Begriff und Wandel

Leseprobe "Der Begriff ist fast immer eine Beleidigung, aber seine Bedeutung hängt auch davon ab, wer ihn in welchem Zusammenhang benutzt. In jedem Fall dient er der Klassen-Diskriminierung."
Begriff und Wandel
Foto: Facundo Arrizabalaga/AFP/Getty Images

Vorwort zur Neuausgabe

Keiner hätte gedacht, dass Prolls so viel Aufsehen erregen würde. Und wäre das Buch drei oder vier Jahre früher erschienen, wäre es wohl auch kaum so gekommen. Der Einfluss des Buches hatte weniger mit dem provokativen Titel zu tun, sondern damit, dass die Klassenfrage plötzlich wieder ganz oben auf der Tagesordnung steht. Während der Jahre des Aufschwungs konnte man zumindest so tun, als gäbe es keine Klassen mehr – dass »wir jetzt alle Mittelschicht sind«, wie Politiker und Medienleute so schön sagten. Als britischer Finanzminister proklamierte Gordon Brown das Zeitalter einer Wirtschaft ohne zyklische Schwankungen. Steigende Lebensstandards für alle schienen sich abzuzeichnen. In der Krise denken wir daran wie an ein Goldenes Zeitalter – obwohl wir heute wissen, dass unser Wohlstandsgefühl auf Sand gebaut war.

Die Reallöhne der unteren Hälfte stagnierten, und die des unteren Drittels sanken seit 2004, also schon vier Jahre vor Beginn der Wirtschaftskrise. Aber billige Kredite übertünchten die sich verschärfenden Klassenunterschiede in Großbritannien. Ungeachtet der Hybris von Politiker- und Medien-Eliten war die Spaltung so tief wie eh und je. Prolls sollte dazu beitragen, die Macht des Schweigekartells zu brechen. Unerwarteterweise rannte ich mit meinem Buch offene Türen ein.

Durch die Wirtschaftskrise wurde die ungerechte Verteilung von Wohlstand und Macht in der Gesellschaft wieder deutlicher sichtbar. Im Laufe des Jahres 2011 sank der Lebensstandard des britischen Durchschnittsbürgers so schnell wie seit den 1920er Jahren nicht mehr. Die Child Poverty Action Group warnte vor dem »dreifachen Schlag« gegen arme Familien, vor der gleichzeitigen Kürzung von Sozialleistungen, öffentlichen Dienstleistungen und anderen Formen der Unterstützung.

Die Armutsbilanz der Cameron-Regierung »wird die schlechteste aller Regierungen der letzten Generation sein.« Für Spitzenverdiener ging der Boom aber weiter. Die Vorstandsgehälter in den führenden 100 Unternehmen in Großbritannien stiegen 2011 um 49%. Im Jahr zuvor waren sie um 55% nach oben geschossen. Der Wohlstand der reichsten 1000 Briten stieg zugleich um ein Fünftel, nachdem er 2010 schon um 30% gewachsen war – so stark wie nie zuvor. Kurz nach dem Regierungswechsel sagte der neue konservative Spar-Finanzminister George Osborne: »Wir ziehen alle an einem Strang.« Das war ebenso lächerlich wie beleidigend.

Es wird immer schwieriger zu argumentieren, dass keine Klassenunterschiede in Großbritannien mehr existierten. Ich wollte eine breite Debatte über dieses Thema anstoßen. Aber viele stürzten sich zuerst einmal auf den Titel des Buches. Einige Kritiker meinten, ich würde nicht verstehen, dass nicht die Arbeiterklasse an sich, sondern eine klar abgrenzbare, unerwünschte Untergruppe dämonisiert werde: die arbeitsferne, Burberry tragende Unterschicht. Ich ließe mich auf nutzlose Erörterungen über die Herkunft und die Definition des Wortes chav, also »Proll« ein. Da das Wort ganz groß auf dem englischen Buchumschlag steht, konnte ich diesen Einwand nicht einfach ignorieren. Aber in dem Buch geht es nicht einfach um ein Wort. Es geht darum, mit der Vorstellung aufzuräumen, dass »wir jetzt alle Mittelschicht sind«. Dass der Großteil der alten Arbeiterklasse »aufgestiegen« sei und nun zu »Middle Britain« gehöre (zum mittleren Großbritannien, was immer das auch sei) und dass nur noch ein nutzloser Problemrumpf übrig sei. Der wurde oft noch ethnisch aufgeladen und zur »weißen Arbeiterklasse« erklärt.

Das Wort Prolls mit all seinen negativen Konnotationen fasst dieses Zerrbild am besten zusammen. Kurz nach der Veröffentlichung von Prolls zeigte eine Studie des Meinungsforschungsinstituts BritainThinks, wie sehr die Identität der Arbeiterklasse inzwischen dämonisiert wurde. Prolls hatte darauf hingewiesen, dass 50 bis 55% der Bevölkerung unbeirrt angeben, dass sie zur Arbeiterklasse gehören – trotz des Mantras, dass »wir jetzt alle Mittelschicht sind«. BritainThinks enthüllte, dass sich 71% als Mittelschicht bezeichnen und nur noch 24% als Arbeiterklasse. Diese Veränderung hatte zweifellos auch damit zu tun, dass zwar nur eine Kategorie »Arbeiterklasse« zur Auswahl stand, dafür aber drei »Mittelschichten«: untere, mittlere und obere.

Es gab aber noch einen tieferen und beunruhigenderen Grund. Deborah Mattinson von BritainThinks, die früher als Meinungsforscherin für Gordon Brown arbeitete, erklärt: »Die Fokusgruppen hatten ganz dezidiert das Gefühl, dass es die ehrenwerte Tradition einer anständigen, fleißigen Arbeiterklasse nicht mehr gibt. Zum ersten Mal habe ich beobachtet, dass ›Arbeiterklasse‹ als Schimpfwort verwendet und mit anderen negativen Klassenbegriffen wie ›Proll‹ gleichgesetzt wurde. Ich bat die Mitglieder der Fokusgruppen darum, aus Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitten Collagen zu machen und so die Arbeiterklasse zu verbildlichen.

Viele haben ziemlich abstoßende Bilder ausgesucht: Angeberei, schiefgegangene Schönheitsoperationen, geschmacklose Designerkleidung, Alkohol, Drogen, Übergewichtige«. Einige Mitglieder der Fokusgruppe betrachteten sich als Mittelschicht, andere als Arbeiterklasse. Ihre Lebensläufe, Jobs und Einkommen waren fast identisch. Der Unterschied war: Die »Mittelschichtler« wollten sich von einer unvorteilhaften Identität abgrenzen und ein deutlich positives Image für sich reklamieren. In Deborah Mattinsons Worten: »Wer Mittelschicht sein will, will zeigen, dass er Klasse hat.«

Die Befragten glaubten, dass sie auf die »Arbeiterklasse« nicht mehr stolz sein konnten. Im Gegenteil: Der Begriff war zum Synonym für »Proll« geworden. Die Minderheit, die sich trotzdem als Arbeiterklasse bezeichnete, hatte es schwer, ihre Identität mit positiven, aktuellen Bildern zu illustrieren. Einige verwiesen auf die 1960er Jahre als die Hochzeit der britischen Arbeiterklasse. Auf die Frage, was »Arbeiterklasse« denn bedeute, sagten viele: »Meistens heißt es einfach arm.«

Die Studie von BritainThinks identifizierte einige Konsequenzen der politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, von denen in Prolls die Rede war. Erstens, der Angriff der Thatcher-Regierung auf viele Grundpfeiler der britischen Arbeiterklasse, von den Gewerkschaften bis zu den alteingesessenen Industriezweigen. Zweitens, Thatchers neuer poli-tischer Grundkonsens: dass wir alle versuchen sollten, Mittelschicht zu sein, und dass man nicht mehr stolz darauf sein dürfe, Arbeiter zu sein. Drittens, das fast völlige Fehlen zutreffender Darstellungen von Angehörigen der Arbeiterklasse in den Medien, im Fernsehen und in der Politik sowie die Dominanz von grotesken Proll-Zerrbildern.

Verschiedene gesellschaftliche Gruppen in Großbritannien verwenden das Wort »Proll«. Fast niemand nennt sich selbst so, höchstens ironisch. Der Begriff ist fast immer eine Beleidigung, die anderen nachgeworfen wird, aber seine Bedeutung hängt auch davon ab, wer ihn in welchem Zusammenhang benutzt. In jedem Fall, und das zeige ich in meinem Buch, dient er der Klassen-Diskriminierung. Ein Beispiel: ChavTowns ist eine ziemlich ekelhafte Webseite, die mich zu einem ihrer Feinde erklärt hat (darauf bin ich stolz). ChavTowns macht sich über ganze Gegenden lustig. Anonyme Beiträger prügeln zum Beispiel auf meine Heimatstadt Stockport ein, und zwar mit unkontrolliertem Klassenhass: »Stockport hat zwar ein paar wohlhabende Gegenden. Aber leider halt auch ziemlich viel Abschaum«, schreibt einer. Ein anderer klagt: »Ich schäme mich jedes Mal, wenn ich Stockport als Adresse angeben muss, obwohl ich in einem viel, viel schöneren Vorort wohne (die gibt es nämlich auch).« Und wieder ein anderer, der angibt, »im schönen Dorf Cheadle Hulme« zu wohnen, fällt über die Bewohner von Stockports Sozialwohnungen her.  

Die Dämonisierung ist allerdings nicht immer so direkt. In ihrer Rezension von Prolls schreibt Lynsey Hanley, die Autorin des hervorragenden Buches Estates: An Intimate History, dass der Klassenhass »keine Einbahnstraße« ist, sondern »ein abgekarteter, oft unterschwelliger Vorgang, der jeden erniedrigt. Die Proll-Schelte vollzieht sich oft innerhalb von Arbeiterstadtteilen, nicht zuletzt wegen der alten Kluft zwischen denen, die nach ›Anstand‹ streben, und denen, die ihn verachten.«

Zur Proll-Schelte neigen Angehörige der Arbeiterklasse, die sich über antisoziale Elemente in ihrer eigenen Umgebung ärgern. Mit Prolls wollte ich antisoziales Verhalten in einen sozialen und ökonomischen Kontext stellen: In Kommunen mit hoher Armut und Arbeitslosigkeit kommt es häufiger vor. Fakt ist aber auch: Die Auswirkungen von antisozialem Verhalten und Kriminalität sind Klassenthemen. Von beiden sind statistisch gesehen Angehörige der Arbeiterklasse stärker betroffen als die Mittelschicht. Die Opfer haben verständlicherweise oft wenig Verständnis für die Täter, besonders wenn sie sich in derselben schwierigen wirtschaftlichen Lage befinden und sich selbst nicht antisozial verhalten.

Es stimmt auch nicht, dass ausschließlich Angehörige der Mittelschicht, die Boulevard-Zeitungen lesen, ihre Nachbarn ausspionieren und sich über schwule und Zigeuner aufregen, zu Feindseligkeiten gegenüber »Sozialbetrügern« neigen. Wer gerade so mit seinem sauer verdienten Geld auskommt, den treibt die Vorstellung zur Weißglut, dass ein paar Häuser weiter jemand auf seine Kosten die Sau rauslässt. Für rechtspopulistische Politiker und Journalisten ist dieser alte Kampf der »Armen gegen die Armen« ein gefundenes Fressen. Schauergeschichten von extremen Sozialbetrügern werden in den Boulevard-Zeitungen genüsslich ausgebreitet und nicht als Einzelfälle, sondern als typische Beispiele eines großen Problems verkauft. Der »Schnorrer« ist zum Sinnbild der Arbeitslosen in Großbritannien geworden. 

Natürlich sind die Ursachen für die wachsende Langzeitarbeitslosigkeit allgemein bekannt. Einer der Befragten in der BritainThinks-Studie, der sich zur Arbeiterklasse zählte, formulierte es so: »Seit Thatcher die Fabriken dichtmachte, haben wir hier die Generation ›Stütze‹.« Prolls sollte die Auswüchse der Berichterstattung über Sozialbetrüger zurechtrücken. Auf den Sozialbetrug entfallen weniger als 1% der Sozialausgaben. Der Steuerbetrug auf der anderen Seite des Einkommensspektrums ist 60-mal so groß.

Geradezu lächerlich ist die Meinung, es gebe doch genügend Jobs, die Leute müssten nur mal ihren faulen Arsch hochkriegen und zum Arbeitsamt gehen. Alle Indikatoren zeigen, dass die meisten Arbeitslosen verzweifelt nach Arbeit suchen. Sie finden eben nur keine. Ende 2011 berichtete der Daily Telegraph, dass 23 Arbeitssuchende auf jede freie Stelle in Großbritannien kommen. Um jede Stelle im Einzelhandel bewerben sich 42, im Kundendienst 46 Menschen. In manchen Kommunen sieht es noch schlimmer aus. In Hull gibt es 18.795 Arbeitssuchende und 318 offene Stellen.

Es gibt einfach nicht genug Stellen. Aber weil diese Fakten in Zeitungen und Fernsehen kaum zur Sprache kommen und steuerflüchtige Geschäftsleute sich schwerer an den Pranger stellen lassen, geht das unter. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse geht auch auf Unsicherheit, auf die »soziale Distanzierung« von Menschen zurück, denen es oberflächlich gesehen ähnlich geht. BritainThinks enthüllte, dass diejenigen, die am ehesten selbst als Prolls abgestempelt werden könnten, die lauteste Prollschelte betreiben. Ein Befragter, der seit langem Leistungen aufgrund von Arbeitsunfähigkeit erhält, und zwei arbeitslose Mütter unter 20 beschimpften Prolls als Ausbeuter des Sozialsystems. Das ist keine Klassenverachtung, sondern die Angst, mit einer Außenseitergruppe in einen Topf geworfen zu werden. Die unablässigen Angriffe auf Arbeitslose und junge Mütter haben zur Folge, dass die Angegriffenen mit Vorurteilen um sich werfen. 

Großenteils geht die Dämonisierung der Arbeiterklasse auf den Versuch zurück, die öffentliche Meinung zu drehen. Margaret Thatcher begann damit, Tony Blairs New Labour machte nahtlos weiter, die jetzige konservativ-liberale Koalition erst recht. Armut und Arbeitslosigkeit sollten nicht mehr als soziales Problem gelten, sondern als moralisches Fehlverhalten von Einzelnen. Wer sich nur bemüht, wird schon Erfolg haben, lautete die große Lüge. Arm war man, weil man faul, verschwenderisch oder unmotiviert war.

Die jüngste Umfrage zu Werten und Einstellungen von Ende 2011 zeigt, wie erfolgreich dieser Versuch war. Auch wenn immer mehr Menschen aufgrund der Wirtschaftskrise verarmten oder arbeitslos wurden, verhärtete sich die Front gegen Arme und Arbeitslose. Bei einer Arbeitslosenzahl von fast 2,7 Millionen glaubte über die Hälfte der Befragten, dass das Arbeitslosengeld zu hoch sei und Menschen von der Arbeit fernhalte. Aus dem Fernsehen oder den Zeitungen erfährt man eben auch nicht, dass die Unterstützung 67,50 Pfund pro Woche beträgt und dass Arbeitslose unter 26 noch weniger bekommen. 63% glaubten, dass Kinderarmut auch daher kommt, dass »Eltern nicht arbeiten wollen«. Das ist niederschmetternd, aber kaum überraschend angesichts der Thatcher-Verwüstungen, angesichts des Unwillens von New Labour, konservative Dogmen in Frage zu stellen, und angesichts der medialen Schweigespirale zu Armut und Arbeitslosigkeit.

Solche Einstellungen haben natürlich politische Folgen. Wer denkt, dass Armut und Arbeitslosigkeit ein Zeichen von persönlichem Versagen sind, fragt sich, wozu ein Sozialstaat überhaupt nötig ist. Die Umfrage zur Gemeinschaftsorientierung zeigte auch, dass nur noch ein Drittel sich für die Umverteilung von Wohlstand ausspricht. Noch am Ende von Margaret Thatchers Regentschaft war es über die Hälfte. In einer gespaltenen Gesellschaft wie unserer hat die Dämonisierung die Aufgabe, Ungleichheit normal erscheinen zu lassen – sie ist eben eine Folge von unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten. Unten ist, wer dumm, faul und unmoralisch ist.

Die Dämonisierung ist das ideologische Fundament einer ungleichen Gesellschaft. Mein Buch wurde auch kritisiert, weil es angeblich ein Goldenes Zeitalter glorifiziere, das es so nie gegeben habe. Das Buch zeichne das rosige Bild einer funktionierenden Industriegesellschaft, die von Thatcher zugrunde experimentiert worden sei. Das steht aber gar nicht drin. Im Gegenteil: Industriearbeit ist oft hart und dreckig. Frauen haben kaum Chancen, und wo sie zum Zuge kommen, werden sie benachteiligt. Ein verblendeter, junger Autor könnte auch noch alle möglichen anderen Probleme des inzwischen vergangenen Industriezeitalters übersehen. Mir ging es aber um etwas ganz anderes: Als die Industriearbeit verschwand, trat nichts an ihre Stelle.

In ganzen Kommunen gab es keine sichere, respektierte Arbeit mehr. Dienstleistungsjobs sind oft sauberer, körperlich weniger anstrengend und offener für Frauen (die immer noch im unsicheren Niedriglohnsektor überrepräsentiert sind). Aber diese Jobs sind häufig auch schlechter bezahlt, weniger angesehen und weniger sicher. Callcenter und Supermärkte werden in einer Stadt nie die Rolle der Minen, Fabriken und Werften von einst spielen. Ich will junge Männer heute nicht mehr in den Schacht schicken. Meine Darstellung, wie viel schlechter das Neue in vieler Hinsicht ist, heißt nicht, dass ich für die Rückkehr in eine untergegangene Welt bin.

Man warf mir auch vor, ich hätte einen eindimensionalen Blick auf die Arbeiterklasse. Ich spräche allenfalls über die weiße, männliche Arbeiterklasse. Aber viele meiner wichtigsten Beispiele für die Dämonisierten sind Frauen: Karen Matthews, Jade Goody und Vicky Pollard zum Beispiel. Klassenhass und Frauenfeindlichkeit gehören oft zusammen. Ich wollte auch den rasant wachsenden Frauenanteil auf dem Arbeitsmarkt ansprechen. Frauen haben zwar immer schon gearbeitet und gerade auch die unbezahlte Hausarbeit gemacht, um die die Männer sich gedrückt haben. Aber heute machen sie über die Hälfte des Arbeitsmarkts aus.

Eines meiner Beispiele für die heutige Arbeiterklasse ist die »schlecht bezahlte, weibliche Teilzeitkraft im Supermarkt«. Wer Klassen verstehen will, muss auch Geschlechter verstehen – und umgekehrt. Zur Emanzipation gehört die Klassenfrage. Wer nicht über Klassen spricht, verliert die Emanzipation aus dem Blick. Oft hieß es, Prolls handle nur von Weißen. Dabei geht es in dem Buch gerade darum, aus dieser engen Perspektive auszubrechen. Prolls werden zwar oft mit der »weißen Arbeiterklasse« gleichgesetzt, aber das Buch heißt nicht umsonst »Die Dämonisierung der Arbeiterklasse« und nicht »Die Dämonisierung der weißen Arbeiterklasse«. Nachdem Medien und Politik lange verkündeten, wir seien »jetzt alle Mittelschicht«, sprechen sie heute wieder über die Arbeiterklasse – und gleich auch über Hautfarben. Sie führen die Probleme der »weißen Arbeiterklasse« auf die Hautfarbe zurück statt auf die Klasse.

Prolls wendet sich gegen diese Haltung. Denn Arbeiterkommunen und -betriebe sind ethnisch vielfältiger als die Mittelschicht. Die Probleme von Angehörigen der Arbeiterklasse, die weiß sind – Wohnsituation, Arbeitsmarkt, Mitspracherechte, sinkender Lebensstandard, öffentliche Sicherheit – haben nicht mit Ethnien, sondern mit Klassen zu tun. Angehörige der Arbeiterklasse haben diese Probleme, egal welche Hautfarbe sie haben. Die Hautfarbe spielt insofern eine Rolle, als Angehörige ethnischer Minderheiten innerhalb des Arbeitermilieus anderen Formen der Unterdrückung und Ausbeutung ausgesetzt sind.

Die meisten britischen Bangladescher und Pakistani beispielsweise sind arm, und Schwarze werden weit öfter von der Polizei angehalten. Probleme, die die ganze Arbeiterschicht betreffen, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass bestimmte Minderheiten zusätzlich unterdrückt werden. Politiker und Medien reden auch über die »weiße Arbeiterklasse«, seit Rechtspopulisten wie vor allem die British National Party an Boden gewinnen.

Prolls vertritt den Standpunkt, dass solche Bewegungen vor allem auf soziale und ökonomische Unsicherheit zurückgehen. Aber selbstverständlich ist auch einfach viel rassistische Verblendung dabei. Trotz aller Fortschritte im Kampf gegen den Rassismus im Nachkriegs-Großbritannien sind Vorurteile, Borniertheit und Diskriminierung weiterhin in jedem Bereich der Gesellschaft ein Problem. Einige meinten, ich hätte mich, ausgehend von einer interessanten Annahme, durch meinen überholten Anti-Thatcherismus verrannt. Philip Hensher schrieb im Spectator: »Die wachsende Verachtung der urbanen Arbeiterschaft ist ein wichtiges Thema, welches aber zwischen altbekannten Klagen über Mrs. Thatcher untergeht, die längst niemanden mehr interessieren.«

Ich will meine tiefgefühlte Abneigung gegen den Thatcherismus nicht verbergen, und Prolls tut das sicher auch nicht. Aber es geht eben zwangsläufig um die Hinterlassenschaft von Thatchers 1980ern. Meiner Meinung nach kann man Klassenverachtung nicht von breiteren sozialen und politischen Trends abkoppeln. Eines der Hauptargumente meines Buches ist, dass dieser neue Klassenhass vor allem mit einem Angriff auf das Großbritannien der Arbeiter zu tun hat, auf Gewerkschaften, Betriebe, Wohnformen, Gemeinschaften und Werte. Wir leben noch immer in einem thatcheristischen staat. Wer das anprangert, ist »altbekannter Klagen« wohl kaum verdächtig.

Das Buch, so hieß es auch, enthalte nicht genug wissenschaftliche Forschung und Theorie. Das ist so gewollt. Akademiker und Linke haben sich zwar in den vergangenen Jahren kaum mit dem Begriff der Klasse beschäftigt, aber es gibt natürlich Forschungsliteratur. Leider liest sie außer ein paar Spezialisten niemand. Mit Prolls wollte ich das Thema der Klasse wieder in eine breitere Öffentlichkeit tragen. Und ich will linke Ideen verfechten, gerade weil die Linke derzeit so schwach ist. Deshalb sollte das Buch lesbar sein. Ich hoffe, das ist mir gelungen. All diese Kritik ist Teil einer größeren Debatte. Ich wollte, dass man wieder über Klassenfragen spricht – ob man mir nun zustimmt oder nicht.

Einige Monate, nachdem das Buch herauskam, veränderte sich die Diskussion plötzlich. Im August 2011 sah es einige Tage lang so aus, als stehe England am Abgrund des sozialen Chaos. Die Dämonisierung, über die ich spreche, trieb ungekannte Blüten. August ist in Großbritannien Saure-Gurken-Zeit. Während der Parlamentsferien füllen die Nachrichtenkanäle üblicherweise ihre Sendezeit mit dem immer gleichen Promi-Tratsch, ergehen sich in Spekulationen über den einen oder anderen Politiker und berichten über talentierte Tiere. 2011 war alles anders. In diesem Jahr des Aufstands fiel die Saure-Gurken-Zeit aus.

Kommunen in ganz England wurden zum Schauplatz von Krawallen, Plünderungen und Brandstiftung. Die Unruhen begannen, als die Polizei am 6. August 2011 im Londoner Stadtteil Tottenham den 29-jährigen Mark Duggan erschoss. Duggan war schwarz, und die Beziehungen zwischen der schwarzen Bevölkerung und der Polizei in Tottenham waren vorbelastet. 1985 wurde die ebenfalls schwarze Cynthia Jarrett während einer polizeilichen Durchsuchung ihres Hauses erschossen. In Tottenham brachen Krawalle aus, die nach ihrem Schauplatz Broadwater Farm benannt wurden. Ein Polizist, Keith Blakelock, starb während der Unruhen. Zum ersten Mal seit über 150 Jahren starb ein Polizist bei Krawallen.

Zwar sind die Beziehungen inzwischen besser, doch sind viele in Tottenham, vor allem junge schwarze Männer, der Polizei gegenüber misstrauisch, weil sie sich belästigt fühlen. Schwarze werden in England und Wales tatsächlich auch dreißig Mal häufiger bei Polizeikontrollen angehalten als Weiße.

36 Stunden lang durfte Duggans Familie den Leichnam nicht sehen. Die Independent Police Complaints Commission, die sich mit Beschwerden über die Polizei beschäftigt, gab zunächst an, Duggan habe Polizisten beschossen. Kaum jemand glaubte das, und es stimmte auch nicht, wie sich bald zeigte. Nachmittags am 6. August, einem Samstag, versammelten sich Hunderte zu einem friedlichen Protest vor der Polizeiwache in Tottenham.

Innerhalb weniger Stunden kippte die Stimmung. Am nächsten Morgen gingen die Schlagzeilen durchs ganze Land: Chaos und brennende Ruinen auf der Tottenhamer Hauptstraße. Was folgt, war für die meisten eine völlig unerwartete und furchterregende Unterbrechung des normalen Lebens. Am Montag griffen die Krawalle auf meinen eigenen Londoner Stadtteil, Hackney, über. Meine Geburtstagsfeier fiel kürzer aus als sonst, weil meine nervösen Freunde bald aufbrachen. Ich schwang mich aufs Fahrrad und fuhr an verrammelten Läden auf der Kingsland Road vorbei, die von Gruppen türkischer Männer verteidigt wurden. Von Barnet im Norden bis nach Croydon im Süden wurden Londoner Läden geplündert und niedergebrannt. Randalierende Horden zogen durch die Straßen.

Montag und Dienstag kamen andere Städte dran: Birmingham, Manchester, Liverpool, Leeds, Nottingham. Sogar unaufgeregte Beobachter hatten das Gefühl, dass das Land im Chaos versinkt. »Das letzte Mal, dass in London so viele Feuer zugleich gewütet haben, war während der Bombardierung durch Hitler im Zweiten Weltkrieg«, schrieb die Zeitschrift Time.

Die Kommentatoren sahen Prolls jetzt in einem ganz anderen Licht. Teils wohl, weil das Wort »Proll« die Runde machte, besonders auf Twitter und Facebook. Fran Healey, der Frontmann der schottischen Soft-Rock-Band Travis, nannte die Unruhen in Anspielung auf den »Arabischen Frühling« in einem Tweet »Proll-Frühling«. Die Fitness-Kette Gymbox, von der in Prolls die Rede ist, weil sie »Proll- Bekämpfungs-Kurse« anbietet, machte früher zu – wegen der »Proll-Plage«.

Prolls wurde aber vor allem zum Bezugspunkt, weil die Krawalle den Zustand der gespaltenen, zerfallenden britischen Gesellschaft sichtbar machten. Ich war einer der wenigen, die in diesen Tagen mehr sagen sollten als nur, dass hier hirnlose Kriminelle am Werk seien. Es war ziemlich schwierig, dieser Interpretation zu widersprechen, insbesondere in diesem Moment. Die Bevölkerung war in Angst und Schrecken, es gab gewaltsame Gegenreaktionen.

Nach zwei Krawalltagen sprachen sich in einer Umfrage 90% für den Einsatz von Wasserwerfern aus, zwei Drittel für den Einsatz der Armee, ein Drittel für den Einsatz scharfer Geschütze. Wer verstehen wollte, was passierte, geriet in den Verdacht, die Vorgänge rechtfertigen zu wollen. Soziale und ökonomische Erklärungen für die Gewaltwelle waren unerwünscht. Man sehnte sich nach Sicherheit und nach harten Strafen für die Verantwortlichen.

Ohne es darauf angelegt zu haben, geriet ich in eine der hässlichsten Szenen der Gegenbewegung. Mit der Autorin Dreda Say Mitchell saß ich in der BBC-Sendung Newsnight dem Tudor-Historiker David Starkey gegenüber. Starkeys inzwischen berüchtigter Auftritt begann, indem er Enoch Powells »Rivers of Blood«-Rede zitierte. Sie prophezeit, dass Zuwanderer Großbritannien in Gewalt und Chaos stürzen würden. Starkey gab zu, dass sich Powell insofern geirrt hatte, als es nicht zu ethnischen Konflikten gekommen war. Stattdessen habe etwas, was Starkey »schwarze Kultur« nannte, Weiße zu Schlägern gemacht. »Die Weißen«, sagte er, »sind schwarz geworden.«

Starkey versuchte, Schwarze zum Sündenbock zu machen, und griff in die argumentative Mottenkiste, damit er nicht zugeben musste, dass die meisten Randalierer nicht schwarz waren. Seine immer eigenartigeren, aber offensichtlich sorgfältig geplanten Ausfälle gipfelten in der Ansicht, dass jemand den bekannten schwarzen Labour-Parlamentarier David Lammy für weiß halten würde, wenn er ihn nicht sähe. Was ich da hörte, machte mich beinahe sprachlos. Ich stellte fest, dass Starkey schwarz mit kriminell und weiß mit anständig gleichsetzte. Mich irritierten an Starkeys Äußerungen vor allem die möglichen Konsequenzen.

Wird David Starkey der neue Enoch Powell, werden Kritiker wie ich als liberale Elite abgetan, die einen vermeintlich mutigen Historiker davon abhalten will, die Wahrheit zu sagen? Gibt es bald Anstecker und T-shirts mit »Starkey hat recht«? Kommt es zu Unterstützungsdemonstrationen wie 1968, nachdem Powell als Rassist aus dem konservativen Schattenkabinett flog? Ich hatte Angst, weil er in einem sensiblen Moment, da viele wütend und verunsichert waren, anfing von Rassen zu sprechen.

Aber er fand nur wenig Unterstützung. seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich im Umgang mit dem Thema viel getan. Noch vor gut 50 Jahren waren laut Gallup 71% gegen gemischte Ehen. Heute ist die Zahl nicht mehr messbar. Rassismus ist aus der britischen Gesellschaft längst nicht verschwunden, aber das Land hat sich verändert, daran konnten auch die Auslassungen eines Fernsehhistorikers nichts ändern.

Die Krawalle endeten, nachdem die Polizeipräsenz drastisch erhöht worden war, und die Regierung versprach, die Verantwortlichen dingfest zu machen. Einige machten sich die Welle der Wut zunutze, altgediente Konservative voran. Ein bewährtes Ziel rechtsgerichteter Moralisten musste auch diesmal wieder herhalten: die alleinerziehende Mutter. »Kinder ohne Väter« spielten laut dem konservativen Premierminister David Cameron eine Rolle.

Die rechte Presse nahm das gern auf. Der Daily Express schrieb einerseits: »Hier haben wir nichtsnutzige, rechtlose Männer, die ihre Fehler an ihre Kinder weitergeben.« Und ein paar Sätze weiter: »Vaterlosigkeit ist in der heutigen Gesellschaft die destruktivste Kraft überhaupt.« Der Widerspruch wurde nicht aufgelöst. Das erinnerte an die Thesen des rechten, amerikanischen Pseudosoziologen Charles Murray, der verkündet, die steigende Rate der Analphabeten in »den unteren Schichten« führe zu einem »neuen Pöbel«. Das ist Dämonisierung in Reinform. Komplexe soziale Probleme werden auf vermeintliches individuelles Fehlverhalten reduziert.

Die Gegenreaktion sprach gern von einer »verwilderten Unterklasse«. Die viktorianische Vorstellung der »unwürdigen Armen« war wieder da: Die Randalierer und ihre Familien waren nicht einfach unwürdig, sie waren eigentlich gar keine Menschen mehr. Einige Kommentatoren trieben diese Rhetorik auf die Spitze: Der rechtsgerichtete Kolumnist Richard Littlejohn nannte die Randalierer in der Daily Mail »eine Horde tierähnlicher Wilder und Streuner aus den Innenstädten«, die »wie Robbenbabys« zu Tode geprügelt gehörten.

Der Gegensatz zwischen einer »normalen« Mittelschicht-Mehrheit und einer problematischen Unterschicht durchzog die Kommentare nach den Krawallen. Der konservative Arbeits- und Sozialminister Iain Duncan Smith sagte: »Zu viele Menschen haben nicht bemerkt, wie das Leben in unseren Sozialsiedlungen wirklich aussieht. Wir haben viele dieser Probleme bagatellisiert, damit die große Mittelschicht sie nicht sieht.«

In der fieberhaften Stimmung nach den Krawallen schlug die Regierung vor, die Randalierer, die in Sozialwohnungen lebten, mit ihren Familien dort herauszuwerfen. Das hieße: Sippenhaft. »Es sollte möglich sein, sie herauszuwerfen und sie nicht wieder hineinzulassen«, sagte Cameron im Parlament. Stadtregierungen in Nottingham, Salford, Westminister und andernorts verkündeten, sie wollten genau das tun. Es gab Pläne, die Sozialleistungen für verurteilte Randalierer zu kürzen.

So warf man Randalierer, Bewohner von Sozialwohnungen und Empfänger von Sozialleistungen in einen Topf – und verstärkte den Eindruck einer verwilderten Unterklasse. Camerons Großbritannien statuierte ein Exempel: Wer arm ist und ein Verbrechen begeht, wird zweimal bestraft. Erst von den Gerichten, dann von den Sozialämtern. Die Gerichte urteilten schnell. Es ging beim Strafmaß, so scheint es, eher um Rache als um Gerechtigkeit.

»Mutter zweier Kinder, an Unruhen nicht beteiligt, verurteilt zu FÜNF Monaten, weil sie geraubte Shorts annahm«, twitterte die Polizei von Manchester stolz. »Keiner kommt uns davon!« Die verantwortliche Einheit musste sich entschuldigen. Der 23-jährige, nicht vorbestrafte Nicholas Robinson erhielt sechs Monate, weil er Wasserflaschen stahl (Gesamtwert: 3,50 Pfund). Zwei junge Männer mussten vier Jahre hinter Gitter, länger als viele verurteilte Totschläger, weil sie auf Facebook zu Krawallen in ihren Wohnorten aufriefen. Diese Krawalle fanden nie statt. Wer Wasser klaut, sitzt sechs Monate. Wer die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise seit den 1930ern stürzt, hat juristisch nichts zu befürchten.

Das bankrotte westliche Finanzsystem wird billionenweise mit Steuergeld gestützt, und kein einziger Banker sitzt im Gefängnis. Schlimmer noch: Viele britische Politiker, die nach den Krawallen Gerechtigkeit forderten, hatten sich noch kurz zuvor Millionen von Pfund an Steuergeldern unter den Nagel gerissen. Zwei Jahre vor den Krawallen kam ans Licht, wie sich Abgeordnete systematisch bereicherten. Nur drei erhielten Gefängnisstrafen.

Einige hatten Geld veruntreut, um sich genau die Großbildfernseher zu genehmigen, die die Randalierer auf weniger elegante Art und Weise aus den Läden karrten. Der Labour-Abgeordnete Gerald Kaufman gab 8.750 Pfund aus Steuergeldern für einen Fernseher von Bang & Olufsen aus – und was musste er tun? Das Geld zurücküberweisen. Großbritannien räumte nach den Krawallen mit dem Mythos, die Justiz berücksichtige Geld und Macht nicht, selbst auf. Die Wirtschaftskrise wurde zu einer Krise der staatlichen Ausgabenpolitik erklärt, und auch die Reaktion auf die Krawalle zeigt, wie geschickt die Rechte Krisen zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen kann. Die Krawalle mussten als Beweis dafür herhalten, dass soziale Probleme die Folge individuellen Versagens sind und dass eine verwilderte, außer Kontrolle geratene Unterklasse die harte Hand des Staates spüren sollte.

Meiner Ansicht nach unterstreichen die Krawalle einige Themen, um die es in Prolls geht. Einige Wochen, nachdem auf den Straßen wieder Ruhe eingekehrt war, kamen unliebsame Fakten zutage. Iain Duncan Smith hatte Banden angeprangert, doch nur 13% der Festgenommenen gehörten zu einer. Nach Regierungsangaben hatten aber 42% der betroffenen Jugendlichen Anspruch auf freie Mahlzeiten in der Schule, zweieinhalb Mal mehr als der Landesdurchschnitt. Unter den festgenommenen Erwachsenen waren dreimal so viele Arbeitslosengeldempfänger wie im Landesdurchschnitt. Fast zwei Drittel der jungen Randalierer wohnten in Englands ärmsten Gegenden.

Hier sind sie also, die jungen Armen Großbritanniens, von denen es immer mehr gibt. Machen wir es uns nicht zu einfach: Arbeitslosigkeit und Armut führen nicht einfach so zu Unruhen. Immerhin hat die überwältigende Mehrheit der Arbeitslosen und Armen nicht randaliert. Immer mehr junge Menschen in Großbritannien haben aber keine gesicherte Zukunft. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 20%. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, es wird gespart wie seit den 1920ern nicht mehr, der Lebensstandard sinkt. Die Studiengebühren wurden verdreifacht, und das Bildungsgeld für Studenten aus einkommensschwachen Familien wurde abgeschafft.

Viele junge Leute haben keine Hoffnung mehr. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wird es einer Generation schlechter gehen als der vorigen. Natürlich können wir alle auch etwas tun. Nicht jeder reagiert gleich. Aber es braucht nur wenige junge Menschen, die nichts zu verlieren haben, um Chaos und Schrecken auf den Straßen zu verbreiten.

Auffällig ist, wie hoch der Männeranteil unter den Randalierern war. Neun von zehn Festgenommenen waren Männer. Die rasante De-Industrialisierung und der Abbau qualifizierter, einträglicher Jobs betrafen, da auf solchen Stellen selten Frauen saßen, besonders Männer aus dem Arbeitermilieu. Vor mehr als einer Generation hatte ein 16-jähriger Schulabgänger aus dem Arbeitermilieu gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Das war sein Sprungbrett zu einer qualifizierten, respektierten Arbeit, die seinem Leben Orientierung geben würde. Die Stellen und die Lehrstellen verschwanden und wurden durch nichts ersetzt. 

Das alte industrielle Kernland umfasste vor allem die Bergbau- und Industrieregionen des Nordens, aber auch in Teilen des Südens wurden Betriebe dichtgemacht. Hunderttausende zumeist leichtindustrielle Arbeitsplätze gingen in London und in Südengland verloren. Im Oktober 2011 veröffentlichte die Regierung einen Bericht, der auf der Grundlage von Interviews erstellt worden war, über die Krawalle in den fünf besonders betroffenen Regionen.

Zu Tottenham heißt es beispielsweise: »Die Schließung der Industriebetriebe und auch der Verlust der Arbeitsplätze im Einzelhandel galt als Hauptgrund für die Arbeitslosigkeit. Die Befragten beschreiben die Hoffnungslosigkeit mancher junger Leute angesichts fehlender Chancen.« Die Situation betrifft einen Großteil junger, männlicher Arbeiter, und die meisten haben nicht randaliert. Aber die Aussichten für die meisten Schulabgänger sind düster, daher sind solche Reaktionen einer kleinen Minderheit nicht überraschend.

Ein gefährlicher Mix aus sozialer Ungleichheit und weitverbreitetem Konsumdenken spielte zweifellos eine Rolle. 1979 war Großbritannien eine der westlichen Gesellschaften mit der geringsten Ungleichheit. Nach drei Jahrzehnten That- cherismus hat sich das umgekehrt. Der Gini-Index der gesellschaftlichen Ungleichheit ist in drei Jahrzehnten von 0,25 auf 0,4 hochgeschnellt. London ist eine Stadt mit einem der stärksten Sozialgefälle der Welt: Die reichsten 10% besitzen 273-mal mehr als die ärmsten 10%. Es ist (noch) nicht so schlimm wie in Paris, wo die Reichen im Zentrum und die Armen in den Banlieues, den Vorstädten, leben. In London wohnen reich und Arm quasi übereinander. Jeden Tag sehen die Ärmsten, was sie nie haben werden. Beispiel Clapham Junction, einer der Schauplätze der Krawalle vom August 2011. Bahngleise trennen den reichen Süden von den Sozialwohnungen nördlich davon. »Wer sehen will, was er nicht hat, braucht nur hierher zu kommen«, sagte einer der »lokalen Stakeholder« der Regierung. 

Großbritannien ist eine extreme Konsumgesellschaft. Kleider machen leute. Die überwältigende Mehrheit der jungen Menschen will mitmachen, aber die meisten haben finanzielle Hürden zu überwinden. Am wenigsten überraschte, dass die Plünderer es auf Sportschuhe abgesehen hatten. Die waren schon in meiner Kindheit ein Statussymbol. Billige Schuhgeschäfte wurden geplündert, teure einfach abgefackelt. Die Schuhe dort waren vielleicht mehr wert, aber sie bedeuteten den jungen Leuten nichts, erhöhten ihren Status nicht.

Wichtig war auch die Feindschaft gegenüber der Polizei. Nach den Krawallen sprach ich mit einigen jungen Schwarzen über ihre Erfahrungen mit der Polizei. Wie ich waren sie nicht vorbestraft. Der entscheidende Unterschied: Ich wurde noch nie angehalten, sie werden es dauernd. Einer zum ersten Mal mit zwölf, als er für seine Mutter Milch holte. Manchmal waren die Polizisten nett, entschuldigten sich sogar, andere waren aggressiv oder drohten. Einige verhielten sich so, »als wären wir die gefährlichste Bande hier«. Dieses Gefühl hatten auch andere Verurteilte. Aus der gemeinsam von der London School of Economics, der Joseph Rowntree Foundation und dem Guardian durchgeführten Studie »reading the riots« geht hervor, dass die meisten Randalierer ihre Feindschaft gegenüber der Polizei als Hauptursache für die Unruhen angeben.

Natürlich beteiligten sich viele, weil sie meinten, straflos stehlen zu können. Andere suchten den Nervenkitzel, wollten vor ihren Freunden angeben und einfach dabei sein. Einige gerieten in die Menge und hatten das Gefühl, dass soziale Normen einen Moment lang aufgehoben waren. Andere erinnerten sich an die Gier von Bankern und Politikern und fragten sich, warum nur diese immun sein sollten. Wieder andere waren wütend, frustriert, desillusioniert oder gelangweilt. Jeder hatte andere Gründe, manche mehrere. Alle Randalierer und Plünderer in Englands heißem August hatten wenig zu verlieren, und sie misstrauten der Polizei. 

Ob eine neue Welle der Gewalt anrollt, weiß keiner. Sicher ist, dass die dramatischsten Kürzungen seit den 1920er Jahren die Solidarität in der britischen Gesellschaft schwer beschädigen werden. Immer mehr Menschen aller Altersgruppen blicken mit Sorge in die Zukunft. Die Wut wird wachsen, und wenn sie nicht politisch kanalisiert wird, wird sie wieder ihr hässliches Gesicht zeigen. 2011 war die ganze Welt in Aufruhr – nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise und des Mutes von Millionen Arabern, die sich gegen brutale, senile Tyrannen erhoben.

Dieses neue Zeitalter der Unruhen hat direkt mit meinen Thesen zu tun. In Prolls geht es größtenteils um den Umgang mit Niederlagen wie der Zerschlagung der Arbeiterbewegung in den 1980er Jahren. Ich schrieb: Die Dämonisierung »ist das Triumphgeheul der Reichen, die von unten nicht mehr bedroht sind und sich nun über die Arbeiter lustig machen.« Für dieses Triumphgeheul müssen sich die Reichen nun rechtfertigen.

Die Zeitschrift Time erklärte »den Demonstranten« zur Person des Jahres 2011. Mit den Aufständen gegen Despoten und den Massendemonstrationen gegen die Sparpolitik erlebte der Protest eines seiner größten Comebacks seit den 1960ern, auch in Großbritannien, wo es immer wieder Demonstrationen, Betriebsbesetzungen und Streiks gibt. Die Position der reichen Eliten wurde zwar noch nicht grundlegend herausgefordert, aber es zeigt sich: Widerstand ist möglich.

Diese neue Zeit begann in Großbritannien am 10. November 2010. Die nationale Studentenvereinigung rief zu einer Demonstration gegen die geplante Verdreifachung der studiengebühren auf. 20.000 Teilnehmer wurden erwartet, etwa 52.000 kamen. Viele engagierten sich zum ersten Mal, und sie genossen das Gefühl und die Macht des gemeinsamen Marschierens mit anderen jungen Menschen. Einige Demonstranten besetzten den Millbank Tower, in dem sich auch Büros der Konservativen befinden.

Obwohl selbstgerechte Medien »Gewalt« geißelten, während es kaum welche gab, wurde die Besetzung zu einem Symbol des Widerstands für viele junge Radikale. Die nationale Studentenvereinigung unterstützte viele der Proteste in den folgenden Wochen nicht offiziell, doch gingen sie an Universitäten im ganzen Land weiter. Die Medien regten sich über eingeschlagene Scheiben auf, verpassten aber das wirklich Interessante: Viele lautstarke Demonstranten stammten nicht aus der Mittelschicht, sondern waren Arbeiterkinder, die gegen die Abschaffung des staatlichen Bildungsgeldes für Studenten aus einkommensschwachen Familien protestierten. Viele meinten, dass eine Millionärsregierung ihnen in den Rücken fiel.

Bis vor kurzem galten sie höchstens noch als apathische Masse, die sich nur für Akte X und iPhones interessiert, meist sogar als gefährliches soziales Risiko. Jetzt sah man sie: politikbewusst, empört, lautstark. Sie verlangten Gehör. Die Studiengebühren wurden erhöht, aber der Mythos von der britischen Lethargie war widerlegt. Die immer noch schwachen und schüchternen Gewerkschaften beobachteten die ganze Sache aufmerksam. len McCluskey, Vorsitzender der größten Einzelgewerkschaft Unite, fühlte sich von den Studenten ermutigt. 2011 schlug auch die Stunde der Gewerkschaften. Die Sparpolitik ist eine immer größere Gefahr für Arbeitsplätze und Lebensstandard. Deshalb riefen die Gewerkschaften am 26. März 2011 zum »Marsch für eine andere Politik« auf. Es war der größte Arbeiterprotest seit Jahrzehnten. Hunderttausende einfache Leute wehrten sich gegen eine Regierung, die sie in einer Krise, für die sie nichts können, zur Kasse bittet. Der Widerstand der Gewerkschaften war wieder erwacht.

Nach ihrer Amtsübernahme verkündete die konservativ geführte Regierung sogenannte Rentenreformen. Das Wort »reform« bedeutet längst nicht mehr sozialen Fortschritt, sondern Rückschritt und Kürzung. Das staatliche Rentensystem sei nicht mehr bezahlbar, hörten wir, daher sollten Arbeitnehmer mehr einzahlen, länger arbeiten und weniger bekommen. Zeitgleich fand aber Tony Blairs früherer Minister John Hutton heraus, dass die Kosten der staatlichen Rentenversicherungen im Verhältnis zur britischen Wirtschaftskraft insgesamt sinken würden. Das heißt: Das System wird günstiger.

Das zusätzliche Geld sollte aber ohnehin nicht die Rentenkassen aufbessern, sondern direkt an den Finanzminister gehen. Von der Köchin bis zur Lehrerin sollten alle diese neue Schuldensteuer bezahlen. Einzahlungen in private und betriebliche Rentenversicherungen gingen im vergangenen Jahrzehnt stark zurück. Regierung und Medien hetzten jetzt beide Seiten gegeneinander auf. Warum sollten, fragte man, Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft mit relativ niedrigen Rentenansprüchen das großzügige staatliche System subventionieren?

Die private und betriebliche Seite ist tatsächlich unter Druck. Neun von zehn Versicherungen in diesem Bereich nehmen keine neuen Mitglieder mehr auf. Aber der neue Plan setzt eine Abwärtsspirale in Gang. Staatliche Renten sollen sinken, statt dass private und betriebliche steigen. Die meisten Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst durchschauten das. Am 30. Juni 2011 streikten hunderttausende Lehrer und Beamte. Die Regierung gab nicht nach, und so stimmte eine Gewerkschaft nach der anderen für mehr Streiks. Am 30. November kamen Müllmänner, Krankenschwestern und andere dazu. So etwas hatte es seit dem Generalstreik von 1926 nicht gegeben. Die Nachrufe für die Arbeiterbewegung und die Gewerkschaften waren zu früh geschrieben worden.

Andere Bewegungen trugen ihren Teil bei. Im Oktober 2011 wurde die Wall Street in New York besetzt. Schon im Mai hatten die spanischen Indignados, die Wütenden, Madrids zentralen Platz besetzt, um gegen die spanische Regierung und ihre Finanzpolitik zu demonstrieren. Die ägyptischen Revolutionäre auf dem Tahrir-Platz in Kairo waren ihr Vorbild. Die Wall-Street-Proteste inspirierten Camps auf der ganzen Welt, auch in London, wo vor der St. Paul’s Cathedral ein Zeltlager entstand. Überall lautete das Motto: »Wir sind die 99%«.

Klar werden sollte: Die Interessen der überwältigenden Mehrheit waren nicht die der 1%-Elite. Die Zahlen waren vielleicht nicht präzise, aber darum ging es auch nicht. Das Motto griff das Gefühl der Ungerechtigkeit auf, das sich seit dem Kollaps von Lehman Brothers im September 2008 verbreitet hatte. Niemand sollte vergessen, wer an der Wirtschaftskrise schuld war und wer dafür zur Kasse gebeten wurde. Das kam an. Laut einer ICM- Umfrage vom Oktober 2011 glaubten 38%: »Die Demonstranten sind naiv, zum Kapitalismus gibt es keine praktikable Alternative, man muss ihn nur reformieren.« 51% glaubten aber auch: »Die Demonstranten haben insofern recht, als wir wieder ein System brauchen, in dem Menschen mehr zählen als Profite.«

Großbritannien steckt mitten in einer schweren Krise. Auf der ganzen Welt sitzt die reiche Elite immer noch am längeren Hebel, und die Aussichten für Millionen Arbeitnehmer sind düster. Besserung ist nur in Sicht, wenn wir die Klassenfrage wieder auf die Tagesordnung bringen. Denn derzeit ziehen wir eben nicht alle am selben Strang. Die Interessen der Arbeitnehmer und die Interessen derer da oben befinden sich auf Kollisionskurs. Prolls hat nichts mit Mitleid oder Nostalgie zu tun. Sondern es geht um das wichtigste Problem der Gegenwart: Die Arbeiter und die einfachen Leute finden kein Gehör. Nur eine organisierte Bewegung kann den Wirtschaftswahnsinn zur Besinnung bringen, der weite Teile der Menschheit gefährdet. Dazu müssen wir erst mit einigen Irrtümern aufräumen: Wir gehören eigentlich alle zur Mittelschicht, es gibt keine Klassengesellschaft mehr und soziale Probleme sind auf das moralische Versagen von Einzelnen zurückzuführen. 

Mein Buch hilft dabei. Ein paar Autoren setzen gesellschaftliche Veränderungen aber nicht allein in Gang. Wir brauchen den Druck der Massen. Überall leiden die Menschen unter ideologisch aufgeladenen Spardiktaten. Sie müssen für einen neuen Weg kämpfen. Die konservativen Torys, Blairs New Labour und ihre reichen Hintermänner sollen nicht denken, dass sie schon gewonnen haben. Jetzt steht viel auf dem Spiel.

Februar 2012

11:53 02.08.2012

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