Status quo

Leseprobe "Die Welt ist weder gut noch böse – sie folgt nur ihrer eigenen Logik, einer Art unbestimmter Gleichung, die frei von jeglicher moralischer Regel ist. Sie gehorcht dem undurchschaubaren, wilden Lauf der Dinge."
Status quo
Foto: Sandra Steins/Bundesregierung Pool via Getty Images

Prolog

Der Fürst von Niccolò Machiavelli ist jung geblieben. Du selbst bist dieser Fürst. Es gibt ein Reich, das du besitzen kannst, das du dank deiner Fähigkeiten erobern kannst. Denn in der Welt von heute kann jeder Macht erwerben, unabhängig von seiner Herkunft und sozialen Stellung.

Als ich so alt war wie du, war ich voller Spott und Ungeduld. Ich konnte mich nicht früh genug von der Erziehung meiner Eltern lösen und blickte verächtlich auf alle, die scheinbar zu dumm waren, sich dem neuen Zeitgeist anzupassen, der die Welt nach Ende des Kalten Krieges prägte. Inzwischen fürchte ich mich selbst vor dem Tempo der Entwicklung, genau wie jene, über die ich mich damals lustig gemacht habe. Ich fühle mich wie ein alter Uhu, der sich ins Tageslicht verirrt hat.

Gleichzeitig fürchte ich, der Sturm der Geschichte könnte dich hinwegfegen, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen kann. Diese Angst teile ich wohl mit allen Eltern, die sich mehr Sorgen um die Zukunft ihres Kindes machen als um ihr persönliches Wohl.

Leider nimmt die menschliche Gier durch den Wunsch, den eigenen Nachwuchs zu beschützen, nicht ab. Ich habe schon Mütter erlebt, die mir in ihrem Eifer, den besten Platz im Zirkus zu ergattern, auf den Füßen herumtrampelten. In ihren Blicken sah ich das Verlangen, dir den Lutscher zu entreißen, um ihn dem eigenen Kind in den Mund zu stecken.

Wären unsere sozialen Beziehungen allein von solchen Instinkten geprägt, ließen sich die Verhältnisse, in denen wir leben, leicht durchschauen. Aber es gibt auch Menschen, die andere verraten oder umbringen würden, wenn sie davon nur den geringsten Vorteil hätten. Die allgemeine Machtgier ist so groß, dass ich dir zeigen will, wie du dich wappnen kannst. Wollte ich dich zu sehr behüten, würde ich meiner Aufgabe als Vater nicht gerecht. Und du würdest zu spät erfahren, »dass es im Leben gnadenlose und grausame Dinge gibt« – dieses Versäumnis hat Robert Oppenheimer seinen Eltern vorgeworfen. Deren Erziehung gab dem Menschen, der zum »Vater der Atombombe« wurde, »keinerlei normale und gesunde Mittel in die Hand, sich nicht wie ein Schwein zu benehmen«.

Da die Menschen selten freundlich und rücksichtsvoll sind, genügt es nicht, hübsch, vernünftig und intelligent zu sein, wenn du im Leben etwas erreichen willst. Die Welt liegt dir nicht zu Füßen wie eine junge Frau, die dich mit offenen Armen empfängt, um dir lächelnd einen Lorbeerkranz aufzusetzen. Sie verfällt nicht automatisch deinem Charme, sondern erwartet, dass du dich mit festem Willen und überzeugenden Worten durchsetzt.

Die Welt ist weder gut noch böse – sie folgt nur ihrer eigenen Logik, einer Art unbestimmter Gleichung, die frei von jeglicher moralischer Regel ist. Sie gehorcht dem undurchschaubaren, wilden Lauf der Dinge, den Machiavelli »Schicksal« nennt, entstanden aus Zufall und Notwendigkeit. Damit musst du dich auseinandersetzen und dabei deine Fähigkeiten durch Lernen und Arbeiten stetig ausbauen.

Als ich selbst ins Leben aufbrach und in diesen Kampf hineingezogen wurde, merkte ich recht spät, dass die Zeit sich schneller bewegt als mein Geist. So gibt sie dir den Körper eines Erwachsenen, während ich immer noch den wehrlosen Säugling darin sehe. Um dir dieses Handbuch der Macht in die Hände zu geben, will ich dich so sehen, wie du bist, und nicht so, wie ich dich mir wünsche.

Dieses Buch verfolgt nicht das Ziel, eine magische Formel zu finden, dich in einen umsichtigen Erwachsenen zu verwandeln, sondern soll dich durch eine Auseinandersetzung mit der Welt zu Klarheit und Stärke führen, die auf Erfahrung beruht. Deiner eigenen Erfahrung.

Lange dachte ich, mein Alter sei bei deiner Erziehung ein Vorteil, aber es ist eher ein Hindernis. Ich hielt mich für reif und weise, doch im Moment kommt mir mein betagtes Gehirn wie erstarrt vor durch alle möglichen Vorurteile. Mein erwachsener Geist ist kaum noch in der Lage, andere Wege zu gehen als die altbekannten. Wer sich nicht in Frage stellen kann, hält jedoch manche Schwäche für eine Stärke. Mein über die Jahre gewachsener Zynismus schützt mich zwar vor Enttäuschungen, entfremdet mich aber Tag für Tag mehr von der Welt. Bei dir ist das anders: Du kannst noch staunen und erschließt dir so die Welt. Dein junges, bewegliches Gehirn ist noch flexibel. Es ist Zeit, den Prozess geistiger Vergreisung, der mich von dir trennt, zu verlangsamen, also will ich versuchen, dich wirklich zu verstehen, statt mich immer nur selbst zu bestätigen.

Du stellst die gleichen Fragen wie jedes Kind, das die Welt so sieht, wie sie ist, und nicht so, wie sie sein sollte. Deine Perspektive ist durch keine moralischen Illusionen verformt und deshalb näher an der Wirklichkeit. Sie besitzt eine kraftvolle Selbstverständlichkeit, die manchmal schwer zu ertragen ist und die viele Eltern ignorieren, weil sie ihnen missfällt. Doch es ist gerade die Logik des Kindes, die dir hilft, dich in einer Welt durchzusetzen, in der ethische Maßstäbe verschwinden, während Wettbewerb, Materialismus, Informationsflut, Lüge und Manipulation zunehmend entfesselt werden.

Für einen Vater, der seinen Sohn erziehen will, lautet die Lehre dieses Buches: Lerne ihn kennen, hör ihm zu, stell dich unbequemen Wahrheiten, statt in Selbstbetrachtung zu versinken und deine Wünsche mit der Realität zu verwechseln.

Für den Sohn lässt sich die Botschaft so zusammenfassen: Schärfe deinen Geist, mach dich mit der Geschichte vertraut, lies die Klassiker, anstatt dir nur Albernheiten auf deinem Smartphone anzusehen, mit denen du und deine Freunde ganze Tage vergeuden. Gute Bücher vermehren dein Wissen und liefern dir das nötige Rüstzeug gegen List und Tücke. Lesen allein reicht aber nicht, um in einer Welt zu bestehen, in der Menschen mit allen Mitteln um Macht ringen. Viele kluge Köpfe waren zwar gute Beobachter, hatten aber meist Mühe, den eigenen Gedanken auch Taten folgen zu lassen. Erst als Handelnder und in der Auseinandersetzung mit den Menschen in deiner Umgebung wirst du lernen, deine Ziele mit dem großen Chaos, das dich umgibt, in Einklang zu bringen. Nur wenn du teilnimmst am Spiel um die Macht, wirst du begreifen, was es bedeutet, ein soziales Wesen zu sein. Ein guter Fürst verfolgt seine Ideale nicht nur im Kopf, sondern erprobt sie im täglichen Leben. Sobald du deine Vorstellungen von Gut und Böse an der Realität misst, erkennst du einen tieferen Sinn darin.

Was Machiavelli vor fünfhundert Jahren formuliert hat, lässt sich auf ganz verschiedene Weise interpretieren. Manche sehen in ihm einen aufrichtigen Humanisten, während andere ihn für einen zynischen Vorläufer des Faschismus halten. Viele berühmte Gelehrte waren entsetzt von den Lehren des Florentiner Philosophen, der dem angehenden Herrscher, für den sein Werk bestimmt war, nahelegte, er solle zum Schutz vor Feinden die Waffen der Feinde benutzen und nicht weniger grausam sein, wenn es darum gehe, die bestehende Ordnung zu schützen. Machiavelli geht in seinem Realitätssinn so weit, dass er sogar die Grausamkeit des Gegners rechtfertigt, deren Opfer er selbst geworden ist. Dieser Pragmatismus ist nicht jedermanns Sache. Wer die Entscheidungen von Mächtigen stattdessen als »gut« oder »schlecht« bewertet, übersieht aber oft, welche Ziele und Motivationen sich dahinter verbergen.

Laut Machiavelli ist der Mensch von Grund auf egoistisch, und es braucht einen mächtigen Fürsten, um ein weit höheres Gut zu wahren: die Verhinderung von Chaos. Also kann der Fürst sich nicht nach der gängigen Moral richten, wenn er das Gemeinwohl vor dem allgegenwärtigen Egoismus schützen will.

Würde es genügen, Machiavelli zu lesen und ihn dir zu erklären, um heutzutage ein guter Vater zu sein, wäre meine Aufgabe schon erfüllt. Wir leben aber nicht im Florenz des 16. Jahrhunderts, und Hunderte brillanter Denker haben Machiavelli im Hinblick auf die verschiedensten Aspekte bestätigt, ergänzt oder verworfen. Gute Eltern waren die wenigsten. So fand Jean-Jacques Rousseau, Autor des Émile, einer wichtigen Abhandlung über Erziehung, gute Gründe, seine fünf Kinder ins Waisenhaus zu geben – im Wissen, sie damit einem elenden Leben oder gar dem Tod auszuliefern. Karl Marx, der sein Leben lang die Ausbeutung der Werktätigen beklagte, zahlte der Haushälterin, die 38 Jahre in seinen Diensten stand, nicht einen Heller. Diese Sklavin durfte nicht einmal den gemeinsamen Sohn aufziehen, dessen Vaterschaft Marx seinem Förderer Friedrich Engels zuschrieb.

Dass Denker beeindruckende Werke verfassen, denen sie selbst zuwiderhandeln, teilweise durch herzlose Taten, verbindet sie mit den meisten Menschen. Machiavelli schreibt: »Es besteht ein so großer Unterschied zwischen dem, was das Leben ist, und dem, was es sein soll, dass der, der das Erste vernachlässigt und sich nur nach dem Letzteren richtet, sich eher den Untergang schafft als die Rettung.«

Ich widme dir dieses Buch als Vater, der sich in einer Welt, die immer schwerer zu durchschauen ist, um dein Wohlergehen sorgt. Ich wünsche dir, mithilfe der Ideen Machiavellis zu einem freien Menschen zu werden, der gewappnet ist gegenüber Lug und Trug und besonnen zu handeln versteht in Zeiten der permanenten Veränderung. Allerdings habe ich selbst schon gegen alle Empfehlungen, die dieses Buch enthält, verstoßen.

Philipp von Makedonien wäre es lieber gewesen, sein Sohn Alexander fiele vom treuen Hengst Bukephalos, als dass er sein Rivale würde. Ich hingegen wünsche mir, dass du mich überflügelst. Dein bester Verbündeter bei dieser Unternehmung ist dein Denken. Trainiere es so, wie Alexander der Große es mit Bukephalos tat, und mach es zur Grundlage für die wichtigen Entscheidungen deines Lebens. Als Vater habe ich nur eines im Sinn: Mögest du größer und weiser werden als ich.

16:16 24.11.2016

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