Wort und Tat

Leseprobe "Und so stehen die beiden Aspekte – die Arbeit am Inneren und die an der Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung – komplementär zueinander. Beide sind zwei Seiten der Scharia-Medaille."
Wort und Tat
Foto: Carl de Souza/AFP/Getty Images

1. Einleitung

Als ich mich im Mai 2013 im Flughafen von Casablanca einfand, um von einer Tagung, die eine Menge progressiver muslimischer Intellektueller versammelt hatte, zurück nach Deutschland zu fliegen, bat mich ein Beamter der Passkontrolle um die Adresse des Hotels, in dem man mich während meines Marokko-Aufenthaltes untergebracht hatte. Leider wusste ich den Namen des Hotels nicht. Ich war bei meiner Ankunft am Flughafen abgeholt und direkt ins Hotel gebracht worden. Und kaum dort angekommen, war ich schon in intensive Gespräche mit vielen verschiedenen Intellektuellen verwickelt, die ich bis dahin nur aus ihren Büchern und Veröffentlichungen kannte. So ging es das ganze Wochenende. Ich war so in Anspruch genommen, dass es in meinem Kopf keinen Platz gab für Dinge wie den Namen oder die Adresse eines Hotels. Der Beamte der Passkontrolle war darüber irritiert und bat mich, an die Seite zu treten, bis der Leiter der Abteilung der Passkontrolle käme.

Kurze Zeit später erschien eine Frau Mitte dreißig, die sich mir als Leiterin der Passkontrolle vorstellte und mich nach dem Grund meines Aufenthaltes in Casablanca fragte. Ich erklärte ihr, dass ich im Vorfeld eingeladen worden war, an einer Tagung teilzunehmen, die den Titel »Religion und Kultur im Austausch« trug. Da ich eine Tagungsmappe samt Programm bei mir trug, zeigte ich ihr die Unterlagen. Ich hatte bei der Suche nach dem Tagungsprogramm mein Buch »Islam ist Barmherzigkeit« aus der Tasche herausgenommen und hielt es in der Hand. Als sie meinen Namen auf dem Buch las, fragte sie mich, ob ich ihr den Inhalt des Buches in einem Satz zusammenfassen könne. Ich antwortete ihr, dass dies nicht leicht sei.

Ich könne aber so viel zum Buch sagen, dass es mir darum ginge, unsere Beziehung zu Gott kritisch zu reflektieren und statt einer Beziehung basierend auf Angst und Misstrauen bzw. auf Nützlichkeit eine Beziehung basierend auf gegenseitiger Liebe und Wertschätzung aufzubauen. Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, da bat mich die Beamtin ganz aufgeregt, mit ihr beiseite zu gehen, wo man ungestört reden könne. Sie ergriff sofort das Wort: »Ich empfinde Gott gegenüber nur Angst. Ich trage das Kopftuch erst seit einem Jahr. Vorher habe ich auch kaum gebetet. Jetzt bemühe ich mich, regelmäßig zu beten, aber wenn ich an den Tod denke, dann ergreift mich Panik. Gott wird mich sicher für die vielen Jahre, in denen ich kein Kopftuch getragen habe, in der Hölle bestrafen. Ich habe Angst vor Gott. Sie sagen, die Beziehung zu Gott soll auf Liebe basieren. Aber Gott liebt mich nicht. Schauen Sie zum Beispiel meine Kleidung an. Wir müssen hier im Flughafen diese Uniform tragen. Wie Sie sehen, trage ich eine Hose, das ist aber im Islam haram (verboten). Sonntags trage ich eine andere Uniform mit einer Kappe. Da sieht man etwas von meinen Haaren. Wie soll Gott mich da überhaupt lieben?! Ich denke öfters, ich sollte zu Hause bleiben und nicht mehr arbeiten, das ist sicher viel besser für meine Religion, aber im Moment brauche ich das Geld.«

Ich antwortete: »Aber genau hier sehe ich das Problem in unserer Beziehung zu Gott. Wir sind Menschen, und wir machen manchmal vielleicht Fehler. Wenn wir unsere Beziehung zu Gott über die Kategorie Angst definieren, dann bleibt unsere Beziehung zu Gott gestört. Wie würden Sie sich als Mutter fühlen, wenn Ihre Kinder zu Ihnen kämen und Ihnen sagten, dass sie Sie nur lieben, weil sie Angst vor Ihnen haben? Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie mitkriegten, dass Ihre Kinder permanent Panik vor der Begegnung mit Ihnen haben? Anstatt dass sie sich freuen, wenn Sie nach Hause kommen, fürchten sie sich davor. Sie wären traurig und würden sich wünschen, Ihre Kinder würden Sie wirklich von Herzen lieben und sich auf die Begegnung mit Ihnen freuen, statt Angst davor zu haben.« Die Beamtin war einen Moment sprachlos, ihre Augen waren geweitet und es zeichnete sich ein Lächeln auf ihren Lippen und ihrem Gesicht ab. Sie fragte mich nach meiner Boardingzeit. Und sie schlug vor, mich bis zum Gate zu begleiten, um das Gespräch fortsetzen zu können. Es war offensichtlich, dass sie viele Fragen und Gedanken hatte, unter denen sie nur schwer die erste auswählen konnte.

Sie begann: »Es leuchtet mir ein, dass unsere Beziehung zu Gott wie die Beziehung zwischen einer Mutter und einem Kind aussehen sollte ...«, ich unterbrach: »Sie soll noch inniger sein als die zwischen einer Mutter und ihrem Kind. Der Prophet Muhammad sagte, dass Gott zu uns Menschen noch liebevoller ist als die Mutter zu ihrem Kind. Seine Sorge und Liebe für uns übersteigen die Sorge und die Liebe einer Mutter.« Sie fuhr fort: »Das hört sich sehr schön an, es berührt mein Herz zutiefst, so von Gott zu hören, aber ich höre das zum ersten Mal. Ich liebe Gott, aber ich habe Angst vor ihm, weil ich mich nicht an alles in der Religion halte. Ich muss aber in meiner Arbeit diese Uniform tragen, ich muss überhaupt arbeiten gehen. Schauen Sie meine Hände an, ich trage seit meinem fünfzehnten Lebensjahr regelmäßig Nagellack. Ich lebe so in Sünde, Gott liebt mich sicher nicht, ich habe große Angst vor dem Tod. Ich hoffe, ich schaffe es, irgendwann zur Pilgerfahrt nach Mekka zu fliegen, hoffentlich sterbe ich nicht vorher.«

Ich versuchte, ihre Augen für andere Aspekte in der Religion zu öffnen, die eigentlich viel zentraler sind, als die Frage nach Nagellack oder nach den Haaren. Ich erinnerte sie an zentrale Tugenden im Islam, wie zum Beispiel Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Verantwortung usw., und fragte sie: »Merken Sie nicht, dass wir Muslime schnell Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn wir gegen etwas verstoßen, was der Koran so gar nicht explizit erwähnt, wie Nagellack, oder Hosentragen, dass wir uns aber kaum Gedanken darüber machen, wenn wir gegen Dinge verstoßen, die explizit im Koran geboten oder verboten wurden? Der Koran sagt zum Beispiel ›Und richtet nach Gerechtigkeit‹, er sagt sogar, dass der Einsatz für Gerechtigkeit ein Hauptanliegen der Sendung des Propheten war: ›Wir [Gott] entsandten unsere Gesandten mit klarer Botschaft und schickten mit ihnen das Buch und die Waage herab, auf dass die Menschen Gerechtigkeit üben möchten.‹

Wir Muslime leben in den meisten islamischen Ländern unter diktatorischen Regimen, die nicht nur ungerecht handeln, sondern unsere Länder auch ausbeuten, ethnische und religiöse Minderheiten diskriminieren, sich kaum für die Entwicklung unserer Länder interessieren und nur wenig in Bildung und Forschung investieren, sodass unsere klugen Köpfe systematisch ins ferne Ausland auswandern, wo sie die gebotene Anerkennung finden und die Möglichkeiten, sich zu entfalten. Wer von uns hat dann wegen dieser Zustände ein schlechtes Gewissen und fragt sich nach seinem Beitrag, um diese Situation zu verändern? Aber wegen Nagellack oder Kopftuch haben wir ein schlechtes Gewissen! Ich gebe Ihnen einige Beispiele aus unseren zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Koran verbietet explizit die üble Nachrede und zählt sie unter die größten Sünden. Er stellt sie gleich mit dem Essen eines toten Mitmenschen: ›Und führt nicht üble Nachrede übereinander! Würde einer von euch das Fleisch eines toten Menschen essen? Gewiss würdet ihr es verabscheuen. So fürchtet Gott!‹

Es ist in unserem Alltag allerdings so, dass üble Nachrede zu einem zentralen Bestandteil der Gespräche und Mitteilungen etwa in Facebook und Twitter geworden ist. Niemand entwickelt deswegen ein ähnlich schlechtes Gewissen bzw. ein Gefühl der Angst vor Gott. In derselben Sure verbietet der Koran explizit, sich über jemanden lustig zu machen und sich auf Vermutungen zu verlassen, um Urteile über Menschen und Sachverhalte zu fällen: ›Ihr, die ihr glaubt, vermeidet viele von den Vermutungen! Denn manche Vermutung ist Sünde. Und spioniert einander nicht aus.‹ Wem ist bewusst, dass es sich bei diesen und vielen ähnlichen Dingen, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen betreffen, um göttliche Gebote handelt, die einen zentralen Stellenwert im Islam haben? Wem ist bewusst, dass das Einhalten dieser Gebote die Religiosität eines Muslims definiert?

Ich kenne viele Muslime, die penibel darauf achten, dass bloß keine Gelatine im Essen enthalten ist. Es gibt so viele kontroverse Diskussionen zu dieser Thematik, und die theologisch stärkere Position sagt, dass Gelatine nicht verboten ist, da sich die Anteile an Schwein, die in die Bearbeitung eingehen soweit in ihren Eigenschaften verwandelt haben, dass der Verzehr unbedenklich ist. Ich kenne aber kaum einen Muslim, der so penibel darauf achtet, kein schlechtes Wort über andere zu verlieren oder nur nicht durch ein Wort, ein Zeichen oder eine Geste in irgendeiner Weise zu verletzen. Schauen Sie sich an, was unser Prophet gesagt hat: ›Wenn drei Menschen untereinander sind, dann dürfen zwei von Ihnen nicht miteinander flüstern und den dritten ausschließen.‹ Niemand soll verletzt werden durch das Gefühl, ausgeschlossen zu sein.

Und genau auf diese Dinge kommt es an. Sein Umgang mit diesen Dingen zeugt von der Größe eines Menschen. Das ist Religion, und das ist Religiosität. Unser Prophet sagte: ›Jeder Mensch schuldet für jeden Knochen seines Körpers Dankbarkeit. Jeden Tag, an dem er zwischen zwei streitenden Menschen vermittelt, liegt Dankbarkeit vor; wenn er einem Menschen hilft, auf sein Reittier zu steigen, oder ihm hilft, seine Taschen auf das Reittier zu laden, liegt Dankbarkeit vor; und das schöne Wort ist Ausdruck von Dankbarkeit und in jedem Schritt zum Gebet liegt Dankbarkeit, und das Beseitigen von Schädlichem von der Straße ist ebenfalls Ausdruck von Dankbarkeit.‹ Sie merken, der Prophet hat nicht mit dem Gebet begonnen, sondern mit lebensnahen Aspekten, von denen Menschen in ihrem Alltag betroffen sind. Das Gebet ist einer von mehreren Aspekten, die Ausdruck von Dankbarkeit sind, für das, was dem Menschen alles gegeben wurde. In unserem Bewusstsein ist es so, dass wir einen Muslim nur dann als einen praktizierenden Muslim bezeichnen, wenn er das rituelle Gebet verrichtet bzw. im Ramadan fastet. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Muslim, der zwar regelmäßig betet und fastet, jedoch üble Nachrede betreibt, als nichtpraktizierend zu bezeichnen. Niemand würde einen Muslim, der sich an das Ritual des Betens und Fastens hält, jedoch überheblich ist, als nichtpraktizierend bezeichnen. Dabei heißt es im Koran: ›Und schreite nicht einher auf der Erde überheblich! Du kannst nicht die Erde durchdringen und du kannst die Berge an Höhe nicht erreichen. All dieses Schlimme ist verhasst bei deinem Herrn.‹

Und genau hier liegt unser Problem, wir reduzieren den Islam auf einige Elemente, manche davon gehören in der Tat zum Islam, wie das Gebet und das Fasten, und manche nicht, wie Diskussionen um Nagellack oder Piercing. Wir blenden zugleich sehr viele andere Elemente aus, die zentral sind, und dementsprechend ist unser islamisches Bewusstsein geprägt. Deshalb haben wir Schuldgefühle, wenn es um Nagellack oder Gelatine geht, jedoch kaum, wenn es um Ungerechtigkeit oder unfreundliche zwischenmenschliche Gesten geht.«

Die Beamtin hörte meiner langen Ausführung sehr interessiert zu. Leider mussten wir das Gespräch abbrechen. Ich musste an Bord meines Flugzeugs. Sie bedankte sich ganz herzlich und sagte mir beim Abschied, dass sie nun vorhabe, sich mit dem Islam und dem Koran zu beschäftigen. Sie habe das Gefühl, es gebe sehr viel über den Islam zu erfahren, was sie bis jetzt nicht gewusst habe bzw. es gebe vieles in ihrem Kopf über den Islam, das ihr nicht ermöglicht habe, diese Religion wirklich zu verstehen. So verabschiedete sie sich mit den Worten: »Ich muss erst einmal meinen Kopf von vielem befreien, was ich bislang für den Kern des Islams gehalten habe, was aber offensichtlich, wenn ich all das höre, was Sie mir erzählt haben, nicht unbedingt den Kern des Islams ausmacht.«

Ich wollte dieses Buch zum Thema Scharia mit der Erzählung dieser Begegnung am Flughafen von Casablanca beginnen, um dem Leser etwas von der Innenwelt eines durchschnittlichen Muslims mitzuteilen. Die Flughafenbeamtin fürchtet sich die ganze Zeit vor Gott und ist voller Schuldgefühle, weil sie das Kopftuch erst seit einem Jahr trägt, weil sie Nagellack trägt, weil sie eine Hose trägt, weil sonntags durch eine andere Uniform die Haare nicht völlig bedeckt sind usw. Sie überlegt gar, mit der Arbeit aufzuhören, um als fromme Muslimin leben zu können, braucht aber das Geld dringend und nimmt daher die Schuldgefühle in Kauf, aber auch die Angst vorm Sterben, die Angst vor Gott und vor seiner Strafe. Für die Beamtin war ich als Theologe eine gewisse Autorität, der sie ihre inneren Ängste anvertrauen konnte.

Eigentlich kennt der Koran so etwas wie religiöse Autoritäten gar nicht. Er spricht von den klassifizierten Wissenden: »So fragt die Leute des Wissens, wenn ihr nicht wisst!« Es ist also eine Frage des Wissens und nicht der religiösen Autorität bzw. Macht. Was mich jedoch zu einer Autorität in den Augen dieser Dame gemacht hat, sind zwei wesentliche Elemente: Bei dem ersten Element handelt es sich um eine gewissermaßen selbstverantwortete emotionale Unterdrückung, da sie sich stark einbildete, Gott liebe sie nicht bzw. er warte mit einer Strafe auf sie. Gelehrte jedoch seien religiöser als andere Menschen, weshalb sie in der Lage seien, für Gott zu sprechen und Menschen entweder Angst zu machen oder sie zu beruhigen. In mir sah sie eine Art Sprecher für Gott, sie versuchte zu entschuldigen, warum sie sich an das eine oder andere Gebot nicht hält und hoffte unbewusst, ich würde diese Entschuldigung an Gott weiterleiten und sie dann von ihren Ängsten erlösen. Und so wurde aus mir eine Autorität, die stellvertretend für Gott spricht.

Das zweite Element, das die Konstruktion einer religiösen Autorität unterstützt, liegt im Verständnis vieler Muslime vom Islam selbst. Denn wenn der Islam und vor allem der Weg zur ewigen Glückseligkeit über juristische Kategorien definiert werden, dann brauchen wir Muslime Juristen, die uns genau sagen, was erlaubt und was verboten ist. Wir sind auf klar definierte juristische Aussagen angewiesen, um zur Gottesgemeinschaft, also zur ewigen Glückseligkeit zu gelangen. Und so fragte mich die Dame, ob es sehr schlimm sei, wenn sie bei der Arbeit eine Hose trage. Sie überbewertete mich als Theologen noch einmal und machte aus mir eine religiöse Autorität, die die Kompetenz besitzt, stellvertretend für Gott zu sprechen und zu formulieren, was Gott genau und wie haben will. Zusätzlich zu der selbstverantworteten emotionalen Unterdrückung kommt nun eine selbst auferlegte Bevormundung. Und genau diese beiden Aspekte verhindern die Entwicklung einer selbstverantwortlichen und aufrichtigen persönlichen Beziehung zu Gott. Denn wenn man seine Beziehung zu Gott über juristische Kategorien definiert, braucht man zwangsläufig einen Juristen, der einen über die Urteile Gottes aufklärt.

Dann ist es aber vorbei mit einer direkten persönlichen Beziehung zu Gott. Nun ist der Jurist dazwischen. Er spricht für und anstelle von Gott. Gott spricht nicht mehr. Der Muslim setzt sich nicht mehr mit Gott auseinander, sondern mit dem Juristen bzw. mit seinen Aussagen und Urteilen. Eine noch fatalere Folge wäre, dass auch die Juristen bestimmen, was moralisch vertretbar ist und was nicht. Moral wird von außen aufgesetzt. Moralisches Handeln ist demnach nichts anderes als die Befolgung von Instruktionen, die die Juristen ausarbeiten und bestimmen. Auch wenn sich die Juristen dabei auf den Koran bzw. auf die prophetische Tradition (Sunna) stützen, letztendlich interpretieren sie diese Texte. Und so kommen sie zu ihren Aussagen und Urteilen. Es ist keine Frage, dass diese Interpretations- und Ableitungsarbeit notwendig und hilfreich ist, das ist nicht das Problem.

Das Problem beginnt erst, wenn aus den Forschungsergebnissen und Meinungen dieser Gelehrten und Juristen autoritäre Texte werden, die zum Teil mehr Gewicht und Aufmerksamkeit erhalten als der Koran selbst. Dem Muslim werden diese Ergebnisse und Meinungen als letzte göttliche Wahrheiten präsentiert, die er unhinterfragt hinnehmen muss. Und so werden die Gelehrten und Juristen zu Göttern. Dazu sagt der Koran: »Genommen haben sie sich ihre Gelehrten und Mönche zu Göttern außer Gott. Und den Messias, den Sohn der Maria. Und doch war ihnen befohlen zu dienen dem Gott, dem Einzigen. Kein Gott außer Ihm. Preis Ihm, über das, was sie neben Ihn stellen! Sie wollen Gottes Licht mit ihrem Mund auslöschen, aber Gott will nichts anderes, als sein Licht zu vollenden, auch wenn dies den Leugnern nicht gefällt.«

Diese koranische Kritik richtet sich an Juden und Christen, die ihren Gelehrten unhinterfragt gehorcht haben. Doch wenn der Koran diese Kritik ausübt, dann keineswegs, um Juden oder Christen zu diskreditieren, sondern damit Muslime sich angesprochen fühlen, um ihre Lehren daraus zu ziehen. Solche Verse lediglich als Kritik am Judentum und am Christentum zu verstehen, reduziert ihren Sinngehalt. Der Prophet Muhammad kommentierte diesen Vers aus der neunten Sure wie folgt: »Die Juden und Christen haben ihre Gelehrten und Mönche nicht direkt angebetet, vielmehr haben sie sich das erlaubt, was ihre Gelehrten ihnen erlaubt haben und sich das verboten, was ihre Gelehrten ihnen verboten haben.« Der koranische Vers bezeichnet diese unhinterfragte Hinnahme von Gelehrtenurteilen über Erlaubtes und Verbotenes als »Beigesellung« (arab.: Schirk) und spricht vom Auslöschen des göttlichen Lichtes. Denn Gott leuchtet nicht wie eine Lichtquelle, er leuchtet im Herzen des Menschen. Der Koran spricht das Herz des Menschen an. Das will er läutern, darin sieht er eine Erkenntnisquelle für das Schöne, Menschliche, Emotionale, Empathische, Zuvorkommende, aber auch für das Spirituelle: »Wahrlich, nicht die Augen erblinden, sondern die Herzen in der Brust.«

Das Herz zu läutern ist keine primär intellektuelle Aufgabe, sondern vielmehr eine emotionale und spirituelle. Ein juristisches Verständnis vom Islam blendet die Arbeit an der Läuterung des Herzens aus. Das Herz soll in die Lage versetzt werden, das Schöne, das Menschliche zu erkennen und von Unschönem, Unmenschlichem zu unterscheiden. Wenn Religiosität aber als Befolgung von juristischen Aussagen definiert wird, rückt nicht nur das Herz in den Hintergrund, sondern auch die Freiheit des Menschen und damit eine aufrichtige moralische Haltung, in der Moralität von Innen als Selbstverpflichtung bestimmt wird. Wenn gutes Handeln fremdbestimmt ist, wenn ich also zum Beispiel jemandem helfe, weil mir dies vorgeschrieben wurde, habe ich keine innere Haltung. Ich helfe, weil ich helfen muss, nicht weil ich helfen will.

Der Islam will, dass der Mensch hart an sich arbeitet, bis er das Gute um des Guten willen verrichtet. Dieses Verständnis vermeidet eine Reduktion des Islams auf juristische Aspekte. Muslime sollten sich an erster Stelle Sorgen über ihre innere Vollkommenheit machen und nicht primär über Fragen des Erlaubten und Verbotenen von Nagellack, Kopftuch, Piercing, Gelatine usw. Die Verwendung von Nagellack sagt nichts über die Religiosität einer Frau, ein Bart sagt nichts über die Religiosität eines Mannes, das Tragen eines Kopftuches sagt genauso wenig über die Religiosität einer Frau, wie das Tragen einer »Galabeya« statt einer Hose etwas über die Religiosität eines Mannes aussagt. Die Reinheit des Herzens des Menschen sagt jedoch sehr viel über seine Religiosität und über seine Beziehung zu Gott aus.

Gott sagt im Koran bezüglich des Jenseits und des ewigen Lebens in Glückseligkeit: »An dem Tag werden weder Geld noch Kinder helfen, erfolgreich sein wird der, der mit einem gesunden Herzen zu Gott kommt.« Über kaum einen Begriff wurde in den letzten Jahren und wird noch immer so kontrovers diskutiert, wie über den Begriff »Scharia«. Der Begriff Scharia bedeutet im Arabischen »der Weg zur Quelle«. Auf den Islam übertragen bedeutet Scharia »der Weg zu Gott«. Welcher Weg führt aber zu Gott?

Im vorliegenden Buch möchte ich ein neues Verständnis von Scharia darlegen: Scharia nicht als Schema, das die Gott-Mensch-Beziehung über juristische Kategorien definiert, sondern als Beschreibung eines Weges zu Gott, als ein Weg des Herzens, der nah an der koranischen Vorstellung ist. Das Praktizieren des Islams beginnt mit dem Praktizieren des Herzens. In meinem Buch »Islam ist Barmherzigkeit« ging es mir darum, die Gott-Mensch-Beziehung im Islam zu reflektieren und zu hinterfragen: Werden wir Muslime Gott und den Menschen wirklich gerecht? Im Schlusswort habe ich eine Aufforderung an eine islamische Theologie formuliert, die »sowohl Gott als auch dem Menschen gerecht werden will«. Diese »muss Gott und auch den Menschen ernst nehmen. Gott ernst zu nehmen heißt, sich vertrauensvoll in die Hände Gottes fallen zu lassen und sich auf die Suche nach seiner Nähe zu begeben. Damit diese Suche aufrichtig ist, muss sie frei sein: frei von allen dogmatischen Hindernissen und frei von ideologischer Verblendung. Davor warnt der Koran mit Nachdruck: ›Sollen Wir euch sagen, wer die richtigen Verlierer sind? Das sind jene, deren Bemühungen im diesseitigen Leben verfehlt sind, während sie meinen, sie täten Gutes. Das sind jene, die die Zeichen ihres Herrn nicht ernst nehmen.‹

Eine islamische Theologie, die Gott ernst nimmt, muss den Menschen ernst nehmen. Der Mensch ist Gott wichtig, und deshalb muss dieser Mensch im Zentrum der islamischen Theologie stehen. Diese Theologie muss das Ziel haben, dem Menschen einen Zugang zu Gott zu verschaffen. Sie kann dies nicht, wenn sie dem Menschen lediglich einen Katalog an Geboten und Verboten präsentiert und ihm das Bild eines repressiven Gottes vermittelt.«

An diese Überlegungen möchte ich in meinem neuen Buch anknüpfen und einen Entwurf vorlegen, wie ein Verständnis von Scharia aussehen kann, das sowohl Gott als auch dem Menschen gerecht wird und Scharia nicht auf juristische Gesichtspunkte reduziert. Viele Muslime verbinden Scharia mit göttlichen Gesetzen und meinen, zu Gott eben über das Einhalten von Gesetzen zu finden, und viele Nichtmuslime assoziieren Scharia ebenfalls mit Gesetzen, allerdings mit menschenfeindlichen Gesetzen, Körperstrafen etwa oder frauendiskriminierenden Maßnahmen. Gott selbst lädt die Menschen in seine Gegenwart ein und stellt nur eine Bedingung dafür auf: das gesunde Herz. Religion auf juristische Maßnahmen zu reduzieren, bedeutet weniger Arbeit am Herzen und mehr Befolgung von Gesetzen. Manche argumentieren damit, dass Gesetze wichtig für die Bewahrung gesellschaftlicher Ordnung seien. Es ist keine Frage, dass es auch ein Anliegen des Islams ist, eine funktionierende Gesellschaftsordnung zu etablieren, sodass Rahmenbedingungen für den Menschen geschaffen sind, um sich und sein Inneres konstruktiv zu entfalten. Der Islam beschreibt allgemeine Prinzipien, wie Gerechtigkeit oder Gleichheit, sagt jedoch nicht, wie und durch welche konkreten Maßnahmen dafür gesorgt werden kann. Letzteres ist nicht mehr Aufgabe von Religionen.

Eine Gesellschaftsordnung basierend auf Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Bewahrung der Menschenwürde und sozialer Verantwortlichkeit ist kein Selbstzweck. Scharia richtig verstanden zielt letztendlich darauf, den Weg des Menschen zu Gott zu beschreiben. Es ist der Weg des Herzens. Er bedarf der harten Arbeit am eigenen Inneren. Diese Arbeit wird begünstigt, wenn bestimmte gesellschaftliche Rahmenbedingungen gegeben sind. Wenn zum Beispiel in einer Gesellschaft weniger Armut herrscht, haben die Menschen mehr Raum, um sich mit ihrem Inneren auseinanderzusetzen, anstatt sich und ihre Kräfte bei der Befriedigung von Grundbedürfnissen zu verbrauchen. Andererseits spiegelt eine konstruktiv funktionierende Gesellschaftsordnung, in der Gerechtigkeit und Menschenwürde oberste Maximen sind, das Innere der Menschen dieser Gesellschaft wieder. Und so stehen die beiden Aspekte – die Arbeit am Inneren und die Arbeit an der Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung – komplementär zueinander. Beide sind zwei Seiten der Scharia-Medaille.

Daher geht es, wenn von Scharia die Rede ist, um eine Wechselwirkung zwischen der Läuterung des menschlichen Herzens und der Bewahrung von Gerechtigkeit und Menschenwürde in einer Gesellschaft. Die fünf Säulen und die sechs Glaubenssätze des Islams sind konstituierende Elemente des Islams, aber auch der Religiosität des Muslims, allerdings nur dann, wenn sie das Herz ergreifen und nicht lediglich als äußere Form zum Ausdruck kommen. Daher gehe ich im zweiten Kapitel auf die fünf Säulen und die sechs Glaubenssätze des Islams als Wegbegleiter des Muslims auf der Reise zur Gottesgemeinschaft ein. Mir geht es dabei nicht um die juristischen Regelungen, die man in einer Einführung über den Islam nachlesen kann, sondern um die Frage, wie das Herz von religiösen Ritualen und Glaubenssätzen ergriffen werden kann. Nach einer kurzen Erläuterung zum Begriff Scharia im dritten Kapitel stelle ich im vierten Kapitel die Quellen und die wichtigsten traditionellen Methoden der Ableitung von religiösen Normen vor. Mir ist dabei wichtig, auf Methoden einzugehen, die die Lebenswirklichkeit der Menschen als Ausgangspunkt der Überlegungen, Normen im Sinne einer gerechten Gesellschaftsordnung abzuleiten, würdigen. Das fünfte Kapitel ist ein Exkurs zum Thema Salafismus, in dem exemplarisch gezeigt wird, wie viel Intoleranz und Gewaltpotentiale eine falsch verstandene Scharia in sich trägt. Eine Kernthese dieses Buches wird im sechsten Kapitel entfaltet: Scharia als der Weg zu Gott ist der Weg des Herzens. Dieser beginnt mit der Selbsterkenntnis. Das Buch wird mit einem Resümee abgerundet, in dem unterstrichen wird, dass Scharia als Ansammlung von Gesetzen, die unhinterfragt zu befolgen sind, weder Gott noch dem Menschen gerecht werden kann, da Gott seine Beziehung zum Menschen als dialogische Beziehung gestalten möchte und keineswegs als bevormundendes restriktives Verhältnis.

Ich sehe dieses Buch als Fortsetzung meines Buches »Islam ist Barmherzigkeit« und Teil eines größeren Projekts mit dem Ziel, einen Beitrag zur Etablierung eines islamischen Diskurses zu leisten, in dem Gott und Mensch als Kooperationspartner Seite an Seite stehen, um gemeinsam an der Verwirklichung von Gottes Intention nach Liebe und Barmherzigkeit zu arbeiten. Ein »Ja« zu Gottes Liebe und Barmherzigkeit bedeutet zugleich ein »Ja« zur Würde, zur Vernunft, zur Freiheit, zur Verantwortlichkeit und zur Einzigartigkeit eines jeden Menschen als edelsten Geschöpf Gottes. Das Buch richtet sich sowohl an Muslime als auch Nichtmuslime und möchte auf eine einfache und auch für Laien verständliche Weise ein Angebot machen, Scharia jenseits eines juristischen Verständnisses neu zu reflektieren.

01:38 19.09.2013

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