Im Betrieb

Biographie Christiane Wirtz ist studierte Historikerin und hat als Journalistin für verschiedene öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten in fester Anstellung und frei gearbeitet. Sie lebt in Köln
Im Betrieb
Foto: Norman Wollmacher

Christiane Wirtz wurde 1966 geboren, hat für verschiedene öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten in fester Anstellung und frei gearbeitet. Sie ist Historikerin (M.A.) und lebt in Köln.

Neben ihrer Tätigkeit als freie Journalistin und Autorin beschäftigt sie sich als systemischer Coach mit Menschen, die nach einer Krise Perspektiven und neue Ziele suchen.

Nähere Informationen finden sich auf ihrer Website.

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"Ich war die Nichte von JFK"

Interview mit Denise Peikert, erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 04. März 2018

Christiane Wirtz ist schizophren, eine Psychose wirft sie aus ihrem gut sortierten Leben. Im Interview spricht sie über den schmerzhaften Versuch, zwei Jahre Wahn zu rekonstruieren.

Es ist ein Sommertag, Juni oder Juli 2013. Ich bin auf der Suche nach meinem Mann, den es ja nicht wirklich gibt. Jedenfalls wähne ich ihn irgendwo in einem Zusammenhang mit dem Kölner Friesenplatz. Den ganzen Tag habe ich schon auf ihn gewartet, in der heißen Sonne bin ich in einem hellblauen seidenen Etuikleid auf dem Platz hin- und her gewandert. Oder soll ich besser sagen, gestakst? Ich habe höhere Schuhe an. Ich habe den Tauben zugeschaut und versucht, in den Ellipsenbahnen, auf denen sie mit ihren wackelnden Körpern unterwegs sind, Symbole herauszulesen. Ich bin völlig durchgeknallt und glaube daran, dass sich gerade science-fiction-mäßig das Firmament auftut. Mein Hirn sprudelt über, ich friere zwar, aber meine verrückten Gedanken lassen mich sowohl Hitze als auch Kälte spüren, je nachdem, welcher Film gerade abläuft.

Im Kern gehören dazu einige feste Elemente: der abstrakte Mann; dass meine Eltern nicht meine richtigen Eltern sind, sondern mich im Alter von drei Jahren in Berlin entführt haben; prominente Verwandtschaften; die Idee, jüdisch zu sein und die amerikanische Staatsbürgerschaft zu besitzen.

Frau Wirtz, Sie haben ein Buch über Ihre Psychose geschrieben. Ihre Erinnerung an die Zeit wirkt klar. Sind die Bilder tatsächlich so unverwaschen?

Es ist ein Irrtum zu denken, dass man sich an die Begebenheiten während der Psychose nicht erinnert. Man nimmt schon alles wahr, man bewertet es nur anders. In Teilen sind die Erinnerungen sogar deutlicher: die Sinne sind geschärft, für bestimmte Eindrücke ist man empfänglicher. Hinderlich ist nur, dass ich mich nicht gerne erinnere - weil es unheimlich peinlich ist, wie seltsam ich mich verhalten habe.

Wie genau erinnern Sie sich an die Überzeugung, zugleich mit John F. Kennedy und Benjamin Netanjahu verwandt zu sein?

Ich war vollkommen davon überzeugt. Die Kraft, so unerschütterlich an diese Dinge zu glauben, kam daher, dass ich einen logischen Gedanken nicht zulassen wollte: Krank zu sein. Und wenn man die Nichte von John F. Kennedy ist, dann kommt keiner und sagt „Du bist krank“.

Sie sind nach Israel geflogen, um Netanjahu zu treffen, den Sie als Ihren Cousin ansahen.

Um es vorwegzunehmen: Er fand keine Zeit, sich mit mir zu treffen. Die Psychose ist wie eine Metapher für die Probleme, die ich im Leben hatte. Die Nazi-Verwicklung meiner Großeltern ist zum Beispiel nicht so ganz klar. Ich bin Historikerin und war früher schon einmal in Israel - ich habe da immer eine schwere Schuld empfunden. Von der wollte ich mich wohl befreien.

Was ist während Ihrer Psychose mit Ihrem restlichen Leben passiert?

Ich hatte schon mehrere Psychosen im Leben und lange das Glück, da immer relativ schnell wieder heraus zu kommen. Trotzdem hat das natürlich Brüche verursacht. In Köln wollte ich neu anfangen, bevor die letzte, sehr lange Psychose kam. Ich war noch nicht richtig in der neuen Stadt angekommen, meine langjährigen Freunde wohnten woanders, meine Eltern waren hilflos. In der Zeit habe ich meinen Job verloren, einige Freunde, meine Eigentumswohnung. Ich habe auch meine Lebensversicherung aufgelöst und das Geld ausgegeben.

Ein grauer Endnovembermorgen, kurz nach 8 Uhr. Bohrende Geräusche an der Eingangstür zu meiner Wohnung in der Kölner Südstadt, und, ehe ich mich aus dem Bett schälen kann, noch mehr Krach und plötzlich Menschen in meinem Wohnzimmer. Zwei Rettungssanitäter und der bösartige Typ von der Kanzlei, die meine sogenannte Betreuung übernommen hat. Der Mann, der mich in einer E-Mail als völlig irre und krank bezeichnet hat. Steht da, lange Haare und Hornbrille, und fordert mich ziemlich unsanft auf, sofort mitzukommen, ohne mir die Möglichkeit zu geben, meine Siebensachen einzupacken. Zeigt mir das Dokument des Amtsgerichtes, das diesen Eingriff legitimiert: Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik.

Ich protestiere. Ich sage ihm, dass ich nichts ohne meinen Anwalt tun werde und dass ich ihn jetzt anrufe. Ich wähle die Nummer meines Anwaltes, mit dem ich mich gegen die Betreuung wehren will und der meine zahlreichen Strafanzeigen unterstützen soll, erreiche aber niemanden. Der Mann mit der Hornbrille drängt. Ich versuche, so viele Dinge wie möglich zu packen. Ich ziehe mir eine Hose und einen Pulli über den Pyjama und lasse mich wegführen. Das ausgewechselte Schloss liegt auf dem Klavier, die Späne der Tür im Halbkreis auf dem Fußboden.

Sie waren mehrere Monate in der Klinik und haben noch von dort aus versucht, über den Wahn abgerissene Fäden wieder aufzunehmen. Wie sagt man seinen Freunden: Sorry, aber ich war verrückt?

Für die, die mich lange kennen, war das sicher einfacher. Die wussten, dass man das nicht persönlich nehmen muss. Mit denen habe ich angefangen - einen alten Freund aus Mainz angerufen, meinen Bruder. Ich war unglaublich verwundbar, aber eben auch unglaublich dankbar, dass es ein paar Menschen gab, die sagten: Schwamm drüber, wir fangen einfach neu mit dir an.

War das die Mehrzahl der Reaktionen?

Ich würde sagen: ein Drittel. Ein weiteres Drittel tut sich schwer, mit dem, was ich angerichtet habe, bricht aber den Kontakt nicht ab. Und dann gibt es Menschen, die überhaupt nicht mit mir reden.

Wer gehört zu dem letzten Drittel?

Eine Freundin aus Köln hat sich damals große Sorgen um mich gemacht. Ihr habe ich irgendwann gesagt, dass ich nichts mehr mit ihr zu tun haben will - weil ich mir zurecht gezimmert hatte, dass sie etwas Böses im Schilde führte. Nach meiner Entlassung aus der Klinik habe ich den Freund der Freundin zufällig bei der Post gesehen. Ich sprach ihn an, erzählte von meiner Schizophrenie und fragte, ob er mir für eine Entschuldigung helfen könne, den Kontakt wieder herzustellen. Der hat richtig gebrüllt da in der Post: Nichts dergleichen werde er tun, was ich alles angerichtet hätte. Ich weiß natürlich nicht, wie es dieser Freundin genau gegangen ist. Andererseits denke ich: Wenn die beiden wüssten, dass ich nur eine Art verzerrtes Ich war, dann wäre vielleicht diese Tür nicht zugegangen. Deswegen rede ich über die Krankheit. Ich glaube, viele verstehen sie prinzipiell falsch.

Sie haben Ihre Familie und Freunde, den Mann im Copyshop, bei dem sie im Wahn oft Kundin waren, interviewt, um die Zeit zu rekonstruieren. Wie hat sich das angefühlt?

Ich wurde an peinliche Einzelheiten erinnert, die ich gar nicht mehr wissen wollte. Es ist natürlich schmerzhaft, aber es ist gut, diese andere Perspektive zu kennen. Man bekommt so ein rundes Bild von dieser Krankheit.

Welcher Gang war der schwerste? Ihren Eltern haben Sie vor dem Gespräch Fragebögen zukommen lassen.

Mit meinen Eltern ist es speziell, aber eher leichter, weil ich weiß, dass sie mich lieben und ich liebe sie auch. Ich war aber zum Beispiel bei meinem ehemaligen Arbeitgeber, habe eine Kollegin getroffen - das war sehr schwer. Ich hab mich geschämt.

Wofür?

In der Psychose breitet man private und intimste Dinge aus. Außerdem habe ich Vorgesetzte beleidigt. Unter normalen Umständen würde ich das natürlich nicht tun und es gab auch keinen Grund, diese Menschen zu beschimpfen. Als ich dann da wieder hin bin, hab ich mich gefragt: Sieht mich jemand? Treffe ich jemanden?

Sie haben während Ihrer Recherchen auch verstanden, dass Sie vielen Menschen ernsthaft Probleme gemacht haben.

Es gibt so viele Scherben, die ich nie wieder zusammenkehren werde können, weil ich gar nicht weiß, wo genau sie liegen. In irgendeiner Verwaltungsstelle des Bundesverfassungsgerichtes bestimmt, denen habe ich viele Briefe geschrieben. Oder die Frau aus dem Reisebüro: Sie musste wegen mir zu ihrem Chef. Ich hatte bei ihr meinen Flug nach Israel gebucht und das „Waldorf Astoria“ - ich konnte mich mit Netanjahu ja nicht in einer Jugendherberge treffen. Ich bin dort irgendwann hinaus komplementiert worden. Hinterher habe ich das Reisebüro darüber informiert, dass ich Vergewaltigungs- und Mordversuchen ausgesetzt gewesen sei. Wahrscheinlich hat der Chef der Mitarbeiterin das als ein ernstzunehmendes Kundenfeedback verstanden.

Der Mainstream der Psychiater, die ich kennengelernt habe – meinen jetzigen Psychiater nehme ich davon aus – hat leider nicht viel Positives zu bieten. Es heißt immer nur: Nehmen Sie Ihre Tabletten, verhalten Sie sich unauffällig. Keine Antworten auf die drängenden Fragen, woher denn diese Krankheit überhaupt kommt, keine präzisen Auskünfte auf die Frage, was genau da im Hirn passiert, außer dass irgendwie der Botenstoff-Haushalt durcheinander geraten ist.

Ich meine, dass ein frischer Wind in die psychiatrischen Abteilungen gehört und die niedergelassenen Ärzte erreichen sollte. Dass sie eine bessere Ausbildung erhalten und auch dadurch eine positivere Grundhaltung einnehmen können. Dass etwa das Ausschleichen von Tabletten bei Patienten, auch wenn es häufig scheitert, nicht generell ausgeschlossen wird. Dass viel häufiger versucht wird, die Medikamentendosis auf ein Minimum zu reduzieren. Dass die Patienten nicht einfach abgefertigt werden, sondern dass versucht wird, mit ihnen Perspektiven zu erarbeiten.

Was aus Ihrer Zeit in der Klinik beschäftigt Sie am meisten?

Ich glaube, es gibt eine Tendenz, den Patienten viel zu wenig zuzutrauen. Mir wurde vorgeschlagen, ich solle mich frühverrenten lassen. Ich dachte: Ich bin 47, ich will Perspektiven. Ich arbeite gerne, habe keine Familie, was soll ich denn da Zuhause rumsitzen und einmal in der Woche in die Teestunde gehen? Ich war schon auf dem Weg zur Versicherung und bin heute nur froh, dass ich dann einen Job als Drehbuchschreiberin bekommen habe. Es gibt natürlich auch Patienten, die sagen, ich hab keine Kraft mehr. Umso besser ist es doch, wenn nicht ich die Rentenversicherung in Anspruch nehme - sondern jemand, der das braucht oder will.

Sie kritisieren auch den Umgang mit Medikamenten.

Manche Menschen akzeptieren schnell, dass sie ein Leben lang Medikamente nehmen müssen. Es gibt aber Leute, die probieren wie ich immer mal wieder aus, ob es nicht doch ohne geht. Das hat Gründe - einmal wollte ich schwanger werden, da hat man mir auch geraten, die Medikamente wegzulassen. Aber auch ohne das sind die Nebenwirkungen, abhängig von Patient und Arznei, erheblich: starke Gewichtszunahme, das Sexualleben entwickelt sich in Richtung Bescheidenheit, um es vornehm auszudrücken. Das Allerschlimmste ist aber: Wer hochdosiert Medikamente bekommt, der freut sich morgens nicht, wenn die Sonne scheint. Man vermisst, dass einem mal das Herz aufgeht - alle Emotionen sind auf ein Durchschnittsmaß gepegelt, die Lebensfreude ist wie festgefroren.

Sie haben vor Ihrer letzten Psychose eigenmächtig die Medikamente abgesetzt. Ein Fehler?

Es war vollidiotisch, auch aus sozialpsychiatrischen Gründen: Ich hatte zu dem Zeitpunkt keinen Lebensgefährten und noch kein stabiles soziales Umfeld in Köln. Damals hätte ich die Tabletten also gerade gebraucht.

Nehmen Sie aktuell Medikamente?

Ja, in einer niedrigen Dosis. Wenn es meinen aktuellen Psychiater schon früher gegeben hätte, ich schon eher mit jemandem den Kompromiss hätte eingehen können, eine geringere Dosis zu nehmen - ich hätte sicher nicht die Tabletten abgesetzt.

Haben Sie Angst vor der nächsten Psychose?

Eigentlich nicht. Es geht mir gerade ganz gut. Ich habe wieder Freunde, einen Job, der mir gefällt. Und wenn man sagen kann, dass ich etwas aus der Psychose gelernt habe, dann ist es: Man muss die Krankheit annehmen, sich selbst annehmen. Ich bin immer einer Heilung hinterher gehechelt, von der viele sagen, dass es sie bei Schizophrenie sowieso nicht gibt. Aber so oder so ist der erste Schritt zu einer, sagen wir Genesung, die Erkenntnis, dass man krank ist.

Jeder, der sich nicht ablehnend verhält, ist in dem Wust von Problemen, mit denen sich ein psychisch Kranker konfrontiert sieht, ein Rettungsanker für ein Schiff, das sich wahrlich auf stürmischer See befindet.

In Deutschland hat es 2011 eine Befragung zur Haltung gegenüber psychischen Erkrankungen gegeben. Über die Hälfte der Befragten würde es ablehnen, einen Menschen mit Schizophrenie einem Freund vorzustellen (53 Prozent), ihn für einen Job zu empfehlen (63 Prozent), ihn als Mieter zu akzeptieren (58 Prozent) oder in der Familie (60 Prozent), 79 Prozent lehnen es ab, ihm die Betreuung seiner Kinder anzuvertrauen. 49 Prozent der Befragten sagen, dass sie sich in Gegenwart eines an Schizophrenie erkrankten Menschen unwohl fühlen würden, 37 Prozent würden mit Angst reagieren. Das sind grausame und brutale Zahlen, meine ich.

Ihr Buch erscheint trotzdem unter Ihrem richtigen Namen. Warum?

Erst dachte ich: Um Gottes Willen, das mache ich nicht. Jeder Personaler kann dann im Internet recherchieren und bekommt ruckzuck „Christiane Wirtz schizophren“. Aber das Buch unter meinem Namen zu veröffentlichen, ist eine Festlegung auf meine Krankheit, ein Schritt mehr zur Akzeptanz. Und wenn ich will, dass die Botschaft unter die Leute kommt, dann muss ich dazu stehen.

Sie schreiben, die Gesellschaft soll mit Psychosen umgehen wie mit Diabetes.

Niemand schreit einen in der Post an, weil man einen Zuckerschock bekommen und unästhetisch in der Gegend herumgelegen hat. Sogar unter den Psychiatrie-Patienten stehen die Schizophrenen ganz unten - die Borderliner und die Depressiven sind immer noch ein paar Stufen höher. Ich wünsche mir einfach, dass die Krankheit für die Betroffenen weniger mit Scham und für die Nicht-Betroffenen weniger mit Angst besetzt ist. Ich selbst hatte natürlich Vorurteile im Kopf, als ich die Diagnose bekommen habe - wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich das vielleicht alles lockerer gesehen, der Umgang mit der Krankheit wäre ein bisschen leichter gewesen.

15:59 21.06.2018

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