Verhältnisse

Leseprobe "Obwohl ihn die Härte seines Vaters irritierte, wurde er selbst immer harscher, bitterer und eigensinniger. Seine Unbeugsamkeit mag ethnopsychologische wie auch familiäre Wurzeln gehabt haben."
Verhältnisse
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1. Kapitel

Das Ziehkind des Bodhisattva

Das in der südchinesischen Provinz Hunan, im Bezirk Xiangtan gelegene Dorf Shaoshanchong drückt sich in ein enges Tal, umgeben von Bergen mit immergrünen Bäumen und Reisfeldern, darüber der blaue Himmel. In der Ferne erkennt man den Shaoshan-Berg, der dem Dorf seinen Namen gibt und bei Buddhisten besondere Verehrung genießt. Von Changsha, der Provinzhauptstadt, führt eine Eisenbahnstrecke in die nächstgelegene Stadt, die gleichfalls Shaoshan heißt. Der Regionalzug braucht etwa drei Stunden für die gut hundertfünfzig Kilometer. Auf dem großen Platz vor dem Bahnhof warten aufgereihte Busse auf Besucher. »Geburtsort des Vorsitzenden Mao, Geburtsort des Vorsitzenden Mao«, ruft der Fahrer. Nach einer halbstündigen holprigen Fahrt erreicht man eine Dorfstraße, die vorbei an überfluteten Reisfeldern und Teichen voller Lotusblumen zu einem großen Lehmziegelhaus mit dreizehn Zimmern und angegliedertem Museum führt. Zur Linken und zur Rechten stehen gleichartige oder etwas kleinere Bauernhäuser ähnlicher Prägung. Die Atmosphäre ist die einer typischen Landgemeinde. Ein kleines Dorf wie so viele andere in Hunan, aber ausgezeichnet durch den Status, Geburtsort eines Mannes zu sein, der die Geschichte seines Landes änderte und dessen Einfluss auch lange nach seinem Tod noch in aller Welt zu spüren ist.

Viele Bewohner des Dorfes in diesem Tal trugen den Familiennamen Mao. Denn dort hatte ihr Clan sich niedergelassen. Alle Träger des Namens Mao führten ihre Abstammung auf den kühnen Krieger Mao Taihua zurück, der aus der Nachbarprovinz Jiangxi stammte und seine Heimat Mitte des 14. Jahrhunderts verlassen hatte, um sich am Feldzug der kaiserlichen Armee in der Provinz Yunnan gegen die Mongolen zu beteiligen, die China seit den 1270er Jahren beherrschten. Die Hauptstreitmacht der Mongolen wurde von der Rebellenarmee des Mönchs Zhu Yuanzhang geschlagen, der sich 1368 selbst zum Kaiser einer neuen chinesischen Dynastie, der Ming, erklärte. Dort, im fernen Yunnan, heiratete Mao Taihua ein einheimisches Mädchen und ging 1380 mit ihr und den gemeinsamen Kindern nach Huguang (heute Hunan), wo sie sich im Bezirk Xiangxiang südlich von Xiangtan niederließen. Etwa zehn Jahre später zogen zwei seiner Söhne weiter nordwärts in die Provinz Xiangtan und machten Shaoshanchong zu ihrer Heimat. Sie waren die Vorfahren des Mao-Clans in Shaoshan.

Der zukünftige Oberste Führer Chinas wurde in eine dieser Familien hineingeboren, in die von Mao Yichang, und zwar – nach dem Mondkalender – am neunzehnten Tag des elften Monats des Jahres der Schlange. Nach der offiziellen dynastischen Zeitrechnung war es das neunzehnte Jahr der Regierung Kaiser Guangxus aus der Qing(Mandschu)-Dynastie, die seit 1644 in China herrschte. Die Guangxu-Zeit (Guangxu bedeutet: strahlender Anfang) hatte 1875 begonnen, ausgerufen im Namen des damals vierjährigen Kaisers Zaitian, von seiner Tante mütterlicherseits, der Kaiserinwitwe Ci Xi. Nach dem westlichen Kalender fiel die Geburt des Sohnes, in jeder chinesischen Familie ein freudiges Ereignis, auf den 26. Dezember 1893.

Maos Vater konnte sein Glück kaum fassen, aber seine Mutter machte sich Sorgen. Das Kind war sehr groß, und sie hatte Angst, sie könne es vielleicht nicht ausreichend mit Milch versorgen. Sie hatte bereits zwei Söhne geboren, die im Säuglingsalter gestorben waren. Sie packte den Säugling in Windeln und machte sich auf den Weg zu einer buddhistischen Nonne, die in den Bergen lebte. Mit Tränen in den Augen bat sie die Nonne, sich um das Kind zu kümmern. Aber die lehnte ab. Das Kind sehe sehr gesund aus, und es gebe keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Die Einsiedlerin riet der verstörten Mutter, das Kind zu behalten und für sein Wohlbefinden zu beten. Die Mutter nahm ihr Kind und eilte zu dem in einem Nachbarbezirk gelegenen Haus ihres Vaters. Dort hielt sie vor einem kleinen Tempel, der auf einem vier Meter hohen Felsen errichtet und dem Bodhisattva Guan Yin, der Göttin des Mitgefühls, gewidmet war. Körperlich und emotional erschöpft warf sie sich dort nieder und betete, die Göttin möge bereit sein, die Ziehmutter ihres Sohnes zu werden.

Gemäß der Tradition informierte man die Eltern der Kindsmutter rasch über die Geburt eines Jungen, indem man ihnen einen Hahn zukommen ließ. Wäre es ein Mädchen gewesen, hätten sie eine Henne erhalten.

Den Chinesen galten die im Mutterleib verbrachten neun Monate als das erste Lebensjahr eines Kindes, und so war es bei der Geburt in ihren Augen ein Jahr alt. Nach einem alten Ritual musste das Neugeborene in Tücher gewickelt werden, die man aus alten Hosen des Vaters genäht hatte. Weitere alte Hosen hängte man über die Wiege, weil man glaubte, sie absorbierten jegliche Art von Ansteckung. Der Säugling wurde erst am dritten Tag gebadet, in Anwesenheit von Gästen, die ihn nun zum ersten Mal sehen durften. Am Tag des ersten Badens brachte der Vater den Geistern der Ahnen Opfer dar und gab in das heiße Badewasser eine Zwiebel und eine Ingwerknolle, die Verstand und Gesundheit symbolisierten. Die Mutter nahm das Kind auf und reichte es der Hebamme, die bei der Geburt geholfen hatte. Die Hebamme hielt die Zwiebel an den Kopf des Säuglings und begann mit singender Stimme: »Erstens, sei klug, zweitens, sei weise, drittens, sei schlau!« Anschließend drückte sie ein Schloss oder einen Riegel auf Mund, Arme und Beine des Kindes und sagte: »Sei ruhig!« Man stellte eine Waage auf die Brust des Säuglings, damit er viel wiege, und hielt ihm gekochte Eier an die Wangen, die ihm Glück bringen sollten. Um sein Handgelenk band man eine rote Schnur, an der Silbermünzen hingen. Nach einem Monat wurde der Kopf des Säuglings geschoren, nur an den Schläfen und im Nacken ließ man einige Locken stehen – ein wichtiges Ereignis, bei dem das Kind seinen Namen erhielt. Erneut kamen Gäste zusammen und brachten als Geschenke Geld, Schweinefleisch, Fisch, Obst und verzierte Eier mit.

Seit unvordenklichen Zeiten griffen Eltern bei der Wahl des Namens für ihre Kinder auf die Hilfe daoistischer Wahrsager zurück. Wie es der Tradition entsprach, konsultierte Mao Yichang den einheimischen Geomanten, der ihn auf die Notwendigkeit hinwies, dass der Name seines Sohnes das Zeichen für »Wasser« enthalten müsse, weil es in dessen Horoskop fehle. Die Wünsche des Geomanten passten gut zu den Anforderungen, die der Clan im Blick auf die Ahnentafel stellte. Jeder Generation wurden bestimmte Schriftzeichen zugewiesen, die in den Namen aller männlichen Mitglieder dieser Generation Verwendung finden mussten. Die Namen konnten ganz verschieden sein, aber alle mussten die gemeinsamen Schriftzeichen enthalten, in denen die Zugehörigkeit zu der betreffenden Generation zum Ausdruck kam. In der Generation, der Yichangs neugeborener Sohn angehörte (der zwanzigsten Generation des Mao-Clans), war dieses Erkennungsmerkmal das Schriftzeichen ze, in dessen linkem Teil sich die drei Striche für das Element »Wasser« finden. Das Schriftzeichen ze hatte zwei Bedeutungen: Es stand für Feuchtigkeit und Befeuchten wie auch für Freundlichkeit, Güte und Mildtätigkeit. Als zweites Schriftzeichen für den Namen seines Sohnes wählte Mao Yichang das Zeichen dong, das für »Osten« steht. Der Name Zedong war ungewöhnlich schön, bedeutete er doch »Wohltäter des Ostens«. Zugleich erhielt das Kind gleichfalls gemäß der Tradition einen zweiten, inoffiziellen Namen, der nur bei besonderen zeremoniellen Anlässen verwendet wurde: Runzhi, das heißt »Taufrische Orchidee«. Maos Mutter gab ihm noch einen weiteren Namen, shi, »Stein«, der ihn vor jeglichem Unglück schützen und auf seine Verwandtschaft mit dem Bodhisattva hindeuten sollte. Da Mao der dritte Sohn der Familie war, nannte seine Mutter ihn shisanyazi, das heißt wörtlich »Drittes Kind namens Stein«.

Mao Zedong wurde in einen kleinen Haushalt hineingeboren. Außer seinem Vater und seiner Mutter lebte noch sein Großvater väterlicherseits darin. (Mao Zedongs Großmutter väterlicherseits, die den Namen Liu trug, war neun Jahre vor seiner Geburt am 20. Mai 1884 mit siebenunddreißig Jahren gestorben.) Die Familie bewohnte nur eine Hälfte des Hauses, die östliche Hälfte oder den linken Flügel. In der anderen Hälfte lebten Nachbarn. Vor dem Haus lagen Reisfelder und ein Teich, dahinter Kiefern- und Bambushaine. Fast alle in dem gut sechshundert Haushalte umfassenden Dorf waren arm. Die harte und erschöpfende Arbeit auf den winzigen Bodenparzellen brachte nur wenig Ertrag.

Mao Zedongs Großvater väterlicherseits, Mao Enpu, war sein Leben lang arm gewesen und hatte seinem Sohn nur Schulden hinterlassen. Mao Zedongs Vater, Mao Yichang, konnte sich jedoch aus der Armut herauskämpfen. Yichang wurde am 15. Oktober 1870 als einziges Kind der Familie geboren. Im Alter von zehn Jahren wurde er mit einem dreieinhalb Jahre älteren Mädchen namens Wen Qimei verlobt. Fünf Jahre später heirateten sie. Kurz danach wurde Yichang wegen der Schulden seines Vaters in die örtliche Xiang-Armee eingezogen (Xiang, der traditionelle Name Hunans, wurde nach dem Xiang-Fluss benannt, der durch diese Provinz fließt.) Als Mao Yichang nach langer Abwesenheit zurückkehrte, konnte er mit dem angesammelten Sold das Land zurückkaufen, das sein Vater verloren hatte, und wurde ein unabhängiger Bauer. Er war grob und aufbrausend, aber sehr fleißig und genügsam. Wie Mao Zedongs Tochter berichtete, die das offenbar von ihrem Vater gehört hatte, sagte Mao Yichang oft: »Man ist nicht arm, weil man zu viel isst oder zu viel ausgibt. Man ist arm, weil man nicht rechnen kann. Wer rechnen kann, wird auch genug zum Leben haben; wer es nicht kann, wird selbst Berge von Gold verschleudern.«Yichangs Frau, die im Dorf wegen ihres Fleißes und ihrer Güte Suqin (»Einfache Arbeiterin«) genannt wurde, unterstützte ihn bei seinen Bemühungen, sich hochzuarbeiten. Als Mao Zedong zehn Jahre alt war, damals starb sein Großvater, hatte Mao Yichang es durch unglaubliche Anstrengungen geschafft, ein wenig Geld zusammenzusparen und etwas mehr Land zu kaufen. Acht Jahre zuvor war ein jüngerer Bruder, Zemin, geboren worden, und ein Jahr nach dem Tod des Großvaters kam ein weiterer Bruder hinzu, der den Namen Zetan erhielt. Außer diesen Kindern und den beiden Söhnen, die vor Mao Zedongs Geburt gestorben waren, hatten Maos Eltern noch zwei Töchter, die jedoch schon im Säug- lingsalter starben.

Maos Mutter versuchte, den Söhnen ihre eigenen religiösen Gefühle zu vermitteln. In seiner Kindheit und Jugend begleitete Mao seine Mutter oft zu einem buddhistischen Tempel, und sie träumte davon, dass ihr ältester Sohn Mönch wurde. Maos Vater teilte ihre Wünsche nicht, wandte aber auch nicht sonderlich viel dagegen ein. Er begegnete Buddha insgeheim mit Respekt, ließ sich davon aber äußerlich nichts anmerken. Einmal war er nicht weit vor dem Dorf auf der Straße einem Tiger begegnet. Maos Vater hatte entsetzliche Angst, aber dem Tiger ging es offenbar nicht anders. Mann und Tiger liefen in entgegengesetzte Richtungen davon. Maos Vater deutete dies als eine Warnung von da droben. Er war bis dahin ein religiöser Skeptiker gewesen, nun begann er sich vor einem überzogenen Atheismus zu fürchten.

Obwohl Mao Yichang Buddha achtete und fürchtete, hielt er es für nützlicher, wenn sein ältester Sohn die Weisheit des Konfuzianismus in sich aufnahm, der traditionellen, aus den Sprüchen des antiken Philosophen Konfuzius (551 479 v. Chr.) und seiner Nachfolger abgeleiteten Lehre. Das politische System Chinas basierte auf konfuzianischen Prinzipien, die von den Menschen eine sittliche Vervollkommnung verlangten. Nach Konfuzius musste der Mensch die vom Himmel aufgegebenen Pflichten (li) erfüllen, deren wichtigste Menschlichkeit (ren), kindliche Pietät (xiao) und Tugend (de) waren. Nur durch die Beachtung dieser Himmlischen Gesetze konnte man das höchste sittliche Ideal erreichen, das Ziel, nach dem der Konfuzianismus strebte.

Das individuelle Bewusstsein bestimmte, ob man tatsächlich den Lehren des Konfuzius folgte, doch auf praktischer Ebene war es unmöglich, ohne Kenntnis der Aussprüche des Philosophen Karriere zu machen. Die Fähigkeit, mit Konfuzius-Zitaten zu jonglieren, war unerlässlich, um eine staatliche Stellung zu erhalten. Wer die Gespräche des Konfuzius und die übrigen Bücher des klassischen Kanons nicht kannte, zu dem auch die Bücher des Menzius über die Bildung und über die Goldene Mitte gehörten, der galt als ungebildet.

So kann es kaum verwundern, dass Maos Vater, der nur zwei Jahre die Schule besucht hatte, sehr darauf bedacht war, dass sein ältester Sohn eine konfuzianische Ausbildung erhielt. Yichang hatte einen Prozess um eine kleine, an einem Hügel gelegene Parzelle verloren, weil er sein Anliegen nicht durch Konfuzius-Zitate untermauern konnte. Das Gericht gab seinem Gegner recht, der seine tiefreichende Kenntnis der Klassiker demonstriert hatte. Maos Tochter schreibt, ihr Großvater habe damals den Entschluss gefasst: »Mein Sohn soll ein ebenso gebildeter Mann werden und dann für mich sprechen.« So wurde Mao Zedong denn auf eine private Grundschule in Shaoshan geschickt, wo er die konfuzianischen Klassiker auswendig lernen musste.

Mao prägte sich die Sprüche der verehrten Philosophen aus reinen Nützlichkeitserwägungen ein, um andere in Streitgesprächen zu besiegen, indem er genau im richtigen Augenblick ein geeignetes Zitat einführte, aber die moralisch-sittlichen Grundsätze des Konfuzius scheinen keinerlei Spuren in seiner Seele hinterlassen zu haben. Maos Tochter erzählt, wie ihr Vater einmal sogar seinen Lehrer in einem Streit übertrumpfte:

An einem heißen Tag, als der Lehrer nicht in der Schule war, schlug Vater seinen Klassenkameraden vor, zum Schwimmen an einen Teich zu gehen. Als der Lehrer sah, dass seine Schüler nackt badeten, hielt er das für äußerst unschicklich und beschloss, sie zu bestrafen. Aber Vater parierte mit einem Zitat aus den Gesprächen, in dem Konfuzius das Baden in kaltem Wasser preist. Vater öffnete sein Buch, suchte das benötigte Zitat und las die Worte des Konfuzius laut vor. Nun erinnerte der Lehrer sich, dass Konfuzius dies tatsächlich gesagt hatte, aber er durfte nicht sein Gesicht verlieren. Wütend ging er zu Großvater, um sich bei ihm zu beklagen. »Dein Runzhi ist absolut unerträglich. Wenn er einmal mehr weiß als ich, werde ich ihn nicht mehr unterrichten.«

Ebenso geschickt setzte Mao Konfuzius-Zitate in privaten Streitigkeiten mit seinem Vater ein, der seinen Sohn immer wieder als respektlos und faul beschimpfte. Manchmal trug Mao den Sieg davon, aber meistens endete der Streit schlimm für ihn. Der Vater, der unter allen konfuzianischen Grundsätzen die kindliche Pietät an die erste Stelle setzte, schlug seinen Sohn, wenn er es wagte, ihm zu widersprechen. »Ich bringe dich um, solch ein Straßenköter, der keinerlei Achtung vor Regeln hat«, schrie er Mao an. Auch seine beiden anderen Söhne schlug er mit der Peitsche. Maos Mutter zitterte um ihre Lieblinge und versuchte, sie in Schutz zu nehmen, scheiterte damit aber in der Regel.

Die Streitereien innerhalb der Familie, die Grausamkeit seines Vaters und die Schutzlosigkeit seiner Mutter, die er sehr liebte und bemitleidete, schlugen sich unausweichlich in Maos Charakter nieder. Er wuchs zu einem leidenschaftlichen und stolzen Rebellen heran, nicht weniger unbeugsam als sein Vater, mit dem er große Ähnlichkeit hatte. Obwohl ihn die Härte sei- nes Vaters irritierte, wurde er selbst immer harscher, bitterer und eigensinniger.

Seine Unbeugsamkeit mag ethnopsychologische wie auch familiäre Wurzeln gehabt haben. Die Bewohner von Hunan, die ihr Essen recht freizügig mit scharfen Pfefferschoten würzen, sind berüchtigt für ihre Hitzköpfigkeit. »Scharf wie ihr Essen«, so werden sie gewöhnlich beschrieben.

Viele Jahre später lieferte Mao eine nicht ganz ernst gemeinte marxistische Erklärung für die Konflikte in seiner Familie. Als er dem amerikanischen Journalisten Edgar Snow im Juli 1936 ein Interview gewährte, sagte er:

Als mittlerer Bauer besaß mein Vater schließlich fünfzehn mou [ein mou entspricht etwa 0,67 Hektar] ... [Den] Überschuß benutzte mein Vater, etwas Kapital zu ersparen und nach einer Weile sieben weitere mou zu kaufen, die der Familie den Status von »reichen« Bauern gaben ... Zu der Zeit, als mein Vater ein mittlerer Bauer war, begann er Getreide aufzukaufen, es in die Stadt zu transportieren und es dort mit Gewinn zu verkaufen. Nachdem er ein »reicher« Bauer geworden war, widmete er den größten Teil seiner Zeit diesem Geschäft. Er stellte einen Knecht ein und ließ Kinder und Frau auf dem Hof arbeiten. Ich begann mit der Landarbeit, als ich sechs Jahre alt war. Mein Vater hatte keinen Laden für sein Geschäft. Er kaufte einfach das Getreide von den armen Bauern und transportierte es dann zu den Händlern in der Stadt, wo er einen höheren Preis erzielen konnte. Im Winter, wenn der Reis gesetzt wurde, stellte er einen weiteren Arbeiter für die Hofarbeit ein, so daß zu dieser Zeit sieben Mäuler zu füttern waren ... Er gab uns nie das kleinste bißchen Geld, und wir bekamen nur wenig zu essen ... Mir gab er niemals Eier oder Fleisch.

Etwas später fügte Mao lachend hinzu:

Es gab zwei »Parteien« in der Familie. Die eine war mein Vater, die herrschende Macht. Zur Opposition gehörten ich selbst, meine Mutter, mein Bruder und manchmal sogar die Arbeiter. [Mao meint hier seinen Bruder Zemin, denn sein Bruder Zetan war zu dieser Zeit noch nicht geboren.] In der »Einheitsfront« der Opposition gab es jedoch Meinungsverschiedenheiten. Meine Mutter befürwortete eine Politik der indirekten Angriffe. Sie kritisierte jede offene Gefühlsäußerung und alle Versuche offener Rebellion gegen die herrschende Macht. Sie sagte, es sei nicht die chinesische Art ... Meine Unzufriedenheit wurde größer. Der dialektische Kampf in unserer Familie entwickelte sich dauernd weiter.

Streitereien zwischen einem Vater und seinem ältesten Sohn waren ungewöhnlich. Sogar in Anwesenheit anderer geriet Mao in heftigen Streit mit seinem Vater – eine unerhörte Respektlosigkeit. In seinem Gespräch mit Snow sagte Mao über seinen Vater: »Ich lernte ihn zu hassen.«

Maos sparsamer Vater arbeitete sich schrittweise hoch, kaufte anderen Bauern Land ab und konnte schließlich ein recht beträchtliches Vermögen von zwei- bis dreitausend chinesischen Silberdollars ansammeln. Die Mehrzahl der chinesischen Bauern lebte in schrecklicher Armut. Ganz allgemein war China im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ein äußerst rückständiges, wildes und mittelalterliches Land. Der Kapitalismus steckte noch in den Kinderschuhen und hatte noch keinen großen Einfluss auf die Gesellschaft. Die kapitalistischen Unternehmen dieser Zeit wurden in Shanghai, Tianjin und Wuhan errichtet, weitab von Shaoshan. Nur in diesen wenigen Städten fand sich ein wachsender wirtschaftlicher Wohlstand. In den Dörfern ging das Leben so weiter wie seit uralten Zeiten. Die große Mehrheit der Bauern erwartete keine Vorteile von den Märkten. Im Herbst mussten die meisten von ihnen auch Teile des Getreides, das sie selbst benötigten, zu Tiefstpreisen an Profiteure wie Maos Vater verkaufen, um ihre Schulden bezahlen zu können. Im Frühjahr, wenn die Preise wieder gestiegen waren, mussten sie eine ähnliche Menge Getreide zurückkaufen, um nicht Hungers zu sterben, und erlitten bei diesen Transaktionen empfindliche finanzielle Verluste. Die Armen und die ländliche Unterschicht, darunter Landstreicher, obdachlose Bettler und anderes Gesindel, die einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung bildeten (etwa 40–45 Millionen der gut 400 Millionen Menschen zählenden Gesamtbevölkerung), waren den gewöhnlichen Geschäftsleuten und Händlern besonders übel gesinnt. Ein ganzes Zehntel der chinesischen Bevölkerung war arm und ohne Arbeit. Das waren die Menschen, die Bauern wie Maos Vater verächtlich als tuhao (Grundherren) oder Blutsauger bezeichneten. Da es in den Städten nur wenige moderne Unternehmen gab, die den Arbeitswilligen einen Arbeitsplatz anbieten konnten, saß die große Masse der Bevölkerung in ihren Heimatorten fest. Zumindest einige von ihnen konnten dort Gelegenheitsarbeiten finden, vor allem in den Zeiten des Reispflanzens und der Reisernte. Aber die meisten hatten nicht so viel Glück. Horden zerlumpter und schmutzstarrender Menschen streiften über die Landstraßen und bettelten. Auf den Marktplätzen sah man häufig Bauern mit einem Schild, auf dem sie ihre kleine Tochter und gelegentlich auch ihren kleinen Sohn, die sie in einem geflochtenen Weidenkorb mitgebracht hatten, zum Kauf anboten.

Viele Bauern schlossen sich mafiaähnlichen Banden wie den Triaden an und beteiligten sich an Raubüberfällen auf die tuhao. Grausame Aufstände waren an der Tagesordnung, nicht nur in Hunan, sondern auch in anderen Provinzen.

Im kalten Winter 1906 steckte der gut 250 Kilometer von Shaoshan entfernte Bezirk Pingxiang tief in einem ausgedehnten Aufstand, den die Hongjiang-Gesellschaft (Wohlstandsgesellschaft) ausgelöst hatte, ein Zweig der mächtigen Hongmeng (Rote Bruderschaft), die in vielen Provinzen Süd- und Südostchinas verbreitet war. Besonders aktiv war sie an der Grenze zwischen Hunan und Jiangxi, zwischen Shaoshan und Pingxiang. Sie verfolgte das Ziel, die Qing-Dynastie zu stürzen, damit der Fremdherrschaft der Mandschus ein Ende zu setzen, die China Mitte des 17. Jahrhunderts erobert hatten, und die Ming-Dynastie wiederherzustellen, die davor geherrscht hatte. Die Mitglieder der Gesellschaft – der »Bruderschaft des Schwertes«, wie sie selbst sich stolz nannten – waren durch ein einzigartiges religiöses Ritual miteinander verbunden, das vor Uneingeweihten geheim gehalten wurde. Sie waren verpflichtet, einander in allen Lebenslagen beizustehen, und sie glaubten an den magischen Exorzismus der Daoisten und Buddhisten wie auch an Schamanismus und Hexerei. Sie übten sich in Kampfkünsten, weil sie der Überzeugung waren, eine Reihe physischer und spiritueller Übungen (wushu und qigong) machten sie unverwundbar.

[...]

13:29 26.06.2014

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