Innen und Außen

Leseprobe "Ich aber fühle mich wunderbar beflügelt und vollkommen. Sie sagen, wegen ihrer schadhaften Zähne vermeiden Bulimiker es zu lächeln. Quatsch. Dass ich nicht lache. 14 Jahre, und ich bin immer noch hier."
Innen und Außen
Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images

Mein erstes Mal war anders. Ich hatte geglaubt, es würde schrecklich, schwierig, schmutzig und schleimig sein. Ich hatte geglaubt, es würde Blut kommen und der Magen würde mir fürchterlich wehtun. Ich hatte geglaubt, ich würde niemals so weit kommen, ich würde es nicht können, nicht wollen, aber als die Geräusche meiner knisternden Bauchdecke an mein Ohr drangen, traf mein Körper für mich die Entscheidung. Es gab keine Alternative. Es war himmlisch. Die Flamme des Feuerzeugs beleuchtete meine ruhigen, glänzenden Augen. Meine erste Zigarette nach meinem ersten Mal. Auch sie war himmlisch. Alles war himmlisch. Das Einzige, was man mir ansah, waren Zufriedenheit und Triumph. Meine Stimme klang vielleicht etwas sandig oder gebrochen, aber: na und? Und ich wusste, es würde ein zweites Mal geben. Ein drittes. Ein hundertstes. Natürlich geht es nicht allen so. Bei manchen bleibt das erste Mal auch das letzte, aber nicht bei denen, die darin und dafür gut sind. Ich war sofort gut darin.

Ich hatte geglaubt, es würde schrecklich, schwierig, schmutzig und schleimig sein. Ich hatte geglaubt, es würde Blut kommen und der Magen würde mir fürchterlich wehtun. Ich hatte geglaubt, ich würde niemals so weit kommen, ich würde es nicht können, nicht wollen, aber als die Geräusche meiner knisternden Bauchdecke an mein Ohr drangen, traf mein Körper für mich die Entscheidung. Es gab keine Alternative. Es war himmlisch. Die Flamme des Feuerzeugs beleuchtete meine ruhigen, glänzenden Augen. Meine erste Zigarette nach meinem ersten Mal. Auch sie war himmlisch. Alles war himmlisch. Das Einzige, was man mir ansah, waren Zufriedenheit und Triumph. Meine Stimme klang vielleicht etwas sandig oder gebrochen, aber: na und? Und ich wusste, es würde ein zweites Mal geben. Ein drittes. Ein hundertstes. Natürlich geht es nicht allen so. Bei manchen bleibt das erste Mal auch das letzte, aber nicht bei denen, die darin und dafür gut sind. Ich war sofort gut darin.

Aus Unerfahrenheit erbrach ich mich allerdings beim ersten Mal ins Waschbecken. Auch beim zweiten Mal noch. Vielleicht hatte die Kloschüssel etwas zu Ordinäres, Demütigendes. Vor dem Waschbecken braucht man zwar nicht zu knien, aber man muss ständig aufpassen, dass der Abfluss nicht verstopft. Wie schafft man das zum Beispiel auf dem Dorf? Wenn das Erbrochene im Waschbecken steht, man den Abfluss überhaupt nicht freibekommt und nichts da ist, womit man die Pampe herausschöpfen könnte? Zwar gibt es in Badezimmern meistens Zahnputzbecher, aber es ist ziemlich schwierig, sie wieder sauber zu kriegen, ohne dass Spuren bleiben, denn den Geschmack von Seife oder Reinigungsemulsion bemerkt der Benutzer des Bechers, und der Geruch nach Erbrochenem geht trotzdem nicht weg. Eine Dusche ist natürlich gut, sie dämpft das Geräusch, und das Sieb über dem Abfluss bekommt man meistens heraus. Aber man kann nicht ständig in die Dusche gehen. Auf die Toilette dagegen schon. Es ist ganz normal, sich die Nase zu pudern. Und alle verstehen, dass es bei Frauen auf der Toilette immer etwas länger dauert; normalerweise muss man sich also nicht übermäßig beeilen, sondern hat genug Zeit, alles herauszuwürgen und sich gründlich zu säubern.

Ich bin vierzehn Jahre lang gut darin gewesen, und niemand hat es bemerkt, wenn ich es nicht selbst erzählt habe. Dennoch will niemand kapieren, was ich erzählt habe. Und wer es kapiert, steht der Sache hilflos gegenüber. So mächtig ist mein Herr und Schöpfer, und so genehm bin ich meinem Herrn, in dessen starker Umarmung mein Frauenfleisch erblüht, wenn ich meinem Herrn nur gehorche und ihn respektiere. Dann gibt mein Herr mir das, was ich will, einen vollkommenen Frauenkörper, der vollkommen ist für mich, vollkommen für meinen Herrn und vollkommen für die Welt. Und ein vollkommener Frauenkörper macht aus mir eine vollkommene Frau. Eine gute Frau. Eine begehrenswerte Frau. Eine kluge und beneidenswerte Frau. Eine, der man nachschaut. Eine, die man bewundert. Beauty hurts, baby.

1971

Katariina kommt zum ersten Treffen über eine halbe Stunde zu spät, aber sie wird trotzdem erwartet. Ein finnischer Mann erwartet sie. Der bei der Tanzveranstaltung letzte Woche ihre ablehnenden Antworten nicht akzeptiert hat, sondern sie so oft aufforderte, bis Katariina nicht mehr anders konnte, als einzuwilligen. Der Mann fragte auf Finnisch nur, warum nicht, und Katariina war sich nicht sicher, wie der Mann ihre Antwort verstehen würde, dass sie jetzt wirklich keine Lust habe zu tanzen, sie sei müde und nur mitgegangen, um ihrer Freundin Gesellschaft zu leisten, denn die hatte das so sehr gewollt und steif und fest behauptet, Katariina könne Spaß haben im Rae, ja, wirklich, jetzt kommst du mit! Dort hatte sich dann herausgestellt, dass das Rae kein Café war, wie sie angenommen hatten, sondern ein Restaurant, und anständige Mädchen gingen nicht ohne männliche Begleitung ins Restaurant. Nachdem der Oberkellner den Irrtum der Mädchen bedauert hatte, vertrieb er sie jedoch nicht, sondern führte sie an einen geeigneten, unauffälligen Platz und kam später ab und zu nachsehen, ob alles in Ordnung war. Umso mehr Grund hatte Katariina, den Tänzer abzuweisen. Sie wollte wirklich nicht tanzen.

Aber der Finne hatte Katariina nochmals aufgefordert, sagte nach dem ersten Tanz Danke, führte Katariina an ihren Tisch, dann zurück auf die Tanzfläche, wollte immer noch einen und noch einen Tanz, und Katariina bekam am Ende des Stücks noch mehr Dankeschöns auf Finnisch. Kiitos, danke, war das erste finnische Wort, das Katariina lernte. In Eile und leicht verschwitzt setzt sich Katariina an den Tisch des wartenden Finnen und sagt, sie möchte einen Kaffee mit Kognak. Der Finne ist überhaupt nicht verärgert wegen Katariinas Verspätung, aber ist er verärgert, weil Katariina nur einen Augenblick Zeit hat. Als Katariina in ihrer Handtasche kramt und überlegt, wie sie es ihm höflich und freundlich sagen soll, fallen ihr zwei wegen ihrer Öligkeit in Zeitungspapier gewickelte Wasserhähne und eine Türklinke aus der Handtasche, und die beschleunigen ihre Erklärung, nach der die Miene des Finnen verlangt: warum aus der Handtasche einer jungen Frau im Minirock Baumaterialien fallen, die der Dame während des Rendezvous Hände und Kleider beschmutzen.

Katariina erzählt, sie sei unterwegs, um gegen diese Hähne und die Klinke Teile für ein Rohrsystem einzutauschen, die auf Katariinas Baustelle benötigt werden. Auf Katariinas Baustelle? Ja, Katariina ist Bauleiterin. Hatte sie das nicht erzählt, als der Finne gesagt hatte, er arbeite auf der Baustelle des Hotels Viru? Katariina liest von der Miene des Finnen ab, dass er ihr ohne die Hähne und Türklinken nicht glauben würde. Katariina findet das ärgerlich, sie wirft den Kopf zurück und erklärt, sie müsse jetzt los, um den Tauschhandel abzuwickeln. Und zwar in das Restaurant, das gegenüber auf der anderen Straßenseite liegt. Der Ingenieur aus der anderen Firma erwartet Katariina dort mit einem Einkaufsnetz voller Flansche. Im Übrigen habe sie dieses Lokal für das Treffen mit dem Finnen nur deshalb gewählt, weil es so passend am Weg liegt. Möglicherweise könne eine Frau in Finnland nicht als Bauleiterin arbeiten, aber in Katariinas Land gehe das.

Aber dafür gibt es hier keine Kaffeepausen, lacht der Finne. Kaffeepausen? Der Finne verspricht, von den Kaffeepausen zu erzählen, wenn Katariina sich wieder hinsetzt und ihren Kognak trinkt. Katariina setzt sich auf den Stuhlrand. Die Kaffeepause ist eine vorgeschriebene Viertelstunde für das Kaffeetrinken. Das findet Katariina seltsam. Warum muss es eine vorgeschriebene Viertelstunde für das Kaffeetrinken geben? Und warum wird samstags gearbeitet? Von der Baustelle des Hotels Viru hat Katariina schon gehört, mit dem ersten großen Kooperationsprojekt von Estland und Finnland hat sich der Ruf der finnischen Arbeiter in der ganzen Stadt verbreitet. Es hat kein schlechtes Wort über die finnischen Arbeitskräfte gegeben, mit den Männern aus dem eigenen Land dagegen würde man das Hotel wohl niemals fertig bekommen. Angeblich tun die Finnen sofort das, was nötig ist, sie tun es gut und sorgfältig, es verschwindet kein Material, das Gebaute fällt am nächsten Tag nicht in sich zusammen, es ist, als hätten sie sieben Arme und sieben Beine, und an den Blaumännern gibt es Taschen und Schlaufen für Werkzeug, sodass der Arbeiter nicht jedes Mal etwas holen muss. Die Finnen sind etwas ganz anderes als die langsamen und auch alltags schnapsnasigen Arbeiter ihres eigenen Landes mit ihren plumpen Wattejacken, in denen man sich nur langsam bewegen kann.

Katariina geht nicht in das Restaurant, in dem sie den Tauschhandel abwickeln sollte, sie kann die Flansche auch morgen noch gegen die Wasserhähne eintauschen oder eine Erklärung dafür finden, warum Teile fehlen. Die Arbeitslosigkeit in Finnland ist gar nicht so hoch wie behauptet, obwohl das so ein schlimmes kapitalistisches Land, ein Kapland, ist. Außerdem treibt der Finne Sport, Schwimmen und Skilaufen. Von den Feinden der guten Sozländer, den Kapländern, hätte man gar nicht geglaubt, dass die Jugendlichen dort Spaß haben, sich frei sportlich betätigen können und keine Zwangsarbeit leisten müssen. Dass sie Grund haben, zu lachen und zu lächeln.

Katariina ihrerseits muss dem Finnen versichern, dass der Schulunterricht nicht in russischer Sprache abgehalten wurde. Ja, ja, hier gibt es Unterricht auf Estnisch, tatsächlich! Und ja, es besteht Arbeitszwang, man kann nicht arbeitslos sein, es gibt gar keine Arbeitslosen. Katariina kramt aus der Handtasche ihr Arbeitsbuch hervor und zeigt es dem Finnen: So eines hat jeder, man bekommt es schon in der Schule während des ersten Praktikums, dann wird dort vermerkt, wo man arbeitet, und wenn man in die Schule zurückkehrt, wird dort vermerkt, dass man zur Schule geht. Wenn man von der Schule ins Arbeitsleben wechselt, werden im Arbeitsbuch der Name der Firma, die Berufsbezeichnung und das Datum des Arbeitsbeginns eingetragen. Wenn man die Stelle verlässt, wird auch das ins Arbeitsbuch eingetragen. In den Angaben darf es keine Lücken geben.

Von Arbeitslosengeld wiederum hat Katariina noch nie etwas gehört. Nein, so etwas gibt es nicht, nein, also wirklich nicht, da es ja auch keine Arbeitslosen gibt. Was der Finne daran unbegreiflich finde? Unbegreiflich sei, dass man im Urlaub nach Finnland fährt und dass der Lohn am Zahltag auf ein Bankkonto geht und einem nicht in Scheinen auf die Hand geblättert wird so wie hier. Der Finne wird allmählich interessant, und Katariina möchte ihn vielleicht wiedersehen. Sie beäugt den Mann. Er ist etwa gleichaltrig, korrekt gekleidet, riecht sauber und auch sonst gut. Ja, Katariina möchte ihn wiedersehen. Also, sonst arbeitet man ständig, nur nicht in den »Kaffeepausen«? Und warum wird samstags nicht gearbeitet?

Ich gehe nur zur Toilette. Und mein Hüftumfang beträgt dreiundneunzig Zentimeter. Das rosa Maßband wiegt nur ein paar Gramm. Es passt in jede Tasche, in die Handtasche, ins Portemonnaie, man kann damit auch die Haare zusammenbinden, man kann es sich wie ein Armband um das Handgelenk oder als Ring um den Finger wickeln, man kann es herumwirbeln lassen, und es hat eine beruhigende Wirkung, wie übrigens auch Rosenkränze. Ich geh mir nur die Nase pudern. Mein Hüftumfang beträgt zweiundneunzig Zentimeter. Verzeihung, wo ist hier die Damentoilette? Zweiundneunzig Zentimeter. Raucht ihr ruhig eure Zigarette, ich geh inzwischen auf die Toilette. Immer noch zweiundneunzig Zentimeter. Liebling, vor der Toilette war eine fürchterliche Schlange, es hat unheimlich lange gedauert. Einundneunzig Zentimeter.

Ich mag jetzt nicht, Mutter ... Ach, du gehst aus? Bist du den ganzen Abend weg? Und Papa kommt auch nicht nach Hause? Dreiundneunzig Zentimeter. Natürlich esse ich den Teller leer, Mutter. Dreiundneunzig Zentimeter ... bilde dir doch nichts ein; wenn ich lange genug in dem Essen herumgestochert habe, geht Mutter, und ich kratze sofort alles vom Teller in den Mülleimer oder in eine Plastiktüte. Ja, genau, wir feiern Kindergeburtstag, ich muss für ein paar Dutzend Gören Kekse kaufen.

Einundneunzig Zentimeter. Tausendmal wiederhole ich: Danke. Nein danke, nicht jetzt, ich hab schon gegessen. Ich könnte später essen. Neunzig Zentimeter? Ich verspreche ich verspreche ich verspreche, es zu essen, Liebling. Zweiundneunzig Zentimeter. Ich hab heute schon mehrmals gegessen. Ich hab wirklich schon mehrmals gegessen. Ich hab schon gegessen. Ich hab schon in der Schule gegessen. Ich hab schon bei Oma gegessen. Ich hab schon zu Hause gegessen. Ich hab schon bei Irene gegessen. Ich hab schon in der Schule und bei Irene und zu Hause gegessen. Ich hab wirklich schon gegessen. Und echt genug! Natürlich! ... ja, bestimmt. Das mag glauben, wer will.

1971

Das zweite finnische Wort, das Katariina lernt, ist Mittwoch, weil sie das erste Treffen für Mittwoch verabredeten und die Festlegung des Tages einige Zeit erforderte. Mithilfe des Taschenkalenders stellten sie sicher, dass sie auch wirklich denselben Tag meinten. Kolmapäev, der dritte Tag, ist also Mittwoch, der Tag in der Mitte der Woche. Bald kauft Katariina ein finnisch-estnisches Konversationslexikon, und der Finne liest ihr bei seinem ersten Besuch laut daraus vor. Das finnische S ist komisch, so breit und schlapp. Und das Wort älä ist unmöglich, weil es auf Estnisch ära heißt und älä sich wie die Sprache eines Kindes anhört, das einen Sprachfehler hat und noch kein R sprechen kann. Zu den ersten Wörtern, die nicht im Wörterbuch stehen, gehört »Käsestrumpf«. Im Estnischen gibt es kein eigenes Wort für die Strümpfe von Männern, die den ganzen Tag auf den Beinen waren.

Warum kann Katariina sich nicht daran erinnern, dass die Füße eines Landsmannes besonders stark rochen oder dass jemand sich Sorgen machte, weil er die Strümpfe nicht gewechselt hatte? Hugo, ihr früherer Freund, hätte das doch irgendwie kommentieren müssen. Hugo besaß nicht sehr viele Paar Strümpfe. Und er hat sie bestimmt nicht jeden Tag gewechselt. Kann es sein, dass die Füße eines estnischen Mannes weniger schwitzen als die eines Finnen oder dass sein Schweiß weniger stark riecht?

In den Büchern wird behauptet, dass meine Ohrspeicheldrüsen so stark anschwellen werden, dass ich aussehe wie ein Hamster. Aber A. Hukka nennt mich Katze. Kleine Katze. In den Büchern heißt es, ich würde mich nach dem Erbrechen unattraktiv und deprimiert fühlen. Ich aber fühle mich wunderbar beflügelt und vollkommen. In den Büchern heißt es, der Schmelz meiner Zähne würde zerstört. Sie aber strahlen makellos in meinem Mund, schmerzen vielleicht, das Zahnfleisch hat sich vielleicht ein wenig zurückgezogen, aber sonst gibt es nichts daran auszusetzen. Sie sagen, wegen ihrer schadhaften Schneidezähne vermeiden Bulimiker es zu lächeln. Quatsch. Dass ich nicht lache. Vierzehn Jahre, und ich bin immer noch hier. Was sagt ihr Kurpfuscher dazu, die ihr angeblich so gut Bescheid wisst? Was sagen Sie dazu, werte Frau Doktor Joan Gomez, Sie behaupten ja, eine Bulimikerin könne kein Make-up tragen, weil das zu schrecklich aussehen würde. Was sagen Sie, Frau Doktor Gomez, wenn Sie sich mein Gesicht ansehen? Und meine Haare, Joan Gomez, was sagen Sie zu meinen Haaren?

Ich sollte doch ein kahlköpfiges KZ-Mädchen mit undefinierbaren Ausscheidungen und stinkendem Atem sein, zwischen dessen todesgekrümmten Hüftknochen kein Leben mehr entspringt, und auch das Herz pumpt kein Blut, sondern Kalorien. Wie direkt aus Workuta! Ich müsste ein Bild abgeben, wie die Künstler es vor ihrem Tod von sich selbst malen, verschwommene Gesichtszüge, tief in den Höhlen liegende Augen, Schädelknochen, die durch die Kopfhaut schimmern. Mein Mund müsste dieselben Worte sprechen, die die Schriftsteller in ihren letzten Tagen schreiben, meine Hand müsste eine ebenso verschwommene und schließlich auf ein so winziges Format zusammengeschnurrte Schrift produzieren, dass sie fast nur noch eine gerade Linie bildet, wie eine Herzkurve nach dem Herzstillstand. War es nicht so, Peggy Claude-Pierre, war es nicht so, dass eine kaum zu entziffernde Winzigkeit typisch für die Handschrift von Anorektikern ist? Was? So sollte es also sein? Na, dann sagen Sie mir doch mal, warum ich so strahlend und rosig aussehe? Warum mein Bauch flach und nicht geschwollen ist, warum er still ist und keine solchen unerfreulichen und peinlichen Geräusche erzeugt, vor denen Sie warnen? Warum werde ich immer zum Tanzen aufgefordert, warum können meine Liebhaber einfach nicht die Finger von mir lassen – stinken meine Küsse denn nicht so nach Erbrochenem, dass es sie in die Flucht schlägt? Wie ist es möglich, dass ich bei den Aufnahmeprüfungen die besten Noten bekomme, obwohl ich während der schriftlichen Prüfung zwischendurch auf die Damentoilette gehe und mich um mich selbst kümmere, indem ich den mitgebrachten Kopenhagener wieder erbreche? Was ist ein kleiner Schwindel, ein trockener Mund im Vergleich zu all dem? Warum sollte ich also auf meinen wunderbaren Geliebten, meinen Schöpfer und Herrn verzichten?

1972

Katariina kann 1680 finnische Wörter. Der Finne lobt Katariinas Finnischkenntnisse.

Auf Omas Kopf kraust eine flechtenartige, schlechte Dauerwelle, die schwammig gewordene Wange ist dem in die weiße Kälte zeigenden Dreifachfenster zugewandt, und es ist, als ließe das Fenster Omas Wange frieren. Sie wirkt weit schafporlinghafter als die dem Zimmer zugewandte Wange. Meine weißen Mädchenwangen müssten schon von derselben grauen Rasse sein, da mein Herr vorzeitiges Altern verursacht, wie hieß das doch gleich? Ach ja, Hypogonadismus. Deshalb müssten Oma und ich gleich aussehen, denn verwandt sind wir nicht miteinander.

Diese Oma mag mich einfach so, sie wohnt immer noch in demselben mehrstöckigen Haus wie wir früher und ist mir seit jener Zeit bekannt. Die Oma, die mit mir verwandt ist, kann kein Verhältnis zu einer Person aufbauen, die von einer Ausländerin abstammt, wie auch sonst niemand aus der typisch finnischen Familie. Meine kleine, tapfere baltische Mutter war tatsächlich die erste Ausländerin, der die Mutter meines Vaters begegnete. Allerdings hatte sie Kontakt zu Kareliern gehabt, als die nach Finnland kamen, und deshalb begann bei ihr jeder zweite Satz damit, wie die Karelier dies und wie die Karelier jenes machten. Wenn Mutter sich einen Kaffee nahm, sagte Oma, auch die Karelier hätten Kaffee getrunken. Wenn Mutter Essen kochte, sagte Oma, auch das Essen der Karelier habe eigentümlich geschmeckt. Wenn Mutter sich schneuzte, sagte Oma, das hätten auch die Karelier getan. Es dauerte allerdings mehrere Jahre, ehe Mutter begriff, warum im Zusammenhang mit ihrem Tun und Lassen immer von diesen Kareliern die Rede war.

Vielleicht waren die Reden der mit mir verwandten Oma eigentlich ein ungeschickter Annäherungsversuch, vielleicht war sie richtig froh, einen Gesprächsstoff gefunden zu haben, von dem sie meinte, es sei ein gemeinsamer. Vielleicht war sie sich nicht sicher, ob Mutter überhaupt ordentlich Finnisch verstand, da die Oma selbst nicht mal einen anderen Dialekt beherrschte. Vielleicht war es so, aber die Karelier konnte Oma nicht leiden. Wären sie bloß dort geblieben, von wo sie gekommen waren, diese Russkis. Mutter glaubte nicht an die linkisch beteuerte Gutwilligkeit von Omas Absichten und kochte niemals Essen, das typisch finnisch gerochen hätte. Jedenfalls nicht für ihre eigene Schwiegermutter. Nichts Estnisches, aber auch nichts typisch Finnisches, damit die Schwiegermutter ihren Sohn nicht dafür bedauern konnte, dass seine aus dem Ausland geholte Ehefrau eine so jämmerliche Köchin war.

Die Oma, die mich mag, reicht mir einen Apfel, hier hast du, und will etwas aus ihrer Handtasche nehmen. Ich weiß schon, was. Ihre Geldbörse. Das sollte sie nicht tun, warum tut sie das, ich will diesen Apfel nicht mehr, was soll ich damit. Wenn ich Geld in Aussicht habe, was könnte ich davon nicht alles kaufen, so manches, was ich den ganzen Abend und die Nacht hindurch erbrechen könnte, da ich im Moment keinen Pfennig dafür übrig habe. Liebe Oma, leg die Tasche weg, sei so lieb. Aber die Oma ist nicht so lieb, wie man zu mir lieb sein kann, sondern knipst mit einer Hand ihr Portemonnaie auf und hält mir mit der anderen den Apfel hin, den ich nicht nehme, und Oma hebt verwundert den Kopf; warum ich ihn nicht nehme, er ist ein schöner, blanker Apfel, und ich mag doch Äpfel, das weiß Oma, aber Oma weiß nicht, dass ich Äpfel nur deshalb mag, weil ich sie an einem Tag für sichere Lebensmittel ohne Gefahr essen kann.

Dann fragt Oma, was denn los sei, und ich muss den Apfel ganz ganz schnell nehmen, aber nicht zu schnell, nicht verdächtig schnell, sondern so schnell, dass es für Oma aussieht, als wäre ich nur in Gedanken gewesen, als hätte ich den Apfel nur übersehen und als ginge es nicht um irgendein Problem. Dass ich nicht unschlüssig war, nicht nervös wegen irgendetwas, dass ich keine beängstigende Wahl getroffen habe, obwohl genau das der Fall war, in der kleinen Sekunde, als ich auf die Hand wartete, die das Portemonnaie aus der Handtasche nahm. Hätte die Oma mir den Apfel früher gegeben und nicht in Verbindung mit dem Kramen nach der Geldbörse, hätte ich zum Beispiel sagen können, oh je, ich habe meine Verabredung vergessen, jetzt muss ich aber los, noch bevor Oma überhaupt dazu gekommen wäre, ihre Tasche zu suchen, und ich wäre nicht in diese Situation geraten und vor eine Entscheidung gestellt worden, sondern den ganzen Abend, also lange genug, vollkommen entspannt gewesen, um prophezeien zu können, dass die Nacht ruhig sein würde.

Aber Oma versteht so einfache Dinge nicht, und auch nicht, dass man mich nicht in Versuchung führen darf, indem man mir Geld gibt, wenn ich keins habe und weiß, wofür ich es ausgeben werde. Ich hätte schon weglaufen, mir irgendetwas ausdenken und fortgehen müssen, aber ich bleibe sitzen und starre auf Omas Hand, die einen glatten Geldschein hervorzieht und ihn mir in die Hand steckt, die ihn in meine Tasche schiebt. In der Tasche spüre ich bis auf die Knochen einen heißen Bereich. Das Papier eines Geldscheins ... ganz glatt. Ich möchte den Apfel wegwerfen, aber das kann ich nicht vor den Augen der Oma tun. Ich muss ihn in den Händen hin und her drehen, bis er Druckstellen bekommt. Und Oma möchte auch noch plaudern. Ich nicke, so als hörte ich zu. In meinen Beinen kribbelt es. Ich muss endlich los. Es ist schon wer weiß wie spät. Gleich schließen die Geschäfte. Dann ist nur noch der Kiosk offen, und dort ist alles teurer. Was für einen Nutzen hätte ein großer Geldschein, wenn ich dafür nicht genug Esswaren kaufen kann. Das wäre unerträglich.

Ich lasse die Beine baumeln, vor und zurück. Ich drücke den Apfel in der Hand. Ich weiß nicht, wohin damit. Er passt nicht in die Tasche, dort ist schon der Geldschein. Ich kann kein einziges Mal abbeißen. Ich habe schon beschlossen, was ich heute Abend tun werde. Deshalb kann ich keinen Apfel essen. Als ich den Geldschein bekam, landete der Apfel auf der Liste der verbotenen Lebensmittel. Er wurde überflüssig. Ich kann ihn heute nicht gebrauchen. Warum soll er mich also in meiner Hand ständig daran erinnern, dass ich nicht hätte bleiben sollen, als die Hand der Oma die Geldbörse suchte?

Oma bildet sich ein, mir zu helfen, da mein Konto ja nun leer ist. Dass ich jetzt alles Notwendige, Kaffee und Zigaretten, Seife und Shampoo, solche Grundnahrungsmittel wie Brot und Butter kaufen kann, die bei anderen tagelang halten, bei mir aber nur eine Stunde. Ich schenke der Oma ein Lächeln, nicke, als säße ich in einer schwingenden Schaukel, um loszukommen, um gehen zu können. Hinaus aus der Tür dort, langsam, gleichsam unbekümmert, entspannt, hinter der Ecke kann ich schon laufen, ich kann noch wer weiß was tun. Aber die Oma spricht immer weiter und wechselt nur langsam die Stellung der Füße.

Der Fußboden quietscht. Ich spiele die Ruhige und Interessierte. Trinke noch eine Tasse Kaffee. Wie schaffe ich es nur, mich zu beherrschen? Ich stelle fest, dass ein unterdrücktes Schlucken ein wirksames Mittel ist, sich auf etwas anderes als die Uhr und den Aufbruch und den die Tasche erhitzenden Geldschein und dessen beruhigende Glätte zu konzentrieren. Endlich knarrt Omas Stuhl auf eine Weise, dass ich weiß, gleich wird sie aufstehen. Ich habe eine halbe Stunde Zeit. Ich bemühe mich, auf dem Weg zum Supermarkt nicht zu rennen. Die Absätze allerdings machen Zeitlupenbewegungen wie in Stummfilmen, kreischen manchmal auf, wenn sie über die Pflastersteine von Helsinki schrappen.

Das gleiche Geräusch erzeugten Mutters Absätze auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt, nicht in der typisch finnischen Kleinstadt meiner Kindheit, wo es außerhalb des Zentrums keine gepflasterten Wege gab ... Wir hatten es eilig, in Tallinn hatten wir es immer eilig, denn die Zeit war begrenzt, und das Erledigen auch der kleinsten Sache erforderte Ewigkeiten, deren Dauer man unmöglich voraussehen konnte, und deshalb mussten wir uns fast im Laufschritt bewegen, aber nicht zu auffällig, wir mussten ebenso rennen wie ich jetzt und die Umgebung im Auge behalten, um zu sehen, ob uns jemand folgte. Sah der Mann dort nicht genauso aus wie derjenige, der in der Kaufhausschlange hinter uns stand? Oder hat der Mann vielleicht nur einen ebensolchen Mantel?, fragte Mutter, und ich war mir der Sache nicht sicher. Das ständige Beobachten war entnervend und auf- regend. Mutter fürchtete sich. Ich konnte das noch nicht. Das war dort normal. Das ist hier normal. Mein normaler Tag.

Ebenso wie damals in Tallinn achte ich jetzt darauf, dass mir keine Bekannten entgegenkommen, die meine Einkaufstour behindern könnten, dass im Laden niemand zu sehen ist, mit dem ich sichere Lebensmittel einkaufen würde und der wüsste, dass sich in meinen Einkaufswagen niemals solche Waren verirren würden. Oder jemand, der erst vor zwei Tagen gesehen hatte, wie ich für meinen Einpersonenhaushalt schon wieder mit krummem Rücken Eier in Familienpackungen und Eispakete schleppte. Gott sei Dank gehört zu meinen Orgienspeisen heute auch anderes als Süßes, und das fällt weniger auf als ein Korb voller Kekse, Schokolade und Puddings. Beinahe wäre ich gestolpert, aber ich mache nur ein paar Hüpfschritte auf einem Bein, ebenso wie Mutter dort irgendwann damals ... Gegen Ende des Jahrzehnts, der Siebzigerjahre, hörte sie auch in Tallinn auf, mit hohen Absätzen durch die Stadt zu gehen. Eine finnische Frau war als Ausländerin und Finnin in Schuhen mit flachen Absätzen glaubhafter.

Zu Turnschuhen ging Mutter jedoch nicht über, vielleicht dachte sie, sie könnte alten Bekannten aus ihrer Studienzeit begegnen. Die Radieschencreme der Gesellschaft schenkte den Finnen aus dem Norden keine Beachtung. Die Radieschencreme, die äußerlich die allerrötesten der roten Parteimitglieder waren! Und innerlich die weißesten Patrioten. Die hatte Mutter verraten, indem sie einen Finnen heiratete. Das war wahrhaftig zu verurteilen, auch wenn Mutter zu den wenigen ihres Studienjahrs gehörte, die sich weigerten, in die Partei einzutreten, und die nicht mitsangen: Es lebe, vom Willen der Völker gegründet, die ein’ge und mächtige Sowjetunion! Der Verachtung, die Mutter seitens der Radieschencreme zu spüren bekam, wollte sie jedoch durch ein so finnisches Attribut wie Turnschuhe nicht noch mehr Nahrung geben. Trugen doch die Finnen auf den Tallinn-Schiffen immer Turnschuhe, die weiß vor Neuheit, aber angeblich ihre eigenen und für den eigenen Gebrauch bestimmt waren – davon mussten die Zöllner überzeugt werden. Mit Turnschuhen an den Füßen warteten die Finnen in der Nähe ihres Hotels oder an der Eingangstür des Hotels Viru darauf, dass irgendein Schwarzhändler kam und nach dem Preis der Schuhe fragte, und dann gingen sie die erhaltenen Rubel versaufen.

Der Wachmann des Selbstbedienungsladens steht schon draußen neben der Tür und raucht, so als wollte er schließen. Ich weiß, dass noch Zeit ist, aber ich spüre den Schrecken bis in die Herzgrube. Was, wenn ich es nicht geschafft hätte? Ich schlüpfe hinein. Meine Atemlosigkeit höre ich im Kopf als ein Rauschen, aber jetzt ist ja alles gut, ich bin schon drin. Niemand wird mich hinauswerfen, bevor ich meine Einkäufe getätigt habe. Ich nehme einen Wagen. Als ich an der Obsttheke vorbeigehe, verlangsamt sich mein Schritt, aber ich bleibe nicht davor stehen wie an den Tagen sicherer Lebensmittel, sondern gehe direkt zu dem dampfenden Brot. Das ist das Wichtigste. Frisches Brot, gerade gebacken, dessen Dampf in der Plastiktüte kondensiert. Die berauschend warmen Flanken des Brotes. Darauf gehört or- dentlich dick Butter, die zu flüssigem Gold schmilzt.

Kurz vor Ladenschluss gibt es kein dampfendes Brot, aber aus meinem Kopf lasse ich den schwindelerregenden Brotdampf nicht verdunsten, noch gibt es im Regal den ein oder anderen Laib, dessen Frische meinen Finger ganz aufsaugt, als ich ihn leicht hineindrücke. Und ich kann das Brot ja zu Hause kurz in den Ofen schieben, um in den Genuss des Dampfes und des Schmelzens der Butter zu kommen. Bis zur letzten Minute wandere ich weiter an den Regalen entlang. Im Lebensmittelgeschäft verbringe ich immer viel Zeit. Ich prüfe neue Produkte. Genieße das. Studiere die Angaben zu den Inhaltsstoffen. Nur will mein Geld nicht für alles reichen. Die neue Hermesetas-Süßstoff-Dose muss ich unter der Tasche im Einkaufswagen vergessen. Dahin schiebe ich auch noch die sonnengetrockneten Tomaten, oder eigentlich kullert die Dose von selbst dorthin. Himmel, wie bin ich doch gut darin! Egal, welcher Aufpasser da steht. Der prüfende Blick. Und die Kasse ist der Zoll. Mit dem Unterschied, dass die Kassiererin des Selbstbedienungsladens lächelt und entgegen der sowjetischen Etikette grüßt.

Die Liste der verbotenen Waren auf dem Zollformular blieb jahrein, jahraus unverändert. Nein, keine Waffen oder Geschosse, keine Antiquitäten, keine Drogen und keine Gerätschaften zu deren Anwendung, keine sowjetischen Lose. Jeden Punkt müssen wir einzeln durchgehen und bei jedem »keine« hinschreiben. Außerdem ist mir bekannt, dass außer den in der Zolldeklaration erwähnten Gegenständen zu verzollende Waren sind: Druckerzeugnisse, Manuskripte, Filme, Schallplatten und Tonbänder, Briefmarken, Erzeugnisse der darstellenden Kunst und dgl., ebenso Pflanzen, Früchte, Samen, lebende Tiere und Vögel sowie rohe Fleischprodukte und Wild. Und wir führen auf der Reise keine Waren zu einem anderen als dem eigenen Bedarf mit. In eigenen Zeilen sind Edelmetalle und Edelsteine anzugeben. Mutter trug jedes Jahr denselben Trauring und dieselben Ohrringe ein, jedes Mal zeigte sie sie dem Zöllner ... hier ist mein Trauring ... Hier sind meine Ohrringe ... Hier ist meine Barschaft ... Vor dem nächsten Zollmann öffnen wir die Kaffeepackungen und die Zahnpastatuben, ein Mann ist dumm genug zu versuchen, Bibeln einzuschmuggeln ... Jedes Mal wird bei der Durchleuchtung meiner Tasche meine Reiselektüre in Form von grauen Streifen sichtbar. Manchmal wird geprüft, was für Bücher das sind, manchmal nicht. Aber der Bibelmann ist so blöd, dass er sich einbildet, er könne den Zoll übertölpeln, indem er die Bibeln in Folie packt, dabei ist die bei der Durchleuchtung noch besser zu sehen. Ein Dummkopf. Einen solchen Fehler würde ich nicht machen. Während Mutter die Zolldeklarationen kritisiert und ihre Taschen in die Durchleuchtung schiebt, beobachte ich das Treiben der Zöllner neben uns und die Taschen der anderen Reisenden.

Mehr als einmal hat jemand meiner Mutter vorgeschlagen, ich könne doch in meiner Tasche dies und jenes transportieren, das kleine Mädchen werde doch von niemandem verdächtigt, niemand werde die kleine Tasche eines kleinen Mädchens kontrollieren, in der sich eine Blockflöte und Fluortabletten befinden, da könnte man doch sonst was drin unterbringen. Aber Mutter willigt nicht ein. Beim ersten Mal schiebe ich in meine Sporttasche rasch noch ein Spielzeug, einen roten Plastikhasen. Mutter hat unzählige Male gemahnt, dass nichts mitkommt, was nicht ganz dringend benötigt wird – die Taschen seien auch so schon schwer genug. Nur solche Dinge, die nach dem Grenzübertritt als Valuta taugen. Für ein Kunststoffhäschen gilt das sicherlich nicht, obwohl ich es unheimlich gern habe, und es auf die Reise mitzunehmen erfordert also einige Schläue und kleine Schliche sowie unschuldige Blicke.

Auf dem Rückweg nach Finnland schiebe ich mir ein im vorigen Jahrhundert gedrucktes baptistisches Gebetbuch unter das Hemd, das ich bei Großmutter auf dem Boden gefunden habe ... ich muss das hinkriegen, ich muss das schaffen ... Und ich lächle dasselbe Lächeln, mein sich nach innen ausbreitendes und schlaues, nach außen unschuldiges, mit dem Erwischtwerden Versteck spielendes Lächeln. Ein Kopf rollt immer, aber es darf nicht der Kopf von Anna oder von Annas Mutter sein. Das Lächeln ist dasselbe wie dann, wenn ich mich nach dem Erbrechen wieder unter die Menschen mische, nur ist es dann ein wenig matter, aber sonst dasselbe ... Es tänzelt innen und sagt ätsch!

08:50 04.10.2012

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