Guter Überblick

Biographie Als Wissenschaftler mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsethik, der unter anderem das Finanzministerium berät, hat Nils Ole Oermann die besten Einblicke in die Mechanismen der Geldwirtschaft
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Nils Ole Oermann (* 1973 in Bielefeld) ist Direktor des Instituts für Ethik und Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung an der Leuphana Universität Lüneburg und seit 2010 Gastprofessor für Ethik mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen. Als akademischer Direktor leitet er gemeinsam mit Prof. Rolf Schieder das "Program on Religion, Politics and Economics" an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Von 1992 bis 1995 studierte Oermann Evangelische Theologie, Rechtswissenschaften, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Leipzig und Universität Münster. 1998 erwarb er den Doctor of Philosophy (D.Phil.) in Modern History an der Universität Oxford. 1999 folgte der Doktor der Theologie (Dr. theol.) in Deutschland.

Von 1999 bis 2001 war Oermann als Unternehmensberater der Boston Consulting Group in Neuseeland und Australien tätig. 2003 folgte der Master in Public Administration (MPA) an der Universität Harvard, mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre, Internationale Beziehungen und Ethik. 2004 legte er das Erste Juristische Staatsexamen vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg ab.

Von 2002 bis 2004 arbeitete Oermann mit und für Wolfgang Schäuble u.a. im Bereich Außen- und Europapolitik. Von 2004 bis 2007 war er der Persönliche Referent des Bundespräsidenten Horst Köhler, dem er bis heute zuarbeitet. Nach seiner Habilitation mit einer wirtschaftsethischen Arbeit ("Anständig Geld verdienen. Protestantische Wirtschaftsethik unter den Bedingungen globaler Märkte", Gütersloh 2007), die von der Hanns Martin Schleyer-Stiftung und mit dem Stiftungspreis der Hanns-Lilje-Stiftung ausgezeichnet wurde, entwickelte er von 2007 bis 2009 im Bundesministerium des Innern als Mitkonzipierender die Deutsche Islamkonferenz und berät seit 2009 das Bundesministerium der Finanzen.

Als Pastor der Berliner Kreuzkirchengemeinde wurde Oermann 2006 ordiniert und übt seit 2012 das Pfarramt ehrenamtlich in seiner Heimatgemeinde Schäplitz/Altmark aus.

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Anlässlich einer Podiumsdiskussion zum Thema "Anders wirtschaften – besser leben" am 27.02.2013 in der Berliner Urania hat sich Verleger Manuel Herder mit Nils Ole Oermann unterhalten. Hier ein Auszug des Gespräches:

Manuel Herder: Was tun Investmentbanker?

Nils Ole Oermann: Edson Mitchell, der Held und Konquistador meines Buchs, drückte gegenüber seinem Schwiegervater in einem Satz aus, womit er ein Vielfaches seines Chefs Josef Ackermann verdiente: „I buy and sell money, other people’s money“. Das Wetten mit dem Geld anderer Leute, darum geht es. Aber machen Sie gerne Bankgeschäfte mit einem Wettbüro?

Im besten Fall organisieren Banker wie Ed Mitchell (oder Anshu Jain) das Kapital von aufstrebenden Unternehmen und für diese, im schlechtesten Fall organisieren sie Wetten zum eigenen Vorteil. Dann arbeiten sie als Konquistadoren letztlich nur für den eigenen Vorteil.

Um Sie zu zitieren: „Damit verliert eine Bank ihre dienende Funktion, da sie nur noch ihrem eigenem Profitmaximierungsinteresse dient.“ Hatten Banken denn jemals eine rein dienende Funktion?

Banken hatten ursprünglich die Funktion, Gläubiger und Schuldner unter angemessenen Kreditbedingungen zusammenzubringen und Bonitäten zu beurteilen. Das war und ist volkswirtschaftlich betrachtet unverzichtbar. Nur hat sich dies besonders seit den 1990er Jahren grundlegend geändert. Global agierende Investmentbanken wurden zunehmend zu Hedgefonds mit Bankenlizenz.

Wie rechtfertigen sich die Gehältern und Boni einzelner Investmentbanker, die weit höher sind, als die der Vorstandsmitglieder?

Wenn man Banken im Kapitalismus eine dienende Funktion zuordnet, ist dies gar nicht zu rechtfertigen. Problematisch ist dabei aber nicht nur abstrakt die Höhe, sondern dass hier einer Geldleistung womöglich eine Leistung im Investmentbanking gegenübersteht, die volkswirtschaftlich für unser Finanzsystem gefährlich sein kann.

Wenn sich Investmentbanker durch Regulierung kaum einfangen lassen, wie kann man dann staatlicherseits überhaupt ihr Verhalten ändern?

Indem man das Wettbüro am Wettrisiko beteiligt. Was spricht gegen ein weit höheres, bilanzielles Eigenkapital bei den Geschäften, die sie für ihre Kunden tätigen?

Wie glaubwürdig ist es, wenn führende Banker einen „Kulturwandel“ in Aussicht stellen?

Natürlich ist ein gesundes Misstrauen nach allen Enttäuschungen nicht nur verständlich, sondern auch angebracht, aber: Wer hätte einem sozialdemokratischen Kanzler Gerhard Schröder eine den Arbeitsmarkt liberalisierende „Agenda 2010“ zugetraut und wer dem bekennenden Konservativen Wolfgang Schäuble als Bundesminister des Innern eine „Deutsche Islamkonferenz“? Vielleicht schafft ausgerechnet der Investmentbanker Anshu Jain eine Wende beim Investmentbanking. Nur sollte man ihn dabei aufs Engste begleiten.

Investmentbanker sind offensichtlich Menschen, die von Natur aus wettbewerbsorientiert arbeiten, und entsprechend verdienen. Was spricht aus Kundensicht dagegen, sie mit der Verwaltung von Geld und Vermögen zu betrauen?

Anders herum: Würden Sie einem Menschen Ihr Geld anvertrauen, der mit einem Hebel von 1:60 (der Roulettetisch bietet 1:36 bei der einfachen Zahlenwette) noch nicht einmal sein eigenes Geld verwettet, sondern das seines Nachbarn auf dessen Risiko? In einer so gewinnorientierten Kultur, die von der Entwicklung von „Produkten“ lebt, die geradezu auf die Ausnutzung von Regulierungslücken zugeschnitten sind, verschwimmen die Grenzen zwischen legaler und illegaler – geschweige denn moralischer und unmoralischer – Gewinnmaximierung systematisch und für den Kunden kaum erkennbar. „Angemessen“ ist aus volkswirtschaftlicher Sicht etwas anderes.

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Teile dieses Textes basieren auf dem Artikel Nils Ole Oermann aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und stehen unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung).  

00:06 11.04.2013

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