Subjekt und Erlebnis

Leseprobe "Hier geht es vielmehr um einen Bericht von sehr individuellen Erfahrungen, die ich persönlich, direkt oder indirekt, gemacht habe, und von oft unkonventionellen, aber begründbaren Erkenntnissen."
Subjekt und Erlebnis
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Einführung

Persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse 

Pius XII. Pacelli,
Johannes XXIII. Roncalli,
Paul VI. Montini,
Johannes Paul I. Luciani,
Johannes Paul II. Wojtyła,
Benedikt XVI. Ratzinger,
Franziskus, Bergoglio:

Über diese sieben Päpste will ich schreiben, wie ich sie als Zeitzeuge, Theologe und Insider des Katholischen erlebt habe.

»Zwischen dem Tübinger Theologen und den Päpsten waltet ja eine Art Reichsunmittelbarkeit – mit allen damit verbundenen Ambivalenzen.« Dieses Wort des Politikwissenschaftlers Professor Hans Maier, langjähriger Bayerischer Kultusminister und Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hat mir erst das Charakteristikum meines Umgangs mit den Päpsten bewusst gemacht und in einen historischen Zusammenhang gebracht. »Reichsunmittelbarkeit« meint in meinem Fall wohl das Verhältnis einer gewissen Unmittelbarkeit und Direktheit ohne Zwischeninstanzen und Beachtung eines Dienstweges, mit Ambivalenzen, positiv-konstruktiven wie negativ-konfrontativen Spannungen. 

Es geht hier nicht um eine allgemeine, umfassende, kritisch erarbeitete Geschichtsschreibung zu den letzten sieben Päpsten, von der man Neutralität und Vollständigkeit erwarten müsste. Es geht auch nicht um eine Würdigung der Regierungs- und Verwaltungsaufgaben der Päpste oder um die Darstellung alltäglicher Abläufe, liturgischer Handlungen, Audienzen und Empfänge. Hier geht es vielmehr um einen Bericht von sehr individuellen »Erfahrungen«, die ich persönlich, direkt oder indirekt, mit den letzten sieben Päpsten gemacht habe, und von oft unkonventionellen, aber begründbaren »Erkenntnissen«, die mir in meinem langjährigen Studium der Papstgeschichte und Papstideologie aufgingen, dies oft im persönlichen Umgang mit den sieben Päpsten meiner Lebenszeit.

In diesem Geschehen der letzten Jahrzehnte blieb ich nicht nur, wie mein früherer, inzwischen verstorbener hochgeschätzter Kollege, der Soziologe Ralf Dahrendorf, ein »engagierter Beobachter«. Ich wurde nolens volens ein bescheidener Mitakteur, oft auch Mitleidender, der – aufgrund fachlicher Kompetenz und publizistischer Präsenz – nicht nur als analytischer Problematisierer, sondern auch als synthetischer Problemlöser und Verfechter von Visionen bestimmte Überzeugungen, Werte und Maßstäbe vertrat. Nicht römische Konformität wurde mir zum Ideal, sondern das offene und unerschrockene Einstehen, Widerstehen und Standhalten im Kampf für Freiheit und Wahrheit in katholischer Kirche und Ökumene. 

Um eine persönliche Wertung der sehr unterschiedlichen Pontifikate kann und will ich mich nicht herumdrücken, aber sie ist im Kern theologisch begründet. Dass bestimmte Päpste weniger gut »wegkommen« als andere, hat natürlich auch mit meiner Sympathie oder Antipathie zu tun. Wie könnte es anders sein? Doch entscheidend wurde für mich die Nähe zum Evangelium Jesu Christi, auf das sich alle diese Päpste als »Stellvertreter Christi« zumindest theoretisch berufen. Konkret wurde diese Nähe als Treue zum Zweiten Vatikanischen Konzil, das die gesamte katholische Kirche repräsentiert und das Evangelium für unsere Zeit in maßgeblicher Weise neu interpretieren wollte. Auch bei scharf kritisierten Päpsten verschweige ich nicht ihre (in der Kirchenpresse und von Hoftheologen ohnehin ständig ausgebreiteten) positiven Leistungen, und umgekehrt bei hochgelobten Päpsten nicht ihre Versäumnisse und Fehlentscheidungen.

Also alles in allem der kritische Beitrag eines engagierten Zeitzeugen, der sich gewiss um Fairness bemüht, aber gerade deshalb sein Auge auch auf oft vernachlässigte oder bewusst ignorierte schwarze oder graue Seiten der Papstgeschichte richten und seine Stimme den Opfern päpstlicher Politik und Lehre leihen musste und muss. Die Stimme eines Insiders durchaus, aber nicht die eines vatikanischen Höflings, sondern eines katholischen Theologen und früheren Konzilstheologen, der allen Schwierigkeiten zum Trotz loyal zu seiner kirchlichen Gemeinschaft steht und der erst durch konkrete Reaktionen ganz bestimmter Päpste zu einem, wie manchmal von Zeitgenossen etikettiert, »Leader der loyalen Opposition seiner Heiligkeit« gemacht wurde. 

Für meine »persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse« und deren Verankerung in soliden Argumenten kann ich mich auf frühere Publikationen stützen, vor allem auf die drei umfangreichen Bände meiner »Erinnerungen«, die meine Lebensgeschichte mit der kirchlichen und politischen Zeitgeschichte verknüpfen. In jedem der Bände ist selbstverständlich von den Päpsten, mit denen ich es in meinem Leben zu tun hatte, immer wieder die Rede. Doch in diesem kleinen Buch hier fasse ich die zerstreuten biografischen Erinnerungen und strukturellen Erwägungen zusammen und biete für jeden einzelnen Papst eine zusammenhängende Geschichte. So gesehen geht es auch hier nicht – ganz so, wie ich es in meinen Abschiedsreden ankündigte – um ein wirklich neues Opus, aber doch um ein neues Opusculum, das dem Leser, so hoffe ich, eine fortlaufende, spannende Lektüre der jüngsten Papstgeschichte zu bieten vermag. 

Bei dieser Erzählung ist mir natürlich bewusst, dass die sieben Päpste unserer Zeit eine einzigartige, rund zweitausendjährige Tradition hinter sich haben. Auch wenn der Primat des römischen Bischofs in seiner Anfangsphase und späteren Begründung mit vielen exegetischen und historischen Fragezeichen versehen werden muss, kommt dem Papsttum doch unbestreitbar ein solch religiöses und weltpolitisches Gewicht zu, dass es auch im 21. Jahrhundert ernst genommen zu werden verdient. Andererseits muss auch jeder informierte und redliche Katholik zugeben, dass in dieser Reihe von nach offizieller Zählung 268 »Heiligen Vätern« – etwa im 10. oder 16. Jahrhundert – einige höchst unheilige, unmoralische, ja, verbrecherische Gestalten auszumachen sind. Diese Erinnerung lässt uns Menschliches, Allzumenschliches auch bei Päpsten des 20. und 21. Jahrhunderts erwarten.

Damit ist nun genügend deutlich gemacht: Dieses Buch bietet selbst bei (von Päpsten!) heiliggesprochenen Päpsten keine Hagiografie. Von einem kritischen Wissenschaftler darf man auf argumentativ begründete sowie an der Historie und dem Evangelium geschärfte Urteile hoffen, die nicht mit oberflächlichem und moralisierendem Aburteilen zu verwechseln sind. Die Urteilskriterien können sehr verschiedenartig (politisch, literarisch, kunsthistorisch, philosophisch …), aber doch nicht einfach beliebig sein. Für Christen, und auch für christliche Kirchenhistoriker, muss das letztlich ausschlaggebende Kriterium die Christlichkeit eines Papstes sein. Und diese wird gemessen an den christlichen Urintentionen, letztlich an dem Christus Jesus selber, wie er in den neutestamentlichen Schriften mit einem unverwechselbaren Profil bezeugt ist. Dabei kann zumindest deutlich werden, was klar unchristlich ist und übrigens auch von Nichtchristen oft als solches erkannt wird. Doch auf wahrhaft Menschliches und authentisch Christliches aufmerksam zu machen bereitet dem Verfasser dieses Buches sehr viel mehr Freude, und er hofft, dass auch dies ihm gelingen wird.

Tübingen, im Juni 2015                                                         Hans Küng

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I. Pius XII. – Eugenio Pacelli

»Unser« Papst: Pius XII. 

Dunkle Schatten lägen über der Welt, erklärt uns im Päpstlichen Collegium Germanicum-Hungaricum zu Rom in seiner Tischrede am Tag der üblichen Priesterweihe 1948 der neue Apostolische Visitator für Deutschland, Alois Muench, Bischof von Fargo/USA. Aber niemals habe der Fels Petri so unerschüttert gestanden wie gerade heute. Was dies beweise? Es beweise die große Anhänglichkeit und Anerkennung, die dem Heiligen Vater von allen Seiten entgegengebracht werde. Mit Ergriffenheit hören wir Alumni sein Glückwunschtelegramm für unsere Neupriester, unterzeichnet von Giovanni Battista Montini, Substitut, dem wichtigsten Mann des Staatssekretariats. 

Für unsere geistige Formung im Germanikum ist die Ergebenheit gegenüber dem Papst von kapitaler Bedeutung. Ich bin mit meinen 20 Jahren erst wenige Tage in Rom, da fahren wir »Erstjährigen« zusammen mit den Neupriestern und ihren Angehörigen in die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo, um dort von Pius XII. persönlich empfangen zu werden. Es ist der 13. Oktober 1948. Ein großes Erlebnis, keine Frage. Selbst Protestanten und Sozialdemokraten damals sind von diesem Papst begeistert. Eine hohe, schlanke Gestalt, ein vergeistigtes Gesicht, sprechende Hände. Mit seiner perfekten Gestik, seinen Sprachkenntnissen, seiner Rhetorik, seiner klassischen Bildung erscheint Pius XII. allgemein als Idealbild eines Papstes schlechthin.

Für uns Deutschsprachige ist er überdies »der Papst der Deutschen«: ausgesprochen germanophil vor, während und nach der Nazizeit. Seit seiner Zeit als Nuntius in Deutschland ist er von einer fast gleichaltrigen, fähigen deutschen Ordensfrau, seiner höchst einflussreichen Vertrauten »Madre« Pasqualina Lehnert, betreut und von deutschen Mit- oder Zuarbeitern umgeben, zumeist Jesuiten, die unsere Professoren an der Päpstlichen Universität Gregoriana sind. 

Noch wird in dieser Zeit keine öffentliche Kritik an Pacellis hochdiplomatischer »Judenpolitik« laut, noch ist seine diktatorische »Innenpolitik« nicht ruchbar geworden. Er erscheint als der »Pastor angelicus« – so lautet der Sinnspruch in der »Prophezeiung« des irischen Bischofs Malachias für ihn, den 106. Papst. Bis zum Weltende sollen es insgesamt 111 Päpste sein; bald werden wir in der Basilika von San Paolo fuori le mura die 111 Medaillons mit den Papstportraits (damals noch fünf leere) samt ihren Sinnsprüchen bestaunen. Inzwischen wissen wir freilich: diese »Prophezeiung« ist eine Fälschung aus dem Jahr 1590. Viele glauben trotzdem an sie.

Wichtig für uns auch: Eugenio Pacelli ist unverkennbar ein Sympathisant unseres Kollegs. Als Nuntius in München und Berlin hatte er die Konkordate des Vatikans mit Bayern und Preußen abschließen können. Kaum war er von Pius XI. zum Kardinalstaatssekretär ernannt, hatte er schon einen offiziellen Besuch im Collegium Germanicum gemacht. Das war am 12. Januar 1933 gewesen. Nicht bekannt ist im Kolleg, dass derselbe Pacelli in diesen Tagen seinen Vertrauten und Vorsitzenden der katholischen Zentrumspartei, Prälat Ludwig Kaas, einen Altgermaniker, zu einer Koalition mit Hitler gedrängt hatte. Am 30. Januar 1933 war Hitler zum Reichskanzler ernannt worden, und bereits am 20. Juli desselben Jahres hatte er mit Pacelli das »Reichskonkordat« abgeschlossen. Ein unschätzbarer Prestigegewinn für den deutschen Diktator.

Aufschlussreich, was Pacelli damals als Kardinalstaatssekretär im Germanikum erklärt hatte. Die Erfahrungen seiner Mission jenseits der Alpen hätten ihm »die providentielle Bedeutung« des Kollegs in überzeugender und greifbarer Form vor Augen geführt«. Drei Vorzüge habe das römische Studium. Erstens: »Rom macht weltweit! Ohne den Sinn für die Heimat verkümmern zu lassen, gibt die Ewige Stadt Verständnis für den Mitmenschen anderer Länder und Zonen, Ehrfurcht vor seiner Art, Verbundenheit mit ihm durch das wunder-bare Einheitsband derselben Liebe zu Christus und damit auch jene brüderliche Gesinnung, aus der die wahre Völkerversöhnung und der ersehnte Friede ersprießen.« Zweitens: »Rom gibt Liebe zur Kirche und zum Stellvertreter Christi! Nicht als ob diese Liebe dem anderen Klerus der Heimat fehlte. Aber die eigene Erfahrung unterbaut die Festigkeit der Liebe noch stärker und verleiht ihr den köstlichen Beigeschmack der persönlichen Vertrautheit.« Und drittens: »Rom und die Erziehung in diesem Hause schaffen einen hochwertigen Nährboden für späteres priesterliches Wirken!« »Ich glaube«, fährt Pacelli fort, »wir können den Geist Ihres Heims am besten mit zwei Worten bezeichnen: Selbstzucht und Übernatürlichkeit«, und schließt mit dem Satz: »Wenn Priestertum Gnade ist, dann ist der Weg zum Priestertum am Grabe des Felsenmannes unter der segnenden Hand des Papstes doppelte Gnade und doppelte Verantwortung.« Die ganze katholische Rom-Ideologie? Das war sie in nuce. Und die Germaniker applaudierten begeistert.

Freilich: Als am 2. März 1939 auf der Piazza San Pietro weißer Rauch aus der Sixtina aufsteigt, erzählt mir einmal der spätere Augsburger Bischof Stimpfle, rechnen die Germaniker keinesfalls damit, dass derselbe Pacelli zum Papst gewählt werden könnte. Schon immer galten die Kardinalstaatssekretäre als politisch zu exponiert und deshalb als für das Papstamt ungeeignet. Aber als das »Habemus Papam« auf den Namen »Eugenium Pacelli« geht, jubeln die Germaniker noch mehr als alle anderen. Sie wissen schon 1939, was wir Germaniker 1948 erst recht wissen: Dieser Papst ist aufgrund von Werdegang, Ausrichtung und Sympathie in ganz besonderer Weise »unser« Papst. Selbstzucht und Übernatürlichkeit! Pacellis Schlüsselworte werden uns noch beschäftigen.

Und in der Tat werden denn auch nie so viele Germaniker zu Bischöfen ernannt wie unter Pius XII.: von Luxemburg bis Brixen, von Speyer, Freiburg, Eichstätt und München bis Limburg und Würzburg … Der neue Bischof von Würzburg, Julius Döpfner (26. 8. 1913 – 24. 7. 1976), mit dem ich später als dem Kardinal von München und Präsidenten der Deutschen Bischofskonferenz zu tun bekomme, besucht uns als Deutschlands jüngster Bischof in unserem ersten Kollegsjahr 1948. Einmalig in der Kollegsgeschichte: Er findet hier noch fünf Alumnen vor, die mit ihm den roten Talar der Germaniker getragen haben und 1939 auf dem Petersplatz dabei waren. Aber während Döpfner vom Kaplan zum Vizeregens des Priesterseminars und schließlich zum Bischof avancierte, mussten die anderen, weil in Deutschland zum Militärdienst eingezogen, zuerst hier ihre Studien abschließen, darunter der genannte Josef Stimpfle.

13. Oktober 1948: In Castel Gandolfo sehe ich Pius XII. zum ersten Mal »leibhaftig«, wie er unseren Neupriestern viel Erfolg in ihrem Apostolat und uns »Neorubri« (neu im roten Talar) Mut und Ausdauer im Studium wünscht. Ist es nicht erhebend, den Summus Pontifex so ganz nah zu erleben und seine Sympathie zu erfahren? Mit dem Apostolischen Segen versehen, fahren wir in froher Stimmung nach Rom zurück, wo nun nach all den Feiern der Ernst des Lebens beginnt. Schon zwei Tage darauf, am 15. Oktober, gehen wir zum ersten Mal an unsere Universität, die Pontificia Universitas Gregoriana, wo vom Rektor in feierlicher Inauguration das neue Schuljahr eröffnet wird. Die Gregoriana wird im Jahr 2001 ihren 450. Geburtstag feiern und 21 Heilige, 10 Päpste und mehr als ein Drittel der gegenwärtigen Kardinäle unter ihren früheren Studenten zählen.

Dem Papst ganz nahe

1950 ist in Rom ein besonderes, ein »heiliges« Jahr! Zum ersten Mal können zahllose deutsche Pilger nach Rom kommen. Großer Bedarf an Pilgerführern – warum nicht auch Germaniker? Dies ist das Argument von Don Carlo Bayer, Altgermaniker, Leiter des deutschen Pilgerkomitees in Rom. Der Rektor stimmt zu. Und bald sind wir, weil in unseren wehenden roten Soutanen überall leicht sichtbar, unter Pilgern und Pilgerinnen besonders beliebt. Wir sind ja auch keine gewöhnlichen Touristenführer, sondern junge Theologen, die den Menschen neben äußeren Daten und Fakten den inneren Geist der traditionellen Stätten des Christentums zu vermitteln trachten. Außer der willkommenen Tagesvergütung erhalten wir von unserer Pilgergruppe am Ende jeweils eine respektable Summe Trinkgeld. Ich deponiere das Geld vorschriftsgemäß beim P. Minister, um so etwas Kapital anzusammeln für die Rückreise in den Heimaturlaub nach drei Jahren, wofür ich schon früh einen größeren Umweg über Wien plane. 

Der Höhepunkt der Romfahrt ist für die meisten Pilger die Papstaudienz, jetzt wegen der großen Scharen meist in der Peterskirche. Meine Gruppen zeigen sich dort jeweils nicht wenig erstaunt, wenn sie ihren Pilgerführer plötzlich vorn neben dem Papstthron vor der grandiosen Confessio Berninis stehen sehen. Ich weiß nicht mehr, wer mich da zuerst durch die hinteren Eingänge in die Basilika geführt hat, damit ich als Sprecher der Deutschsprachigen das »Vater unser« vorbete und »Großer Gott, wir loben Dich« anstimme. Jedenfalls sehe ich so, direkt unter der Kuppel Michelangelos, wie auf einen Schlag die ganze Basilika im Licht erstrahlt und der Summus Pontifex auf der Sedia gestatoria in die Peterskirche getragen wird, wie er absteigt, wie er die Ehrengäste begrüßt, wie er sich von Begeisterten die Hände küssen lässt. Aber auch, wie er anschließend zur Confessio kommt und sich neben mir vom Leibarzt seine Hände desinfizieren lässt. Verständlich und menschlich. Unser Mikrofon wird jetzt direkt vor seinen Thron gestellt. Von dort aus hält er seine offizielle Begrüßung und eine Ansprache. Abgeschlossen alles mit dem feierlichen Apostolischen Segen. Natürlich schreibe ich mit Freuden nach Hause, wie nahe ich schon dem »Heiligen Vater« gekommen bin.

Ein anderer Germaniker hat nicht dasselbe Glück. Wir führen nämlich vorwiegend die besonders zahlreichen Frauen- und Mädchengruppen durch Rom; noch heute habe ich Spaß an den mir damals zugesandten hübschen Fotos. Selbstverständlich bleiben jene Roten, die nicht wie ich einen Platz an der Confessio haben, auch in Sankt Peter inmitten ihrer Gruppen. Dies aber gefällt dem Heiligen Vater gar nicht. Und wie sein Vorgänger Pius X. ins Kolleg telefonieren ließ, weil er von seinem Fenster aus auf dem Petersplatz einen »Roten« allein sah (statt vorschriftsmäßig mindestens zu zweit), so winkt eines Tages Pius XII. von seinem Thron aus mit großer Geste einen Germaniker aus seiner Mädchenschar heraus. Offensichtlich sieht der Papst hier des Priesteramtskandidaten »Selbstzucht« in Gefahr. Ja, er wartet mit der Ansprache, bis der Arme, jetzt auch der Kopf hochrot, ganz vorn, von seiner Gruppe getrennt, Aufstellung genommen hat.

Doch dies genügt dem Pastor Angelicus nicht. Prompt lässt er durch seinen Privatsekretär, P. Robert Leiber SJ, unseren Rektor wissen, Seine Heiligkeit wünsche nicht, dass Germaniker Frauen- oder Mädchengruppen führen. Wir sind perplex. Große Diskussion. Doch dem »Wunsch« des Papstes wird selbstverständlich Folge geleistet. In der zweiten Jahreshälfte können wir nur noch wenige Pilger führen. Ich finde dies völlig unverständlich und frage unseren Exerzitienmeister P. Johannes Hirschmann aus Frankfurt/St. Georgen, einen bekannten Moraltheologen. Dieser öffnet mir für alle Zukunft die Augen mit der entwaffnenden Erklärung: Auch Päpste seien nun einmal vor »Sexualkomplexen« nicht gefeit. »Selbstzucht« kann also auch innere Unfreiheit bedeuten.

Doch auch vonseiten der Kollegsleitung hat man Angst, die stramme Kollegsdisziplin könne unter den Pilgerführungen leiden. Jedenfalls erklärt uns eines Abends der Präfekt der Philosophenkammer, Josef Stimpfle, bei der abendlichen Ankündigung – diese macht immer der »oberste« Germaniker in der Selbstverwaltung des Kollegs – vor dem Silentium religiosum tiefernst: Er habe heute in der Stadt einen Mitbruder gesehen, »einfach so, einfach so«. Und mit strenger Miene streicht er mit seinen Händen von oben nach unten über seinen Talar, wie wenn dieser Mitbruder nackt durch Roms Straßen gegangen wäre. Doch das »einfach so« – es wurde unter uns sprichwörtlich – bezieht sich lediglich darauf, dass jener Mitbruder in der römischen Bruthitze ohne die fußlange rote Scholastika, einfach so nur im roten Talar, durch die Stadt gegangen war. Was draußen keinem Menschen auffällt, kann die innerkirchliche Ordnung ernsthaft erschüttern. Einfach so.

Alle Pilgerführer erhalten nach dem Heiligen Jahr 1950, vom Kölner Kardinal Frings überreicht, eine bronzene Verdienstmedaille am grünen Ordensband. Neben Kardinal Valerio Valeri steht auch der neu kreierte Kardinal von München, der Germaniker Joseph Wendel. Eine volle Woche erleben wir von ganz nah, welche höfischen Zeremonien fällig sind, wenn der Papst einen seiner »Söhne« (Kardinäle sind ganz und gar »Kreaturen« des Papstes, während Bischöfe als seine »Brüder« zu respektieren sind) installiert: Überbringung des Ernennungsbigliettos, »Visite di calore« der Kardinäle und des diplomatischen Corps, Festbankett, eine heilige Aufregung, alles bei uns im Kolleg. Dann im Vatikan halböffentliches Konsistorium, gefolgt vom öffentlichen Konsistorium, schließlich die Besitzergreifung der römischen Titelkirche Santa Maria Nuova. SCV ist auf den Limousinen die Abkürzung für »Stato e Città del Vaticano« – von den spöttischen Römern übersetzt mit »Se Cristo vedesse – Wenn dies Christus gesehen hätte«. In der Tat: Was hat dies alles mit Jesus Christus zu tun?

[...]

12:09 06.08.2015

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