Gegen den Mythos

Leseprobe "Das ganze dumme Gerede läuft einzig darauf hinaus, Che zum Mythos zu machen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, diesen Mythos zu zerstören und meinem Bruder wieder ein menschliches Antlitz zu geben."
Gegen den Mythos
Foto: Aizar Raldes/AFP/Getty Images

LA QUEBRADA DEL YURO

Ich habe siebenundvierzig Jahre damit gewartet, den Ort aufzusuchen, an dem man meinen Bruder Ernesto Guevara ermordete. Alle Welt weiß, dass er am 9. Oktober 1967 im ärmlichen Unterrichtszimmer der Gemeindeschule von La Higuera, einem gottverlassenen Dörfchen im Süden Boliviens, auf feige Art erschossen wurde. Man hatte ihn am Tag zuvor in der Talsohle der Quebrada del Yuro ergriffen, wo er sich in einer kahlen Schlucht verschanzt hatte, als ihm klar geworden war, dass sein aufgeriebenes, zahlenmäßig unterlegenes und von Hunger und Durst geschwächtes Guerillagrüppchen von der Armee umzingelt war. Man sagt, er sei in Würde gestorben und seine letzten Worte seien »Póngase sereno y apunte bien. Va a matar a un hombre« gewesen: Zeigen Sie Haltung und zielen Sie gut. Sie töten einen Menschen. Der unglückliche Mario Terán Salazar, den man auserkoren hatte, den schmutzigen Job zu erledigen, zitterte am ganzen Leib. Che galt seit elf Monaten als Staatsfeind Nummer eins der bolivianischen Armee, vielleicht des gesamten südamerikanischen Kontinents. Aber er war auch eine Legende, ein geradezu mythischer Gegner, umgeben von einer Aura des Ruhms und hochgeachtet für seine Tapferkeit und seinen Sinn für Recht und Gerechtigkeit. Und wenn dieser Che, der ihn jetzt mit seinen großen, dunklen Augen ansah, ohne mit der Wimper zu zucken und, wie es schien, ohne ihn zu verurteilen, nun doch der Freund und Anwalt der Gedemütigten und nicht der blutdürstige Revolutionär war, als den Salazars Vorgesetzte ihn abgestempelt hatten? Oder wenn seine Jünger, denen unbedingte Loyalität nachgesagt wurde, eines Tages beschlossen, ihn zu jagen und Ches Ermordung zu rächen?

Mario Terán Salazar hatte sich zuvor Mut antrinken müssen, um abdrücken zu können. Als er jetzt Che sah, der ruhig dasaß und wartete, dass sich, wie er wohl wusste, sein unausweichliches Schicksal erfüllte, war er schweißgebadet aus dem Klassenzimmer gestürzt. Seine Vorgesetzten hatten ihn zwingen müssen, wieder hineinzugehen.

Mein Bruder starb in aufrechter Haltung. Sie wollten ihn im Sitzen töten, um ihn zu demütigen. Er protestierte und gewann diese letzte Schlacht. Zu seinen zahlreichen Vorzügen und Talenten zählte eben auch die Kunst der Überzeugung.

Ich habe mir ein neues Paar Turnschuhe gekauft, um in die Quebrada del Yuro hinabzusteigen. Es ist eine tiefe Schlucht, die hinter La Higuera jäh senkrecht abstürzt. Hier zu sein, ist für mich sehr schwer und schmerzhaft. Aber notwendig. Seit Jahren nehme ich diese Wallfahrt auf mich. Vorher war es mir fast unmöglich, hierher zu kommen. In den ersten Jahren war ich noch zu jung und seelisch nicht gewappnet. Danach herrschten in Argentinien Faschismus und Unterdrückung, und ich vegetierte fast neun Jahre lang in den Kerkern der Militärjunta vor mich hin, die im März 1976 gewaltsam die Macht an sich riss. Ich lernte, in Deckung zu bleiben. Im politischen Klima meines Landes mit Che Guevara in Verbindung gebracht zu werden, war lange lebensgefährlich.

Nur mein Bruder Roberto hat diesen Ort besucht, im Oktober 1967, als die Nachricht von Ernestos Tod eintraf und die Familie ihn entsandte, die Leiche zu identifizieren. Er kehrte tief bestürzt und verwirrt zurück. Als er in Bolivien eintraf, waren die sterblichen Überreste unseres Bruders spurlos verschwunden. Die bolivianischen Militärs hatten Roberto per Schiff von einer Stadt zur anderen geschickt und ihm jedes Mal eine andere Geschichte aufgetischt.

Mein Vater und meine Schwestern Celia und Ana María fanden nie den Mut zu dieser Reise. Eine Krebserkrankung hatte zwei Jahre zuvor meine Mutter hingerafft. Hätte sie nicht schon im Grabe gelegen, Ernestos Ermordung hätte sie mit Sicherheit dorthin gebracht. Sie hatte ihn geradezu vergöttert.

Ich bin die 2600 Kilometer von Buenos Aires im Auto von Freunden hergekommen. Wir hatten 1967 nicht die leiseste Ahnung, wo Ernesto sich aufhielt. Er hatte Kuba klammheimlich verlassen. Nur eine Handvoll Menschen, darunter Fidel Castro, wussten, dass er nun für die Befreiung des bolivianischen Volkes kämpfte. Meine Familie erging sich in Vermutungen, wähnte ihn am anderen Ende der Welt oder vielleicht in Afrika. In Wirklichkeit war er keine dreißig Autostunden von unserem Zuhause entfernt in Buenos Aires. Jahre später erfuhren wir, dass er sich zuvor mit einem Dutzend Afro-Kubanern im belgischen Kongo aufgehalten hatte, um die Simba-Rebellen zu unterstützen.

Auf dem Kamm der Schlucht spricht mich ein Fremdenführer an. Er weiß nicht, wer ich bin, und ich verspüre wenig Lust, mich ihm zu erkennen zu geben. Er verlangt Geld von mir und verspricht, mich an die Stelle zu führen, wo Che festgenommen wurde. Der Tod meines Bruders hatte sich in ein Geschäft verwandelt. Ich bin wütend. Che verkörperte das genaue Gegenteil von skrupellosem Gewinnstreben. Vor Empörung kann der Freund, der mich begleitet, nicht mehr an sich halten und sagt dem Kerl, wer ich bin. Wie er es wagen könne, dem Bruder von Che Geld aus der Tasche zu ziehen, wenn dieser zum ersten Mal den Ort aufsucht, an dem sein Bruder ums Leben kam? Der Führer entfernt sich mit einer Verneigung und fixiert mich mit großen Augen, als habe er gerade eine Erscheinung gehabt. Er stammelt einen Rosenkranz von Entschuldigungen, die ich nicht einmal verstehe. Ich bin das gewohnt. Der Bruder von Che zu sein, war nie leicht. Sobald sie es wissen, verschlägt es ihnen die Sprache. Christus kann unmöglich Brüder oder Schwestern haben. Und mit Che verhält es sich ein bisschen wie mit Christus. In La Higuera und Vallegrande, wohin seine Leiche am 9. Oktober gebracht worden war, um der Öffentlichkeit präsentiert zu werden, bevor sie verschwand, ist er zum Heiligen Ernesto von La Higuera geworden. Die Einwohner beten vor seinem Bild. Ich respektiere ja im Allgemeinen religiöse Bräuche, aber das hier ist mir unendlich peinlich. Seit meiner Großmutter väterlicherseits, Ana Lynch-Ortiz, glaubt in meiner Familie kein Mensch mehr an Gott. Meine Mutter ist nie mit uns zur Messe gegangen. Ernesto war ein Mensch. Man muss ihn von diesem Podest herunterholen, muss diese zur Bronzestatue erstarrte Figur wieder mit Leben füllen, damit seine Botschaft lebendig bleibt. Che hätte darauf gespuckt, zum Idol zu werden.

Schweren Herzens mache ich mich auf den Weg hinab zum Schicksalsort. Die Kargheit der Schlucht erstaunt mich. Ich hatte dichte Vegetation erwartet. In Wirklichkeit gleicht die Natur hier mit ihren wenigen trockenen, knorrigen Büschen einem Ödland. Ich verstehe jetzt besser, dass Ernesto sich wie eine Ratte in der Falle gefühlt haben muss. Es war praktisch unmöglich, nicht von den Soldaten entdeckt zu werden, die seit dem Vortag die Schlucht einkesselten.

Ich erreiche den Ort, an dem er durch eine Kugel ins linke Bein und eine zweite in den rechten Unterarm verwundet wurde. Ich bin aufgewühlt. Vor dem mickrigen Baum, an den er sich am 8. Oktober gelehnt hatte, bedeckt ein in Beton eingelassener Stern die trockene Erde. Er markiert genau die Stelle, an der Che saß, als man ihn aufspürte. Beklommenheit ergreift mich. Zweifel plagen mich. Ich spüre seine Gegenwart. Er tut mir leid. Ich frage mich, was er da ganz allein gemacht hat. Warum war ich nicht bei ihm? Natürlich hätte ich bei ihm sein müssen. Auch ich war ja immer aktiv im politischen Kampf. Schließlich war er nicht nur mein Bruder, sondern auch mein Kampfgenosse und Vorbild. Ich war damals erst dreiundzwanzig Jahre alt, aber das entschuldigt nichts. In der kubanischen Sierra Maestra, dem Gebirgsmassiv, von dem der bewaffnete Kampf seinen Ausgang nahm, in dessen Verlauf Fidel Castro ihn zum Comandante ernannt und wo er sich militärisch ausgezeichnet hat, kämpften ja auch Fünfzehnjährige! Ich wusste zwar nicht, dass er in Bolivien war, aber ich hätte es doch wissen müssen! Ich hätte damals, im Februar 1959, den Einspruch meines Vaters in den Wind schlagen und mit ihm auf Kuba bleiben sollen.

Ich setze mich hin, besser gesagt, ich sacke an der Stelle zusammen, an der er gesessen hatte. Ich sehe sein schönes Gesicht wieder, seinen hypnotischen und forschenden Blick, sein verschmitztes Lächeln. Ich fand dieses Lächeln immer ansteckend, seine Stimme, seine undefinierbare Intonation. Mit den Jahren in Mexiko und später auf Kuba hatte sich sein Spanisch in eine Mischung aus drei Akzenten verwandelt. Hat er sich verlassen, besiegt gefühlt?

Manche der Fragen, die ich mir jetzt stelle, betreffen materielle Details. Andere haben mit meinen Gefühlen zu tun. Che war nicht allein, sondern hatte sechs Mitkämpfer bei sich, die mit ihm verhaftet wurden. Hätte ich ihm zur Flucht verhelfen können? Schließlich war es am selben Tag fünf weiteren Weggenossen, darunter Guido »Inti« Peredo, gelungen, dem Hinterhalt zu entkommen. Warum nicht ihm? Ich lasse die Ereignisse Revue passieren, die dem Tod meines Bruders vorangingen. Hatte man Che verkauft? Und wenn ja, wer? Es gibt darüber mehrere Hypothesen, aber weil es eben nur Hypothesen sind, ziehe ich es vor, mich nicht damit aufzuhalten. Ernesto kämpfte unter dem Decknamen Ramón Benítez. Den Vornamen Ramón soll er im Andenken an Julio Cortázars Erzählung Reunión gewählt haben, die von den Schicksalen einer Gruppe von Revolutionären in der kubanischen Sierra Maestra handelt. Es umgab ihn ein mysteriöser Nimbus. Gefüttert mit Geheimdienstberichten der CIA – die sich schamlos in René Barrientos’ Präsidentenpalast in La Paz eingenistet hatte – bekam das bolivianische Militär Wind davon, dass Ernesto Guevara die Armee von Ñancahuazú kommandierte, hatte aber noch keinerlei Beweise. Bis der Argentinier Ciro Bustos, der, nachdem Che ihm erlaubt hatte, die Guerillatruppe zu verlassen, im Urwald ergriffen wurde und unter der Androhung, den Rest seiner Tage im Gefängnis zu verbringen, ein Phantombild anfertigte.

Als ich die Klamm wieder hinaufsteige, fühle ich mich niedergeschlagen und leer. In La Higuera erwartet mich eine unschöne Überraschung. Sobald ich den Weiler erreiche und zu der Schule gehe, in der Ernesto getötet wurde, um mich dort zu sammeln, löst sich eine Frau aus einer japanischen Touristengruppe und bedrängt mich. Gerade habe sie von einem landsmännischen Journalisten erfahren, dass der Bruder von Che hier sei. Sie nuschelt weinend: »Der Bruder von Che, der Bruder von Che!« Sie bittet mich in aller Höflichkeit, für ein Foto mit ihr zu posieren. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihr diesen Gefallen zu tun und auf diese Weise Trost zu spenden. Offensichtlich sieht diese Japanerin in mir die Verkörperung von Che. Die Situation verwirrt und rührt mich zugleich. Fast fünfzig Jahre nach seinem Tod ist mein Bruder im kollektiven Gedächtnis gegenwärtiger als je zuvor. Ich bin zwar ganz bestimmt nicht Che, aber vielleicht kann und muss ich das Medium sein, das sein Denken und seine Vorstellungen weiter verbreitet. Seine fünf Kinder hatten ihn ja kaum gekannt. Und meine Schwester Celia und mein Bruder Roberto weigerten sich kategorisch, über ihn zu sprechen. Meine Schwester ist nun ebenso wie meine Mutter an Krebs gestorben. Und mir läuft die Zeit davon, ich bin zweiundsiebzig Jahre alt.

Die Schule, in der Ernesto die letzte Nacht seines Lebens verbrachte, hat einige Veränderungen durchgemacht. Die Wand, die beide Klassenzimmer trennte, wurde abgerissen. Die Mauern sind mit Bildern und Plakaten übersät, die die letzten Stunden von Che nachzeichnen. Noch immer steht der Stuhl da, auf dem er saß, als Mario Terán Salazar in den Raum trat, um ihn hinzurichten. Ich stelle mir vor, wie mein Bruder dasitzt und seinem Tod entgegensieht. Es ist sehr schlimm für mich.

Den Dorfplatz beherrscht eine hohe Büste, die ein kubanischer Künstler Alberto Kordas berühmtem Foto Guerrillero Heroico nachempfunden hat. Auch die Büste, hinter der mahnend ein weißes Kreuz aufragt, hat eine bewegte Geschichte. Sie wurde erstmals zu Beginn des Jahres 1987 aufgestellt, dann von einem Kommando der bolivianischen Armee in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen und durch eine Erinnerungstafel für die Opfer des Guerillakriegs ersetzt. Zwanzig Jahre später ist sie wieder an ihren Platz zurückgekehrt, zusammen mit einer vier Meter hohen Statue, die nun am Eingang des Dörfchens thront. Jahrelang lebten die Bewohner von La Higuera und Vallegrande in Angst. Niemand wagte es, über Che zu sprechen. Um jede Spur auf dem Lebensweg dieses »Subversiven« zu tilgen, hatte das bolivianische Regime jedwede Erwähnung seines Namens untersagt. Als Antwort auf das verordnete Schweigen überschlug sich die Legendenbildung. Bei seiner Festnahme hatten die Bauern unter den aymarasprachigen Einwohnern, die die Gegend bevölkerten, nicht die geringste Ahnung von der Bedeutung dieses Gefangenen. Sie bekamen Fremde so gut wie nie zu Gesicht und sprachen nur wenige Brocken Spanisch. Erst der Tod von Che lockte Horden von Journalisten ins Dorf. Bis zum 9. Oktober 1967 hatte keine Menschenseele je von La Higuera gehört. Einen Tag später drängelten sich sechsunddreißig Flugzeuge auf der improvisierten Landebahn von Vallegrande, das etwa sechzig Kilometer entfernt liegt. Die Einheimischen begannen zu verstehen, dass sich hier soeben ein entscheidendes Ereignis abgespielt haben musste und dass dieser Gefangene nicht irgendein Gefangener war.

Ernestos Leichnam wurde auf einer Bahre, die man am Fahrgestell eines Hubschraubers befestigt hatte, in Richtung Vallegrande ausgeflogen. Das bolivianische Militär hatte angeordnet, ihn zur Abschreckung siebzehn Stunden lang im Waschhaus am Ende der Gartenanlage des kleinen örtlichen Krankenhauses auszustellen. Man musste doch zeigen, dass die »subversive« Brut vom Schlage eines Ernesto Che Guevara vernichtet war. Che war tot! Tot und nochmal tot! Auf dass dieses schmähliche Ende den Leuten zur Mahnung gerate und sich niemand auf ein derart ehrloses Abenteuer einlasse, das unausweichlich zum Scheitern verurteilt war!

Man legte seinen halb entkleideten Körper auf eine Zementplatte. Er war barfuß, und seine Augen waren geöffnet. Obwohl es doch geheißen hatte, ein Pfarrer in La Higuera habe sie ihm geschlossen ... Manch einer hat den Anblick meines getöteten Bruders mit der Beweinung Christi auf dem Gemälde des italienischen Renaissancemalers Andrea Mantegna verglichen. Die Ähnlichkeit ist verblüffend, aber sie führt in eine Sackgasse. Manche Zeugen berichteten, die Augen von Che seien ihnen gefolgt, als sie um seine sterbliche Hülle herumgingen. Andere, dass der mit der Waschung des Leichnams beauftragte Arzt – ein heimlicher Bewunderer –, ihn einbalsamieren wollte, weil ihm dazu jedoch die Zeit fehlte, habe er ihm nur das Herz herausgeschnitten, um es in einem Einmachglas aufzubewahren. Derselbe Doktor soll auch zwei Totenmasken angefertigt haben, eine aus Wachs, die andere aus Gips. Eine Krankenschwester wiederum sei vom friedlichen Gesichtsausdruck Ches überrascht gewesen, der sich vollkommen von den Gesichtern der anderen getöteten Guerilleros abgehoben habe, auf denen Leid und Angst abzulesen waren. Ich glaube nichts von alledem. Das ganze dumme Gerede läuft einzig darauf hinaus, Che zum Mythos zu machen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, diesen Mythos zu zerstören und meinem Bruder wieder ein menschliches Antlitz zu geben.

Nach dem 19. Oktober verrichteten in La Higuera fünfzehn Soldaten noch ein Jahr lang ihren Dienst. Sie erklärten den Bauern, sie seien hier, um sie vor Ches Komplizen zu beschützen, die mit Sicherheit seinen Tod rächen und sie alle massakrieren würden. Schließlich seien sie, die Bauern, es gewesen, die ihn verraten hätten.

So wurde, im Schoß ängstlichen Geflüsters, ein Kult geboren.

Der schändliche Devotionalienhandel, der sich um Che herum entwickelt hat, stößt mich grenzenlos ab. Ernesto hätte diese blödsinnigen, am Rande des Mystizismus balancierenden Legenden entlarvt. In La Higuera und Vallegrande verwurstet eine ganze Tourismusindustrie Che. Es gibt Führungen entlang der »Wege von Che«. Man versucht, alles nur Erdenkliche zu verramschen. Es ist ekelerregend. Am Ausgang der Schule sah ich in den Auslagen Mitbringsel, T-Shirts, Flaggen. Ich empfand das als eine bodenlose Infamie. Ernesto kämpfte für die Befreiung des amerikanischen Kontinents, und da gibt es welche, die sein Konterfei dafür benutzen, sich zu bereichern. Die Leute beten zum Heiligen Che, erbitten sich Wunder von ihm, dass ihre Kühe wieder Milch geben und was weiß ich! Che wollte geben, nicht nehmen. Er glaubte an die Menschen als Meister ihres Schicksals, nicht als höheren Gewalten Unterworfene, die ihnen gnädig etwas vom Kuchen abgeben, wenn ihnen danach ist. Er glaubte an diesen Kampf. Er war Humanist.

Zweimal bin ich in La Higuera gewesen und werde gewiss kein drittes Mal hingehen. Das ist nicht mehr der Weiler mit vier ärmlichen Häusern, sondern eine Freiluftboutique, in der sie ständig versuchen, einem das Geld aus der Tasche zu ziehen. Mit meinem Bruder hat das hier nicht das Geringste zu tun.

Ernestos Leichnam verschwand am Morgen des 11. Oktobers 1967 auf rätselhafte Weise. Eine Ordensschwester, die im Krankenhaus Bereitschaftsdienst hatte, vertraute dem deutschen Franziskanerbruder Anastasio später an, sie habe auf den Gängen des Hospitals gegen ein Uhr nachts laute Geräusche wie von einer Prozession vernommen. Natürlich zirkulierten bald alle möglichen Gerüchte. Die Wahrheit kam zwanzig Jahre später ans Licht.

[...]

12:27 04.05.2017

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