Alternative Möglichkeiten

Leseprobe "Die Vermögensverteilung: ein Ergebnis des Leistungswettbewerbs auf freien Märkten? Von wegen. Absolute Spitzeneinkommen bezieht nicht der Fleißige, sondern der Vermögende."
Alternative Möglichkeiten
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Tellerwäscher-Legenden, Feudale Dynastien und die verlorene Mitte

Leistungslose Spitzeneinkommen

Die menschliche Wahrnehmung ist keine leere Projektionsfläche, in der sich die Außenwelt abbildet. Wir formen, was wir sehen, und wir sehen in der Regel auch nur, was den bereits vorhandenen Mustern in unserem Kopf entspricht. Zu diesen Mustern gehört, den Kapitalismus als eine Wirtschaftsordnung zu betrachten, in der die Regeln des Marktes und des Leistungswettbewerbs gelten und in der jeder, der sich müht, es auch zu etwas bringen kann. Selbst Kritiker haben diese Logik oft so sehr verinnerlicht, dass sie ihre Ablehnung großer Ungleichheit im Gestus der Bitte um Mildtätigkeit vorbringen: Starke Schultern, heißt es etwa zur Begründung höherer Reichensteuern, könnten mehr tragen als schwache. Starke Schultern? Gern wird auch von Leistungsträgern gesprochen, wenn die oberen Ränge der Einkommenspyramide gemeint sind. Oder es wird die Solidarität der Starken mit den Schwachen eingefordert. Also: reich gleich stark? Und die Schwachen und Ärmeren, das sind dann wohl die von Natur aus weniger Begabten oder auch die, die einfach keine Lust haben, sich anzustrengen?

Faulbär oder Powermann

Eigentum entsteht durch Arbeit, hat uns bereits in der Morgendämmerung des kapitalistischen Zeitalters der liberale Philosoph John Locke gelehrt. Großes Eigentum entsteht nach dieser Erzählung durch besonders fleißige oder besonders kreative Arbeit. Indem der Kapitalismus die Powermänner und Powerfrauen, die diese Arbeit leisten und so die Wirtschaft voranbringen, überreich belohnt, sorgt er auf diese Weise etwa nicht dafür, dass es uns am Ende allen besser geht?

Wer die Welt so sieht, der hat wenig Grund, die aktuelle Einkommens- und Vermögensverteilung als ungerecht zu empfinden. Was lässt sich schon dagegen sagen, dass derjenige, der mehr leistet, auch besser lebt als der notorische Faulbär, der sonnigen Gemüts in den Tag hinein döst? Soziale Politik sollte nach dieser Lesart allenfalls dafür sorgen, dass die Unterschiede nicht zu groß werden und den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden. Immerhin hat nach den Geboten des Humanismus jeder Mensch, auch der, der wenig oder nichts schafft, das Recht auf eine Grundversorgung. Allerdings sind damit auch die Grenzen staatlicher Umverteilung festgelegt: Sie darf die Marktverteilung nicht so stark korrigieren, dass sie Eigeninitiative und Leistungswillen demotiviert und so den entscheidenden Motor der wirtschaftlichen Entwicklung ins Stottern bringt.

Geheimes Leistungsdoping?

Wir alle kennen diese Bilder, viele von uns denken in ihren Konturen, oft sogar unbewusst. Sie sind eingängig, weil sie für die Alltagswelt, die uns umgibt, jene Welt der gesellschaftlichen Mitte, in der die meisten Menschen leben, durchaus plausibel erscheinen. Da begegnet man intelligenteren und schlichteren Gemütern, Hochqualifizierten und weniger Gebildeten, Arbeitstieren und Partylöwen, Strebern und Spielern, und wer will leugnen, dass diese Unterschiedlichkeit der Menschen auch unterschiedliche Chancen auf Arbeit, Einkommen und Wohlstand nach sich zieht. Aber erklärt sie auch nur ansatzweise die riesige Kluft, die sich zwischen dem gesellschaftlichen Oben und dem großen Rest der Gesellschaft auftut?

Die Vermögensverteilung: ein Ergebnis des Leistungswettbewerbs auf freien Märkten? Es wäre interessant, zu erfahren, dank welcher geheimen Dopingmittel die oberen Zehntausend dieser Welt in den letzten Jahren ihre persönliche Leistungsfähigkeit derart aufgeputscht haben, dass ihr privates Vermögen mittlerweile das gemeinsame Eigentum von 99 Prozent der Menschheit in den Schatten stellt. Wenn es konkret wird, dürfte kaum einer die These vertreten, die wachsende Ungleichheit der Einkommen und Vermögen beruhe darauf, dass in jüngster Zeit wenige immer leistungsstärker und viele immer unfähiger geworden sind. Aber worauf beruht sie dann?

Vom Garagenbastler zum Milliardär?

Schauen wir uns zunächst die Kluft zwischen denen ganz oben und dem Rest der Gesellschaft an. Galt je das Prinzip, dass jeder, der talentiert ist und sich anstrengt, es bis ganz nach oben schaffen kann, vom Tellerwäscher zum Milliardär, vom Garagenbastler zum Chef eines globalen IT-Konzerns? Wenn ja, warum gibt es dann so verblüffend wenige Beispiele solcher Karrieren, und warum verlieren selbst sie bei näherem Hinsehen oft viel von ihrem Glanz? Die allerwenigsten späteren Milliardäre sind nämlich wirklich als Habenichtse gestartet, die meisten hatten Gönner und Förderer – private oder auch staatliche.

Noch im 19. Jahrhundert lag es auf der Hand, dass sozialer Erfolg nicht durch Studien, Talent und Anstrengung zu erreichen war. Selbst wer zur bürgerlichen Mitte gehörte, wusste, dass er das Niveau, auf dem sich das Leben reicher Familien abspielte, niemals erreichen würde. Für einen Arbeiter war selbst ein bürgerlicher Lebensstandard ein in der Regel unerfüllbarer Traum, vom Luxus der Reichen ganz zu schweigen. Der französische Ökonom Thomas Piketty verweist in seinem Weltbestseller Das Kapital im 21. Jahrhundert darauf, dass die reichsten 1 Prozent der Pariser Bürger während der Belle Époque im Schnitt Kapitaleinkommen in Höhe des 80- bis 100-Fachen des damaligen Durchschnittslohns eingestrichen haben. Für das, was sie im Jahr fürs Nichtstun bekamen, hätte ein Arbeiter also ganze 100 Jahre schuften müssen.

Faulbären an der Spitze

Grundsätzlich hat sich daran auch im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert nichts geändert. »In sämtlichen Ländern und in allen Epochen« schreibt Piketty über die Struktur der Spitzeneinkommen und belegt es durch seine aus Steuererhebungen und anderen Statistiken gewonnenen Daten, gilt Folgendes: »Je weiter man innerhalb des obersten Dezils aufsteigt, desto deutlicher nimmt der Anteil der Arbeitseinkommen ab, während systematisch der Anteil der Kapitaleinkommen stark zunimmt.«[1]

Der Unterschied zu früher besteht darin, dass im 19. Jahrhundert die wohlhabendsten 1 Prozent nahezu ausschließlich von leistungslosen Kapitaleinkommen lebten, während sich heute nur noch die Reichsten unter ihnen das Recht auf komplette Faulheit gönnen. Aber die generelle Regel bleibt: Absolute Spitzeneinkommen bezieht in unserer Wirtschaftsordnung nicht der Fleißige, sondern der Vermögende. Gegen die Hunderte Millionen Euro Dividenden, die die Quandt-Erbin Susanne Klatten jährlich einstreicht, ist nicht nur jeder BMW-Arbeiter, sondern sogar jeder Vorstandsvorsitzende eines DAX-Konzerns ein armer Hund. Die echten Faulbären sitzen im Kapitalismus schon immer ganz oben.

Das soll nicht heißen, dass die Superreichen ihr Leben auf einer Sonnenliege am Pool verbringen und den lieben langen Tag Cocktails nippen, die ihnen ihre Bediensteten reichen. Es heißt lediglich, dass sie das tun könnten, wenn sie es wollten. In der Realität gibt es unter den Superreichen selbstverständlich auch fleißige, unternehmerisch und anderweitig engagierte und in Einzelfällen sogar persönlich bescheidene Leute – nicht nur den Jetset, dessen Lebenswandel dem Klischee dekadenter Faulpelze schon recht nahe kommt. Aber solche Unterschiede sind an dieser Stelle nicht das Entscheidende. Hier geht es darum – und das gilt für die Faulen wie die Fleißigen gleichermaßen –, dass die millionenschweren Einkommen an der Spitze der gesellschaftlichen Reichtumspyramide völlig unabhängig von Arbeit und Anstrengung fließen.

Max Webers Irrtum

Es war daher ein großer Irrtum Max Webers, der bis heute fortwirkt, die protestantische Arbeitsethik für den Geist des Kapitalismus zu halten. Es ist wahr, der Kapitalismus braucht die braven Fleißigen, am besten solche, die nie nach einem guten Leben fragen, sondern für wenig Einkommen, genügsam und unermüdlich, ihr Tagewerk verrichten. Ohne sie hätte er seine enormen Wachstumserfolge niemals erzielt. Aber er braucht sie unten und in der gesellschaftlichen Mitte, nicht an seiner Spitze. Hier hat der Kapitalismus mit dem Ethos von Arbeit, Fleiß und Mühe in etwa so viel zu tun wie der französische Spätabsolutismus mit seinen wilde Feste feiernden Adligen am Hofe Ludwigs XV. und des XVI.

Insofern ist es auch nicht überraschend, sondern typisch, dass die Entfesselung des Kapitalismus in den letzten drei Jahrzehnten den Anteil des Volkseinkommens, der ohne eigene Leistung in Form von Vermögenseinkommen eingestrichen wird, erheblich erhöht und den Anteil der Einkommen aus selbstständiger wie unselbstständiger Arbeit entsprechend verringert hat. Im Jahr 1950 waren etwa 83 Prozent des verteilbaren Kuchens zur Bezahlung von Arbeitsleistungen an Arbeitnehmer und Selbstständige geflossen und nur 17 Prozent wurden als Vermögenseinkommen ausgeschüttet. Diese Verteilung existierte mit gewissen Schwankungen bis Anfang der achtziger Jahre. Danach begann der Anteil der leistungslosen Vermögenseinkommen kräftig zu wachsen, heute liegt er bei fast einem Drittel des gesellschaftlichen Gesamteinkommens, also knapp doppelt so hoch wie vor 1980.

Unternehmen als Anlageobjekte

Der Begriff capitaliste tauchte übrigens erstmals 1753 in Frankreich auf und bedeutete hier schlicht eine Person, die Güter besitzt und von den Erträgen dieser Güter lebt. Ganz in diesem Sinne hat der bedeutende österreichische Ökonom Joseph Schumpeter großen Wert auf die Unterscheidung zwischen einem Unternehmer und einem Kapitalisten gelegt. Ein Unternehmer ist nach Schumpeter jemand, der in seinem Unternehmen arbeitet und dieses in der Regel auch selbst gegründet hat. Er ist mit seinen Ideen, seiner Inspiration und seiner Power das Zentrum dieses Unternehmens, er steht für dessen Erfolg oder auch Misserfolg, und er lebt von dem Einkommen für diese unternehmerische Arbeit. Ganz anders der Kapitalist, den das Unternehmen nur als Anlageobjekt interessiert.

Solange ein Unternehmer noch einen persönlichen Bezug zur Firma und zur Produktion hat, ist er noch kein wirklicher Kapitalist. Was den Letzteren umtreibt, ist nicht Qualität, sondern Quantität, er will sein Geld optimal vermehren. Ein Kapitalist ist somit auch nicht einfach ein vermögender Mensch, sondern jemand, der seinen Lebensunterhalt zumindest zu beträchtlichen Teilen aus den Erträgen seiner Investitionen bestreitet. Wie der alte Adel von den Frondiensten seiner Hintersassen lebt er von Einkünften, die sein Kapital abwirft.

Kleine Kapitalisten?

Aber ist nicht jeder von uns, wenn er auch nur ein Tagesgeldkonto hat oder für einen jener sinnlosen (weil nur die Finanzkonzerne reich machenden) Riester-Verträge spart, Bezieher leistungsloser Vermögenseinkommen? Haben wir nicht alle mit Ausnahme der Ärmsten ein bisschen Kapital und beschweren uns, wenn es dafür kaum noch Zinsen gibt? So wird gern argumentiert, um in jedem Kleinsparer das stolze Gefühl zu entfachen, er säße mit den Eigentümern von Milliardenvermögen wie den Mitgliedern der Haniel- oder der Oetker-Dynastie in einem Boot.

Mit der Realität hat das wenig zu tun. Dass die Verzinsung normaler Sparbücher nur einen minimalen Anteil am gesamten Vermögenseinkommen hat, zeigt sich schon daran, dass die aktuelle Niedrigzinsphase das Wachstum dieser Einkommensart nicht gedämpft hat: Obwohl der Normalbürger faktisch keinen Zins mehr auf sein Geld bekommt, steigt der volkswirtschaftliche Anteil der Vermögenseinkommen munter weiter.

Eine von Pikettys zentralen Thesen ist, dass der Ertrag eines Vermögens in direktem Zusammenhang zur Größe dieses Vermögen steht. Also kurz gesagt: Je mehr einer anlegt, desto höher ist die Rendite, die er einfährt. Es ist kein Geheimnis, dass sich mit der Größe des Vermögens auch die Art der Anlagen verändert: Der Geldadel investiert in Private-Equity-Fonds, Hedgefonds, nicht börsennotierte Aktien, Derivate, Immobilienfonds und Rohstoffe, die kleinen Sparern gar nicht offenstehen. Man könnte daher denken, dass bei Großvermögen die Rendite deshalb kurzfristig steigt, weil sie risikofreudiger angelegt werden. Aber das ist nicht der Fall. Die Renditeunterschiede treten vielmehr langfristig und dauerhaft auf, während sie nach der gängigen Theorie durch die höheren Verluste risikoreicher Anlagen ausgeglichen werden müssten. Intuitiv entspricht das unserer Alltagserfahrung. Jeder Immobilienberater wird Ihnen erklären, dass der Ertrag einer Eigentumswohnung relativ zur investierten Summe deutlich niedriger ist, als wenn Sie es sich leisten können, das ganze Mietshaus zu kaufen.

Matthäus modern …

Es ist nicht einfach, das als allgemeine Regel nachzuweisen, weil es kaum Statistiken über die Rendite individueller Vermögen gibt. Piketty löst das Problem, indem er auf öffentlich zugängliche Daten zur längerfristigen Durchschnittsrendite der Kapitalanlagen amerikanischer Universitäten zurückgreift. Er zeigt, dass diese exakt mit der Größe der angelegten Vermögen variieren. Die höchste Rendite von durchschnittlich 10,2 Prozent nach Abzug von Inflation und Gebühren erzielten im Zeitraum von 1980 bis 2010. Harvard, Yale und Princeton, die jeweils mehrere Milliarden Dollar auf den Kapitalmarkt gebracht haben. Universitäten mit gut 1 Milliarde Dollar Anlagevermögen erreichten eine Rendite von 8,8 Prozent, während Unis mit Vermögen unter 100 Millionen Dollar sich mit Renditen von 6,2 Prozent »bescheiden« mussten. Auch davon kann der normale Sparer natürlich nur träumen, der schon froh ist, wenn die reale »Rendite« auf sein Spargeld – also der Zins nach Abzug von Inflation und Gebühren – nicht negativ ausfällt.

Piketty fasst sein Ergebnis so zusammen: »Die von den großen Stiftungsvermögen erzielten höheren Renditen verdanken sich … nicht prinzipiell einer höheren Risikobereitschaft, sondern eher einer differenzierteren Anlagestrategie, die strukturell und dauerhaft bessere Ergebnisse erzielt.«[2] Im Ergebnis dauerhaft hoher Erträge sind die Vermögen der Milliardäre über Jahre im Schnitt um 6 bis 7, in jüngster Zeit sogar um 8 bis 10 Prozent pro Jahr gewachsen, ganz im Gegensatz zu den Vermögen der Mittelschicht. Letztere werden aktuell durch Negativzinsen abgeschmolzen, um die Schuldenkrise zu entschärfen. Selbstverständlich müssen Vermögen sich verringern, wenn Schulden sinken sollen, aber es sind eben definitiv die falschen Vermögen, die es heute trifft.

Unterschiedliche Welten 

Zinsen nahe null auf normale Sparanlagen stehen also keineswegs im Widerspruch zu der These, dass leistungslose Kapitaleinkommen zum Kapitalismus gehören wie die leistungslosen Feudalrenten von Grafen und Fürsten zum Feudalzeitalter.

Es ist das obere Zehntel der Bevölkerung, bei dem Vermögenseinkommen zum persönlichen Wohlstand relevant beitragen. Je höher wir von da an in der Einkommenshierarchie kommen, desto größer wird ihre Bedeutung. Allerdings haben wir es innerhalb der wohlhabendsten 10 Prozent immer noch mit zwei unterschiedlichen Welten zu tun. Diese Einkommensregion ist zum einen die der gut verdienenden Selbstständigen – der Ärzte, Unternehmensberater und Anwälte –, der geschäftsführenden Inhaber mittelgroßer Unternehmen und der Manager und fachlichen Spitzenkräfte in Konzernen und Banken. Diese Schicht ist wohlhabend, aber sie muss für ihren Wohlstand hart arbeiten und sie kann zwar ihre Vermögen, nicht aber ihre gesellschaftliche Stellung und ihre Einkommen an ihre Kinder weitergeben.

Sie bewegt sich insofern in einer ganz anderen Welt als die eigentliche Oberschicht, »die Stratosphäre der ›1 %‹«[3], wie Piketty sie nennt, in die sie trotz 16-Stunden-Tag, Dauerjetlag und Hyperstress kaum jemals aufzusteigen vermag. Und selbst »innerhalb des obersten Prozents ist das Bewusstsein der Rangabstufungen des Reichtums so scharf ausgeprägt wie das Kastengespür eines indischen Heiratsvermittlers«, schreibt Chrystia Freeland nach ihren persönlichen Erfahrungen mit den Plutocrats, den Superreichen.[4] Diese Rangabstufungen haben nichts mit persönlichen Lebensleistungen zu tun. Wo die wirklich großen Einkommen nicht auf Arbeit, sondern auf Vermögen beruhen, führt der Weg zu ihnen auch nicht über Fleiß, Intelligenz und Anstrengung, sondern in erster Linie über Erbschaft oder Heirat.

Gates und Bettencourt

Natürlich gibt es auch den Fall, dass aus früheren Unternehmern, die zunächst selbst gearbeitet und ihr Unternehmen aufgebaut haben, irgendwann kapitalistische Rentiers werden, die nur noch von der Arbeit anderer leben. In diesen – nicht allzu häufigen – Fällen

ist die Zugehörigkeit zur Oberschicht zwar weder ererbt noch angeheiratet, sondern geht auf die eigene Unternehmensgründung zurück. Aber mit dem Wachstum des Unternehmens werden die Erträge auch in diesem Fall von der eigenen Arbeitsleistung immer unabhängiger, bis diese irgendwann überhaupt nicht mehr nötig ist.

Piketty führt das Beispiel von Bill Gates an, dessen Vermögen zwischen 1990 und 2010 von 4 Milliarden auf 50 Milliarden Dollar angeschwollen ist. Dass dieses Wachstum mit seiner persönlichen Arbeitsleistung nicht mehr viel zu tun hatte, lässt sich schon daran erkennen, dass Gates’ Milliardenvermögen sich mit der gleichen Geschwindigkeit vermehrte wie das Vermögen der Französin Liliane Bettencourt – der Erbin von L’Oreal –, das im selben Zeitraum von 2 Milliarden auf 25 Milliarden Dollar zugelegt hat. Obwohl Bettencourt keinen Tag ihres Lebens gearbeitet hat, erfreute sie sich also des gleichen Vermögenswachstums von gut 13 Prozent pro Jahr. Auch Gates’ Vermögen wuchs im gleichen Tempo weiter, nachdem er 2008 sein Unternehmen verlassen hatte und sich die Mühen der Erwerbsarbeit fortan nicht mehr zumutete. Piketty schließt daraus: »Ist ein Vermögen einmal da, folgt die Vermögensdynamik ihrer eigenen Logik und das Kapital kann über Jahrzehnte aufgrund des schieren Faktums seiner Größe substantiell zunehmen.«[5]



[1] Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014, S. 367

[2] Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014, S. 600 f

[3] ebd S.369

[4] Chrystia Freeland, Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite, Frankfurt 2013, S. 100

[5] Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014, S. 587

15:52 17.03.2016

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