Diskursiver Ansatz

Leseprobe "Es geht nicht allein um Grenzen auf der politischen Weltkarte, sondern zugleich um Grenzen gesellschaftlicher Denkmuster. Kurz: um das unter den Bedingungen des Kalten Krieges Sag- und Machbare."
Diskursiver Ansatz
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Bernd Greiner

Angst im Kalten Krieg. Bilanz und Ausblick

Es ist Samstag, der 10. Mai 1952, kurz vor 14 Uhr – der Tag und die Stunde, die als Beginn des Dritten Weltkrieges in schrecklicher Erinnerung bleiben werden. Marshall Josip Broz Tito empfängt in Belgrad eine Delegation von 120 serbischen Bauern. Genauer gesagt: von 118 Bauern, denn zwei Männer waren nicht zu Ehren des jugoslawischen Staatschefs erschienen, sondern hatten sich im Auftrag Josef Stalins unter die Menge gemischt. Bis auf wenige Meter an Tito herangekommen, zünden sie zwei Handgranaten. Wie durch ein Wunder kommt der Marschall mit wenigen Blessuren davon; aber auf den weiteren Gang der Dinge hat er keinen Einfluss mehr. Radio Belgrad ist bereits in der Hand kremltreuer Milizen und meldet einen erfolgreichen Aufstand des jugoslawischen Volkes gegen den »trotzkistischen Banditen« und »Wall-Street-Lakaien« Tito. Innerhalb der nächsten Stunde besetzen Putschisten alle strategisch relevanten Orte, Truppen der rumänischen, bulgarischen, ungarischen und albanischen Armee fallen in Jugoslawien ein, 15 Divisionen der Roten Armee – knapp 160000 Mann – stehen auf Abruf zu ihrer Unterstützung bereit.

Der amerikanische Präsident Harry S. Truman wendet sich in einer Radioansprache direkt an Stalin: »Wenn Sie, wie Sie gesagt haben, wirklich Frieden schließen wollen, dann ist jetzt die Zeit für den Frieden gekommen – jetzt oder nie.« Stalins Antwort: ein Marschbefehl an seine Armee, die Bombardierung jugoslawischer Städte und grünes Licht für KGB-Agenten, die in der Grand Central Station in New York City eine Bombe zünden und 22 Menschen töten. Die dramatischen Auswirkungen der Explosion kommen besonders durch den ungewöhnlichen Lichteinfall zur Geltung.

Das Weiße Haus will und kann sich dem Drängen der Öffentlichkeit nach einem Krieg nicht mehr entziehen. Am 14. Mai ist es so weit. Gestützt auf eine überwältigende Mehrheit in der UNO, erklären die Vereinigten Staaten der Sowjetunion den Krieg.

Was folgte, waren die 32 furchtbarsten Monate in der Geschichte der Menschheit. Im Zuge ihrer »Operation Eggnog« warf die US-Luftwaffe Tausende von Atombomben über Industrieanlagen und militärischen Zielen in der UdSSR ab, die Rote Armee überrannte im Gegenzug zuerst Westeuropa, dann den Mittleren Osten und zwang amerikanische Streitkräfte schließlich zum Rückzug aus Korea.

Atomwaffen wurden auch gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. London, Chicago, Detroit, New York City, Washington, D.C., Boston, Philadelphia, Los Angeles, San Francisco und Norfolk traf es als Erste, ehe Truman den Vergeltungsschlag befahl und in der Nacht des 22. Juli 1953 Moskau in eine atomare Wüste verwandeln ließ. Chesley Bonestell vermittelt einen intensiven Eindruck des durch Bomben und Feuer zerstörte, von Rauchschwaden überzogene Washington und Al Tarter stellt die konkreten Ziele sowie die zu erwartenden Konsequenzen eines Angriffs auf Detroit in einem schematischen Schaubild dar.

Kurz darauf die Kriegswende: Ein Selbstmordkommando von 10000 Fallschirmjägern schaffte das schier Unmögliche – es zerstörte die letzten, im Ural unterirdisch gebunkerten Vorräte sowjetischer Atomwaffen.

Nachdem auch noch Stalin von der Bildfläche verschwunden war, gab es kein Halten mehr. In der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten revoltierte die Bevölkerung und bereitete den alliierten Streitkräften den Boden für eine erfolgreiche Invasion. Millionen von Menschen hatten das knapp dreijährige Inferno mit ihrem Leben bezahlt, als 1955 endlich die weiß-blaue Flagge der UNO über dem Hauptquartier der Besatzungsmächte in Moskau aufgezogen wurde.

Beschrieben und bebildert ist dieses Szenario auf 132 Seiten in einer der beliebtesten und auflagenstärksten Zeitschriften auf dem amerikanischen Markt der frühen 1950er Jahre. »Vorschau auf den Krieg, den wir nicht wollen – Russlands Niederlage und Besetzung, 19521960« war am 27. Oktober 1951 auf dem Titelblatt von Collier’s als Umrahmung einer Illustration zu lesen, die den gesamten Ostblock als befreites, von einem, in Propagandamanier gezeichneten, bajonettbewehrten Blauhelm bewachtes Gebiet zeigte.

Bei Collier’s handelte es sich weder um eine Satirezeitschrift und schon gar nicht um ein mit allen Mitteln Aufmerksamkeit erheischendes Krawallblatt. 1888 gegründet, hatte sich die Zeitschrift im Laufe von Jahrzehnten zu Recht den Ruf eines journalistisch hochwertigen Magazins erarbeitet. Es war Collier’s, das 1905 auf die skandalösen Zustände in Chicagos Schlachthöfen aufmerksam machte und im Jahr darauf den Senat zur Verabschiedung eines strikten Lebensmittelgesetzes veranlasste: »Is Chicago Meat Clean?« aus der Feder des jungen Upton Sinclair. Es war Collier’s, das in einer ebenfalls 1905 publizierten Artikelserie korrupte Praktiken in der amerikanischen Pharmaindustrie aufdeckte und die Regierung erneut zum Eingreifen bewog. Und es war – um ein letztes Beispiel aus der langen Liste seriös recherchierter und politisch einflussreicher Reportagen zu nennen – Collier’s, das im Oktober 1944 einen der ersten Berichte über ein Vernichtungslager veröffentlichte – Jan Karskis »Polish Death Camp« über die Massenmorde in Bełzec bei Lublin. Trotz stärker werdender Konkurrenz erreichte Collier’s auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer knapp drei Millionen Leser, sei es wegen berühmter Autoren wie Martha Gellhorn, Ernest Hemingway oder Kurt Vonnegut, sei es mit dem sicheren Gespür für am Horizont aufscheinende Themen wie die bemannte Raumfahrt.

Die marktschreierische Ausgabe über »Operation Eggnog« wurde von langer Hand vorbereitet und, wie die Herausgeber im Editorial anmerkten, in enger Abstimmung mit »hochgestellten Vertretern der Regierung und außenpolitischen Experten«realisiert. Knapp drei Dutzend renommierte Zeitgenossen konnten als Autoren gewonnen werden, unter ihnen der mehrfach mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Schriftsteller Robert E. Sherwood, der Militärexperte der New York Times, Hanson W. Baldwin, der Schriftsteller Arthur Koestler, die ebenfalls weit über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannten Sozialwissenschaftler Allan Nevins und Stuart Chase, der Präsident der Automobilarbeitergewerkschaft, Walter Reuther, ferner die Senatorin Margaret Chase Smith nebst den bekanntesten Journalisten der Zeit: Marguerite Higgins, Lowell Thomas und nicht zuletzt Edward R. Murrow, der sich als Berichterstatter aus dem brennenden London der 1940er Jahre schon lange vor seinem öffentlich geführten Streit mit Senator Joseph McCarthy einen Namen gemacht hatte.

Vordergründig bot Collier’s interessierten Eliten aus Politik und Militär eine Plattform, um ihre ansonsten streng geheimen Planspiele zu popularisieren. »Operation Eggnog« liest sich wie eine bitterböse Polemik gegen die alte Garde von »Rooseveltianern« und »New Dealern«, die wie eh und je der Vision eines langfristigen Interessenausgleichs mit der UdSSR anhingen. Ebenso entschieden trugen die Autoren ihr Plädoyer für eine »permanent preparedness« vor, für eine Streitmacht also, die imstande war, einen »totalen Krieg« ohne Zeitverlust und mithin aus dem Stand führen zu können. Auch dass die USA im Kriegsfall willens sein mussten, Atomwaffen als Erste und in massivem Umfang einzusetzen, wurde als selbstverständlich und grundlegend für den Erfolg von »Operation Eggnog« vorausgesetzt – im Einklang mit regierungsinternen Überlegungen, denen zufolge die Militärstrategie der Zukunft sowohl auf der Option eines Ersteinsatzes als auch eines Prä-Emptivkrieges fußen sollte.

Lebendig wurden die Reportagen indes erst durch ihre Melange aus Angst und Erlösung. Ängste vor Kommunismus und Krieg wach zu halten oder gar zu schüren und sich trotz allem um das Überleben nicht zu ängstigen, diesen dramaturgischen Balanceakt mussten alle Autoren meistern. Dass kommerzielle Interessen im Spiel waren, liegt ebenso nahe wie die Verdacht, dass man es auf religiöse Regungen abgesehen hatte – bekanntlich bedient der wohlige Schauer des Horrors das eine wie das andere.

Hauptsächlich muten die Texte jedoch wie Ego-Dokumente an, denen die Verfasser ihre ureigenen Ängste und Tagträume anvertrauten – eingewoben in Monologen über die Wesensverwandtschaft von Totalitarismus und Krieg oder die politische Immunschwäche eines liberalen Systems, das trotz der zurückliegenden Katastrophen seine Lektion noch immer nicht gelernt hatte.

»Ich war von Anfang an überzeugt«, so Robert E. Sherwood über den von ihm verfassten Hauptartikel, »dass das Stück einfach und direkt sein sollte, so weit wie möglich nur eine nüchterne Widergabe kalter Fakten. Der Leser sollte erst gar nicht auf die Idee kommen, wieder einmal irgendeine konstruierte Sensationsgeschichte vor sich zu haben, sondern sollte denken: Mein Gott, darum geht es tatsächlich! Genau das kann passieren.«Vor dem Hintergrund der seit Herbst 1945 chronischen Krisen und erst recht des Desasters in Korea war in der Tat mit einer nervösen Leserschaft zu rechnen, empfänglich für das Mantra des frühen Kalten Krieges. In den Worten der Herausgeber von Collier’s: »Zweifellos ist der Krieg, den [wir] beschreiben, ein hypothetischer Krieg. Dennoch geht es nicht um verantwortungslose Phantasterei oder billige Erfindung.« Im Gegenteil: Solange die Sowjetunion in den Klauen des Totalitarismus gefangen bleibe und der Eiserne Vorhang Europa trenne, so lange könne und müsse davon ausgegangen werden, dass »schon morgen ein Atomkrieg [ausbricht], ob aus Vorsatz oder infolge von Fehlkalkulation oder Verzweiflung«. »Schon morgen.«

Ebenso unverrückbar stand das Ergebnis des aufgezwungenen Krieges fest: »Der Westen wird einen haushohen Sieg davontragen und das Tor zu einer besseren Zukunft aufstoßen.«Als handelte es sich um die Fortsetzung eines konventionellen Krieges mit atomaren Mitteln, ging man erstens von der Möglichkeit operativer Feinsteuerung aus. Im Laufe von »Operation Eggnog« wurden Angriffe gegen militärisch relevante Ziele fein säuberlich von Attacken gegen Städte getrennt. Auch blieb im letzteren Fall noch hinreichend Zeit und Gelegenheit, Zivilisten zu evakuieren oder in funktionstauglichen Luftschutzräumen unterzubringen. Zweitens beeinträchtigte ein massiver Einsatz von Atombomben die Kriegsanstrengungen allenfalls am Rande oder vorübergehend. Bodentruppen hielten selbst inmitten verseuchten Terrains ihre Moral aufrecht, die Arbeiter an der Heimatfront taten es ihnen gleich und übertrafen die während des Zweiten Weltkrieges erzielten »Produktionswunder«. Drittens schließlich stand auch die lästigste Hinterlassenschaft des Krieges, hochdosierte Strahlung nach der Explosion Tausender von Atombomben, einem raschen Wiederaufbau nicht im Weg. Die Hauptstadt des nach westlichem Vorbild neu gestalteten Russland richtete fünf Jahre nach Kriegsende die Olympischen Spiele aus, deren strahlende, durchtrainierte Helden Fred Banbery als Athleten darstellt, die die Eintracht der Welt repräsentieren. In anderen Worten: Wenn ein Atomkrieg schon unausweichlich war, so war es doch auch und gerade ein Krieg zur Befreiung von allen nuklearen Ängsten.

»Angst machen« und »Angst haben«

Collier’s traf mit der Ausgabe vom Oktober 1951 ins emotionale Zentrum des Kalten Krieges. Was immer man von Inhalt und Präsentation des Heftes im Einzelnen halten mag, seit dem Abwurf der ersten Atombombe war das militär- und sicherheitspolitische Denken, West wie Ost, von einem Thema beherrscht: von Angst und dem Problem ihrer Einhegung. Fortan blieben modernste Technologie und das ursprünglichste, in der Bibel vor allen anderen Emotionen genannte Gefühl in einer Mesalliance verkoppelt. Bekannt geworden ist diese störanfällige Verbindung unter dem Namen Abschreckung.

Abschreckung basiert auf Angst, genauer gesagt dem Paradox, dass von ebenjenen Mitteln, die für die Gewährleistung größtmöglicher Sicherheit aufgeboten wurden, die größtmögliche Gefahr ausging. Nuklearwaffen boten Schutz, weil alle Beteiligten im Falle ihres Einsatzes mit Selbstvernichtung rechnen mussten; wie lange diese Einsicht dem Test der Praxis standhalten würde, stand gleichwohl auf einem anderen Blatt. Deshalb war es mit dem stummen Wirken des beiderseitigen Vernichtungspotentials nicht getan. Abschreckung hieß, Angst explizit zu einem Mittel der politischen Kommunikation zu machen. Auch hier standen die Akteure vor einem unauflösbaren Dilemma. Wer glaubwürdig abschrecken wollte, musste den Gegner einschüchtern, verunsichern und ihm dauerhaft Rätsel aufgeben: Nie sollte er ein klares Bild von den eigenen Kapazitäten und Absichten gewinnen, nie gewiss sein, wie weit die Berechenbarkeit seines Gegenübers reichte. Ob und wann die vorsätzlich inszenierte Ungewissheit sich gegen ihre Urheber wenden, also just jene Aggressivität provozieren würde, die sie eigentlich hätte unterdrücken sollen, geriet folglich zum hintergründigen Reizthema der Epoche.

Damit ist die Fragestellung des vorliegenden Bandes vorgegeben: Es geht um die politische Kommunikation von Angst und um deren gesellschaftlichen Hinterlassenschaften, also darum, wie sich Ängste manifestieren und wie unterschiedliche Gesellschaften in Ost und West damit umgehen. Wie aber dechiffriert man eine Emotion, wie macht man Unsichtbares sichtbar? Wie kommen Historiker und Sozialwissenschaftler den Ängsten von Individuen, Gruppen oder gar Kollektiven auf die Spur? Was gibt darüber Aufschluss, ob die Inszenierung von Ängsten tatsächlich auf fruchtbaren Boden fällt? Und wie kann Angst von anderen handlungsleitenden Motiven unterschieden werden?

Dass die Eingrenzung des Gegenstands ein schier unüberwindliches, immer wieder Kontroversen stiftendes Problem ist, scheint zu den wenigen gesicherten Erkenntnisse einer nunmehr 20-jährigen Debatte unter Psychologen, Psychoanalytikern, Soziologen, Politologen, Anthropologen, Neurologen, Philosophen und Historikern zu zählen. Angst vor Schmerz, Sterben und Tod, vor Gott, der Hölle und dem Teufel, vor natürlichen oder vom Menschen gemachten Katastrophen, Angst vor Krankheit, Verbrechen, Verarmung, vor einer ungewissen Zukunft, vor Neuem und Unbekanntem – die Liste der einen Menschen zeit seines Lebens und in allen historischen Epochen begleitenden Ängste ist unerschöpflich. Joanna Bourke spricht deshalb zu Recht von der »weitläufigsten und intensivsten Emotion« überhaupt. Und von einem ambivalenten, in seiner Funktion schwer zu deutenden Gefühl. Mitunter ursächlich für Aggression und Destruktivität, kann Angst auch zu Vorsicht und Rücksichtnahme gegenüber anderen Anlass geben. Selbst in Zeiten des Krieges bleibt das Schillernde und Uneindeutige erhalten, wie eine 1941 in Großbritannien durchgeführte Umfrage belegt: Ein Drittel der Interviewten gab an, vom Krieg emotional nicht berührt zu sein, ein erstaunlich hoher Prozentsatz der befragten Männer und Frauen fühlte sich gar glücklicher als im Frieden. Wie diese und zahllose andere Erhebungen belegen, ist Angst obendrein ortlos. Hinsichtlich ihrer Dauer und Intensität hängt sie weder von der Zugehörigkeit zu Klassen, Schichten und Gruppen noch vom Geschlecht ab. »Angst würfelt Individuen auf ganz unterschiedliche Weise zusammen«, so Bourkes Resümee. »Es ist die demokratischste aller Emotionen und betrifft jeden, der über das Risiko seines eigenen Todes nachdenkt.« Dessen ungeachtet bietet die vorliegende Literatur über Angst in der Geschichte zumindest fünf Referenzpunkte, die für unsere Zwecke von Interesse sind.

Erstens handelt Angst von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Sie ist in unterschiedlichen Zeithorizonten verortet, sie verbindet die Gegenwart sowohl mit der Vergangenheit als auch mit der Zukunft. Gespeist von unheilvollen Erinnerungen an zurückliegende Ereignisse, steht Angst für die Erwartung, dass sich ähnliches Unheil unweigerlich wiederholen werde. Angesichts der Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts wird man von einer Vielzahl möglicher Projektionen ausgehen müssen. In jedem Fall aber liegt es nahe, dem Zweiten Weltkrieg besondere Aufmerksamkeit zu widmen – und vor allem zu berücksichtigen, dass die damals gemachten Erfahrungen von Land zu Land äußerst verschieden waren. Eigenständigkeit und Beharrungsvermögen des Nationalen sind unhintergehbar in die Geschichte des internationalen Kalten Krieges eingeschrieben.

Zweitens sollte die wechselseitige Beeinflussung von Angst und Öffentlichkeit im Auge behalten werden. Einerseits ist bekannt, dass öffentliche Kommunikation das subjektive oder kollektive Empfinden von Angst verändern und am Ende Ängste ganz neuer Art oder anderen Umfangs generieren kann. Scheinbar nichtige Anlässe wie Gerüchte reichen mitunter aus, um unspezifische Befürchtungen in angsterfüllte Hysterie und Wut gegen deutlich identifizierbare Sündenböcke zu verwandeln. Wie dergleichen funktioniert, lässt sich anhand des Antisemitismus, der Lynchjustiz oder eben des Kalten Krieges studieren. Schauprozesse und jahrzehntelange Repressionen im Osten, Loyalitätskampagnen, politische Überprüfungen und »schwarze Listen« im Westen liefern Anschauungsmaterial im Überfluss. Andererseits hängt es auch von kulturell akzeptierten Normen und Standards ab, wann und in welcher Weise Ängste artikuliert oder erst gar nicht zur Sprache gebracht werden. Beispielsweise kann eine hohe Wertschätzung von Opferbereitschaft – sei es in Gestalt religiöser Überzeugungen oder militärischer Tugenden – zur sinnstiftenden Stilisierung des Heldentodes und mithin zur diskursiven Entwertung, wenn nicht Tabuisierung von Ängsten beitragen.

Drittens spiegeln sich in Ängsten und der Art, wie mit ihnen umgegangen wird, vielfältige Macht- und Ordnungsinteressen. »Es ist nicht so sehr das tatsächliche Vorhandensein einer Bedrohung als vielmehr die Vorstellung dieser Bedrohung, die der Erneuerung oder Restauration dient.« Mit diesen Worten griff der britische Konservative Edmund Burke weit über seine Zeit des späten 18. Jahrhunderts hinaus. Ängste, vorhandene wie neugeschaffene, dramatisierte wie subtil manipulierte, sind regelmäßig im Spiel, wenn es um Macht, Herrschaft, Legitimation und Anerkennung geht. Revolutionäre bedienen sich ihrer ebenso wie Konterrevolutionäre, Bewahrer wie Erneuerer greifen gleichermaßen auf sie zurück, überparteilich scheint die Versuchung, mit der Beschwörung des Ausnahmezustandes Politik zu machen. Und dennoch ginge man fehl, allein der Politik ein Interesse am »Angst machen« zuzuschreiben. Eine Vielzahl etablierter und auf den ersten Blick grundverschiedener Institutionen und Organisationen lebt von dem Versprechen, Menschen bei der Linderung oder Überwindung ihrer Ängste behilflich zu sein: Kirchen, Medien, Versicherungsunternehmen, um nur die wichtigsten zu nennen. Dass sie um ihres Erfolges willen just auf das Hegen und Pflegen von Ängsten angewiesen sind, liegt auf der Hand. Nicht zuletzt deshalb sollte die Geschichte des Kalten Krieges als Gesellschaftsgeschichte verstanden und geschrieben werden.

Viertens lässt sich mit guten Gründen auf eine individuelle wie kollektive Neigung zum »Angst haben« schließen. Die Rede ist von der Bereitschaft, sich Ängsten auch dann hinzugeben, wenn sie kaum oder keinerlei Bezug zur Realität haben. 1926 und 1938 lösten Hörspiele in Großbritannien und den USA eine Massenpanik aus, obwohl in beiden Fällen die Handlung ausdrücklich als fiktiv vorgestellt worden war. Wie es scheint, überhörten Millionen diese Botschaft – als wollten sie daran glauben, dass ein Mob von Arbeitslosen die britische Hauptstadt plündert. Oder als sähen sie sich endlich in der Gewissheit bestätigt, dass die USA kurz vor der Eroberung durch eine fremde Macht stünden – ob es sich dabei tatsächlich um Marsmenschen oder aber um Deutsche und Japaner handelte, spielte im Grunde keine Rolle. Ähnlich, wenn auch weniger dramatisch, verhält es sich mit den Reaktionen auf Kriminalstatistiken: Die Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden, ist in der Regel dann besonders ausgeprägt, wenn die Verbrechensrate sinkt. Im Kalten Krieg schließlich sorgten sich Amerikaner am meisten vor einem russischen Überfall, als »der Russe« noch gar nicht über die Mittel zu einem solchen Angriff verfügte. Wie auch immer: Gerade phantasierte Ängste werden von den Verängstigten gerne zum Anlass einer Selbstmobilisierung genommen. Besser bekannt ist dieser Teil der Geschichte unter Begriffen wie Denunziation, Nachbarschaftskontrolle, Bespitzelung oder Hexenjagd, allesamt Synonyme für Mitmachen und Freiwilligkeit oder die Attraktivität von Angst.

Fünftens verlangt Angst stets nach einem Gegenentwurf. Egal, ob man sich aus freien Stücken und scheinbar grundlos ängstigt oder Angstmachern auf den Leim geht, auf Dauer ist dieser Zustand weder Einzelnen noch Kollektiven zuträglich. Erstere drohen an ihrer Psyche Schaden zu nehmen, Letztere stoßen an die Grenzen politischer Integration und Kohäsion, wenn der Staat sein ureigenstes Anliegen – nämlich Sicherheit und Freiheit von Angst zu gewährleisten – nicht mehr zu bedienen weiß. Dass dergleichen einer öffentlichen Selbsttherapie bedarf, wird von den Karrieren religiöser oder weltlicher Propheten ebenso beglaubigt wie von der Rhetorik politischer Eliten: »All you have to fear is fear.« Der Kalte Krieg ruft indes auch das Gegenteil in Erinnerung, nämlich den Rückzug aus der Politik und die Zuflucht in eine selbstverordnete Apathie. In Joanna Bourkes Worten: »Je größer die Angst, desto nachdrücklicher die Verleugnung.« Jene 60 Prozent, die Ende der 1940er Jahre bei Meinungsumfragen in den USA ihren sicheren Tod im Falle eines Atomkrieges erwarteten, empfanden subjektiv keine Angst. Sie wollten sich nur keine Gedanken über eine Waffe machen, der man im Ernstfall ohnehin hilflos ausgeliefert war. »Nuclearism« nannte der Psychoanalytiker Robert Jay Lifton diesen Mix aus Gleichgültigkeit und Gewöhnung; ihm auf die Spur zu kommen, dürfte mindestens so knifflig sein wie das Sichtbarmachen eines unsichtbaren Gefühls.

»Schutzräume«

Angst machen und zugleich in Sicherheit wiegen – vor diesem Dilemma standen die Zivil- und Luftschutzbeauftragten der 1950er und 1960er Jahre. Ob in der Bundesrepublik, den USA, Frankreich, England, Schweden, Finnland, Dänemark oder Japan, überall wurden einschlägige Broschüren in Millionenauflage verteilt. Einerseits setzte man alles daran, die Bürger für den Zivilschutz zu gewinnen. Auch wenn die USA mit öffentlichen Simulationen von Atombombenabwürfen die Theatralik auf die Spitze trieben (Eric S. Singer), von der Möglichkeit eines in naher Zukunft ausbrechenden Atomkrieges war auch überall sonst die Rede. Andererseits lieferte man sich einen grotesken Wettbewerb im Schönreden der Nachsorge (Frank Biess). Radioaktive Strahlung? Eine lästige Begleiterscheinung, die mit einfachen Mitteln und gesundem Bürgersinn zu bändigen war. Wer seinen Nachbarn half und darauf bedacht war, sich den weißen Atomstaub stets in Windrichtung von der Kleidung zu bürsten, hatte genauso viel oder ebenso wenig zu befürchten wie von einer Naturkatastrophe.

Wie zu erwarten, lief das Dilettieren mit dem Gefühlsmanagement auf ein Desaster hinaus. »Was ist der Unterschied zwischen Zivilschutz und Tierschutz? Der Tierschutz ist für alle da, der Zivilschutz nur für die Katz’.« Nicht allein in der Bundesrepublik überwog der Spott. In der DDR wurde nur geringfügig in den Bau von Schutzplätzen investiert (Christian Th. Müller), Washington und Bonn verweigerten die Subventionierung privater Bunker und delegierten die Vorsorge an ihre Bürger. Diese freilich stellten sich taub. In einer Gallup-Umfrage vom September 1961 hielten 93 Prozent der interviewten Amerikaner einschlägige Baumaßnahmen für Zeit- und Geldverschwendung (Eric S. Singer). Ihre Antworten, wie auch die öffentlichen Reaktionen andernorts, illustrieren Liftons Begriff des »nuclearism«: Es wird schon nicht so weit kommen; und wenn, ist ohnehin alles vorbei.

Legitimationsprobleme ganz besonderer Art traten in der Bundesrepublik und der DDR zutage. Zwar liegen nur für den Westen verlässliche Umfragewerte vor; aber im Osten kann von einer vergleichbaren Stimmung ausgegangen werden. Hüben wie drüben wurde die Vorsorge für die Zukunft hauptsächlich von der Erinnerung an die Vergangenheit entwertet (Frank Biess, Jörg Arnold, Christian Th. Müller). Wer über Schutzräume redete, hatte Bilder von Feuerstürmen aus dem Zweiten Weltkrieg vor Augen und mit ihnen die unentrinnbare Vernichtungskraft von Bomberflotten. »Wir sind bestens und für immer bedient.« In der Bundesrepublik war die Angst vor einem neuen Luftkrieg bis weit in die 1960er Jahre gar größer als die Furcht vor dem Kommunismus, glaubte eine Mehrheit, dass weder Zivilschutz noch Aufrüstung zur Abwehr der »roten Gefahr« taugten. Vor diesem Hintergrund erscheint auch plausibel, warum der Antikommunismus im ersten und zweiten Nachkriegsjahrzehnt bisweilen ins Hysterische kippte: Der ideologische Lärmteppich könnte ein notwendiges Sedativum gegen tiefsitzende und mit anderen Mittel schwerlich zu beruhigende Ängste gewesen sein.

In Schweden und Norwegen hingegen war die Zivil- und Luftschutzkampagne ein voller Erfolg (Marie Cronqvist, Sigurd Sørlie). Ausgestattet mit Steuergeldern riesigen Umfangs und getragen von einer überzeugten Öffentlichkeit, legte die schwedische Regierung ein Bunkerprogramm auf, das weltweit nur von der Volksrepublik China und der Schweiz überboten wurde; pro Kopf der Bevölkerung gerechnet, übertrafen die Ausgaben vergleichbare Aufwendungen in der UdSSR gleich um ein Mehrfaches. Mitte der 1960er Jahre hätte fast die Hälfte aller Schweden in einem weitläufigen Untergrund mit 43000 Bunkern Platz finden können – einer von vielen Gründen für die selbstironische Rede von einer Nation, die es »nach unten zieht«. Auch in Norwegen verband sich die Mobilisierung von oben mit einer Selbstmobilisierung von unten: Arbeitgeberverbände engagierten sich im Verein mit Gewerkschaften, Parteien arbeiteten dem Staat ebenso zu wie Vereine und karitative Einrichtungen.

Zweifellos hatte der Kalte Krieg diese Bauwut auf den Weg gebracht und stets erneuerbare Argumente für ihre Fortsetzung geliefert. Die Ursachen indes sind im Zweiten Weltkrieg zu suchen. Im Unterschied zu Deutschland wurden die 1940er Jahre nicht als Katastrophe, sondern als »guter Krieg« erinnert. In Schweden, weil zu dieser Zeit die Gesellschaft zusammenrückte und sich in einer Volksgemeinschaft, dem »Volksheim«, national erneuerte; in Norwegen, weil der wehrhafte Ausnahmezustand jedem Einzelnen die Gelegenheit bot, seiner Verantwortung für das Gemeinwohl gerecht zu werden und mittels sozialer Integration auch zur politischen Stabilisierung der Demokratie beizutragen. Egal, ob man mit dieser Sprache der nationalen Verpflichtung eine rückwärtsgewandte Idylle oder eher einen zukunftsoffenen Optimismus verbindet – mit dem Kalten Krieg im Allgemeinen und den andernorts umlaufenden Ängsten im Besonderen hatte sie nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Gewissheit, einen Sonderweg zur vollkommenen Sicherheit zu beschreiten, schien unerschütterlich. Und man ist fast versucht zu fragen, ob der Kalte Krieg nicht eine notwendige Voraussetzung für das goldene Zeitalter der nordeuropäischen Sozialdemokratie war und damit auch für die Zivilität der dortigen Gemeinwesen.

Angstkulissen

Der Unterschied zu Osteuropa ist drastischer kaum vorstellbar. Wie Olga Seznewa und Melissa Feinberg darlegen, waren die kommunistischen Machthaber zwecks Konsolidierung ihrer Herrschaft auf die Erzeugung und fortwährende Dramatisierung von Angst angewiesen. Hätte es den Kalten Krieg als Kulisse und wohlfeilen Vorwand nicht gegeben, sie hätten ihn erfinden müssen.

»Wir müssen unseren eigenen Leuten Angst machen.« Mit diesen Worten kommentierte ein Oberst des ungarischen Geheimdienstes Sinn und Zweck der in Ungarn, Polen und der CSSR in den frühen 1950er Jahren veranstalteten Schauprozesse. Sie boten die Bühne, um drei Verse des politischen Katechismus unablässig zu wiederholen: Der Imperialismus will einen dritten Weltkrieg und bereitet ihn mit Hochdruck vor; westliche Agenten kooperieren mit Klassenfeinden innerhalb Osteuropas, die mittels Krieg ihre ehemaligen Besitztümer zurückerobern wollen; das Schlimmste wird nur zu vermeiden sein, wenn alle Bürger ein wachsames Auge auf ihre Umwelt haben und die giftigsten aller Schädlinge entlarven – als treue Kommunisten getarnte »Doppelzüngler«. Die damit verbundene Absicht liegt auf der Hand. Dass die Rechnung tatsächlich aufging, muss gleichermaßen betont werden. Weil niemand über den Verdacht der Spionage oder Sabotage erhaben war, weil jede Biographie eine Lüge sein konnte, weil es zur Verurteilung keines Beweises bedurfte und weil jeder zu jeder Zeit verhaftet werden konnte, wurde Angst zum steinernen Gast im sozialen und privaten Alltag, präsent »in den Heimen und Herzen der Menschen in ganz Osteuropa« (Melissa Feinberg). Aus Angst kapitulierte die Mehrheit vor dem Machtanspruch der Diktaturen; und Angst erklärt auch, wenn nicht in erster Linie, das Mitmachen jener Minderheit, die für das Funktionieren des Systems unentbehrlich war. Ob dergleichen ohne den Kalten Krieg hätte inszeniert und jahrzehntelang aufrechterhalten werden können, ist eine naheliegende und mit guten Gründen zu verneinende Frage.

Anhand der Studie von Olga Seznewa zum Kaliningrad der Jahre 1945 bis 1953 wird deutlich, dass eine Politik der Angst auf Dauer nur unter einer Voraussetzung erfolgreich ist: Sie muss mehr bieten als negative Propaganda. Gewiss spielte Letzteres auch in Kaliningrad eine wichtige Rolle, nachzulesen in den sowjetischen Medien der Stadt, die erst die deutsche Minderheit und im Anschluss ausländische respektive vom Ausland gesteuerte »Kosmopoliten« als tödliche Bedrohung in den Raum stellten. Andererseits machte sich diese Kampagne auch die realen Lebensumstände der russischen Neuankömmlinge zunutze. Vornehmlich knüpfte sie an der Verunsicherung entwurzelter, aus Weißrussland und der Ukraine umgesiedelter Bauern an, die sich in einer ungewohnten städtischen Umgebung zurechtfinden mussten und ihrem Leben einen neuen Sinn geben wollten. Als wachsame Avantgarde, gar als die Sowjetunion schützendes Bollwerk belobigt zu werden, kam diesem Bedürfnis offensichtlich entgegen – zum seelischen Trost der Beherrschten wie zum politischen Nutzen der Beherrscher.

Tatsächliche von konstruierten Ängsten zu unterscheiden oder dem Fiktiven im Realen und umgekehrt auf die Spur zu kommen, ist ein erkennbar schwieriges und wahrscheinlich gar nicht einzulösendes Anliegen. Gleiches gilt für die Frage, wo die Grenze zwischen »Angst machen« und »Angst haben« verläuft, zwischen Manipulation und Instrumentalisierung von Ängsten einerseits, Offenheit und Empfänglichkeit für Ängste andererseits. An zwei außen- und sicherheitspolitischen Beispielen zeigen Bernd Schäfer und Oliver Bange, dass man es mit einem im Nachhinein kaum zu entwirrenden In- und Miteinander zu tun hat, mit einer Grauzone voller fließender Übergänge.

Im Gefolge der bewaffneten Zwischenfälle am Ussuri führte Moskau seit dem Sommer des Jahres 1969 einen Nervenkrieg gegen Maos China. Nicht nur ließ man sowjetische Bomberstaffeln im grenznahen Bereich üben; sowjetische Diplomaten streuten auch gezielt Gerüchte über einen bevorstehenden Präventivschlag gegen Nuklearanlagen und militärische Einrichtungen in China. Man könnte von einem zynischen Spiel mit der Angst reden, einer Neuauflage von Chruschtschows nuklearen Veitstänzen aus den späten 1950er Jahren,22 wäre die sowjetische Führung ihrerseits nicht ernsthaft in Sorge vor einem Überraschungsangriff der Chinesen gewesen. Mao traute man in der Tat alles zu – und ließ sich in diesem Fall von den eigenen Projektionen hinters Licht führen. Wobei festzuhalten bleibt, dass Maos Winkelzüge durchaus Anlass zu Missverständnissen geben konnten. Eine allgemeine Mobilisierung in den Grenzprovinzen anzuordnen, die Delegierten des IX. Parteitages in einer verdunkelten Halle des Volkes tagen und Wochen später die politische Führung aufs Land evakuieren zu lassen, waren auch für einen notorischen Paranoiker ungewöhnliche Maßnahmen. Und doch hatte der »Große Vorsitzende« nur eines im Sinn, nämlich mittels einer sorgsam orchestrierten Angstkampagne die landesweit in der Partei tobenden Fraktionskämpfe zu unterdrücken und mittels einer erfolgreichen Kulturrevolution das Land für eine neue Runde im Kalten Krieg zu stählen.

Weit weniger dramatisch – aber hinsichtlich des Zusammenspiels realer und konstruierter Ängste durchaus ähnlich – waren zeitgleiche Zerwürfnisse in Mitteleuropa. Wieder einmal ging es um die Angst vor bundesdeutschen Atomaspirationen und um Modalitäten zur Beilegung dieses Streits. Trotz eines 1954 mit dem Beitritt zur Westeuropäischen Union erklärten Verzichts, ABC-Waffen herzustellen oder zu erwerben, wollten sich führende Bonner Politiker und Militärs eine Hintertür offenhalten. Nicht militärische Ambitionen standen dahinter, sondern der Wunsch, Prestige und außenpolitisches Gewicht der Bundesrepublik aufzuwerten. Und dass Franz Josef Strauß den Nichtverbreitungsvertrag mit Lust als »Atomsperrvertrag« in den Händen eines erpresserischen Auslandes denunzierte, war auch seiner persönlichen Ambition geschuldet, im Rennen um die Kanzlerkandidatur der CDU/CSU zu punkten. Egal, ob die Nachbarn dieses Spiel durchschauten oder nicht, es bot den meisten einen willkommenen Anlass, ihrerseits mit der Angst vor den Deutschen zu spielen: Charles de Gaulle und Harold Wilson im Westen, erst recht aber Władysław Gomułka und Leonid Breschnew im Osten, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings dringend für Ruhe in ihrem Bündnissystem sorgen mussten.

Bekanntlich trat die Bundesrepublik im November 1969 dem Nichtverbreitungsvertrag bei und ermöglichte damit eine Dekade der Entspannung. Weniger bekannt ist, dass ausgerechnet dieser Schritt den Keim einer neuerlichen Konfrontation in sich trug. Warum dem so war, wird aus der von Helmut Schmidt 1977 beim Londoner Institute for Strategic Studies vorgetragenen Argumentation ersichtlich: Europäer, die auf atomare Bewaffnung verzichten, müssen sich auf einen lückenlos gespannten Nuklearschirm der USA verlassen können; da die neu aufgestellten sowjetischen Mittelstreckenraketen nicht durch vergleichbare amerikanische Gegengewichte neutralisiert werden, droht die US-Garantie hinfällig zu werden; also ist dafür Sorge zu tragen, dass die Lücke geschlossen und Amerika wieder mit Westeuropa nuklear verkoppelt wird. Was zur Beruhigung der Ängste politischer Eliten gedacht war, entpuppte sich als Ursache der Verängstigung ganzer Gesellschaften: die geplante Stationierung von Pershing II und Cruise Missiles in der Bundesrepublik, Großbritannien, Italien, Belgien und den Niederlanden (Oliver Bange).

Therapien

Die jahrelange Kampagne gegen Mittelstreckenraketen in Europa kann samt ihrer Vorläufer in den 1950er und 1960er Jahren als Versuch einer gesellschaftlichen Selbsttherapie gesehen werden. Angst öffentlich zu thematisieren war stets mit dem Anspruch der Bändigung, wenn nicht Überwindung von Angst verbunden. Es ging, wie ein beliebter Slogan der Zeit bedeutete, um die Suche nach »Wegen aus der Gefahr«. Massenproteste boten für dieses Ansinnen zweifellos die spektakulärste Plattform: Holger Nehring, Jörg Arnold und Susanne Schregel gehen im Detail darauf ein. Vergleichsweise bescheiden, aber nicht minder aufschlussreich waren »Gesprächsangebote« und »Gesprächsformen«, die von Dariusz Jarosz, Monique Scheer, Oksana Bulgakowa, Marcus M. Payk und Tim B. Müller vorgestellt werden: Politische und religiöse Gerüchte, Filme und intellektuelle Gegenentwürfe zur Angst. Jenseits aller thematischen und darstellerischen Differenz war ihnen zumindest eines gemein: Sie hielten über einen nennenswerten Zeitraum Phantasien in Beschlag und führen vor Augen, wie sich Kollektive mit extremen Herausforderungen und Belastungen arrangieren.

In Geheimberichten der politischen Polizei und der kommunistischen Partei ist dokumentiert, dass in Polen zwischen 1946 und 1956 ungezählte Gerüchte über einen unmittelbar bevorstehenden Krieg zwischen Ost und West im Umlauf waren. Keine Alltagsbeobachtung schien banal genug, um nicht zu einem untrüglichen Indiz aufgewertet zu werden, die Behandlung von Wäldern mit Baumschutzmitteln und Erlasse zur Förderung der Viehzucht eingeschlossen. Obwohl die Urheber nicht auszumachen sind, deutet doch vieles darauf hin, dass die illegale Opposition derlei Gerüchte als willkommenes Mittel zur Destabilisierung des Regimes begriff und nach Kräften förderte (Dariusz Jarosz). Anders als in Polen sorgten in Westeuropa umlaufende Kriegsgerüchte für großes öffentliches Aufsehen. Gemeint sind die in zahlreichen Ländern nach dem Test der ersten sowjetischen Atombombe im August 1949 kolportierten Berichte über Marienerscheinungen: »Wenn die Leute meinen [Marias] Wunsch nicht erfüllen, wird viel Blut fließen. [...] Dann werden die Russen kommen und euch erschlagen.« Allein in Oberfranken kamen 50000 Pilger zu einem Marienfest zusammen, um persönlich den apokalyptischen Visionen von »Sehermädchen« teilhaftig zu werden (Monique Scheer).

Wo auch immer derlei Gerüchte zur Sprache kamen und gleichgültig, ob die Angst politisch oder religiös eingefärbt war, das kommunikative Muster blieb stets dasselbe: Dramatisierung und Beschwichtigung, Übertreibung und Verniedlichung der Gefahr. Polen, die in Erwartung eines neuen Krieges Hamsterkäufe tätigten, Vieh schlachteten, Fenster verdunkelten oder die Begleichung von Rechnungen hinauszögerten, trösteten sich mit der Vorstellung, dass die Schlachten im Fernen Osten ausgetragen würden. Sollte der Krieg wider Erwarten das eigene Territorium heimsuchen, wäre mit einem schnellen und unblutigen Ende zu rechnen – weil die Rote Armee von »Schlafbomben« außer Gefecht gesetzt würde. Und je mehr west-europäische Katholiken davon überzeugt waren, dass Gott die vom Glauben Entfremdeten und Abtrünnigen mit Krieg bestrafen wollte, umso inniger hielten sie an ihrem Glauben fest, mit Gebet, Buße, Bekehrung und Maria als »himmlischer Alliierten« der Strafe letzten Endes entgehen zu können.

Im Laufe der Jahre scheinen sich die Akzente in Ost wie West verschoben zu haben. Angst bleibt zwar präsent, wird aber zugunsten einer selbstgewissen Furchtlosigkeit abgewertet. In diesem Sinne interpretieren Oksana Bulgakowa und Marcus M. Payk die Visualisierung des Kalten Krieges im sowjetischen Film und im bundesdeutschen Fernsehen. Im Grunde werden die Attribute des »bösen Anderen« nur noch zur Ausstaffierung einer bekannten Kulisse benötigt: Weil die jenseits der Grenze lauernden Feinde nicht anders können, gehen sie mit der üblichen Hinterlist ihrem verwerflichen Tagwerk nach. Entscheidend ist demgegenüber die Handlung auf der Bühnenmitte. Dort agieren die Repräsentanten einer von Ängsten befreiten, dem historischen Fortschritt verpflichteten Gesellschaft – optimistisch, sachlich, nüchtern, kontrolliert und vor allem sehr männlich. Therapeuten des Atomzeitalters, die im Zweifel mit allen Dämonen fertig werden.

In diesem Sinne wollten auch Protestbewegungen in den 1950er und frühen 1960er Jahren wahrgenommen werden. Sowohl die britische »Campaign for Nuclear Disarmament« als auch die bundesdeutsche Kampagne »Kampf dem Atomtod« hatten sich einer Semantik der Angst verschrieben, die es paradoxerweise darauf anlegte, Angst unsichtbar zu machen. Genauer gesagt: »im Begriff der ›Sicherheit‹ ruhigzustellen« (Holger Nehring). Selbst die bildlichen Repräsentationen des Krieges waren frei von Massentod und Leiden. Dem wissenschaftlichen und publizistischen Selbstbild der Zeit entsprechend, galt Angst als irrational und pathologisch und ihre Thematisierung als Ausweis persönlicher Unreife (Jörg Arnold). Auf eine strikte Kontrolle von Gefühlen bedacht, pflegten die Aktivisten Attribute wie Rationalität, Selbstdisziplin und Zurückhaltung. Und kopierten damit mehr oder minder bewusst die Attitüden jener Verteidigungsexperten und Rüstungsplaner, gegen die sie angetreten waren.

Auf den ersten Blick muten die Friedensdemonstrationen der 1980er Jahre wie eine Fortsetzung des gleichen Spiels unter umgekehrten Vorzeichen an. Statt so wenig wie nötig redeten die damaligen Aktivisten so viel wie möglich über Angst – als ginge es um eine politische Produktivkraft, von deren nachhaltiger Mobilisierung der Erfolg der Bewegung und letztlich das Schicksal des Planeten abhingen. Frank Biess spricht deshalb von einer neuen »politischen Wertigkeit von Angst«, Jörg Arnold von einer »Motivationsquelle für politisches Handeln«. Da Subjektivität als Essenz des Politischen gesehen wurde, waren politische Subjekte normativ gehalten, Emotionen zu zeigen und von Dritten emotionale Bekenntnisse einzufordern. Andererseits sollte man, wie Susanne Schregel betont, derlei Selbstthematisierungen nicht mehr – oder zumindest nicht in erster Linie – als Spiegelung außenpolitischer Krisen und Spannungen sehen. Sie wurzelten vielmehr in einer seit den 1960er Jahren virulenten Gegenkultur, die vor allem eines einforderte: das Nachdenken über die eigene Gesellschaft aus den Zwängen und Postulaten des Kalten Krieges zu lösen. Tim B. Müller vernimmt mit gutem Grund das Echo von Intellektuellen wie Herbert Marcuse, Franz Neumann und Stuart Hughes, die Jahrzehnte zuvor in ihren amerikanischen Nischen an Gegenentwürfen zu einer »von Angst und Konformitätsdruck versehrten Gesellschaft« gefeilt hatten. So gesehen, hätten wir es in der Tat mit einer erfolgreichen Selbsttherapie zu tun. Die Diskussion ist eröffnet.

Desiderata: Ängste der Eliten ...

Des Weiteren wird künftig über eine Beobachtung zu diskutieren sein, die Susanne Schattenberg in ihrem Beitrag zu Nikita Chruschtschow darlegt: die obsessive Angst politischer Akteure. Vom Westen nicht ernst genommen, herablassend behandelt oder in seiner Ehre verletzt zu werden – protokollarische Kleinigkeiten reichten aus, um den sowjetischen Parteichef zur Geisel seiner Ängste zu machen. Die Ergebnisse sind bekannt: erratische Auftritte voller Beleidigungen und Drohgebärden, ein politisches Voodoo, das ebenso zur Bestätigung seiner selbst gedacht war wie als Ermahnung an den Westen, der Sowjetunion endlich jene Achtung entgegenzubringen, die ein mächtiger Staat verdiente. Dass es Schwierigkeiten bereitete, dieses Verhalten so zu deuten, wie es gemeint war, liegt auf der Hand; vielfach fehlte es auch am Willen zum Verständnis. Dafür war die Versuchung umso größer, die Angst vor dem vermeintlich Unberechenbaren zu schüren und jene Pathologien zu pflegen, die für die periodische Selbstbestätigung aller kalten Krieger unerlässlich waren.

In der Tat fand sich Chruschtschow in auffallend großer Gesellschaft, wie ein Blick in die Nachlässe führender Politiker und Militärs zur Genüge belegt. Interne Memoranden und öffentliche Stellungnahmen künden von der Sorge um Prestige, nationale Erniedrigung und Kontrollverlust, von der Demütigung, Schwäche zu zeigen oder als schwach wahrgenommen zu werden. Dergleichen ist aus der Geschichte der Diplomatie wohlbekannt. Der Kalte Krieg freilich scheint wie ein Treibhaus zur hypertrophen Züchtung solcher Empfindungen gewirkt zu haben. Darauf deutet die Virulenz von Kastrationsängsten und Impotenzphantasien hin, ferner eine sexualisierte Rhetorik, die Lyndon B. Johnson und Josef Stalin zu sprachlich ebenbürtigen Konkurrenten machte. Sich selbst immer wieder der eigenen Stärke zu vergewissern und gegenüber anderen Entschlusskraft und Glaubwürdigkeit demonstrieren zu wollen, ist eine naheliegende Konsequenz. Dass dieses Bestreben allerdings zwanghafte Züge annahm und fortwährend zu einer Verwechslung von Entschiedenheit mit Draufgängertum Anlass gab, geht auf das emotional überzogene Konto des Kalten Krieges.

Dieses grob gerasterte Bild bedarf der weiteren Bearbeitung. Anknüpfend an der Fallstudie von Susanne Schattenberg wäre etwa zu fragen: Lassen sich die Ursachen dieser zeittypischen Ängste genauer bestimmen? Wie schwer wiegen in der Vergangenheit gemachte Erfahrungen? Sind persönliche Idiosynkrasien im Spiel? Sitzt man in selbstgestellten Fallen, etwa der eigenen Propaganda, fest? Wie werden Informationen, die Angst befördern oder dämpfen, kommuniziert? Ist Angst mit spezifischen Wahrnehmungsmustern – rassistischen oder nationalistischen Zuschnitts etwa – in Verbindung zu bringen? Wie sind die kognitiven und emotionalen Anteile des Angstempfindens verteilt? Lässt sich über diese Verteilung Zuverlässiges sagen? Schließlich und endlich wissen wir noch immer zu wenig über den Zusammenhang von Angst und politischer Praxis: Welche Entwicklungen des Kalten Krieges lösen genuine Ängste aus? Und wie wirken diese Ängste ihrerseits auf den politischen Entscheidungsprozess zurück?

... und Vertrauen in Eliten

Dass in einer Zeit verängstigter Eliten die Vertrauenswürdigkeit von Eliten über alle Maßen beschworen wurde, gehört zu den Ironien des Kalten Krieges. Oder zu den unhintergehbaren Notwendigkeiten seiner Inszenierung. In jedem Fall avancierte der »Experte« in den 1950er und 1960er Jahre zum Lehrer aller westlichen Nationen: »Verteidigungsintellektuelle« traten als souveräne Ratgeber der Politik in Erscheinung, »Katastrophenexperten« erfreuten sich eines hohen Prestiges, Autoren von Ratgeberliteratur jedweder Art konnten auf einen schier unersättlichen Markt setzen. Auch die Anzeigenredakteure von Collier’s wussten um diesen Trend. Als das Oktoberheft des Jahres 1951 erschien, stand der reichbebilderten Vorschau auf den Dritten Weltkrieg ein nicht minder opulenter Werbeteil mit einer in allen Variationen illustrierten Botschaft gegenüber: Tödliche Gefahren mögen überall lauern, aber vertrauenswürdige Fachmänner beherrschen die Risiken im Großen wie im Kleinen – Mediziner, die den Kampf gegen scheinbar unheilbare Krankheiten aufgenommen haben; Erfinder, die den Straßenverkehr sicherer machen oder zuverlässige Flugzeuge bauen; Unternehmer, die zum Nutzen amerikanischer Verbraucher hinterlistigen Ausländern das Handwerk legen; Versicherungsvertreter, die für den Fall der Fälle nachhaltige Vorsorge anbieten.

Hinterlässt dergleichen auch im Verständnis von Politik seine Spuren? Ist bedingungsloses Vertrauen in Eliten der Zwilling einer Politik der Angst? Falls ja, wie ist es dann um das Grundprinzip jeder republikanisch-demokratischen Verfassung bestellt – dass sich Politik in erster Linie durch Verfahren zu legitimieren hat und dass Vertrauen nur verdient, wer auch jederzeit institutionalisierten Kontrollverfahren unterliegt? In diesem Sinne leitet das Nachdenken über Angst nahtlos zu einem weiteren Kernproblem über: Entscheiden im Kalten Krieg.

 

Aus: Band 5, "Angst im Kalten Krieg"

13:13 07.01.2016

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