Unser Leben

Leseprobe "Damals sprachen wir selten über den Sozialismus. Nun aber, da sich die Welt unwiderruflich verändert hat, ist unser damaliges Leben plötzlich interessant, egal, wie es war – es war unser Leben."
Unser Leben
Foto: Vasily Maximov/AFP/Getty Images

Aufzeichnungen einer Beteiligten

Wir nehmen Abschied von der Sowjetzeit. Von unserem damaligen Leben. Ich versuche, alle Beteiligten am sozialistischen Drama, mit denen ich mich treffe, fair anzuhören ... Der Kommunismus hatte einen aberwitzigen Plan – den »alten« Menschen umzumodeln, den alten Adam. Und das ist gelungen ... es ist vielleicht das Einzige, das gelungen ist. In den etwas über siebzig Jahren ist im Laboratorium des Marxismus-Leninismus ein neuer Menschentyp entstanden: der Homo sovieticus. Die einen betrachten ihn als tragische Gestalt, die anderen nennen ihn »Sowok«. Ich glaube, ich kenne diesen Menschen, er ist mir vertraut, ich habe viele Jahre Seite an Seite mit ihm gelebt. Er ist ich. Das sind meine Bekannten, meine Freunde, meine Eltern. Ich bin mehrere Jahre durch die ganze ehemalige Sowjetunion gereist, denn der Homo sovieticus, das sind nicht nur Russen, das sind auch Weißrussen, Turkmenen, Ukrainer, Kasachen ...

Heute leben wir in verschiedenen Staaten, sprechen verschiedene Sprachen, aber wir sind unverwechselbar. Man erkennt uns auf Anhieb! Wir alle, die Menschen aus dem Sozialismus, ähneln einander und sind anders als andere Menschen – wir haben unsere eigenen Begriffe, unsere eigenen Vorstellungen von Gut und Böse, von Helden und Märtyrern. Wir haben ein besonderes Verhältnis zum Tod. In den Erzählungen der Menschen, die ich aufschreibe, klingen mir immer wieder Wörter in den Ohren wie: »schießen«, »erschießen«, »liquidieren«, »aus dem Weg räumen« oder sowjetische Varianten des Verschwindens wie »Verhaftung«, »zehn Jahre ohne Recht auf Briefwechsel«, »Emigration«. Wie viel kann ein Menschenleben wert sein, wenn man bedenkt, dass vor kurzem Millionen umgekommen sind? Wir sind voller Hass und Vorurteile. Wir stammen alle von dort, wo es einen Gulag und einen schrecklichen Krieg gegeben hat. Und die Kollektivierung, die Entkulakisierung, die Zwangsumsiedlung ganzer Völker ...

Es war Sozialismus, und es war einfach unser Leben. Damals sprachen wir selten darüber. Nun aber, da sich die Welt unwiderruflich verändert hat, ist unser damaliges Leben plötzlich interessant, egal, wie es war – es war unser Leben. Ich schreibe mit, ich suche Körnchen für Körnchen, Krume für Krume nach der Geschichte unseres »alltäglichen«, unseres »inneren« Sozialismus. Danach, wie er in der Seele der Menschen wirkte. Dieser Maßstab hat mich schon immer fasziniert – der Mensch ... der einzelne Mensch. Denn im Grunde passiert alles dort. Warum gibt es in diesem Buch so viele Geschichten über Selbstmörder statt über sowjetische Menschen mit normalen sowjetischen Biographien? Schließlich bringen sich Leute auch aus Liebe um, aus Altersgründen oder einfach so, aus Neugier, aus dem Wunsch heraus, das Geheimnis des Todes zu ergründen ...

Ich habe nach Menschen gesucht, die fest mit der Idee verwachsen waren, sie so in sich aufgenommen hatten, dass sie sie nicht mehr auslöschen konnten – der Staat war ihr Universum geworden, er ersetzte ihnen alles, sogar das eigene Leben. Sie konnten sich nicht aus der großen Geschichte herauslösen, sich von ihr verabschieden und auf andere Weise glücklich werden – abtauchen ins Privatleben, sich zurückziehen, wie viele heute, da das Kleine zum Großen geworden ist. Die Menschen möchten einfach nur leben, ohne große Idee. So etwas hat es in der russischen Geschichte noch nie gegeben, so etwas kennt auch die russische Literatur nicht. Im Grunde sind wir Menschen des Krieges. Immer haben wir entweder gekämpft oder uns auf einen Krieg vorbereitet. Etwas anderes kannten wir nicht. Darauf ist unsere Psyche ausgerichtet. Auch im friedlichen Leben war alles militärisch organisiert. Ein Trommelwirbel, die Fahne wird entrollt ... und das Herz hüpft in der Brust ... Die Menschen bemerkten ihre Sklaverei gar nicht, sie liebten sie sogar.

Auch ich erinnere mich: Nach der Schule wollte sich unsere ganze Klasse als Neulandfahrer verpflichten, wir verachteten jeden, der sich weigerte; wir bedauerten sehr, dass Revolution und Bürgerkrieg, dass das alles ohne uns stattgefunden hatte. Wenn ich heute zurückschaue – waren das wirklich wir? War das ich? Zusammen mit den Helden meines Buches erinnerte ich mich. Einer von ihnen sagte: »Nur ein Sowjetmensch kann einen Sowjetmenschen verstehen.« Wir waren Menschen mit dem gleichen kommunistischen Gedächtnis. Gefährten der Erinnerung. Mein Vater erzählte oft, er habe nach dem Raumflug von Juri Gagarin angefangen, an den Kommunismus zu glauben. Wir waren die Ersten! Wir können alles! So haben er und meine Mutter auch uns erzogen. Ich war Oktoberkind, trug das Abzeichen mit dem lockenköpfigen kleinen Jungen darauf, ich war Pionierin und Komsomolzin. Die Enttäuschung kam später.

Nach der Perestroika warteten alle auf die Öffnung der Archive. Sie wurden geöffnet. Und wir erfuhren vieles aus der Geschichte, das man vor uns geheim gehalten hatte ... »Wir müssen neunzig der hundert Millionen, die Sowjetrussland bevölkern, für uns gewinnen. Mit den Übrigen ist nicht zu reden – sie müssen vernichtet werden.« (Sinowjew, 1918) »Mindestens 1000 notorische Kulaken und Reiche aufhängen (unbedingt aufhängen, damit das Volk es sieht) ... ihnen alles Getreide wegnehmen, Geiseln bestimmen ... Dafür sorgen, dass das Volk im Umkreis von Hunderten Werst das sieht und zittert ...« (Lenin, 1918) »Moskau verhungert buchstäblich.« (Professor Kusnezow an Trotzki) »Das ist kein Hunger. Als Titus Jerusalem einnahm, aßen jüdische Mütter ihre eigenen Kinder. Wenn ich eure Mütter dazu bringe, die eigenen Kinder zu essen, dann können Sie kommen und sagen: Wir hungern.« (Trotzki, 1919)

Die Menschen lasen das alles in Zeitungen und Zeitschriften und verstummten. Ein so unvorstellbares Grauen! Wie sollten sie damit leben? Viele nahmen die Wahrheit auf wie einen Feind. Und auch die Freiheit. »Wir kennen unser Land nicht. Wir wissen nicht, was die Mehrheit der Menschen denkt, wir sehen sie, begegnen ihnen jeden Tag, doch was sie denken, was sie wollen, das wissen wir nicht. Aber wir erdreisten uns, sie zu belehren. Bald werden wir alles erfahren – und entsetzt sein«, sagte ein Bekannter von mir, mit dem ich oft in meiner Küche saß. Ich stritt mit ihm. Das war 1991 ... Eine glückliche Zeit! Wir glaubten, morgen, buchstäblich morgen würde die Freiheit anbrechen. Aus dem Nichts, allein aus unseren Wünschen.

Aus den »Notizbüchern« von Warlam Schalamow: »Ich habe teilgenommen an der großen verlorenen Schlacht für eine wahre Erneuerung des Lebens.« Das schrieb jemand, der siebzehn Jahre in Stalins Lagern gesessen hat. Die Sehnsucht nach dem Ideal war geblieben ... Ich würde die Sowjetmenschen in vier Generationen einteilen: die Stalin-, die Chruschtschow-, die Breschnew- und die Gorbatschow-Generation. Ich gehöre zur letzten. Uns fiel es leichter, den Zusammenbruch der kommunistischen Idee zu akzeptieren, denn wir haben die Zeit nicht mehr erlebt, da die Idee noch jung und stark war, noch die unverbrauchte Magie fataler Romantik und utopischer Hoffnungen besaß. Wir sind unter den Kremlgreisen aufgewachsen. In enthaltsamen, »vegetarischen« Zeiten. Das große Blutvergießen des Kommunismus war schon vergessen. Das große Pathos war allgegenwärtig, aber ebenso das Wissen darum, dass sich die Utopie nicht in die Wirklichkeit umsetzen lässt. Es war während des ersten Tschetschenien-Krieges ...

Auf einem Bahnhof in Moskau lernte ich eine Frau kennen, die aus der Gegend von Tambow kam. Sie wollte nach Tschetschenien, um ihren Sohn aus dem Krieg wegzuholen. »Ich will nicht, dass er stirbt. Ich will nicht, dass er tötet.« Über ihre Seele hatte der Staat keine Macht mehr. Sie war ein freier Mensch. Solche Menschen gab es damals nicht viele. Die Mehrheit fühlte sich von der Freiheit genervt: »Ich habe drei Zeitungen gekauft, und in jeder steht eine andere Wahrheit. Wo ist die richtige Wahrheit? Früher hast du morgens die Prawdagelesen und wusstest Bescheid. Hast alles verstanden.« Aus der Narkose der Idee erwachten die Menschen nur langsam. Wenn ich mit jemandem über Reue reden wollte, bekam ich zur Antwort: »Was soll ich denn bereuen?« Jeder fühlte sich als Opfer, niemand als Beteiligter. Der eine sagte: »Ich habe auch gesessen«, der Nächste: »Ich war an der Front«, der Dritte: »Ich habe meine Stadt aus Trümmern wieder aufgebaut, hab Tag und Nacht Ziegelsteine geschleppt.« Das war sehr überraschend: Alle waren berauscht von der Freiheit, aber nicht bereit für die Freiheit.

Wo war sie denn, die Freiheit? Nur in der Küche, wo nach alter Gewohnheit weiter auf die Regierenden geschimpft wurde. Auf Jelzin und auf Gorbatschow. Auf Jelzin, weil er Russland verändert hat. Und auf Gorbatschow? Auf Gorbatschow, weil er alles verändert hat. Das ganze 20. Jahrhundert. Nun würde bei uns alles so sein wie anderswo. Wie überall. Wir dachten, diesmal würde es gelingen. Russland veränderte sich und hasste sich dafür, dass es sich veränderte. »Ein träger Mongole«, schrieb Karl Marx über Russland. Die sowjetische Zivilisation ... Ich beeile mich, ihre Spuren festzuhalten. Die vertrauten Gesichter. Ich frage nicht nach dem Sozialismus, ich frage nach Liebe, Eifersucht, Kindheit und Alter. Nach Musik, Tanz und Frisuren. Nach Tausenden Einzelheiten des verschwundenen Lebens. Das ist die einzige Möglichkeit, die Katastrophe in den Rahmen des Gewohnten zu zwingen und etwas darüber zu erzählen. Etwas zu verstehen.

Ich staune immer wieder, wie interessant das normale menschliche Leben ist. Unendlich viele menschliche Wahrheiten ... Historiker interessieren sich nur für Fakten, die Gefühle bleiben draußen. Sie werden von der Geschichtsschreibung nicht erfasst. Ich aber sehe die Welt mit den Augen der Menschenforscherin, nicht mit denen eines Historikers. Ich bestaune den Menschen ... Mein Vater lebt nicht mehr. Ein Gespräch, das wir beide miteinander hatten, kann ich mit ihm nicht mehr zu Ende führen ... Er sagte, das Sterben sei ihnen damals im Krieg leichter gefallen als den unerfahrenen Jungen, die in Tschetschenien umkämen. Seine Generation sei in den vierziger Jahren von einer Hölle in die andere geraten. Vor dem Krieg studierte mein Vater am Institut für Journalistik in Minsk. Er erzählte, wenn sie nach den Semesterferien wiederkamen, hätten sie oft keinen einzigen früheren Dozenten mehr angetroffen, weil alle verhaftet worden waren. Sie verstanden nicht, was da geschah, aber sie hatten Angst. Angst wie im Krieg.

Ich habe mit meinem Vater selten offene Gespräche geführt. Er hatte Mitleid mit mir. Hatte ich Mitleid mit ihm? Die Antwort darauf fällt mir schwer ... Wir waren hart gegen unsere Eltern. Wir dachten, Freiheit, das sei ganz einfach. Nun ist einige Zeit vergangen, und diese Bürde lastet schwer auf uns, denn niemand hat uns Freiheit gelehrt. Nur, wie man für die Freiheit stirbt. Da ist sie – die Freiheit! Hatten wir sie uns so vorgestellt? Wir waren bereit, für unsere Ideale zu sterben. Dafür zu kämpfen. Doch dann begann ein Leben wie bei Tschechow. Ohne große Geschichte.

Alle Werte zerstört, bis auf den Wert des Lebens. Des Lebens an sich. Neue Träume: ein Haus bauen, ein schönes Auto kaufen, Stachelbeeren pflanzen ... Die Freiheit entpuppte sich als Rehabilitierung des Kleinbürgertums, das im russischen Leben gewöhnlich unterdrückt wurde. Als Freiheit Seiner Majestät Konsum. Als eine Größe der Finsternis. Der Finsternis der Bedürfnisse, der Instinkte – jenes privaten Lebens, von dem wir nur eine ungefähre Vorstellung hatten. Wir haben im gesamten Verlauf unserer Geschichte immer nur überlebt, nie gelebt. Jetzt aber wird die Kriegserfahrung nicht mehr gebraucht, wir mussten sie vergessen. Tausende neue Emotionen, Zustände, Reaktionen ... Irgendwie war plötzlich alles anders: die Plakate, die Dinge, das Geld, die Staatsflagge ... Auch die Menschen selbst. Sie waren auf einmal farbiger, individueller, der Monolith war gesprengt, das Leben in einzelne Inseln, Atome, Zellen zerfallen.

Das große Böse war zu einer fernen Legende geworden, zu einem Politkrimi. Niemand sprach mehr von einer Idee, alle redeten von Krediten, Prozenten und Wechseln, Geld wurde nicht verdient, sondern »gemacht«, »gewonnen«. Ob das von Dauer ist? »Das Bewusstsein vom Unrecht des Geldes ist in der russischen Seele unausrottbar«, schrieb Marina Zwetajewa in ihrem Tagebuch. Doch nun scheint es, als wären die Helden von Ostrowski und Saltykow-Schtschedrin auferstanden und spazierten durch unsere Straßen. Jeden, mit dem ich sprach, habe ich gefragt: »Was ist Freiheit?«

Die Väter antworteten darauf anders als ihre Kinder. Diejenigen, die in der UdSSR geboren wurden, und diejenigen, die nicht in der UdSSR geboren wurden, haben keine gemeinsamen Erfahrungen. Sie sind Menschen von verschiedenen Sternen. Die Väter: Freiheit ist die Abwesenheit von Angst; die drei Tage im August, als wir den Putsch besiegten; wer im Laden aus hundert Wurstsorten auswählen kann, ist freier als jemand, der nur aus zehn Sorten auswählt; nicht geprügelt werden – aber eine Generation, die nicht geprügelt wurde, wird es bei uns nie geben, der Russe versteht die Freiheit nicht, er braucht Kosaken und die Peitsche. Die Kinder: Freiheit ist Liebe; innere Freiheit ist ein absoluter Wert; wenn man keine Angst vor seinen Wünschen hat; viel Geld, dann kann man alles haben; wenn man leben kann, ohne sich Gedanken über die Freiheit zu machen. Freiheit ist normal. Ich suche nach der Sprache.

Der Mensch hat viele Sprachen: die Sprache, in der er mit seinen Kindern spricht, die Sprache der Liebe ... und die Sprache, in der wir mit uns selbst reden, die Sprache der inneren Selbstgespräche. Auf der Straße, auf der Arbeitsstelle, auf Reisen – jedes Mal eine andere Sprache, nicht nur die Worte sind verschieden. Es ist sogar ein Unterschied, ob man morgens oder abends spricht. Und was in der Nacht zwischen zwei Menschen geschieht, fehlt in der Geschichtsschreibung ganz. Wir haben es nur mit der Geschichte des Tagmenschen zu tun. Selbstmord ist ein Nachtthema, da steht der Mensch an der Grenze zwischen Sein und Nichtsein. Oder Schlaf. Das möchte ich verstehen, mit der Gründlichkeit des Tagmenschen. Ich wurde gefragt: »Haben Sie keine Angst, dass Sie Gefallen daran finden könnten?«

Wir fahren durch das Gebiet Smolensk. In einem Dorf halten wir vor einem Laden. Was für vertraute, schöne, gute Gesichter (ich bin selbst auf dem Land aufgewachsen) – und was für eine demütigende, bettelarme Existenz. Wir kommen ins Gespräch, reden über das Leben. »Nach der Freiheit fragen Sie? Gehen Sie in unseren Laden, da kriegen Sie jeden Wodka, den Sie wollen: Standard, Gorbatschow, Putinka, und jede Menge Wurst, Käse und Fisch. Sogar Bananen. Was für eine Freiheit brauchen wir noch? Die reicht uns.« »Haben Sie auch Land bekommen?« »Wer soll sich da krummmachen? Wer wollte, konnte Land haben. Bei uns hat nur Waska Krutoi gewollt. Sein Jüngster, er ist erst acht, der läuft schon mit dem Vater hinterm Pflug. Wenn man sich bei dem zum Arbeiten verdingt – da ist nichts mit Klauen oder Pennen. Ein Faschist!«

Bei Dostojewski gibt es einen Streit über die Freiheit. Darüber, dass der Weg zur Freiheit schwierig ist, voller Leid und Tragik ... »Warum zum Teufel müssen wir überhaupt erkennen, was gut und böse ist, wenn es uns so teuer zu stehen kommt?« Der Mensch muss sich die ganze Zeit entscheiden: Freiheit oder Wohlstand und gutes Leben, Freiheit mit Leiden oder Glück ohne Freiheit. Die meisten Menschen gehen den zweiten Weg. Der Großinquisitor sagt zu Jesus, der auf die Erde zurückgekehrt ist: »Was bist Du gekommen, uns zu stören? Denn uns zu stören bist Du gekommen, und Du selbst weißt es wohl.« »Indem Du ihn [den Menschen] so hoch achtetest, hast du gehandelt, als hättest Du kein Erbarmen mehr mit ihm, denn zuviel hast Du von ihm gefordert. [...] Hättest Du ihn geringer geachtet, hättest Du auch weniger von ihm gefordert, und das wäre der Liebe näher gekommen, hätte es doch sein Joch erleichtert. Schwach ist der Mensch und gemein. [...] Was kann die schwache Seele dafür, daß sie nicht die Kraft hat, so furchtbare Gaben aufzunehmen?« »Es gibt für den Menschen, solange er frei ist, keine dauernde und bedrückendere Sorge als so bald wie möglich etwas zu finden, das er anbeten kann. [...] und keine quälendere Sorge, als jemanden zu finden, dem er so schnell wie möglich das Geschenk der Freiheit abtreten kann, mit der dieses beklagenswerte Geschöpf geboren wird.«

In den Neunzigern ... ja, da waren wir glücklich, zu dieser Naivität von damals können wir nicht mehr zurück. Wir glaubten, die Entscheidung sei gefallen, der Kommunismus hätte ein für alle Mal verloren. Dabei fing alles erst an ... Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen ... »Mit dem Sozialismus macht ihr uns keine Angst«, sagen die Kinder zu ihren Eltern. Aus einem Gespräch mit einem Unidozenten aus meiner Bekanntschaft: »Ende der neunziger Jahre lachten mir die Studenten ins Gesicht, wenn ich von der Sowjetunion sprach, sie waren überzeugt, dass vor ihnen eine neue Zukunft liege. Jetzt hat sich das Bild gewandelt ...

Die heutigen Studenten wissen bereits, was Kapitalismus ist, sie haben es zu spüren bekommen: Ungleichheit, Armut, dreist zur Schau getragener Reichtum; sie haben das Leben ihrer Eltern vor Augen, die von dem geplünderten Land nichts abbekommen haben. Sie sind radikal eingestellt. Träumen von ihrer eigenen Revolution. Sie tragen rote T-Shirts mit Bildern von Lenin und Che Guevara.« In der Gesellschaft gibt es ein neues Bedürfnis nach der Sowjetunion. Nach dem Stalin-Kult. Die Hälfte der jungen Menschen zwischen neunzehn und dreißig hält Stalin für einen »großartigen Politiker«. Ein neuer Stalin-Kult in dem Land, in dem Stalin nicht weniger Menschen vernichtet hat als Hitler? Sowjetisches ist wieder in Mode. »Sowjetische« Cafés mit sowjetischen Namen und sowjetischen Speisen. »Sowjetisches« Konfekt und »sowjetische« Wurst – die so riecht und schmeckt, wie wir es aus unserer Kindheit kennen. Und natürlich »sowjetischer« Wodka. Es gibt Dutzende Fernsehsendungen und Dutzende nostalgische »sowjetische« Internetseiten. Die stalinschen Lager sind Touristenziele geworden. Die Werbung verspricht ein perfektes Erlebnis – inklusive Lagerkleidung und Spitzhacke. Und Besichtigung der restaurierten Baracken. Zum Abschluss gibt es einen Angelausflug ... Veraltete Ideen leben wieder auf: vom großen Imperium, von der »eisernen Hand«, vom »besonderen russischen Weg« ... Die sowjetische Hymne ist zurück, es gibt wieder einen Komsomol, nur heißt er jetzt »Die Unseren«, es gibt eine Partei der Macht, die die Kommunistische Partei kopiert. Der Präsident hat die gleiche Macht wie früher der Generalsekretär. Die absolute Macht. Statt Marxismus-Leninismus haben wir jetzt die Orthodoxie ...

Vor der Revolution von 1917 schrieb Alexander Grin: »Die Zukunft ist nicht mehr an ihrem Platz.« Seitdem sind hundert Jahre vergangen, und wieder ist die Zukunft nicht mehr an ihrem Platz. Wir leben in einer Secondhand-Zeit. Die Barrikade ist ein gefährlicher Ort für einen Künstler. Eine Falle. Dort verdirbt man sich die Augen, die Pupille verengt sich, die Welt büßt ihre Farben ein. Dort ist die Welt schwarzweiß. Von dort aus sieht man den Menschen nur noch als schwarzen Punkt, als Zielscheibe. Ich stand mein Leben lang auf Barrikaden, und ich möchte weg davon. Möchte lernen, mich am Leben zu freuen. Wieder normal zu sehen. Aber Zigtausende Menschen gehen erneut auf die Straße. Nehmen sich bei den Händen. Sie tragen weiße Bänder an den Jacken. Ein Symbol der Wiedergeburt. Des Lichts. Und ich gehe mit. Auf der Straße habe ich junge Leute mit Hammer und Sichel und einem Lenin-Bild auf dem T-Shirt gesehen. Ob sie wissen, was Kommunismus bedeutet?

14:04 10.12.2015

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