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Leseprobe "Mao Zedong ist auch deshalb nicht von gestern, weil die Fortschritte, aber auch die schrecklichen Verheerungen, die er zu verantworten hat, wichtige Bezugspunkte geblieben sind."
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Foto: China Photos/Getty Images

Prolog

»Rebellion ist gerechtfertigt«

»Das Ereignis von gestern war bedeutsam.« So kommentierte der 25-jährige Mao Zedong in der Tageszeitung von Changsha einen Skandal, der Mitte November 1919 das Tagesgespräch in den Straßen der Hauptstadt seiner Heimatprovinz Hunan beherrschte: den Selbstmord einer jungen Frau. Nur wenige Tage zuvor hatte die 16-jährige Zhao Wuzhen, gekleidet in der Freudenfarbe Rot und mit verhülltem Gesicht, eine prächtige Sänfte bestiegen. Die geschmückte Braut sollte – begleitet von lauten Festtrommlern – zum Haus ihres Bräutigams gebracht werden. Sie wusste nur, dass er reich und bedeutend älter als sie war. Verborgen hinter den verzierten Vorhängen der Sänfte, schnitt sich die junge Chinesin die Kehle durch und verblutete. Lieber sterben wollte sie, als ihrem zukünftigen Ehemann, den sie weder kannte noch liebte, als Zweitfrau unterwürfig zu dienen.

Aufgewühlt nannte Mao Zedong das tote Mädchen ein Opfer des »schändlichen Systems der Zwangsheiraten«. In seinen Augen starb sie einen »Märtyrertod für die Sache der Freiheit, für die Freiheit, den eigenen Gatten zu wählen«. China sei eine gefährliche Gesellschaft, wenn sie Frauen und Männer auf diese Weise in den Tod treibe.

Der junge Lehrer wusste nur zu gut, worüber er schrieb. Denn ohne zu fragen, hatten ihn seine Eltern als 14-Jährigen mit einer vier Jahre älteren entfernten Verwandten verheiratet. Und schön früh hatte Mao Zedong gegen die scheinbar ewig geltenden, starren gesellschaftlichen Regeln rebelliert. Inzwischen glaubte er fest an die Gleichheit von Mann und Frau und hoffte auf eine »Revolution der Familie«, auf dass »eine große Welle der freien Ehe und freien Liebe« ganz China erfassen werde.

In seinem Artikel über den Selbstmord von Fräulein Zhao rief er auf, verlorene Hoffnungen zurückzugewinnen und vor allem zu leben: Im Leben allein liege des Menschen erster Zweck, aber wenn jemand schon sterben müsse, dann wenigstens kämpfend. Das Ziel sei natürlich nicht, getötet zu werden, sondern zu seiner wirklichen Persönlichkeit zu finden. Wer Mao Zedong wirklich war, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand, am wenigsten er selbst. Ungewiss und unsicher war zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur seine eigene Zukunft, sondern auch die seines Heimatlandes, der ersten Republik China, und einer neuen rebellischen Jugend, die die Welt nicht nur verstehen, sondern auch verändern wollte.

Genau 30 Jahre später verkündete Mao Zedong in der Hauptstadt Beijing: »Wir haben uns erhoben.« Am 1. Oktober 1949 rief er als Vorsitzender der Kommunistischen Partei vom »Tor des Himmlischen Friedens«, dem Tian’anmen, die Volksrepublik aus. Mao gab dem neuen China in diesem Moment ein Gesicht, und zwar sein Gesicht. Seitdem hängt sein Bild an diesem historischen Ort. Anfangs nur an Feiertagen, seit Mitte der 60er-Jahre jedoch Tag für Tag. Auf dem Platz davor begannen ab 1966 die Rotgardisten-Aufmärsche. Entfesselte Jugendliche schwenkten ein kleines rotes Büchlein, die sogenannte Mao-Bibel, und riefen: »Lang lebe der Vorsitzende Mao!«

Ermutigt durch die von ihm ausgegebene Losung »Rebellion ist gerechtfertigt«, begehrte die schon in der Volksrepublik geborene Generation auf. Doch die Proteste gerieten außer Kontrolle und wurden auch für persönliche und politische Abrechnungen missbraucht; sie zerstörten zehn Jahre lang Menschen und Hoffnungen, spalteten Familien und das Land. Die »Kulturrevolution« endete erst mit Maos Tod im September 1976.

Ein Jahr später wurde an der Südseite des Tian’anmen-Platzes das Mausoleum eröffnet, in dem bis heute der einbalsamierte Körper des Vorsitzenden liegt. Mao Zedong wollte verbrannt werden, doch seine Nachfolger brauchten ihn als identitätsstiftendes Nationalsymbol – bis heute. Eine Aufarbeitung der Mao-Ära war noch tabu, als ich 1977 für zwölf Monate als Austauschstudentin nach Beijing kam. Erst fünf Jahre zuvor hatte die Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik China aufgenommen, aber der Kalte Krieg war noch immer nicht zu Ende. Über das »Reich der Mitte«, das hinter dem Bambusvorhang lag, wusste man damals sehr wenig, aber fast jeder und jede kannte Mao Zedong.

Als ich 34 Jahre später, im Herbst 2012, für drei Monate in die Volksrepublik reiste, war es genau umgekehrt. Heute reden alle von der neuen Weltmacht China, aber im Westen – besonders in der jungen Generation – wissen nur noch wenige, wer Mao Zedong war. Dabei beherrscht sein Bild auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts weiterhin »die Mitte der Mitte«, den zentralen Platz des Himmlischen Friedens in der chinesischen Hauptstadt. »Man kann nicht über heute reden, ohne über die Mao-Zeit zu reden«, betont der chinesische Schriftsteller Yan Lianke. »China (ist) ein Baum, auf dem heute andere Früchte wachsen, der aber immer noch die gleichen Wurzeln hat.«

Mao Zedong ist auch deshalb nicht von gestern, weil seine verwirklichten wie auch seine gescheiterten Visionen, die Fortschritte, aber auch die schrecklichen Verheerungen, die er zu verantworten hat, wichtige Bezugspunkte geblieben sind, seit ein neuer »chinesischer Traum« gesellschaftlich verhandelt wird. Seit der Spagat zwischen Kapitalismus und Kommunismus, Globalisierung und Gerechtigkeit, Kontrolle und Freiheit und vor allem zwischen Diktatur und Demokratie gewagt wird.

Dabei fragt sich vor allem die nach 1980 und damit in die neuerliche Öffnung Chinas hineingeborene Jugend – wie schon vor 100 Jahren der Student Mao Zedong: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wann gilt und was bedeutet am Beginn des 21. Jahrhunderts eigentlich die Losung »Rebellion ist gerechtfertigt«? Das Mao-Porträt am Tor des Himmlischen Friedens sieht glatt und plakativ aus. Schon allein durch die Größe des Ölbildes wirkt der Staatsgründer unantastbar, fast übernatürlich. Die »Mona Lisa der Weltrevolution« wird er auch genannt. Sanft lächelt er der Menge zu, einheimischen wie ausländischen Touristen, die sich tagtäglich mit der berühmten Ikone fotografieren lassen.

Im wirklichen Leben war Mao Zedong nicht glatt und sanft, sondern machtbewusst und, wenn er es für nötig hielt, auch brutal. Er wurde geliebt und gehasst, als »rote Sonne« besungen und als mächtiger »roter Tiger« gefürchtet, er fanatisierte und faszinierte die Menschen – bis heute. Mao war kompliziert und widersprüchlich, genau wie das Land, das er als Herrscher und Revolutionär prägte, und wie die Zeit, in die der rebellische Chinese aus Hunan hineingeboren wurde.

02:57 28.05.2015

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