Tiefe Wurzeln

Leseprobe "Es gibt viele, denen es alles andere als gut geht. Daher glaube ich, die Ursache liegt tiefer: Ein allgemeines Relativieren hat sich wie Mehltau über unser Land gelegt, und nicht nur über unseres."
Tiefe Wurzeln
Foto: Carsten Koall/Getty Images

Vorwort

Sechzehn Jahre lang habe ich nicht mehr in meiner Heimat gelebt. Ich war immer wieder für verschiedene Termine in Deutschland gewesen. Aber ich habe hier eben nicht mehr ge- wohnt, und es ist etwas ganz anderes, ob man in einem Land oder einer Stadt lebt oder als Besucher kommt, selbst wenn man eigentlich von dort stammt. Mir war es nie egal, was in Deutschland passiert. Ich habe immer alle gesellschaftlichen Entwicklungen verfolgt. Doch jetzt, seitdem ich wieder zurück bin, betrifft mich das, was hier bei uns geschieht, noch einmal ganz anders. Ich spüre viel mehr und deutlicher, was meine Mitbürger fühlen. Das bereitet mir manchmal Sorgen. So große Sorgen, dass ich nicht schweigen, sondern den Mund aufmachen will. Für mich war und ist es immer ein Herzensanliegen, anderen Menschen Mut zu machen. Weil ich weiß, wie wichtig das ist und wie oft mir andere Menschen Mut ge- macht haben. Und ich denke, Mutmacher haben wir gerade nötig. Bitter nötig.

»Vor allem ein Gefühl bestimmt derzeit die Stimmung in Deutschland, aber auch in allen anderen Nationen: die Angst. Sie wirkt in allen gesellschaftlichen Bereichen, bestimmt Poli- tik und Wirtschaft, aber auch das Privatleben jedes Einzelnen. Das Gefühl kennt keine sozialen Grenzen; es eint Menschen, die sonst nicht viel gemein haben. Es ist häufig das Einzige, worüber sie miteinander reden können.« So klar analysiert der Soziologieprofessor Heinz Bude die derzeitige Lage in

unserem Land. Wie recht er damit hat, das haben wir gerade in den letzten Monaten und Wochen erfahren. Deutschland ist zutiefst verunsichert und hat Angst, sei es vor einer neuen Wirtschaftskrise, den nächsten politischen Eruptionen, krie- gerischen Eskalationen oder so furchtbaren Anschlägen wie zuletzt in Istanbul, Jerusalem oder Berlin.

Woher kommt das? In der gegenwärtigen Lage könnte man ganz einfach den Schluss ziehen: Wenn es dem Menschen zu gut geht, wird er träge und nachlässig, er hält alles für selbst- verständlich, er denkt, alles komme von ganz allein. Doch stimmt das wirklich? Es gibt viele in unserem Land, denen es alles andere als gut geht. Daher glaube ich, die Ursache liegt tiefer: Ein allgemeines Relativieren hat sich wie Mehltau über unser Land gelegt, und nicht nur über unseres. Religion im öffentlichen Leben ist tabuisiert worden. Warum eigentlich? Warum muss das Kreuz aus den öffentlichen Räumen ver- bannt werden, nur weil es einige Menschen gibt, die gegen- über der Religion, den Gläubigen oder Andersgläubigen keine Toleranz aufbringen? Toleranz galt als die große Errungen- schaft der Aufklärung, in Wirklichkeit sind aufgeklärte Men- schen intolerant geworden und bestimmen, was man in unse- rem Staate denken darf. Alles andere gilt als überholt und unmodern. Es besteht ein Unterschied zwischen der Toleranz gegenüber einer Meinung und der Toleranz gegenüber einem Menschen. Das ist ja der große Fehler der Aufklärung gewe- sen: Die Behauptung Lessings, die er in »Nathan der Weise« mit der Ringparabel aufstellt, im Grunde seien alle drei Reli- gionen gleich, stimmt eben nicht. Die Muslime würden sich wehren, die Juden nicht minder, und sicher auch Gläubige an- derer Religionen. Das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern vielleicht sogar ihre Pflicht als Gläubige. Toleranz bezieht sich

nicht auf die theoretische Wahrheit, sondern auf den konkre- ten Pluralismus von Menschen mit unterschiedlichen Glau- bensüberzeugungen. Dann dürfen Glaubensüberzeugungen auch im öffentlichen Leben bekundet werden, solange sie nicht die öffentliche Ordnung stören.

Wer in der Philosophie des Sokrates groß geworden ist, wird alles hinterfragen, auch die Aufklärung. Diese Philoso- phie, deren Zentrum das ständige Fragen und Hinterfragen bildet, bietet uns eine Methode, um in unserer Zeit Orientie- rung zu finden. Wenn wir aufhören, immer wieder nachzu- fragen, wundern wir uns nicht mehr über die gegenwärtigen Wahlausgänge und die neuen totalitären Bestrebungen. Viele in der Bevölkerung sind es leid, sich einem System unterord- nen zu müssen. Sie wollen einmal anderes probieren, ob in der Stadt Rom, in England, in den USA oder Österreich und erst recht in den Staaten des ehemaligen Ostblocks.

Es gibt nur einen Weg aus dem Chaos, den des kritischen Hinterfragens. Thilo Sarrazin hat immer neu das bundesrepu- blikanische säkulare Wertschema in Frage gestellt und hat dadurch viel Empörung hervorgerufen. Kritisches Denken ist unbequem. Nur muss er sich selbst auch in Frage stellen las- sen. Denn viele seiner Thesen sind verkürzt, tendenziös oder auch schlicht inakzeptabel.

Eng verbunden mit der neuen Ängstlichkeit sind die Be- fürchtungen, die viele Menschen in Deutschland den Musli- men und dem Islam entgegenbringen. Abgesehen davon, dass eine Generalisierung wie »der Islam« zu kurz greift, wie ja fast immer Generalisierungen, müssen die vielen Emotionen, die in diese Debatte einfließen, genau untersucht und beleuchtet werden. Das vielleicht entscheidende Problem besteht in der Frage, ob ein Muslim einen Andersgläubigen als ebenbürtig

gelten lässt und anerkennt, auch wenn er einer anderen Welt- anschauung folgt. Das scheint mir die eigentliche Heraus- forderung zu sein. Denn der Koran schreibt nicht nur einen bestimmten Glauben vor, sondern auch das zwischenmensch- liche Verhalten in einer Gesellschaft. Der Nichtmuslim gilt als Ungläubiger und somit als Mensch zweiter Klasse. Zwar ha- ben hohe Vertreter der Sunniten auf einer Konferenz in Grosny/Tschetschenien, die vom 25. bis 27. August 2016 statt- fand, das Verhalten des sogenannten Islamischen Staats und ähnlicher Extremistengruppen als Übereifer und Fehlinter- pretation deklariert, es fehlt aber eine klare Aussage hinsicht- lich eines anerkennenden Verhältnisses zu andern Religio- nen, wie sie etwa in den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils »Nostra Aetate«, der Erklärung über das Verhältnis zu den andern Religionen, und in »Dignitatis humanae«, der Er- klärung zur Religionsfreiheit, zu finden ist. Auch die Katho- lische Kirche hat lange gebraucht, bis sie sich zu diesen Erklä- rungen durchgerungen hat. Aber sie sind eine unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen einer modernen, pluralen Gesellschaft.

Wir müssen diese Fragen unseren muslimischen Mitbür- gern zumuten. Denn sie genießen unsere freiheitliche Demo- kratie und unsere Rechtsstaatlichkeit. Verglichen mit ihrem Status hierzulande genießen die Christen in arabischen Staaten lediglich eine eingeschränkte Religionsfreiheit. Das zeigt sich etwa bei der Frage der Konversion. Nur der Wechsel zum Islam ist erlaubt. Warum nicht auch umgekehrt? Immerhin haben die Christen in den Emiraten ein Existenz- und Kultrecht. Jor- danien gilt als liberal. Im Nachbarland Saudi-Arabien haben die Christen nicht das geringste Recht. Erstaunlicherweise be- mängeln wir bei der Volksrepublik China zurecht die einge-

schränkte Religionsfreiheit, gegenüber Saudi-Arabien ist aber selten Kritik zu vernehmen. Hängt das mit unseren Waffen- verkäufen zusammen, mit dem Öl? Die Fragen an die Muslime werden zu Fragen an uns selbst. Entscheidend ist: Diese Fragen können beantwortet werden, das Zusammenleben ist möglich. Manche werden mich jetzt als naiven Optimisten belächeln. Doch in Italien zum Beispiel haben jetzt erst islamische Ver- bände und Regierungen einen »nationalen Pakt für einen ita- lienischen Islam« geschlossen. Freitagsgebete sind nun ver- pflichtend auf Italienisch, die Verbände garantieren zudem volle Transparenz bei der Frage, wer die Moscheen finanziert. Im Gegenzug will die Regierung den Bau von Moscheen er- leichtern und die muslimischen Gemeinschaen unterstützen. Der italienische Innenminister Marco Minniti nannte den Pakt eine außergewöhnliche Investition in die Zukun Ita- liens – eine solche Investition brauchen wir auch.

Aber auch sonst wird sich bei uns einiges ändern. Wir brau- chen weiterhin die wohlwollende Neutralität des Staats gegen- über Religionen. Udo Di Fabio ist sicher zuzustimmen, wenn er betont, dass ein »Beharren auf kompromissloser Durchset- zung religiös begründeter Verhaltensgebote in öffentlichen Einrichtungen einen Rückschritt bedeute« (FAZ 22.12.16). Es wird allerdings zu neuen Diskussionen kommen, ob dadurch ein moderner Laizismus gerechtfertigt ist. Ich bin mir sicher: Unsere Gesellschaft wird die Religion erneut als öffentlichen Faktor wahrnehmen müssen, wobei der Gleichheitsgrundsatz unbedingt zu berücksichtigen ist. In der Vergangenheit kannte unsere Gesellschaft manche der aktuellen Probleme nicht, da sie wesentlich konformer geprägt war. Aber selbst damals gab es schon Unterschiede, wenn wir an die gemeinsame Verant- wortlichkeit und das Zusammenwirken der kirchlichen und

staatlichen Institutionen in Deutschland denken im Gegen- satz zum radikalen Laizismus in Frankreich. Unsere Gesell- schaft wird sich insofern ändern, als sie mit der Religion als Lebenswirklichkeit vieler Menschen wird rechnen müssen.

Wir dürfen noch weiterdenken, denn Integration kann nicht nur eine Einbahnstraße bedeuten. Sie wird sich auch auf unsere Gesellschaft auswirken. Manche politisch korrekten Axiome werden in Frage gestellt. Das betrifft unser Single- tum, die Homoehen, unsere Werte von Familie und solidari- schem Zusammenhalt und auch unsere Sexualethik. Wehe, wenn jemand eines unserer sogenannten Werte in Frage stellt. Er wird zugetwittert und zugefacebooked. Wo aber bleibt die wirkliche Meinungsfreiheit in unserer Gesellschaft? Dies und jenes scheint einfach die selbstverständliche Meinung in un- serer Gesellschaft zu sein, und wehe, wenn einer daran kratzt. Dann wird selbst ein Papst Franziskus angegriffen, der wegen seiner Haltung zu Homosexuellen geschätzt wird – »Wer bin ich, dass ich über andere urteile?« –, der aber angegriffen wird wegen seiner Einstellung zur Homosexualität. In einer Reihe solcher Fragen wie Homoehen und Abtreibung arbeiten Ver- treter der Katholischen Kirche übrigens mit den Muslimen in internationalen Institutionen gut zusammen.

Ohne irgendwelche Vorhersagen treffen zu wollen, bin ich der Auffassung, dass die Präsenz von Muslimen in unserer Gesellschaft einiges aufmischen wird, allem voran unsere Selbstverständlichkeiten. Und das wäre durchaus sokratisch im Sinne des ständigen Hinterfragens. Nur wünschte ich mir, dass sich auch die Muslime hinterfragen ließen. Dann wür- den wir zu einem Lebenskonsens kommen. Denn wenn die Muslime, wie seinerzeit Christian Wulff als Bundespräsident sagte, zu Deutschland gehören, dann müssen sie sich unseren

Fragen stellen und wir uns den ihren. Allerdings gehört nicht der Islam zu Deutschland, wie auch Angela Merkel sagte, aber sehr wohl die Muslime. Meines Erachtens beruht unser Grundgesetz auf christlichen Werten – und nicht auf der Scharia.

Zugleich steht es außer Frage, dass viele Muslime die Eng- führungen, die es teilweise gibt, ablehnen und dagegen kämp- fen. Zum Beispiel die in Istanbul geborene Seyran Ateş, die Imamin werden will und allen Anfeindungen zum Trotz für die Gleichberechtigung der Frau im Islam kämpft: »Frauen abzuwerten, davon steht nichts im Koran.« Sie möchte zeigen: »Der Koran steht wie die andern Religionen für Liebe und für die Würde des Menschen. Für die Würde jedes Menschen.« (Bild der Frau, 50/2016/36) Änderung ist möglich und er- wünscht. Aber es wird Zeit brauchen, um bestimmte Dinge zu verändern, und es wird dabei noch viele Auseinandersetzun- gen geben. Doch das gehört zu Veränderung dazu. Wir als Christen wissen das – auch, dass wir selbst Veränderungen anstoßen und durchfechten müssen.

Veränderungen sind nötig, und wir dürfen keine Angst da- vor haben. Das gilt für unseren Umgang mit dem Islam und Begegnung mit der islamischen Welt, aber auch für die musli- mische Seite, die ebenfalls mit Besorgnis auf die Begegnung mit uns blickt. Die Angst vor einer Dominanz des Westens in den verschiedenen Bereichen des Lebens ist in der islami- schen Welt spürbar, und manchmal durchaus zurecht. Das gilt ganz besonders für unser Zusammenleben hier in Deutsch- land, für unser Miteinander in den Familien, dem Job oder der Beziehung. Wir müssen anerkennen, dass es massive Ängste und Verunsicherungen gibt. Doch zugleich, und das ist das entscheidende Anliegen dieses Buches, dürfen wir auch

sehen: Wir können diese Ängste überwinden und so frei wer- den für Wandel, frei werden für das Leben. Wir können das wirklich schaffen. Gemeinsam, mit Entschiedenheit, aber auch Kreativität. Wir sind unseren Ängsten nicht hilflos aus- geliefert und haben in unserer Geschichte oft genug erlebt, was man alles schafft, wenn man es gemeinsam und ent- schlossen anpackt. Und, vor allem: Für ein jüdisch-christli- ches Abendland, für uns als Christen, gibt es kein Aufgeben und Erstarren in Angst. Christen sind keine Feiglinge und Angsthasen, sondern Hoffnungsträger! Wir dürfen Ängste haben, das ist ganz normal. Aber wir müssen uns ihnen stellen und dann weitermachen. Oder, wie Johannes Paul II. bei sei- ner Amtseinführung am 22. Oktober 1978 gerufen hat: »Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und po- litischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisa- tion und des Fortschritts seiner rettenden Macht! Habt keine Angst! Christus weiß, ›was im Innern des Menschen ist‹. Er al- lein weiß es!«

Notker Wolf, 10. Januar 2017

19:52 13.04.2017

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