Sein und Werden

Leseprobe "Der langwierige Arbeitsprozess für Film und Buch haben mir vor Augen geführt, dass Resignation und Verzweiflung keine Option sind und ganz sicher nicht zu einer Veränderung führen."
Sein und Werden
Foto: Jaafar Ashtiyeh/AFP/Getty Images

Vorwort

Der 4. November 1995 war der Tag, an dem sich mein Leben von Grund auf verändert hat. Seit jener schrecklichen Nacht, in der Ministerpräsident Jitzchak Rabin von einem jüdischen Attentäter ermordet wurde, begleitet mich ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit, was die Möglichkeit angeht, im Staat Israel jemals eine bessere Zukunft für unsere Kinder zu schaffen. Schimon Schewes, Rabins Vertrauter und Bürochef, hat dieses Gefühl damals treffend auf den Punkt gebracht: »Mein Staat ist mir verloren gegangen«, sagte er, und das Echo seiner Worte hallt in mir bis heute nach. Vielleicht flackerte ein Hoffnungsfunke auf, als Ehud Barak zum Ministerpräsidenten gewählt wurde und den »Anbruch eines neuen Tages« ankündigte, doch auch dieses Fünkchen erlosch ziemlich rasch. Die meisten Leute in meiner näheren Umgebung sind seither in Fatalismus verfallen und haben sich mit unserer misslichen existenziellen Situation abgefunden. Ständige Kampfbereitschaft scheint bis auf Weiteres unser Schicksal zu sein, verbunden mit dem erstickenden Gefühl, in einer Sackgasse gelandet zu sein. »Eine Hand am Abzug und eine Hand am Pflug«, formulierten es die Väter des Zionismus, und nach dieser Maxime werden wir hier noch auf unabsehbare Zeit leben müssen. Ganze Schichten der israelischen Gesellschaft haben die Hoffnung, der israelisch-palästinensische Konflikt könne jemals gelöst werden, aufgegeben. Wir haben uns an den hohen Preis, den die israelische Gesellschaft für das Leben auf der Schneide des Schwertes zu zahlen hat, so sehr gewöhnt, dass wir ihn schon fast nicht mehr bemerken. Die Aussichtslosigkeit und der Wunsch, zu verstehen, wie wir in diese Lage geraten sind, haben mich veranlasst, den Dokumentarfilm zu drehen, der im Original den Titel »Die Wächter der Schwelle« (engl. »Gatekeepers«) trägt.

Die Inspiration zu meinem Filmprojekt kam aus mehreren Quellen. Eine von ihnen war der 2003 mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm »The Fog of War« des amerikanischen Regisseurs Errol Morris. Morris interviewt in diesem Film Robert McNamara, der von 1961 bis 1968 amerikanischer Verteidigungsminister war und mit dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und dessen Nachfolger Lyndon Johnson zusammengearbeitet hat. An seinem Film beeindruckte mich die Kraft, die ein Zeugnis aus erster Hand besitzt, ein Zeugnis aus dem innersten Kern, von dort, wo Amerikas strategische Entscheidungen fallen. Ich staunte über die Enthüllung der Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden, die das Schicksal von Millionen Menschen bestimmen. Der Film und Robert McNamara blicken zurück und analysieren im Nachhinein die Qualität der getroffenen Entscheidungen, wobei sie den zerstörerischen Einfluss simpler Fehler bei der Einschätzung der Lage bloßlegen.

Ein weiterer Anstoß zu meinem Film »Die Wächter der Schwelle« war ein Gespräch, das ich für einen anderen Film führte: »Scharon«. In diesem Film wollte ich anhand von Interviews mit Personen aus dem innersten Kreis des damaligen Ministerpräsidenten Arik Scharon ergründen, was ihn zu der Entscheidung gebracht hatte, die Siedlungen im Gazastreifen zu räumen. Was hatte den ›Vater der Siedlungen‹ veranlasst, 17 Siedlungen im Gazastreifen und vier weitere im Westjordanland, deren Errichtung er selbst in die Wege geleitet hatte, zu evakuieren? Dov Weissglas, Scharons Bürochef von 2003 bis 2006, erklärte mir: »Die Genfer Friedensinitiative für den Nahen Osten aus dem Jahr 2003 legte ein politisches Programm vor, das nicht auf dem Versiegen des Terrors als Vorbedingung bestand. Die Tatsache, dass ein solches Programm von 40 Prozent der Bevölkerung unterstützt wurde, bereitete Ariel Sorgen. Er sah darin ein Zeichen der Schwäche, der Müdigkeit und einer großen Sehnsucht nach einem Abkommen, die er nicht mehr ignorieren durfe. Schauen Sie mal, sagte er mir, so viele Menschen sind zum Verzicht auf das bereit, was in unseren Augen das Basisaxiom darstellt; sie sind bereit, auf den Grundsatz zu verzichten, dass es keine politische Vereinbarung geben kann, solange der Terrorismus sich auf dem Gebiet der Palästinensischen Autorität noch frei bewegt. Scharon stand vor einem Problem. Andere Dinge kamen hinzu, wie das Interview mit vier ehemaligen Chefs des Schin Bet, wie der Brief der Kampfpiloten und der Brief der Offziere aus dem Generalstab. Das war nun kein Protest mehr aus den Reihen jener Gruppen, die wir als Protestler kannten, von Wehrdienstverweigerern und der extremen Linken, die wir, sagen wir mal, nicht weiter ernst nahmen. Was Scharon betraf, so betrachtete er diesen neuen und anderen Protest als etwas, mit dem man sich ernsthaft auseinandersetzen musste. Einen Teil der Namen kannte er, er wusste, dass es sich um Leute handelte, denen nicht nur Israels Sicherheit am Herzen lag. Es waren Bürger und Kämpfer, die viel zur Sicherheit des Staates beigetragen und ihr persönliche Opfer gebracht hatten. All das führte dazu, dass er die Dinge aus einer anderen Perspektive sah. Das Problem war kein rein politisches mehr; es musste als inneres Problem unserer Gesellschaft verstanden werden.«

Ich weiß noch gut, dass aufgrund der Worte von Weissglas die Idee Gestalt annahm, alle ehemaligen Schin-Bet-Chefs zu interviewen und anhand ihrer Geschichte auch die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts seit 1967 zu erzählen. Die Chefs des Schin Bet selbst fragten mich mehr als einmal, warum ich gerade sie ausgewählt hätte. Die Antwort lautet ganz einfach: Weil der israelisch-palästinensische Konflikt ihr Spezialgebiet ist. Der innere Geheimdienst kennt sich hier besser aus als jede andere israelische Institution. Und seine Chefs spielten eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des modernen Nahen Ostens. Sie waren immer in das rätselhafte Geschehen verstrickt, kannten alle Geheimnisse, standen dem Ministerpräsidenten zur Seite. Sie gingen an der Spitze ihrer Leute gegen den Terror und gegen die inneren und äußeren Bedrohungen der israelischen Demokratie vor. Ihre Meinungen und Einschätzungen beeinflussten die Politik der Regierung im Westjordanland und im Gazastreifen. Sie entschieden nicht selten über Leben und Tod.

Sie waren dabei, als Israel während des Sechstagekrieges die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, Judäa und Samaria sowie den Gazastreifen im Sturm eroberte und über Nacht zu einer regionalen Macht wurde. Sie waren dabei, als die Anhänger des Gusch-Emunim-Blocks sich während der Amtszeit der ersten Rabin-Regierung und mit ihrer Unterstützung in Sebastia in Nordsamaria niederließen. Sie waren dabei, als der jüdische Untergrund aufflog, der Attentate auf arabische Bürgermeister verübt hatte und der die Zerstörung des Felsendoms plante, um den Gog-Magog-Krieg auszulösen. Sie waren dabei, als die erste Intifada ausbrach und wir noch meinten, wir könnten ›ihnen die Knochen brechen‹. Sie durften bei der feierlichen Unterzeichnung der Oslo-Abkommen dabei sein, aber sie mussten auch miterleben, dass religiöse Nationalisten über einen amtierenden Ministerpräsidenten das ›Din-Rodef‹-Urteil verhängten und dass dieser Ministerpräsident nach einer großen Kundgebung des Friedenslagers in Tel Aviv erschossen wurde. Sie waren dabei, als unmittelbar nach dem Ende der Friedensgespräche in Camp David, wo Ministerpräsident Barak ›alles‹ tat, um den Konlikt zu lösen und entdecken musste, dass wir ›keinen Partner‹ hatten, die zweite Intifada ausbrach. Sie waren dabei, als menschliche Bomben in israelischen Städten Hunderte von Menschen töteten, als Verhörspezialisten des Schin Bet Verdächtige, die als ›tickende Bomben‹ definiert wurden, folterten. Sie waren dabei, als die Hamas die Herrschaft im Gazastreifen antrat und das Gebiet in ›eine Vertretung des Iran nur zehn Kilometer von Aschkelon entfernt‹ verwandelte. Sie waren dabei, als unsere Armee – zum wievielten Mal? – versuchte‚ ›sich ins palästinensische Bewusstsein einzubrennen‹.

Und sie waren immer dann dabei, wenn Hubschrauber zu einer weiteren ›gezielten Tötung‹ im Gazastreifen abhoben. Sie waren überall dort dabei, und sie sind auch hier und heute dabei, um zu bezeugen, dass es keinerlei Anzeichen gibt für eine Verbesserung der Sicherheitslage, die unser Leben bestimmt hat und die es weiterhin bestimmen wird.

Die Interviews mit den Chefs des Schin Bet habe ich im Verlauf der Jahre 2009 und 2010 geführt. Oft bin ich gefragt worden, warum sie bereit waren zu sprechen und wie es mir gelang, sechs Schin-Bet-Chefs, fünf im Ruhestand und einen amtierenden (Juval Diskin befragte ich im Hauptquartier des Dienstes, als er noch im Amt war), dazu zu bringen, sich dermaßen aufrichtig, offen und direkt zu äußern. Um ehrlich zu sein, ich habe keinen von ihnen jemals gefragt, warum er den Interviews zugestimmt hat. Im Nachhinein glaube ich, dass sie mir Vertrauen entgegenbrachten als jemandem, der an ihrem Fachwissen, an ihrer Expertise interessiert war, der ihre Geschichte und ihre aufrichtige Meinung hören wollte. Aber wichtiger war wohl dieses: Sie müssen weit vor mir gespürt haben, dass das Fenster der Gelegenheit, den Konlikt zu lösen, im Begriff ist, sich zu schließen.

Die Reise begann mit Ami Ajalon. Nach ihm traf ich mit allen von ihnen mehrere Male zusammen und wurde bei diesen Gesprächen auch von ihnen ins Verhör genommen. Die Trefen fanden zumeist bei ihnen zu Hause statt und erfolgten in der Reihenfolge ihrer Amtszeiten. Ich begann mit Avraham Schalom und endete mit Juval Diskin. Obwohl ich Dutzende von Fragen vorbereitet hatte, kam es vor der Kamera meist zu offenen Gesprächen. Ich wollte in erster Linie verstehen. Dass die Chefs dieser wichtigen Organisation mir die Möglichkeit gaben, sie nach ihrer Sicht der dramatischsten Augenblicke in den letzten Jahrzehnten der israelischen Geschichte zu befragen, empfand ich als wahren Glücksfall.

Nach den meisten Interviews fiel mir das Einschlafen schwer. Ich hatte nur zu gut verstanden, eine wie ausgesprochen geschickte Führerschaft wir brauchen, um die komplexen Herausforderungen zu bestehen, mit denen Israel stündlich und täglich konfrontiert ist, und wie groß der Unterschied ist zwischen einer Regierung, wie man sie sich wünschen würde, und den Regierungen, die wir tatsächlich hatten und haben. Im Laufe der Interviews waren die Schin-Bet-Chefs nicht selten mit schmerzhaften Fragen konfrontiert, die sie zwangen, sich mit der Vergangenheit und den schlimmsten Irrtümern in ihrer Laufbahn auseinanderzusetzen. Ein Teil von ihnen hat während des Dienstes schwere Wunden davongetragen und einen hohen Preis bezahlt. Ihre Gesichter sind gezeichnet. Vieles, was ich zu hören bekam, ließ mich verstummen. Oft konnte ich kaum glauben, was mir hier offenbart wurde.

Als zum Beispiel Avraham Schalom sein fast dreißigjähriges Schweigen brach, obwohl er mir im ersten Interview energisch versichert hatte, dass er das nicht tun würde, und seine Version der Affäre um die Entführung des Busses der Linie 300 darlegte, die zu seinem persönlichen Kainsmal geworden ist. Oder als Karmi Gilon mir in seiner entwaffnenden Direktheit gestand, dass seine Frau Cherry nach dem Mord an Rabin, für den Karmi als Schin-Bet-Chef die ganze Schuld des Scheiterns auf sich nahm, in erster Linie damit beschätigt war, ihn am Leben zu erhalten. Mir klappte der Kiefer herunter, als Avi Dichter beschrieb, dass das mit einem Handy ausgeführte berühmte Attentat auf Jahija Ajasch, den ›Ingenieur‹ der Hamas, beim ersten Versuch scheiterte, dann aber beim wiederholten Versuch eine Woche später gelang. Und ich war tief betroffen, als Juval Diskin (noch im Amt) mir verriet, wie er sich nach einer gezielten Tötung, wie genau und sauber sie auch immer ausgeführt wurde, von der seelischen Belastung erholt.

Nachdem der Film herausgekommen war, wurde ich des Öfteren gefragt, was das Schlimmste sei, das ich während der Interviews mit den Chefs des Schin Bet gehört hätte. Die Antwort fiel mir leicht. Das Schlimmste war das Wissen um die vielen Gelegenheiten, die sich geboten hatten, die Wirklichkeit in der Region zu verändern, und die verpasst worden waren – meistens wegen der Kurzsichtigkeit der Politiker, die lieber ihren eigenen flüchtigen kleinen parteipolitischen Vorteil suchen, anstatt eine bessere Strategie für die Zukunft zu schaffen, und die sich daran anknüpfende Einsicht, wie viele Tausend Tote, Verletzte und trauernde Familien diese Torheit beide Seiten gekostet hat.

In ihrem Buch »Die Torheit der Regierenden« (1984) gibt Barbara Tuchman einen Überblick über Entscheidungen der Regierenden, die nicht wiedergutzumachenden Schaden über die von ihnen regierten Gesellschaften gebracht haben. Im Vorwort zu ihrem Buch stellt sie fest: »Die gesamte Geschichte, unabhängig von Ort und Zeit, durchzieht das Phänomen, dass Regierungen und Regierende eine Politik betreiben, die den eigenen Interessen zuwiderläuft. In der Regierungskunst, so scheint es, bleiben die Leistungen der Menschheit weit hinter dem zurück, was sie auf fast allen anderen Gebieten vollbracht hat.

Weisheit, die man definieren könnte als den Gebrauch der Urteilskraft auf der Grundlage von Erfahrung, gesundem Menschenverstand und verfügbarer Information, kommt in dieser Sphäre weniger zur Geltung und ihre Wirkung wird häuiger vereitelt, als es wünschenswert wäre ... Auf anderen Gebieten, jenseits der Regierungssphäre, hat der Mensch wahre Wunder vollbracht: In unserer Zeit hat er die Techniken erfunden, zum Mond zu reisen; in früherer Zeit hat er sich den Wind und die Elektrizität dienstbar gemacht, er hat tonnenschweres Gestein zu hochragenden Kathedralen aufgetürmt ... er hat Krankheiten ausgerottet, er hat die Formen der Natur klassifiziert und ist in die Geheimnisse des Kosmos vorgedrungen.

›Während alle Wissenschaften vorangeschritten sind‹, so bekennt John Adams, der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, ›tritt die Regierungskunst auf der Stelle; sie wird heute kaum besser geübt als vor drei- oder viertausend Jahren.‹« In der Folge zählt Tuchman vier Arten des Scheiterns von Regierungen auf. In ihrem Buch nimmt sie die vierte Art unter die Lupe: »Torheit oder Starrsinn. ... ein politisches Handeln, das dem Eigeninteresse des jeweiligen Staates und seiner Bürger zuwiderläut. Im Eigeninteresse liegt all das, was dem Staatskörper zum Wohlergehen und zum Vorteil gereicht; von Torheit sprechen wir angesichts einer Politik, die hieran gemessen kontraproduktiv ist.«

Wie alle Schin-Bet-Chefs einhellig betonten, trägt die andere, die palästinensische Seite, milde gesagt, nicht weniger Verantwortung für den tragischen Zustand beider Völker als die israelische. Der Film »Die Wächter der Schwelle« ermöglicht es uns, den Israelis, uns von innen und von außen zu sehen und klar zu erkennen, wo wir standen, wo wir zurzeit stehen und wohin wir mit geschlossenen Augen abdriften. Nach der Rede des amerikanischen Präsidenten Obama im ›Bin-janei ha-Uma‹ in Jerusalem im März 2013 rief mich Ami Ajalon an und fragte, ob ich den Teil gehört hätte, in dem Obama die Jugend auforderte, sich zu engagieren und über die Köpfe der führenden Politiker hinweg etwas zu tun.

Ajalon erinnerte mich daran, dass er in seinem Interview für meinen Film zu etwas ganz Ähnlichem aufgerufen hatte. Ich zitiere hier den betrefenden Teil der wunderbaren Rede des amerikanischen Präsidenten, die vielen Menschen hier Hoffnung gemacht hat, aber nur für einen kleinen Moment, denn sie versank schnell im Morast der Wirklichkeit: »Nur Sie können festlegen, welche Art von Demokratie Sie haben werden. Aber wenn Sie diese Entscheidungen trefen, dann sollten Sie daran denken, dass Sie nicht nur die zukünfigen Beziehungen zu den Palästinensern festlegen, Sie legen damit auch Israels Zukunft fest. Wie bereits Ariel Scharon sagte: ›Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, einen jüdischen demokratischen Staat zu haben und gleichzeitig ganz Erez Israel zu kontrollieren. Wenn wir darauf bestehen, diesen Traum voll und ganz zu erfüllen, dann laufen wir Gefahr, alles zu verlieren.‹

Oder nehmen wir eine andere Perspektive ein und denken wir an das, was David Grossman kurz nachdem er seinen Sohn verloren hatte, sagte, als er von der Notwendigkeit des Friedens sprach: ›Einem unvermeidbaren Frieden muss man sich mit der gleichen Entschlossenheit und Kreativität nähern wie einem unvermeidbaren Krieg.‹ Bevor ich hierher kam, habe ich mich mit einer Gruppe von Palästinensern im Alter von 15 bis 22 Jahren getroffen. Beim Gespräch mit ihnen stellte ich fest, dass sie nicht anders sind als meine Töchter oder als Ihre Töchter und Söhne. Ich glaube wirklich, dass israelische Eltern, die mit diesen Jugendlichen zusammengesessen hätten, gesagt hätten, ich möchte, dass diese Kinder es zu etwas bringen, dass sie Erfolg haben werden und die gleichen Chancen wie unsere Kinder. Die Israelis müssen einsehen, dass die Fortsetzung der Siedlungstätigkeit dem Frieden im Wege steht. Ein unabhängiges Palästina muss innerhalb endgültiger Grenzen lebensfähig sein. Ich habe Grundsätze die Gebiete und die Sicherheit betreffend vorgelegt, von denen ich glaube, dass sie das Fundament für die Gespräche bilden können. Doch lassen wir die Pläne und die Verhandlungen beiseite. Ich bitte Sie stattdessen, einmal darüber nachzudenken, wie eine Vertrauensbasis zwischen den beiden Völkern geschaffen werden kann. Vor vier Jahren stand ich in Kairo vor einer Zuhörerschaf von jungen Leuten. Politisch und religiös mögen sie Welten entfernt sein, doch wenn es um die Dinge geht, die sie sich wünschen, dann sind sie nicht viel anders als Sie. Sie wünschen sich die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, Bildung zu erwerben, eine gute Arbeit zu finden, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Das Gleiche gilt für die jungen Palästinenser, die ich heute Morgen in Ramallah getrofen habe, und für die jungen Palästinenser des Gazastreifens, die sich nach einem besseren Leben sehnen. Das ist der Punkt, an dem der Frieden beginnt; nicht nur in den Plänen der Politiker, sondern in den Herzen der Menschen. Nicht in einem sorgfältig orchestrierten Prozess, sondern in den täglichen Kontakten derer, die in diesem Land und in dieser heiligen Stadt Jerusalem zusammenleben. Als Politiker, der ich bin, kann ich Ihnen eins versichern: Politiker gehen keine Risiken ein, wenn das Volk es nicht von ihnen verlangt. Sie selbst müssen die Veränderung herstellen, die Sie sich wünschen. Ich weiß, dass das möglich ist.«

Ami Ajalon hatte mir in jenem Interview gesagt: »Wenn ich mich mit jungen Leuten trefe, und das geschieht häufig, dann erzähle ich ihnen meist das Folgende: Ich wurde im Jordantal geboren, und ich verlebte eine wunderbare Kindheit. Ich wusste stets, dass in Jerusalem ein großes Haus steht und dass sich im zweiten Stock dieses Hauses am Ende eines langen Ganges eine Tür befindet und dass hinter dieser Tür ein weiser alter Mann sitzt, der Entscheidungen trift. Er ist wichtig. Meine Eltern nannten ihn ›den Alten‹. Viele Jahre später, nach dem Jom-Kippur-Krieg, kam ich selbst nach Jerusalem, ging in jenem großen Gebäude in den zweiten Stock hinauf und sah, dass es am Ende des langen Ganges keine Tür gibt, und dass hinter der nicht vorhandenen Tür niemand sitzt und für mich denkt. Die Frage ist nun, was wir damit anfangen. Ich muss gestehen, dass bei mir etwas geschah, das ich im Nachhinein als sehr positiv bewerte. Plötzlich verstand ich, dass, wenn dort niemand sitzt, mir eine doppelte und dreifache Verantwortung auferlegt ist. Ich kenne die Schwächen der Führungskräfte, und ich kenne ebenfalls die Unfähigkeit, Vorgänge anzuschieben, auch wenn man weiß, dass sie notwendig sind. Wir haben eine Aufgabe. Wir müssen jeden Morgen aufstehen in dem Wissen, dass wir fähig sind, etwas zu verändern, dass wir über die Mittel verfügen, etwas zu verändern, und dass wir in Zeiten der Krise sogar die Verpflichtung haben, etwas zu verändern. Diese Einsicht dämmerte mir während des Jom-Kippur-Kriegs. Der Zeitpunkt ist etwas Persönliches. Bei meinen Kindern stellte sie sich ein – was weiß ich –, bei einem vielleicht nach dem Mord an Rabin, bei dem Dritten wahrscheinlich im zweiten Libanonkrieg. Jeder erlebt diesen Augenblick, in dem er versteht, dass er eine weitere Verantwortung trägt.«

Während des Telefonats mit Ami Ajalon kam auch mir eine Erkenntnis. Im Verlauf der langwierigen Arbeit an meinem Film »Die Wächter der Schwelle« hatte sich das Gefühl der Vergeblichkeit verstärkt; es erschien unmöglich, dass wir hier jemals ein normales menschenwürdiges Leben führen können. Ich hatte mehr als tausend Stunden Archivmaterial gesichtet, das den israelisch-palästinensischen Konlikt über die Jahre hinweg dokumentiert. Wieder und wieder zogen an mir die Gesichter junger israelischer Soldaten in Uniformen vorbei, die durch die Kasbas der Ortschaften im Westjordanland und in Gaza patrouillierten. 1967 waren das Schwarz-Weiß-Aufnahmen; heute zeigen farbige Digitalfilme die jungen Männer in den gleichen Uniformen an fast denselben Orten. Es sind die Enkel der Jungen von damals, die die Arbeit der Besatzung fortsetzen.

Wer sich diese Reportagen anschaut, kommt nicht um die Einsicht herum, dass sich seit 1974, seit Beginn der Besiedlung des Westjordanlands und des Gazastreifens, die israelische Bevölkerung in zwei Lager teilt: Das eine kämpft leidenschaftlich für seinen Weg, macht sich zu jedem Zeitpunkt, an dem sein Anliegen gefährdet scheint, lautstark bemerkbar, ist bereit, jederzeit einen hohen Preis zu zahlen und nimmt sogar das Gesetz in die eigene Hand, um auf alle nur erdenkliche Art zu verhindern, was es seiner Ideologie gemäß für einen Fehler halten muss. Dies sind die Siedler und die National-Religiösen. An jedem historischen Scheideweg, an dem sie ihre Siedlungen gefährdet sahen, demonstrierten sie in den Straßen und an den Kreuzungen, engagiert und aufwieglerisch, protestierend, provozierend und Gesetze überschreitend.

Die Bevölkerungsgruppe dagegen, die noch meint, es gäbe einen anderen Weg, die Vision von zwei Staaten für zwei Völker habe noch eine Chance, bekundet dies zumeist im Fernsehsessel und auf dem Sofa im Kreis von Freunden. So haben wir uns verhalten, als Hunderte von Siedlern sich an jedem Freitagabend vor dem Haus von Jitzchak und Lea Rabin versammelten und ihnen zuriefen, man müsse sie als Verräter auf dem Platz erhängen. Und so verhalten wir uns seitdem tagtäglich. Wir richten uns in der Seifenblase ein, in der man noch ignorieren kann, was vor unserer Türschwelle geschieht. Oder wie Avraham Schalom es formulierte: »Mir wird zum ersten Mal bewusst, dass die Existenz Israels ein Diskussionsthema ist. Bisher stand das nie zur Diskussion. Der Bürger merkt das auch, nur ist er nicht bereit, es zuzugeben. Die meisten verschanzen sich hinter dem Joghurt am Morgen und dem Steak am Mittag.«

Der Philosoph Jeschajahu Leibowitz, der sich große Sorgen um die Auswirkung der Besatzung auf die israelische Gesellschaft machte, zitierte den Wiener Schritsteller Franz Grillparzer (1791– 1872), der ›den Weg der neuern Bildung‹ so beschrieb: »Der Weg der neuern Bildung geht von Humanität durch Nationalität zur Bestialität.«

»Das ist der Weg, den das deutsche Volk bis ans Ende ging, und wir haben ihn nach dem Sechstagekrieg ebenfalls betreten«, warnte Leibowitz. »Dann kam der Sechstagekrieg und der Staat Israel verwandelte sich in den Apparat brutaler jüdischer Herrschaf über ein anderes Volk. Seitdem hat unser Staat keinen anderen Zweck mehr als die Aufrechterhaltung dieser Herrschaft. Diesem Zweck werden alle Kräfe gewidmet, die materiellen als auch die geistigen: All die politischen Interessen, all die Probleme, all die Sorgen und Gedanken richten sich auf diesen Zweck. Völlig ignoriert werden dabei die Anliegen des gesamten jüdischen Volkes und der Bewohner des israelischen Staates, Fragen der Erziehung, der interreligiösen Beziehungen, sogar der öffentlichen Gesundheit, weil alle Kräfe, auch die geistigen, sich der Vision eines Großisrael verschrieben haben.«

Dabei scheint ein jeder zu wissen, wie das endgültige Abkommen zwischen den Israelis und den Palästinensern im Einzelnen, mit ein paar Nuancen in diese oder jene Richtung, aussehen wird. Die Frage ist nur, wie viele Jahre noch verstreichen und wie viele Opfer noch gebracht werden müssen, bis wir so weit sind. Die Sätze von Ami Ajalon, die Gespräche mit den Schin-Bet-Chefs und der langwierige Arbeitsprozess für den Film und dieses Buch haben mir wieder einmal vor Augen geführt, dass Resignation und Verzweilung keine Option sind und ganz sicher nicht zu einer Veränderung führen. Wir alle haben die Plicht, etwas zu tun, ein jeder auf seine Art. Ich betrachte das Projekt »Die Wächter der Schwelle«, dessen komplexeste Version das vorliegende Buch sein dürte, als einen Beitrag zur Erfüllung dieser meiner Plicht.

Dror Moreh, September 2013

14:27 05.02.2015

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