Mut als Kardinaltugend

Leseprobe "Mut ist eine Kardinaltugend, gerade in Bezug auf politisches Handeln. Natürlich habe ich einen politischen Instinkt entwickelt, und ich bin auch nicht so naiv, wie manche Nachrichtenmagazine glauben."

Vorwort

In der öffentlichen Wahrnehmung sind Politik- und Politikerverdrossenheit hierzulande schon längst nicht mehr voneinander zu trennen. Mit unschöner Regelmäßigkeit enttäuschen Akteure übrig gebliebene Erwartungen, die Euro- und Schuldenkrise verunsichert und weckt Ängste, die Medien sehen sich notorisch dem Vorwurf kurzatmiger Oberflächlichkeit und selbstsüchtiger Sensationsmacherei ausgesetzt.

Vor diesem Hintergrund ist der Gedanke eines Interview-Buchs mit Winfried Kretschmann besonders reizvoll. 16 Monate ist er zum Zeitpunkt der Gespräche als weltweit erster Regierungschef der Grünen Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Der 64-Jährige verfügt über hohes Ansehen, seine persönliche Integrität gilt als sein großer Pluspunkt. Allgemein anerkannt wird auch, dass er etwas zu sagen hat, dass er politisches Handeln immer an grundsätzliche und manchmal sehr eigenwillige Überlegungen zu koppeln versucht und dass sein Blick auf die politische Praxis auch nach mehr als drei Jahrzehnten im Politikbetrieb nicht der des längst betriebsblind gewordenen Routiniers ist.

Wir treffen den Ministerpräsidenten in der Villa Reitzenstein, seinem Amtssitz hoch über der Landeshauptstadt. Ein großzügiger Park grenzt an den eindrucksvollen dreigeschossigen Bau, das hundert Jahre alte Geschenk eines reichen Stuttgarter Verlegers an seine Tochter. In seinen Verwendungszwecken spiegelt sich dieses Jahrhundert deutscher Geschichte: nach dem Ersten Weltkrieg Lazarett für Offiziere, danach Sitz des württembergischen Staatspräsidenten, dann für zwölf Jahre der Gauleitung der Nazis; und schließlich, seit 1953, der Regierungschefs der durch die Fusion dreier Länder entstandenen Nachkriegs-Neugründung Baden- Württemberg.

Auf dem Balkon mit Blick ins zur Stadt hin abfallende Grüne präsentiert sich der einstige Oberstudienrat Kretschmann als ein Amtsinhaber in der Balance zwischen vorwärtsdrängend und in sich ruhend. Vor allem aber gibt sich der Hausherr gänzlich unprätentiös: Dass ihm, dem Pflichtmenschen mit der verschlungenen politischen Biographie vom Mao-Anhänger zum frommen Spitzen-Grünen, die Insignien der Macht weitgehend gleichgültig sind, ist mit Händen zu greifen. Was ihn hingegen nach fast eineinhalb Jahren in einem strapaziösen Amt spürbar umtreibt, sind einige zentrale, die Grenzen seines Landes weit überschreitende Herausforderungen: Energiewende, Ökologisierung der Wirtschaft, Haushaltssanierung, Bürgergesellschaft. Und wie sie in Zeiten knapper Ressourcen so zu bewältigen sind, dass Freiheit nicht Not zu leiden beginnt.

Lebhafter und lauter als sonst wird der Chef einer grün-roten Landesregierung, deren diskrete Konflikte und Defizite überstrahlt werden von der Beliebtheit ihres Anführers, bei drei weiteren Themen. Da ist erstens Stuttgart 21, das nach wie vor stockende, von ihm immer bekämpfte Projekt des milliardenteuren unterirdischen Bahnhofs. Zweitens Glaubenssachen: Da wird der meist so gelassene katholische „Moses aus Sigmaringen“, wie Die Zeit ihn taufte, emotional. Und schließlich muss sich auf temperamentvolle Reaktionen gefasst machen, wer Kretschmanns libertäres Freiheitspathos konfron- tiert mit sozialpolitischen Einwänden, die er als Ausflüsse überholten Umverteilungsdenkens wahrnimmt.

Auf eines konnten sich seine Gesprächspartner immer verlassen: Dass Winfried Kretschmann reinen Wein ausschenkte.

Stuttgart, im September 2012: Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer, Peter Henkel

Kapitel I

Vorurteile, Urteile und warum Politiker nicht vorrangig Vorbilder sein sollen

Herr Ministerpräsident, zum Beginn, zum Aufwärmen sozu- sagen, einige Stereotype, die immer wieder zu hören sind. Das erste: Winfried Kretschmann ist ein konservativer Grüner, der auch gut in der CDU sein könnte, so eine Art Erwin Teufel mit ökologischem Anstrich.

 

Das ist Blödsinn. Das Zentrum der CDU liegt ganz anderswo als das der Grünen. Natürlich gibt es wichtige Gemeinsamkeiten, etwa die von Teufel geteilte Überzeugung vom hohen Rang des Subsidiaritätsprinzips, also der Lösung von Problemen immer möglichst nahe an den jeweils Betroffenen. Aber insgesamt sind wir eine von der CDU höchst differente Partei. Unser Marken- kern ist die Nachhaltigkeit. Das kann man von der CDU nicht sagen – und von der SPD auch nicht. An diesem Thema Nachhaltigkeit arbeiten wir von Anfang an, also seit mehr als drei Jahrzehnten. Ich begegne diesem Klischee, ich sei ein konservativer Grüner, unentwegt. Ich lebe einfach damit.

Nummer zwei: Winfried Kretschmann ist bieder und humorlos.

 

Meine biederen Ecken habe ich, jedenfalls in den Augen von Menschen, die bestimmte Dinge für bieder halten, zum Beispiel Wandern über die Schwäbische Alb oder Heimwerken. Ich habe eine richtige Werkstatt, die ich gerade aufgeräumt und neu sortiert habe. Und als ich kürzlich eine alte Tischtennisplatte zersägt und daraus einen fahrbaren Tisch gemacht habe, hat mir das großen Spaß gemacht, vor allem, weil ich dabei meine Lieblingsoper gehört habe, Figaros Hochzeit. Die Zeitlosigkeit des Genies Mozart ist atemberaubend. Und als ich fertig war mit dem Tisch und dem Aufräumen, habe ich mir gedacht: So, jetzt könnte ich das Ganze noch drei Mal hören. Mag sein, dass das bieder ist. Das nehme ich mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Oder dass ich sehr selten Urlaub im Ausland mache, weil ich nun mal lieber daheim bleibe. Und dass ich humorlos wäre, das weise ich natürlich ganz energisch zurück.

Das dritte ist die Abstempelung als Autogegner, wegen Ihrer Aussage gleich nach Amtsantritt, weniger Autos seien besser als mehr, die aber seinerzeit Ihren bundesweiten Bekanntheitsgrad erheblich erhöht haben dürfte.

 

Die ersten Reaktionen darauf waren irritierend. Es war eine neue Erfahrung, was dieser Halbsatz – mehr war es ja nicht, und ich hatte ihn bis dahin sicher schon hundert Mal gesagt, ohne dass ein Hahn danach gekräht hätte – mit dem neuen Amt für ein neues Gewicht bekam. Zurückgenommen habe ich ihn nie. Dafür gab und gibt es auch keinen Grund, an diesem Halbsatz ist ja überhaupt nichts falsch. Wie sollen wir denn anders von diesen ewigen Staus wegkommen? Der Bau von S-Bahnen, den wir betreiben und verstärken, hat doch genau das zum Hintergrund. Wir müssten keine S-Bahnen bauen ohne die Überzeugung, dass es richtig und notwendig ist, dass immer mehr Menschen umsteigen. Und wenn das genügend Menschen machen, dann gibt es logischerweise weniger Autos. Ich habe die Wirkung, ehrlich gesagt, nicht bedacht und auch nicht vorausgesehen, dass dieser Zusammenhang ignoriert wird. Stattdessen ist die Äußerung skandalisiert worden. Jedenfalls stand drei Tage später der Chef des bedeutendsten Autokonzerns des Landes in meinem Büro und sprach von der Vision „zero emission“. Und ich habe gesagt: Auf dieser Basis können wir uns finden.

Insgesamt bereuen Sie diesen Satz also nicht, sondern ziehen eher ein positives Fazit?

 

Es ist eine republikweite Debatte angestoßen worden. Ich freue mich, wie oft heute gesagt wird, dass wir andere Autos brauchen. Schließlich ist es eine Tatsache, dass die Zahl der Autos weltweit noch lange zunehmen wird. Das war eigentlich meine Hauptbotschaft, und die ist angekommen. Und die Aufmerksamkeit, die ich erregt habe, hat mir gleich noch die Gelegenheit gegeben, für die Ökologisierung der Wirtschaft zu werben. Diese Botschaft ist ja offenbar auch angekommen, wenn Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt beim Unternehmertag sagt: Herr Ministerpräsident, Sie haben unsere volle Unterstützung der ökologischen Modernisierung der Wirtschaft. Am Ende war der Halbsatz also höchst förderlich, um diese Debatte ins Zentrum der Wirtschaft zu tragen. Das habe ich intensiv, auf vielen Veranstaltungen und bei sehr vielen Gesprächen gemacht. Und das ist sehr gut gelungen.

Skandalisierung gehört zum Politikbetrieb. Auch Sie haben sicherlich als Oppositionspolitiker 30 Jahre lang auf plakative Sätze oder Halbsätze reagiert, ohne sich um den Kontext zu kümmern.

 

Das bestreite ich. Meine Pressemenschen können ein Lied davon singen, dass ich mich immer gewehrt habe, auf einzelne Äußerungen zu reagieren. Ich wollte immer den Zusammenhang kennen und mitberücksichtigen. Da hat es sehr oft geheißen: Das geht nicht, denn wer nicht zuspitzt und rasch auf dem Markt ist mit seiner Wortmeldung, kommt zu spät und wird uninteressant. Ich habe es trotzdem selten gemacht. Und dafür reichlich böse Blicke von meinen Presseleuten abbekommen. Diese Skandalisierung beunruhigt mich. Denn auch von dort kommt das Unbehagen der Bürger gegenüber den Politikern. Dieser Hang zur Echtzeitkommentierung kann zu nichts Gutem führen. Wer sich informiert, berät und nachdenkt, bevor er reagiert, der wird der Aktion und den Akteuren gerechter.

Welche Bedeutung haben Mut und Instinkt in diesem Zu- sammenhang?

 

Mut ist eine Kardinaltugend, gerade in Bezug auf politisches Handeln. Natürlich habe ich einen politischen Instinkt entwickelt, und ich bin auch nicht so naiv, wie manche Nachrichtenmagazine glauben. (Anm.: Der „Spiegel“ hatte im Sommer 2011 ein Porträt über Kretschmann mit der Überschrift „Der Naive“ versehen.) Aber vor allem spielt Erfahrung eine zentrale Rolle, also das Wissen, was geht und was nicht. Und dann rutscht einem doch wieder etwas raus. Zum Beispiel habe ich auf die Frage, was sich in meinem Leben verändert hat, unter anderem gesagt: Wenn früher daheim gebaut wurde, dann war ich auf der Baustelle, und das ist jetzt nicht mehr so, entsprechend fallen die Rechnungen aus. Das war eine flapsige Bemerkung. Prompt gab’s Aufruhr bei den Handwerkern.

Provozieren Sie mit Absicht? Oder nehmen Sie es nur hin, wenn sich Menschen provoziert fühlen?

 

Ich nehme es hin. Ich will weder kokettieren noch provozieren oder gar verletzen. Aber wenn Politiker nur noch gestanzte Phrasen von sich geben, aus Angst, jemanden zu kränken oder zu beleidigen oder Missverständnisse zu produzieren, dann ist das nicht weniger abträglich als diese Echtzeitkommentierung.

Sie stellen sich Woche für Woche einer Journalistenschar, die Sie – eine baden-württembergische Besonderheit – mit Fragen aller Art konfrontiert. Begibt sich, wer sich flapsige Bemerkungen nicht grundsätzlich verbietet, da in eine besondere Gefahr?

 

Das ist ein schwieriges Feld. Ich versuche mich einerseits zu kontrollieren und andererseits eben gerade nicht mit Phrasen zumindest zu langweilen, wenn nicht sogar alle abzutörnen. Ich hadere mit dieser Runde etwas, nicht weil ich mich nicht befragen lassen möchte, sondern weil ich manchmal das Gefühl habe, dass so lange gebohrt wird, bis mir etwas Skandalisierendes entlockt wird. Wir haben in der Regel einmal in der Woche eine Kabinettsitzung und ich will in der Regel einmal in der Woche informieren. Das ist ein sehr ernsthafter Vorgang, und ich will dem in einer unverstellten Sprache gerecht werden.

09:28 20.12.2012

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