Sicht und Weise

Biographie Dem Whistleblower Lutz Otte ging es beim Schreiben auch darum, die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, wozu ihre fiktiven Teile unerlässlich sind
Sicht und Weise
Foto: Verlag

Lutz Otte, im April 1959 in Solingen geboren, ist gelernter Programmierer und hat den Boom der IT-Technologie seit den 1980er-Jahren miterlebt. Seinen beruflichen Werdegang begann er als Softwareentwickler bei einer deutschen Bank. Nach dem Wechsel zu einer namhaften Unternehmensberatung und einer mehrjährigen Tätigkeit als Consultant gründete er 1991 ein eigenes Beratungsunternehmen, welches schwerpunktmäßig Softwareprojekte für eine Reihe Deutscher und Schweizer Geldinstitute und Versicherungen bearbeitete. Im Jahr 2005 verlegte er seinen Wohnsitz in die Schweiz und war dort bis 2012, dem Jahr seiner Festnahme, für Banken tätig.

Otte beschaffte Daten über Schwarzgeldkonten für deutsche Finanzbehörden. Insgesamt 18 Monate war er in verschiedenen Schweizer Gefängnissen wegen dieser Verletzung des Bank- und Geschäftsgeheimnisses inhaftiert.

Seit 2015 lebt er wieder in Norddeutschland. In seinem stark autobiografisch geprägten Wirtschaftskrimi Schwarzgeld schildert er nun die Hintergründe seiner Tat.

www.facebook.com/LutzOtteSchwarzgeld

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Lutz Otte — Einige Fragen und Antworten

In ihrem Buch schildern Sie die Erlebnisse von Gregor Schwarzenbach, einem verurteilten Wirtschaftsspion. Wieviel Lutz Otte steckt in Gregor Schwarzenbach?

In vielen Details der Geschichte steckt etwas von Lutz Otte und natürlich weisen neben dem Protagonisten auch die anderen Figuren Charakterzüge beteiligter Personen auf. Für mich lag der Reiz darin, dem Leser zu überlassen, diese Übereinstimmungen herauszufinden. Und ich bin mir sicher: Der aufmerksame Leser wird schnell dahinterkommen, was wahr ist und was nicht. Es ging mir aber auch darum, die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, und dazu sind die fiktiven Teile unerlässlich.

Sie bezeichnen die Schweiz als Schurkenstaat, schreiben sogar, dass die Schweiz den Großteil ihres Reichtums nur dem Bankgeheimnis verdankt. Können Sie das begründen?

Seit 1934 gibt es in der Schweiz ein Gesetz, das bis heute Bankkunden und -konten vor dem Zugriff von Dritten schützt, solange diese Tätigkeiten nicht im Sinne des Schweizer Gesetzes illegal sind. Auf dieser Grundlage hat sich eines der mächtigstes Finanzsysteme der Welt entwickelt, das wesentlichen Anteil am heutigen wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz hat.

Zudem wird in der Schweiz häufig die Sichtweise vertreten, dass die damit verbundenen Straftaten in anderen Ländern die Schweiz nichts angehen und man deswegen mit diesem Geschäft ruhig weitermachen kann. Erst in den letzten Jahren wurde der politische Druck so groß, dass die Akteure versuchen, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass man diese Probleme lösen will oder bereits gelöst hat.

Allerdings hat man es leider nach der Schweizer Methode gelöst: Wir verstecken das böse Geld jetzt besser, damit es so aussieht, als wäre es nicht mehr da. Die Schweizer Politik mag das sogar anders gewollt haben, aber die Finanzwirtschaft wird immer Wege finden, dieses Geschäft weiterhin zu betreiben.

Sie haben 18 Monate im Gefängnis gesessen, sind deutschlandweit als Datendieb bekannt. Wie lebt es sich damit und wie gestalten Sie ihr Leben in Freiheit?

Der Wert der Freiheit hat sich für mich komplett verändert und ist heute von wirtschaftlichen Belangen abgekoppelt. Ein Buch zu schreiben ist zum Beispiel Teil dieser neuen Freiheit. Und sicherlich werden noch einige Dinge, die ich immer schon tun wollte, dazukommen. Da ich im Gefängnis auf Vieles verzichten musste, habe ich schnell gelernt, mich an vermeintlichen Kleinigkeiten zu erfreuen und welch hohes Gut die Freiheit ist.

13:33 02.07.2015

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