Theorie und Praxis

Leseprobe "Ein paar von seinen Bekannten waren Soldat, und er wollte sich auch freiwillig melden. Er sah sich schon, in feldgrauer Uniform, wie ihn die Mädchen anguckten und ihm Zigaretten schenkten."
Theorie und Praxis
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Erstes Buch

Schlump war gerade sechzehn Jahre alt geworden, als im Jahre 1914 der Krieg ausbrach. Am Abend sollte Tanz sein im Reichsadler, der letzte; am nächsten Tag mußten die Soldaten eintreffen. Und als die Sonne untergegangen war, schlich er sich mit seinem Freunde hinauf auf die Galerie. Denn in den Tanzsaal wagten sie sich nicht. Die Großen, die zwanzigjährigen Dreher und Schlosser, gönnten ihnen nichts von ihrem Reichtum. Sie brauchten alle Mädchen selber, sie verstanden keinen Spaß, und sie konnten fürchterlich grob sein. Oben beugten sich die zwei über das Geländer und schauten hungrig hinunter in den Saal. Um Mitternacht blies die Musik ein Trara, und der Trompeter verkündete eine Pause von fünfzehn Minuten, damit sich die Mädchen abkühlen. Schlump drückte sich mit seinem Freunde hinaus in die wohlige Sommernacht, unter die alten, mächtigen Ahornbäume.

Die Viertelstunde war vorbei, und sie zogen zurück. Da begegnete ihnen eine breite Kette lachender Mädchen; sie sperrten die ganze Straße. Sie waren so alt wie er und mit ihm in die Schule gegangen, aber natürlich durften sie schon mittanzen. Ja, sie waren gerade am meisten gesucht von den Burschen. Da rief eine aus der Kette zu Schlump heraus: »Du, Schwarzer, komm mal her zu mir!« Schlump sah, wie das Laternenlicht auf ihren blonden Locken spielte, die jetzt fast weiß schienen. Er traute dem Mädchen nicht. Aber die Schlanke löste sich los, und die anderen riefen ihm zu, und sein Freund sagte: »Geh doch, bei der hast du Chancen!« Da ging er hinüber, und zwei Hände faßten ihn und zogen ihn in einen schmalen Gang, unter das dichte Laub, an dessen Ende eine Laterne spärlich leuchtete. Das machte ihm Mut, und er faßte sie um die Hüften und drückte sie. An der Laterne griff er sie ans Kinn und sah ihr ins Gesicht: »Du bist hübsch«, sagte er, »wie heißt du denn?« – »Johanna«, sagte sie leise, »ich kenn dich schon lange.«

Dann zog er sie in den Schatten und küßte sie andächtig und lange auf den Mund. Da flüsterte sie ihm ins Ohr, er solle mit ihr tanzen und er dürfte sie dann nach Hause bringen, sie würde die anderen Burschen schon versetzen. Er schlich wieder hinauf auf die Galerie und wollte sie seinem Freunde zeigen. Aber er fand sie nicht. Dann gingen sie nach Hause, Schlump war selig und froh. Er fühlte sich unglaublich glücklich und war überzeugt, daß es etwas Schöneres als die Mädchen auf der Welt nicht geben konnte. Nach ein paar Tagen hatte er die Johanna vergessen. Die Jugend ist verschwenderisch, sie lebt im Paradies und merkt es nicht, wenn ihr das leibhaftige Glück begegnet.

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Schlump wohnte hoch oben unterm Dach. Sein Vater war Schneider und hieß Ferdinand Schulz. Wenn er von seiner Nadel aufschaute, flog sein Blick über die bunten Dächer der alten Stadt und grüßte den Türmer in seinem Stübchen. Die Mutter hatte die lustige Nase und die blanken Augen aus ihrer Jugend mitgebracht. Damals sprang sie mit den Buben über die Zäune und mauste Erdbeeren. Und zu Fastnacht und zu Pfingsten zog sie Jungenshosen an und sang bei den Leuten vor der Tür und rappelte sich einen Sack voll Brezeln und Kuchen zusammen. Als aber unter ihrer Bluse die kleinen Brüste wuchsen und als sie überhaupt merkte, daß sie ein Mädel war, da zog sie sich stille in die Stube zurück und dachte an hübsche Kleider und an schöne Schuhe. Aber wenn sie ein Fest feierten, wurde sie lebhaft und lustig. Und die Burschen hätten mit der Katze aus einem Napf gefressen für einen guten Blick von ihr. Mit siebzehn Jahren nahm sie den ernsthaften Schneider, und mit neunzehn heiratete sie ihn, weil ihr sein gesetztes und ehrliches Wesen gefiel. Sie feierten auch gleich Kindtaufe, aber das Mädchen starb bald nach der Geburt. Dann blieben sie zehn Jahre allein.

Der Schneider machte sich selbständig und nähte auf seiner Stube am Fenster für die Leute. Er wurde schnell alt. Seine kurzen Haare färbten sich grau, und seine Stimme klang matt und ängstlich. Inzwischen bekam sie noch einen Jungen, den sie Emil tauften, weil der Bruder der Mutter, der Soldat, auch so hieß. Emil war seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten, sagten die Leute. Er kam in die Schule und gab bald den Hauptmann ab und den Spaßmacher für seine Abc-Schützen. Und man hörte sie schon von weitem lärmen, wenn Emil Schulz unter ihnen spaßte. Einmal waren Buden aufgebaut auf dem Markt für das Vogelschießen am Sonntag. Emil riß den Ranzen vom Buckel und kletterte auf die erste Bude. Und mit ungeheurem Geschrei warfen die kleinen Rüpel alles auf die Straße, was ihre Fäuste packen konnten. Aber das Unheil nahte schon: Der Schutzmann packte Emil am Schlafittchen und brüllte ihn an: »Du Schlump!«

Vielleicht dachte er an Lumpen und an Spitzbuben und an andere Kerle, die mit Sch anfangen. Dann bezog Emil eine vollgemessene Tracht Prügel und lief brüllend nach Hause. Am Markt aber wohnten lauter fleißige Leute, die standen den ganzen Tag vor ihrem Laden und rauchten Zigarren. Die hatten alles gesehen. Und als der kleine Held am nächsten Tage leise über den Marktplatz schlich, redeten sie ihn an: »Na du, Schlump, wer hat dir denn die Hosen ausgeklopft?« – Und alle sagten Schlump zu ihm, und so blieb es zeit seines Lebens.

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Die Eltern hatten ihn in die Realschule geschickt. Mit großen Opfern, denn die Schule war teuer, und der Schneider hatte kein Geld. Zu Ostern hatte Schlump sein Examen gemacht. Das Zeugnis nützte ihm nicht viel; aber er hatte Talent zum Zeichnen. Er trat in eine Weberei ein und lernte Muster zeichnen und Entwürfe machen. Doch über seiner Arbeit dachte er an die Mädchen und an den Krieg. Ein paar von seinen Bekannten waren Soldat, und er wollte sich auch freiwillig melden. Er sah sich schon, in feldgrauer Uniform, wie ihn die Mädchen anguckten und ihm Zigaretten schenkten. Dann ging er in den Krieg. Er sah die Sonne scheinen, die Feldgrauen stürmten, einer fiel, die anderen liefen weiter, schrien hurra, und zwischen grünen Hecken verschwanden die roten Hosen. Am Abend saßen die Soldaten um ein Lagerfeuer und schwatzten von zu Hause. Einer sang ein schwermütiges Lied. Draußen in der Dunkelheit standen die Doppelposten, auf die Gewehrmündung gestützt, und dachten an die Heimat und an das Wiedersehen. Am Morgen brach man auf, marschierte singend in die Feldschlacht, wo mancher fiel und mancher verwundet wurde. Endlich war der Krieg gewonnen. Siegreich zog man zu Hause ein. Die Mädchen warfen Blumen aus den Fenstern, und es wurden Feste gefeiert ohne Ende.

Schlump bekam es mit der Angst zu tun, daß er nicht dabei sein könnte, und wollte sich durchaus freiwillig melden. Aber die Eltern verboten es ihm. An seinem siebzehnten Geburtstag ging er heimlich in die Kaserne und stellte sich freiwillig. Er wurde untersucht, er war tauglich für Infanterie. Stolz kam er nach Hause. Die Eltern gaben ihren Widerstand auf. Die Mutter weinte. Am 1. August 1915 nahm er seine Kiste und zog stolz in die Kaserne. Schlump war schwipp und schlank und kräftig gewachsen. Ihm machte die Rekrutenausbildung keine Not. Er rührte sich flink wie ein Wiesel und stellte sich geschickt an mit dem Gewehr. Am Anfang taten ihm alle Glieder weh, und am liebsten wäre er auf allen vieren die fünf Stufen zur Latrine hinaufgekrochen. Gleich in der zweiten Woche hatte er Stubendienst, das hieß, die Stube reinhalten und Kaffee holen.

Am Dienstag war er gerade fertig mit Waschen, klemmte seinen Schemel unter den Ellbogen und sauste mit der Waschschüssel hinein in die Kaserne an der Unteroffiziersstube vorbei. Da griff ihn eine harte Hand am Arm. »Du, Kleiner, hast’n Dreier. Hol mir mal Kaffee aus der Kantine!« Schlump hielt den Dreier in der Hand, der Unteroffizier war verschwunden. »Wenn du jetzt gehst«, dachte er, »dann mußt du lange warten in der Kantine. Die Alten stehen vor dem Ladentisch und lassen keinen Rekruten vordrängen. Dann kommst du zu spät zum Kaffeeholen für die Korporalschaft, und du bist unten durch bei allen, bei deinem Unteroffizier hast du verschütt für alle Zeiten. Jeder hält dich für einen Brummochsen.« Da kam ihm eine Idee. Er warf den Dreier in den Kaffeetopf, stellte ihn hinter die Haustür, flitzte an der Unteroffiziersstube vorbei, faßte die große Kanne, klemmte sich rasch die Brille von seinem Stubennachbar und stürzte hinaus zum Kaffeeholen. Rückwärts begegnete er dem Unteroffizier. Der fuchtelte mit der Faust herum und schimpfte und fluchte wie ein Rollkutscher. Schlump machte ein dummes Gesicht hinter seiner Brille und zog an ihm vorbei.

Dann ging es zur Instruktionsstunde in die Exerzierhalle. Mit Schemeln und im Drillichzeug. Nichts als schwarze Schlacken und verdreckte Fenster. Es war eiskalt in der Halle, die Sonne ging gerade auf. Schlump mußte an den Krieg denken. Wenn es da auch so nüchtern war und so grausam kalt? Sie zogen aus zum Übungsmarsch. Schlump war wieder lustig und marschierte in den Morgen hinein und jubelte mit den Lerchen, die trillernd aus den Schollen emporflogen.

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Der Offizier-Stellvertreter Kieselhart leitete die Ausbildung der Rekruten. Er hatte seltsame Gepflogenheiten. Oft schlich er sich hinter einen armen Rekruten und griff ihm herzhaft in den Hosenspiegel. Wehe, wenn er einen schlappen Popo zu fühlen bekam; sein Zorn kannte keine Grenzen. Eines Tages stand er hinter Schlump, dessen Hosenboden so weit herabhing, weil ihm die Hosen einen Meter zu groß waren. Aber der Vorgesetzte fand einen Hintern, der war hart wie Stahl. Da lobte ihn der Offizier-Stellvertreter vor allen Unteroffizieren und vergaß es ihm nie und zog ihn bei allen Gelegenheiten vor. So hatte Schlump den ersten Schritt in seiner Laufbahn vorwärtsgetan (es sollte aber auch der einzige bleiben).

Eins aber gefiel ihm nicht: Sie trugen die blaue Friedensuniform mit den blanken Knöpfen. Und er vermochte nicht die Geduld aufzubringen, alle diese Knöpfe ordentlich zu putzen, daß sie blitzten und strahlten wie weißglühendes Eisen. Wenn die Kompagnie angetreten war, hob er rasch die Rockschöße empor, fuhr mit den Knöpfen des linken und des rechten Ärmels energisch über den Hosenboden und dann mit der Innenseite der Ärmel über die vordere Knopfreihe. Darauf stellte er sich so stramm hin, als er nur konnte, und wenn der Feldwebel streng herankam, blitzte er ihn mit den blanksten Augen der Welt an, so daß des Feldwebels Blicke zu seinem Nachbar abrutschten, zu dem Musketier Speck. Der war Schuster von Beruf. Er putzte und wienerte mit rührendem Eifer in jeder freien Stunde. Wenn er aber den Rock zuknöpfte, fuhr er mit dem Daumen über die blanken Spiegel und löschte ihre Lichter aus. Und dann kam der Feldwebel und donnerte ein ganzes Gewitter auf den armen Schuster herunter.

So gewann Schlump viel freie Zeit für die Kantine. Hier hantierten zwei hübsche und brave Mädchen; die eine drall und blau und blond, die andere schlank mit braunen Augen und braunem Zopf. Die Dralle versteckte für ihn jeden Morgen ein Brötchen und ein Stück Wurst, das er vor dem Ausrücken rasch abholte. Die Schlanke fütterte ihn nachmittags in der Freizeit mit Schokolade. Und wenn sie allein in der Kantine waren, steckte sie die schwarze Schokolade zwischen die weißen Zähne, und Schlump mußte sie andächtig abbeißen. Das tat er mit viel Vergnügen.

Einmal, es dämmerte schon stark unter den Kastanien, da sah Schlump die Blonde Wasser holen. Er eilte ihr nach und schwang galant den Pumpenschwengel. Dann wollte er noch den Eimer tragen. Sie aber wehrte ab, und es kam zu einem lieblichen Handgemenge, das in einen langen, langen Kuß ausartete. Just in diesem Augenblick trat der alte Sergeant Bauch aus dem Haus und ging an den beiden vorbei. Schlump war noch nicht lange genug Soldat, um in allen Lebenslagen den richtigen Ausweg zu finden. Er geriet in große Not, riß die Hacken zusammen, daß sie knallten, preßte das arme Mädchen mit eiserner Gewalt an sein Herz, so daß ihr glühendes Köpfchen auf seine Schulter fiel, und legte die rechte Hand an die Hosennaht. Der Sergeant war ein verständiger Mann. Er hatte selber zwei solche Jungen im Krieg. So lächelte er milde und ging vorbei.

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Die Zeit verging rasch. Acht Wochen lang sollten sie in der Heimat ausgebildet werden. Sechs Wochen waren vorüber. Die Rekruten kamen nach Altengrabow auf den Truppenübungsplatz. Der Feldwebel-Leutnant Bobermin, der sie sonntags drei Stunden lang um den Kasernenhof herumlaufen ließ und dabei immer nur »Hinlegen! Auf, marsch, marsch!« kommandierte, so daß die Soldatenbräute oben auf den Bänken vor der Kaserne anfingen zu heulen – der Feldwebel-Leutnant Bobermin hatte den Rekruten kurz vor dem Abmarsch folgende Instruktionsrede gehalten: »Stillgestanden! Ihr kommt jetzt nach Altengrabow! Auf den Truppenübungsplatz. Dort werdet ihr in Baracken untergebracht. Bindet euch jeden Abend den Arsch an, damit er euch in der Nacht nicht geklaut wird! Weggetreten!«

Alle Morgen, früh, früh, marschierten sie aus, den Affen auf den Rücken voll Sand, scharfe Patronen in der Tasche am Koppel. Kalt war es und grau, und unbarmherzig standen die Baracken da. Alles ohne Farbe, die Welt sah aus wie eine leere Fabrik. Die Artilleristen nebenan schliefen noch, und nichts rührte sich. Lange marschierten sie, und die Nebel teilten sich, und die Sonne stieg hoch, und die Rekruten schwitzten, und der Sand klebte ihnen die Augen zu, und der Schweiß lief über die Backen und ließ kleine Rinnen hinter sich und tropfte auf die Patronentasche. Das Koppel drückte auf die Hüften und rieb, und die Spaten klopften an die Schenkel, und das Kochgeschirr schlug einem an den Kopf, wenn man den Tornister rückte. Schlump hatte das volle Sandgewicht auf dem Rücken, denn er war am Morgen erwischt worden. Der Unteroffizier Mückenheim hob den Tornisterdeckel auf – Schlump hatte vergessen, die Riemen festzuschnallen –, er entdeckte den leeren Sandsack. Schlump mußte ihn auffüllen und sollte zu Mittag feldmarschmäßig in der Unteroffiziersstube antreten, blank geputzt, und hundertmal kehrtmachen. Schlump schwitzte und hatte eine Wut im Leibe. Endlich durften sie die Gewehre zusammenstellen.

Dann schossen sie auf bewegliche Schützen. Das machte ihm Spaß, drüben die dunklen Köpfe auftauchen zu sehen und darauf zu schießen. Das war lustig und machte ihn gespannt auf den Krieg. Rückwärts gab es Kompagnie-Exerzieren. Der Hauptmann saß auf dem Pferde und kommandierte. Die Unteroffiziere schwitzten und machten böse Gesichter, obwohl sie keine Tornister trugen, und ließen ihren Ärger an den Rekruten aus. Die Rekruten mußten Schwenkungen machen und wurden durch den Sand gehetzt wie die Hasen. Sie kochten vor Hitze und vor Wut. Sie begegneten den Artilleristen, die verschlafen auf ihren Protzen saßen und zum Schießen fuhren. Hinter dem Wäldchen vor dem Sandberg mußten sie sich hinlegen, das Gewehr in beide Hände nehmen, und dann sollten sie sich mit den Ellbogen durch den Sand auf den Berg hinaufzuckeln. Das war das Schlimmste. Manche rasten vor Wut, daß ihnen die Tränen kamen. Endlich waren sie oben.

Der Hauptmann ließ die Kompagnie antreten und kommandierte im Marsch: »Mit Platzpatronen laden und sichern! Von rechts anreitende Kavallerie, zum Schuß! Fertig! Feuer!« Die Salve krachte, des Hauptmanns Pferd taumelte, der Hauptmann sprang ab. Der Schimmel hatte einen Schuß in den Hals. Die Kompagnie marschierte nach Hause. Kein Mensch erfuhr je den Schuldigen. Schlump freute sich. Ihn hatte der Marsch nicht so angestrengt, denn er war kräftig, aber er freute sich doch. Denn er hoffte, daß sie ein paar Tage Ruhe hätten. In langer Reihe traten sie an zum Essenholen. Es gab Sauerkraut mit Schweinsbauch.

Schlump trug die volle, kochendheiße Schüssel in die Eßbaracke und wollte sich an den ersten Tisch setzen. Da stand ein baumlanger Kavallerist auf und sagte zu ihm: »Was? Du? Du dreckiger Sandaffe willst bei uns essen?« Schlump fühlte den Hohn und die Verachtung: Er faßte seine Schüssel und warf sie dem langen Kerl in die Fresse. Der taumelte und schrie laut auf, denn das heiße Kraut verbrühte ihm das Gesicht und lief ihm in den Hals. Seine Kameraden sprangen auf, stürzten über die Infanteristen, die mit ihren vollen Schüsseln hereinkamen. Und im Augenblick war eine Schlacht im Gange, die mit Sauerkraut und Schüsseln ausgefochten wurde. Es gab auf beiden Seiten Verwundete, und erst ein starkes Kommando Infanterie konnte Frieden schaffen. Schlump hatte sich verkrümelt. Die Kavalleristen saßen mit verbeulten Schädeln im Arrest. In der folgenden Nacht brach bei den Rekruten die Lagerruhr aus. Eine rote Spur zeichnete den Weg von der Baracke zur Latrine. Sie wurden abgesperrt und aßen für sich. Schlump war froh darüber; denn er fürchtete die Rache der Kavalleristen. Eine Woche später fuhren sie in die Garnison zurück.

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Am 4. Oktober wurden sie verladen. Die Musik spielte auf dem Bahnhof, und es klang, als schrie sie in namenlosem Schmerz, und die Leute vor dem Zug weinten zum Herzzerbrechen. Die Soldaten waren aufgeregt und neugierig, die Zukunft stand vor ihnen wie ein schreckliches Ungeheuer, das sie bekämpfen mußten. Fünf oder sechs Tage dauerte die Fahrt. In Libercourt wurden sie ausgeladen. Dann marschierten sie durch schmutzige Dörfer und wunderten sich über die nüchternen Häuser, die freudlosen Bauernhöfe der Franzosen. Nirgends die schmucken Gärten vor den Gütern wie bei uns. Nirgends das heimliche Fachwerk am Giebel, das sich unter eine riesige Linde schmiegt wie bei uns. Die Fenster standen wie schmutzige Löcher, und schmutzige Stufen führten von der Straße in die Küche. Das soll Frankreich sein?

Alte Weiber begegneten ihnen mit schwarzen Bärten und Schnupftabak an der Nase. Der Himmel hing tief und bleischwer hernieder; es fing an, fein zu regnen. Die Straße nahm kein Ende. Die Rekruten waren schwer bepackt; sie trugen noch Pakete in der Hand, Liebesgaben, die ihnen zuletzt in den Zug gereicht wurden. Da hauten schon welche ab, sie setzten sich in den Straßengraben und keuchten. Endlich wurde haltgemacht. Sie setzten die Gewehre zusammen. Und nach endlosem Abzählen kamen sie in die Quartiere: eine leere Fabrik mit zerbrochenen Scheiben, durch die der Regen hereinwehte. Ein wenig nasses Stroh lag auf der Diele. Es war finster, und die Soldaten stolperten über die Löcher im Fußboden, die von den Maschinen stammten. Manche hatten eine Kerze und wurden von allen beneidet. Es gab Kaffee und Brot. Dann schliefen sie.

Am nächsten Tag begann der Dienst. Es war schlimmer als in Altengrabow. Die Soldaten kugelten auf den nassen, klebrigen Feldern herum und kamen dreckig zurück wie die Schweine. Dann gab es Appell, und sie kamen nicht zu Verstand. Nach ein paar Tagen mußte Schlump auf die Schreibstube kommen. »Du bist Einjähriger, du kannst Französisch?« fragte der Feldwebel, »melde dich auf der Ortskommandantur, sofort, marsch!« Schlump rannte und meldete sich. Er durfte auf dem Büro bleiben und brauchte keinen Dienst zu machen. Er gab sich unglaubliche Mühe, um nicht ungeschickt zu scheinen, und es gelang ihm auch bald, die Franzosen zu verstehen, mit denen er zu tun hatte. Er mußte den Dolmetscher spielen, und das war nicht leicht, denn die Franzeks sprachen eine fürchterliche Mundart.

Ein paar Wochen später kam die Meldung, daß die Kommandantur Loffrande zu besetzen sei, weil der Train dort abzog. Sie wußten keinen anderen als Schlump zu schicken. Schlump war stolz. Am Abend machte er sich auf den Weg. Er ging langsam und dachte nach über sein neues Amt. Er sollte allein drei Dörfer verwalten, er, der siebzehnjährige Rekrut. Langsam ging er durch Deux Villes, wo die Rekruten in ihrer Fabrik lärmten. Sie kamen eben vom Marsch zurück, und Schlump war froh, daß er nicht dabei war. Dann führte der Weg aufs freie Feld. Unten verstreut und halb im Nebel versteckt lag Loffrande und rechts drüben ein paar Häuser von Martinval, das er noch gar nicht kannte, und links Drumez. An einer Wegtafel blieb er stehen. Auf der einen Seite stand »Ortskommandantur Mons-en-P.«, auf der anderen »Ortskommandantur Loffrande«. Das sollte sein Reich werden.

Das Dorf kam ihm freundlicher vor als die anderen. Es gab herrliche, große Bäume, und die Häuser lagen versteckt hinter dichten grünen Hecken, zwischen denen sich schmale heimliche Pfade hindurchschlängelten. Vor der Kommandantur, einem Estaminet, plätscherte ein freundlicher kleiner klarer Bach. Er sprang darüber und trat ein. Links war die Schreibstube – ein großer Raum mit einem Tisch, vielen Stühlen und einem kleinen Ofen. Rechts die Schankstube, eine große Küche. In der Schreibstube hantierten die Trainsoldaten, drei Schreiber, ein Wachtmeister und ein Unteroffizier. Sie übergaben ihm eine Zigarrenkiste und sagten, das wäre die Kasse. Dann zeigten sie auf eine Menge Akten und Bücher, nahmen ihr Gepäck und verschwanden. Es waren Holsteiner, und Schlump verstand sie nicht, wenn sie untereinander sprachen. Dann stand er allein in der Kommandantur, und es wurde ihm ein wenig angst. Er ging hinüber. Inzwischen war es ganz finster geworden. Er öffnete die Tür. Tabakqualm und viele Stimmen quollen ihm entgegen.

Die Schenke war gestopft voll von französischen Bauern. Er konnte nichts sehen als den matten Schein einer Petroleumlampe im Hintergrund. Endlich fand er rechts in der Ecke einen leeren Stuhl. Aber es war ganz finster dort. Da kam ihm die Wirtin entgegen. Sie schien schon zu wissen, wer er war. Er sagte, er hätte kein Quartier für die Nacht, und ob sie ihm helfen wollten: Da stand ein Mädchen auf, nahm ein Tuch über die Schulter und sagte ihm etwas, er verstand nur »Monsieur«, und schlüpfte eilig durch die Tür. Eine Stimme sagte ihm aus dem Qualm heraus, daß Estelle ihm ein Quartier suchen ging und daß es schwer sei, denn die Soldaten rückten erst am Morgen ab. Allmählich gewöhnte sich sein Auge an die Umgebung. Lauter junge Burschen und kräftige Männer saßen an kleinen Tischen und spielten Karten. Sie rauchten alle und hatten vor sich winzig kleine Gläser mit Bier stehen. Hinten bei der Lampe schenkte eine Frau mit ihrer Tochter. Kein Mensch kümmerte sich mehr um ihn. Er hatte zwei Eier einstecken und wollte sie gerne gekocht haben. Endlich entdeckte er den Wirt und bat ihn darum. Der nahm sie bereitwillig, und nach ein paar Minuten brachte ihm die Frau einen Teller und ein Messer und die Eier. Sie wollte mit ihm schwatzen, aber er verstand sie schlecht. Er merkte aber, daß sie ängstlich war und es gut meinte.

Nach einer halben Stunde kam Estelle wieder, außer Atem und mit roten Backen. Sie schien blau und blond zu sein wie die Dralle in der Kantine. Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn hinaus und führte ihn in sein Quartier. Schlump wunderte sich und ging gerne mit. Draußen flackerten die Sterne, es war eine kalte Nacht. Er fragte, ob sie Estelle hieß. Sie nickte und meinte, das wäre der Name eines Sternes. Er zeigte ihr den Stern, die Stella, und sie sah ihn lange an. Sie schien stolz darauf zu sein, aber sie schien auch den fremden Soldaten zu bewundern, der ihren Stern wußte. Dann gingen die beiden Kinder schweigsam nebeneinanderher, und Schlump dachte an seine Mutter. Es war ihm, als führte ihn sein guter Engel. Plötzlich blieb sie stehen, zeigte ihm sein Quartier und huschte davon. Er spürte noch ihre warme Hand. Dann drehte er sich langsam um und ging hinein in das Haus.

02:07 17.04.2014

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