Differenziertes Bild

Leseprobe "Die Beiträge in diesem Band zeichnen ein nicht weniger kritisches, aber differenziertes Bild der aktuellen Veränderungen. Ausgangspunkt ist dabei der marxsche Begriff der Produktivkraft."
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Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Einleitung der Herausgeber

Florian Butollo/Sabine Nuss

Domin: »Was meinen Sie, welcher
Arbeiter der praktisch beste ist?«

Helene: »Der Beste? Vielleicht jener,
der – der – Wenn er ehrlich – und ergeben ist.«

Domin: »Nein, sondern der billigste. Der, welcher die
geringsten Bedürfnisse hat. Der junge Werstand
erfand einen Arbeiter mit der kleinsten Menge Bedürfnisse.
Er musste ihn vereinfachen. Er warf alles hinaus,
was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit warf
er auch alles, was den Menschen verteuert, hinaus.
Damit warf er eigentlich den Menschen
hinaus und erschuf den Roboter.«

Ist diesmal wirklich alles anders?

Als der tschechische Schriftsteller Karel Čapek Anfang des 20. Jahrhunderts das utopische Drama »Werstands Universal Robots« (im Original Rossumovi Univerzální Roboti) verfasste, konnte er nicht ahnen, welchen Siegeszug Roboter tatsächlich nehmen würden. Sein Stück erzählt von einem Unternehmen, das künstlich geschaffene Menschen verkauft. Massenweise werden diese Roboter als billige Arbeiter in der Industrie eingesetzt, bis sie die gesamte Weltwirtschaft verändern. Am Ende rebellieren die Kunstmenschen und vernichten die Menschheit. Das Stück gilt als Ursprung des Begriffs »Roboter«; in den Folgejahrzehnten wurde die Utopie eines »künstlichen Menschen« in Form einer Maschine schrittweise Realität.

Auch wenn der Mensch mitnichten aus der Fabrik hinausgeworfen wurde und moderne Industrieanlagen kaum jenen humanoiden Robotern ähneln, die Čapek vorschwebten, so hat die Automatisierung die Arbeitswelt entschieden geprägt – von den hochautomatisierten Prozessen in der Automobilproduktion, über den Ersatz von Tätigkeiten durch Software bis hin zu sogenannten Chatbots, textbasierten Dialogsystemen, die telefonische Servicehotlines ersetzen oder ergänzen. Die Wortschöpfung »Industrie 4.0« suggeriert nun einen weiteren technologischen Schub, da neue, leistungsfähigere Generationen von automatisierten Systemen mit Umgebungssensibilität (Sensorik) und Lernvermögen (Künstliche Intelligenz, KI) ausgestattet und über das sogenannte Internet der Dinge vernetzt werden können.

Dies ermöglicht zwar Fortschritte in der Robotik, zentral erscheinen daneben aber vor allem die mit riesigen Datenmengen (Big Data) angereicherten Informationsströme, mit denen Unternehmen und ganze Wertschöpfungsketten schneller auf Veränderungen in der Konsumentennachfrage angepasst werden sollen. Anwendungsfelder solcher Technologien beschränken sich längst nicht auf die Fertigung materieller Güter. Automatisierung durch Software betrifft auch »immaterielle« Arbeit wie die Tätigkeit in Call Centern, in der Sachbearbeitung bei Banken und Versicherungen oder sogar in der Programmierung von Software. Cloud-basierte Plattformen, eine IT-Infrastruktur, die über Internet verfügbar gemacht wird, ermöglichen zudem neue Formen der Arbeitsteilung im »Informationsraum«.[1] Das Spektrum reicht hier von intensiverer Kollaboration hochqualifizierter Wissensarbeiterinnen in räumlich verteilten Innovationsprozessen bis hin zu den fragmentierten Tätigkeiten prekärer Clickworker.

»Immer wieder wird Science Fiction zur Realität«, schreiben Brynjolfsson und McAfee in ihrem vielbeachteten Buch »The Second Machine Age«.[2] Sprunghafte oder sichtbare Entwicklungen in der Technologie treten angeblich als etwas nie Dagewesenes in Erscheinung, als »Revolution«, von der lediglich gewiss zu sein scheint, dass nichts so sein wird, wie es früher war. Wissenschaftler, Fachjournalistinnen oder Protagonisten der digitalen Ökonomie warnen schon länger vor technologischer Massenarbeitslosigkeit, der Übernahme der Macht durch Künstliche Intelligenz oder gleich beidem. Hintergrund dieser Prognosen ist, dass sich in den ersten Jahrzehnten des digitalen Zeitalters die Rechenleistung zwar stetig verdoppelte und zu einer Veränderung der Produktions- und Konsumweise führte, dass nun aber aufgrund eines exponentiellen Wachstums dieser Technologie in den nächsten Jahren mit einem qualitativen Umschlag zu rechnen sei. Von einer »KI-Revolution« spricht Kevin Drum; in seinem vielbeachteten Beitrag »You Will Lose Your Job to a Robot – and Sooner Than You Think« schreibt er: »Intelligente Roboter sind nicht nur so gut wie wir, sondern auch billiger, schneller und zuverlässiger als Menschen. Und sie können 168 Stunden pro Woche arbeiten, nicht nur 40. Kein Kapitalist mit klarem Verstand würde weiterhin Menschen beschäftigen.«[3]

Eine solche Sichtweise macht Technik zum Fetisch; mit höheren Kräften ausgestattet bricht sie gleichsam von außen über die Gesellschaft herein und revolutioniert diese – ein technologischer Determinismus. So führen Brynjolfsson und McAfee die Polarisierung der Arbeitswelt in hoch- und niedrigqualifizierte Tätigkeiten seit den 1980er-Jahren auf die Technik selbst zurück – und nicht etwa auf die rasante Deregulierung der Reagan-Ära. Auch in kritischeren Analysen wird oft von technischer Entwicklung auf gesellschaftliche Effekte geschlossen, wenn zum Beispiel vor künftiger Vollautomatisierung gewarnt wird, der man nur mit einem bedingungslosen Grundeinkommen begegnen könne.[4]

Mitunter verweisen an Marx orientierte kapitalismuskritische Analysen auf das berühmte Maschinenfragment, ein von Marx selbst so nicht genannter Textabschnitt aus den »Grundrissen«. Marx habe dort schon Mitte des 19. Jahrhunderts die Vollautomatisierung beschrieben und hellsichtig vorhergesagt – als Möglichkeit zur Überwindung des Kapitalismus. In diesen Manuskripten aus den Jahren der ersten Weltwirtschaftskrise 1857/58 versuchte Marx, seine jahrelangen ökonomischen Studien angesichts einer vermeintlich bevorstehenden Revolution zügig zusammenzufassen. In seiner Auseinandersetzung mit der Entwicklung der großen Industrie und den Auswirkungen von Maschinerie stellt er fest, dass die »unmittelbare Arbeit« des Menschen immer mehr aufhöre, Quelle des Reichtums zu sein, sodass auch die Arbeitszeit aufhören müsse, das Maß des Reichtums zu sein, und damit auch der Tauschwert aufhöre, das Maß des Gebrauchswerts zu sein: »[D]amit bricht die auf dem Tauschwert ruhende Produktion zusammen […]«[5]

Neben diesen sich auf Marx beziehenden utopistischen Fortschreibungen aktueller Entwicklung werden auch soziotechnische Dystopien formuliert, etwa jene von einer lückenlosen digitalen Kontrolle der Arbeit oder einer Atomisierung der gesamten Arbeiterklasse in ein Heer soloselbstständiger Crowdworker. Solche Konfliktfelder prägen die Arbeitswelt der Zukunft und Gegenwart tatsächlich, wie Streikende bei Amazon und Beschäftigte bei Mechanical Turk, Foodora oder UBER berichten. Eine Verabsolutierung neuer Tendenzen der Automatisierung, der digitalen Kontrolle oder der Arbeit auf Plattformen reproduziert jedoch einen Technikfetisch, der einer differenzierten Deutung des zeitgenössischen Kapitalismus, aus der sich politische Strategien ableiten ließen, im Wege steht.

Digitalisierung und Entwicklung der Produktivkraft

Die Beiträge in diesem Band zeichnen ein nicht weniger kritisches, aber differenziertes Bild der aktuellen Veränderungen. Ausgangspunkt ist dabei der marxsche Begriff der Produktivkraft. Dieser hilft aus mehreren Gründen bei einer fundierteren Einschätzung der aktuellen sozio-technischen Entwicklungen.

Erstens sensibilisiert Marx’ Verwendung des Begriffs dafür, dass die Entwicklung der Produktivkräfte nicht Selbstzweck, sondern bloßes Mittel für die Kapitalakkumulation ist. Das Niveau der Produktivkraft ist nicht allein durch den Stand der Technik als solcher bestimmt, sondern »durch mannigfache Umstände […], unter anderen durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsfähigkeit der Produktionsprozesses, und durch Naturverhältnisse«.[6]

In der Konkurrenz sind Unternehmen nun stets bestrebt, die Produktivkraft der Arbeit zu erhöhen, »wodurch die zur Produktion einer Ware gesellschaftlich erheischte Arbeitszeit verkürzt wird, ein kleineres Quantum Arbeit also die Kraft erwirbt, ein größeres Quantum Gebrauchswert zu produzieren«.[7] Die Entwicklung der Produktivkräfte ist kein exogener Faktor, sondern in das Kapitalverhältnis eingeschrieben, und die Entwicklung neuer Technologien und deren Einsatz ist in hohem Maße von diesem Verhältnis geprägt. Für die Deutung des aktuellen Technologieschubs ergibt sich daraus die Notwendigkeit, den Technikeinsatz im Rahmen der Strategien des Kapitals zu verstehen: Inwiefern dient er der Erhöhung des relativen Mehrwerts und dessen Realisierung, etwa indem durch Produktinnovation oder neue Formen der Interaktion mit den Kunden Marktvorteile gegenüber der Konkurrenz gewonnen werden sollen.

So verstanden verweist der Produktivkraftbegriff die Digitalisierung auf einen, materialistisch betrachtet, bescheideneren Platz. Sie bietet sozio-technische Lösungen, die in historisch spezifische Akkumulationsstrategien integriert werden. Sie passt sich ein in Tendenzen der Flexibilisierung, Finanzialisierung, Prekarisierung und der systemischen Rationalisierung ganzer Wertschöpfungsketten, die kennzeichnend für die Produktionsmodelle der jüngeren Vergangenheit sind. Neben ihrem Beitrag zur Rationalisierung der Produktion von Mehrwert dient die Digitalisierung auch Strategien zur Erhöhung der Umschlagsgeschwindigkeit von Waren, der Diversifizierung des Angebots und der Verbesserung der Produktqualität – Maßnahmen, mit denen Konkurrenzvorteile bei der Realisierung des Mehrwerts erzielt werden sollen.

Zweitens zwingt der Begriff der Produktivkraft zu einer genaueren Bestimmung dessen, was tatsächlich neu und revolutionär ist, und was nicht. Marx schreibt im Kapital: »Die moderne Industrie betrachtet und behandelt die vorhandene Form eines Produktionsprozesses nie als definitiv. Ihre technische Basis ist daher revolutionär, während die aller früheren Produktionsweisen wesentlich konservativ war.«[8] Aus dieser historischen Perspektive erscheinen die aktuellen Umbrüche mehr oder weniger in der Kontinuität vorangegangener, im Grunde permanenter Umbrüche. Zwar thematisieren sowohl die an Schumpeter angelehnte Theorie langer Wellen als auch die Regulationstheorie, dass der Kapitalismus sich mit der Entwicklung neuer Basistechnologien sehr wohl zu »häuten« vermag. Doch stellt sich die Frage, welcher Grad an Veränderung es rechtfertigt, von einer qualitativ neuen Phase zu sprechen. In der jüngeren Diskussion haben sich eine Reihe von »Bindestrich-Kapitalismen« (Sabine Pfeiffer) etabliert, wie zum Beispiel der oft beschworene »digitale Kapitalismus« (Nachtwey/Staab), der »Überwachungskapitalismus« (Zuboff), der »Plattform-Kapitalismus« (Srnicek) oder der »kybernetische Kapitalismus« (Schaupp).[9] Diese Beiträge liefern bestechende Analysen bestimmter Aspekte der digitalen Ökonomie. Eine Gesamtschau dessen, wie sie sich in den Gesamtzusammenhang kapitalistischer Akkumulation einbetten und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, steht aber noch aus.

Ein dritter Aspekt ergibt sich aus einem erweiterten Verständnis von Produktivkraft, das auch die Bedeutung von Kooperation, Qualifikation, Stand der Wissenschaft oder Hierarchien für ihr Entwicklungsniveau berücksichtigt. Der Einsatz neuer Formen der Robotik und der entsprechenden Abstimmung von Arbeits- und Produktionsprozessen bringt aufwendigere, andere und neue Formen der Kooperation mit sich, sowie Veränderungen von Qualifikationsanforderungen, Aufgabenzuschnitten und Kontrollformen. Der methodische Fehler in den meisten Prognosen zur Vollautomatisierung liegt darin, dass diese notwendige Vermittlung nicht mitgedacht wird, was zu jenem Kurzschluss zwischen abstraktem technischen Potenzial und Arbeitsmarktentwicklung führt. Vielfach ist jedoch zu beobachten, wie der Einsatz neuer Technologien das menschliche Arbeitsvermögen stärker fordert und ohne eine aufwendige Neugestaltung der Arbeitsorganisation kaum zu realisieren ist.[10] Ein Grund dafür liegt in der zunehmenden Komplexität von Fertigungsprozessen, deren Ausmaß erst deutlich wird, wenn wir nicht nur den einzelnen Betrieb, sondern das ganze Ensemble von »immateriellen« Tätigkeiten wie Forschung und Entwicklung, Marketing, Koordination der Teilprozesse usw. betrachten, dass die Produktion erst möglich macht. Auch neue Ansätze der Arbeitsorganisation wie »agiles Arbeiten« im Angestelltenbereich reflektieren gestiegene Flexibilitätsanforderungen. Verbunden damit sind auch höhere Anforderungen an die Fähigkeit zu »sozialen Innovationen«, mit denen das abstrakte Potenzial der Technik erst zu einem funktionierenden sozio-technischen Organismus zusammengesetzt werden kann.

Dieser Blick auf den Gesamtorganismus der Wertschöpfung eröffnet eine andere Perspektive auf die Grenzen von Automatisierung. Der abstrakten Möglichkeit, bestimmte Arbeitstätigkeiten durch Maschinen zu ersetzen, steht die zunehmende Komplexität von Prozessen gegenüber, die ständig an veränderte Umweltbedingungen angepasst werden müssen. Statt von der Automatisierung eines als statisch angenommenen Arbeitsprozesses auszugehen, muss das Bild dynamisiert, der stetige Wandel der Verfahren in Rechnung gestellt werden. Die Vollautomatisierung in der Automobilindustrie wäre vermutlich schon erreicht, wenn die Produktentwicklung auf dem Stand von Fords Modell T geblieben wäre, das verhältnismäßig einfach aufgebaut und Anfang des 20. Jahrhunderts nur in einer Ausführung hergestellt wurde. Aber die Autoindustrie ist von schnellen Innovations- und Produktzyklen, einer hohen Produktvielfalt und komplexen Produktarchitekturen geprägt. Hinzu kommt die Entstehung ganz neuer Anforderungen und Sektoren, wie zum Beispiel der IT-Industrie in den letzten Jahr zehnten, in denen Arbeit auf neue Weise zur Produktion von Mehrwert eingesetzt wird. Marx’ Kapitel über die »industrielle Reservearmee« im »Kapital« bietet einen Anknüpfungspunkt für diese »dynamischere« Sichtweise.[11] Für Marx steht nicht der stetige Aufbau einer immer höheren Sockelarbeitslosigkeit im Vordergrund, sondern die zyklische Aufnahme und Abstoßung eines Teils der Arbeitskräfte in die Kapitalakkumulation, gemäß der Logik, Prozesse stets zu rationalisieren und Arbeit »auf neuer Stufenleiter« zu vernutzen, in neuen Funktionen, in neuen Sektoren, zur Befriedigung neuen Konsums, der wiederum aufwendigere Fertigungsprozesse erfordert.

Diese Interpretation verweist auf eine vierte gewinnbringende Perspektive zur Deutung des Gegenwartskapitalismus: die Beziehung zwischen Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnissen. Unternehmensverbände und Marktforschungsinstitute prognostizieren enorme Wachstumseffekte durch den Einsatz von Robotik, Internet der Dinge und KI – und blenden dabei vollkommen aus, dass schon die sogenannte dritte industrielle Revolution, die Einführung der Mikroelektronik in wirtschaftliche Prozesse ab Anfang der 1970er-Jahre, kaum Wachstum nach sich gezogen hat. Der aktuelle Technologieschub findet im Kontext einer langen Phase schwachen Wirtschaftswachstums statt. Dies prägt die Formen des Einsatzes von Technologie und setzt ihm zugleich Grenzen. Kim Moody weist in seinem Beitrag in diesem Band auf die gegenwärtige Investitionszurückhaltung hin, die im krassen Gegensatz zu der Behauptung steht, Unternehmen könnten sich durch den digitalen Technologieeinsatz ins Land aus Milch und Honig katapultieren. Ganz im Gegenteil erfordern Digitalisierungsstrategien höhere Investitionen in Kapitalgüter und in die Neugestaltung sozialer Prozesse. Ihre Refinanzierung und Rentabilität ist angesichts stagnierender und umkämpfter Märkte alles andere als sicher. Die sogenannte vierte industrielle Revolution verläuft daher – jenseits des Diskurses – nicht als Umwälzung, sondern eher als ein zaghafter Suchprozess, in dem Unternehmen ausgewählte Einzelprozesse verändern, um die Produktivität zu steigern. Ob es sich tatsächlich rentiert, ist offen. Ein Pumpenhersteller aus dem Westerwald zum Beispiel digitalisierte Produktionsprozesse nach dem Rezept der Industrie 4.0. Er konnte dadurch zwar diversifizieren, also mehr unterschiedliche Pumpen für den industriellen Einsatz herstellen, um nicht mehr von wenigen Großkunden abhängig zu sein. Aber die Kunden waren nicht bereit, die höheren Preise für die individualisierten Produkte zu bezahlen. Hier führten die Investitionen in Digitalisierung zu keinen höheren Profiten und faktisch bedeutete Industrie 4.0 eine Senkung der Arbeitsproduktivität.[12]

Dieser Fall mag ein besonders drastisches Beispiel sein, doch verbirgt sich dahinter ein allgemeines Problem kapitalistischer Akkumulation: Die theoretisch denkbaren Potenziale neuer Technologien stoßen an die sozialen Grenzen von Produktionsverhältnissen, in die der Zwang zu ständigem Wachstum eingeschrieben ist. Die Tendenz des Kapitals, durch Einsparung lebendiger Arbeit Kosten zu senken, steht im Widerspruch dazu, dass die Ausbeutung lebendiger Arbeit die einzige Quelle für die Verwertung des Kapitals darstellt. Dies äußert sich auch in der Fixierung auf Technikanwendungen, mit denen durch eine Kombination von Nutzerdatenanalyse und flexibler Anpassung der Herstellungsprozesse Marktanteile erobert werden sollen. Solche Anwendungen können Unternehmen zwar Konkurrenzvorteile bieten, aber das Marktvolumen nimmt dadurch insgesamt nicht zu. Die Hoffnung auf ein technologieinduziertes Wachstum bleibt somit ein »falsches Versprechen«[13] und die Möglichkeiten, diejenigen Technologien weiterzuentwickeln, die tatsächlich den gesellschaftlichen Nutzen vergrößern könnten, bleiben trotz des Hypes um Industrie 4.0 und KI beschränkt.

Die Beiträge in diesem Band

Die kurze Skizze einer Deutung des aktuellen Technologieschubs mit dem Begriff der Produktivkraft verweist auf eine Aufgabe, die noch eingelöst werden muss. Auch die in diesem Band veröffentlichten Beiträge stellen nur Bausteine eines solchen Projekts dar. In der Gesamtschau zeichnen sie aber ein vielfältiges und genaues Bild, das nötig ist, um theoretisch verallgemeinern zu können.

Den Band eröffnet Judy Wajcman mit einer Sammelbesprechung mehrerer aktueller Bücher, die sich mit den Auswirkungen von Automatisierung und Robotik auf die Zukunft von Arbeitsplätzen befassen. Die meisten Texte in diesem Genre prognostizieren, dass die gegenwärtige Phase der digitalen Technologie in bisher ungekannter Weise zu einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen führen werde und sich daher die heutige Welle der Automatisierung von früheren Wellen unterscheide. Die Besprechung betrachtet diese Behauptungen kritisch und relativiert einige der Übertreibungen hinsichtlich Automatisierung, Robotik und Künstlicher Intelligenz und fordert dazu auf, die sozialen Dimensionen der technologischen Entwicklung wieder in den Blick zu nehmen.

Im ersten Abschnitt finden sich Beiträge, die das Phänomen der Automatisierung begrifflich und historisch reflektieren. Elena Lange ordnet Rationalisierung und damit Digitalisierung in die marxsche Theorie der relativen Mehrwertproduktion ein. Dorothea Schmidt widmet sich dem Untersuchungsgegenstand, den Marx in seiner Zeit vor Augen hatte und auf den er sich bezog: die industrielle Revolution und Mechanisierung im 19. Jahrhundert. In ihrem Faktencheck kommt sie zu dem Schluss, dass Marx sich zum Teil auf einseitige Quellen stützte, was sich insbesondere in einer Überschätzung der Auswirkungen von Automatisierung äußert. Karsten Uhl schreibt über die Automatisierungsvisionen im 20. Jahrhundert und zeigt, dass die Angst vor technologischer Massenarbeitslosigkeit durch eine »menschenleere Fabrik« nicht erst ein Phänomen der heutigen Zeit ist.

Frigga Haug nimmt die Leserinnen mit auf eine Zeitreise und berichtet von dem von ihr ab 1972 geleiteten Forschungsprojekt »Automation und Qualifikation« (PAQ). Das Projekt hatte sich das Ziel gesetzt, in den schnellen technologischen Umbrüchen seiner Zeit eine offensive gewerkschaftliche Politik vom Standpunkt der Arbeitenden herauszuarbeiten. Sie formuliert vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen Fragen, die untersuchungsleitend für aktuelle Forschungen sein könnten. Christian Meyer wirft einen Blick in vergangene materialistische Technologiedebatten und postuliert, dass es in der zeitgenössischen Sozialwissenschaft an Anschlüssen an vergangene Diskussionen und auch an einer Rezeption der marxschen Analyse fehle.

Mit Kim Moody führt der Band in die Analysen der gegenwärtigen Entwicklungen ein. Die Autorinnen und Autoren widmen sich im zweiten und dritten Abschnitt dem Einsatz der Roboter an den »verborgenen Stätten der Produktion« (Marx), sowie den Auswirkungen der Digitalisierung und Computerisierung auf die zeitgenössischen Arbeits- und Produktionsverhältnisse. Moody untersucht, wie und warum Roboter allen futuristischen Hypes zum Trotz überraschend langsam eingeführt wurden. Ironischerweise habe der zunehmende Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) eher zu einem Anstieg der Beschäftigung geführt. Moody führt aus, dass sowohl die Dynamik der Kapitalakkumulation wie die Turbulenzen des Kapitalismus in den USA und auf globaler Ebene zu einem Rückgang der Investitionen in arbeitssparende Technologien geführt haben – ein Hindernis für den prognostizierten Ersatz lebendiger Arbeit.

Sabine Pfeiffer analysiert am Einsatz von Leichtbaurobotern, wie die digitale Transformation ihre Wirkkraft entfaltet, beziehungsweise wie und warum sie das in diesem Falle gerade nicht tut. Auch die Landwirtschaft ist Anwendungsfeld für Roboter und Digitalisierung. Wie dies geschieht und welche Auswirkungen es für die Arbeitsverhältnisse und für die politische Ökonomie der Nahrungsmittelproduktion hat, beschreiben Franza Drechsel und Kristina Dietz.

Technisch bedingte Rationalisierung findet nicht nur innerhalb eines einzelnen Betriebs statt, sondern auch zwischen Betrieben, an den Orten der Lagerung und auf den Wegen des Transports. Ziel einer digital unterstützten Optimierung ist hier eine effizientere Verzahnung von funktional und räumlich separierten Produktionsprozessen. Welche Formen dies annimmt und was dies für die geografische Verteilung von Produktionsstandorten bedeutet, führt Florian Butollo in seinem Artikel über die Reorganisation globaler Wertschöpfungsketten aus. Nadine Müller thematisiert, wie mit der Computerisierung die produktivitätssteigernde Wirkung der industriellen Kooperation und Arbeitsteilung, insbesondere der hierarchischen Trennung von Kopf- und Handarbeit, von Leitung und Ausführung verloren geht und damit – bislang ungenutzte – Potenziale einer Demokratisierung entstehen. Phoebe Moore untersucht den Einsatz neuer Sensorik- und Tracking-Technologien am Arbeitsplatz, wie sie mit neuen Managementkonzepten wie agiles Arbeiten zusammenspielen und wie sich dies auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten auswirkt.

Im letzten Teil des Bandes werden Deutungsangebote entlang des Schlagworts »Plattform-Kapitalismus« vorgestellt. Christine Gerber stellt Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu Arbeitsprozessen auf Crowdwork-Plattformen vor, bei denen die Tätigkeiten von selbstständig Arbeitenden über ein Internetportal vermittelt, ausgeführt und bezahlt werden. Plattformen fehlen die klassischen betrieblichen Strukturen; stattdessen stehen sie einer anonymen, flexiblen und global verteilten Arbeiterschaft gegenüber. Handelt es sich bei diesen Arbeitsformen um etwas ganz Neues oder handelt es sich um »Alte Herrschaft in digitalen Gewändern«?

Felix Gnisa zeigt anhand der Beispiele der Plattform Uber, die Autofahrten vermittelt, und Amazon Mechanical Turk, einer Plattform für unterschiedlichste Kleinstjobs am PC, wie sich die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital verglichen mit der klassischen Fabrik des industriellen Zeitalters verändert und welche andere Qualität hier bestimmend ist.

Dieses analytische Konzept könnte, so der Autor, dazu dienen, die Möglichkeit einer Transformation von Technologie für eine demokratische Arbeitsorganisation auszuloten.

Sebastian Sevignani widmet sich der Figur der »Prosumenten«, die Internetdienste wie Facebook oder Google nutzen (konsumieren) und dabei zugleich Daten hinterlassen (produzieren), die dann von den digitalen Firmen als Rohstoff ihrer profitorientierten Produktion genutzt werden. Insbesondere geht es um die vermehrt diskutierte Frage, ob diese Tätigkeiten Wert und Mehrwert produzieren und damit eine neue Form kapitalistischer Ausbeutung darstellen können.

Timo Daum geht dem aktuellen Hype um Künstliche Intelligenz nach und konstatiert, dass wir uns derzeit in einer Phase der KI-Entwicklung befinden, in der ihre Anwendungstechnologien von Digitalkonzernen massenmarktfähig gemacht und zur Alltagstechnologie werden. Damit gelinge es auch, eine neue gesellschaftliche Betriebsweise zu konsolidieren, in der die Extraktion, Auswertung und Verwertung von Daten ins Zentrum der ökonomischen Aktivität gerate.

Im letzten Beitrag wenden sich Simon Schaupp und Georg Jochum der Frage zu, welches Potenzial die gegenwärtige technologische Entwicklung für eine grundsätzliche Veränderung der kapitalistischen Produktionsweise bietet. Mit dem Begriff der »Steuerungswende« diskutieren sie die Möglichkeit einer nachhaltigen und demokratischen Wirtschaftsplanung im digitalen Zeitalter.

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[1] Andreas Boes/Tobias Kämpf/Barbara Langes/Thomas Lühr: »Lean« und »agil« im Büro. Neue Formen der Organisation von Kopfarbeit in der digitalen Transformation, Bielefeld 2018.

[2] Erik Brynjolfsson/Andrew McAfee: The Second Machine Age. Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird, Kulmbach 2014.

[3] Kevin Drum: You Will Lose Your Job to a Robot — and Sooner Than You Think. Automation helped bring on the age of Trump. What will AI bring?, in: MotherJones, November/December 2017, unter: www.motherjones.com/politics/2017/10/you-will-lose-your-job-to-a-robot-and-sooner-than-you-think.

[4] Paul Mason: Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016; Nick Srnicek/Alex Williams: Die Zukunft erfinden. Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit, Berlin 2016.

[5] Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke [MEW], Berlin 1956ff., Bd. 42, S. 601. Ob dies aber der marxschen Weisheit letzter Schluss war, ist hoch umstritten. In den späteren analytischen Schriften finden sich solche apodiktischen Folgerungen nicht mehr. Vgl. Michael Heinrich: The Fragment on Machines. A Marxian Misconception in the »Grundrisse« and its Overcoming in »Capital«, in: Riccardo Bellofiore/Guido Starosta/Peter D. Thomas (Hrsg.): In Marx’s Laboratory: Critical Interpretations of the Grundrisse, Leiden 2013, S. 197–212.

[6] Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, MEW, Bd. 23, S. 54.

[7] Ebd., S. 333.

[8] Ebd., S. 510–511.

[9] Simon Schaupp: Vergessene Horizonte. Der kybernetische Kapitalismus und seine Alternativen, in: Paul Buckermann/Anne Koppenburger/Simon Schaupp (Hrsg.): Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen. Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel, Münster 2017; Nick Srnicek: Plattform-Kapitalismus, Hamburg 2018; Oliver Nachtwey/Philipp Staab: Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus, in: Sabine Maasen/Jan-Hendrik Passoth (Hrsg.): Soziologie des Digitalen – Digitale Soziologie, Sonderband der Zeitschrift Soziale Welt, 2019 (i.E.); Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Frankfurt a. M./New York 2018.

[10] Vgl. die Beiträge von Dorothea Schmidt, Sabine Pfeiffer und Nadine Müller in diesem Band.

[11] MEW, Bd. 23, S. 657–677.

[12] Konrad Fischer: Vorwärts in die Vergangenheit, in: Wirtschaftswoche, 18.1.2019.

[13] Philipp Staab: Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus, Hamburg 2016.

13:14 25.07.2019

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Biographien Florian Butollo ist Leiter der Forschungsgruppe "Arbeiten in hoch automatisierten digital-hybriden Prozessen" in Berlin. Sabine Nuss gab zuletzt das Buch "Der ganz normale Betriebsunfall. Viermal Marx zur globalen Finanzkrise" heraus
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