Ziel und Weg

Leseprobe "Für mich war die Mutter aller Fragen jedoch stets die folgende: Warum lohnt es sich immer, für die eigenen Ziele zu kämpfen, selbst wenn die Chancen auf die erhoffte Veränderung gering scheinen?"
Ziel und Weg
Foto: Adam Berry/Getty Images

Vorwort

Warum ich dieses Buch geschrieben habe

Ich bin in der DDR aufgewachsen, ich bin eine Frau, und ich bin ein politisch denkender und engagierter Mensch. Drei Gründe, warum ich in meinem Leben schon gegen allerlei Mauern angerannt bin – Mauern, die uns als Individuen und als Gesellschaft im Fortschritt behindern. Ich habe aber auch schon die eine oder andere Mauer (mit) eingerissen und möchte diese prägende Erfahrung mit meinen Leserinnen und Lesern teilen, vor allem jedoch die Erkenntnis, dass es immer Grund zur Hoffnung gibt, auch da, wo es auf den ersten Blick nicht danach aussieht. Darum ist dies ein persönliches Buch geworden – es enthält viele eigene Erlebnisse, vor und nach dem Mauerfall, aber auch meine Überzeugungen, wie wir unsere Gegenwart und Zukunft gestalten sollten.

Dieses Buch möchte auch Antworten geben auf Fragen, die mir immer wieder gestellt werden, wenn ich bei Vorträgen oder Workshops über mein Leben oder die Themen, die mir wichtig sind, spreche und dazu viele kleine Geschichten erzähle. Es lag wohl auch an diesen Geschichten, dass ich in den letzten Jahren immer häufiger gebeten wurde, doch ein Buch zu schreiben. Ich schreibe sehr gern, hin und wieder auch für Medien, meist sind das aber Fachartikel, vor allem über transparente Politik und Verwaltung. Doch ein Buch, noch dazu ein sehr persönliches – das ist etwas anderes, dafür braucht es mehr Zeit, mehr Muße und mehr Mut. Es ist ein Unterschied, ob man ganz neutral über die Forderung nach mehr Chancengleichheit in deutschen Führungsetagen schreibt oder über eigene, teils haarsträubende Erlebnisse, die man als Frau und Mutter in deutschen Führungsetagen aushalten musste.

Das heißt dann auch, über Beziehungen zu schreiben, über die eigene Familie, über Freundschaften, über Gutes daran und über Schwieriges. Wer aber über Persönliches schreibt, gibt viel von sich preis. Das macht verletzbar und ist ein Risiko. Im Herbst 2012 verfasste ich für die FAZ schon einmal einen persönlichen Text: Ich schrieb über den Wende-Film Der Turm und spannte darin einen Bogen zu meinem Leben und dem meiner Familie. Zu dieser Zeit war ich schon seit Monaten im Gespräch mit dem Heyne Verlag, die Buchidee war bereits konkreter geworden. Die außerordentlich positive Resonanz auf den FAZ-Artikel gab mir dann den letzten Push. Ich wagte das Risiko, mich, mein Leben und meine Vergangenheit transparenter und damit auch angreifbarer zu machen.

Ich möchte so einen Beitrag leisten für den überfälligen kulturellen Wandel hin zu einer offenen, partizipativen und geschlechtergerechten Gesellschaft. Dieses Buch enthält viel Autobiografisches und Erlebnisse Dritter sowie zugleich Erkenntnisse aus Studien und Forschung, weil ich glaube, dass genau diese Kombination meinen Leserinnen und Lesern hilft, scheinbar individuelle Probleme zu erkennen als Probleme, die strukturelle und gesellschaftliche Ursachen haben und weit über den Einzelfall hinausgehend relevant sind. Auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes verbunden mit Erlebtem lassen sich auch Lösungsideen überzeugender vermitteln.

Aber worum soll es konkret gehen? Wie eingangs beschrieben, möchte ich vor allem Fragen beantworten. Sie betreffen zum Ersten meine Biografie: Wie war denn das Leben in der DDR? Hatten Sie Kontakt mit der Stasi? Wie haben Sie den Mauerfall erlebt? Wie haben Sie als Ostfrau den Westen erlebt?

Andere Fragen befassen sich mit meiner Forderung nach mehr Geschlechtergerechtigkeit, nach dem Einreißen gläserner Decken, die Frauen am beruflichen Fortschritt behindern, zum Beispiel: Wieso fordern Sie mehr Frauen in Führungspositionen, man kann doch Frauen, die keinen Bock auf Karriere haben, nicht dazu zwingen? Wozu ist die Quote gut, und ist das nicht eine neue Diskriminierung von Männern? Warum ist im Osten Deutschlands der Anteil von Frauen im Management viel höher, aber der Gehaltsunterschied viel kleiner als im Westen? Ergreifen Frauen nicht selbst die falschen Berufe und landen deshalb im Niedriglohnsektor und auf dem Abstellgleis? Wie haben Sie es geschafft, in einem männerdominierten Umfeld Karriere zu machen – trotz Kind? Wie können alle Frauen die gläsernen Decken durchbrechen?

Und schließlich gibt es häufig Fragen zu meinem zweiten Spezialthema, der Forderung nach einer Öffnung des Staates, nach dem Einreißen von Barrieren, die wir heute zwischen Staat und BürgerInnen jeden Tag beobachten können: Welche Ursachen haben sie, und wie kann Transparenz und mehr Bürgerbeteiligung daran etwas ändern? Bedeutet mehr Bürgerbeteiligung nicht die Abschaffung der repräsentativen Demokratie? Wie können Bürgerinnen und Bürger sich mehr einmischen und mehr Rechte erhalten? Wie sieht ein Politikstil aus, der zukunftsfähig ist? Was bedeutet es für das Verhältnis von Bürgern und Staat, wenn Bürger einen gläsernen Staat wollen, aber nicht bekommen, und andererseits der Staat aus uns gläserne Bürger machen möchte und seit Jahren am Ausbau der Massenüberwachung arbeitet? Welche Gefahren liegen in der Nutzung der Werkzeuge eines totalitären Staates für die Demokratie, und wie kann man sie bannen?

Über alle Themen hinweg war für mich die Mutter aller Fragen jedoch stets die folgende: Warum lohnt es sich immer, für die eigenen Ziele zu kämpfen, selbst wenn die Chancen auf die erhoffte Veränderung gering scheinen? Wie nährt man Hoffnung und Energie auch in aussichtslos scheinenden Fällen? Wenn Sie sich für die Antworten auf all diese Fragen interessieren, freue ich mich sehr, denn dieses Buch habe ich geschrieben, um andere dafür zu begeistern, Mauern und Barrieren einzureißen.

Viel Spaß beim Lesen,
Anke Domscheit-Berg

13:00 30.01.2014

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