Weiße Sklaverei

Leseprobe "Drehscheibe des Frauenhandels in Europa ist heute Deutschland. Das liegt nicht nur an der zentralen geografischen Lage, sondern vor allem an der liberalen Gesetzgebung."
Weiße Sklaverei
Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Vorwort

von Alice Schwarzer

»Die Prostitution und das sie begleitende Übel des Menschenhandels sind mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person unvereinbar und gefährden das Wohl des Einzelnen, der Familie und der Gemeinschaft.« Mit diesen Worten führten die Vereinten Nationen 1949 ihre Konvention »zur Unterbindung des Menschenhandels und Ausnutzung der Prostitution anderer« ein und forderten die Bestrafung – nicht der Prostituierten, sondern aller, die davon profitieren. Auch, und das wird mehrfach betont, wenn die »in der Prostitution ausgenutzte Person selber damit einverstanden« ist, es also »freiwillig« tut.

Seither sind 64 Jahre vergangen und es ist viel passiert. Prostitution und Menschenhandel sind nicht weniger, sondern mehr geworden; in diesen Zeiten der wachsenden sozialen Ungleichheiten bzw. des ökonomischen Gefälles zwischen den Völkern, der Pornografisierung und internationalen Vernetzung. 20 Jahre nach der UN-Resolution hat dann die »sexuelle Revolution« der 68er-Linken Schranken eingerissen und dabei eigene Machtverhältnisse ignoriert: zwischen Frauen und Männern, zwischen Erwachsenen und Kindern. Von »Menschenwürde« war von nun an in Sachen Prostitution nicht mehr die Rede. »Liberalisierung« war angesagt.

Die Profiteure der Prostitution sitzen nicht im Gefängnis, sondern in Talkshows. Zumindest in Deutschland, wo Prostitution jetzt als »Beruf wie jeder andere« gilt. Drehscheibe des Frauenhandels in Europa ist heute Deutschland. Das liegt nicht nur an der zentralen geografischen Lage, sondern vor allem an der liberalen Gesetzgebung. Die 2002 von Rot-Grün verabschiedete Reform des Prostitutionsgesetzes sollte vorgeblich den Prostituierten nutzen – sie hat jedoch, wie zu erwarten, den Frauen nur geschadet und lässt das Geschäft der Profiteure boomen. Und Vater Staat kassiert mit.

Prostitution und Frauenhandel sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts neben dem Waffen-und Drogenhandel weltweit das profitabelste Geschäft. Der Jahresumsatz wird allein in Deutschland auf 14,5 Milliarden Euro geschätzt (Quelle: ver.di), mit Profitraten von oft über tausend Prozent. Die kassieren allerdings nicht die Prostituierten, sondern die Menschenhändler, Zuhälter, Bordellbetreiber und Manager. Ihnen zur Seite steht eine Handvoll der seit Jahren immer gleichen Paradeprostituierten, die in den Talkshows und Illustrierten erzählen, wie gern sie es tun und wie gut sie dabei verdienen. Sie betreiben in der Regel längst selbst Bordelle oder Studios und lassen andere Frauen für sich anschaffen.

Wir reden bei der Prostitution nicht von Ausnahmen. Wir reden von einem Massenphänomen. Die Zahl der Frauen in der Prostitution wird heute allein in Deutschland auf zwischen 400.000 bis 1.000.000 geschätzt. Nehmen wir den Mittelwert, also 700.000, und gehen wir einmal davon aus, dass eine Prostituierte im Laufe eines Jahres im Schnitt mindestens 40 verschiedene Freier hat (dabei haben manche fünf Stammfreier, andere über hundert Gelegenheitsfreier). Gehen wir also davon aus, geht mindestens jeder zweite Mann in Deutschland gelegentlich oder regelmäßig zu Prostituierten – und jede zweite Freundin oder Ehefrau ist davon betroffen, moralisch wie gesundheitlich (die Zahl der Freier, die es ohne Kondom machen wollen, steigt).

Und all das passiert nicht in einem fernen Land, sondern gleich nebenan: auf dem Strich zehn Meter vom Supermarkt entfernt, in der Modelwohnung im Nebenhaus oder im Sauna-Club inmitten ländlicher Idylle. Wir könnten es sehen – wenn wir nicht länger wegsehen. Wir könnten die Männer sehen, die hinschleichen oder schlendern, und die Frauen, deren Pupillen oft geweitet sind von den Drogen, ohne die sie es nicht aushalten. Die Realität der Mehrheit der Prostituierten sieht so aus: Etwa 90 Prozent sind Armuts-und Zwangsprostituierte. Mit welchen Illusionen Mädchen und Frauen in den goldenen Westen gelockt, mit welcher Gewalt sie von Menschenhändlern verschleppt und mit welcher Skrupellosigkeit sie von ihren eigenen Familien zum Anschaffen gezwungen werden, ist bekannt – doch die Empörung bleibt aus.

Wie kann das sein? Schon lange stellt sich die Frage, ob und wie die »Hurenprojekte« von der Prostitutionslobby in Deutschland unterlaufen wurden und Medien sowie Politik manipuliert. Die Beiträge über die »Folgen der Reform« und die Rolle von »Hydra & Co« gehen dem Entstehen des deutschen Zuhälterparadieses nach. Bis heute hält Deutschland an seinem Sonderweg fest – trotz aller Warnungen von Justiz und Polizei, denen mit dieser Gesetzesreform die Strafverfolgung von Zuhälterei und Menschenhandel massiv erschwert wurde. Auch wenn inzwischen eine gewisse Verunsicherung bei der Politik aufkommt.

Die Niederlande, die zunächst ähnlich liberalisiert hatten, haben längst das Steuer herumgeworfen. Sie haben erkannt, dass sie mit der Liberalisierung nur den Händlern mit der Ware Frau genutzt und den Prostituierten geschadet haben. Skandinavien hat schon vor Jahren die Bestrafung des Frauenkaufs eingeführt, mit Billigung einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung, inklusive der Männer. Und nicht nur das sozialistisch regierte Frankreich erwägt inzwischen, es Schweden gleichzutun.

Vor allem aber kommen in diesem Buch die Prostituierten selbst zu Wort: von der sogenannten freiwilligen Prostituierten aus Deutschland bis zur Verschleppten aus Litauen, von der legendären Domenica auf der Reeperbahn der 1980er-Jahre bis zur Betreiberin eines Domina-Studios in Berlin nach der Reform. Auffallend bei den »Freiwilligen« ist: Sie haben (fast) alle bereits in ihrer Kindheit Missbrauchserfahrungen gemacht. Das entspricht auch den internationalen Studien, die feststellen, dass über 90 Prozent aller Frauen in der Prostitution bereits als Mädchen missbraucht wurden. Diese Frauen mussten früh lernen, sich Zuneigung oder Vergünstigungen durch Zurverfügungstellung ihres Körpers zu erkaufen – und sie haben ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Körper.

Die Prostitution ist das Ende einer langen Kette, in der Männer glauben, das Recht zu haben, Frauen missbrauchen bzw. (ver)kaufen zu können. Entscheidend dabei ist der Freier. Ohne ihn, den Käufer, gäbe es keinen Prostitutionsmarkt. Diesen Männern und ihren Motiven spüren im Folgenden zwei Reportagen nach: eine aus dem Jahr 1993 im thailändischen »Sexparadies« Pattaya, eine zweite 2013 in einem Stuttgarter »Wellness«-Bordell. Vor 20 Jahren mussten deutsche Männer noch ins Ausland fahren, um ihre Fantasien schrankenlos ausleben zu können. Heute ist Deutschland ein »Sexparadies« für Ausländer – dank der Reform von 2002, die Verhältnisse möglich macht, über die man in unseren Nachbarländern nur staunen kann: Großbordelle mit Kleinsttarifen und Flatrates, »Wellness«-Bordelle etc. Die Ausländer reisen, von Skandinavien bis Frankreich, in ganzen Busladungen an.

Was ist das Motiv von Männern, Frauen zu kaufen? Das haben die Reporterinnen gefragt. Und so unterschiedlich die Antworten auch ausfielen, eines ist bei allen gleich: Sie wollen Macht. Die Macht, »mit der Frau zu machen, was ich will«. Dieses Bedürfnis scheint zu steigen mit der zunehmenden Unabhängigkeit und dem Selbstbewusstsein von Frauen im Westen. Machtmissbrauch kennt keine Empathie. Würden die Männer hinsehen, wessen Seele und Körper sie da für 100, 50, 30 oder auch nur 10 Euro (auf dem Drogenstrich) benutzen – sie könnten es nicht mehr tun. Sie müssen also wegsehen. Sie müssen die Prostituierten entpersonalisieren, was durchaus auch die Form von Verklärung annehmen kann. Und die Frauen machen mit, sie spielen ihren Kunden etwas vor.

Dieses Buch möchte auch diesen Männern die Augen öffnen. Studien belegen: Mindestens drei von vier Frauen in der Prostitution greifen zu Drogen und Alkohol. Zwei von drei Prostituierten werden im Job vergewaltigt, jede zweite mehr als fünfmal. Zwei von drei (Ex-)Prostituierten leiden unter posttraumatischen Störungen, die mit denen von Folteropfern vergleichbar sind. Da ist es keine Überraschung, dass neun von zehn Frauen gerne aussteigen würden – wenn sie nur könnten.

In keiner westlichen Demokratie aber scheint der Ausstieg aus der Prostitution so schwer wie in Deutschland. Was auch daran liegt, dass Prostitution nicht mehr geächtet wird, sondern toleriert, ja mehr noch: propagiert! Männer, die zu Prostituierten gehen, schämen sich heutzutage noch nicht einmal mehr. Sie finden das cool und »Promis« erzählen es stolz in den Medien. Mit dem Resultat, dass die Frauen in der Prostitution mit ihrer Verzweiflung einsamer sind als je zuvor. Denn: »Warum stellt die sich denn so an? Es ist doch nichts dabei.«

Diesen Trend sah Domenica, als Tochter einer Prostituierten quasi in die Prostitution hineingeboren, bereits in den 1980er-Jahren kommen. Die erfahrene Prostituierte und spätere Streetworkerin war tief schockiert, bürgerliche Mütter zu erleben, die ihre Töchter auf dem Strich besuchten – anstatt sie schnellstmöglich da runterzuholen. Die »Chronik« am Ende dieses Buches zeigt, wie Frauenrechtlerinnen sich immer schon mit den Prostituierten solidarisiert haben – und gleichzeitig das System Prostitution bekämpften.

Die Erste, die die Abolition, die Abschaffung der Prostitution, ab 1875 mit Verve und im internationalen Stil betrieben hat, ist Josephine Butler. Sie war nicht zufällig die Tochter eines Vaters, der für die Abschaffung der Sklaverei gekämpft hatte. Für Josephine ist die Prostitution nichts anderes als eine »weiße Sklaverei«. Ein Begriff, den die heutigen Feministinnen international wieder aufgenommen haben.

Über einen Aspekt, der uns alle angeht, ist zwar schon von den frühen Frauenrechtlerinnen geredet worden, doch er geriet seither wieder in Vergessenheit: nämlich welche Auswirkungen die Existenz und Akzeptanz des Systems Prostitution auf alle Frauen und alle Männer hat. Wie wirkt es sich aus auf das Begehren und das Verhältnis der Geschlechter, wenn Frauen das käufliche Geschlecht sind – und Männer ihre Käufer und Händler?

In einem Kapitel dieses Buches spricht das Ehepaar Braun sehr ehrlich darüber, was es für die Frau bedeutet hat, als sie entdeckte, dass ihr Mann ins Bordell geht – und warum er hingegangen ist. Dieses Buch trägt hoffentlich dazu bei, dass »das älteste Gewerbe der Welt« in Deutschland nicht länger für selbstverständlich gehalten, sondern geächtet wird; dass Prostituierte die Chance zum Ausstieg bekommen; dass Männer, die Frauen kaufen, nicht länger die Augen verschließen – und es irgendwann ganz lassen; dass Menschenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber zur Rechenschaft gezogen werden können; dass die Politik die armen Länder dabei unterstützt, Existenzmöglichkeiten für ihre Mädchen und Frauen zu schaffen, indem zum Beispiel Entwicklungshilfe und Investitionen auch von Frauenrechten und Frauenförderung abhängig gemacht werden.

Und dass Frauen der gleiche Lohn gezahlt wird bzw. ihnen die gleichen Berufskarrieren ermöglicht werden. Das geht nur, wenn Väter die Familienarbeit wahrhaft partnerschaftlich teilen und Vater Staat bei der Kinderbetreuung hilft. Denn auch das ist eine der Konsequenzen der Prostitution: Nicht zufällig ist das käufliche Geschlecht auch das unterbezahlte Geschlecht. Eine Menschengruppe, die so verächtlich behandelt wird wie Frauen in einer sexistischen Gesellschaft – die ist eben auch nicht dasselbe wert wie Männer.

Prostitution ist ein fundamentaler Verstoß gegen die Würde des Menschen, des weiblichen wie des männlichen. Prostitution zerstört die Frauen. Prostitution zerstört die Sexualität. Prostitution überschattet die Beziehung der Geschlechter. Darum muss Prostitution endlich geächtet werden! Und zwar nicht aus Gründen der wie auch immer verstandenen »guten Sitten«, sondern aus Gründen der Menschlichkeit. Wir wollen nicht, dass damit noch 40 Jahre gewartet wird, wie beim Missbrauch der Kinder. Der war von Feministinnen seit Mitte der 1970er-Jahre angeklagt worden, wird aber erst neuerdings ernst genommen. Wir wollen jetzt das Bewusstsein ändern – und damit auch die Gesetze und Strukturen. Ja, eine Welt ohne Prostitution ist denkbar. Es ist ja auch noch gar nicht lange her, dass wir begonnen haben, eine Welt ohne die so lange akzeptierte schwarze Sklaverei zu denken. Tun wir jetzt also den nächsten Schritt – und bekämpfen wir die weiße Sklaverei.

Köln, im August 2013

17:16 06.11.2013

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