Totgesagt?

Leseprobe "Ein bei der Navy getrimmter Krieger von Bannons Kaliber gibt so schnell nicht auf. Der bleibt auf dem Posten und erscheint manchem stärker denn je: Totgesagte leben länger."
Totgesagt?
Foto: Saul Loeb/AFP/Getty Images

Der Heizer bleibt – Ein Vorwort aus gegebenem Anlass

Die ersten Sterbeglocken läuteten schon. Die Messe schien gesungen. Weltweit feilten Redakteure an ihren Nachrufen und verstiegen sich zu dramatischen Spekulationen. Wird der Fürst der Finsternis abserviert? Ist der Präsident zur Vernunft gekommen und trennt sich von seinem kriegsversessenen Strategen, von dem es heißt, er sei der eigentliche Herr im Weißen Haus, der Schattenpräsident? Auch mich überkamen leise Zweifel, als die Agenturen Anfang April 2017 meldeten, Stephen Bannon werde auf Anordnung Trumps nach nur wenigen Wochen seinen Platz im Nationalen Sicherheitsrat wieder verlieren. Das schien einer demonstrativen Demontage gleichzukommen. Wie lange noch wird sich der offenbar angezählte Chefberater auf seinem Posten halten? Ist »der große Manipulator, der zweitmächtigste Mann der Welt« (»Time Magazine«), kaum dass er antrat, schon wieder am Ende? Es wäre müßig, die Gefährlichkeit eines Einflüsterers zu beschreiben, dessen Stimme gerade verstummt.

Doch aller gegenteiligen Gerüchte zum Trotz: Das Tandem Trump-Bannon fährt weiterhin ungebremst auf Angriff. Es existiert nicht einmal die Spur eines Beweises, dass der vermeintliche Lenker seinen Mitpedalisten aus dem Sattel gehoben hat. Die aufgeregt nach außen getragenen Konflikte zwischen den beiden waren, so jedenfalls der Stand vom 1. Juli 2017, kaum mehr als taktische Manöver, um danach wieder gemeinsam Fahrt aufzunehmen und ungehindert Strecke zu machen. Gelegentlich allerdings hatte der Mann auf dem Sozius, der sogenannte Heizer, schlicht für zu viel Aufsehen gesorgt, dem Kollegen auf dem Frontsitz allzu sehr die Schau gestohlen.

Denn Bannon weiß sich in Szene zu setzen: Die Tea Party jubelt ihm zu. Er gilt als Idol von Amerikas äußerster Rechten, des Ku-Klux-Klans inklusive. Ein aggressiver Nationalist, ein Fremdenhasser vor dem Herrn, der die Weltmacht USA innerhalb und außerhalb der Grenzen von Feinden umzingelt sieht und vom  finalen Rückschlag träumt. Mit ihm, schrieb die »Huffington Post«, ist das Gift in Washington eingezogen. Er schaut ewig  finster in die Kamera und scheint von Verfolgungsphantasien gebeutelt. Dass ausgerechnet er die Politik der Großmacht USA bestimmt, sorgt für weltweites Entsetzen, das sich gelegentlich freilich auch in recht rohen Späßen äußert. Die Paydirt Bar in Portland jedenfalls versprach demjenigen, der Bannon einmal richtig verdresche, lebenslang Whiskey satt.

Die Abberufung des Ungeliebten aus dem Sicherheitsrat dürfte also vor allem ein Placebo für die beunruhigte Öffentlichkeit gewesen sein, allenfalls ein kosmetischer Eingriff  ins politische Tagesgeschäft. Ein Signal ohne Konsequenzen. Gefeuert hat Donald Trump andere, und dies nicht zu knapp: die Staatsanwälte Sally Yates und Preet Bharara, Angella Reid, die Chefin der Personalbediensteten im Weißen Haus, den obersten Sicherheitsberater Michael Flynn, und – begleitet von einem veritablen Regierungsskandal – den Boss des FBI James Comey. Gerade diese Personalie treibt den mächtigsten Mann der Welt nun gehörig in die Enge. Die Justiz ermittelt. Selbst unter Republikanern wird die Möglichkeit eines Impeachments, eines Amtsenthebungsverfahrens, dieser Tage offen diskutiert. Wer soll dem wegen der geheimen Russlandkontakte seiner Leute, ja sogar seines eigenen Sohnes Donald jr., unter Druck geratenen Präsidenten den Kopf retten? Der angeblich abgemeierte Bannon natürlich, der Heizer. Wer denn auch sonst?

Donald Trump, ebenso gefürchtet wie verspottet, scheint unberechenbar. Allein: Ist er das wirklich? Oder folgt er nur konsequent dem vorgegebenen Kurs seines Beraters, zu dessen erklärten Zielen es gehört, Chaos zu stiften, um das etablierte und Bannon so verhasste System aus den Fugen zu bringen? Viel spricht dafür, dass hinter der vermeintlichen Wirrsal düstere Methodik steckt. Der Einfluss des Chefstrategen ist ungebrochen. Gelegentlich scheint er seinen Präsidenten schwindelig zu spielen. Ob Trump immer durchschaut, wie ihm geschieht?

Sollte der erste Mann im Staat sich je widersetzen, werden die rechtspopulistischen Mediennetzwerke, die Bannon einst aufbaute und die den Ausgang der Wahl im November 2016 entscheidend beeinflussten, dem Ungehorsamen den Krieg erklären. We’re going to hammer him, wir werden ihn zertrümmern, drohte im April 2017 unverhohlen ein Kommentator auf der einst von Bannon geführten Internetplattform »Breitbart News«, der Trump vor einer Abkehr vom versprochenen Hardliner-Kurs, vor einer Entlassung seines Beraters warnte.

Ein US-Präsident in der Hand seines Chefstrategen, der nach Pulverdampf giert: Die Vorstellung macht Angst. Realitätsfern ist sie nicht. We make America great again – frei übersetzt könnte dies auch bedeuten: Wir werden den Rest der Welt nach unseren Vorstellungen planieren! Die ersten Schlachten sind eröffnet. Bannon war es, der Anfang Juni 2017 die Aufkündigung des Pariser Klimaschutzabkommens gegen erbitterten Widerstand, auch im Weißen Haus, bei seinem Präsidenten durchgesetzt hat. America  first! Was kümmert es uns, ob Afrika verdorrt oder nicht!

Bei der Zeremonie zur Bekanntgabe der Entscheidung stand der vermeintlich aus der Gunst Gefallene als strahlender Sieger da. »Er lacht, er schäkert und setzt sich zur Rede Trumps in die erste Reihe«, so die Augenzeugen von »Spiegel online« über die effektvoll inszenierte Auferstehung: »Für den nationalistischen Hardliner, der seit Wochen als angeschlagen gilt, ist die Entscheidung des Präsidenten ein großer Sieg. [...] Dass Trump so entschied, obwohl seine eigene Tochter ihn vom Gegenteil zu überzeugen versuchte und dafür Al Gore, den Papst und etliche Konzernchefs einspannte, zeigt, wie mächtig die Truppe um Bannon ist.« Der »Boston Globe« variierte Trumps Heilsbotschaft: »Steve Bannon is great again«. Die »Huffington Post« kommentierte: »Der Präsident hört wieder auf seinen Chefstrategen, der die Politik als brutalen Wettstreit ›Wir oder die anderen‹ sieht.« Kurzum: Wer Donald Trump begreifen will, sollte dessen Alter Ego kennen.

Der Aufstieg des Mannes, der sich in der Rolle eines unsichtbaren Marionettenspielers anschickt, die Welt auf den Kopf zu stellen, lässt sich im Netz akribisch rekonstruieren. Schon als junger Navigator an Bord eines Zerstörers hat er sein Talent entwickelt, dem Kapitän den Weg zu weisen. Als Regisseur von streng nationalistischen Agitpropfilmen, vor allem aber als Chef der rechtspopulistischen »Breitbart News« hat er gelernt, wie man Kampagnen steuert. Er weiß, wie man Schlachten gewinnt. Er weiß, wie man Massen mobilisiert. Vor allem aber weiß er, wie man die Sehnsüchte und Ressentiments von Amerikas weißer Mittelschicht bedient, all der Unzufriedenen, die sich von der politischen Klasse um ihre Zukunft betrogen fühlen. Trump hat ihn eben darum zum Kommandochef seines Wahlkampfs gemacht und dann ins Weiße Haus geholt. Auf diesen Mann kann er bauen. Ein bei der Navy getrimmter Krieger von Bannons Kaliber gibt so schnell nicht auf. Der bleibt auf dem Posten und erscheint manchem stärker denn je: Totgesagte leben länger.

Tilman Jens Frankfurt a.M./Sarajevo, Juli 2017

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I. Prince of Darkness – oder: Der Terrorist im Weißen Haus

Einer versuchte es sogar an Thanksgiving. Am 26. November 2015 – Barack Obama hatte im Rosengarten gerade die Truthähne »Honest« und »Abe« begnadigt – nahm ein 22-jähriger Mann mächtigen Anlauf und überwand mit artistischem Geschick das schwarze, knapp zwei Meter hohe Sperrgitter, das die erste Adresse der Hauptstadt, Pennsylvania Avenue 1600, umgibt. In der Küche der Präsidentenfamilie schmorte derweil ein nicht in die Freiheit entlassener Turkey. Cranberry-Orangen-Relish, in Honig gesottener Schinken, Wintergemüse, Stampfkartoffeln und Caesarsalad mit Grünkohl sollten das Festmahl abrunden. Von den sechs verschiedenen Pies zum Nachtisch zu schweigen.

Ob der athletisch gebaute Eindringling Joseph Anthony Caputo aus Connecticut – sein Oberkörper war demonstrativ staatstragend in ein Sternenbanner gehüllt – einfach nur gerne mit an Obamas Tafel gegessen hätte, oder ob er Böses im Schilde führte, wissen wir nicht. Belegt aber ist: Er hatte, als er sich unerlaubten Zutritt zum Weißen Haus verschaffte, mit dem Schlimmsten gerechnet und zuvor ein Testament hinterlegt. Doch das Schicksal war Mr. Caputo gnädig. Kräfte des Secret Service mit eilends gezückter Waffe  fingen ihn ab und überwältigten den unerbetenen Gast, ohne dass auch nur ein einziger Schuss  fiel. Da ist es anderen, die tollkühn Einlass verlangten, weniger glimpflich ergangen. Der afroamerikanische Army-Veteran Chester Plummer etwa wurde anno 1976 nach seinem Sprung über den eisernen Zaun niedergestreckt und erlag kurz darauf im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Das Weiße Haus, auf den Dächern von Scharfschützen bewacht, unter der Erde mit Bunkeranlagen gesichert: eine über 200 Jahre alte Festung, die, trotz gelegentlicher Sicherheitslücken, uneinnehmbar zu sein scheint. Ein penibel geführtes Register dokumentiert über 50 Attacken, angestrengt von den unterschiedlichsten Hasardeuren: vom Piloten eines gestohlenen Kleinflugzeugs vom Typ Cessna bis hin zu einem traumatisierten Veteranen aus dem Irakkrieg. Allein: Keine einzige Invasion glückte. Und wenn doch einmal, wie am 11. September 2001, Gefahr für Leib und Leben bestand, dann griff  ein bis ins Letzte ausgeklügelter Alarmplan, der allenfalls vor den Untaten und Affären der Amtsinhaber kapituliert, niemals aber vor einer Bedrohung von außen. Terroristen, Amokläufer oder sonstige bewaffnete Gefährder, so dachten wir bislang, haben keine Chance, das ehrwürdige Bollwerk jemals zu stürmen.

Aber dann kam der 20. Januar 2017, der Tag, an dem Donald Trump ins Weiße Haus einzog und mit ihm in seinem engsten Gefolge ein seltsamer Zeitgenosse, ein unsteter Geselle, der über Jahre ohne festen Wohnsitz war, gemeldet unter einer Tarnadresse in Florida, wo er freilich niemals lebte. Die Behörden ermittelten über Jahre. Der 63-Jährige operiert bevorzugt in konspirativer Verschwiegenheit und macht daraus keinen Hehl: »Finsternis ist gut. Es kann uns nur helfen, wenn die Gegenseite nicht erkennt, was wir vorhaben.« »Prince of Darkness« hat ihn die »New York Times« in Anlehnung an Ozzy Osbourne, den  finsteren, mit dem Wahnsinn kämpfenden Ex-Frontmann von »Black Sabbath« getauft. Bannon möchte den Staat, über dessen Wohl und Wehe er maßgeblich mitbestimmt, zum Teufel jagen. Sein Bekenntnis vom November 2013 ist legendär: »Ich bin Leninist. Lenin wollte den Staat zerstören, und das ist auch mein Ziel. Ich will das System krachend kollabieren lassen und das gesamte Establishment gleich mit.«

Wenn der Mann Ernst macht, dürfte sich die Welt dramatisch verändern. Denn der Möchtegern-Bolschewik, stramm nationalistisch gesinnt, hat einen einflussreichen Job. US-Präsidenten pflegen sich, in Deutschland kaum vorstellbar, mit einer Heerschar von Beratern zu umgeben. Der Macht so nah wie Stephen Kevin Bannon aber war keiner zuvor. Er ist ein wahrer Tausendsassa: Banker, Filmproduzent, Regisseur und auch Medienunternehmer. Vier Jahre lang war er Chef der zunehmend einflussreichen Propagandaplattform »Breitbart News«, die der äußersten Rechten, der Alt-Right-Bewegung, ein Forum gibt und Kampagnenjournalismus gegen alles Fremde, gegen alle auch nur ansatzweise liberalen Kräfte in Amerika betreibt. Nun also ist er Donald Trumps Chefstratege, sein top advisor, sein Spitzenberater, der dunkle Eiflüsterer, der für weltweite Schlagzeilen und internationales Entsetzen sorgt.

Mit Kinkerlitzchen, wie dem Abbau bürokratischer Strukturen, hält er sich nicht lange auf. Er will den Umsturz, den radikalen Systemwechsel. Und das augenblicklich. Das seriöse Wirtschaftsblatt »Bloomberg Businessweek« nennt Bannon, 1953 in Norfolk/Virginia geboren, deshalb schon 2015 »den gefährlichsten politischen Akteur in Amerika«. Er hat an seinem ersten Arbeitstag, ein Foto zeigt es, treuherzig die Linke zum Eid auf die Verfassung gehoben, aber er scheint resozialisierungsresistent zu sein und ist versessen darauf, das Delikt seines Lebens zu begehen: das bisherige amerikanische Staatswesen zu zerschlagen. He clearly wants to burn the system to the ground, er will das System in Schutt und Asche legen, schreibt das Männermagazin »GQ«. Kein Geringerer als der Präsident der Vereinigten Staaten, so der Plan, soll ihm bei diesem ganz besonderen Terroranschlag als Komplize dienen.

Am 23. Februar 2017, da war sein Büro im Weißen Haus schon bezogen, hat Bannon auf der hardcore-konservativen CPAC-Konferenz sein Vorhaben noch einmal bekräftigt. Eines der vordringlichsten politischen Ziele der kommenden vier Jahre sei, neben der Stärkung der inneren Sicherheit sowie der nationalen Volkswirtschaft, die »Dekonstruktion des administrativen Staates«. In diesem Moment brandet Beifall unter den Zuhörern auf. Dekonstruktion! Er benutzt Jacques Derridas philosophische Formel, um seine Vision von der systematischen Zerlegung der gesellschaftlichen Ordnung zu veredeln. Den Dekonstruktivisten, die seit den 60er-Jahren weltweite Debatten zur Ästhetik und zur Architektur auslösten, ging es um die Entwicklung einer neuen Methode des kritisch-analytischen Hinterfragens. Dekonstruktion, das war ein Appell ans analytische Denken. Bannon hingegen verwendet den Terminus als ressentimentbeladenen Schlachtruf, um zuzuschlagen gegen staatliche Institutionen: gegen die Justiz, das Gesundheits-, das Schul- und Sozialwesen, die Parteien, gegen das Parlament und den Regierungsapparat. »Er kann ein ungemein liebenswerter Zeitgenosse sein«, sagt sein einstiger Weggefährte, der konservative Publizist Ben Shapiro, »aber wenn es um Politik geht, dann wird er aggressiv.«

Er fühlt sich verfolgt. Die alte Ordnung, der Staat im Staat, die bösen Geister der Obama-Administration vor allem, wollen einfach nicht weichen. Der Autor Stephen King, der Anatom von Horror und Wahn, hat die Paranoia der neuen Herren in 540 Zeichen, in einem dreiteiligen Twitter-Roman zur Groteske gesteigert. Ja, natürlich habe der Expräsident die Telefone Trumps persönlich angezapft. »Kam in einem Overall. Michelle stand Schmiere, während O. die Kabel spleißte.« Und zu guter Letzt hat er auch noch das geliebte Erdbeereis geklaut. »Trump muss wissen«, so Kings Volte am Schluss, »Obama hat das Weiße Haus niemals verlassen. Er sitzt im Schrank und trägt eine Schere bei sich.« Von diesem Schlage sind die Gespenster, deren sich der Präsident und sein Einflüsterer nun mit einem Rundumschlag erwehren wollen.

Wenn alles in Schutt und Asche gelegt ist, werden die alten Grundsätze und Werte nicht mehr gelten: Menschenwürde, Pluralismus, Pressefreiheit, der Schutz der Armen und der Minderheiten. Internationale Abkommen verlieren ihre Gültigkeit. Was zählt schon die Wertschätzung für andere! Im Zuge des umfänglichen Großreinemachens müssen die demokratischen Tugenden der einen, von nationalem Pathos umwehten Kampfparole weichen: America first! Richter, Journalisten, Liberale, unabhängige Denker, die sich der neuen Bewegung widersetzen, werden zu Feinden des Volkes erklärt.

Der Vordenker des Präsidenten möchte das Rad der Geschichte zurückdrehen. Auch die Schwarzen sind wieder vogelfrei. Am 9. Juli 2016 wird in Houston der 38-jährige Alva Braziel von zwei weißen Polizisten erschossen. Ob er die beiden, wie im Nachhinein behauptet, wirklich mit einer Waffe bedroht hat und die Cops in Notwehr handelten, erscheint mehr als fraglich. Für Bannon aber, der an Aufklärung kein Interesse hat, ist die Sache klar. Über »Breitbart News«, wo man auch ein Radioprogramm betreibt, fragt er seine Hörer: »Denken Sie wirklich, dass wir viel verloren haben, als Alva Braziel seinem Ende begegnete?« Er hatte die falsche Hautfarbe und war für den weißen Moderator am Mikrofon ein Bürger zweiter Klasse.

Der brachiale Rückbau des Rechtsstaats hat begonnen. Und Bannon ist der Architekt. Kaum auf dem Posten, feiert er bereits Richtfest und  findet am 30. Januar 2017 – in einer Mail an die »Washington Post« – sogleich den passenden Spruch: »Wir werden gerade Zeugen der Geburt einer neuen politischen Ordnung.« An ihrer Spitze stehen die Vereinigten Staaten. Doch er sieht nützliche Sekundanten jenseits des Atlantiks. »In Amerika wie in Europa erobern die arbeitenden Menschen die Kontrolle über ihr Leben, ihr Schicksal zurück.« Den autoritären Systemen in Ungarn oder der Türkei, den Brexit-Aktivisten, dem Front National oder der AfD scheint er in Wahlverwandtschaft verbunden. Er beschwört den globalen Solidarpakt der Unsolidarischen. Mit den tradierten demokratischen Traditionen hat das nichts mehr gemein. Kündigt da ein Fanatiker, von nationalistischem Eifer getrieben, einen unmittelbar bevorstehenden Staatsstreich an? Seit Jahren tüftelt er an seinem Masterplan. Jetzt sitzt er an den Hebeln der Weltmacht Amerika und weist der Abrissbirne ihren Weg.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat den Beginn der neuen Ära vor Ort verfolgt und die Ideologie des dekonstruierten Staates in ihren konkreten Auswüchsen skizziert: »Man senkt Steuern, weil man in Wahrheit keine Steuern will, weil man ja Staatlichkeit selbst nicht möchte, man wünscht sich bewaffnete Bürger, weil man eigentlich glaubt, dass der Bürger sich selbst schützen sollte, sodass es im Idealfall keiner Polizei bedürfte, und da nun mal der Klimaschutz das offensichtlichste Beispiel dafür ist, dass in manchen Belangen staatliche Eingriffe unverzichtbar sind, besteht man gegen alles bessere Wissen darauf, dass das Klima nicht geschützt werden müsse.«

Das Einzige, das es in diesem Kosmos noch zu schützen gilt, das ist das nationale Ego. Für die Abwehr der nicht selten imaginierten Gefahr scheint jedes Mittel recht.

[...]

09:12 30.08.2017

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Biographie Tilman Jens ist seit Mitte der 1970er-Jahre als Journalist für diverse Print- und Fernsehmedien tätig. Dort und bei seinen Buchpublikationen liegt sein Fokus zumeist auf den Schnittstellen zwischen Kultur, Theologie und Politik
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