre, wenn …? »Mach dich nicht verrückt«, hat Harry gesagt. »Das sehen wir dann. Es wird schon alles gut sein.« Wir haben nie darüber gesprochen. Wir haben die Tests ähnlich gedankenlos gemacht, wie ich kein Sushi esse. Das macht man doch so, oder? 

»Ist Sushi wirklich so gefährlich?«, hat Harry gefragt. 

»Ich weiß es nicht«, habe ich geantwortet. »Da gehen die Meinungen auseinander. Ich müsste es nachlesen. So lange gilt: Schaden kann es nicht, darauf zu verzichten.« 

Wir machen die Tests. Es schadet ja nicht und es ist so beruhigend, die guten Ergebnisse zu hören. Ein bisschen Aberglauben ist auch dabei: Wenn wir gut aufpassen, wenn wir alles richtig machen, dann wird uns nichts passieren. 

»Aber macht so ein Test einen Unterschied?«, hat meine Mutter gefragt. »Ihr kriegt es doch sowieso, oder?« 

»Ich weiß nicht«, habe ich geantwortet.

»Sie haben großes Glück«, hat der Arzt beim Gehirnultraschall gesagt. »Ihre Tochter wird nicht nur wunderschön, sie wird auch sehr intelligent.« 

»Das hat sie von ihrer Mutter«, hat Harry gesagt und wir drei haben gelacht. 

Zehn Wochen später hören wir »Vena Galeni Malformation«. 

Sollen wir abtreiben?

Später werde ich erfahren, dass es nicht einfach geworden wäre. Ich werde Reportagen lesen über andere Schwangere, die sich für eine Abtreibung entschieden haben – und das vor einer Ethikkommission rechtfertigen mussten. Die kämpfen mussten für den Tod ihres Babys. Kein Arzt ist verpflichtet, eine Abtreibung durchzuführen. Bei einer Spätabtreibung suchen sich die meisten Ärzte Rückendeckung von Kollegen, von Hebammen oder Pränataldiagnostikern. Wie entscheidet man, welches Kind jetzt oder in Zukunft das Leben oder die seelische Gesundheit der Mutter schwerwiegend beeinträchtigen könnte? 

Es gibt Kliniken, die den Ruf haben, schnell zuzustimmen. In bayerischen Krankenhäusern, so stand es zumindest im Spiegel, werden dagegen »nach einem ungeschriebenen Gesetz« keine Spätabtreibungen durchgeführt. Man kann eine Abtreibung nicht einklagen. Es gibt Kinder, die geboren werden, nicht weil die Eltern das so wollten, sondern weil die Ärzte es so wollten.

All das weiß ich nicht, in der 33. Woche. Abtreiben – so spät? Im neunten Monat? Ich könnte mich darüber informieren, ich könnte das Google-Verbot brechen, das meine Frauenärztin ausgesprochen hat, gleich zu Beginn der Schwangerschaft: »Ab jetzt ist recherchieren verboten. Sie machen sich sonst nur verrückt.« Ich könnte noch mal mit dem Arzt sprechen, der gesagt hat: »Wenn Sie jetzt sagen, dass Sie sonst vom Dach springen ...«

Wir sitzen zu dritt in meinem Krankenzimmer. Ben lässt ein Auto auf dem Bett fahren. Harry und ich schweigen. Wir diskutieren nicht. Wir reden nicht einmal lange darüber. Sogar um das Wort drücken wir uns. Es kommt mir wie Verrat vor, es auszusprechen. Ich will nicht, dass Ben es hört und fragt: »Mama, was ist abtreiben?« 

»Aber ...«, sage ich nur, während Ben »brummm, brummm« sagt. »Das können wir nicht, oder?«

»Nein«, sagt Harry und schaut mir auf den Bauch. 

Lotta ist schon Lotta, sie ist schon eine kleine Schwester, eine Tochter. Sie tritt, sie strampelt, sie kämpft. Sie gehört zu uns. Wir können sie nicht töten. Oder?

3

»Es kann sein, dass alles schnell vorbei ist«

Unsere Retter und ein Plan

Paris, London – oder Duisburg. Dort sollen die Experten für Vena Galeni Malformation sitzen. Wir machen eine Pointe daraus, die wir später immer wieder erzählen. Duisburg-Wedau neben dem Stadion. Jetzt bitte lachen. Nur wenige tun es. 

Wir treten auf die erste Stufe einer Rolltreppe, sie bleibt unbeweglich und starr. Harry hebt den Fuß noch einmal – nichts. »Kein gutes Omen«, sagt er. Ich zische: »Sei still.« Das hier wird unsere Rettung. Hier auf dieser defekten Rolltreppe beginnt unser Happy End. Zweifel sind verboten. Die Ärzte in Köln haben mich gehen lassen und auf direktem Weg nach Duisburg geschickt. Nicht mit dem Krankenwagen, mit unserem eigenen Auto. »Dann kann es nicht so schlimm sein, oder?«, habe ich gesagt, als wir die A 3 Richtung Norden fuhren.

Oben begrüßt uns ein Betonklotz von Klinik. An drei Seiten umschließt er einen Hof, in der Mitte wie gestrandet ein Boot. Für Kinder, zum Spielen. An den Balkonen hängen große braune Tierfiguren aus Plastik. Eine Fledermaus, eine Eule, ein Eichhörnchen. Sie leuchten. »Unheimlich«, sagt Harry. Ich kann nicht anders als nicken. Das gestrandete Boot, die leuchtenden Tiere, die kaputte Rolltreppe – sind das gute Zeichen? 

Wir kommen aus einer Welt, in der man vor der Entbindung die »Kreißsaal-Tour« bucht und sich die Geburtenstationen der Kliniken anschaut. Gelb geschlämmte Wände, Kerzen, Geburtsbadewannen. Aus einer Welt, in der Hebammen sagen: »Sie dürfen Ihre eigene Musik mitbringen.« In der Kinderärzte Wartezimmer haben, die aus Wohnzeitschriften stammen könnten, und Frauenärzte Ultraschall-DVDs vom Ungeborenen anbieten, in 3-D – »Ein unvergesslicher Blick auf Ihr Kind« für 200 Euro. Wir sind aus dieser Welt herausgefallen. Dort konnte uns keiner helfen. Kann man es hier?

In meiner Tasche habe ich einen Zettel, den ich längst auswendig kenne. »Dr. Axel Feldkamp« steht da. »14.30 Uhr, Kinderklinik«. Wir suchen den Haupteingang, wir finden ihn nicht. Später werden wir wissen, dass wir an der Aufnahme einfach vorbeigelaufen sind. An der Wand hängt ein Plakat mit Fotos, darunter die Namen der Ärzte. Ich beuge mich vor, da stupst Harry mich an. Ein Arzt kommt auf uns zu, graue Locken, weiße Schlappen, schlaksiger Gang. Lächelnd streckt er die Hand aus. »Dr. Feldkamp?« frage ich. »Ihr Foto …« 

»Sie erkenne ich an etwas anderem«, unterbricht er mich. Er deutet auf meinen runden Bauch und grinst. 

Mehr braucht es nicht. Wir werden uns später erkundigen nach dem Ruf der Klinik, nach der Reputation der Ärzte. Doch im Grunde brauchen wir nur das. Wer uns anlächeln kann, statt nur sorgenvoll zu schauen, der muss uns auch helfen können. Wer Witze machen kann, der kann auch unser Kind retten.

Feldkamp übernimmt die Führung, er leitet uns durch die Gänge, in denen wir uns vorher verlaufen hatten. »Jetzt schauen wir erst mal«, sagt er und betritt einen winzigen Raum mit Liege, Computer, Ultraschallgerät. »Pargels«, stellt sich ein zweiter Arzt vor. »Ich bin der Geburtshelfer.« Braune Augen und ein Händedruck, so sanft, als hätte er Angst, dass ich an ihm zerbrechen könnte. Feldkamp telefoniert: »Familie Roth ist da.« Und zu uns: »Professor Brassel kommt gleich.« 

Auftritt Brassel. Schnelle Schritte, weißer Kittel, randlose Brille, die er auf der Nasenspitze trägt. Sonnengebräunt. »Wie war der Urlaub?«, fragt Feldkamp, hochgezogene Augenbrauen. »Muss ja«, sagt Brassel lächelnd. »Unverschämtheit«, sagt Pargels. 

»Unser Trio« werden wir die drei nennen und sie zu unseren Rettern erklären. Als wir zu Hause sind, entwerfen wir eine ganze Vorabendserie um sie herum. »Die drei aus Duisburg«, schlage ich vor. »Die Docs aus Duisburg?«, sagt Harry. 

Feldkamp in der Rolle des Kinderarztes, der schon alles gesehen hat. Pargels als Schwarm der Schwangeren, mitfühlend bis mitleidend. Brassel, das Genie, versunken in den Hirnwindungen seiner kleinen Patienten. Fast können wir die Erkennungsmelodie der Serie hören. »Da, daa, da, da, daadiiii«, summt Harry. Duisburg, Hochöfen, Schwenk über Schlote. Schnitt. Wehende weiße Kittel, Brassel mit Maske vor dem Mund und grünem Häubchen auf dem Kopf, Feldkamp mit einem Kind lachend, Pargels mit einer Schwester flirtend. Die drei, wie sie frotzeln und witzeln, mit Currywurst in der Kantine, wie die Tatortermittler an ihrer Bude am Rhein. »Und alle Kinder werden gerettet«, sagt Harry. »Happy End.« 

Verklären wir unsere Ärzte? Machen wir sie zu den Rettern, die wir so dringend brauchen?

»Achtung, das wird jetzt kalt.« Pargels schüttelt die Flasche mit dem Ultraschallgel und spritzt mir die Flüssigkeit auf den Bauch. »Es kann sein, dass alles schnell vorbei ist«, wird Feldkamp später sagen, als wir mit ihm alleine sind. »Dass kurz nach der Geburt das Herz versagt. Und wenn nicht – ich schaue mir das Gehirn an. Wenn es zu sehr gelitten hat und es keinen Sinn mehr hat, dann sage ich Ihnen das. Dann gehe ich diesen Weg mit Ihnen.« 

Die Worte »sterben« oder »sterben lassen« fallen nicht und sind doch da. Wir planen eine Geburt und ich muss schon an die Bestattung denken. 

Pargels schiebt den Schallkopf auf meinem Bauch hin und her. Die rot-blauen Bilder tauchen auf dem Bildschirm auf. Rot das Blut, das auf den Schallkopf zufließt, blau das Blut, das von ihm wegfließt. Zu viel Rot, zu viel Blau, ein riesiger Wirbel in Lottas kleinem Kopf, dort, wo auf dem MRT-Bild der schwarze Fleck in ihrem Gehirn zu erkennen war. Ein Strudel aus Blut, das nicht ins Gehirn fließt, wie es sollte, sondern daran vorbei. 

Feldkamp und Brassel stehen neben meiner Liege. Harry sitzt auf einem Stuhl, in die Ecke gequetscht. Weit weg. Ich drehe den Kopf zur Wand. »Beeindruckend!«, flüstert Brassel. Ich blicke zu ihm, er klemmt seine Unterlippe zwischen die Zähne und kaut darauf. »Wirklich beeindruckend«, sagt er noch mal. Es klingt wie etwas Gutes. 

In seinem Büro hält Brassel später das, was man nur eine Vorlesung nennen kann. Er holt Fachbücher raus, zeigt uns Bilder von Gehirnen, erklärt, redet drei Stunden lang und wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Wir versuchen nach den Fetzen zu greifen, die wir schon kennen. Venöses Blut, arterielles, Autoregulation des Gehirns, das an einigen Stellen zu viel Blut, an anderen dafür zu wenig hat und deshalb immer mehr anfordert, das Herz, das pumpt und pumpt und pumpt. 

»Hast du das verstanden?«, fragt Harry später. »Du schreibst doch auch über Wissenschaftsthemen.« 

»Das ist etwas anderes.« 

Hängen bleibt ein Foto. Ein Junge um die zwölf Jahre, braune Haare, Kinn in der Luft, vor einem riesigen Farnwedel. Puerto Rico. »Die Eltern wollten nach all der Zeit mal wieder weit weg fahren, ich habe gesagt, machen Sie das. Das geht schon«, erzählt Brassel. Darf man mit Vena-Galeni-Kindern nicht verreisen?, wundere ich mich. Und doch. Da steht dieser Junge, auf dem Foto sieht er gesund aus, lebendig. Auch er war einmal hier. Auch seine Eltern saßen in diesem Büro und haben versucht zu verstehen. 

Prognosen oder Wahrscheinlichkeiten kann Brassel uns nicht nennen – zu wenige Fälle gibt es, die so früh wie unserer entdeckt werden. Und was sind schon Wahrscheinlichkeiten? Dass wir überhaupt hier sitzen, ist schon unwahrscheinlich genug. 

»Ein Arzt hat uns gesagt, da müsste man den Kopf aufschneiden ...«, sage ich. 

»Aufgeschnitten wird hier gar nichts«, sagt Brassel. »Das hat man früher so gemacht und die Erfolgsaussichten waren katastrophal.« 

Der Arzt aus Köln, der von sich sagte, dass er sich selten irrt – er hat sich geirrt. Eine Lektion, die uns ab sofort misstrauisch werden lässt, wann immer ein Arzt eine unumstößliche Wahrheit verkündet. Lotta ist noch nicht geboren und hat schon ein Todesurteil überlebt. 

Brassel arbeitet nicht mit dem Skalpell, sondern mit Kathetern, die er durch die Blutbahnen bis ins Hirn lenkt und per Röntgenaufnahmen überwacht. Er ist kein Hirnchirurg, er ist Neuroradiologe. 

Er zeigt uns Kinderzeichnungen, gemalt von ehemaligen Patienten, erwähnt Kinder aus Saudi-Arabien, aus Afghanistan, erzählt von einem Jungen, der gerade die Schule beendet hat. »Abitur«, sagt er und klingt stolz wie ein Vater. 

»Abitur«, sage ich später zu Feldkamp. 

»Ja, ja«, sagt der. »Manche Kinder entwickeln sich prima. Andere nicht.« 

»Aber vielleicht ...« 

»Ja, vielleicht«, sagt Feldkamp. »Wir werden sehen.« 

Er ist der Einzige, der sich weigert, am Kaffeesatzlesen teilzunehmen. »Bilder und Messwerte bedeuten nicht viel«, sagt er auch später immer wieder. »Man muss auf das Kind gucken.«

Andere betrachten Lottas MRT-Bilder, als wäre der Bauplan von Lottas Leben darin versteckt, als müsste man ihn nur entschlüsseln. Feldkamp weigert sich, uns Hoffnung zu geben oder uns auf das Schlimmste einzuschwören. »Vielleicht«, sagt er. »Kann sein.« Es muss schwer sein, alles so offenzuhalten, wenn Eltern wie wir vor ihm stehen, die um jedes Wort feilschen. Wenn Feldkamp über Prognosen spricht, dann mit langen Pausen, in denen er seine Worte abwägt. Oft springe ich in die Pause und führe seinen Satz für ihn zu Ende. Meistens schüttelt er danach den Kopf. Es sind diese Pausen, die uns an seine Worte glauben lassen. 

»Wo?«, frage ich Harry, abends im Wohnzimmer. Sie haben uns nach Hause geschickt, es kam mir vor wie eine Begnadigung in letzter Minute. Ich sitze auf dem Sofa, Harry am Esstisch. »Wo würden wir ...?« 

Harry seufzt. »Willst du jetzt wirklich darüber reden?« Am Grab meiner Schwiegermutter stellen wir regelmäßig frische Blumen auf, Ben traktiert dann mit seiner kleinen Harke die heruntergefallenen Blätter, neben dem Grabstein ist noch Platz für ein Kreuz. »Da«, sagt Harry. Dort soll Lotta liegen, wenn es zum Schlimmsten kommt. 

Ich versuche mich zu wappnen gegen den Tod meines Babys – mit einem Plan: Welche Musik würden wir spielen, welche Trauergäste einladen? Welches Schmusetier kommt mit ins Grab? Ich schäme mich dafür und ertappe mich doch in den nächsten Wochen immer wieder bei denselben Gedanken. Ich halte mich an das Konkrete, um nicht an das große Ganze denken zu müssen. Soll Ben dabei sein? 

12:12 22.08.2013

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