Im Wanken

Leseprobe "Einer der Braunhemden, ein hageres, unscheinbares Kerlchen, das ohne Uniform ausgesehen hätte wie ein harmloser Buchhalter, klopfte an die Scheibe. Schulze kurbelte das Fenster herunter."
Im Wanken
Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

PROLOG

Freitag, 18. Mai 1934

Die hell erleuchteten Fassaden der Großstadt glitten an ihm vorüber, und er lehnte sich zurück in die Lederpolster. Mehr als zwei Stunden Fahrt lagen noch vor ihm: nach dem Lichtermeer der Berliner Nacht die Dunkelheit der Mark Brandenburg: nur die Alleebäume rechts und links der Chaussee, von den Autoscheinwerfern für Sekunden ins Licht geholt, um dann wieder in die Dunkelheit zurückgeworfen zu werden. Das hatte etwas Beruhigendes, fand er, diese ewige Wiederkehr des Gleichen.

Adolf Osterberg liebte es, in seinem Audi SS durch die Gegend gefahren zu werden, auf der Rückbank eine Zigarre zu rauchen und nachzudenken. Und heute gab es besonders erfreuliche Dinge, über die er nachdenken konnte. Sein Geschäftsabschluss mit Friedländer war mehr als zufriedenstellend. Ein Geschäft, von dem sie beide profitierten und das ihnen für die nächsten Monate Sicherheit gäbe. Sie hatten sich einen Cognac gegönnt zum Abschluss ihres Geschäftsessens, und immer noch spürte Osterberg die Wärme des Alkohols, die das Gefühl tiefster Zufriedenheit, das sich in ihm ausbreitete, auf angenehme Weise unterstützte.

Schulze steuerte den Achtzylinder mit ruhiger Hand. Der junge Fahrer kannte sich nicht nur gut mit Autos aus – fast alle Reparaturen erledigte er selbst –, er war auch im Umgang ein äußerst angenehmer Mensch, in dessen Gesellschaft man sich einfach gerne aufhielt. Und was war bei einem Chauffeur wichtiger?

Emilie und die Kinder waren bereits in Ahrenshoop, dorthin würde er morgen Abend nachreisen, wenn er in der Firma alles geregelt hatte und Leyboldt, seinem Prokuristen, die neuen Aufträge übergeben und alle Instruktionen für die nächsten zwei Wo- chen erteilt hätte. Nur noch ein Arbeitstag lag vor ihm, dann begann der Urlaub. Zwei Wochen Ostsee.

Er freute sich schon auf das Gesicht seiner Frau, wenn er ihr die Neuigkeiten erzählte. Von wegen: Im neuen Deutschland sei kein Platz mehr für ihresgleichen! Adolf Osterberg war alter Frontkämpfer, das zählte auch unter der neuen Regierung. Er war national gesinnt, immer gewesen, Deutschland kam vor allem anderen, manchmal sogar vor seiner Frau, und das hieß schon etwas, denn Adolf Osterberg liebte seine Frau.

Die Wollweberei, deren Direktor er war, lief gut. Auf die Gerüchte, die immer mal wieder die Runde machten, gab er nicht viel. Man musste ja nicht unbedingt damit hausieren gehen, dass man jüdisch war, dann ließen sie einen schon in Ruhe. Und viele andere Dinge machte die neue Regierung goldrichtig. Wie sie mit den Kommunisten umgesprungen war!

Der Fahrer schaute immer wieder in den Rückspiegel. »Was ist denn, Johann? Stimmt etwas nicht?« »Nichts Besonderes, Herr Direktor. Aber der Hanomag hinter uns macht mich nervös. Folgt uns schon seit dem Spittelmarkt.« »Dann drosseln Sie doch mal das Tempo und lassen ihn überholen«, sagte Osterberg und griff zur Zigarrenkiste, »so eilig haben wir’s ja nicht.« »Sehr wohl, Herr Direktor.«

Schulze ging vom Gas, und tatsächlich zog ein dunkelblauer Hanomag Rekord an ihnen vorbei. Osterberg schaute sich um. Ein weiterer Wagen hinter ihnen, sonst kein Auto weit und breit; sie waren schon ein ganzes Stück vom Stadtzentrum entfernt auf der Köpenicker Straße. Der Hanomag überholte den Audi, doch dann stellte er sich plötzlich mit einem gewagten Manöver quer und blieb mitten auf dem Fahrdamm stehen. Schulze musste auf die Bremsen steigen. Mit quietschenden Reifen kamen sie zum Halten.

Aus dem Hanomag stiegen vier Männer, allesamt in braunen Uniformen. Osterberg seufzte. Das hatte ihm noch gefehlt. Hinter ihnen hielt auch der andere Wagen, aus dem ebenfalls SA-Männer stiegen. Man hatte sie in die Zange genommen. Osterberg legte die Zigarrenkiste wieder beiseite. Er hatte sich zu früh gefreut.

Einer der Braunhemden, ein hageres, unscheinbares Kerlchen, das ohne Uniform ausgesehen hätte wie ein harmloser Buchhalter, klopfte an die Scheibe. Schulze kurbelte das Fenster herunter.

»Führerschein. Fahrzeugpapiere.« »Heil Hitler, Sturmführer. Was gibt’s denn?« »Führerschein! Fahrzeugpapiere!« Schulze griff ins Handschuhfach und überreichte das Gewünschte. Der SA-Mann klappte die Dokumente auf und schaute misstrauisch ins Wageninnere.

»Schulze, Johann. Das sind Sie?« »Jawohl, Sturmführer.« »Aber das Fahrzeug gehört einem gewissen Osterberg, Adolf.« »Mein Chef, Sturmführer. Ich bin nur der Chauffeur.« »Halten Sie mich für blöd? Dass das keine SA-Uniform ist, die Sie da tragen, das seh ich auch.« »Adolf?«, meldete sich ein vierschrötiger Kerl neben dem Sturmführer zu Wort. »’ne Judensau, die Adolf heeßt? Is ja irre!«

Der Sturmführer warf dem Kerl einen Blick zu, und der verstummte. Dann ging er zum Wagenfond und schaute hinein. Osterberg kurbelte seine Scheibe herunter. »Heil Hitler, Sturmführer!«, sagte er und streckte vorschriftsmäßig den rechten Arm aus, so gut es in dem engen Innenraum ging.

»Sie sind Adolf Osterberg?« »Jawohl!« »Steigen Sie bitte aus dem Wagen.« »Ist das wirklich nötig? Ich ...« »Aussteigen, habe ich gesagt!« »Jawohl.«

Adolf Osterberg war irritiert. Was hatte er falsch gemacht? Er hatte den Deutschen Gruß entboten und auch sonst jeden Respekt gezeigt, den die SA verdiente. Männer wie diese hier hatten im Kampf gegen die Kommune an vorderster Front gestanden, sie hatten ganz in seinem Sinne gehandelt. Über ihre antisemitischen Frotzeleien konnte er hinwegsehen. So stolz war er gar nicht darauf, Jude zu sein. Deutsch zu sein war für ihn schon immer wichtiger gewesen. Emilie zuliebe hatte er sogar konvertieren wollen, aber sie war dagegen gewesen, also hatte er es bleiben lassen. Sonderlich fromm waren sie beide ohnehin nicht. Nie gewesen.

»Was fährt denn einer wie Sie so einen schicken Wagen?«, fragte der Sturmführer, als Osterberg ausgestiegen war.

»Einer wie ich? Mit Verlaub, ich bin Fabrikant! Leite eine Wollweberei. Eine gut laufende. In Cottbus.«

»Der Wagen ist konfisziert.«

»Wie bitte?« Osterberg glaubte, sich verhört zu haben. »Wie soll ich denn um diese Zeit nach Cottbus kommen ohne mein Auto?«

»Darüber müssen Sie sich keine Sorgen machen.«

Der bullige SA-Mann, der eben den misslungenen Witz über Osterbergs Vornamen gemacht hatte, seinem Kragenspiegel nach ein Rottenführer, beugte sich zu Schulze hinunter.

»Sitzt du auf den Ohren, Judenknecht? Der Wagen ist konfisziert! Raus mit dir!«

Osterbergs Fahrer blieb ruhig. Er öffnete die Tür und stieg aus.

»Schulze hört sich nicht besonders jüdisch an«, sagte der Rottenführer, dem die Rauflust geradezu aus den Augen sprang.

»Ich bin katholisch«, sagte Schulze mit leiser Stimme.

»Mit Verlaub, Sturmführer«, mischte sich Osterberg wieder ein. »Wir sind gute, aufrechte Deutsche, Sie brauchen uns ...«

Bevor er den Satz zu Ende bringen konnte, trat der Rottenführer einen Schritt näher und rammte ihm seine Faust mit einer derartigen Wucht in die Magengrube, dass Adolf Osterberg einknickte und sich auf der Stelle übergab. Das gute Abendessen und der teure Cognac landeten auf dem Pflaster der Köpenicker Straße.

»’n Jude, der Adolf heeßt und behauptet, ’n aufrechter Deutscher zu sein? Ick gloob, mein Schwein pfeift! Wie aufrecht biste denn jetze, du Itzig?«

Während Osterberg auf dem Boden hockte und nach Luft schnappte, wandte sich der Rottenführer dem Chauffeur zu. Schulze hatte seinem Chef zu Hilfe eilen wollen, doch zwei SA-Männer hatten ihn rechts und links gepackt.

»Du bist also ’n Kathole«, sagte der bullige Kerl und baute sich mit seiner ganzen Körpermasse vor Schulze auf. »Und warum arbeiteste dann für so ’ne Judensau.«

»Herr Osterberg ist keine Judensau, sondern der beste Chef, den man sich nur wünschen kann.«

Adolf Osterberg war gerührt von der Loyalität, die sein Fahrer zeigte, doch wünschte er sich, Schulze hätte geschwiegen. Er hockte immer noch auf dem Straßenpflaster, aber dann rissen ihn zwei SA-Männer nach oben und nahmen ihn in ihre Mitte. Osterberg kam sich vor wie verhaftet, dabei hatte er sich nichts zuschulden kommen lassen, außer nachts um zehn mit dem Auto durch Berlin zu fahren.

»Weißt du, was ich von deinem Chef halte?«, sagte der Rottenführer. Er stand nun ganz dicht vor Schulze. »Er ist ein Stück Scheiße, das man durch den Lokus spülen sollte.«

Der treue Schulze blieb ruhig. Doch er machte den Fehler zu antworten.

»Es ist mir völlig gleichgültig, was ein Analphabet wie du von meinem Chef hält.«

Der Rottenführer erwiderte nichts, nach einer kleinen Pause, die er offensichtlich brauchte, um das Gesagte als Beleidigung zu verstehen, nickte er nur kurz mit seinem schweren Kopf nach vorne und traf das Nasenbein des Fahrers mit voller Wucht. Schulze verdrehte die Augen und ging zu Boden, denn die beiden SA-Männer hatten ihn losgelassen und machten ihrem Rottenführer Platz, der mit seinen schweren Stiefeln ausholte und gegen Schulzes Kopf trat wie gegen einen Fußball. Die Chauffeurmütze flog in hohem Bogen übers Pflaster. Immer wieder trat der Kerl gegen den leblosen Körper, sprang auf ihm herum, als gelte es, ein Feuer auszutreten. Mehrmals meinte Osterberg, Knochen brechen zu hören, doch er konnte nichts tun, die Männer an seiner Seite hielten ihn so fest, dass er sich kaum rühren konnte.

»Hören Sie auf!«, rief er, »Sie bringen den armen Kerl doch um!«

Niemand reagierte.

Dann schien der Rottenführer sich endlich zu beruhigen. So sah es jedenfalls aus, doch Osterberg sollte sich täuschen. Langsam kniete sich der bullige Kerl auf den Boden und beugte sich über sein blutüberströmtes Opfer, das reglos und röchelnd am Boden lag, beugte sich über den wehrlosen Schulze und berührte dessen Gesicht, als wolle er ihn auf die Stirn küssen, doch das tat er nicht. Seine Lippen stülpten sich über Schulzes rechtes Auge. Und was Adolf Osterberg dann hilflos mit ansehen musste, in eisernem Griff gehalten von zwei SA-Männern und ohne jede Chance, eingreifen zu können, war das Schrecklichste, was er in seinem Leben je erlebt hatte.

13:40 17.11.2016

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