Blinder Fleck

Leseprobe "Mit der Blitzoffensive gegen Mossul stieg ISIS wie Phönix aus der Asche und kehrte machtvoller und effektiver als je zuvor wieder in sein Stammland zurück. Wie war das möglich?"
Blinder Fleck
Foto: Ahmad Al-Rubaye/AFP/Getty Images

Kapitel Eins
Wie Phönix aus der Asche: Die Rückkehr des "Islamischen Staates"

Der Angriff auf Mossul im Juni 2014

Der 9. Juni 2014 markiert einen Wendepunkt in der langen Geschichte blutiger Auseinandersetzungen im Nahen Osten. An diesem Tag - einem Donnerstag, an dem sich die Muslime überall auf der Welt auf den religiösen Ruhetag der Woche vorbereiteten - begann die dschihadistische Terrormiliz "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS) unter ihrem Anführer Abu Bakr al-Baghdadi einen gut vorbereiteten Angriff auf die irakischen Regierungstruppen in und um Mossul. Für die von Schiiten dominierte Regierung in Bagdad kam die von 1.500 ISIS-Kämpfern ausgeführte Blitzoffensive gegen Mossul, die Hauptstadt der fast rein sunnitischen Provinz Ninawa, wie aus heiterem Himmel. Die militärische Gesamtstärke des ISIS hat man für Juni 2014 auf 6.000 Mann geschätzt - eine verschwindend kleine Zahl, zumal wenn man sie mit Bagdads Streitkräften vergleicht. Diese wiesen damals - zumindest auf dem Papier - eine Mannschaftsstärke von 350.000 Mann auf, von denen 50.000 Soldaten in Mossul stationiert waren. Dass der "David" des ISIS ungeachtet des Überraschungsmoments etwas gegen den "Goliath" aus Bagdad würde ausrichten können, wäre keinem Beobachter in den Sinn gekommen.

Al-Baghdadis Vorgänger, der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi, hatte die Organisation 1999 unter dem Namen "Gotteseinheit und Heiliger Krieg" (al-tauhid wa al-jihad) gegründet, bevor er in den Kampf gegen die US-Besatzungsmacht zog, die das Land an Euphrat und Tigris nach dem Irakkrieg von 2003 beherrschte. Nachdem Zarqawi gegenüber dem Führer von Al-Qaida, Usama Bin Ladin, einen Treueschwur (baia) abgelegt hatte, entschloss er sich im Oktober 2004, seine Organisation in "Al-Qaida im Irak" (AQI) umzubenennen. Mit der zumindest nominellen Anbindung an die legendäre Al-Qaida von Bin Ladin verfolgte Zarqawi ein ganz bestimmtes Ziel: Er wollte sein Renommee unter anderen dschihadistischen Gruppen im Irak heben und ihnen Sympathisanten und Kämpfer abspenstig machen. Sein Kalkül ging auf, machte ihn jedoch zu einem Hauptgegner der US-Truppen im Irak: Im Juni 2006 gelang es US-Spezialeinheiten, Zarqawi zu töten. Sein erster Nachfolger, Abu Omar al-Baghdadi (2006-2010), setzte jedoch den Kampf fort und benannte die Organisation in "Islamischer Staat im Irak" (ISI) um. Seit 2008 militärisch erheblich geschwächt, verlor ISI stark an Einfluss im Irak. Nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im April 2011, in dem es neuen Bedarf an Kämpfern für den Heiligen Krieg, den Dschihad, gab, verlagerte ISI deshalb einen Großteil seiner Aktivitäten nach Syrien. Zu dieser Zeit benannte Abu Bakr al-Baghdadi die Organisation, dem erweiterten Wirkungsgebiet entsprechend, in "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS) um. Mit der Blitzoffensive gegen Mossul stieg ISIS wie Phönix aus der Asche und kehrte machtvoller und effektiver als je zuvor wieder in sein Stammland zurück.

Bei seiner Offensive stützte sich ISIS nicht nur auf Geheimberichte lokaler Informanten, sondern auch auf die massive Hilfe mehrerer hunderttausend lokaler Sympathisanten und Unterstützer. Wie war das möglich? Mossul, mit knapp zwei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Irak, war seit den 1960er Jahren eine Hochburg der Anhänger des Regimes von Saddam Hussein. Und sie blieb es bis heute. Ein großer Teil der Führungskader der Saddam ergebenen Baath-Partei sowie der Militärkräfte und Nachrichtendienste stammte aus Mossul und seinem Umland. Nach dem Irakkrieg und dem Fall Saddam Husseins im April 2003 tauchten Tausende von Baath-Kadern in den Untergrund ab, sehr viele von ihnen in Mossul. Unter ihnen waren auch Saddam Husseins Söhne Qusay und Uday. Aufgespürt von US-Spezialeinheiten, lieferten sie sich in Mossul im Juli 2003 mit ihren amerikanischen Verfolgern ein letztes tödliches Gefecht.

Von 2006 bis 2008 tobte im Irak ein konfessioneller Bürgerkrieg zwischen bewaffneten Milizen der Schiiten und Sunniten, den beide Seiten mit großer Grausamkeit führten. Sein Hauptschlachtfeld war die sechs Millionen Einwohner zählende Hauptstadt Bagdad. In diesem urbanen Häusermeer, das nach Fläche und Einwohnerzahl fast doppelt so groß ist wie Berlin, kam es während jener zwei Jahre zu blutigen religiösen Säuberungen ganzer Stadtviertel. Am Ende der Kämpfe hatten die Schiiten Bagdads ihre Wohngebiete und ihren Einfluss auf Kosten der unterlegenen Sunniten erheblich ausgedehnt - mit der Folge, dass schätzungsweise mehr als eine Million Sunniten, freiwillig oder gezwungenermaßen, Bagdad verließen. Mehrere hunderttausend verbitterte und verarmte Sunniten fanden in Mossul eine neue Heimat oder wurden dort im Einklang mit uralten Traditionen tribaler Solidarität von Stammesverwandten aufgenommen. Ihr Zuzug vergiftete noch vollends die bereits vorhandene Atmosphäre in Mossul und den anderen sunnitischen Provinzen im Nordirak - dort herrschte eine Stimmung, die von tiefem Misstrauen, Ablehnung und Hass gegenüber der schiitisch dominierten Zentralregierung in Bagdad beherrscht war.

Zwei weitere Geschehnisse spielten ISIS in die Hände. Der erste Faktor war der erneute Seitenwechsel vieler Milizionäre der islamischen Erweckungsräte (sahwa). Die Bezeichnung sahwa ist ein Sammelbegriff für diverse sunnitische Stammesmilizen, die sich ab Ende 2006 von "Al-Qaida im Irak" (AQI), der Vorläuferorganisation von ISIS, abgewendet hatten. Washingtons Versprechen von größerer politischer Teilhabe und regelmäßigen monatlichen Soldzahlungen Glauben schenkend, waren sie auf die Seite der US-Okkupationstruppen und der von ihnen unterstützten irakischen Regierung übergetreten. Die Unterstützung durch die Sahwa-Milizen war einer der Gründe, warum die US-Armee den Bürgerkrieg 2008 beenden konnte. Als jedoch Washingtons Generäle ab 2009 im Zuge des vereinbarten schrittweisen Abzugs der US-Truppen die militärische Verantwortung für das Land schrittweise der irakischen Zentralregierung übergaben, begann auch der Stern der Sahwa-Milizen langsam wieder zu sinken. Iraks neuer starker Mann, Premierminister Nuri al-Maliki, kam seinem gegenüber den USA abgegebenen Versprechen nur halbherzig nach. Anstatt sämtliche Sahwa-Milizen in die irakischen Streitkräfte zu integrieren, geschah dies nur für einen kleinen Teil von ihnen, und selbst das nur befristet und unter Vorbehalten. Als die USA Ende 2011 ihre Truppen ganz abgezogen hatten, entzog Maliki vielen der in die irakischen Streitkräfte integrierten Sahwa-Milizionäre den Monatssold.

Der zweite Umstand war die gezielte Politik der Ausgrenzung von wichtigen sunnitischen Politikern, die Premierminister Maliki nach seiner Wiederwahl 2010 noch entschiedener als zuvor praktizierte. Einige dieser Politiker, die Maliki vermutlich als Rivalen und Hemmnisse ansah, wurden unter fadenscheinigen Vorwürfen ihrer politischen Ämter enthoben und gerichtlich verfolgt. Malikis autoritärer Regierungsstil brachte ihm auch von Seiten zivilgesellschaftlicher Gruppen den Vorwurf des Machtmissbrauchs ein. Daraufhin kam es 2012 und 2013 zu zahlreichen friedlichen Protestdemonstrationen in sunnitischen Städten gegen seine Regierung. Nicht gewillt, dieser Welle an Protesten mit Zugeständnissen die Spitze zu nehmen, verlegte sich Maliki auf einen Kurs der Repression und befahl den Sicherheitskräften, die Demonstrationen gewaltsam aufzulösen - was im April 2013 in einem Massaker an Unschuldigen kulminierte. Maliki-treue Sicherheitskräfte töteten in Hawija 41 friedliche Demonstranten, die sich in einem Akt zivilen Ungehorsams in einem Friedensprotestcamp auf den Boden gesetzt hatten. Mehrere hundert andere wurden verletzt.

Damit hatte Maliki unwissentlich den Rubikon überschritten. Denn seither betrachtete die große Masse der irakischen Sunniten Premierminister Maliki als ihren Feind. Dass der erneute Aufschwung von ISIS im Irak just Ende 2013 einsetzte, ist somit keine Laune des Schicksals: Er fällt zusammen mit Fehlentwicklungen beim Aufbau der Armee des Irak, der Ende 2003 begann, nachdem die USA die alte irakische Armee aufgelöst hatten. Die neue Armee, die mit US-amerikanischer Hilfe entstand, wurde als eine weitgehend schiitische Armee aufgebaut. Das hatte damit zu tun, dass die Amerikaner sich seit Ende 2003 einem weitgehend sunnitischen Aufstand gegenübersahen und Schiitenparteien die Wahlen von 2005 und damit die Regierungsmacht gewannen. Der 2010 neugewählte Premierminister Maliki sah die Schiiten als seine Machtbasis an und handelte dementsprechend, indem er die Schiitisierung der Armee weiter vorantrieb. Die neuen Offiziere wurden nach dem Kriterium politischer Loyalität zu Maliki ausgesucht - sie erwiesen sich als ebenso unfähig wie korrupt.

In den sunnitischen Landesteilen verhielt sich diese Armee wie eine Besatzungsarmee. Sie bewirkte dadurch, dass die arabischen Sunniten des Nordwestens des Irak zuerst ein Jahr lang protestierten. Später gingen sie, provoziert durch die Haltung der Regierung und ihrer Armee, zum bewaffneten Widerstand über. Entscheidende Unterstützung fanden die durch ISIS dominierten sunnitischen Dschihadisten des Widerstands im Untergrund. Insgesamt verstärkte Maliki mit seiner Politik den Groll und die große Unzufriedenheit unter vielen Sunniten, die sich ohnehin als gedemütigte Verlierer der unter der Ägide der USA erfolgten politischen Neuordnung des Irak fühlten. Das sollte sich für Maliki schließlich im Juni 2014 rächen. Mehrere unterschiedliche Gruppierungen und Kräfte der Sunniten, die nichts außer ihrer gemeinsamen Ablehnung des Machtmonopols der Schiiten einte, trieb er mit seinem unnachgiebigen Vorgehen in die Arme von ISIS. Es bildete sich nun ein sunnitisches Dreierbündnis aus dschihadistischen Glaubensfanatikern, frustrierten Moderaten aus der urbanen Mittelklasse, den Stämmen und Sahwa-Milizen sowie aus entmachteten Baath-Parteikadern und entlassenen Offizieren: ISIS sollte hierbei den Ton angeben.

Das Feld war also bereitet, als die ISIS-Offensive im Juni 2014 auf Mossul zurollte. Innerhalb von zwei Tagen hatte ISIS die gesamte Stadt, die mehr Einwohner als Hamburg hat, sowie große Gebiete nördlich, westlich und südlich von ihr erobert. Eine erstaunliche Tatsache, denn den ISIS-Kämpfern standen doch in und um Mossul mehr als 50.000 Mann der Regierungstruppen gegenüber, die ihnen zahlenmäßig haushoch überlegen und zudem noch mit modernsten amerikanischen Waffen ausgerüstet waren! Doch der Entschlossenheit ihrer hochmotivierten, disziplinierten Gegner, die zudem noch von einer Welle der Unterstützung von Teilen der lokalen Bevölkerung getragen waren, hatte Bagdads Armee nichts entgegen zu setzen.

Anders ausgedrückt: Der ISIS-Vormarsch ging mit einer gegen Bagdad gerichteten sunnitischen Volkserhebung einher. Diese Volkserhebung machte sich ISIS zunutze, indem sie sich an ihre Spitze stellte, sie koordinierte und bald auch dominierte. Dagegen war Iraks Armee machtlos. Ihre mehrheitlich schiitischen Soldaten verfügten zudem über eine geringe Kampfmoral und hatten nur eine lediglich rudimentäre militärische Ausbildung. Außerdem wurden sie von äußerst korrupten Offizieren geführt. So verwundert es nicht, dass binnen weniger Stunden nach dem Einmarsch der ISIS-Einheiten die irakischen Offiziere und Soldaten das Weite suchten. In panischer Furcht warfen sie ihre Uniformen weg und überließen ihre Waffen kampflos dem Feind. Bei der Plünderung des Hauptquartiers des dritten Armeeregiments in Mossul fiel dem ISIS neues und hocheffizientes Kriegsgerät aus US-Rüstungsschmieden im Wert von etwa 1,5 Milliarden US-Dollar in die Hände, darunter schwere konventionelle Waffen wie Panzer, Schützenpanzer, Haubitzen und Flakwerfer. Von diesem gewaltigen Bestand erbeuteter Waffen, die der ISIS bald sowohl im Kampf gegen die kurdischen Peschmerga im Irak und in Syrien als auch in den Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Dschihadisten in Syrien anwenden sollte, konnte die Truppe noch lange zehren.

Die Offensive von Mossul markiert den Beginn eines zweiten konfessionellen Bürgerkriegs im Irak. Doch obwohl auch dieses Mal vor allem Sunniten gegen Schiiten kämpften, war der interne Aufbau der gegnerischen Lager ein anderer. Anders als im ersten Bürgerkrieg von 2006 standen sich nicht zahlreiche nichtstaatliche Akteure in Gestalt von zumeist unkoordiniert operierenden sunnitischen und schiitischen Milizen gegenüber, die vor allem in wenigen dichtbesiedelten Großstädten gegeneinander fochten. Stattdessen kämpfte dieses Mal auf der einen Seite ein von ISIS geführtes sunnitisches Bündnis gegen die von Schiiten dominierte Zentralregierung, deren Ausgrenzungspolitik einen Großteil der Sunniten zu Feinden gemacht hatte. Im Unterschied zum Bürgerkrieg von 2006 fanden die Kämpfe nun sowohl in dünnbesiedelten ländlichen Regionen wie auch in Großstädten statt. Und anders als 2006 richtete ISIS seine Offensiven nun auch gegen die Kurden, was die Kurden wiederum in ein gemeinsames Abwehrbündnis mit Bagdad zwang. Und noch ein weiterer wichtiger Unterschied zu 2006 zeigte sich: Durch den transnationalen Akteur ISIS, dessen Operationsgebiet sich sowohl auf irakisches wie auch syrisches Territorium erstreckte, war der zweite Konfessionskrieg im Irak nun direkt mit dem Bürgerkrieg verknüpft, der seit 2011 in Syrien herrschte. Die Konflikte im Irak und Syrien befeuerten sich also gegenseitig, was angesichts der gewachsenen Zahl externer und interner Akteure ein Entwirren dieses transnationalen Problemknäuels extrem erschwerte.

Im Zuge der Eroberung von Mossul ergriff eine halbe Million der Stadtbewohner die Flucht, unter ihnen auch Athil al-Nujaifi, der Gouverneur der Provinz. Die allermeisten wandten sich jedoch nicht in den überwiegend schiitischen Süden, sondern brachten sich auf dem autonomen Territorium der kurdischen Regionalregierung von Massoud Barzani in Sicherheit. In Mossul befreite ISIS mehrere tausend unter Terrorverdacht einsitzende sunnitische Häftlinge aus den Gefängnissen. In Badoush, Mossuls Hauptgefängnis, luden ISIS-Kämpfer am 10. Juni 2014 etwa 1.550 Insassen auf Lastwagen und fuhren sie zu einer nahegelegenen Schlucht. Dort schieden sie die Gefangenen in Sunniten und Schiiten. Die Schiiten wurden mit einer Eins beginnend nummeriert und mussten sich mit hinter dem Nacken gefalteten Händen an der Bruchkante der Schlucht niederknien. Dann befahlen die ISIS-Kämpfer jedem Gefangenen, seine Nummer laut auszurufen, woraufhin er mit Schüssen in Kopf und Genick getötet wurde. Nach Angaben der US-amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) und dem Menschenrechtsbüro der United Nations Assistance Mission in Iraq (UNAMI) in Bagdad, die sich beide auf Aussagen von Augenzeugen und Überlebenden stützen, hat ISIS an diesem Tag zwischen 600 und 750 Gefangene ermordet. Die allermeisten von ihnen waren Schiiten neben einer kleinen Zahl von Yeziden und Kurden.

Bei der Plünderung von staatlichen und privaten Banken erbeutete der ISIS in Mossul einen Betrag von 600 Millionen US-Dollar. Das Gesamtvermögen von ISIS (in Geld und Waffen) soll schon vorher bei 875 Millionen US-Dollar gelegen haben. Nun waren die Kriegskassen so gut gefüllt, dass der ISIS sie auch dazu verwenden konnte, um quasi-staatliche Funktionen und soziale Dienstleistungen zu finanzieren, die dem ISIS den notwendigen Rückhalt in Teilen der lokalen Bevölkerung sicherten.

Nach den Siegen im Nordirak hielt der ISIS nicht inne, sondern setzte seinen Eroberungszug nach Süden fort und eroberte fast kampflos am 12. Juni 2014 Takrit, die Hauptstadt der Provinz Salahudin und zugleich der Geburtsort des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein. Nach der Einnahme von Takrit hatten 3.000 irakische Soldaten vor den ISIS-Truppen kapituliert und sich in der vormals US-amerikanischen Militärbasis "Camp Speicher" ergeben. Als sie unbewaffnet und in Zivilkleidung aus ihrer Kaserne heraustraten, um sich in Gefangenschaft zu begeben, teilten die ISIS-Kämpfer sie in sunnitische und schiitische Gefangene ein. Danach wurden alle Schiiten in drei aufeinander folgenden Exekutionswellen erschossen und in Massengräbern verscharrt. Ein im September 2014 veröffentlichter Bericht von Human Rights Watch, der sich auf Zeugenaussagen und Luftbildaufnahmen der Gräber stützt, geht von bis zu 770 Ermordeten aus.

Wenige Tage nach dem Fall von Takrit hatten ISIS-Einheiten schon die weiter südlich liegende, ökonomisch wichtige Ölraffinerie-Stadt Baidschi, knapp 80 Kilometer nördlich von Bagdad, erreicht und große Teile der Anlagen in ihre Gewalt gebracht. Erst im Gebiet zwischen Baidschi und Takrit brachten irakische Regierungstruppen und zu Hilfe geeilte Kampfverbände schiitischer Milizionäre aus Bagdad den ISIS-Vormarsch zum Stehen. Während sich im Süden die Front zu stabilisieren begann, übernahm die Terrormiliz-Gruppe im Norden und Westen die Kontrolle über mehrere Ölfelder und den größten Staudamm des Irak, die Talsperre von Mossul.

Dass sich Unheil ankündigte, hätte die Maliki-Regierung bereits im Frühjahr 2014 ahnen können, als ISIS in der notorisch unruhigen Westprovinz Anbar wieder aufgetaucht war. Im März 2014 hatten kleine hochmobile und mit wendigen Pritschenwagen ausgestattete ISIS-Kampftrupps eine Reihe von kleinen Ortschaften und militärischen Außenposten eingenommen. Zudem waren seit Jahresbeginn Hunderte sunnitischer Soldaten in der an Syrien grenzenden Provinz desertiert und zu ISIS übergelaufen. Im April fiel Falluja, die alte Hochburg sunnitischer Rebellen, in die Hände von ISIS: Spätestens dort zeigte sich, dass die ISIS-Einheiten den immobilen Regierungstruppen deutlich überlegen waren. Wenig später machte al-Baghdadis Terrortruppe weitere Geländegewinne und konnte sogar mehrere Stadtviertel von Ramadi, der Provinzhauptstadt, unter ihre Kontrolle bringen und den Regierungstruppen gefährlich nahe auf den Leib rücken. Falluja und Ramadi eröffneten ihnen ein potenzielles Einfallstor nach Bagdad, wo ISIS-Truppen sich bis Mai in die unmittelbare Nähe des im Westen von Bagdad gelegenen internationalen Flughafens der Hauptstadt vorkämpften. Im Zuge der ISIS-Offensive musste die Zentralregierung im April 2014 sogar das im Westen Bagdads gelegene berüchtigte Gefängnis von Abu Ghraib räumen lassen, da es mitten im Kampfgebiet stand. Vor der Räumung war es ISIS-Kommandoeinheiten bei einem Überfall geglückt, knapp 1.000 inhaftierte dschihadistische Gesinnungsgenossen zu befreien.

Kurzum: Mitte Juni 2014 hatte ISIS mit seinem Vormarsch die Karten im Spiel um die Macht im Irak völlig neu gemischt. ISIS verdankte seinen Sieg der Zusammenarbeit mit Ex-Baath-Offizieren und einem Teil der Stammeserweckungsräte, die unter Führung des ISIS ein gegen die Schiiten in Bagdad gerichtetes Bündnis schlossen. Ohne die Unterstützung der Baath-Aktivisten hätte der ISIS auch die Millionenstadt Mossul niemals einnehmen können. Seit 2003 im Untergrund aktiv und den Blicken offizieller Stellen entzogen, hatten Parteigänger der alten Baath-Partei in Teilen der Stadt eine parallele Schattenregierung aufgebaut, die mit effizienten Nachrichtennetzwerken und Verwaltungsstrukturen agierte. Darauf konnte ISIS aufbauen. Geheime Finanzdokumente des ISIS, die später westlichen Nachrichtendiensten in die Hände fielen, belegen, dass die Organisation in Mossul bereits vor der Juni-Offensive durchschnittlich 10-12 Millionen US-Dollar monatlich aus Schutzgelderpressung einnahm. Obendrein fanden sich auch unter den führenden ISIS-Kommandeuren auffällig viele frühere hochrangige Baath-Offiziere der alten Armee und der Republikanischen Garden, die beide 2003 von den USA aufgelöst worden waren. Ohne deren Kampferfahrung, militärtaktisches Geschick und Professionalität hätte ISIS nicht in so kurzer Zeit derart große Geländegewinne machen können.

[...]

11:52 25.06.2015

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