Was fehlt

Leseprobe "Alles, was ich an diesem Abend erzählte, schien Mohammed zu interessieren. Es war egal, wie ausschweifend ich meine Erlebnisse schilderte, er hörte einfach zu."
Was fehlt
Foto: Sean Gallup/Getty Images

1

Von den vierzig Mann, die mit mir in den Kampf gezogen waren, lebte nur noch ein Bruchteil. Von allen Seiten kam das Feuer. Die letzten Minuten der Schlacht hatten begonnen, und wir wussten, dass wir kaum noch eine Chance hatten. Unsere Feinde waren in der Überzahl, sie rollten auf uns zu, Welle für Welle. Ich versuchte mich zu konzentrieren, so gut das ging, kämpfte pausenlos gegen jene, die uns angriffen.

Uns hatte das Glück verlassen. Einst waren wir gefürchtet, wir hatten viele Kämpfe gewonnen, selbst wenn wir in Unterzahl waren oder die Gegner uns mit überlegenen Wafen attackierten. Doch an diesem Tag metzelten einige Vollidioten in unserer Gruppe wild in der Gegend herum. Der Lärm scheuchte selbst solche Gegner auf, die uns sonst überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt hätten. Es war, als rannte nun die halbe Welt auf uns zu, um uns zu erledigen.

Und dennoch hoffte ich, dass es uns gelingen würde, vielleicht doch noch zum entscheidenden Befreiungsschlag auszuholen.

Wir standen am Eingang einer riesigen Halle, aus der bereits Flammen schlugen. Eigentlich wollten wir das Gebäude einnehmen, doch daran war nun nicht mehr zu denken. Überall waren unsere Feinde verteilt. Egal, wohin ich auch blickte, ich sah nur noch Feuer. Grelle Blitze zuckten am Himmel. Und ich musste zuschauen, wie einer nach dem anderen aus meiner Gruppe starb.

»Was soll die Scheiße?«, schrie ich in das Mikrofon meines Headsets. Wir begannen zu streiten. Die einen waren der Überzeugung, dass wir an diesem Tag eigentlich einen ganz anderen Plan hatten. Andere schimpften über Verbindungsprobleme. Leck mich am Arsch, dachte ich mir, ich bin für heute raus. »Ciao!«, brüllte ich noch und knallte mein Headset mit Schwung in eine Ecke meines Zimmers.

Ich war damals fünfzehn Jahre alt und liebte es, mich mit meiner Crew durch das Fantasyspiel World of Warcraft zu zocken. Dort war ich ein Schamane. Ein starker Charakter, der in Kämpfen stets vorangeht, um seine Mitspieler zu schützen. Auf unserem Server gab es kaum ein anderes Team, das erfolgreicher war. Mehrmals wöchentlich verabredeten wir uns im Netz, arbeiteten Strategien aus und sprachen über Kampftaktiken.

Warcraft war meine Leidenschaft. Mein liebstes Hobby. Ein Ort, an dem ich Freunde treffen und mit ihnen zusammen Aufgaben bewältigen konnte. Es war möglich, nebenbei über das Headset lockere Gespräche mit den Spielpartnern zu führen. Eine Menge Intelligenz und taktisches Denken waren erforderlich, um als Team erfolgreich zu sein.

Überhaupt, Fantasy, das war mein Ding. Die »Herr der Ringe«-Filme kannte ich alle, ich mochte die Gedanken an ferne Welten, an all die Geschichten, die sich in meinem Kopf entfalteten. Bei Warcraft konnte ich abschalten und den Stress verarbeiten, der sich den Tag über auf der Arbeit oder in der Schule aufgestaut hatte.

Unser Team hatte einen ziemlich guten Ruf, natürlich waren wir darauf auch stolz. Wir hatten gemeinsam etwas aufgebaut. Es machte mich fassungslos, wie dumm wir uns an diesem Tag angestellt hatten. Die anderen hatten die Sache nicht ernst genommen. Peinlich war das, nein, es war nur erbärmlich.

Eigentlich wollte ich Stunden vor dem Computer verbringen, was sollte ich nun mit dem angebrochenen Freitagabend anfangen? Ein paar meiner Freunde wollten ins Kino gehen. Aber die Vorstellung würde schon bald beginnen, ich war zu spät dran. Allein vor dem Fernseher herumzuhängen, war auch keine Option.

Ich schnappte mir ein kaltes Stück Pizza aus einem Karton vom Vorabend, scrollte meine Handykontakte durch. Noch wusste ich nicht, dass dieser Abend zu einem Wendepunkt in meinem Leben werden sollte.

Bis dahin schien es tatsächlich so, als ob ich endlich etwas Ordnung in meine Existenz bringen könnte. Die Wohnung, in der ich wohnte, war ein dreißig Quadratmeter großes Stück Freiheit. Sie lag direkt hinter dem Wiener Rathaus. Eine sehr bürgerliche Gegend. Gegenüber im Flur wohnte eine Tierärztin. Es gab auch eine Privatärztin im Haus, die Akupunkturbehandlungen anbot. Direkt über mir lebte außerdem ein Rechtsanwalt. Alles Leute, die in ihren Berufen sehr erfolgreich waren. Ich hatte eine Kochnische und ein Wohnzimmer, in dem mein Computer und ein Fernseher standen, dazu eine Couch und ein Tisch. Dazu kam noch ein kleines Schlafzimmer.

Die Miete wurde von einer betreuten Wohngemeinschaft bezahlt, in der ich früher gelebt hatte. Ich war dort ausgezogen, weil sich mir eine echte Chance bot. Ich hatte bei einer großen Versicherung eine Ausbildung begonnen. Jedes Jahr bewarben sich dort tausend junge Menschen aus ganz Österreich. Und ich hatte in dem langwierigen Auswahlprozess eine der wenigen Stellen bekommen.

Als Kind wollte ich mal Pilot werden. Später dann Feuerwehrmann. Ich würde genauso heldenhaft gegen lodernde Flammen und andere Gefahren kämpfen wie die Männer im Film »Backdraft«, dachte ich. Kurz vor meinem Schulabschluss entwickelte sich dann bei mir der Wunsch, Schauspiel zu studieren. Die Leute in meiner Wohngemeinschaft sagten mir immer, dass ich gut darin sei, in andere Rollen zu schlüpfen und Menschen zu imitieren. Nichts konnte weiter von diesem Traum entfernt sein als die Zahlen und Tabellen, mit denen ich mich nun jeden Tag zu beschäftigen hatte.

Andererseits bot mir der Versicherungsjob Sicherheit. Nach drei Jahren hätte ich einen Abschluss, außerdem verdiente ich als Auszubildender gut. Nach dem Ende der Probezeit bekam ich anderthalb Monatsgehälter ausbezahlt. Das waren Euro, die mit einem Schlag auf meinem Konto landeten. Nie zuvor hatte ich so viel Geld auf einmal besessen. Finanzielle Sorgen hatte ich zu dieser Zeit jedenfalls nicht.

Ich scrollte also meine Kontakte durch und blieb bei dem Namen Mohammed hängen. Mohammed kam aus einer türkischen Familie und lebte seit früher Kindheit in Wien. Er war älter als ich, doch die vier Jahre Altersunterschied waren nie ein großes Problem gewesen, früher hatten wir oft gemeinsam in den Wiener Parks Basketball oder Fußball gespielt. Wir hatten uns gemocht und viel Zeit miteinander verbracht, doch vor zwei Jahren hatten wir uns aus den Augen verloren. Ich dachte nicht mehr an ihn und er wohl auch nicht mehr an mich.

Dann, vor ein paar Tagen: Ich stieg in die U-Bahn, einige Sitzreihen vor mir saßen fünf Jugendliche. Dunkle Haare, braune Haut. Araber vielleicht, dachte ich, oder Türken. Und während ich mir noch darüber Gedanken machte, begann einer von ihnen mich anzustarren. »Hast du ein Problem?«, blaffte er mich an. Jetzt schauten alle fünf in meine Richtung.

Da hörte ich einen von ihnen meinen Namen rufen: »Oliver!«

Es war tatsächlich Mohammed. Schlagartig entspannte sich die Situation. Ich freute mich, ihn durch Zufall hier in der U-Bahn zu treffen.

»Ist lange her, wie geht’s dir?«, fragte ich.

»Alles gut, bin mit meinen Brüdern auf dem Weg zur Moschee, würde mich gerne mal wieder mit dir in Ruhe unterhalten.«

»Klar, gerne!«, war meine Antwort.

Die Fünf standen auf und stellten sich an die Waggontür.

»Du musst dich unbedingt bei mir melden!«, sagte er. Wir tauschten unsere Handynummern aus. Eine Computerstimme kündigte die nächste Haltestelle an, wir verabschiedeten uns mit einer respektvollen Umarmung. Die anderen nickten mir zu, was ich erwiderte.

2

Ich saß an diesem Abend in meiner Wohnung und konnte mir nicht erklären, warum der Kontakt zu Mohammed damals abgerissen war. Vielleicht lag es an meinen damaligen Lebensumständen. Ich war seinerzeit umgezogen, hatte andere Sorgen. Dass sich auch etwas in seinem Leben verändert haben könnte, kam mir nicht in den Sinn.

Ich wählte seine Nummer.

»Ja!«, meldete er sich knapp, mit forschem Unterton.

»Bist du das, Mohammed?«

»Wer spricht?«

»Ich bin’s, Oliver, wir haben uns vor einigen Tagen in der U-Bahn getroffen. Ich wollte mal fragen, wie es so geht und was du machst.«

»Schön, dich zu hören! Bist du unterwegs? Wir könnten uns treffen!«

Klasse, dachte ich, er kam mir mit seiner Einladung zuvor. So klang es für mich nicht nach der verzweifelten Suche nach einer Ersatzbeschäftigung an einem Freitagabend, den ich bislang mit einer frustrierend verlaufenen Computerschlacht und einem halb leeren Pizzakarton verbracht hatte.

»Kein Thema. Hab mir heute nichts vorgenommen, würde mich freuen, dich zu sehen!«, sagte ich.

Wir verabredeten uns in einem türkischen Imbiss, der im 16. Wiener Gemeindebezirk lag. Ich kannte den Laden noch von früher, weil ich in der Gegend einen Teil meiner Kindheit verbracht hatte. Der 16. Bezirk wird selten mit den vermeintlich positiven Seiten der Stadt in Verbindung gebracht, eher mit Straßenbanden oder Drogendealern. Von Süchtigen über Prostituierte bis hin zu wirr vor sich hin brabbelnden Leuten konnte man hier viele Menschen trefen, die selten den Weg in die blank geputzte Altstadt fanden, wo ich mittlerweile wohnte.

Darüber hinaus lebten dort Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen, die Mieten waren hier recht niedrig und auch für die ärmeren Bewohner Wiens einigermaßen erschwinglich. Für mich war es nie ausschlaggebend, woher eine Person kam, welche Religion oder welche Hautfarbe sie hatte. Ich beurteilte Menschen immer nach ihrem Charakter und der Sympathie, die ich für sie empfand.

Fast genau eine Stunde nach unserem Telefonat traf ich am Imbiss ein. Es gab einen größeren Raum im Eingangsbereich. Er war fast menschenleer. Im hinteren Raum, der wesentlich kleiner war, saß Mohammed alleine an einem Tisch. Er war bereits beim Essen und hatte wohl schon einige Zeit auf mich gewartet.

Als er mich sah, sprang er sofort von seinem Tisch auf. »Assalamu alaikum!«, rief er. »Setz dich, Bruder!«

Er legte seinen Arm um meine Schulter und schob mich fast zu unserem Tisch hin. Dabei bestellte er bei der Bedienung hinter dem Tresen noch einmal das gleiche Gericht, das er schon bekommen hatte.

Es war schon lange her, dass sich jemand derart freute, mich zu sehen. Und überhaupt war es das erste Mal, dass jemand für mich Essen bestellte, ohne mich vorher zu fragen, was ich denn haben wollte. Einfach so, als Geste der Gastfreundschaft. Mit seiner Freude steckte er mich sofort an, nun hatte ich das Gefühl, dass aus dem Abend doch noch was werden würde.

Er hatte Fragen. Ganz viele Fragen. Aber es war nichts Unangenehmes dabei, Mohammed schien sich tatsächlich für mich zu interessieren. Ich erzählte ihm sehr viel an diesem Abend. Wir fingen in meiner Kindheit an; es tat mir gut, von alldem zu berichten, was ich erlebt hatte, fast wie bei einem Therapeuten, nur dass Mohammed ein echter Freund zu sein schien.

Obwohl ich nun bei einer Versicherung arbeitete und in soliden Verhältnissen wohnte, war mein Leben bis dahin nicht immer einfach gewesen. Als ich fünf Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Ich weiß gar nicht mehr genau, was im Detail zwischen den beiden vorgefallen war. Wenn man jung ist, versteht man oft nicht, was da zwischen zwei Erwachsenen abgeht. Aber ganz sicher spürt man es.

Ich kam zu meiner Mutter. Es entbrannte ein hässlicher Kleinkrieg zwischen ihr und meinem Vater. Eines Tages standen dann Angestellte des Amts bei uns auf der Matte, meiner Mutter wurde das Sorgerecht entzogen. Mein Vater beantragte das Sorgerecht, doch meine Mutter manipulierte mich so, dass ich nicht zu meinem Vater zurückwollte, und ich war von diesem Tag an ein Heimkind. Später, als ich älter war, tingelte ich von einer Wohngruppe des Jugendamtes zur nächsten.

Ich hoffte noch lange, dass sich meine Eltern doch irgendwann einigen würden. Aber der Tag, an dem sich beide wieder vertrugen, sollte niemals kommen. Irgendwann zog meine Mutter ins Ausland und war bis auf gelegentliche Telefonate für mich nicht mehr erreichbar.

Und mein Vater? Einerseits hatte er sich bei dem Kleinkrieg gegen meine Mutter nicht viele Freunde beim Jugendamt gemacht; andererseits hatten wir beide auch selbst lange Zeit ein schwieriges Verhältnis. Zwar stellte er mehrmals Anträge, das Sorgerecht für mich zu übernehmen. Doch Erfolg hatte er damit nicht. Mal gab ich ihm eine Abfuhr, weil ich auf eine Rückkehr meiner Mutter nach Österreich hoffte. Mal gab er auf, weil er die Hoffnung hatte, dass ich nach Beendigung meiner Berufsausbildung ohnehin zu ihm zurückziehen würde.

Die Sache war verfahren. Und mich kümmerte es letztlich nicht, wer von beiden im Recht war. Für mich war entscheidend, dass ich nun in Wohngruppen mein Dasein fristen musste, die mir zwar theoretisch wie eine Familie sein sollten, in denen man aber letztlich das Familienleben nur simuliert.

Ich erzählte Mohammed, dass wenigstens in einer der letzten beiden Wohngruppen die Betreuer und Betreuerinnen einigermaßen in Ordnung waren, dass sich sogar so etwas wie Freundschaft  zwischen uns entwickelte. Ich berichtete von meinem guten Schulabschluss, den ich trotz allem schaffte, und von der Versicherungslehre. »Es hätte schlimmer für mich laufen können«, sagte ich. Das war ehrlich gemeint. Aber sicher und geborgen fühlte ich mich keinesfalls.

Auch in der Schule war es nicht immer rundgelaufen. Erst zum Schluss lernte ich, Ehrgeiz beim Lernen zu entwickeln. Aber mir gelang es am Ende eben doch, die Dinge einigermaßen geregelt zu bekommen. Und so kam es, dass ich der Jüngste in der Familie war, aber immer wieder die Älteren stützen musste. Selbst hatte ich keine Stütze, ich war ständig auf mich allein gestellt. Es mag banal klingen, aber ich vermisste nichts so sehr wie Liebe und Anerkennung.

Einer der größten Vorteile der neuen Wohnung war jedenfalls, dass ich nun unabhängig vom Jugendamt leben konnte. Davon berichtete ich Mohammed voller Stolz. Es war endlich vorbei mit dem Leben in den Wohngruppen. Meine Betreuer meldeten sich nur ab und zu per E-Mail, und die persönlichen Besuche waren nicht der Rede wert.

Alles, was ich an diesem Abend erzählte, schien Mohammed zu interessieren. Es war egal, wie ausschweifend ich meine Erlebnisse schilderte, er hörte einfach zu. Wir sprachen nicht darüber, wie es früher war, was wir gemeinsam erlebt hatten. Unsere Treffen im Park, die Fußball-Matches unter Kindern. All das beschäftigte mich zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr. Nein, er gab mir das Gefühl, dass er für mich da war. Und dass ich wichtig für ihn war.

Es tat gut, über all das zu sprechen. Darüber vergaß ich sogar, mich zu erkundigen, wie es ihm ergangen war. Er erzählte kaum etwas von sich, nur, dass er sich für Religion interessiere und sein Leben vollkommen danach ausrichte.

So vergingen die Stunden, ohne dass ich das bemerkte.

»Ich rede und rede«, sagte ich und lachte. »Du musst ja schon Kopfschmerzen haben.«

»Nein, ich will ja wissen, wie es meinem Bruder geht«, antwortete Mohammed. »Alles was dich belastet, ist wichtig. Und ich möchte dir helfen, darum interessiere ich mich für deine Probleme.«

Ich kann es nicht anders sagen: Das alles machte mich glücklich. Aus einem anfangs völlig vergeigten Abend entwickelte sich eines der schönsten Erlebnisse, das ich seit Langem hatte. Der ganze aufgestaute Druck löste sich plötzlich. Ich konnte einfach von meinen Sorgen sprechen.

Und er gab mir in allem recht, was ich äußerte. Wenn ich über die Verhältnisse in meiner Familie schimpfte, sagte er nur: »Vergiss diese Leute!« Und wenn ich über meine Kollegen auf der Arbeit lästerte, bestärkte er mich in meiner Abneigung. In diesen Momenten fühlte ich mich angenommen in allem, was mich bewegte.

Es war nun schon fast ein Uhr, ich hätte noch stundenlang hier sitzen bleiben und ihm von meinem Leben erzählen können.

Doch Mohammed sagte, dass er noch dringend einen Freund besuchen müsse. »Bruder, es tut mir echt leid, aber ich muss los. Hast du morgen Zeit?«

»Klar, wollen wir uns wieder hier treffen?«

»Nein, weißt du, wenn du möchtest, dann stelle ich dir einige Brüder vor, komm einfach mit in die Moschee!«

Ich überlegte noch kurz: Eigentlich wusste er doch, dass ich weder Muslim war noch großartig was mit Religion anfangen konnte. Ich glaubte zwar an Gott, aber das war für mich eine rein persönliche Angelegenheit. Es war mir klar, dass es so etwas wie eine höhere Gewalt gibt und dass es nach dem Tod nicht einfach nur schwarz wird. Vielleicht habe ich gehofft, dass es einen Gott gibt, ohne es wirklich zu wissen. Aber in der Kirche war ich schon lange Zeit nicht mehr gewesen, mir hatte auch eine Gemeinschaft gefehlt, in der sich mein Glaube hätte entwickeln können. Hätte mich damals jemand gefragt, ob ich Christ bin, hätte ich mit Nein geantwortet.

Aber nach diesem wirklich schönen Abend wollte ich ihn nicht vor den Kopf stoßen. Er hatte ja erwähnt, wie wichtig ihm der Islam geworden war. Und nach allem, was ich von mir erzählt hatte, war der Besuch in der Moschee vielleicht eine gute Gelegenheit, etwas über sein Leben zu erfahren.

»Können wir machen«, sagte ich. »Aber du weißt, dass ich keine Ahnung habe, was man in einer Moschee so tun muss.«

Mohammed lächelte und nickte. »Keine Sorge, wir sind unter Brüdern. Ich helfe dir da schon.«

»Unter Brüdern«, hatte er gesagt. Das klang nicht schlecht. Er sagte es so, als sei ich jetzt schon ein Teil seiner Gemeinde.

»Also, ich muss jetzt los. Ich melde mich morgen und sage dir dann die Zeit und den Ort.«

Wir verabschiedeten uns, und noch bevor ich mein Portemonnaie zücken konnte, hatte er bereits die Rechnung bezahlt.

11:36 05.10.2017

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