Blut und Boden

Leseprobe "Außerhalb der Grenze ist Krieg unvermeidlich, denn Bosnien-Herzegowina wird als Staat nicht überleben können, und ein Kampf um dieses Territorium ohne Blut ist schwer vorstellbar."
Blut und Boden
Foto: Matej Divizna/Getty Images

Kriegsziele

»Was ist unser Ziel?«, fragte Generalleutnant Ratko Mladic die Abgeordneten des Parlaments der Republika Srpska, als diese ihn zum Befehlshaber der an diesem Tag konstituierten Armee der bosnisch-serbischen Republik Srpska (Vojska Republike Srpske – VRS) erwählten. Es war der 12. Mai 1992, und der Krieg war noch in seinem Anfangsstadium, doch die bosnisch-serbischen Einheiten hatten ihre bosniakischen und bosnisch-kroatischen Gegner an vielen Orten schon vertrieben, und natürlich war seine Frage nur rhetorisch gemeint. Ratko Mladic beantwortete sie auch gleich selbst: »[...] mein und unser Ziel sollte es sein, einen eigenen Staat zu haben, dort, wo wir unser Zeichen hinterlassen haben, die Gebeine unserer Väter, und das ist das Ziel, für das wir kämpfen müssen; und zu diesem Ziel kommt noch, dass wir ein eigenes Volk sind; und das Dritte: Wir laden jeden ein, dessen Stirn all dies hier berührt hat, an erster Stelle den Serben.«

Hinter dem Pathos des Generals stand die Botschaft: Die bosnischen Serben wollten sich mit Bosniaken und bosnischen Kroaten keinen Staat teilen. Das zeigte auch die Debatte an jenem Tag ganz deutlich. Angesichts der Erfolge auf dem Schlachtfeld war dies sogar nachvollziehbar. Überall im Lande waren sie in der Offensive, und ihren Gegnern gelang es fast nirgendwo, sie auch nur aufzuhalten, geschweige denn zurückzudrängen.

Der Wunsch nach dem eigenen Staat oder gar nach der Vereinigung mit den Krajina-Serben und der Republik Serbien zu einem großen Gesamt-Serbien war schon vor dem Krieg Ziel der bosnisch-serbischen Führung gewesen. Im Februar 1992 hatte die portugiesische EG-Ratspräsidentschaft Verhandlungen zwischen den drei Volksgruppen arrangiert. Noch herrschte Frieden, aber allseits war spürbar, dass dieser brüchige Frieden bald in einen offenen Krieg übergehen könnte. Nach einer dieser Verhandlungsrunden in Lissabon debattierte die Volksvertretung der selbst ernannten Republika Srpska über die beste Taktik für die eigene Sache. Momcilo Krajisnik, Parlamentspräsident und Mitglied der bosnisch-serbischen Delegation bei den Gesprächen, brachte die Angelegenheit auf einen ganz einfachen Entweder-oder-Nenner: »Meine Herren, wir haben zwei Optionen. Eins: Mit politischen Mitteln kämpfen, aus der gegenwärtigen Lage das meiste herausholen, als ersten Schritt; oder die Gespräche abbrechen und das tun, was wir die Jahrhunderte hindurch gemacht haben: Unser Staatsgebiet mit Gewalt holen.«

Für diese zweite Option hatten sie bereits im Voraus über Monate hinweg sukzessiv politische Fakten geschaffen und sich für den Ernstfall militärisch gerüstet.

Zunächst hatte die politische Vertretung der bosnischen Serben, die »Serbische Demokratische Partei« (Srpska demokratska stranka, kurz: sds), im Spätsommer 1991 im Norden und Osten des Landes »Serbische Autonome Regionen« ausgerufen: am 12. September für die Herzegowina; am 16. September für die bosnische Krajina im Nordwesten; am 17. September für die Romanija bei Sarajevo; und schließlich am 19.September für die Region Biracin Ost-Bosnien, die auch Teile der Opcina Srebrenica mit einschloss. Bosnien-Herzegowina war immer noch Teilrepublik der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, aber das kümmerte niemand in der Führung der sds. Man hatte es einfach den »Brüdern und Schwestern« in Kroatien nachgemacht. Dort hatte die Spirale der Gewalt auch mit der Proklamation »Serbisch Autonomer Regionen« begonnen.

Der Wendepunkt, von dem aus es kein Zurück mehr zu geben schien, war dann am 15. Oktober 1991 um zwei Uhr morgens gekommen. Stunde um Stunde hatte das Parlament in Sarajevo über eine Resolution zur Souveränität Bosnien-Herzegowinas debattiert. Die sds-Fraktion der bosnischen Serben lehnte sie ab, alle anderen hielten an der Unabhängigkeit als politischer Option im auseinanderbrechenden Jugoslawien fest.

Radovan Karadzic saß in der ersten Reihe der sds-Fraktion. Er war zwar Parteivorsitzender, aber nicht gewählter Abgeordneter. Trotzdem hatte man ihn an prominenter Stelle platziert, und er durfte sogar das Wort ergreifen. Sein Redebeitrag gipfelte in einer beinahe prophetischen Warnung an die Bosniaken und bosnischen Kroaten:

»Sie wollen Bosnien-Herzegowina auf demselben Weg, den Slowenien und Kroatien gegangen sind, in die Hölle und ins Leid führen. Vertrauen Sie nicht darauf, dass Sie Bosnien vielleicht nicht in die Hölle führen und dass Sie das moslemische Volk nicht in die Auslöschung führen, denn die Moslems können sich nicht verteidigen, wenn es zu einem Krieg kommt. [...] Wie werden Sie verhindern, dass dann jeder in Bosnien-Herzegowina getötet wird?«

Alija Izetbegovic, Vorsitzender der »Partei der Demokratischen Aktion« (kurz: sda) und Vorsitzender des kollektiven Republikpräsidiums erwiderte:

»Seine Worte und sein Benehmen illustrieren, warum andere sich weigern, in diesem Jugoslawien zu bleiben. Niemand sonst will noch ein solches Jugoslawien, wie Herr Karadzic es möchte. Niemand, außer vielleicht den Serben. Ein solches Jugoslawien und ein Benehmen wie das von Karadzic sind bei den Völkern Jugoslawiens verhasst: bei den Slowenen, Kroaten, Mazedoniern, Moslems, Albanern, Ungarn, auch in Europa und der ganzen Welt.

[...]

Als Vorsitzender des Präsidiums von Bosnien-Herzegowina tut es mir leid, dass ich in einer solchen Situation für die Moslems sprechen muss. Ich erkläre feierlich, dass die Moslems niemanden angreifen werden. Ich erkläre jedoch ebenso feierlich, dass sich die Moslems mit Entschlossenheit verteidigen und als Volk überleben werden. Sie werden nicht verschwinden, wie Karadzic sagte. Sie können nicht verschwinden.«

Es war zwei Uhr, als Parlamentspräsident Momcilo Krajisnik die Sitzung für geschlossen erklärte, ohne dass es eine Abstimmung gegeben hatte. Die Fraktion der sds verließ geschlossen den Saal. Es war das letzte Mal, dass sie an einer Sitzung des Republikparlaments teilgenommen hatte. Nach diesem Eklat war nichts mehr so wie zuvor, denn zwischen der politischen Vertretung der bosnischen Serben und jener von Bosniaken und bosnischen Kroaten schienen fortan alle Türen fest verschlossen und verriegelt. Jede Seite ging ihren eigenen Weg.

Zehn Tage nach diesem offenen Bruch versammelten sich in dem Luftkurort Pale in den Bergen über Sarajevo die bosnisch-serbischen Parlamentarier und riefen ihr eigenes Parlament aus, die »Versammlung des serbischen Volkes in Bosnien-Herzegowina«, Srpska Narodna Skupstina u Bosni i Hercegovini. Zu ihren ersten Beschlüssen gehörte der Aufruf zu einer Volksabstimmung über die Frage: »Stimmen Sie mit der Entscheidung der Versammlung des serbischen Volkes in Bosnien-Herzegowina vom 24. Oktober 1991 überein, wonach das serbische Volk in einem gemeinsamen Staat Jugoslawien verbleiben soll zusammen mit Serbien, Montenegro, sao Krajina, sao Slawonien, sao Baranja und westliches Srem und allen anderen, die dies auch wünschen?« Am 9. und 10. November wurde abgestimmt, dem offiziellen Ergebnis nach stimmten 90 Prozent mit Ja, der totale Erfolg für die Führung der sds, die ihre Funktionäre wie für einen Feldzug mobilisiert hatte:

»Ich fordere euch inständig auf, ihr müsst energisch und komplett die Macht übernehmen. [...] Ihr Bürgermeister müsst das machen. [...] Ihr und niemand sonst, denn ihr seid die Vorsitzenden der nationalen Verteidigungsräte, und ihr seid die Kommandanten eurer Städte. [...] Ich bitte euch, seid energisch und streng; seid bereit und stellt in eurem Gebiet die Befehlsgewalt her, in den Gemeindebezirken, in den Regionen, in den örtlichen Gemeinden, und bereitet euch selbst auf die Umstrukturierung und Regionalisierung der Gemeindebezirke vor. [...] Während und nach dem Plebiszit ist es wichtig, dass ihr die Macht übernehmt, wo ihr könnt. [...] Wenn ihr euch die Landkarte anschaut, wir haben in Bosnien-Herzegowina ein großes Gebiet, ein großes Gebiet.«

Die Sprache des Kriegers. Und so war sie auch zu verstehen. Zuvor schon hatte die Leitung der sds in Sarajevo eine »Anordnung«, Naredba, an die serbischen Bürgermeister geschickt:

»1. Sofort örtliche Kommandos bilden und feste Dienstzeiten festlegen!
2. Totalmobilisierung der Territorialverteidigung herstellen! 3. Einheiten für die Front bilden und deren Reserven festlegen!
4. Alle Männer unter 40 Jahren aus Zivilschutz in Territorialverteidigung überführen; zusätzlich Territorialverteidigung dem Korps als Kampfeinheit unterstellen!
5. In öffentlichen Betrieben, Post, öffentlichen Finanzkontrollabteilungen, Banken, Gerichten und den obligatorischen Informationsträgern die Macht übernehmen!
6. In Radiostationen das Programmschema für den Kriegsfall anordnen!«

Aktion, Reaktion und Gegenreaktion lösten einander immer schneller ab. Die Regierung in Sarajevo stellte bei der Europäischen Gemeinschaft Antrag auf diplomatische Anerkennung – die bosnischen Serben antworteten mit der Ausrufung der »Republik des serbischen Volkes in Bosnien-Herzegowina«, Republika srpskog naroda u Bosni i Hercegovini, aus der wenige Monate später die »Serbische Republik«, Republika Srpska, ohne den Zusatz »in Bosnien-Herzegowina« wurde.

Für die serbische Führung in Belgrad war schon lange klar, dass es in Bosnien-Herzegowina zum Krieg kommen würde. Bereits am 26. März 1990, als es noch gar keine sds und keine sda gab und Bosnien-Herzegowina noch ein scheinbar untrennbarer Bestandteil der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien war, hielt Borisav Jovic, Vertreter Serbiens im kollektiven Staatspräsiums Jugoslawiens, in seinem Tagebuch als gemeinsame Überlegung der gesamten politischen Führung der Republik Serbien fest: »Unser Ziel ist es, Blutvergießen zu vermeiden, eine Grenze zu errichten, innerhalb derer es keinen Krieg geben wird. Außerhalb der Grenze ist Krieg unvermeidlich, denn Bosnien-Herzegowina wird als Staat nicht überleben können, und ein Kampf um dieses Territorium ohne Blut ist schwer vorstellbar.«

Auf diesen blutigen Kampf hatten sich die bosnischen Serben mithilfe der serbischen Führungsspitze in Serbien und der Jugoslawischen Volksarmee (kurz: jna) bestens vorbereitet, was ihre späteren fast überfallartig schnellen Siege erklärt. »Der Krieg begann und die jna half, so gut sie konnte, da und dort. Sie hatte schon zuvor geholfen«, frohlockte noch Jahre später Radovan Karadzic im Parlament der bosnischen Serben. »Dank der jna wurden Waffen ausgegeben. Was abgezogen werden konnte, wurde abgezogen und an die Leute in den serbischen Gebieten verteilt.«

[...]

10:02 16.07.2015

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