Zeit und Wunsch

Leseprobe "Ich richte mich an Menschen wie mich selbst, die eigentlich schon immer Kinder wollten, aber es aus den verschiedensten Gründen verbummeln. Bis es zu spät ist oder wie in meinem Fall beinahe."
Zeit und Wunsch

Vorwort: Willkommen im Fight Club

Auf den Fotos, die im ersten Monat nach der Geburt unseres Sohnes entstanden sind, sehen meine Frau und ich aus wie Krieger, die eine Schlacht überlebt haben. Erschöpft und glücklich. Nicht erschöpft und glücklich, wie man sich nach einem Beachvolleyballturnier fühlt. Nein, wir haben Narben abbekommen, wir haben Ängste ausgestanden, unser Körper und unser Geist sind nicht mehr dieselben.

Wenn wir nun mit unserem Baby, das im Laufe der Entstehung dieses Buchs langsam ein Kleinkind wurde, spazieren gehen, dann lächeln uns andere Eltern mit kleinen Kindern verstohlen zu, und wir signalisieren ihnen zurück, dass wir Bescheid wissen. Wir sind Mitglieder im Fight Club, wir erkennen einander an unseren Augenringen, an unseren Dehnungsstreifen und beknackten Haaren. Wir lächeln einander an, weil nur wir wissen, wie gut es ist, Mitglied zu sein.

Ich habe von vielen Müttern und Vätern gehört, dass sie kurz nach der Geburt ihres Kindes ein missionarischer Eifer überkommen hat. »Wir müssen es allen sagen, wir müssen ihnen sagen, wie gut es ist!« Aber sie missionieren dann doch nicht. Ich werde es in diesem Buch schon ein bisschen tun. Ich will niemanden überzeugen, der sich gegen Kinder entschieden hat, schon gar nicht will ich, dass sich jemand schlecht fühlt, der keine Kinder bekommen kann. Ich richte mich an Menschen wie mich selbst, die eigentlich schon immer Kinder wollten, aber es aus den verschiedensten Gründen verbummeln. Bis es zu spät ist oder wie in meinem Fall beinahe zu spät. Das scheint dann wie individuelles Versagen, aber warum trifft dieses Versagen ausgerechnet in Deutschland so besonders viele?

Die aktuelle Debatte um das sogenannte Social Freezing enthält viele Facetten dieser Problematik. Und eigentlich in jedem denkbaren Szenario sind die Frauen schuld. Entweder frieren sie ihre Eizellen ein, dann sind sie kalt, berechnend und einem Machbarkeitswahn anheimgefallen. Oder sie bleiben ungewollt kinderlos, dann stellt sich die Frage: Ja, warum haben sie denn nicht vorgesorgt? Oder sie bekommen gar, horribile dictu, ihre Kinder, bevor die Karriere richtig durchgestartet ist. Na, dann haben sie selbstverständlich die freie Entscheidung getroffen, nie so viel Geld verdienen zu wollen wie ein Mann.

Und natürlich wird durch das Angebot einiger Firmen an ihre weiblichen Angestellten, die Kosten für das Einfrieren von Eizellen zu übernehmen, die Vorstellung verstärkt, Aufschieben sei das Rationale. Was soll sich die Gesellschaft ändern, wenn man doch Einfrieren kann? So sehr also eine technische Erweiterung der Optionen zu begrüßen ist, so sehr wird auch hier ein gesellschaftliches Problem privatisiert. Denn genau das ist geschehen in Deutschland, in der westlichen Welt: Wenn man sich vermehren will, ist man damit allein. Es wird hier nicht um einen Dienst an der Gesellschaft gehen, der Kinderkriegen angeblich ist, es wird keine Unterteilung geben in egoistische Kinderlose und altruistische Kinderreiche, weil beide Zuschreibungen völliger Blödsinn sind. Und auch um die zukünftige Demografie des Landes werde ich einen Bogen machen.

Von eher rechter Seite kommt das Geraune vom Aussterben der Deutschen, vom Raum ohne Volk, von linker Seite der Hinweis, man könne Unterbevölkerung durch Einwanderung ausgleichen. Das sind oft gehörte Debatten, die Hellseher führen sollen. In diesem Buch geht es um das Menschenrecht, Kinder zu bekommen. Diesen Gedanken formulierte die Chinesin Chen Dan, eine Dozentin an der Universität Peking. In der Süddeutschen Zeitung fragte sie, ob es nicht das grundlegendste aller Menschenrechte sei, ein Kind zu bekommen, wenn man es wolle.

Chen Dan richtete sich mit dieser Frage gegen die chinesische Ein-Kind-Politik. Familien, die in China mehr als ein Kind haben, bekommen kein Kindergeld mehr, müssen möglicherweise ihre Wohnungen verlassen, in besonders rückständigen Regionen kommt es sogar zu erzwungenen Abtreibungen. In China, das aktiv und massiv die Vermehrung seiner Bevölkerung zu ver- hindern versucht, bekommt eine Frau im Schnitt 1,55 Kinder. (Weil diese Politik gar zu unmenschlich ist, selbst für einen totalitären Einparteienstaat, tut sich nun etwas: Die chinesische Führung erwägt, zukünftig zwei Kinder zu gestatten.)

In Deutschland, das angeblich alles tut, damit wieder mehr Kinder geboren werden, liegt der Schnitt bei 1,3. Arnold Vaatz, seit 2002 Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für die Bereiche Aufbau Ost, wirtschaftliche Entwicklung und Menschenrechte, sagte 2006 im Deutschlandfunk auf die etwas provokante Frage, ob denn die Erfüllung des Traums von einem Bullerbü’schen Kinderparadies tatsächlich ein Menschenrecht sei: »Man kann es mit dem Terminus technicus Menschenrecht bezeichnen, aber es ist eigentlich das Natürlichste auf der Welt. Es ist eigentlich ein konstitutives Element des Lebens überhaupt.« Und dann setzte der Politiker hinzu: »Wo diese Sehnsucht zurückgeht oder nicht befriedigt wird, dort ist die Gesellschaft bedroht.«

Deutschland, wo ein Politiker so ganz anders redet, als ein chinesischer Politiker es wohl tun würde, wo die Sehnsucht nach Geborgenheit in einer Familie sogar als Naturrecht gewertet wird, steht mit seinen 1,3 Kindern im World Factbook der CIA aktuell auf Platz 218 von 224 Ländern, was die Fortpflanzung angeht. Nur in Südkorea, Japan, Singapur, Saint-Pierre und Miquelon, Hongkong und Monaco wurden 2013 auf tausend Menschen weniger Kinder geboren. Nach Monaco ziehen alte Millionäre, um Steuern zu sparen, von Saint-Pierre und Miquelon, einem winzigen französischen Überseegebiet vor der kanadischen Küste, ziehen die Menschen weg, weil sie vom Fischfang nicht mehr leben können.

Aber was ist mit Deutschland los? Über 90Prozent aller Deutschen wünschen sich Kinder, bis zu einem Drittel von ihnen wird keine bekommen. Kerstin Ruckdeschel und Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gehen 2007 in ihrem Aufsatz »Kinderlosigkeit in Deutschland – Ein europäischer Sonderweg?« davon aus, »dass die nach 1965 geborenen Frauen zu deutlich mehr als 25 Prozent, wenn nicht sogar zu 30 Prozent kinderlos bleiben werden«. Das Statistische Bundesamt sah 2010 »keine empirischen Ansatzpunkte, die auf eine Trendwende in der Entwicklung der Kinderlosigkeit hindeuten«. Im Vergleich zu älteren Frauenjahrgängen sei der Anteil der Frauen ohne Kind in den jüngeren »sehr hoch«.

Warum so viele ihr Menschenrecht nicht umsetzen können und wie man vielleicht doch zu seinem Recht gelangen kann, darum geht es in diesem Buch. Um die deutsche Kein-Kind-Politik, einen unwilligen Staat, also Gesetzgebung, Verwaltung, Rechtsprechung, Politiker, von denen nur Lippenbekenntnisse kommen, eine passive Gesellschaft, die sich nichts mehr zutraut, um viele kleine Dinge, die verhindern, dass wir bekommen, was wir wollen. Und um das eine große Ding, das vielen fehlt: die Liebe. Es wird darum gehen, denen, die Kinder wollen, aber glauben, es sei noch nicht der richtige Zeitpunkt, einen Schubs zu geben. Der Fight Club freut sich über neue Mitglieder.

Was ist denn überhaupt das Problem?

In den Geschichtsbüchern gibt es noch diese Bilder von Wohnungen ganz normaler deutscher Großstadtmenschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Acht, neun Kinder, zwei Zimmer, und die Großeltern sind auch noch dabei. Die Menschen hausen eher, als dass sie wohnen, alles sieht nach Cholera und Kakerlaken aus. Über das dritte Kind freute man sich noch, heißt es in einem Text, der noch hundert Jahre früher, also um 1800 herum, entstand – ab dann begann das Leid.

Der Vater sehe alle weiteren Kinder als »feindliche Geschöpfe an, die ihm und seiner vorhandenen Familie das Brot vor dem Munde wegnehmen«. Und auch »das zärtlichste Mutterherz« werde »für das fünfte Kind gleichgültig, jedem sechsten wünscht es schon laut den Tod«. Weil die Kindersterblichkeit so hoch war, wurden Heiratslizenzen in den deutschen Kleinstaaten des 19. Jahrhunderts nur ausgestellt, wenn die Heiratswilligen nachwiesen, dass sie eine Familie ernähren konnten. Wer etwa kein Haus besaß, durfte nicht heiraten. Das Resultat waren bis zu 50 Prozent uneheliche Kinder, eine Quote, die erst heute wieder in den neuen Bundesländern erreicht wird. Gegen die Kinderflut war man machtlos.

Obwohl Wissenschaftler langsam herausfanden, wie Verhütungsmittel funktionieren könnten, wurde dieses Wissen nicht weiterverbreitet. Aufklärung stand unter Strafe. In den Kliniken wurden keine Abtreibungen vorgenommen; wem Gott zürnte, dem schenkte er Kindersegen. Heute hat sich die Situation umgekehrt. Bis zu einem Drittel aller Deutschen, jenes, das Kinder will, aber nicht (mehr) haben kann, erlebt eine private Katastrophe: Auf Kinderwunschforen im Netz tauschen sich verzweifelte Paare aus, die Schwierigkeiten haben, ein Kind zu zeugen. Kinderlosigkeit gegen den eigenen Willen, das sagen Studien, macht noch unglücklicher als der Tod naher Angehöriger.

»Psychologen«, so die Familientherapeutin Petra Thorn im Gespräch mit der Zeit, »vergleichen die Erkenntnis, keine eigenen Kinder bekommen zu können, mit anderen schweren Schicksalsschlägen wie dem Tod eines Partners oder eines Kindes.« Diese Tatsache sollte man im Kopf behalten: Ein Kind nicht bekommen zu können wird empfunden wie der Tod eines Kindes. Freundschaften zerbrechen am Babyneid (das britische Boulevardblatt Daily Mail nennt dieses Phänomen sogar »die neue soziale Kluft«: dort die, die es geschafft haben, Kinder zu bekommen, dort die Kinderlosen), ein dicker Bauch kann die ungewollt Kinderlosen in tiefste Depression führen.

Menschen, die empfängnistechnisch austherapiert sind, brauchen etwa fünf Jahre, ehe sie sich erholt haben von ihrem Unglück. Querschnittsgelähmte sind meist schon ein Jahr nach ihrem Unfall wieder so zufrieden wie zuvor. Soziale Infertilität, also die Unfähigkeit, Kinder zu bekommen, obwohl man gesund ist, ist anders als medizinische. Die Demütigungen sind andere, der Angriff auf das Selbstwertgefühl ein anderer. Aber im Ergebnis ist es doch ähnlich. Die Schriftstellerin Clara Ott schrieb zum Muttertag 2014 auf Facebook: »Muttertag. Während beziehungsunfähige Männer fröhlich posten, wie sehr sie ihre Mamis lieben, ist es ein Tag des Innehaltens für alle kinderlosen Singlefrauen über 30 Jahre. Selten wünschten sie sich mehr, dass der Sonntag endlich mit Mord und Totschlag ausklingt und der Alltagstrott wieder von der nagenden Frage ablenkt, ob sie jemals Mama werden und welcher Mann bei Facebook öffentlich gestehen würde, wie sehr er sie liebt.«

Wenn sie keine Kinder bekäme, sähe sie ihr Leben als gescheitert an, sagte mir eine 39-jährige Bekannte, seit drei Jahren Single. Ihre Eizellen seien intakt, aber was habe sie ohne Partner davon? Sie ist eine der Millionen, bei denen es vielleicht nicht mehr reichen wird. Man kann davon ausgehen, dass in Deutschland ziemlich viele Menschen ziemlich unglücklich sind, weil sie Kinder wollten, aber keine bekommen haben. Gibt es deswegen Proteste? Demonstrationen? Revolution?

Nichts dergleichen. Kinderlose beschweren sich nicht. Und auch jene, die gern mehr Kinder hätten als sie haben, schweigen. Fast scheint es, als wären wir Opfer einer Naturkatastrophe, für die niemand verantwortlich ist. Es wird als Schicksal hingenommen, dass man in Deutschland mit größerer Wahrscheinlichkeit kinderlos bleibt als anderswo auf der Welt. Was in dem Jahrhundert geschah zwischen Babyflut und Babydürre, ist bekannt: Zunächst sorgte die Einführung der Rentenversicherung dafür, dass Kinder nicht mehr als Altersversorgung benötigt wurden.

1904 wurde die Beschäftigung von Kindern unter zwölf Jahren in gewerblichen Betrieben verboten, sodass Kinder nicht mehr zum Familieneinkommen beitragen konnten. In der Weimarer Republik wurden die Strafen für Abtreibungen herabgesetzt, mit der zunehmenden Säkularisierung kam auch die Sexualaufklärung. Das Leben in den Städten wurde immer teurer, es lohnte sich nun, mehr in wenige Kinder zu investieren. Die Großfamilien verschwanden, statt fünf Kindern hatte man nun zwei. Der Pillenknick in den Sechzigerjahren war im Vergleich zu diesem Wandel nur ein Knickchen. Die Antibabypille wiederum war ein direktes Ergebnis der Frauenbewegung. Die große amerikanische Frauenrechtlerin Margaret Sanger unterstützte mit gewaltigen Summen die Arbeiten des Physiologen Gregory Pincus, der einer der Väter der Pille war. Sie brachte den letzten entscheidenden Punkt: Kinder waren jetzt endgültig eine bewusste Entscheidung.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer hatte vorausgesehen, was das bedeuten würde: »Wenn Kinder in die Welt gebracht würden allein durch einen Akt der reinen Vernunft, würde die menschliche Rasse dann weiterexistieren?« Schopenhauer bezweifelte das. Schopenhauer hatte für diesen Zweifel allerdings ganz andere Gründe, als wir heute für unsere Entscheidung haben, keine Kinder zu bekommen. Schopenhauer war sogenannter Antinatalist; er lehnte die menschliche Reproduktion ab, sie war für ihn eine Quelle des Leidens. Doch zunächst einmal muss man Schopenhauer zugestehen, dass sein Gedanke sich als prophetisch erwiesen hat. Bewusstes Kinderkriegen scheint eine Überforderung zu sein.

Der amerikanische Futurologe Alvin Toffler ging bereits 1970, also vor 45 Jahren, davon aus, dass sich der damals entwickelnde Prozess der »Familienverkürzung« fortsetzen werde. In »Der Zukunftsschock« beschrieb er, dass die Großfamilien sich nicht transportieren oder verpflanzen haben lassen. »Sie waren immobil. Die industrialisierte Gesellschaft hingegen brauchte Massen von Arbeitern, die bereit und fähig waren, auf der Suche nach Arbeitsplätzen den Wohnsitz zu wechseln und abermals umzuziehen, wann immer es nötig wurde. Deshalb warf die erweiterte Familie allmählich den zu stark behindernden Ballast von Angehörigen ab, und es entstand die ›Kernfamilie‹, eine von überflüssigen Verschachtelungen befreite, mobile Familieneinheit, die nur aus den Eltern und einer kleinen Anzahl Kindern bestand.«

Die von Toffler prognostizierte »superindustrielle Gesellschaft«, also unsere Zeit, werde jedoch eine noch größere Mobilität erfordern. »Logischerweise werden viele Leute also in der Zukunft den Prozess der Familienverkürzung fortsetzen, infolgedessen ganz kinderlos bleiben, und dadurch die Familie auf ihre elementaren Bestandteile – Mann und Frau – beschränken. Zwei Menschen, möglicherweise mit einander ergänzenden Karrieren, werden erfolgreicher durch Ausbildungs- und soziale Untiefen, durch Stellenwechsel und geografische Umsiedlungen steuern als die gewöhnliche, mit Kindern überladene Familie.« Zwei Menschen? Da war Toffler noch recht optimistisch. In Berlin zum Beispiel beträgt der Anteil der Ein-Personen-Haushalte 54 Prozent. Aber ansonsten lag Toffler richtig.

Wollen wir oder träumen wir nur?

Aber die jungen Deutschen sind keine Schopenhauers, sie lehnen in ihrer ganz großen Mehrheit Babys nicht ab, im Gegenteil. Die Soziologinnen Jutta Allmendinger und Julia Haarbrücker vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin stellten in ihrer 2013 veröffentlichten Studie »Lebensentwürfe heute« fest, dass Frauen und Männer zwar bei allen anderen einen geringen Kinderwunsch vermuten, sich persönlich aber ganz überwiegend Kinder wünschen. 2007, 2009 und 2012 hatten sie 2.000 junge Männer und Frauen befragt. Jutta Allmendinger erklärte mir, dass sie ihre Zahlen, also die 93 Prozent, die sich Kinder wünschen, für »absolut valide« halte. Der Kinderwunsch sei ganz deutlich gewesen.

Politisch müsse man sich nun vor allem fragen, was es heiße, wenn die Leute glauben, es sei gesellschaftlich wenig akzeptabel, Kinder zu bekommen. Im Vorwort zu ihrer Studie schreibt Allmendinger: »Es ist nicht so, dass die jungen Menschen zweifeln oder keine eigene Familie wollen. Das tun die wenigsten. Aber viele, Männer mehr als Frauen, nehmen in der Gesellschaft einen mangelnden Respekt und eine fehlende Offenheit für Familien wahr. Eine Familie macht nicht viel her. Sie verschafft keine Anerkennung, das tut nur ein guter Job, vielleicht noch der Freund oder die Freundin. Kinder zu haben ist dagegen nicht cool. Etwas zu wollen, was andere gering schätzen, und dafür in Bereichen zu verlieren, die einem selbst wichtig und von anderen hoch geachtet sind, fällt schwer. Die jungen Menschen sehen sich zwischen den Stühlen.«

Im persönlichen Gespräch mit mir fügte sie hinzu: »Die gesamte deutsche Gesellschaft wird als nicht kinderfreundlich beschrieben.« Das bestätigt auch eine europaweite Studie des Instituts für Zukunftsfragen von 2013. 11.000 Europäer wurden gefragt, ob sie ihr Land als kinderfreundlich wahrnehmen. In den meisten Ländern war das Ergebnis negativ, nur in Dänemark sahen 90 Prozent der Menschen ihr Land als kinderfreundlich an. Weit abgeschlagen: Deutschland mit 15 Prozent. Fast alle wollen Kinder, glauben aber, alle anderen seien kinderfeindlich.

Gibt es eine selbsterfüllende Prophezeiung? Das Aussterben der Deutschen wird so lange herbeigeschrieben, bis sich niemand mehr zutraut, ein Kind zu bekommen? Wo liegt der Fehler? »Die im internationalen Vergleich sehr niedrige Geburtenrate in Deutschland erklärt sich zu einem erheblichen Teil aus der hohen Zahl unerfüllter Kinderwünsche«, erklärt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Auch der Politologe und Soziologe Stefan Fuchs, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Demographie, kommt in seiner Doktorarbeit »Mehr Kinder durch weniger Familie?« zu dem Schluss, dass immerhin ein Drittel der niedrigen Geburtenrate durch die sehr hohe un- gewollte Kinderlosigkeit in Deutschland bedingt sei, zwei Drittel durch das Fehlen dritter und vierter Kinder. Fast 13 Millionen Deutsche bleiben ungewollt kinderlos oder wünschen sich Kinder, errechnete das Institut für Demoskopie Allensbach. 36 Prozent der Deutschen zwischen 25 und 59.

Warum wollen so viele, tun es aber nicht? Der Philosoph Robert Pfaller gab zu bedenken, dass die Leute in Wahrheit vielleicht gar nicht wollen, sondern nur ein bisschen träumen würden. Und tatsächlich könnte man lange darüber diskutieren, was »Wollen« überhaupt heißen soll. »Kinderlosigkeit kann nicht generell als bewusste Entscheidung gegen ein Kind interpretiert werden, sondern als Folge des Aufschiebens – als ein Merkmal der Nicht-Entscheidung für Elternschaft.« Zu diesem Ergebnis kommt Rabea Krätschmer-Hahn vom Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung in ihrer Doktorarbeit »Kinderlosigkeit in Deutschland: Zum Verhältnis von Fertilität und Sozialstruktur«.

Die gängige Auffassung, so Krätschmer-Hahn, sei jedoch, den »gestiegene(n) Anteil Kinderloser mit gewollter Kinderlosigkeit gleichzusetzen«. Will also jemand, der Jahr für Jahr sagt, er wolle grundsätzlich, aber jetzt noch nicht, in Wahrheit keine Kinder? Oder will er nicht genug? Stefan Fuchs erläutert in seiner Doktorarbeit den speziellen Zusammenhang zwischen Realität und Wunsch: Die Wirklichkeit wirke auf den Wunsch zurück. Er zitiert den Demografen Wolfgang Lutz, der von »der Falle der niedrigen Fertilität« spricht. Wenn Menschen »in ihrer Umwelt wenige oder keine Kinder erleben, spielen auch in ihrer eigenen Vorstellung eines wünschenswerten Lebens Kinder eine geringere Rolle«. Die deutschsprachigen Länder waren in den Siebzigerjahren die ersten mit sehr niedrigen Geburtenraten.

»Drei Jahrzehnte später waren sie dann auch unter den ersten Ländern, in denen die in Bevölkerungsumfragen ermittelten Ideale zur Familiengröße in den jüngeren Kohorten unter den Generationenersatz fielen.« ERST bekamen die Leute weniger Kinder, DANN wollten sie weniger Kinder. Der Soziologe Erwin Kurt Scheuch zog Fuchs zufolge aus dem veränderten Zeugungsverhalten schon 1978 den Schluss, dass Ehepaare nicht zu Kindern »überredet werden müssten«. Problematisch sei vielmehr das »Zurückbleiben der tatsächlichen Reproduktion gegenüber den eigenen Wunschvorstellungen«.

Wenn alles nach mir ginge, ich mir also eine Welt basteln könnte, dann fände ich fünf Kinder gut. Drei wären unter optimalen Bedingungen möglich, vermutlich wird es eher bei einem bleiben, mit etwas Glück werden es zwei. Auf die Frage, wie viele Kinder ich gerne hätte, würde ich also vermutlich zwei sagen, obwohl ich gern eine Schar hätte. Man passt mehr oder weniger automatisch seine Wünsche den Gegebenheiten an. Robert Pfaller nennt diese Art der vermeintlich freiwilligen Wunschminimierung Beuteverzicht. Wer etwas sowieso nicht bekommen kann, redet sich ein, er habe es gar nicht gewollt. Trotzdem wollen die wenigsten kein Kind. Sie sagen nicht mehr, dass sie drei oder vier wollen, aber eben auch nicht, dass sie lieber kinderlos bleiben würden.

Ich denke daher, dass man die Frage, ob wir wollen oder nicht, letztlich pragmatisch nach dem geäußerten Willen entscheiden muss, wie es auch Allmendinger macht. Ich würde auch von mir selbst sagen, dass ich immer Kinder wollte. Ich habe Jura studiert, weil ich genau wie mein Vater selbstständig sein wollte, um mir meine Zeit frei einteilen zu können, sodass ich sie mit meiner Familie verbringen kann. Ich wollte kein Vater werden, der seine Kinder nur abends und am Wochenende sieht. So sehr wollte ich. Trotzdem hat es bei mir lange gedauert mit dem Vaterwerden.

[...]

12:00 08.01.2015

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