Nur ich

Leseprobe "Ich sollte nicht hier sitzen, und ganz bestimmt will ich nicht hier sitzen, aber was soll ich machen? Da bin ich nun mal, nur ich. Der Präsident der Vereinigten Staaten stellt sich den Fragen einer pöbelnden Meute."
Nur ich
Foto: Zach Gibson/Getty Images

Widmung

Besonderer Dank gebührt Robert Barnett, unserem Anwalt und Freund, der uns zu diesem Buchprojekt zusammengebracht, uns mit Rat, mit Zuckerbrot und manchmal Peitsche zur Seite gestanden hat.

Auch David Ellis sei Dank, der uns – mit Geduld und kluger Umsicht – von den Recherchen über die ersten beiden Handlungsskizzen bis zum letzten von zahlreichen Entwürfen die Treue gehalten hat. Ohne Davids Hilfe und Inspiration wäre diese Geschichte so nicht zustande gekommen.

Dank an Hillary Clinton, die mit der Bedrohung und den Konsequenzen nicht beherzigter Warnungen gelebt und gekämpft hat, für ihre fortgesetzte Ermutigung zur Wirklichkeitsnähe.

An Sue Patterson für ihre besondere Fähigkeit, Kritik mit Ermutigung zu verknüpfen, oft in einem Atemzug.

An Mary Jordan, die immer einen kühlen Kopf behält, selbst wenn alle um sie herum die Nerven verlieren.

An Deneen Howell und Michael O’Connor, die dafür sorgten, dass wir uns alle an den Vertrag und pünktlich an den Zeitplan hielten.

An Tina Flournoy und Steve Rinehart dafür, dass sie dabei geholfen haben, dem Neuling der beiden Partner pflichtgetreu seinen Part beizusteuern.

Und an die Männer und Frauen des US Secret Service sowie alle anderen, die im Gesetzesvollzug, beim Militär, in den Geheimdiensten und im diplomatischen Dienst mit großem persönlichem Einsatz für unser aller Sicherheit und Wohlergehen sorgen.

---

Donnerstag, 10. Mai
1

»Der Sonderausschuss des Repräsentantenhauses eröffnet die erste Anhörung …«

Die Haie ziehen ihre Kreise, riechen Blut. Dreizehn an der Zahl, acht von der Oppositionspartei und fünf von meiner, Haie, gegen die ich gemeinsam mit Anwälten und Beratern Verteidigungsstrategien vorbereitet habe, denn wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß, kommt man gegen Raubtiere mit Stillhalten nicht weit. Früher oder später bleibt einem keine andere Wahl, als zum Gegenangriff überzugehen und sich seiner Haut zu wehren.

Tun Sie das nicht, hat mich meine Stabschefin Carolyn Brock gestern Abend angefleht, und das nicht zum ersten Mal. Sie müssen um diese Anhörung einen großen Bogen machen, Sir. Sie können nur verlieren.

Sie dürfen deren Fragen nicht beantworten, Sir.

Das wäre das Ende Ihrer Präsidentschaft.

Ich lasse der Reihe nach den Blick über die dreizehn Gesichter schweifen, die mir wie in einer Neuauflage der spanischen Inquisition entgegenstarren. Der Mann mit dem silbergrauen Haar in der Mitte, hinter dem Namensschild Mr Rhodes, räuspert sich.

Lester Rhodes, der Sprecher des Repräsentantenhauses, nimmt gewöhnlich nicht an Ausschuss-Hearings teil, doch diesen Sonderausschuss, den er mit handverlesenen Abgeordneten seiner Partei besetzt hat, Leuten, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, meine Agenda zu sabotieren und mich politisch wie persönlich zu vernichten, diesen Leckerbissen lässt er sich nicht entgehen. Brutalität im Streben nach Macht ist älter als die Bibel, und ein paar meiner Gegner hegen gegen mich einen abgrundtiefen Hass. Es genügt ihnen nicht, mich einfach nur aus dem Amt zu jagen. Sie werden nicht ruhen und rasten, bis sie mich hinter Gittern, gestreckt und gevierteilt sehen, meinen Namen aus den Geschichtsbüchern getilgt haben. Was sag ich, sie würden auch noch mein Haus in North Carolina abfackeln und auf das Grab meiner Frau spucken, wenn sie könnten.

Ich ziehe das Mikrofon am Flexarm zu voller Länge aus, so nah wie möglich zu mir heran. Ich will mich nicht vorbeugen müssen, wenn ich spreche, während die Ausschussmitglieder auf ihren Lederstühlen kerzengerade wie Königinnen und Könige thronen. Vorgebeugt sähe ich schwach und eingeschüchtert aus – eine unterschwellige Botschaft, dass ich ihnen nicht gewachsen wäre.

Ich sitze ihnen allein gegenüber. Keine Berater, keine Anwälte, keine Notizen. Das amerikanische Volk wird mich nicht zu sehen bekommen, wie ich mich, die Hand über dem Mikrofon, im Flüsterton mit einem Anwalt berate, bevor ich sie wegziehe und meinen Gegnern erkläre: Das ist mir momentan entfallen, Herr Abgeordneter. Ich habe es nicht nötig, mich zu verstecken. Ich sollte nicht hier sitzen, und ganz bestimmt will ich nicht hier sitzen, aber was soll ich machen? Da bin ich nun mal, nur ich. Der Präsident der Vereinigten Staaten stellt sich den Fragen einer pöbelnden Meute.

In einer Ecke des Raums verfolgt das Triumvirat meiner engsten Berater das Geschehen: Stabschefin Carolyn Brock; Danny Akers, mein ältester Freund und Rechtsberater des Weißen Hauses; Jenny Brickman, meine stellvertretende Stabschefin und engste politische Beraterin – alle mit stoischer, undurchdringlicher Miene, besorgt. Jeder von ihnen hat versucht, mir die Sache auszureden. Sie sind der einhelligen Meinung, ich sei dabei, den größten Fehler meiner Präsidentschaft zu begehen.

Aber da bin ich nun mal. Es ist so weit. Wir werden sehen, ob sie richtig liegen.

»Mr President.«

»Mr Speaker.« Streng genommen sollte ich ihn in dieser Konstellation mit Mr Chairman ansprechen, doch mir fallen noch eine Menge andere Bezeichnungen für ihn ein, die ich für mich behalten werde.

Für den Auftakt gibt es eine Reihe von Optionen. Zum Beispiel eine als Frage verschleierte selbstgerechte Ansprache des Sprechers. Doch ich habe genügend Videomaterial von Lester Rhodes gesehen, von Zeugenbefragungen aus der Zeit vor seinem Karrieresprung, als er noch ein mittelmäßiger Abgeordneter im Kontrollgremium war, um zu wissen, dass er am liebsten mit einem Frontalangriff eröffnet und dem Zeugen sofort an die Gurgel springt, um ihn aus dem Konzept zu bringen. Er weiß – wie jeder andere auch, seit Michael Dukakis 1988 in der Debatte um die Todesstrafe die erste Frage vergeigt hat –, wie entscheidend die Eröffnungsfrage ist. Geht sie daneben, kann man den Rest vergessen.

Ob der Sprecher gegen einen amtierenden Präsidenten dieselbe Strategie verfolgt?

Aber ja!

»President Duncan«, fängt er an, »seit wann machen wir es uns zur Aufgabe, Terroristen zu schützen?«

»Tun wir nicht«, kontere ich so prompt, dass ich ihm dazwischenfahre, weil man eine solche Frage nicht eine Sekunde lang im Raum stehen lassen darf. »Werden wir nie. Jedenfalls nicht, solange ich Präsident bin.«

»Sind Sie sich da ganz sicher?«

Hat er das wirklich gerade gesagt? Mir steigt die Hitze ins Gesicht. Es ist noch keine Minute vergangen, und schon hat er bei mir einen Nerv getroffen.

»Mr Speaker«, setze ich nach, »wenn ich es gesagt habe, dann meine ich es auch. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Wir machen es uns nicht zur Aufgabe, Terroristen zu schützen.«

Nach dieser Bekräftigung schweigt er einen Moment. »Nun, Mr President, um uns hier nicht in Wortklaubereien zu verlieren: Sind die Söhne des Dschihad für Sie eine Terrororganisation?«

»Selbstverständlich.« Meine Berater haben mir davon abgeraten, selbstverständlich zu sagen; es kann, wenn man nicht genau den richtigen Ton trifft, herablassend klingen.

»Diese Gruppierung wurde schon von Russland unterstützt, nicht wahr?«

Ich nicke. »Von Zeit zu Zeit hat Russland die SdD unterstützt, das stimmt. Wir haben Russlands Unterstützung der SdD und anderer Terrororganisationen verurteilt.«

»Die Söhne des Dschihad haben auf drei verschiedenen Kontinenten Terrorakte begangen, ist das korrekt?«

»Das ist eine zutreffende Zusammenfassung, ja.«

»Und sie sind für den Tod Tausender Menschen verantwortlich?«

»Ja.«

»Einschließlich Amerikaner?«

»Ja, das ist korrekt.«

»Zum Beispiel für die Explosionen im Hotel Bellwood Arms in Brüssel, bei denen siebenundfünfzig Menschen ums Leben kamen, darunter eine Delegation bundesstaatlicher Abgeordneter aus Kalifornien? Für den Hackerangriff auf das Flugsicherungssystem der Republik Georgien, der drei Flugzeuge zum Absturz brachte, wobei in einem davon der Botschafter der Vereinigten Staaten in Georgien saß?«

»Ja«, antworte ich. »Diese beiden Terrorakte liegen zwar vor meiner Präsidentschaft, aber in der Tat hat sich die Terrormiliz Söhne des Dschihad zu diesen beiden Anschlägen bekannt –«

»Gut, dann reden wir doch mal davon, was passiert ist, seit Sie Präsident sind. Ist es nicht so, dass die Söhne des Dschihad hinter einem Hackerangriff auf militärische Datensysteme Israels stehen und geheime Informationen über verdeckte Einsätze sowie Truppenbewegungen Israels enthüllt haben? Und zwar erst vor wenigen Monaten?«

»Ja«, antworte ich, »das stimmt.«

»Dann der nächste Anschlag, diesmal bei uns vor der Haustür, hier in Nordamerika«, fährt er fort. »Vor gerade mal einer Woche. Freitag, den vierten Mai.

Haben die Söhne des Dschihad da nicht einen weiteren Terroranschlag verübt, indem sie sich in die Rechner des U-Bahn-Systems von Toronto hackten und es zum Erliegen brachten, sodass Züge entgleisten und siebzehn Menschen starben, zig weitere verletzt wurden und Tausende stundenlang im Dunkeln ausharren mussten?«

Auch für diesen Angriff waren die SdD verantwortlich, da hat er recht. Und auch seine Opferzahlen stimmen. Nur dass es die SdD nicht als Terroranschlag verbuchen.

Für sie war es ein Probelauf.

»Vier der Todesopfer in Toronto waren US-Amerikaner, korrekt?«

»Das ist richtig«, bestätige ich. »Zwar haben sich die Söhne des Dschihad zu diesem Anschlag nicht bekannt, doch wir sind davon überzeugt, dass sie dahinterstecken.«

Er nickt, wirft einen Blick auf seine Notizen. »Der Anführer der Söhne des Dschihad, Mr President. Das ist ein Mann namens Suliman Cindoruk, richtig?«

Jetzt geht’s zur Sache.

»Ja, Suliman Cindoruk ist der Anführer der SdD«, bestätige ich.

»Der gefährlichste und umtriebigste Cyberterrorist der Welt, richtig?«

»Da stimme ich zu.«

»Ein türkischstämmiger Muslim, nicht wahr?«

»Er ist türkischstämmig, aber kein Muslim«, erwidere ich. »Er ist ein säkularer rechtsradikaler Nationalist, der gegen den Einfluss des Westens in Süd- und Osteuropa kämpft. Sein ›Dschihad‹ hat nichts mit Religion zu tun.«

»Sagen Sie.«

»In Übereinstimmung mit jeder geheimdienstlichen Einschätzung, die ich gesehen habe, ja«, kontere ich. »Und die auch Sie gelesen haben, Mr Speaker. Wenn Sie unbedingt islamfeindliche Emotionen schüren wollen, nur zu, aber damit tragen Sie ganz bestimmt nicht zur Sicherheit unseres Landes bei.«

Er ringt sich ein säuerliches Lächeln ab. »Fest steht, dass er der meistgesuchte Terrorist der Welt ist, nicht wahr?«

»Den wir fassen wollen«, sage ich. »So wie wir jeden Terroristen fassen wollen, der versucht, unserem Land Schaden zuzufügen.«

Er schweigt für einen Moment. Er kämpft mit sich, ob er mich noch einmal fragen soll: Sind Sie sich da sicher? Wenn er das wagt, werde ich mich mächtig zusammenreißen müssen, um diesen Tisch nicht umzustoßen und ihm an die Gurgel zu springen.

[...]

15:20 07.06.2018

Buch der Woche: Weitere Artikel


Kooperation

Kooperation

Biographien Bill Clinton, geboren 1946, war von 1993 bis 2001 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. James Patterson, geboren 1947, ist einer der erfolgreichsten Autoren im Spannungsgenre überhaupt
Anderes Spielfeld

Anderes Spielfeld

Einblicke Mit seinen Sachbüchern feierte Clinton bereits diverse Erfolge. Mit diesem Buch allerdings betritt er Neuland und hat mit Hilfe von Top-Autor Patterson sein Insider-Wissen in einen Thriller gegossen
Sehr präsidential

Sehr präsidential

Netzschau Rezensionen und Stimmen aus dem Netz: "Bill Clintons Thriller-Debüt 'The President Is Missing' ist eine Mischung aus Fiktion und Fakten, unterhaltsam, spannend und sehr präsidential."